<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0" xmlns:itunes="http://www.itunes.com/dtds/podcast-1.0.dtd"><channel><title><![CDATA[Lob und Verriss - Der Podcast]]></title><description><![CDATA[Literaturkritik und Themen, die uns bewegen <br/><br/><a href="https://lobundverriss.substack.com/s/studio-b?utm_medium=podcast">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/s/studio-b</link><generator>Substack</generator><lastBuildDate>Mon, 11 May 2026 12:42:33 GMT</lastBuildDate><atom:link href="https://api.substack.com/feed/podcast/300673/s/666.rss" rel="self" type="application/rss+xml"/><author><![CDATA[Studio B und mehr]]></author><copyright><![CDATA[Lob und Verriss]]></copyright><language><![CDATA[de]]></language><webMaster><![CDATA[info@lobundverriss.de]]></webMaster><itunes:new-feed-url>https://api.substack.com/feed/podcast/300673/s/666.rss</itunes:new-feed-url><itunes:author>Studio B und mehr</itunes:author><itunes:subtitle>Literaturkritik und Themen, die uns bewegen</itunes:subtitle><itunes:type>episodic</itunes:type><itunes:owner><itunes:name>Studio B und mehr</itunes:name><itunes:email>info@lobundverriss.de</itunes:email></itunes:owner><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:category text="Arts"><itunes:category text="Books"/></itunes:category><itunes:category text="Society &amp; Culture"/><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/s/666/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Kang, Strout, Twardoch]]></title><description><![CDATA[<p>Die in dieser Episode diskutierten Bücher sind nichts für empfindliche Seelen, aber deshalb am Ende vielleicht doch. Szczepan Twardochs “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/szczepan-twardoch-der-boxer">Der Boxer</a>” lässt uns über Moral und aktuelle Zeitgeschichte streiten, Elizabeth Strouts “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/elizabeth-strout-erzahl-mir-alles">Erzähl mir alles</a>” über die Weichheit und Härten der Liebe und Han Kangs “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/han-kang-die-vegetarierin">Die Vegetarierin</a>” über das Leben und Sterben. </p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-kang-strout-twardoch</link><guid isPermaLink="false">substack:post:196084453</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 May 2026 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/196084453/cec3452b16417e9f4a0783a35bab02b5.mp3" length="39424744" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2464</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/196084453/6a95e7fcafe8b806fad877fc215ebab3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Han Kang: Die Vegetarierin]]></title><description><![CDATA[<p><strong>Han Kang: Die Vegetarierin</strong></p><p></p><p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>in meiner letzten Rezension “Heaven” von Mieko Kawakami hatte ich formuliert: Das heute hier vorgestellte Werk ist zwar zunächst leicht und ruhig, dann aber grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.</p><p>Anstatt das in zunehmendem Alter die Ausschläge immer weiter abnehmen, die Highs nicht mehr so hoch sind, die Tiefen nicht mehr so verschlingend - wenn man sich ab und zu die Zeit zum Innehalten und Nachdenken nähme, würde man doch drauf kommen, dass die generellen Erzählungen, die uns Richtlinie, Beispiel und Vorbild sein sollen einfach nicht stimmen: Ideologien der Kindheit, Anforderungen der Gesellschaft, die zurichtet bis alles passt, der verächtliche Blick aufs Alter, in dem außer Krankheiten nichts mehr passiert: geschenkt.</p><p>Und so ist die Einführung der letzten Rezension schon wieder angesagt, denn die heute vorgestellte Novelle ist - surprise - grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Das ist eigentlich schon mehr Spoiler, als dieses Werk verdient: Lest es, seid überrascht, und lest dann gerne hier weiter.</p><p>Na gut, das haben vermutlich nicht alle Leser*innen geschafft. Es ist aber wirklich anempfohlen, den schmalen Band, eher eine Novelle denn ein Roman zu lesen, ohne vorher etwas darüber zu wissen. Auch wenn dann wieder jemand sagt, ich würde mir einen schmalen Fuß machen.  </p><p>Also, wir sind hier bei Lob und Verriss, “Die Vegetarierin” von Han Kang fällt eindeutig in die 1. Kategorie, auch wenn die ausgelösten Gefühle, die Wucht der Beschreibungen, die beschriebene psychische und physische Gewalt nicht so positiv sind, starke negativ konnotierte Gefühle hervorrufen.</p><p>Wir gehen rein: eine Frau, Yeong-hye, entschließt sich eines Tages, kein Fleisch mehr zu essen. Auslöser dafür sind grausame Albträume voller Gewalt, Kadaver und Blut.</p><p>Nun hat man vielleicht vergessen, dass es vor 20 Jahren hierzulande das Nicht-Fleisch-Essen in gewissen Landstrichen und einigen heute noch ein gesellschaftlicher Affront war und ist. Die Gründe sind vielfältig, aber eigentlich wissen auch alle, unter welch grausamen Bedingungen Fleisch hergestellt wird und lassen einen Fleischkonsum guten Gewissens eigentlich schlicht nicht zu. Eine doch hohe Ignoranz ist dafür also unabdingbar. Inwieweit die Novelle durch die Gesellschaft ihres Herkunftslandes Südkorea geprägt ist, wird in der Studio B-Diskussion besprochen werden.</p><p>“Die Vegetarierin” ist in einer Sprache erzählt, die knapp, kühl und präzise beschreibt, welche Grausamkeiten Patriarchat, eine rigide Gesellschaft anrichten.Im Verlauf lesen wir über verschiedene Sichtweisen auf die Ausgangslage: Eine Frau hört auf, Fleisch zu essen und alle drehen durch. Ihre Entscheidung stürzt ihr konkretes Umfeld, also ihren Ehemann und ihre Ursprungsfamilie, hier: die Eltern, Bruder und Schwester in große Konflikte und hat so weitreichende Konsequenzen, dass man sich den Kopf (und später das Herz) halten muss. Dabei führt die erste Entscheidung (kein Fleisch mehr zu essen) zu weiteren - sie entledigt sich zunächst ihres BHs, später auch ihrer anderen Kleidungsstücke und stellt radikal das Mensch-Sein in Frage.</p><p>Empathie, Zugewandtheit, Akzeptanz, Respekt gar: im Roman eine große Leerstelle. Die ersten Beschreibungen der neuen Situation liefert der Ehemann von Yeong-hye, der ihre Durchschnittlichkeit preist, ihren Mangel an hervorstechenden Eigenschaften. Er betrachtet sie als verfügbar und seinen Besitz. Ihre Familie empfindet den unbedingten Fleischverzicht ebenfalls als Kontrollverlust und versucht mit allen Mitteln (ja wirklich), sie zum Fleischessen zu zwingen. “Die Vegetarierin” beschreibt den weitreichenden Verfall dieser Familie als geradezu zwangsläufig, der immer höhere Wellen schlägt und den Einflusskreis nach außen vergrößert. Dabei scheint der größte Konflikt die riesige Diskrepanz zwischen inneren Verwerfungen, Begierden, Sehnsucht und der äußeren Gleichgültigkeit, Stille, Abstand, der geradezu eskalieren muss. Der Abstand zwischen den eigenen Wünschen und den Konventionen belastet Yeong-hye zwar mit den weitreichendsten Folgen, zeigt sich aber auch in anderen Figuren, wie dem Schwager. Für den sind die handelnden Frauen aber auch nur Objekte, Verständnis hat er nur für seine eigene - zunehmend prekäre - Situation.</p><p>Die Abwesenheit von Empathie ist eines der vorherrschenden Motive und nur ihre Schwester zeigt sie, hier sind aber auch Schuldgefühle stark, denn sie ist diejenige, die Yeong-hye in eine Klinik einweisen lässt. Größerer Zwang durch Familie, Gesellschaft und Institutionen führt aber - so das Kalkül und in der Vergangenheit wohl auch öfter zumindest dem äußeren Schein nach erfolgreich - nicht zur Wiedereingliederung der Protagonistin, sondern zu einer immer größer werdenden Entfernung von gesellschaftlichen Konventionen. Der Tod als ultimativer Bruch mit der Gesellschaft - von Yeong-hye als Umwandlung in einen Baum (und damit des Sterbens als Mensch) angestrebt: Ist er erstrebenswert? Nachvollziehbar? Die Leser*in wird mit vielen Fragen und viel Gewalt konfrontiert.</p><p>Die Protagonist*innen in “Die Vegetarierin” verweigern dabei jede Identifikation des Lesenden mit einer der Personen.Der Abstand ist so groß, dass immer wieder die Frage neu gestellt wird: ist es besser zu sterben als so zu leben? Muss man Menschen zwingen zu leben? Ist dies eine nachvollziehbare Reaktion auf die Gewalt und Zwänge? Vieles ist schockierend, dann aber auch eigentlich gar nicht, ein Blick in die Welt und die aktuellen Debatten reicht.</p><p>“Die Vegetarierin” von Han Kang erschien 2007 - also vor knapp 20 Jahren - in Südkorea. 2016 gewann sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Deborah Smith den renommierten Man Booker International Prize. Dies half natürlich mit der Verbreitung des Werks, entfachte aber auch eine Debatte, inwieweit die englische Übersetzung korrekt oder treffend sei, war es doch eine der ersten Übersetzungen von Deborah Smith, die erst wenige Jahre zuvor mit dem Studium der koreanischen Sprache begonnen hatte. Dass ihr Han Kang beim gesamten Übersetzungsprozess zur Seite gestanden hatte, geriet während dieser Aufregung schnell in den Hintergrund.</p><p>Die deutsche Fassung “Die Vegetarierin” wurde aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee geschaffen, also nicht über den Umweg des Englischen, wie öfter bei asiatischen Werken und stammt aus dem Jahre 2016. Vor 2 Jahren wurde Han Kang dann als erster koreanischer Schriftstellerin der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.</p><p>Ein hartes Werk, trotzdem eine Empfehlung, vielleicht ist jetzt der Frühling mit seinem hellen Licht eine gute Zeit für diese Lektüre.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/han-kang-die-vegetarierin</link><guid isPermaLink="false">substack:post:195622491</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Mon, 27 Apr 2026 14:36:02 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/195622491/910e7e9ae2864fa71b0ba740bdbad03c.mp3" length="9516975" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>476</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/195622491/b300b22a66adbec57bf924270100ae9d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Elizabeth Strout - Erzähl mir alles]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Treue Elizabeth Strout Fans sowie Kenner und Liebhaberinnen ihrer Figuren dürften sich gefreut haben, als kürzlich, nämlich im März, endlich ein neuer Roman der amerikanischen Autorin veröffentlicht wurde. Dabei erschien <em>Tell me everything,</em> wie er im englischen Original heißt, bereits im vorangegangenen Jahr in Deutschland im Original, und noch ein Jahr davor bereits auf dem amerikanischen Markt. Somit ist <em>Erzähl mir alles</em>, wie Elizabeth Strouts Roman im Deutschen heißt, also längst nicht mehr ganz neu, aber für die in ihrer Muttersprache lesende Rezensentin eben schon. Nicht neu hingegen sind die der Leserin lieb gewonnenen Figuren, die schon aus diversen vorangegangenen Romanen Strouts geläufig sind und deren Leben wir bereits recht gut kennen. Dabei stechen vor allem Lucy Barton hervor, deren Entwicklung und Lebensweg bereits in vier Romanen beleuchtet wurde, sowie Olive Kitteridge, deren Leben die Autorin zwei Romane gewidmet hat und die ebenfalls als Miniserie verfilmt und bereits in diesem Format von mir besprochen wurden. Nun ist es aber so, dass alle Figuren, die Strout ihrem literarischen Universum zufügt, immer wieder auftauchen, sei es als Randfigur oder Hauptakteur.</p><p>Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass uns das Personal in <em>Erzähl mir alles </em>reichlich vertraut ist. Die Hauptfiguren sind Lucy Barton, ihres Zeichen erfolgreiche Schriftstellerin aus New York, die seit Corona in Crosby, Maine mit ihrem Exmann William lebt, was von der einheimischen Bevölkerung eher skeptisch betrachtet wird. Außerdem Olive Kitteridge, die ihre ganz eigene und spezielle Art im Umgang mit Menschen pflegt, vor langer Zeit Lehrerin in Crosby war, die aber zum Zeitpunkt der Handlung bereits 90 Jahre alt ist und in einem Altersheim lebt, jedoch nichts von ihrem unvergleichlichen Wesen eingebüßt hat. Als Dritten im Bunde und auch bereits wegen seiner tragischen Familiengeschichte bekannt, ist Bob Burgess. Er ist Anwalt, mit Lucy befreundet und, wie uns die Autorin direkt zu Beginn der Geschichte wissen lässt, der eigentlich Protagonist.</p><p>Zu Beginn des Romans werden Olive und Lucy durch Bob einander vorgestellt, da sie sich bisher nicht persönlich kannten, Olive Lucy aber aufgrund ihres Berufs als Schriftstellerin ausgewählt hat, um ihr eine Geschichte zu erzählen, von der sie glaubt, dass diese damit vielleicht etwas anfangen kann. Die Erzählung, die anschließend folgt, dreht sich um ihre Eltern, vor allem aber ist es eine tragische Liebesgeschichte. Sie markiert den Ausgangspunkt für die nun regelmäßig stattfindenden Treffen zwischen Olive und Lucy, in denen sie sich gegenseitig Geschichten über Menschen erzählen, Menschen, die Lucy im Verlauf des Romans als „unbeachtete Leben“ bezeichnet und nach deren Lebenssinn sie fragt. Im Fokus stehen aber auch die Gespräche zwischen Bob und Lucy, die eine späte, enge Freundschaft verbindet, die auch deren jeweiligen Partnern insofern recht zu sein scheint, da diese viel mit sich selbst beschäftigt sind. Dass Lucy und Bob im Laufe der Zeit mehr als nur freundschaftliche Gefühle füreinander hegen, offenbaren sie sich gegenseitig nicht, so dass auch ihre Geschichte ein weiteres Zeugnis unerfüllter Liebe im Roman darstellt und die sich – entgegen des Buchtitels – eben nicht alles erzählen und dafür ihre Gründe haben.</p><p>Letztlich würde es zu weit führen, auf all die Biografien und Lebensläufe einzugehen, von denen uns Elizabeth Strout berichtet und dafür sollte man schließlich den Roman lesen, aber eine thematische Einordnung ist dennoch möglich. Neben bereits erwähnten Liebesgeschichten geht es auch um zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen, um Schuldgefühle und Traumata, die unser ganzes Leben beeinflussen und die vielleicht sogar auf Missverständnissen beruhen. Aber auch die Themen Älterwerden und Einsamkeit ziehen sich durch den Roman und führen schließlich zu der Frage, wie wir leben wollen und mit Erlebtem umgehen.</p><p><p>„Wir glauben gern, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen, haben die Weichen für uns gestellt.“ (S.35)</p></p><p>Eine zusätzliche Wendung in der Handlung ist eine Kriminalgeschichte, in der Bob in seiner Rolle als Anwalt tätig wird, in der es aber nicht weniger um Familie, Lebensläufe und Verbundenheit geht. Alles hängt zusammen und wird von Strout fein miteinander verwoben, so dass sie einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf die Leben wirft, die unbeachtet zu sein scheinen und nach deren Sinn sie ihre Protagonistinnen immer wieder fragen lässt. Das Tiefgreifende wird bei Strout in das Alltägliche eingebettet, ohne dabei kitschig zu sein. Aktuelle politische Verweise werden dabei fein säuberlich immer wieder eingestreut.</p><p>Worin sich Elizabeth Strout treu bleibt, ist die Tatsache, dass der Roman für sich steht und auch ohne Kenntnis ihrer vorangegangenen Werke gelesen werden kann. Für diejenigen, die ihr Oeuvre bereits kennen, ist es ein weiterer Ausflug in die komplexe Figurenwelt, die die Autorin über Jahre hinweg geschaffen hat und über die es immer noch etwas zu erfahren gibt. Wie ich bei meiner Recherche außerdem feststellen durfte, erscheint bereits am 05. Mai ihr neuer Roman <em>The things we never say </em>in englischer Sprache in Deutschland und der Titel verweist doch auf einen engen, wenn auch konträren Bezug zu <em>Tell me everything. </em>Je nachdem wie lange wir auf die Übersetzung warten müssen, wird es wohl früher oder später wieder eine Rezension eines Elizabeth Strout Romans geben und bis dahin verbleibe ich mit einer Empfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/elizabeth-strout-erzahl-mir-alles</link><guid isPermaLink="false">substack:post:194906459</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Tue, 21 Apr 2026 13:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/194906459/03b0888ad819e00e9f58bbbe4dbbd274.mp3" length="7339943" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>367</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/194906459/15bbdc8485c396c389f3b07e125784a1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Szczepan Twardoch: Der Boxer]]></title><description><![CDATA[<p>„Das Sein bestimmt das Bewusstsein!” Wer hat’s gesagt? Na? Wieder keiner? Der olle Marx war’s!</p><p>Das wussten natürlich alle Lob und Verriss-Leserinnen aber vor hundert Jahren wusste das so ziemlich jeder, denn Karl Marx war noch ein bestimmender Philosoph und keine versubstantivierte Ideologie. Man baute seine politischen Bewegungen um, gegen oder für seine Schriften. Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten gegen Nationalisten, Zentrums- und Volksparteien – das waren nur ein Bruchteil der neuen politischen Bewegungen. Das endete in den Auswüchsen der Weimarer Republik mit ihren siebzehn Parteien im Reichstag und der daraus folgenden Lähmung des Parlamentarismus, aber auch die Nachbarländer kamen in den Strudel dieses Chaos, es war die Zeit. Ins polnische Parlament, den Sejm, kamen und gingen über die jahre gar zweiunddreißig Parteien. Politik, so kommt es einem mit dem Blick von heute vor, war Lebenszweck, war Sport, war Theater. Nach der Erstarrung des Lebens in den immergleichen Kreisläufen des Mittelalters, aufgebrochen durch die industrielle Revolution, die den Reichtum nur vom Adel zum Bürgertum verteilte, gab Marx den Habenichtsen Ideen (und Wege, diese zu verwirklichen!) an die Hand, um die Gesellschaft zu ihren Gunsten zu verändern. Der Erste Weltkrieg hatte zudem die Verkrustungen auf nationaler Ebene brutal aufgebrochen, mit dem Nebeneffekt zwei Dutzend Monarchien zu beenden. Neue Länder entstanden, alte vereinigten sich wieder und all diese Staaten brauchten neue Gesellschaftsmodelle.</p><p>Die Unordnung war aufregend für alle, die nach vorn wollten, (ver-)störend für alle, die wollten, dass sich nichts verändere oder die einfach keine Chance sahen, am großen Rennen in die Zukunft teilzunehmen. Für alle, die gar nicht durchsahen oder durchsehen wollten, gab es natürlich immer die Alternative, auf die Basics zurückzufallen - der gute alte Rassismus: die dort zu braun, der zu blond, dem seine Nase zu platt und die andere zu hakelig. Das erdet und reduziert die Komplexität und die Juden haben eh schon immer gestört. Da können wir Deutsche mitreden, da sind wir Experten. Weshalb wir da eben eher nicht mitreden sollten und im Gegenteil recht dankbar sind, wenn andere die Stories erzählen vom Leben vor der Shoah: vom Überleben, vom Sterben und vom Töten. Über all das ist intensiv, gewalttätig und unendlich faszinierend zu lesen in “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4snN9rG">Der Boxer</a>”, einem Roman, im Warschau der dreißiger Jahre spielend, in dem der polnische Autor Szczepan Twardoch uns die schwere Arbeit abnimmt, ein Bild von jüdischem Leben zu zeichnen in und außerhalb dessen, was von den Deutschen nur wenige Jahre später zum “Warschauer Ghetto” gemacht wurde – nicht, dass die polnische Mehrheit in der Stadt viel dagegen gehabt hätte. Aber das Buch hat eben nichts mit solchem Schwarz-Weiß-Holzschnitt zu tun, der herauskommen muss, wenn das Tätervolk vom Opfervolk berichtet.</p><p>Die Erzählerstimme im Buch ist Mojżesz, ein zur Handlung 1937 siebzehnjähriger Junge, streng jüdisch erzogen, lebend in Warschau, und da es damals nicht “ein” Warschau gab, braucht es die Qualifizierung: “links der Weichsel”, zwischen Nalewki und Zamenhofstraße, in Mirów und Muranów, dort, wo Warschau nicht wie Paris roch, sondern wie der Orient, wie uns Twardoch erzählt. Wir sind nicht wirklich lange im Buch, als wir erfahren, das Mojżesz Halbwaise ist. Sein Vater Naum Bernstein wurde umgebracht, gerade eben erst, zwei Tage vorm Pessachfest, und eigentlich müsste er in den Tempel, und wer bestellt eigentlich das Kaddisch, seine Mutter weint den ganzen Tag, sein Bruder ist zu klein dafür, also eigentlich sein Job, aber er hat Karten bekommen für <em>den</em> Boxkampf in der Stadt, das Team von Legia vs. dem von Makkabi, und wir lernen bald, wenn wir nicht ganz so firm sind in den ethnischen Hintergründen beider Teamnamen, hier kämpfen Polen gegen Juden, hier ist Prestige im Spiel oder sagen wir einfach: Rassismus. Die Eintrittskarte hat er von seinem Helden bekommen, Jakub Shapiro, <em>dem</em> Boxmeister des Viertels, ein schöner Mann, ein starker, ein reicher zudem, Frauen lieben ihn, Männer beneiden ihn und ausgerechnet der hat dem kleinen Mojżesz ein Ticket geschenkt und er darf mit ihm hinterher im Auto fahren, einem roten Chrysler, der aber nicht dem Boxer selbst gehört (der hat “nur” einen Buick), sondern seinem Chef, der unverholen “Der Pate” genannt wird und genau das ist, ein Pate, Chef der jüdischen Unterwelt: Schutzgeld, Prostitution, Drogen, das ganze Programm, der Boss im Viertel, der vor genau zwei Tagen Jakub, dem Boxer, den Auftrag gab, Mojżesz’ Vater umzubringen. Und mit den beiden sitzt Mojżesz jetzt im Auto. Oha. Ok. Jesus… Sorry. Falscher Zungenschlag.</p><p>Das alles weiß in dem Augenblick nur der <em>erzählende</em> Mojżesz, der das als fast Siebzigjähriger aufschreibt. Wir erfahrne das immer wieder in Zwischensätzen, kurz herausgerissen aus der Geschichte vom jungen Mojżesz, wie der alte kurz von der Schreibmaschine aufsteht und auf die Dizengoff Street in Tel Aviv runterschaut, aus seinem Apartment, das er viel zu selten verlässt.</p><p>Warum schenkt der Mörder dem Sohn des Opfers Tickets zum Boxkampf? Warum, wie es sich entwickelt, nimmt er ihn in seine Obhut, lässt ihn bei sich leben, trainiert mit ihm, macht ihn zu seiner rechten Hand? Schuldgefühle? Scham? Nach einem Jahrzehnt im Dienst des “Paten” eigentlich unwahrscheinlich, wird uns dieses Rätsel bis zum Ende des Romans begleiten, ja, es ist das zentrale Thema des Buches und am Ende ein Baustein für so manche Wendung.</p><p>Nicht nur mit dem Mord, sondern mit der Art und Weise desselben setzt das Buch den Ton für eine Gangsterstory, einen politischen Thriller, ein Moralitätenstück angesiedelt im Polen zwischen 1918 und 1939. Denn der Mord war brutal, Naum Bernstein wurde nicht einfach umgebracht, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, er wurde gevierteilt und in die verschiedenen Seen in und um Warschau verteilt, in Teile zerhackt wie der weiße Hahn, den man zu Pessach über dem Kopf schwenkt und dem man hinterher den Kopf abschlägt auf dass man von allen Sünden erlöst sei. Religion, you know.</p><p>So brutal ging es in der gesamten zweiten polnischen Republik zu, wie sie genannt wurde. Entstanden war sie aus den Wirren des ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution, nach denen Polen die Chance zur Wiedervereinigung ergriff und verspielte. Wie sich Polen mit wem wiedervereinigte? Frag Chat. Wer sich in Polen politisch mit wem stritt, zoffte, intrigierte, putschte: versuch es zu verstehen, überlies es, lies den hervorragenden Anhang des hervorragenden Übersetzers Olaf Kühl zuerst oder: Frag Chat. Es ist endlos kompoliziert.</p><p>Derart verworrene politische Chaosjahre künstlerisch zu verarbeiten kann enorm abturnend sein, wie ich kürzlich lernen musste, in einem dreistündigen Theaterstück, geschrieben nur ein paar Jahre vorm Handlungszeitraum des “Boxer” vom doch großen Hans Fallada. Das Stück “Bauern, Bonzen und Bomben” wurde gegeben am Dresdner Staatsschauspiel und es wurde einzig durch die Schauspieler und vor allem das Bühnenbild herausgerissen. Denn ob die Sozis, der Bauernpartei oder den Nationalen gerade im Bürgermeisteramt einer holsteinischen Kleinstadt Demonstrationen erlauben oder verbieten, interessierte die Theatergängerin 1931 sicherlich, eventuell, hundert Jahre später aber eher nicht. Denn so etwas spannend zu erzählen braucht es keinen begnadeten und innovativen Autoren der “Neuen Sachlichkeit” wie Hans Fallada, da braucht es einen Punk, einen atemlosen, rücksichtslosen Schreiber wie Szczepan Twardoch der uns die politischen Wirren des Warschau zwischen den Weltkriegen in einer Brutalität, Schmutzigkeit und oft kaum auszuhalten schmerzevoll in einem Stakkato von Szene zu Szene zu Szene um die Ohren haut - wir kommen oft genug nicht hinterher. Nicht nur wegen der real existierenden polnischen Politikernamen, die wir nur anhand der Diakritika an den Buchstaben ausseinanderhalten können, jeder Ausspracheversuch muss scheitern. Der mit P und durchgestrichen I ist Präsident (Ja, war Józef Piłsudski nicht wirklich, it’s complicated), der mit L und durchgestrichenem T der Staatsanwalt, wer war nochmal der mit D und dem Schwänzchen unter dem E?</p><p>Geschrieben ist das Ganze in einem mir sonst eher unangenehmen wilden Herumgespringe in der Zeit, von 1929 nach 1918 nach 1926 nach 1988 und wieder zurück, dazu die vielen Namen, die nur mit hartem Training bei Ellroy oder Pynchon zu durchsteigen (oder zu ignorieren) sind – es ergibt sich ein Vertigo, wie es die Zeitzeugen der Epoche selbst erlebt haben müssen und welches wir Szczepan Twardoch mal als gewolltes Stilmittel unterstellen. Nach ein paar Seiten Eingewöhnung wandelt sich das leicht verwirrte Lesen in manisches Pageturnen – man legt das Buch nicht mehr weg, man will die nächste Episode, die nächste kleine Backstory eines Charakters (oft im Sinne von “was ein Charakter!”) lesen. Ja, das Buch ist lang, aber es ist brillant und unglaublich gut übersetzt.</p><p>Und so hangelt man sich also durch den politischen Urwald der 2. polnischen Republik und lernt doch viel, wenn man sich drauf einlässt, und es wird nicht einfacher dadurch, dass praktisch alle handelnden Personen permanent Wodka trinken, koksen, Frauen vergewaltigen, politische Gegner misshandeln, einsperren, umbringen – oder sich im allerbesten Fall nur mit ihnen prügeln. Wir sind nach spätestens hundert Seiten so abgestumpft, dass wir erschrocken Mitleid mit Mördern haben, Sympathie für Rechtsradikale entwickeln, Geldeintreiber als wertvolle Ordnungsmacht der Gesellschaft akzeptieren. Nur Vergewaltiger bleiben geradeso außerhalb unseres Verständnishorizontes, aber auch nur, weil Twardoch sich entscheidet, diese am Ende doch eindeutig als Bösewichte zu belassen. Alle anderen bekommen eine schwere Kindheit, ein Kriegstrauma, eine körperliche Missbildung (und was für eine, Herrgott, wurde mir schlecht!) als mildernde Umstände in die Story geschrieben, damit wir uns ja nicht zu sicher sind in unseren Urteilen.</p><p>Über allem hängt die Fata Morgana eines jüdischen Staates in Palästina. Manche träumen von einem Neuanfang in Eretz Jisra’el andere warnen davor, denn ist das nicht die endgültige Niederlage, die Viertel in die man verbannt wurde freiwillig zu verlassen? Und was ist, wenn das wieder nur ein Ghetto, diesmal von Brittanias Gnaden ist? "Und was ist eigentlich mit den Palästinensern die dort leben?”, fragen besonders Weitsichtige.</p><p>Das sind sie also, die berühmten Umstände, dieses “Sein”, das das Bewusstsein prägt, welches Menschen in harten Situationen hart werden lässt und in brutalen brutal. In ihren Vierteln lebend seit Jahrhunderten, chancenlos auszubrechen, entwickeln die Warschauer Juden Codes, Verhaltensmuster, “Coping Mechanisms” würde man heute sagen; es bilden sich brutale Machtstrukturen heraus wie in allen zu engen Gesellschaften, Schutz wird geboten und bezahlt und, wenn nicht, entzogen, es entstehen innerhalb der Unterdrückten Unterdrücker und Unterdrückte, innerhalb der Verlierer Verlierer und Gewinner. Druck von außen, in Warschau der fast prähistorische Antisemitismus, erzeugt kaum Gegendruck <em>nach</em> außen, sondern einen inhumanen solchen nach innen.</p><p>“Der Boxer” ist eine Betrachtung dieser Mechanismen aus mindestens drei Perspektiven: Da ist die Erfolgsgeschichte des Gangsters Jakub Shapiro, dem Boxer, wie er zurückgekehrt aus dem Krieg der Polen gegen die Sowjetunion, bei dem er als Soldat auf der Siegerseite stand (was eher Zufall war), zu etwas bringt: im Sport, im Leben, in der Unterwelt. Bei all seiner Brutalität fiebern wir mit ihm mit und halten zum Schläger, zum Mörder.</p><p>Da ist die traurige Geschichte von Mojżesz Bernstein, der seinen Vater verliert und <em>einen</em> Vater gewinnt, in Jakub, der Junge, der, hätte man nicht seinen Vater ermordet, wohl nicht das geworden wäre, was er heute ist.</p><p>Und da ist die Perspektive des alten Mojżesz, unseres Erzählers mit erfüllter Vergangenheit, Brigadegeneral a.D. in Tel Aviv, Ende der 80er.</p><p>Alle drei haben ein Leben gelebt, das nicht einfach war und Kompromisse erforderte. Jeder der drei stellt sich moralisch nicht frei. Jakub, der Boxer, der Mörder, leistet Buße, indem er Mojżesz annimmt. Dieser, der Junggangster, hat am Ende keine Wahl. Was soll er machen, fragt er sich? Nicht mit seinem Helden mitrennen, zurück in das ärmliche vaterlose Haus? Er lässt seine Mutter und seinen Bruder im Stich, bewusst. Und derselbe Mojżesz, am Ende seines Lebens, der Brigadegeneral in der israelischen Armee war, hatte doch auch keine Wahl, so sagt er sich immer wieder, was soll man machen als Israeli mit Arabern um einen herum? Die Araber nicht erschießen?</p><p>Wir entwickeln Verständnis und merken genauso zu spät wie unsere Protagonisten, dass man irgendwann auf dem Weg zum Monsterwerden nicht stehen geblieben ist. Nicht “Neyn! Nie! Lo!” gesagt hat und dass man all seine moralistischen Begründungen in die Tonne treten kann, wenn man sich nicht zeitig genug wiederfindet, sich nicht zeitig genug selbst widerspricht, eine Grenze zieht, nicht mehr jedes Mittel zum Zweck erklärt und sich selbst und andere belügt.</p><p></p><p>P.S. Für eine mildere und differenziertere Geschichte aus dieser Zeit sei (ungelesen) dieses nagelneuer Buch empfohlen: “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3Qs3NZI">Here Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish Bund</a>” von Molly Crabapple (<a target="_blank" href="https://www.theguardian.com/world/2026/apr/07/molly-crabapple-new-book-jewish-socialism">klingt wirklich vielversprechend</a>) und dieser Klassiker aus dem Jahr 1941 “<a target="_blank" href="https://harpers.org/archive/1941/08/who-goes-nazi/">Who Goes Nazi?</a>” by Dorothy Thompson.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/szczepan-twardoch-der-boxer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:193772694</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 Apr 2026 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/193772694/25c52e80361b052eb06514973d924d2e.mp3" length="12055240" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>753</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/193772694/78fda5b6a955cbaefa35b7f877c32513.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Oklahoma!]]></title><description><![CDATA[<p>Am 31. März 1943 bahnte sich ein Umschwung im Zweiten Weltkrieg an. An der Ostfront war endlich Tauwetter, so dachten sich die Fußsoldaten, die Panzergrenadiere merkten jedoch schnell, dass fünfzig Tonnen Eisen unterm Arsch unter diesen Bedingungen nicht die besten sind, einen Weltkrieg zu gewinnen.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/oklahoma</link><guid isPermaLink="false">substack:post:191004101</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 Mar 2026 09:04:15 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/191004101/9f1c7b0a71ec07081a01c090ccf953a9.mp3" length="9633167" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>602</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/191004101/77f50e3353ad375ce59b5384be118a8c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Ditlevsen, Kawakami, Wambaugh]]></title><description><![CDATA[<p>Im neue Literaturrubriken erfinden sind wir stark und wie gut sie passen, laden wir unsere Hörerinnen und Hörer gerne ein, selbst zu überprüfen. Die Bücher sind alle ein bisschen darker als das sein muss, aber manchmal muss das auch sein, als da wären <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/mieko-kawakami-heaven">Mieko Kawakami: Heaven</a> (rezensiert von Irmgard Lumpini), <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-da-wohnt-ein-junges">Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will</a> (rezensiert von Anne Findeisen) und <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/joseph-wambaugh-hollywood-station">Joseph Wambaugh: Hollywood Station</a> (rezensiert von Herr Falschgold).</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-ditlevsen-kawakami</link><guid isPermaLink="false">substack:post:190203681</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Mar 2026 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/190203681/b1329a6093f5b07274b23e4728d88009.mp3" length="33604798" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2100</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/190203681/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will]]></title><description><![CDATA[<p>Zum Zeitpunkt ihres Todes, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, war Tove Ditlevsen eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen Dänemarks, zu deren Begräbnis hunderte Menschen erschienen und ausharrten, um sich von der Dichterin verabschieden zu können. Und das wollte sie auch immer sein: eine Dichterin, besser gesagt eine Lyrikerin. Obwohl wir gerade in Deutschland bisher hauptsächlich ihre Romane kennen, was vor allem daran liegen dürfte, dass diese bereits ins Deutsche übersetzt wurden, wurde sie in ihrem Heimatland vor allem durch ihre Gedichte bekannt, die von Anfang an viel Aufmerksamkeit erregten. Dies lag unter anderem daran, dass die Lyrik noch nicht den Stellenwert besaß, den sie später erlangte und Tove Ditlevsen mit 22 Jahren als Frau und Arbeitertochter auf dem Literaturmarkt eine regelrechte Sensation war. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie acht Gedichtbände, sowie weitere Bände mit ausgewählten Gedichten, über die Übersetzerin Ursel Allenstein im Nachwort des eben erschienen Gedichtbandes Folgendes schreibt: „Sie gingen ins kulturelle Gedächtnis des Landes ein und blieben dort auch nach ihrem Tod im Jahr 1976 lebendig, wurden von Großmüttern an Töchter und Enkelinnen weitergegeben, in Poesiealben geschrieben, von Musikerinnen […] vertont.“ (S.175)</p><p>Die in <em>Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will </em>veröffentlichten Gedichte umfassen einen Zeitraum von vier Jahrzehnten und sind nicht chronologisch angeordnet, sondern „[...] bilden einen thematischen Dialog zwischen jenen Gegensätzen, in den Gedichte aus jeder Phase des Werks miteinander treten[...]“ (S.179). Aufgrund der großen Zeitspanne sind sie nicht nur thematisch äußerst vielfältig, auch eine Veränderung in Ditlevsens Schreibstil – ihre Entwicklung als Lyrikerin und Mensch – ist deutlich zu spüren. Die späteren Gedichte muten oft mehr wie Erzählungen oder Beobachtungen an, was zum einen am nun häufigeren Verzicht der Reimform liegt, zum anderen am lyrischen Ich, das deutlich abgeklärter und desillusionierter wirkt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich die Jahreszahlen, die den Gedichten beigefügt sind, lediglich auf das Jahr der Veröffentlichung des entsprechenden Gedichtbandes beziehen. Wann einzelne Gedichte genau verfasst wurden, ist teilweise nicht mehr rekonstruierbar oder en detail nachzuvollziehen.</p><p>Die Auswahl der Gedichte, für den an dieser Stelle besprochenen Gedichtband, geben einen guten Einblick über die Themen, die Tove Ditlevsen zeitlebens beschäftigt haben mögen und auch in ihren Romanen immer wieder zu finden sind. Es ist die Beschäftigung mit der Frau, der Freundin, der Familie; als sie selbst, in allgemeinen Betrachtungen des Alltags oder als ihr Gegenüber.</p><p>„Ich kannte die stumme Einsamkeit</p><p>ein Lächeln, als seist du nicht hier –</p><p>von meinem eigenen Spiegelbild</p><p>und sah mein Gesicht in dir.“ (aus: Vertraut, S. 95)</p><p>Auch das Kind oder Kind-sein ist ein zentrales Motiv, das sie in vielfältiger Weise bearbeitet. Dabei ist sie entweder selbst das Kind, erinnert Dinge aus der Kindheit, aber auch Kindheit im Allgemeinen, das Erwachsenwerden, sowie Mutterschaft und Ehe stehen thematisch in enger Verbindung.</p><p>„Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben kann,</p><p>bis ich selbst kaum noch glaub, dass uns etwas verbindet,</p><p>ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an,</p><p>als suchte sie etwas, das man allzu schwer findet.“ (aus: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, S. 167)</p><p>Als thematischen Gegenspieler zum Kind-sein empfinde ich ihr stetiges Befassen mit dem Tod. Wie eng die Themen miteinander verwoben sind, zeigt das eben genannte Zitat besonders deutlich. Es ist aber auch ein Thema, das erschöpfen kann. Die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und auch einer gewissen Todessehnsucht, die durchaus aus ihren Gedichten hervorgeht, ebenso wie die Gedanken an den Tod anderer oder das tatsächliche Erleben dessen strengen an. Sie machen traurig, erschöpfen, lassen das eigene Leben in einem neuen Licht erscheinen, werfen Zweifel auf und sind dennoch unvermeidlich. Ich stelle mir vor, dass es für Tove Ditlevsen auslaugend gewesen sein muss und trotzdem sind ihre Gedichte nicht frei von Hoffnung. Sie ver- und bearbeitet ihre Ängste und Sehnsüchte, reflektiert und porträtiert sich selbst und andere, stellt Beobachtungen an und erschafft mit ihren Gedichten, so viel wird an der Auswahl in <em>Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will </em>klar, eine lyrische Zusammenfassung ihres Lebens.</p><p>„Wächst das Glück wie eine Perle</p><p>leise und an vielen Tagen,</p><p>dann lieb ich – seltsam, aber treu –</p><p> alle meine Niederlagen“ (aus: Abwechslung, S. 31)</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-da-wohnt-ein-junges</link><guid isPermaLink="false">substack:post:188733163</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 22 Feb 2026 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/188733163/5df5e2f3e4b445dcebb550f11fb41d61.mp3" length="6481560" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>324</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/188733163/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Joseph Wambaugh: Hollywood Station]]></title><description><![CDATA[<p>So hart gesellschaftliche Umbrüche für die direkt Betroffenen sind: Kämpfer, Bürger, Mitläufer, Täter, gibt es zusätzlich Kollateralgeschädigte, die wir nicht vergessen wollen: die Connaisseure der im Umbruch unvermeidlich untergehenden Kulturprodukte, der originären Kunst der überwundenen Verhältnisse. Hechelte man als Zoni Prä-89 noch jedem Hauch subversiven Kunstwerks hinterher: das nur im Westen erschienene Buch, der Film, der es gerade so durch die Zensur geschafft hatte und als kompromittiertes und meist ziemlich langweiliges Stück Zelluloid mit den immer gleichen Schauspielern deutlich braver war als erwartet, interessierte all das 1990 niemanden mehr. Dreißig Jahre später bekommt mich selbst ein guter Kundera kaum hinter dem Ofen hervor, sorry, Radim, zu viel Neues, Interessantes ist zu lesen, zu verstehen.</p><p>Das gleiche Phänomen könnten wir nun, fünfunddreißig Jahre nach dem Mauerfall in den USA beobachten, wo aus einer fehlerhaften Demokratie ein waschechter Polizeistaat gemacht werden soll und keinen Redneck, keine Bluestate-Intellektuelle oder gar oppositionelle Politiker scheint es groß zu interessieren und wenn sie mal den Anschein erwecken, bleiben sie ratlos im Angesicht der Faschisten, als ob es keine Erfahrungen gäbe, wie mit solcherlei Vandalismus umzugehen sei.</p><p>Das ist furchtbar für alle, die nicht weiß genug sind und von frisch angeheuerten Schergen der Ausländerbehörde ICE auf offener Straße entführt werden, furchtbar für die Angehörigen der Engagierten, die beim Versuch, das zu verhindern, erschossen oder schwer verletzt werden.</p><p>Wie bekomme ich jetzt bloß die Kurve zur Kunst?</p><p>Fangen wir noch mal an: War es das mit der liberalen Demokratie in den USA? Kommt jetzt der Polizeistaat von New Hampshire über Minnesota bis San Francisco? Und: war der nicht <em>schon immer</em>? Fing es nicht mit dem Sheriff an, damals, vor zweihundert Jahren, der den Bandenführer eigenhändig aufknüpfte, statt auf den Friedensrichter zu warten, der den Schänder am Ende freispricht? Und ließ zur selben Zeit nicht sein Kollege in den Südstaaten die Rollos runter, weil vor seinem Fenster der Plantagenbesitzer einen Sklaven teeren und federn ließ, weil sich seine Tochter in ihn verknallt hatte und die beiden abhaun wollten? “Was ist neu an Polizeiwillkür?”, kann man fragen.</p><p>Neu ist die Haltung, vertreten von der amtierenden Regierung, dass das alles genau so in Ordnung war und gerne wieder so sein soll. Selbst im grimmigsten Western der die Geschehnisse verarbeitet, kommt am Ende der Friedensrichter und tadelt den Sheriff, damit der Zuschauer weiß, wo law her- und order hinkommt. Und 1861 wurde vom Norden ein ganzer Bürgerkrieg losgetreten, damit die Lynchjustiz im Süden ein Ende habe. Heute korrumpiert die Regierung die Justiz und erklärt zur Legende, dass es im Amerikanischen Bürgerkrieg um die Abschaffung der Sklaverei ging, erklärt stattdessen in Republikanischen Bundesstaaten eine Mindeheitenmeinung zum <a target="_blank" href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-schulen-kulturkampf-101.html">Curriculum</a>, die versucht den Bürgerkrieg zum Kampf um die Rechte von Bundesstaaten zu machen.</p><p>“Ok,” so die Frage, “wir sehen den Umbruch, aber was hat das mit der amerikanischen Kultur zu tun?”</p><p>Die Antwort: “Rambo I - First Blood.”</p><p>Der Vietnamrückkehrer Sylvester Stallone wird dort von einer Horde selbstgerechter Dorfbullen mit viel Munition und wenig Skill in Grund und Boden geschossen und es ist von Anfang an klar, auf wessen Seite man steht, wer der Gute ist, wer die Bösen sind. Und das wäre heute anders! Denn da bezeichnen Trump & Co. den auf offener Straße hingerichteten Krankenpfleger im Veteranenkrankenhaus, Alex Pretti, als <a target="_blank" href="https://www.n-tv.de/politik/Trump-bezeichnet-erschossenen-Pretti-als-Unruhestifter-id30304796.html">Aufständigen, als Unruhestifter,</a> als “<a target="_blank" href="https://bringmethenews.com/minnesota-news/jd-vance-refuses-to-apologize-for-would-be-assassin-claim-about-alex-pretti">would-be assassin</a>“ gar. Nichts davon ist wahr. Die dummen Bullen aus Rambo I sind an der Macht. Das versaut den Filmgenuss, zu krass ist das Umkippen der Realität und kein Happy End in Sicht.</p><p>Nun ist der Spin des ersten Rambo-Films - Hero: gut, Bullen: böse - ja eher ungewöhnlich. Normalerweise sind die FBI-Beamten clever, der Sheriff gutmütig mit Schmerbauch und großem Herz, und der Anwalt gewieft, wie er das Justizopfer raushaut. Aber, leider, auch so herum funktioniert die Kulturverlusttheorie: der ganze s**t ist vor dem Hintergrund von ICE-Konzentrationslagern und dem sinnlosen Erschießen von Bürgern einfach nicht mehr konsumierbar. Zumindest geht mir das so. Denn selbst wenn sich Kunstschaffende nicht dem Diktat der gesellschaftlichen Stimmung beugen (wie sie es im Allgemeinen wenigstens versuchen) und weiterhin die Heldenepen von Law und Order singen, die nötige kognitive Dissonanz, um das vergnügt zu konsumieren, kann ich nicht aufbringen.</p><p>Ein paar Beispiele:</p><p>Der <a target="_blank" href="https://amzn.to/3MJ0ewR">letzte Reacher</a> war nicht nur schlecht geschrieben, auch inhaltlich ist er nicht mehr haltbar. Wie kann man dem Buch die Story abnehmen, dass die Korruption im militärisch-industriellen Komplex durch den heldenhaften Einsatz moralisch aufrecht gehender Muskelpakete gestoppt werden kann, im Angesicht von Oracle, einem Privatunternehmen, das über die Jahre fast <a target="_blank" href="https://www.opensecrets.org/political-action-committees-pacs/oracle-corp/C00323048/summary/2024">eine halbe Milliarde Dollar</a> an die aktuelle Regierung spendete und im Gegenzug der US Air Force <a target="_blank" href="https://www.theregister.com/2026/02/12/oracle_airforce_cloud_88m/">ihre Cloud verkauft</a>? (Wer denkt, das sei ein Verlustgeschäft, hat das mit dem <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/yanis-varoufakis-technofeudalism?utm_source=publication-search">Technofeudalismus</a> noch nicht verstanden.)</p><p>Und selbst der letzte Michael Connelly, ein <a target="_blank" href="https://amzn.to/3Of0nZq">Lincoln Lawyer Thriller</a>, der sich um die Verantwortlichkeit von AI Firmen für ihre Produkte und deren Konsequenzen kümmert und bei dem natürlich der gute Anwalt gewinnt, wirkt unglaubhaft, wenn sich die vorbildgebenden Firmen mit <a target="_blank" href="https://www.opensecrets.org/news/2026/01/trump-ballroom-donors-poised-to-benefit-from-ai-plan-they-helped-shape/">Millionenspenden</a> an ihren Tanzbär passende <a target="_blank" href="https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/removing-barriers-to-american-leadership-in-artificial-intelligence/">Gesetze</a> kaufen, die genau das im richtigen Leben verhindern. (Immerhin ist das Buch gut geschrieben und für ein solches Thema exzellent recherchiert).</p><p>Gefühlt rutschen hier zwei Drittel der amerikanischen Popkultur in die Spalte “unlesbar”. Was bleibt da noch zu konsumieren? Vielleicht sowas:</p><p></p><p>Oberflächlich nicht ganz so Fun wie ein brainless thriller von Lee Child wäre da zum Beispiel dieser Klassiker von <a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Joseph-Wambaugh/e/B000APXD4A/ref=dp_byline_cont_book_1">Joseph Wambaugh</a>: “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4tqW6Ca">Hollywood Station</a>“. Erschienen in 2006, erzählt er als Episodenroman aus dem Alltag im titelgebenden Revier stationierter Streifenpolizisten. Das Ganze spielt Anfang der 2000er und die LAPD steht immer noch unter Beobachtung, nach den Misshandlungen Rodney Kings und den anschließenden Unruhen im Jahr 1992. Wir sagen zunächst “richtig so” und lernen sofort, dass nichts im Leben so eindeutig ist, wie man es auf dem Plenum, respektive am Tresen, postuliert, selbst hier in Germany. Die Lebensrealität so manchen Fußballfans jeglicher Vereinsaffilität ist das zustimmende Hochhalten der A.C.A.B.-Tapete samt obligatorischem Unvergessensgesang, um auf dem Weg vom Auswärtsspiel zum Bahnhof dann doch ganz froh zu sein, dass zwischen ihr und den Hansa-Idioten eine Hundertschaft steht. In dieser Hundertschaft steht dann so mancher gewaltbereite Neonazi, ein einzelnes schwarzes Schaf, keine Frage, absolut, das sagt ja auch die Polizeigewerkschaft, und neben dem faulen Apfel so mancher Idealist, der einfach der Fußballoma den unversehrten Nachhauseweg garantieren will. Dieses Spektrum, in letaler, erlebt die Los Angeleser Streifenpolizistin mit ihrem Partner in den seedy Hinterhöfen des Hollywood Boulevard und wir aufgeklärten Linksversifften müssen ein bisschen hart im Nehmen sein, wenn wir die Meinung der “boots on the ground” so ganz ungefilter zu lesen bekommen: Meinungen, nein: Urteile, man könnte fast sagen: Vorurteile, zu Minderheiten, zu Politikern, zu politischen Aktivistinnen, die wir glattweg als “rassistisch” abtun können, aber wenn die Meinungshabende dann vom schwarzen Pimp ein Auge ausgeschlagen bekommt und wir das alle haben kommen sehen, hinterfragen wir uns dann doch ein bisschen ergebnisoffener und exakt das ist es doch, was Literatur leisten soll. Ich als erklärter Todfeind der Kurzgeschichte bin natürlich gehandicapt ob der Struktur des Buches, aber da sich die Ministories am Ende zusammenfinden, ist das annehmbar. Es war die Zeit von “Smoke” und “Coffee and Cigarettes”, da konnte Joseph Wambaugh gar nicht anders.</p><p></p><p>Deutlich neuer ist das (fast) Erstlingswerk des in den USA lebenden Tschechoslowaken Alexander Boldizar: “<a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Man-Who-Saw-Seconds-English-ebook/dp/B0CQ2FWS4B?ref_=ast_author_dp&#38;th=1&#38;psc=1">The man who saw seconds</a>...”. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt (er schreibt auf Englisch), aber das wird kommen, das Ding hat Preise gewonnen, es ist prädestiniert dafür, in einen erstklassigen Hollywoodthriller portiert zu werden und es ist frappierend aktuell, beginnt es doch mit einer klassischen Episode von Polizeiwillkür und endet in… man darf nicht spoilern, man darf <em>nie</em> spoilern, aber hier bei diesem Buch ist es noch verbotener als sonst. Nie wurde ein Buch geschrieben, welches von einem unrechtmäßigen Polizeistop in der New Yorker U-Bahn so exponentiell eskaliert. Man fragt sich alle Absätze, wie weit der S**t noch gehen soll, was denkt sich Boldizar als nächste Eskalationsstufe aus und man liegt immer daneben. Es ist ein “blast” in allen Wortsinnen und es ist, wie gesagt, hochaktuell.</p><p>Hoffen wir, dass diese beiden Beispiele nicht die letzten einer untergegangenen Kultur sein werden. Ja, die, nennen wir sie: “Polizeikultur” in beiden Wortsinnen, als gelebte Handlung und als geschriebene Verarbeitung derselben, war nie frei von Dingen, die man kritisieren konnte, musste und vielleicht haben wir, und, wichtiger, die Amerikaner das nicht getan, was zweifellos zum heutigen Klima in den USA führt. Aber, sie war fun, sie war spannend, sie war interessant und man hatte als Europäer immer den bequemen Platz im Ohrensessel, von dem man aus sagen konnte “Ne... diese Amis, das könnte hier nie passieren!” und vielleicht nehmen wir die Ereignisse im beschriebenen und realen “Dort” zum Anlass, dass das “hier” auch so bleibt. </p><p>Wenn der Preis dafür ist, dass man mal wieder ein anderes Genre lesen muss, bezahle ich den traurig grummelnd.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/joseph-wambaugh-hollywood-station</link><guid isPermaLink="false">substack:post:187958220</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 Feb 2026 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/187958220/1a39cfb542d6d815e03fdc03c1b229bd.mp3" length="6772237" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>564</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/187958220/fa8ee7cfb80e0be2eb51cee9681d5945.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Trevanian, Collins, Osman]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>3 Werke, 3 Empfehlungen! Kann das neue Jahr besser beginnen? Wir lobpreisen diesmal <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/trevanian-shibumi">“Shibumi” von Trevanian</a>, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/sarah-easter-collins-so-ist-das-nie">“So ist das nie passiert” von Sarah Easter Collings</a> und die 5. Folge des Thursday Murder Clubs: “The Impossible Fortune” von Richard Osman.</p><p><em>Wegen eines technischen SNAFUs ist die Qualität leicht eingeschränkt, wir machen das beim nächsten mal wieder besser. Sorry!</em></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-osman-trevanian-collins</link><guid isPermaLink="false">substack:post:183807135</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 Jan 2026 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/183807135/9ba943b5c3a977c10d56c0aab327de8f.mp3" length="33961735" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2123</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/183807135/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Richard Osman: The Impossible Fortune ]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>kann unsere kleine Nischenradiosendung - die sich mit Produkten für einen doch größeren Markt, nämlich den der Literatur beschäftigt - eine kleine edgy Show sein, wenn sie schamlos Bestseller anpreist?</p><p>Kann sie, aber nicht heute. Denn wir kommen gleich zu Beginn zum Urteil eines Wohlfühlbuches: der 5. Band der Whodunit-Reihe des Thursday Murder Clubs, im Original “The Impossible Fortune” ist eine große Empfehlung, deren Bestsellertum nicht hoch genug gewürdigt werden kann, schafft es doch Tausendsassa und Autor Richard Osman, neben einer spannenden Whodunit Story komplexere Charaktere zu erschaffen, deren Wertesystem manchmal überraschend konträr zu den aktuellen gesellschaftlichen Annahmen existiert und auch noch die komplexen Fragen des menschlichen Lebens nicht nur zu stellen, sondern auch Antworten zu finden. So. Hier sollten alle erstmal das Buch lesen, denn nun gibt es auch Spoiler und besonders ein Krimi lebt davon, überraschend zu sein (wenn er denn gut genug ist, ohne allzu unglaubwürdig - sprich hanebüchen - zu sein). Also: Spoileralert!</p><p>Los geht’s: The Impossible Fortune, im Deutschen irgendwie holprig “Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code”. Da wollen wir aber nicht meckern, denn die ersten 4 Titel der Reihe wurden geradezu mustergültig übersetzt:</p><p>1. The Thursday Murder Club - Der Donnerstagsmordclub2. The Man Who Died Twice - Der Mann, der zweimal starb3. The Bullet That Missed - Die Kugel, die daneben ging4. The Last Devil to Die - Der letzte Teufel stirbt</p><p>Editorisch möchte ich aber kurz anmerken, dass ein Code nicht “unlösbar” ist. Vielleicht ist er nicht bekannt, d.h. es fehlen Informationen, aber unlösbar? Na ja.</p><p>Besonders schön bei allen Serien* ist das Wiedertreffen bekannter Charaktere, die man sehr mag oder eben nicht, in allem lässt sich Genuss finden, aber das Gehirn giert nach Bekanntem, und so tauchen sie wieder auf: Die Protagonisten des Thursday Murder Clubs: Elisabeth Best, Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, die ehemalige Krankenschwester Joyce Meadowcroft, Ex-Gewerkschaftsführer Ron Ritchie und der Psychiater Dr. Ibrahim Arif. Diese leben in der gehobenen Seniorenresidenz in Coopers Chase in einem fiktionalen Dorf und lösen Mordfälle. Ursprünglich wollten sie alte, ungelöste, sogenannte Cold Cases aufklären, beschäftigen sich aber dann - einer Mischung aus Neugierde, Impertinenz und Lebenserfahrung geschuldet - mit aktuellen Morden.</p><p>Wer bis hierhin gelesen hat, ohne “The Impossible Fortune” zu lesen, muss ab jetzt mit Spoilern leben. Also: Der Thursday Murder Club hatte bisher ein eher ruhiges Jahr. Das ist nicht besonders verwunderlich, denn Autor Richard Osman begann im letzten Jahr eine weitere Serie. Dazu kommt, dass im fiktiven Thursday Murder Club Imperium Elisabeth, als Ex-Spionin eine der Treiberinnen des Clubs, ihren geliebten Ehemann Stephen verlor (Altersdemenz) und tief in ihrer Trauer lebte.</p><p>Die Bücher dieser Reihe werden immer aus 2 Perspektiven erzählt. Neben der des Autors und einer sich daraus ergebenden allwissenden Draufsicht lesen wir gelegentlich Tagebuchaufzeichnungen von Joyce. Diese sind besonders interessant, zeigen sie uns doch klarer, welche Informationen dem Quartett der Rentnerdetektive eventuell noch gar nicht vorliegen, schenken aber auch reizvolle Interpretationen von Joyce, die uns daran erinnern, dass jede*r die Welt mit anderen Augen sieht. Eine der wundervollsten Fähigkeiten von Richard Osman ist es, mit liebevollen Augen auf die von ihm geschaffenen Personen zu schauen. Dabei sind diese im ersten Moment oft kurz holzschnittartig und prototypisch, wozu sicher ihre meist kurzen Nachnamen beitragen (Best, Ritchie, Lloyd, Johnson, Townes), nach und nach werden weitere Facetten sichtbar.</p><p>Beginn des Plots ist die von Joyce seit Jahrzehnten ersehnte Hochzeit ihrer nicht mehr ganz jungen Tochter Joanna, die den im vorliegenden Werk neu eingeführten Gatten Paul (Brett) ehelichen wird. Die (Selbst)beschreibung von Joyces Erwartungen und sich daraus ergebenden Konflikte auf dem Weg zur Trauung, die denen ihrer Tochter fasst komplett diametral gegenüberstehen, sind schreiend komisch, aber auch von viel Wärme und Liebe geprägt. Durch Paul und seinen Freundeskreis ergeben sich für den Thursday Murder Club neue Herausforderungen.</p><p>Zunächst einmal müssen alle nach der Hochzeitsfeier mit den Nachwirkungen klarkommen. Das fällt einigen sehr leicht (auf Schnaps verzichtet, Aspirin vom Schlafengehen mit einem großen Glas Wasser), einigen schwerer und einige sterben fast. Die Seiten, auf denen Richard Osman den Ex-Gewerkschafter Ron auf seine körperlich harten Auseinandersetzungen mit der Polizei während der Zeit der großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien zurückblicken lässt und das dann im Vergleich zum aktuellen Kater als unverhältnismäßig leicht abtut, gehören ohne Zweifel zur Kategorie “große Literatur”.</p><p>Außerdem geht es um Autobomben, Geldanlagen, Cold Storage und Bitcoin. Besonders die beiden letzteren Punkte nutzt Richard Osman zu demonstrieren, wie wenig Ahnung alle altersübergreifend eigentlich haben, welche Mittel und Tricks sie benutzen, ihre Nicht-Ahnung zu verschleiern, und welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn sie sich offenbaren und dadurch ganz neue Erkenntnisse gewinnen.</p><p>The Impossible Fortune ist in einem schnellen Tempo geschrieben, dass immer wieder Pausen einlegt, wenn sich die Protagonisten untereinander treffen und miteinander sprechen. Dabei findet Richard Osman nahtlose Übergänge zu sehr lustigen Seitensträngen, wenn Connie Johnson, eine erfolgreiche Drogendealerin (die einst kurz im Knast saß, wohin sie der Thursday Murder Club gebracht hatte) als Mentorin tätig wird, weil ihr Ibrahim dies empfohlen hatte und es damit endet, dass sie einer sehr jungen Frau bei ihrem ersten großen Raubüberfall hilft. Überhaupt mischen sich bei Richard Osman “respektable” und kriminelle Lebensweisen wohltuend ohne Bewertungen, denn von irgendwas muss man ja leben. Ohne kriminelles Leben keine Gesellschaft und schon gar kein Thursday Murder Club. Dabei sind die Kriminellen unter den (ehemals) Reichen, unter den Gelegenheits- und unter den Berufskriminellen zu finden, die z.B. die Nachfrage nach Drogen bedienen. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es automatisch schlecht oder gut ist und schon gar nicht, dass es keinen Markt dafür gibt. Das nimmt dann teils sehr komische Züge an, bis die Erkenntnis (bei den Leserinnen und den Handelnden im Buch) einsetzt, dass die zugrundeliegenden Werte nicht vergessen werden können, wenn das Leben ein gelungenes sein soll. Diese Erkenntnis gelingt dann den Protagonistinnen selbst, dabei stoßen sie immer wieder an Grenzen, zerstören diese aber auch. Manchmal wird es auch sehr traurig, wenn es um die Einsamkeit geht - teils aus falschen Lebensentscheidungen, teils aus Altersgründen, wenn enge Geliebte und Freunde sterben. Das zeigt aber auch, wie wichtig die selbstgewählten Bande sind, die Freunde, mit denen man sich austauscht, mit denen man sein Leben lebt.</p><p>Die Sichtbarkeit der Älteren und Alten, denen oft mit Unverschämtheit, Arroganz und selbstgefälligen Annahmen begegnet wird, spielt nie eine offensichtliche Rolle, überrascht aber immer wieder. Jede*r blamiert sich und macht sich zur Feile, das können alle, auch die Jungen, und nicht zu knapp. Bis auf wenige Ausnahmen (den richtigen Arschlöchern) gesteht Richard Osman seinen Figuren aber Würde zu, die auch durch gelegentlichen Slapstick nicht erschüttert werden kann. Da werden vegane Kaffees besucht, Krafttraining gemacht und zur Playlist “Sounds of the Rainforest” meditiert.</p><p>Daneben schreckt Richard Osman nicht vor harten Themen zurück, diesmal ist ein wichtiger Nebenstrang des Whodunit die eheliche Gewalt. Suzie, die Tochter von Ron, setzt sich mit Waffengewalt gegen ihren Ehemann zur Wehr und bittet zunächst nur ihren Bruder, nicht aber ihren Vater um Hilfe. Der hat währenddessen mit enttäuschenden Erkenntnissen über sein Leben zu tun und wird am Ende einige seiner wichtigsten Lebensglaubenssätze über Bord werfen, um seiner Tochter und bei der Lösung des Falls zu helfen. Denn das kann man auch gut ohne Spoiler verraten: Der Thursday Murder Club wird seinen Fall lösen und nebenbei seine (und damit unsere) Welt besser machen. Die Schlüssel zur Lösung und zum Leben sind Liebe, Freundschaft und Solidarität. Und weil es Richard Osman erschaffen hat, passiert das Ganze in schöner Sprache, mit intelligenten Spannungs- und Handlungsbögen, überraschenden Wendungen und einem liebevollen Blick auf die Menschen. Viel Spaß beim Lesen!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/richard-osman-the-impossible-fortune</link><guid isPermaLink="false">substack:post:183433955</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 04 Jan 2026 12:13:14 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/183433955/4614a550558fb78907a348494c595fff.mp3" length="10355052" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>518</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/183433955/35d55fa9347d6b85648ce277017d26a1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sarah Easter Collins - So ist das nie passiert]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>„Ich grüble über all die kleinen Dinge nach, die uns aufbauen und zerstören, all die Kleinigkeiten, die wir verbergen und enthüllen, vergessen und vergeben möchten. Dass wir alle verborgene Geschichten mit uns herumtragen, zu denen wir ständig zurückkehren, Dinge, die uns hochfliegen oder langsam herunterkommen lassen. Ich denke über das Leben nach, das ich gelebt habe, und über all die Dinge, die ich weiß.[...]“ (S. 382) </p><p>So lässt Sarah Easter Collins ihre Protagonistin Robyn in ihrem Roman <em>So ist das nie passiert </em>ihre Gedanken formulieren und es ist gleichzeitig ein Rückblick auf ihr Leben, der ebenso die Frage aufwirft, was wir wirklich wissen und wie fehlerhaft Erinnerungen sein können; ein Thema welches sich durch den gesamten Roman zieht und tragend für den Verlauf der Handlung sein wird.</p><p>Ausgangspunkt des Romans, der 2024 im Heyne Verlag erschien und im Original den Titel T<em>hings don`t break on their own </em>trägt, ist ein Abendessen. Zugegen sind die Protagonistin Robyn und deren Frau Cat, die auch gleichzeitig die Gastgeberinnen sind. Außerdem Robyns Bruder Michael und dessen Freundin Liv, Robyns gute Freundin Willa und deren Freund Jamie sowie Cats Bruder Nate und dessen Freundin Claudette. Dabei spielen vor allem Robyn und Willa eine zentrale Rolle und aus ihren Blickwinkeln wird auch der Roman kapitelweise erzählt. Besonders dramatisch ist dabei vor allem Willas Geschichte, denn ihre Schwester Laika verschwand, als sie noch ein Teenager war und wird zum Zeitpunkt des Dinners, an dem die Geschichte einsetzt, bereits seit über 20 Jahren vermisst. Neben der Tatsache, dass Willa die Hoffnung, ihre Schwester zu finden, nie aufgegeben hat, was ihr Leben in erheblichem Maß bestimmt hat, kommt an diesem Abend noch hinzu, dass sie in Claudette, der Freundin von Cats Bruder, plötzlich ihre lange verschollene Schwester zu erkennen glaubt. An diesem Punkt setzen die Erinnerungen und Rückblicke auf die Geschehnisse, die bis zu diesem Punkt reichen bzw. geführt haben ein und werden kapitelweise abwechselnd von den Protagonistinnen erinnert, wodurch sich für die Leserin nach und nach ein sehr differenziertes und unerwartetes Bild ergibt.</p><p>Robyns und Willas gemeinsame Geschichte beginnt im Internat, auf welches Willa kurz nach dem Verschwinden ihrer Schwester von den Eltern geschickt wird. Die Elternhäuser der beiden Mädchen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Robyn in einem liebevollen Haushalt aufwächst, in dem viel miteinander gesprochen, agiert und diskutiert wird, in dem es gegenseitige Wertschätzung und Respekt gibt und den man landläufig wohl als liebevoll bezeichnen würde, erfährt Willa in ihrem zu Hause vor allem Unterdrückung, Aggressionen und Gewalt durch den Vater, wobei sich dessen physische Gewalt nicht an Willa selbst, sondern deren Mutter und Schwester entlädt. Es ist ein zu Hause der Abhängigkeiten und des Machtmissbrauchs, in der die Mutter Bianka, versucht ihre Töchter zu schützen und in dem der Verlust der Tochter und Schwester kaum zu verarbeiten ist. Das unterschiedliche Aufwachsen der Mädchen ist auch ein wichtiger Grund, warum sie letztlich zueinander finden und nicht nur eine tiefe Zuneigung und Freundschaft, sondern auch Liebe füreinander empfinden, denn die ausgeglichene Robyn kann Willa die Geborgenheit und Ruhe schenken, die sie in ihrem eigenen zu Hause kaum erhält und findet gleichfalls in Robyns Familie eine Art Ersatzfamilie, die sie liebevoll aufnimmt. Umso tragischer ist es, dass es zwischen Willa und Robyn kurz vor Ende ihres Abschlusses am Internat zu einem Bruch kommt, der vor allem Willas Verhalten zuzuschreiben ist und zwar später wieder aufgelöst werden kann, anhand dessen Sarah Easter Collins aber ebenfalls aufzeigt, wie sehr ihr Handeln von ihrem großen Verlust beeinträchtigt wird. Ein weiteres Beispiel für die zentralen Dynamiken inklusive Machtverhältnisse und Beziehungen im Roman beschreibt Collins anhand der Partnerschaft, die Willa mit ihrem Freund Nate führt. Zunächst liebevoll und zugewandt, wandelt sich dies unter dem Einfluss von Willas Vater, der Nate regelrecht für sich beansprucht, ins komplette Gegenteil, wobei es Willa lange Zeit nicht gelingt, angemessen auf dieses Verhalten zu reagieren bzw. sich daraus zu lösen.</p><p>Zentrales Motiv des Romans ist, neben dem traumatischen Verlust und den Auswirkungen innerhalb der Familie, aber auch die Frage danach, wie wir Dinge erinnern und wie trügerisch Erinnerungen sein können. Es ist bekannt, dass Erinnerungen vom Gehirn jedes Mal neu rekonstruiert werden und nicht wie eine Art Video ablaufen, dabei werden aber auch Lücken einfach mit Informationen aufgefüllt, die plausibel erscheinen und nicht real sind bzw. erlebt worden sein müssen. Vor allem starke Emotionen können dazu führen, dass Erinnerungslücken falsch aufgefüllt werden und sich durch häufiges Erzählen verfestigen. Die eingangs erwähnte Dinnerparty zu welcher sich Freunde und Familie treffen und bei der Willa glaubt, ihre verschollene Schwester wiederentdeckt zu haben, stellt im Roman den Ausgangspunkt dafür dar, dass vor allem Willa beginnt sich, beginnend bei ihrer Kindheit, zu erinnern. Durch die Perspektiven anderer Protagonistinnen wird dann allmählich deutlich, dass Dinge teilweise falsch erinnert wurden bzw., und ich denke, so ist es häufig der Fall, einfach Teil ihrer Wahrheit und ihres Erlebens sind, die auch darauf beruhen, dass ihr Informationen schlichtweg fehlen. Wodurch sich für die Leserin – und auch die Akteurinnen – schließlich nach und nach aus einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild ergibt und damit generell aufzeigt wird, dass Wahrheit und Perspektiven miteinander verwoben sind.</p><p>Dadurch gelingt Sarah Easter Collins mit <em>So ist das nie passiert</em> ein komplexer Roman, der thematisch sehr breit aufgestellt ist, trotz der Schwere der Themen einfach und flüssig zu lesen ist und dessen Verlauf man einfach immer weiter folgen möchte, um zu sehen, welches Bild die einzelnen Teile ergeben. Er hat mich aber auch einmal mehr dankbar und demütig gegenüber meiner eigenen Familie und Freunde zurückgelassen und ist, nun wenig überraschend, eine klare Empfehlung von mir.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sarah-easter-collins-so-ist-das-nie</link><guid isPermaLink="false">substack:post:182870935</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Mon, 29 Dec 2025 17:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/182870935/f69c226901560356e61ccdb9e12350a6.mp3" length="7868662" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>393</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/182870935/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Trevanian: Shibumi]]></title><description><![CDATA[<p>Buchempfehlungen sind eine Unmöglichkeit und zu unterlassen! Es gibt 170 Millionen Buchtitel, aktuell, und jedes Jahr kommen 2,2 Millionen hinzu. Es gibt 8,3 Milliarden Menschen auf der Welt und jeder ist dem anderen fremd. Wie kann man da auf die Idee kommen, jemand könne jemandem anderen halbwegs kompetent sagen, was er als nächstes lesen solle? Jeder weiß das und alle ignorieren es.</p><p>Spätkapitalistischen Wirtschaftsunternehmen verzeiht man das Generve noch, ihr einziger Existenzgrund ist, Dir S**t zu verkaufen. Literaturnewsletter und -podcasts sind da schon grenzwertiger, wie viel Sendungsbewusstsein ist zu viel Sendungsbewusstsein? Jedes. Immerhin ist das Abonnement freiwillig. Aber Freunde sollten es besser wissen. Und dennoch empfiehlt unser <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/author/heiko">ehemaliger Rezensent für das Studio B</a>, <a target="_blank" href="https://www.heikoheshschramm.com/">Heiko Schramm</a>, mir unerschrocken immer wieder Bücher, die sicher hervorragend, nützlich und vergnüglich sind, wenn man, sagen wir, vorhat, einen mittelgroßen Karibikstaat geheimdienstlich zu unterwandern oder, sicher auch nützlich zu wissen, als Außenminister der Vereinigten Staaten 3-Letter-Word-Agencies gegeneinander ausspielen möchte. Kurz, ich bin begeistert, es wärmt mir das Herz, dass mir zugetraut wird, den Nahostfriedensprozess entscheidend voranzubringen, aber mir fehlt einfach die Zeit, mich in die oft kiloschweren Werke einzuarbeiten; der Mord an JFK bleibt vorerst ungeklärt.</p><p>Entsprechend erfreut und reserviert war ich, als Mr. Schramm mir vor meiner Exkursion nach Japan zwei Bücher auf die Leseliste setzte, die ich bitte in Asien beginnen möge. Kein “vielleicht”, kein “wenn es passt”, es war eine Anweisung, der ich besser Folge leiste. Immerhin waren die Titel japanisch, die Autoren bekannt:</p><p>“<a target="_blank" href="https://amzn.to/4pkjpex">Shibumi</a>” von Trevanian (Das Pseudonym von Rodney William Whitaker, einem Mid-Century Bestsellerautor)</p><p>und</p><p>“<a target="_blank" href="https://amzn.to/4oAi8i9">Satori</a>” von Don Winslow, genau dem, der Untertitel lautet “A Novel based on Trevanian’s Shibumi” - interessant.</p><p></p><p>“Shibumi” fängt spektakulär an. Heftig überzeichnetes CIA-Personal - der Veteran, Zigarre im Mundwinkel; der intrigierende Chef mit seinem an seinen Rockzipfeln hängenden Assistent, jedes Wort mitschreibend - werten eine “Aktion” aus. Auf einem Flughafen in Rom gab es eine Schießerei und wir verstehen die Worte, aber nicht wirklich den Zusammenhang - Geheimdienste halt. Zunächst werden zwei Israelis erschossen, dann die Schützen, die Japaner sind (?) aber irgendwie für die PLO arbeiten und dann doch für die CIA und wiederum von derselben erledigt werden, inklusive zwei, drei italienischen Kindern und Opas. Krass. Was geht ab?!</p><p>Unklar. Was nicht an der Beschreibung liegt. Die ist brillant, vorstellbar, actionorientiert und trotz des vielen Blutes irgendwie fast “leicht”. Wir sehen das ganze aus den Augen der beteiligten Agenten, die das wiederum auf einem richtigen Zelluloidfilm sehen, aufgenommen von CIA-Agenten speziell für das Debriefing. Das gibt uns einen ersten Hinweis auf die Ära, in der wir uns befinden. Da ich wie immer komplett ahnungslos ins Buch gegangen bin, ist für mich noch unklar, wann es geschrieben wurde. Der erste Hinweis sind die sehr “Achtziger”-Meinungen des Veteranen-Agenten hinsichtlich des ihm zugeteilten Wingman. Dieser ist der Sohn eines Palästinenserführers, er wird im gesamten Buch als “Ziegenhüter” beschrieben werden. Das geht heute <em>natürlich</em> nicht mehr. Nicht weil heutzutage Rassismus gecancelt ist, sondern weil ein solch offensichtlicher Sarkasmus heute nicht mehr funktioniert. Entgegen der allgemeinen Annahme ist die Ursache aber nicht, dass wir jetzt alle supersensibel sind oder gar woke, sondern weil spätestens seit 9/11 antimuslimischer Rassismus hoffähig geworden ist und als Reaktion <em>darauf</em> ein solcher Sarkasmus gekennzeichnet werden muss, in rot, plus Warnung auf dem Cover und Herausgabe des Buches an Deutsche Linke nur gegen Ausweis. Trevanian, als Meister der Ironie, ist dankbarerweise in 2005 gestorben und musste den ganzen Quatsch nicht mehr miterleben, wir, als Leserinnen eines Buches aus 1981, müssen uns erst wieder einarbeiten. Die Ironie ist nicht nur an der offensichtlich übertriebenen Wortwahl zu erkennen, Trevanian legt seinem weltgewandten und weit rumgekommenen Haupthelden starke Thesen zu allen möglichen internationalen Akteuren in den Mund, jeder bekommt sein Fett weg.</p><p>Bis der Japanschwerpunkt, wegen dessem mir das Buch ins Handgepäck beordert wurde, ins Spiel kommt, vergehen ein paar Seiten und zwar bis unser Protagonist, Mr. Hel (ein L) eingeführt wird. Das traf sich, kam doch auch ich erst recht spät in Japan zum Lesen und so koinzidierte die Jugend von Mr. Hel, als Sohn einer Russin und eines Deutschen, aufwachsend im Japan der späten 2. Weltkriegsjahre (mit den bekannten verheerenden Auswirkungen) mit meiner Reise durch die Stätten ebendieser Geschichte, kulminierend mit einem Besuch des Friedensmuseums in Hiroshima just zu dem Zeitpunkt, als im Buch die erste Liebe von Mr. Hel dahin zu ihren Eltern zurückkehrt, Anfang August 1945. Das wirkt.</p><p>Beschrieben wird im Roman, seltsam schwebend zwischen Action und Betrachtung, die Suche eines weißen, kulturellen Japaners nach Shibumi. Shibumi ist eines dieser klassischen unübersetzbaren japanischen Worte, die darauf hinauslaufen, dass Du am Ende vor deinem Steingarten im Regen sitzt und meditierst.</p><p>Bis er diesen Zustand findet, muss Nicolai Hel irgendwie Geld verdienen und, ausgebildet in exotischen Kampfkünsten, dem Brettspiel Go und gesegnet mit einer (minderen) Superpower, beschließt er, Terroristen zu jagen. Das macht er gegen Geld, aber, wenn es ihm in die Moral passt, auch Pro Bono. Dass er dabei einer erklecklichen Zahl von Akteuren auf die Füße tritt, kommt mit dem Terrain und, wie er selbst bemerkt, hat er eine Menge negatives Karma angehäuft. Zum Killen braucht es neben Geschick auch Glück und das hält nicht ewig, weshalb Nico mit fünfzig im Ruhestand ist und ein altes Schloss im Baskenland renovierend um einen japanischen Garten erweitert, was man so macht, als Auftragsmörder a.D. Aber natürlich ist das nicht das Ende des Romans, womit die Spoiler enden.</p><p>Das alles ist genauso leicht geschrieben wie hier rezensiert, hier wird nicht viel ernst genommen und die Story eher zum Anlass, das ganze Geheimdienstgewerbe samt ihrer staatlichen Auftraggeber zu kommentieren, auszulachen, zu kritisieren und dass da niemand lebend rauskommt, dafür ist Rodney William Whitaker aka Trevanian bekannt. Man amüsiert sich köstlich, es erinnert, nicht nur wegen der epikuräischen Einschübe, an Simmels “Es muss nicht immer Kaviar sein” und im Stil ein bisschen an die “Neal Carey”-Serie von Don Winslow, die, na was für ein Zufall, zur selben Zeit rauskam. Deren Markenzeichen waren eingeschobene dutzendseitenlange Essays zu eher obskuren Themen (Chinesische Geschichte, Punks in London). Das macht Trevanian auch gern, hier in “Shibumi” ist es das Höhlenklettern, im Englischen so schön “Spelunking” genannt, dass bis zum letzten Seilknoten beschrieben wird. Trevanian schafft es dann gerade noch, den Essay zum Thema mit einem späten Plotpoint sinnvoll zu machen, aber selbst ohne dieses Kunststück ist dieser Stil ein sehr angenehmer Throwback in eine Zeit vor den formalistischen Serientrillern des industriellen Whodunnitzeitalters: alle Bücher 360 Seiten lang und genau bei 180 Seiten muss der Midpoint, die entscheidende Wendung, passiert sein. In “Shibumi” philosophiert der Autor zu dem Zeitpunkt noch gelassen über die Herkunft der Baskischen Sprache und wir freuen uns über die Unberechenbarkeit der Be- und Entschleunigung. Es ist alles ein bisschen japanisch. Ach né.</p><p>Gleichzeitig ist es ein interessanter Blick in das Mindset der Achtzigerjahre und abgesehen von der nicht vorhandenen Scheu, Araber, Briten, Amis und alle anderen Drumrum ein bisschen aufs Klischéeis zu führen, ist es durchaus frappierend, wie viele der Aussagen zum Zustand der Politik hellseherisch wirken, bis man merkt, dass man das verkehrtherum sieht - ja, die Politik war schon immer korrupt, lange bevor Techbros dem Präsidenten einen Goldenen Ballsaal bauten, weil der so gut nach ihrer Pfeife tanzen kann.</p><p>Ich sag: “Danke, Heiko, Top Treffer, Spitzenbuch!” und somit auch Nichtjapanreisenden empfohlen.</p><p>Das sah um 2011 herum auch der große Don Winslow so. Irgendwann zwischen den brillanten beiden “Savages” Büchern (damals <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/verarscht">besprochen von Irmgard Lumpini</a>) meinte old Don noch ein Buch einschieben zu müssen, das man heute gemeinhin als Fanfic definiert. Er schreibt in “Satori” die Geschichte von Nicholai Hel weiter, oder genauer, er füllt die Lücken in der Biografie, wie wir sie in “Shibumi” lasen. Und das macht zunächst durchaus Sinn, der Autor des Originals ist lange tot und die erfundene Figur damit verdammt zu einem einzigen Auftritt, was liegt näher als ihm einen weiteren zu geben, und warum nicht von Don Winslow, der, siehe oben, seine schriftstellerische Karriere in ähnlichem Stil begann.</p><p>Leider/zum Glück, je nach Perspektive, hat sich Don Winslow stilistisch weiterentwickelt. Dramaturgisch sind seine Romane deutlich komplexer aber auch zielstrebiger geworden - etwas, was man von “Shibumi” nicht wirklich behaupten kann. Entsprechend groß ist der Bruch, wenn man “Satori” direkt im Anschluss liest. Wo Trevanian sich Zeit nimmt für einen Ausflug in Kommentare zur Weltpolitik oder die gefährliche Welt des Spelunking, füllt Don Winslow die Lücken im Lebenslauf des Nicolai Hel auf und es ist, sorry, “Malen nach Zahlen”. Wo Trevanian uns in Hel’s Lebensgeschichte mit albernem Nonsens unterhält, zum Beispiel der Story, wie Hel zum “Lover der Stufe IV” wurde, inklusive der Beschreibung, was Stufe I bis III sind und wie man diese Skills als Waffe einsetzen kann - und ich muss nicht erklären, dass das alles lustiger Blödsinn ist - langweilt uns Don Winslow mit einer peinlichen Sexszene, die wohl in die Vita von Nico Hel passt, aber leider komplett das Sujet des Originalromans “intelligente Spionagekomödie” verfehlt. Das liegt natürlich daran, dass Don Winslow seit der Neal Carey Reihe ein brillanter Schriftsteller und Storyteller geworden ist, dabei aber an Humor eingebüßt hat. In seinen Spätwerken fallen mir ein paar Szenen mit Sean Callan und Stevie O’Leary, den Teenager-Gangstern aus Hell’s Kitchen in “Tage der Toten” ein, die ein bisschen Slapstick machten, bis alles in ernsthaft blutigen Massakern versank und damit war Schluss mit Lustig.</p><p>Genauso geht Don Winslow auch an “Shibumi” heran und das ist dann halt ziemlich langweilig, Fanfic halt, und ich bin nach einem Viertel im Buch ernsthaft gelangweilt und kann das alles nicht empfehlen.</p><p>Dafür, wie gesagt, umso mehr Trevanians Original “Shibumi”, denn was wäre die Welt ohne Buchempfehlungen?!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/trevanian-shibumi</link><guid isPermaLink="false">substack:post:181057756</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 21 Dec 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/181057756/06c0151b29b7e5d1d034aec6ace53344.mp3" length="10123851" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>633</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/181057756/8c6d3bafa8005acff4eeec0c33e4e5be.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Weihnachtssendung 2025]]></title><description><![CDATA[<p>Wie jedes Weihnachten geben wir Buchempfehlungen für den Gabentisch, meist Bücher, die es nicht bis zur Rezension geschafft haben, aber dennoch absolut empfehlenswert sind. Hier die Liste zum Bestellklicken:</p><p>Irmagrd Lumpini</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/498aW8u">Wildhonig</a> - Jody Picault und Jennifer Finney Boylan</p><p>* <a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Lady-Lake-English-Laura-Lippman-ebook/dp/B07QS5QH53/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&#38;crid=3A4NM3X23AS2I&#38;dib=eyJ2IjoiMSJ9.zhgGZtsfC04r33DKYkiSKLqxTCkk3sIbmKjPKV1okLev5tFMG4-zS6SH2PG3dpRXUhHu2lO5ERTf2YiYjh_cIlCTz3TT_QJsKJ0-t5zw-bCzOs6QXMFBUeGvx4c3INDfltWuq1gUrDMY77kQLJ0AMAjBOW7HeecojAnwou_F-gkPa1lmMqFD6N3Ybip2PyjIwjjMYHbygSJa-78ew3bmyvM2POg48jGkXmrvKCclSEA.mEhaqgo-uks-Atsj1g0avDpXJGxKhXZc6e0kcU3CyMg&#38;dib_tag=se&#38;keywords=the+lady+in+the+lake+laura+lippman&#38;qid=1765706281&#38;sprefix=the+lady+in+the+lake+laura+lipman%2Caps%2C91&#38;sr=8-1">Lady in The Lake</a>/<a target="_blank" href="https://amzn.to/4oSpRbG">Wenn niemand nach dir sucht</a> - Laura Lippman </p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3KWRUIZ">The City We Became</a>/<a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Die-W%C3%A4chterinnen-von-New-York/dp/3608501878/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&#38;crid=2GFFCYZU1WIZ1&#38;dib=eyJ2IjoiMSJ9.p_ed6nRg8nk5jNFrW3mbVujkh8c8iNsbL_tnQheTG4-aB2jTrO3o0pHWwDpeZoxY9BeXr_6Ep8me411NahMkp5UHu4BJHbrYgUtyhMHLrKLfNkEPR9yaI255DjVQbVSdLZXCoTRVD7SjREO-ntJ3MU4rmDcJfpixTR-V8zHU8cTBxo3Bf-T3WIQALSRDM1nTWY8PMfGIYFRdN5uj83x56uZ9HaE_SzWEqxP_15axX2I.R7ci_jskEA0kisulGc6SH0UOu2ul6NtSR3V4c_fP7K0&#38;dib_tag=se&#38;keywords=n.k.+jemisin+Die+W%C3%A4chterinnen+von+New+York&#38;qid=1765706449&#38;sprefix=n.k.+jemisin+die+w%C3%A4chterinnen+von+new+york%2Caps%2C142&#38;sr=8-1">Die Wächterinnen von New York</a> - N. K. Jemisin</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3MU4SaX">Der Stich der Biene</a>/<a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Bee-Sting-Shortlisted-Booker-Prize/dp/0241984408/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&#38;crid=1MS3KDHBSPYGW&#38;dib=eyJ2IjoiMSJ9.CxZpPQQ7yLFNa4RVK7DrjsayXyEAR9pAjRGQGy8HMCF2zIStMVWfpaA4-LtkkRY6eV6PWp8cCGUJtxzuZR0m3PP2k1NNiLzlfd7cXkVUdk7Iyz_MX5M8GhpLOhUjFVDP2u26THhjn66cGSuyV022kDcgvjZLKwc8RUpLK4OL7sERg3wMLqss8Av8EwCnjlGLnUEl6N7D6oyfzUJnuet1oLwiFp0kaTJzDN-QFYO5Wys.VXY6UGa5Wezgr9xTDYcPKrjcIwXPafkO1PHQxGlzaUE&#38;dib_tag=se&#38;keywords=The+Bee+Sting+-+Paul+Murray&#38;qid=1765706320&#38;sprefix=the+bee+sting+-+paul+murray%2Caps%2C103&#38;sr=8-1">The Bee Sting</a> - Paul Murray </p><p>Herr Falschgold</p><p>* Murder on the Marlow Belle/<a target="_blank" href="https://amzn.to/4oM6WiE">Mrs Potts’ Mordclub</a> - Robert Thorogood</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/4oLT088">Roter Mars: Die Mars-Trilogie</a> - Kim Stanley Robinson (1993)</p><p>* Shadow Ticket/<a target="_blank" href="https://amzn.to/4rRqRzm">Schattennummer</a> - Thomas Pynchon</p><p>Anne Findeisen</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/4qc0zX9">In ihrem Haus</a> - Yael van der Wouden</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/4pNuyoc">Wild wuchern</a> - Katharina Köller</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/4rWUak4">No Hard Feelings</a> - Genevieve Novak </p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-weihnachtssendung-2025</link><guid isPermaLink="false">substack:post:181313486</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 Dec 2025 08:17:02 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/181313486/e6a5e8cffdcdae521bc04a4f99e7ec45.mp3" length="32465023" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2029</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/181313486/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Rita Bullwinkel: Headshot: A Novel ]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>das Jahresende naht und alles drängt sich auf ein paar enge Wochen. Zeit also für eine Wiederholung, aber hier sind gleich 2 ganz großartige Bücher, deren wiederholte Erwähnung erst eingestellt werden kann, wenn ihr beide gelesen habt. Es wird dufte, versprochen!</p><p>______________</p><p>Manche Kreise sind groß und schließen sich nach 15 Jahren, wenn auch auf einer höheren Ebene (denn wir wollen nicht denken, dass es mit uns bergab geht, sondern dass wir gelebt und gelernt haben und besser sind): damals stellte ich bei Studio B eine wunderbare Sammlung von großartigen Reportagen von A.J. Liebling über das Boxen vor, die zwischen 1951 und 1955 entstanden und damals im renommierten New Yorker erschienen, bevor sie 2009 im Berenberg Verlag als Sammlung “Die artige Kunst” ins Deutsche übertragen wurden.</p><p>Sommerzeit ist Lesezeit, da sind hier gleich mal 2 Empfehlungen, von ganzem Herzen, ohne jede Einschränkung, auch wenn das Sujet den Leserinnen und Lesern bis heute vielleicht nicht das Interessanteste oder Wichtigste schien. Ernsthaft.</p><p>Während A. J. Liebling Boxkämpfe sah, während sie geschahen und das Fernsehen für den Niedergang dieser neben dem Ringen ältesten Form des Zweikampfes verantwortlich machte, schreibt Rita Bullwinkel in ihrer Debütnovelle “Headshot” - im Deutschen “Schlaglicht” - auf schmalen 250 Seiten über ein fiktives Sportereignis, das im Amateurboxen der Frauen angesiedelt ist.</p><p>Gekämpft wird im “Daughters of America Cup”, in dem Amateurboxerinnen bis 18 Jahre antreten dürfen, Handlungsort ist Bob’s Boxing Palace in Reno, Nevada. “Headshot” behandelt die im “Töchter Amerikas Cup” ab dem Viertelfinale ausgetragenen Kämpfe.</p><p>Viertelfinale bedeutet (wir kennen die Zählweise aus anderen Sportarten), dass noch 8 Sportlerinnen im Rennen um die Trophäe sind, und jeweils die Siegerin der Partie gegen eine andere Siegerin gelost wird.</p><p>Die Kämpfe bilden die Gliederung für das Buch, die jeweils mit den Namen der angetretenen Kontrahentinnen betitelt sind.</p><p>Am ersten Tag finden die Viertelfinale statt, es folgen 2 Kapitel, die mit “Nacht” und “Tiefe Nacht” überschrieben sind, bevor am nächsten Tag die beiden Halbfinalkämpfe und das Finale ausgetragen werden.</p><p>Was die Autorin hier in schlichter Prosa zusammenfügt, ist großartig: sie zeigt - und die Auflistung bedeutet keine Wertung -</p><p>die Körperlichkeit des Boxens und was es für die jungen Boxerinnen bedeutet;</p><p>warum sie Boxen;</p><p>wodurch ihre Wahl für diesen Kampfsport bestimmt wurde;</p><p>wofür sie boxen.</p><p>Rita Bullwinkel zeigt die wenig glamourösen Umstände des Turniers im Nirgendwo, dessen Ort gewählt wurde, weil er angeblich “in der Mitte des Landes” läge.</p><p>Dem Ort - Bob’s Boxing Palace - wohnt eine tiefe Traurigkeit inne, und “Headshot” zeigt, dass das Amateurboxen für Frauen keine Sportart ist, die in reichen Familien eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung für junge weibliche Teenager ist.</p><p>Neben den detaillierten Beschreibungen der Kämpfe finden sich Rückblicke, aber auch Sprünge in die Zukunft. Wir erfahren viel über die Umstände der Protagonistinnen, die sich teilweise vorher kennen, teilweise nicht. Wir lesen, wie ihre Geschichten individuell sind, wie ihre Familien unterschiedliche Haltungen zum Boxen einnehmen, und die einzelnen Teenager unterstützen oder eben auch nicht.</p><p>Was das Boxen für die Einzelne bedeutet, ist dabei teilweise allgemeingültig: es gibt den jungen Teenagern eine Kontrolle über ihren Körper, teilweise aber eben auch sehr individuell, wenn Eine die Familientradition fortführen muss oder eine andere über ein ertrunkenes Kind sinniert, dass unter ihrer Aufsicht im örtlichen Schwimmbad ertrunken ist.</p><p>Dabei entfaltet “Headshot” von Anfang an eine Faszination, die auch durch Rita Bullwinkels Witze, seien sie inhaltlicher oder sprachlicher Natur bestimmt wird.</p><p>Was die Heldinnen von Headshot, Andi Taylor, Artemis Victor, Kate Heffer, Rachel Doricko, Iggy Lang, Izzy Lang, Rose Mueller und Tania Maw erkämpfen, sind nicht nur Sieg oder Niederlage, sondern ihr Platz in der Gesellschaft, der - durch die Rück- und Ausblicke gezeigt - weit über den jeweiligen Boxkampf hinausgeht.</p><p>Was “Headshot” überhaupt nicht verhandelt, ist, ob es überhaupt ok ist, dass junge Frauen boxen. Warum auch.</p><p>“Headshot” von Rita Bullwinkel wurde für den Booker Prize 2024 nominiert, dies nur als Information für diejenigen, die ihre Lektüre durch so etwas beeinflussen lassen (was ich nicht verurteilen würde, irgendwie muss man ja auswählen), aber wenn ihr euch durch die Rezensionen bei Studio B beeinflussen lasst: Lest dieses Buch!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/rita-bullwinkel-headshot-a-novel-6b4</link><guid isPermaLink="false">substack:post:178127210</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Nov 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/178127210/8b9fa3ff5b2d2aceb5ae52762f1ddbe9.mp3" length="5865057" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>293</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/178127210/93e5444a9887d238422f6fc9f2d5a010.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Lautréamont: Die Gesänge des Maldoror]]></title><description><![CDATA[<p>Leider findet sich nicht immer die Zeit, um eine neue Rezension zu schreiben und die Hörerinnen mit neuem Input zu erfreuen. Das liegt zum einen daran, dass es manchmal einfach nicht zum straffen Zeitplan passt und zum anderen, dass gelegentlich auch einfach die Lektüre fehlt, die mich so mitreißt, dass ich unbedingt etwas darüber schreiben will. Passend zum grauen Wetter habe ich daher heute einen alte, bereits vor neun Jahren und ebenfalls im November von mir veröffentlichte Rezension ausgesucht, die es lohnt, noch einmal erneut Beachtung zu finden.</p><p>Bereits im Jahr 1869 schrieb der gerade einmal 23 jährige Franzose Isidor Lucien Ducasse, besser bekannt unter dem Pseudonym Lautréamont, sein Werk „Die Gesänge des Maldoror“, welches 1963 in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erschien. Dieses, sein einziges vollendetes Werk, gilt als Klassiker der Schwarzen Romantik und übte gleichfalls großen Einfluss auf die Surrealisten aus. Der Protagonist Maldoror besingt in sechs Gesängen sowohl seine eigene als auch die Grausamkeit der Menschen, ebenso wie seine Verachtung für den Schöpfer. Meine Rezension möchte ich mit folgendem Zitat beginnen:</p><p><p>„Es liegt die Welt in Scherben,Einst liebten wir sie sehrNun hat für uns das Sterben,Nicht viele Schrecken mehr.“ (1944)</p></p><p>Diese erste Strophe aus Hermann Hesses Gedicht „Leb’ wohl, Frau Welt“, welches 1944 und damit circa 75 Jahre nach Lautréamonts Werk erschien, deutet eine Thematik an, die die Dichter und Philosophen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg beschäftigte und beschäftigt und die auch in unserem Alltag fest verankert ist. Die Medien berichten unablässig über die Gräueltaten der menschlichen Rasse, sei es im kleinen oder großen Stil. Wir sind jedoch nur begrenzt in der Lage, all diese Informationen zu verarbeiten und halten uns bewusst vor der Auseinandersetzung zurück, solange es uns selbst nicht betrifft und vielleicht auch, um darüber nicht völlig zu verzweifeln.</p><p>Anders löst der Protagonist Maldoror dieses Thema für sich. Er, dessen Name so viel wie„Sonne des Bösen“ (Aurore du Mal), oder auch „Vergolder des Bösen“ bedeutet, zelebriert die Abscheulichkeiten und besingt die Bösartigkeiten der Bestie Mensch, nicht ohne dabei auch den Schöpfer ins Gericht zu nehmen, der diese Kreatur erschaffen hat. Maldoror sucht einerseits die Einsamkeit, indem er sich in Höhlen und anderen entlegenen Plätzen aufhält, andererseits braucht er die Gegenwart der Menschen, um seinen abartigen Neigungen zu frönen und den Menschen größt mögliches Leid in Form von beispielsweise Misshandlungen, Vergewaltigungen und Kindsmord zuzufügen. Maldoror sieht das Leben nicht als Geschenk an, sondern als fremdbestimmte Entscheidung, an der er keinen Anteil hat. Er wäre lieber „der Sohn der Haiin […] und des Tigers“ (S. 20) geworden, deren Grausamkeit bekannt ist und die die des Menschen trotzdem nicht im Ansatz übertrifft. Die gottgegebene Fähigkeit zu leiden, sieht er als verdienstreich und als Ideal an.</p><p>Während des Lesens stellt sich die Frage, welches Geschöpf Maldoror selbst eigentlich ist. Zwar wird er im Klappentext des Buches als gefallener Engel, satanischer Verführer und als Verkörperung des absolut Bösen bezeichnet, doch beim genauen Lesen wird deutlich, dass der Satan nicht nur sein Rivale, sondern sogar sein Feind ist. (s. S. 137) Auch die aufkommende Vermutung, dass er ein Vampir sei, negiert er im Text selbst, mit der Begründung: „man hält mich zu Unrecht für einen Vampir, da man Tote so nennt, die dem Grabe entsteigen; ich aber bin ein Lebender“ (S. 198) Ich glaube vielmehr, dass Maldoror als Metapher für das Böse im Allgemeinen gedeutet werden kann. Nämlich für die über die Jahrhunderte und Epochen hinweg herrschenden Übel der Welt, die in immer anderen Gesichtern Unheil bringen.</p><p>Und doch geht es Lautréamont mit seinem Roman nicht allein darum, das Schlechte der Menschen aufzuzeigen. Vielmehr verbirgt sich hinter seiner metaphernreichen Sprache, seinem Radikalismus, seiner Vulgarität und seinen Übertreibungen der Wille, beim Leser den Wunsch nach dem Guten im Menschen zu wecken. Auch sein Protagonist ist nicht das ausschließlich Böse, sondern besitzt Moral, wie sich meiner Meinung nach, an folgendem Zitat zeigt:</p><p><p>„...aber vor allem kommt es darauf an, richtige Begriffe über die Grundlagen der Moral zu besitzen, solcherart, daß jeder von dem Prinzip durchdrungen sein muß, das befiehlt, den anderen so zu behandeln wie man vielleicht selber behandelt werden möchte.“ (S. 201/202)</p></p><p>Die Ambivalenz Maldorors zeigt sich darin, dass er einerseits Freude daran hat, anderen beim Foltern zuzusehen, andererseits aber auch hilft und verachtend auf die Unvernunft und Rachsüchtigkeit der Menschen blickt, während die Tiere dem Menschen in dieser Hinsicht überlegen sind. Der Vergleich mit Tieren, der Wunsch des Protagonisten, selbst ein Tier zu sein, sowie Tiere als Metapher sind ein von Lautréamont häufig genutztes Stilmittel. Den Schöpfer bezeichnet er als hochmütig und als Voyeur, der sich nachts die Träume der Schlafenden ansieht.</p><p>„Die Gesänge des Maldoror“ sind keinesfalls einfach zu lesen, schon aufgrund einer Sprache, die wir heute so nicht mehr verwenden. Wenn der Zugang dazu einmal geglückt ist und man sich sozusagen ‘eingelesen’ hat, ergeben sich weitere Schwierigkeiten. Zum einen die mitunter sehr langen und verschachtelten Sätze, zum anderen die Vermischung von Realität, Traum, Metapher und auch Halluzinatorischen. Oft ist nicht ganz klar bzw. eindeutig mit wem oder wovon Maldoror gerade spricht. Hinzu kommen die Brutalität, Grausamkeit und der Sadismus, mit denen Maldoror agiert und die Lautréamont bewusst einsetzt, um zu schockieren, aber vor allem um zu läutern. Nicht ohne Grund hatte er daher Schwierigkeiten, sein Buch verlegen zu lassen.</p><p>Und doch schafft es Lautréamont, dass der Leser nicht nur Abneigung gegen Maldoror empfindet, sondern sich auch in ihn und seine zutiefst menschlichen Fragen hinein fühlen kann, wie beispielsweise folgende: „Oft habe ich mich gefragt, was leichter zu ergründen sei: die Tiefe des Ozeans oder die Tiefe des menschlichen Herzens!“ (S.24/25) Diese Frage mag zunächst etwas pathetisch klingen, doch der Ozean ist ein wichtiges Motiv im Roman. Denn der Ozean ist majestätisch und birgt eine enorme Tier- und Pflanzenwelt und neben diesen bekannten Dingen auch viele Geheimnisse und unerforschte Stellen. Maldoror geht sogar soweit, ihn, also den Ozean, den ‘großen Junggesellen’ zu nennen, was in diesem Fall eine Bezeichnung für Gott ist und deutlich macht, welchen Stellenwert der Ozean für Maldoror einnimmt. Sein innehalten und seine Gedanken über den Ozean, zählen für mich zu den schönsten Stellen im gesamten Buch, da sie nicht nur Bilder und Assoziationen in mir hervorrufen, sondern auch sehr treffend formuliert sind, weshalb ich an dieser Stelle gern noch einmal zitieren möchte:</p><p><p>„Alter Ozean, du bist das Symbol der Identität: immer dir selber gleich. Im Grunde deines Wesens änderst du dich nicht, und wenn deine Wogen irgendwo in Aufruhr sind, dann sind sie in einer anderen, ferneren Gegend in vollendeter Ruhe. Du gleichst nicht dem Menschen, der auf der Straße stehenbleibt, um zwei Bulldoggen zuzusehen, die sich an der Gurgel packen, der aber auch nicht stehenbleibt, wenn man einen Menschen zu Grabe trägt, der heute morgen zugänglich ist und heute abend schlechter Laune; der heute lacht und morgen weint. Ich grüße dich, alter Ozean!“ (S. 23)</p></p><p>„Die Gesänge des Maldoror“ sind keine einfache Lektüre, nichts das man eben mal so nebenbei liest und doch sehr lesenswert, da sie im Laufe der Zeit nicht an Aktualität verloren haben. Daher möchte ich Lautréamonts einziges, vollendetes Werk unbedingt weiter empfehlen, auch wenn das einmalige Lesen sicher nicht genügt, um es in Gänze zu durchdringen, so doch um zunächst einen Eindruck dessen zu gewinnen, worum es dem Autor ging, nämlich: „um den Leser zu bedrücken und in ihm den Wunsch nach dem Guten als Heilmittel zu wecken.“</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-lautreamont-die</link><guid isPermaLink="false">substack:post:177796252</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 02 Nov 2025 15:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/177796252/88681b888073eee3ff9302b2f73f61fe.mp3" length="9088722" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>454</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/177796252/790eed13e8184727bfebf37c6cfa1fa9.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Dan Brown - The Secret of Secrets]]></title><description><![CDATA[<p>Die Nostalgie ist ein Laster, welchem man sich versagen sollte. Denn für jedes Vergnügen, was uns im “Damals!!” genommen wurde, sagen wir: Rauchen in Flugzeugen, gibt es im Heute Ersatz. Hier: Internet in Flugzeugen! Ja, vorbei sind die Zeiten, in denen man sich in der Flughafenbuchhandlung eine Packung steuerfreie Lucky Strikes und einen dicken Dan Brown holte, um den Transatlantik-Flug zu überstehen. Heute kauft man sich für das gleiche Geld einen Internetpass und kocht sich über den Wolken das Hirn weich mit acht Stunden TikTok-Videos-Swipen. Das ist, zugegeben, deutlich gesundheitsschädigender als eine Schachtel Luckies  (für alle Beteiligten), aber irgendwas ist ja immer.</p><p>Dennoch kann ich nicht umhin, einen Verlust wirklich zu betrauern: den Verlust eines intellektuellen Vergnügens, einer albernen Freiheit, eines ungefährlichen Spaßes. Nein, Axel, Polenböller ist falsch. Es geht um die gute alte Verschwörungstheorie. Noch in den 2000ern habe ich Nächte damit verbracht, mir auf YouTube wilde Vorträge zu 9/11 anzuschauen. Tagelang hatten alte weiße Männer in Hobbykellern CNN-Footage solange zusammengetoastet, bis die Videorealität mit ihrem Weltbild in Kongruenz war und niemand hat sich einen Kopf gemacht, ob man beim Abrufen der Kunstwerke von Youtube getrackt wurde, denn, selbst wenn: Ja, Herr Falschgold kuckt alberne Amateurvideos, big deal. Aber es war auch eine den Kopf erwärmende Übung, sich in die zwei, drei Prozent der Leute reinzuversetzen, die die Filmchen kuckten und sich die Zeit nahmen, absatzweise Kommentare darunter zu schreiben. “Wieviel seines Hirns muss man ausschalten, bis 2+2 tatsächlich 5 ist?”, ist eine faszinierende Frage.</p><p>Zwanzig Jahre später sind all diese Videos aus dem Normalo-Internet getilgt, zu groß ist der Hirnschwund in großen Teilen der Bevölkerung, sie könnte verunsichert werden, glaubt der Bürger doch heute wirklich jeden Scheiß und außerdem muss Platz gemacht werden im Internet für die wirklich manipulativen Kaliber, damit irgendwann auch der letzte Widerständige <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Nineteen_Eighty-Four">fünf</a> Lichter sieht, statt vier.</p><p>Stimmen uns Connaisseure der Kunstart “Verschwörungstheorie” diese Um- und Zustände traurig, wütend oder, s.o., einfach nur nostalgisch, so kann das für die professionellen Createure ruinös werden. Brachte Dan Brown nach seinem ersten Professor-Langdon-Buch “Illuminati” im Jahr 2000 die Fortsetzungen noch alle drei bis fünf Jahre heraus, brauchte er glatte acht für dessen jüngste Geschichte. Sie heißt “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3WZZjcN">The Secrets of Secrets</a>” und ich habe den Roman tatsächlich gelesen.</p><p>Wollen wir doch mal spekulieren: Man kann vermuten, dass Dan Brown 2017, nach Veröffentlichung von Teil Fünf der Serie (”<a target="_blank" href="https://amzn.to/3WVakfw">Origin</a>”), kurz das Bankkonto gecheckt hat und sich an Teil Sechs machte. Kurz vor Fertigstellung zwang ihn dann Corona ins Homeoffice, wie den Rest der Weltbevölkerung. Für einen Schriftsteller ist das kein Problem, aber seine Zielgruppe, die Transatlantikfliegenden, brach komplett weg. Bummer. Wie er sich nun überrascht und leicht gelangweilt durch Facebook klickerte, wird ihm aufgefallen sein, dass die Menge und Verbreitung seines Markenzeichens, seines f*****g Spezialgebietes, des Dinges, in dem doch <em>er</em> die Koryphäe ist: die gemeine Verschwörungstheorie nämlich, dass diese sich so explosionsartig vergrößerten, dass vielleicht, so spekulieren wir, jemand zufällig auf genau die spinnerte Idee gekommen war, die er gerade in Buchform den Millionen schenken wollte. S**t. Was tun?</p><p> Wahrscheinlich (wie gesagt, wir spekulieren hier nur) hat er nochmal von vorn angefangen und eine Story ersonnen, die in eine Gedankenlandschaft passt, wie wir sie alle seit dem Jahr 2020 ertragen müssen, eine Landschaft, die man im allgemeinen mit “Es ist eh alles egal” beschreibt. Weiß ist schwarz, gut ist böse, und alles ist erlaubt. Und alles ist egal.</p><p>Alles? Nun, nicht alles, dachte sich Dan Brown und man muss ihm zugestehen, der Gedanke ist clever: Egal ist, ob sich die Börse von der Wirtschaft abkoppelt und deshalb alle ärmer werden; egal ist, ob sich das Weltklima um 1,5 Grad erhöht, während die USA Windparks verbieten; egal ist, ob Kinder an Masern sterben, weil <a target="_blank" href="https://www.pbs.org/newshour/health/did-a-tapeworm-really-eat-part-of-robert-f-kennedy-jr-s-brain">ein Mann mit Wurm im Kopf</a> Gesundheitsminister der reichsten Nation der Welt ist. Was nicht egal ist, selbst all den Wahnsinnigen, die an den drei vorbenannten Egalismen schuld sind: Ob man den s**t <em>selbst</em> noch erlebt. Einfacher: was niemandem egal ist, ist, dass man früher oder später sterben wird. Und dort setzt Dan Brown an und das ist brillant.</p><p>Das schöne für diese Rezension ist, dass das gerade kein wirklicher Spoiler war, haut uns der Autor das doch so ziemlich auf den ersten Seiten vor die Füße. Wir wissen nur noch nicht: Warum? „Das entwickelt sich!“, wie Manfred Krug <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kuh_im_Propeller#:~:text=ungebildetes%20Volk%E2%80%9C%20erwiesen.-,Wirkung,-%5BBearbeiten%20%7C">sagte</a>, <a target="_blank" href="https://youtu.be/fWdrc-LuGSw?si=T_bsR8iNEUn8Eu7K">damals</a>, und zwar gewohnt rasant. Die Story ist, von ein paar Rückblenden unterbrochen, eine, die sich über gerade mal einen Tag und einen halben erstreckt. Sie liest sich, wie man das von moderner Pageturnerware gewohnt ist, wie das Drehbuch für den zu erwartenden Film, in dem der mittlerweile neunundsechzigjährige Tom Hanks als Prof. Langdon definitiv ein Bodydouble brauchen wird, denn nicht nur rennt der Hauptheld mal locker früh halb sieben über die Karlsbrücke, nein, er rennt auch wieder zurück. Kurz danach schwimmt er dann, leicht unfreiwillig, in der Moldau. Im Februar. Zudem hat er sich verliebt, und zwar in seine ehemalige Professorin, ¡Holla! Wir werden im Kino also extrem weichgezeichnete GILFs sehen, bis uns der fade to black erlöst. Das wird hart. </p><p>Ein Markenzeichen der Serie ist, dass Dan Brown seinen Protagonisten jetsetten lässt, wie seine primäre Zielgruppe. Von Rom, Paris, Florenz geht es diesmal nach, geographisch bewanderte Leserinnen haben es längst punktgenau verortet, ins goldene Prag, in die Stadt der hundert Türme. Wie Beate Baum <a target="_blank" href="https://open.substack.com/pub/lobundverriss/p/beate-baum-kunstgerecht?r=8uyok&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web&#38;showWelcomeOnShare=false">letztens</a> die Dresdner Neustadt als hyperlokales Setting benutzte, um Morde in deren Künstlerinnenmilieu aufzuklären, präsentiert Dan Brown uns auf der ersten Seite des Buches eine Karte der Prager Innenstadt und gibt den Fremdenführer. Im Schatten von Vyšehrad, Prager Burg und Veitsdom passieren die üblichen internationalen Intrigen, muss der Professor sich nur mithilfe seines genialen, rätsellösenden Kopfes aus brenzlichen Situationen befreien; Schießereien, Morde, Verfolgungsjagden halten uns am Ball, all das geschrieben in den mittlerweile üblichen minusklen Kapiteln von ein paar hundert Worten, über 137 sind es am Ende, auf dass man sich zwischen diesen Lesesnacks den Gargrad des Kopfinhalts mit zwei, drei Instareels auf “sehr soft” stellen kann. So soll das sein in einem Pageturner, so verlangt es der Lektor. Dan Browns real existierender bekommt übrigens in der Prof. Langdon Serie nicht zum ersten mal eine prominente Nebenrolle (was ich wirklich nice finde).</p><p>Worauf der ganze Quatsch hinausläuft, ist lange unklar und nicht des Spoilerns Wert, denn die Story hat mit der Verschwörungstheorie nicht wirklich viel zu tun, letztere ist eher Mittel zum Zweck, der Hammer, der das Ding irgendwie passend machen soll. Was nicht heißt, dass Dan Brown nicht eine wirklich überraschende Wendung hat zum Schluss, da ist er schon Profi. Oder eben nicht zum Schluss. Irgendwie war der Lektor schon ein bisschen happy über seine Prominenz im Buch, so dass er sich selbst nicht aus den letzten fünfzig Seiten Abspann streichen wollte, die wir, nachdem schon alles klar war, überstehen müssen.</p><p>Aber vielleicht hat Danny auch darauf bestanden, dass das alles drin bleibt, weil er da nochmal <em>richtig</em> seine Theorien ausbreiten kann. Denn Dan Brown ist, so weit ich das sehe, der einzige Erfolgsautor im Genre, der zu seinen absurden “Entdeckungen” steht und sich nicht dagegen wehrt, wenn Künstler und Werk in einen Topf geworfen werden. Das alles läuft natürlich unter “Anregung, den Status Quo zu überdenken” und ähnlichem Schwurbel (als würden Wissenschaftler das nicht <em>den ganzen f*****g Tag lang</em> machen), und das ist auch OK und war immer harmlos genug, bis es das nicht mehr war, siehe oben. Der zu hinterfragende Status Quo, den er sich in “The Secret of Secrets” herausgesucht hat, ist dankbarerweise ein recht harmloses Stück Pseudoscience. Zusammengefasst lautet seine These: “Die Realität ist nicht wie sie uns erscheint”. No s**t, sherlock. Gefühlt 1/3 aller TED-Talks in den 2010ern drehte sich genau darum. Dan Brown zitiert die üblichen Experimente, nach denen wir z.B. deutlich schneller auf externe Stimuli reagieren, als unser Hirn das eigentlich leisten kann. Er berichtet von den alten Programmen der CIA, in denen man “psychics” für das “remote viewing” züchten wollte, also, ein Medium in Langley verbindet sich mit einem Medium im Kreml und schon weiß LBJ, was Chruschtschow zum Frühstück hat. Er schreckt noch nicht mal vor dem in den 80ern allgegenwärtigen <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fersinnliche_Wahrnehmung">ESP</a> zurück, über das sich schon die brillante TV Serie “The Americans” lustig gemacht hatte. Die Konsequenz aus all dem ist, irgendwie, lest den Humbug bitte selbst, dass wir alle unsterblich sind. Na also!</p><p>All das wird ausgebreitet hinter einem Vorwort, welches behauptet, das alle im Buch erwähnten Experimente real wären. Nur dass halt die wenigsten davon reproduzierbar sind. Das spielt aber keine Rolle, so Dan Brown, denn die übergreifende Theorie im Buch erkläre ganz wundersam, dass all die Experimente gar nicht nachvollziehbar sein <em>können</em>! </p><p>In der Wissenschaft nennt man das einen Zirkelschluss. Ich nenne es einen unterhaltsamen, mittelspannenden Pageturner zum Kopfausschalten in schweren, dunklen Zeiten.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/dan-brown-the-secret-of-secrets</link><guid isPermaLink="false">substack:post:177031964</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Oct 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/177031964/28ba366de33a15c7c88608967cf695fb.mp3" length="10778290" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>539</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/177031964/d8181588036752038866baa8fd8e346b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Kuang, Baum, Ishiguro]]></title><description><![CDATA[<p>(Fast) gerade eben erschienene Bücher finden diesmal in der Nachbesprechung zu den Rezensionen der letzten drei Wochen Lob und Kritik, als da wären:</p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/kazuo-ishiguro-klara-und-die-sonne">Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/beate-baum-kunstgerecht">Beate Baum: Kunstgerecht</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/r-f-kuang-katabasis">R. F. Kuang: Katabasis</a></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-kuang-baum-ishiguro</link><guid isPermaLink="false">substack:post:174744059</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 28 Sep 2025 08:38:01 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/174744059/797e5a3c880e54b6c9c4678e1d5f9f53.mp3" length="48951423" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>3059</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/174744059/f436d87c08e4a2c890e617c39cd4fca6.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Zwischen den Faschismen]]></title><description><![CDATA[<p><em>Ja, laut der Lob-und-Verriss-Regeln ist heute eigentlich die Studio B Diskussionsrunde zu den rezensierten Büchern der letzten Wochen dran, aber da ja heutzutage eh jeder macht, was er will.. oder vielleicht auch, weil Teile des Kollektivs nochmal im Urlaub waren: hier ein optimistischer Einwurf von Herrn Falschgold. Die Diskussion wird dann am nächsten Sonntag, dem 28.9. ausgestrahlt.</em></p><p>Wenn US-Präsident Trump in ein paar Tagen "Antifa" verbieten lassen wird (was immer "Antifa" sein soll und was immer "verbieten" in einem Staat ohne funktionierende Judikative bedeutet), werden wieder die Semantiker in den Medien unterwegs sein und wortakrobatisch vermeiden, einen Staat "faschistisch" zu nennen, der "Antifaschisten" verbietet. Ist ja auch komplex. Es wird uns alle an die Mutti erinnern, die der neuvegetarischen Tochter das Hähnchenbrustfilet auf den Teller knallt mit den Worten "Huhn ist kein richtiges Fleisch" und es wäre faszinierend zu beobachten, wenn es auf Netflix geschähe und nicht auf CNN.</p><p>Aber warum sollen nur alle Menschen ever in beschissenen Zeiten gelebt haben - wir sind nicht besser, wir haben das nur 80 Jahre lang gedacht.</p><p>Was zu tun ist, was zu vermeiden, um die aktuelle Spielart der Diktatur doch noch zu verhindern, schreiben seit Jahren genug Leute. Der (Techno-)Faschismus, wie alles Böse, wird auch wieder gehen und dass auf der anderen Seite des bloody rainbow die Sonne lacht, sieht man im Geburtsland des richtigen Faschismus. Nein, in Berlin scheint bis Mai keine Sonne mehr, falsch assoziiert, denn Hitler hat beim Duce doch nur abgeschrieben und somit ist hier die Rede von einer italienischen Stadt, die wie schaumgeboren aus den Ruinen der alliierten Bombardierung auferstand und sehr zu Unrecht mit Massentourismus und piefigen Spätpiefkes in Verbindung gebracht wird: Rimini.</p><p>Der Ruf des Antiurlaubsortes kommt von stinkenden, überhitzten Käfern in Kolonne, wie sie in den Fünfzigern über die Alpen kamen wie Hannibal, nur schlechter gelaunt, und von bitterbösen deutschen <a target="_blank" href="https://www.imdb.com/de/title/tt0095579/">Filmkomödien</a>. Zumindest außerhalb der Saison ist das in 2025 alles weit, weit von der Realität entfernt. Jetzt, im September, sind hier nur Rentner, die Strände sind frei von Schulkindern und doch noch im Vollkomfort der durchnumerierten Bagni. Liegen, Schirme, Duschen, Kabinen in Konstellationen angeordnet, wie sie nur jahrzehntelange Optimierung hervorbringt und sind dabei kommunal, mit Gemeinschaftsküche, Klo mit Schlüssel und von jedermann ein freundliches Wort. Jeder kennt sich und nach zwei Tagen auch mich.</p><p>Architektonisch wird, wer Massentourismus in Rimini mit Hotelburgen assoziiert, enttäuscht werden. Die "Burgen" hier sind ähnlich der "Wolkenkratzer" im New York zur 19. Jahrhundertwende: (k)ein Haus ist höher als zehn Stockwerke, die meisten eher sechs bis acht. Gebaut sind sie zwischen 1950 und 1990, was im heutigen Zeitgeist wieder als "schick" gilt.</p><p>Und wenn man dann z.B. in einem Haus aus dem Jahr 1973 wohnt, sieht man, wofür man zwischen den Faschismen so alles Zeit und Raum fand: Portierslogen, die heute noch besetzt sind zum Beispiel. Für 60 Mietparteien lohnt es sich, dass man jemanden hat, der sich permanent um das Haus kümmert, früh mal das fallende Laub wegkehrt, die Mülltonnen leert und die Zeit für einen Schwatz findet, mit den alten und jungen Ladies im Haus. Im Le Corbusier - Style baute man Balkone für jeden und Veranden für alle dran, hat im Erdgeschoss Platz für kleine Läden geschaffen, alle in Privat- oder Familienbesitz: das Café, der günstige Imbiss, der Friseur, und diese Komfortzonen steigern neben der alltäglichen Sonne, der Temperatur und dem Meer die Laune der Einwohner so derart, dass man auch als AirBnB-Made freudig gegrüßt wird und schon am zweiten Tag im Café jeder weiß, was man früh trinkt und ißt.</p><p>Das ist so ziemlich das Gegenteil von Massentourismus und damit anempfohlen und wenn das in Miami nach dem möglichst grausamen Ende des aktuellen Diktators badeorttechnisch genauso gut läuft, schau ich gerne mal vorbei. Bis dahin bleibt es bei: Rimini.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/zwischen-den-faschismen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:174030290</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 21 Sep 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/174030290/47f63b9fb76bdcc26acbb89640dd5a1f.mp3" length="5038143" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>252</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/174030290/cefc50192f76096c99f74b797e1680a3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[R. F. Kuang: Katabasis]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>vor knapp 2 Jahren wurde an dieser Stelle mit großer Begeisterung Rebecca F. Kuangs Werk "<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/r-f-kuang-babel-or-the-necessity">Babel. Or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translator’s Revolution</a>" vorgestellt.</p><p>R. F. Kuangs neuer Fantasyroman "Katabasis" ist eine neue Schrift in der Reihe der klassischen Höllenromane und -beschreibungen, die wir längst nicht alle gelesen, von denen wir aber immerhin die Titel und vielleicht noch eine Synopsis gehört haben: Dantes "Inferno", in dem der Schriftsteller selbst, geleitet vom Poeten Virgil, die Kreise der Hölle durchschreitet um am Ende der Hölle zu entfliehen. Oder auch die Geschichte von Orpheus und Eurydike, die weniger erfolgreich verlief, denn obwohl der Deal zur Wiederauferstehung von Eurydike klar war, musste sie doch zurückbleiben, weil sich Orpheus auf dem Weg nach draußen nach ihr umdrehte.  Dann gibt es noch die Sage über Äneas, der nach dem Fall Trojas flieht und auf seinen Irrfahrten mit der Seherin Sybille in die Unterwelt hinabsteigt. Dies sind nur einige Beispiele über die Reise in die Unterwelt/Hölle/Hades/Inferno mit anschließender Wiederkehr.</p><p>Und auch R. F. Kuangs Heldin in "Katabasis" - doch eher hemdsärmelig Alice Law genannt, wird nicht alleine in die Unterwelt reisen. Warum sie die Reise überhaupt plant: Alice arbeitet in Cambridge an ihrem Doktortitel. Für ihr Ziel (universitärer Erfolg und eine entsprechende Laufbahn) hat sie sich einen als "schwierig" geltenden Doktorvater herausgesucht: Prof. Jacob Grimes. Dessen Seele hat sie bei einem Experiment aus Versehen in die Hölle geschickt. Während des Experiments ist sein Körper explodiert. Danach hat sie ihre Spuren beseitigt und das Ableben des Professors wurde als tragischer Unfall eingestuft, weil das Pentagramm, in dem er sich befand, nicht ganz durchgängig gezogen war. Klingt vielleicht hanebüchen, macht aber Sinn: Alice studiert analytische Magie (im englischen Original hübsch als "Magick" statt des üblichen "Magic" bezeichnet) und ihr Professor wurde durch den Fehler im Pentagramm in die Hölle geschickt.</p><p>Die eigentliche Katastrophe ist aber, dass Alice dessen Empfehlungsschreiben und ihren Doktortitel braucht, um den eingeschlagenen Weg der akademischen Karriere fortsetzen zu können. Es steht also ihre gesamte Karriere auf dem Spiel - und wenn man betrachtet, wie viel Zeit und Aufwand sie hineingesteckt hat, dann kann sie gar keine andere Wahl sehen: sie muss einen Weg finden, Prof. Grimes aus der Hölle zurückzuholen. Erfolgreiche Beispiele gibt es zuhauf: siehe die oben aufgeführte Literatur.</p><p>Magick ist ein sich am Rande des universitären Betriebes befindlicher Forschungszweig, dessen große Tage hinter ihm liegen: die Erfindung des nie versiegenden Wassers oder des nie endenden Brotvorrates halfen einst, den Krieg zu gewinnen. Spätere als “Zirkus” verunglimpfte Experimente nahmen der Forschung das frühere hohe Ansehen.</p><p>Funktionsgrundlage der Magick sind Paradoxe philosophischer und mathematischer Natur. Entscheidend für den Erfolg der Magick ist jedoch die Überzeugung, dass es funktioniert. Ein gerade heute im kapitalistischen Krisengeschehen nicht selten hochgelobtes Konzept: deine Einstellung (neudeutsch Mindset) entscheidet über den persönlichen Erfolg.</p><p>Die Verquerung dieser Konzepte, die teilweise an den Neusprech von “1984” erinnern, ist die Grundannahme der Prinzipien des universitären Betriebs, insbesondere im Fachbereich der Magick: Verzicht ist Gewinn, Ausbeutung ist eine ehrenhafte Sache, die Herabwürdigung ist ein Kompliment. Unter diesen Annahmen, die den Beteiligten umfassend eingeimpft wurden, dauert es überraschend lange, bis es langsam ins Bewusstsein tröpfelt, dass diese ausbeuterischen, grausamen Verhältnisse etwas sind, bei dem man eigentlich gar nicht gewinnen, sondern nicht mehr mitmachen möchte. Aber gut, in den vergangenen Jahrhunderten gab es auch Zeiten, als Menschen als "gottgesandt" eingestuft wurden, 12-Stunden-Tage in der Fabrik als gottgegeben, der Platz einer Frau am Herd, aber niemals an der Universität, und als sich das dann änderte, ewige und große Dankbarkeit für die Brosamen erwartet wurde. Wie vermutet, ist die Welt, aus der Alice Law in die Unterwelt hinabsteigen möchte, keine schöne. Ihr Streben darin ist zweifelhaft, aber vielleicht verständlich, wenn man selbst drin gesteckt hat.</p><p>Wenig überraschend kommt nun also noch ein anderer Doktorand hinzu, Peter Murdoch. Der hat eine ganz andere Motivation als Alice, aber es braucht (siehe die ersten Absätze) unzweifelhaft einen Gefährten, wenn man sich entschließt, sich auf den Weg in die Hölle zu machen.</p><p>Wie dieser genau aussieht, und was eine*n erwartet, ist dabei ein Streitpunkt zwischen beiden. Quellen für ihre Standpunkte sind die literarischen Überlieferungen. Denn wenn diese existieren, ist dies der Beweis, dass es möglich ist, den Hades wieder zu verlassen. Die unterschiedlichen Wege sind alle möglich, die Reise wird unternommen. Die Erlebnisse genauer zu beleuchten wäre zu spoilern. Bui!</p><p>Bleibt die Frage: ist es eine Empfehlung? Die einen sagen so, die anderen so. Persönlich hatte ich bei “Babel” mehr Erkenntnisse, Überraschungen, Genuss. Trotzdem: Empfehlung, denn warum denn nicht ein Fantasyroman, der Auswege zeigt, denn die Hölle: das sind die anderen (und wir sind dabei).</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/r-f-kuang-katabasis</link><guid isPermaLink="false">substack:post:173830624</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Wed, 17 Sep 2025 09:23:03 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/173830624/382f756bf98ecb81d1c1ebf1d6dc3b29.mp3" length="8480959" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>424</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/173830624/2149ee574cda54a7e4949df958b3d9af.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Beate Baum: Kunstgerecht]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Oft schweifen wir im Studio B mit unseren Rezensionen verschiedener Romane in die Ferne und widmen uns dabei Autorinnen verschiedenster Länder. Zwar kommt es, wie kürzlich geschehen, vor, dass uns dabei gelegentlich auch deutsche Schriftstellerinnen unterkommen, doch das Werk einer Autorin aus Dresden haben wir bzw. ich – soweit ich mich erinnern kann – erst einmal besprochen. Dabei passt ein bisschen Lokalkolorit ja eigentlich ganz gut zum Studio B, waren die Sendungen doch, bevor es Substack, Spotify und Co. gab, zuerst beim in Dresden ansässigen Radiosender coloRadio zu hören und sind es auch immer noch. Beate Baum, deren Roman <em>Kunstgerecht </em>ich im Folgenden besprechen möchte, ist Schriftstellerin und Journalistin und unter anderem bei den <em>Dresdner Neueste Nachrichten </em>als freie Mitarbeiterin tätig. Zwar stammt sie gebürtig aus Dortmund, doch wie ich ihrer Webseite entnehme, lebt sie bereits seit 1998 in Dresden. Wie sehr sie sich selbst mit der Stadt verbunden fühlt, wird nicht zuletzt aus ihrer Reihe der Dresden-Krimis deutlich, in denen sie sich mit ihrer Protagonistin Kirsten Bertram ein Alter Ego geschaffen hat. <em>Kunstgerecht </em>stellt dabei schon den zehnten und aktuellen Band dar, der in diesem Jahr veröffentlicht wurde.</p><p>Es mag nun etwas merkwürdig anmuten, wenn ich sage, dass ich keinen der anderen vorhergehenden Teile bisher gelesen habe und Herr Falschgold schlägt angesichts solchen Verhaltens im Normalfall die Hände über dem Kopf zusammen. Ich ging also unbedarft an die Lektüre und dachte mir, wenn eine Reihe gut geschrieben ist, werden sich die Zusammenhänge und Figuren, zumindest bis zu einem gewissen und notwendigen Grad, der Leserin auch so erschließen. Und so war es auch.</p><p>Kirsten Bertram, die Protagonistin des Romans, arbeitet als Journalistin bei einer Dresdner Zeitung und lebt zusammen mit ihrem Mann Andreas Rönn, der als freischaffender Journalist tätig ist, in der Dresdner Neustadt. Den Ausgangspunkt des Romans bildet ein Treffen zwischen Kirsten und ihrem guten Freund Victor, in dem er ihr berichtet, dass sich im Besitz seiner Nachbarin, Marion Schneider, ein Bild des bekannten Künstlers und ehemaligen Geliebten Markus Zwönitz befindet, welches sie verkaufen möchte. Grund dafür sind eine Erkrankung und ihre Minirente, von der sie ihr Leben bestreitet und die sie sich durch die Veräußerung des bisher unbekannten Kunstwerks aufzubessern erhofft. Dies gestaltet sich aber insofern schwierig, da der Künstler sehr zurückgezogen lebt und schwer greifbar ist und all seine geschäftlichen Angelegenheiten über seinen Privatsekretär Dietmar Heldt vollzogen werden. Auch Heldt wird als nicht sehr umgänglich beschrieben und Victors Bitte an seine Freundin Kirsten besteht im Grunde darin, dass sie aufgrund ihres Hintergrunds als Kulturredakteurin zwischen den Parteien vermitteln soll. Zumal das besagte Kunstwerk bereits als echt verifiziert und von einer Galerie geschätzt wurde.</p><p>Was Beate Baum aus dieser anfänglichen Story entwickelt, ist aber kein Krimi, wie ich ihn klassischerweise erwartet hätte. Zwar finden sich im Fortgang der Geschichte Motive wie ein Mord für den Kirstens Freund Victor in Untersuchungshaft genommen wird, was Kirsten wiederum dazu veranlasst, eigene Recherchen anzustellen, die dem Geschehen ihre Dynamik verleihen. Dabei geht es aber nicht allein darum, ein Verbrechen aufzuklären, vielmehr ist es die Verknüpfung verschiedener Thematiken. Da wäre zum Einen die Arbeit als Journalistin. Während Kirsten normalerweise eher in ihrer Redaktion tätig ist, arbeitet ihr Mann Andreas als freier, investigativer Journalist, der sich in seinen Artikeln viel mit dem rechten Spektrum befasst, wodurch er und auch seine Frau, allein schon weil sie zusammen leben, sehr realen Gefahren ausgesetzt sind, die sich beispielsweise in Drohungen, aber auch Übergriffen und Sachbeschädigung äußern. Lassen wir dieser Tage unseren Blick beispielsweise nach Israel schweifen, wird umso deutlicher, dass diese Beschreibungen keineswegs fiktiv sind, sondern Mitarbeitende der Presse gezielt attackiert werden und ihre Arbeit teilweise unter Lebensgefahr ausüben. Welche Auswirkungen diese extremen Stresssituationen haben können, beschreibt Beate Baum exemplarisch an ihrem Protagonisten Andreas, der in Folge eines Herzinfarkts zunächst auf die Intensivstation und anschließend zur Reha muss. Dies verknüpft sie gleichfalls mit der Frage nach einer gesunden Lebensweise, denn, so ehrlich müssen wir sein, ist der Grund für seinen gesundheitlichen Zustand auch ein wenig hausgemacht.</p><p>Ein weiteres Thema entfaltet sich um den Maler Markus Zwönitz und seine in der DDR aktive und subversive Künstlergruppe <em>Abseits</em>, welche gemeinsam Ausstellungen organisierte, in Dresden Bedeutung erlangte und sich wenig um Konventionen scherte, letztlich aber auseinanderfiel und im Roman bis zum Schluss Grund für Spekulationen liefert, was neben den bekannten Fakten zum Konflikt der einzelnen Mitglieder insbesondere zu dem am meisten zu Ruhm gelangten Zwönitz führte. Auch in diesem Punkt fällt es nicht schwer, reale Bezüge zu knüpfen. Ebenso wenig wie zu Motiven, die immer wieder mehr oder weniger eingestreut werden und sich auf Themen wie Gentrifizierung, soziale Gerechtigkeit und Miteinander und das Erstarken von rechten Parteien beziehen und die unausweichlich Einfluss auf unser Leben haben.</p><p>Schauplatz dieser verschiedenen Komplexe und Handlungen ist die Stadt Dresden und teilweise auch das Umland, genauer gesagt Bad Schandau. Dabei beschreibt Beate Baum vor allem das Leben in der Neustadt mit den realen Orten wie Bars, Restaurants, Kultureinrichtungen usw. originalgetreu, so dass jeder, der diese Plätze kennt, sie sofort vor Augen hat und keine Imagination braucht. Für jene, die sie nicht kennen, bleiben sie möglicherweise etwas gestaltlos, oder wurden in den neun Bänden vorher schon beschrieben, die ich nicht gelesen habe und als Bewohnerin der Stadt glücklicherweise auch nicht brauche, um sie mir vorzustellen. Atmosphärisch eingebettet ist das Geschehen in einen heißen Sommer, dessen Tage mit drückender Hitze und Nächte, die wenig Abkühlung versprechen, durch viele kleine Beschreibungen beim Lesen nahezu spürbar werden.</p><p>Letztlich ist <em>Kunstgerecht </em>ein gut durchdachter Roman, der die eine oder andere Wendung bereit hält, thematisch vielschichtig ist, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren und sicherlich für in Dresden lebenden Menschen und alle, die die Stadt gut kennen, noch einmal einen besonderen Reiz hat. Und für alle, die sich über den Titel wundern und es wie ich nicht wussten: Kunstgerecht ist ein Adjektiv, das so viel wie <em>fachmännisch</em> oder <em>genau in der richtigen Weise </em>bedeutet. Ob das wohl die Intension von Beate Baum war? Lest selbst.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/beate-baum-kunstgerecht</link><guid isPermaLink="false">substack:post:172607931</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 07 Sep 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/172607931/89493168793161a83fbdf70afa0c340a.mp3" length="8623600" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>431</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/172607931/c0ecf7def252c7b0bade8fdd4f4c5ad1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne]]></title><description><![CDATA[<p>Kürzlich stolperte ich über diese <a target="_blank" href="https://fivebooks.com/best-books/science-fiction-novels-recommended-by-scientists/">Liste</a> mit "Fünf Must-Read Büchern" und diesmal ging es um "Science Fiction, empfohlen von Wissenschaftlern". Nerd, der ich bin, hatte ich vier davon schon gelesen und irgendetwas bewog mich dazu, mich der Lobpreisungen der Anne Findeisen zu erinnern und, obwohl bisher enttäuscht, sagte ich mir, gehen wir also nochmal in einen Kazuo Ishiguro rein, ich meine, der Mann ist Literaturnobelpreisträger. Der Name des empfohlenen Werkes: "Klara und die Sonne".</p><p>Wie es sich (für mich) gehört, ohne das Lesen von Klappentexten, Einführungen oder gar Rezensionen, wusste ich nicht im Ansatz, worum es geht, doch mit ein bisschen Detektei war bald klar, "KF"s, wie die zunächst hauptsächlich handelnden Personen genannt werden, sind keine solche - es sind <em>Künstliche Freunde</em>, in einem Spezialgeschäft zum Kauf angebotene Androiden, gedacht als Begleiter für die Kinder reicher, wohlangesehener, berufstätiger Menschen.</p><p>Wir verstehen, das Konzept der KFs muss eingeführt werden, wir lernen zwei Exemplare kennen, die eine etwas dumm und desinteressiert, die andere, Klara die künftige Hauptheldin, hyperaufmerksam und ungewöhnlich intelligent, wir sehen die Welt durch ihre Augen, ein enger Straßenausschnitt, ein Hochhaus, eine Baumaschine; aber die vierte Beschreibung des beschränkten Ausschnittes einer Straßenszenerie aus der Sicht der künstlich freundlichen Schaufensterpuppen ist nicht interessanter als die dritte. Wann geht's nun endlich los?</p><p>Schlussendlich, ein paar dutzend Seiten im Buch, wird KF Klara gekauft, von der Mutter von Josie und es kommt leicht Fahrt in die Geschichte und damit wir hier nicht ins Spoilertrauma geraten, lassen wir diese im Buch geschehen und nicht in der Rezension und kommen zur viel, viel interessanteren Frage:</p><p>Ist Herr Falschgold ein Zoni aus dem literarischen Hinterland?</p><p>Man muss nicht jeden Literaturnobelpreisträger kennen und schon gar nicht jedes Preisträger Biografie studieren, aber man kann schon wissen, dass nicht jeder Schriftsteller mit einem japanischen Namen aus Japan kommt, point in case, Kazuo Ishiguro. Der wuchs in England auf und schreibt schon immer auf Englisch, was die Frage des Herrn FG nach der Ursache der seltsam schlechten Übersetzung des Romans aus <em>dem Japanischen</em> zunächst in eine herrlich peinliche Richtung führte. Das diskutierte er gottlob mit sich selbst und seinen verschiedenen Suchmaschinen- und AI-Chatbot-Abonnements, die ihm, wie sich das für derlei Geräte in 2025, wie für die KFs im Buch, gehört, zunächst in allen seinen Meinungen und Vorurteilen bestätigten: Ja, sagte <a target="_blank" href="https://claude.ai/share/5fd9c82c-4d98-4081-a1fb-76f92534d643">Claude</a>, im Japanischen gibt man Kleidungsstücken gerne einmal Eigenschaften wie "hochgestellt", was ja eher den Träger charakterisiert und das ist zweifellos schwer übersetzbar, ergo, so die KI, ein "hochgestellter Anzug" sollte nicht so genannt werden! Dass es im Deutschen die durchaus gebräuchliche Bezeichnung "vornehm", zum Beispiel bei einem Kostüm gibt, kam weder der LLM noch dem Rezensenten in den Sinn, das hätte ja die Grundannahme in Frage gestellt.</p><p>Was nichts an der Tatsache ändert, dass ich mit der deutschen Übersetzung, vermeintlich aus dem Japanischen, überhaupt nicht zu Rande gekommen bin. Ja, ich schob es auf die Inkompatibilität des Japanischen zu westlichen Sprachen und hatte mich aufgrund dieser Annahme bewusst entschlossen, die deutsche Übersetzung zu lesen - warum soll man ein Buch sprachlich zweimal verschieben, einmal von der Übersetzerin und ein zweites Mal im Kopf? Aber so unlesbar war das Werk, dass ich denn doch mal die englische Version holte, um zu schauen, ob dort besser gearbeitet wurde und stoße dann auf die <em>offensichtliche</em> <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Klara_und_die_Sonne">Information</a>, dass "Barbara Schaden[..] den Roman "Klara und die Sonne" von Kazuo Ishiguro aus der englischen Sprache ins Deutsche übersetzt…" hat.</p><p>Ok, da wird vieles klarer, denn das starre Subjekt-Prädikat-Objekt des Englischen und die generelle Abneigung dem Schachtelsatz gegenüber machen das vermeintlich japaneske Stakkato der Sätze erklärbarer und wenn man die dann genauso fantasielos und ohne Rücksicht auf Wortwiederholungen ins Deutsche prügelt, kommt das raus, was der Leser der deutschen Übersetzung von "Klara und die Sonne" durchleiden muss: Starre, unnatürliche Formulierungen, die grammatikalisch sicher richtig sind, aber so im Deutschen nicht gesprochen werden. Denn Kazuo Ishiguro schreibt ein seltsames Englisch. Zumindest in "Klara und die Sonne". Er scheut die Wiederholung nicht, er schreibt der Sonne ein Geschlecht zu, was im Englischen möglich, aber höchst ungewöhnlich ist (und für deutsche Ohren umso mehr, als dass diese im Englischen männlich beartikelt wird). Es werden angesprochene Personen im Satz in die dritte Person gesetzt, es werden ausgedachte Eigennamen eingeführt und bleiben unerklärt.</p><p>Nachdem es mir ein paar Tage auf der Zunge lag und im Hinterkopf hin- und herschepperte, kam ich dann drauf, an welches Buch mich das Ganze erinnert: An das letztens hier besprochene "Narrenschiff" von Christoph Hein. Ok, "recency bias" heißt das in der Fachsprache, es gibt sicher bessere Beispiele, aber die Beschreibungen der Welt von Klara und ihrer Sonne sind für mich als, vielleicht hinterwäldlerischen Zoni, so steif und formalistisch, so unverständlich wie für einen Wessi die Nomenklatura, die Begriffe, die Namen in der DDR. Und während ich bei Christoph Hein die "Kunstsprache" SED-Deutsch verteidigt habe, oder wenigstens zu "Kunst" erklärt, tu ich mich hier schwer. Ja, Kazuo Ishiguro will uns eine Welt nahebringen, in der künstliche Helfer genetisch verbesserte Kinder in einer streng hierarchischen Gesellschaft betreuen und dass diese künstlichen Helfer nicht den größten intellektuellen Spielraum und -willen haben, will vermittelt sein. Es ist ein wenig wie die Erzählung einer Welt aus der Sicht und mit der Sprache eines Kindes. Kann man machen, aber mir verdirbt das den Lesegenuss.</p><p>Wie angedeutet, besonders unverständlich im zweifachen Sinne sind die Eigennamen. Da gibt es Bürogebäude, Baumaschinen, Universitäten, die ausgedacht sind, aber real sein könnten, so real, dass man sie kurz googelt und merkt, dass Ishiguro das auch getan und englisch klingende Namen solange variiert hat, bis er keine Ergebnisse mehr gefunden hat. Ok, kann man machen. Aber dann sollte man doch irgendeinen Hinweis hinterlassen, was diese "Atlas Brookings” Uni darstellen soll, in die ein Nebenheld aufgenommen werden möchte: ist es eher Oxford oder Berkeley, Yale oder Stanford. Genau die gleiche Frage stellt sich, wenn ein Gebäude zehnmal im Buch erwähnt wird, sodass man als Leser denken muss, dass das irgendwie wichtig wäre. Aber nichts wird erklärt, kein Kontext nirgendwo.</p><p>Ich habe am Ende sogar gecheckt, ob "Klara und die Sonne" vielleicht Teil einer Buchreihe ist, wo man voraussetzen kann, dass die Leserin weiß, was die Eigennamen bedeuten. Nein, ist es nicht, es wird einfach nicht erklärt und man liest als Leser immer ahnungsloser durch einen Roman, der keinen Sinn ergibt. Das betrifft nicht nur Eigennamen. Auch die Verben "gehoben" und "ungehoben" ("lifted/unlifted" im Englischen) als Adjektiv für Kinder, bleiben bis weit nach der Hälfte des Romans unerklärt, was eine künstlerische Entscheidung ist, nur halt keine gute - speziell, wenn man das dann in einer Übersetzung liest und davon ausgehen muss, dass hier Sinn verloren gegangen ist.</p><p>Dazu kommen fragwürdige Entscheidungen im Setting: Jede Fiktion braucht ein klein wenig Übersehen von Lücken in Konzeption oder Handlung, aber ein KI-gesteuerter Android in der Zukunft, der ein Telefon als solches nicht erkennt und es Rechteck nennt, ist ein bisschen viel verlangt. Mütter, Kinder, Väter schauen in ihre Rechtecke, Gartentore sind Bilderrahmen, harmlose Baumaschinen die Ursache globaler Umweltverschmutzung und so wird dann der Weg bereitet, dass der solarbetriebene Android die Sonne für einen Gott hält, dem es, wenn man ihm nur genug Opfer bringt, ein Leichtes ist, ein todsterbenskrankes Kind zu retten (sorry für den Spoiler). Klingt als Elevatorpitch irgendwie stimmig, nach 350 Seiten weiß man dann - leider nur als dieser.</p><p>Dabei wäre das Ganze zu retten gewesen, die Story ist eine hervorragende Basis für philosophische Betrachtungen. Nicht nur über Künstliche Intelligenz und deren Servilität und dem Nach-dem-Mund-reden. Wie wir (viel zu spät) lernen, sind alle "gehobenen" Kinder genetisch verbessert, warum nimmt der Autor diesen Handlungsstrang nicht auf? Und es dienen in der Buchwelt Androiden nicht nur der Kinderbetreuung, sondern haben auch viele Menschen arbeitslos gemacht (wir lernen das buchstäblich in einem Nebensatz und hören nie wieder davon). Und man kann und muss über die Normalisierung unser aller Interaktionen mit künstlichen Intelligenzen sprechen, siehe oben, was, zugegeben, im Jahr 2020 noch kein etabliertes Phänomen war, aber, Kazuo Ishiguro schreibt hier Science Fiction, wie toll wäre es gewesen, wäre er darauf gekommen!</p><p>All das passiert nicht, die Sprache ist anstrengend, die Story nicht inspiriert, der Tiefgang, er fehlt. Was uns leider zu einem harten Urteil führt: Man muss "Klara und die Sonne" weder wegen der Story noch der Sprache lesen und auch die philosophischen Ideen muss die Leserin leider in sich selbst finden und das geht einfacher draußen, unter der realen Sonne, solange sie noch scheint, als in ein Buch versunken, welches keine dieser Ideen aufnimmt.</p><p>Sehr schade.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/kazuo-ishiguro-klara-und-die-sonne</link><guid isPermaLink="false">substack:post:172341691</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 31 Aug 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/172341691/e2c1a86d559f12bb29327e9c22884209.mp3" length="10799065" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>540</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/172341691/6e45311ee691732a642a04b77d9a56af.jpg"/></item><item><title><![CDATA[ Architekturbiennale 2025]]></title><description><![CDATA[<p>Ich war mal wieder auf der Biennale in Venedig, die nach dem Zeigen von (hervorragender) Kunst in 2024, in diesem Jahr architekturinteressierte Besucher anlocken möchte, um die Stadtkassen zu füllen; 10 € Eintritt kostet <em>Venedig</em> aktuell pro Person, die Biennale 25 € . Man könnte fast meinen, das Studio B Kollektiv reihe sich absichtlich Jahr für Jahr ein in den Tross der Venedig-Biennalebesucherinnen: die Männer uniformiert in weißen Leinenhosen und Panamahüten, die weiblich gelesenen Kulturmenschen in wehenden floralgemusterten Sommergewändern mit einem Sonnenschirm in der Hand, den man post-sale mit einem bequem vertretbaren politischen Statement hat beschriften lassen.</p><p>Alles falsch gedacht, waren Teile der Lob- und Verrissbrigade doch einfach nur in der Emilia-Romagna, genauer in ihrem kulinarischen Epizentrum Bologna, in dem alles, wirklich alles, schmeckt, wie in der Werbung; außer der Bolognese, die man noch so edel "Ragù" nennen kann und die doch eine unterwürzte Hackfleischsoße bleibt, egal auf welchem Restaurantniveau man sich bewegt. Das ist aber kein Beinbruch, getraut sich doch kein Bologneser, ein Restaurant zu eröffnen, ohne selbstgemachte Tagliatelle (und Unterarten) auf den Tisch zu bringen oder ein Kotelett à la Bolognese (suuuuuperdünnes Kalbskotelett mit Parmaschinken und Parmesan überbacken in, really, Soße), kurz: man kann ohne verstärkte Besuche des lokalen Fitnessklubs vor und nach dem Urlaub einen solchen nicht angehen. Unterstützend sollte es schon vor Ort und zwischen den Fressereien heißen: Bewegung, Bewegung, Bewegung! Aber das ist in Bologna kein Aufruf, das ist ein Imperativ, existieren große Teile der Innenstadt doch heute noch in ihrer mittelalterlichen Struktur. Und dennoch versucht man 10 Buslinien durch die engen Straßen zu jagen, was spektakulär fehlschlägt: wenn man nicht gerade mit einem Koffer unterwegs ist, ist man schneller zu Fuß.</p><p>Das wird erleichtert durch eine 1288 eingeführte städtebauliche Vorschrift, die besagt, dass jedes in Bologna neu zu bauende Haus mit einer Arkade versehen werden muss. Die Portici, wie sie in der heimischen Zunge heißen, sind ein architektonisches Feature, bei dem die erste Etage eines an einer Straße stehenden Hauses den Fußweg überdacht. Damit das hält, baut man also Säulen unter den ersten Stock, vorn an der Straße, und fertig ist der ganzjährige Sonnen- und Regenschutz. Der Fußweg wurde dann im Allgemeinen noch mit Marmormosaiken gepflastert und verschliffen und so wandert man durch die ganze cirka 2x2km große Innenstadt wie in einem einzigen marmorierten Korridor, was die Sache auch bei klimakatastrophalen 35 Grad erträglich und durch häufige Stopps an den absurd <a target="_blank" href="https://maps.app.goo.gl/V8uoRKt1xVZvdWw19">großartigen</a> <a target="_blank" href="https://maps.app.goo.gl/Rtseiy4LjvDC8U8b8">Eisläden</a> gar zum Vergnügen macht.</p><p>Wir waren also eher zufällig perfekt auf das Motto der dieses Jahr in Venedig stattfindenden Architekturbiennale vorbereitet:</p><p>Intelligens. Natural. Artificial. Collective.</p><p>Ähm. Genau.</p><p>Intelligens meint laut eigener Aussage: "Eine Kombination aus „Intelligenz" und Gemeinschaft; verweist sowohl auf technologische als auch auf soziale Aspekte der Architektur." Dieses Portmanteau funktioniert nur für Inhaber eines kleinen Latinum, denn nur auf Latein heißt *gens "*Volk, Gemeinschaft, ethnische Gruppe". Entsprechend wirr und mit dem Hammer passend gemacht erklären sich auch die anderen Worte: AI ist dabei, Umwelt natürlich und das Collective meint wohl, dass man auch als Architekturlaie mit palavern kann. Nichts wie hin!</p><p></p><p>Der Vorteil an Bologna ist, neben den erwähnten epikuräischen Wohltaten, dass es verkehrstechnisch im Zentrum Norditaliens liegt. Für 5 € und eine Stunde Zeit kommt man von Bologna aus mit der S-Bahn nach Modena, Ravenna, Parma und wenn man den Fernzug für ein paar Euro mehr nimmt, in der gleichen Zeit bis nach Mailand oder Venedig. Also macht man das natürlich: auf in das Venedig Italiens!</p><p>Wie gesagt, 2025 ist "nur" die Architekturbiennale am Start und man ahnt, dass das nicht ganz so der Publikumsmagnet ist, wenn man am Giardini des Biennale um 11:00 Uhr, zur täglichen Eröffnung, nicht anstehen muss - zur Kunstbiennale ein tägliches Ritual.</p><p>Warum das so ist, wird klar, wenn man den Bruchteil des Aufwands betrachtet, der in den Zwischenjahren in die Bespielung der Pavillons im Giardini fließt: Die ČSSR (die es dort noch gibt, denn ihr Haus wurde 1926 gebaut) macht gleich ganz zu, genauso wie Venezuela. Dem Russen wird wie schon letztes Jahr das Haus weggenommen und mit Didaktischem bespielt, der Schweizer stellt Holzwände in den Pavillon, die irgendwas mit Umwelt zu tun haben. Das führt dann dazu, dass ratlose ältere Männer diese Holzwände beklopfen und so Sachen sagen wie: "Ja, nachhaltig isses scho'". Die "Nordic Countries" (Finland, Sweden, Norway) luden ein paar Künstler ein, deren Output eher dem inklusiven Laienanspruch des diesjährigen Biennalemottos entsprach. Man versuchte zum Thema "was zu machen" und was rauskommt, wenn man einem Künstler sagt, wozu er was machen soll, ist halt ein verrostetes Auto und wirre Erklärtafeln mit den Buzzwords der Saison von Ökologie bis Transsexualität, weil, verrostetes Auto! Skjønner? Förstår?! Ymmärrän?!!</p><p>Wie letztes Jahr zur Kunstbiennale stach auch dieses Jahr <a target="_blank" href="https://venicebiennale.britishcouncil.org/geology-britannic-repair">Großbritannien hervor</a>, auch diesmal wieder seiner kolonialen Geschichte gegenübertretend, nur mit geringerem Budget, was angesichts der <a target="_blank" href="https://www.labiennale.org/en/art/2024/great-britain">monumentalen Videoinstallation in 2024</a> keine Kunst ist. Die verschiedenen Räume sind an ehemals kolonial Unterdrückte vermietet und diese zeigen zum Beispiel in einer raumfüllenden Balkengrafik, welches Land wie viele Umweltschäden in ihrer Geschichte angesammelt hat. Dass ich, um das zu verstehen, die zwei verschiedenen Erklärungen zweimal lesen und mir zusätzlich nochmal verbal erklären lassen musste, lag an mir, klar. Umhüllt war das britische Haus von einem Vorhang aus kleinen Glocken aus Ton und Kohle, Materialien, die seit zigtausenden Jahren in Afrika verwendet werden, um Kälte wie Wärme zu speichern und da man die Dinger bei 35 Grad im Schatten anfassen konnte, war der Effekt erfühlbar. So geht intelligentes Ausstellungsdesign.</p><p>Im Verhältnis regelrecht oppulent bespielt war der deutsche Pavillon, man hatte einen Raum zur Wärmekammer umgestaltet, bei der man als Begehende die zukünftigen Temperaturen in unseren Städten am eigenen Leib erfahren konnte, dazu gab es geschmackvolle Statistiken an die Wand projiziert und die übliche Space Age Music. Viel Infotafel brauchte man nicht, um die Message zu verstehen, aber dass sich Deutschland als einzige Nation selbstverleugnend den Tafeltext in der Landessprache spart und nur in italienisch und englisch erklärt ist.. keine Ahnung was es ist.. bekloppt? Dabei sprach im Pavillon ein jeder deutsch, wie gefühlt auf der ganzen Biennale die Hälfte. Macht das Publikum zur Kunstbiennale einen auf Bohème, trifft sich zur Architekturbiennale stabil die deutsche Mittelschicht mit Papa im mittleren Management, Mutti irgendwas Soziales und den obligatorischen zwei Teenagertöchtern am Handy. Das andere Besuchermodell war der geschiedene Vater ohne Sorgerecht, der, obwohl gerade entlassen, weil AI (nein, weil er zu oft Montags gefehlt), das noch für sich behält und die ETFs angezapft hat, um den 14-jährigen Sohn drei Tage durch Venedig zu schleifen, wobei er vergeblich versucht, mit ihm per Mansplaining zu bonden. Der Balg rennt mit neutraler Miene hinterm Papa her und nickt und versucht verstohlen, mit den Teenagerinnen in Blickkontakt zu kommen. Das funktioniert leider gar nicht, denn die riechen den Odor des Verlierer-Vaters am Sohn. Bitter.</p><p>Raus aus diesen deprimierenden Bienalegärten also. Gehen wir ins Arsenale, dem zweiten großen Ausstellungskomplex in den ehemaligen Schiffswerften der Stadt. Hier wird richtiges Geld verbraten und man sieht es. Zunächst geht es wieder durch einen Raum, der uns zeigen soll, wie sich Erderwärmung anfühlt. Wir haben es verstanden. Danach zeigt die Biennale, wie man Ausstellung macht. Nicht nach Ländern geordnet wie in den Kunstjahren wird hier alles gemixt und gematcht, derer man international habhaft werden kann, so dass die Qualität der Objekte unter der Quantität manchmal leidet. Das Thema ist immer noch "Irgendwas mit AI und Umwelt" und hier wird zum Glück größtenteils nicht versucht, Kunst zu machen, sondern Information zu vermitteln. Mit der Proliferation von Beamern und Flachbildschirmen ist das ein leicht anstrengendes Multimediaspektakel, bis man bemerkt, dass zwischen all dem Geflimmer immer gleich und doch leicht unterschiedlich aussehender "Krempel" steht. Nun: Die Erfindung und Kommodifizierung des 3-D-Druckers ermöglicht, eine solche Ausstellung in unvorstellbarer Geschwindigkeit mit mehr oder weniger passenden Objekten vollzukacken. Der 3-D-Drucker ist der neue Flachbildschirm. Was Architekten früher in mühevoller Klebearbeit hergestellt haben, macht jetzt der Printer und es ist meist nicht wirklich hilfreich.</p><p>Ansonsten gibt es Tafeln, Filme, Installationen mit Ideen, wie man die Welt besser machen kann, die aber, so mein Gefühl, zu 90% die Welt nicht retten werden, da sie nicht skalieren. Den wohl größten Beitrag zum Umweltschutz leistet die 2025er Biennale mit dem Feature, die langen Ausstellungstexte, die, machen wir uns ehrlich, zu großen Teilen mit Hilfe von AI erzeugt wurden, wiederum mithilfe von AI auf einen Absatz zusammenzufassen und diesen unter den ausführlichen Text zu drucken. Ich hab die Zusammenfassungen letztes Jahr noch umweltschädigend selbst per Handyfoto und ChatGPT erzeugt, das sollte Schule machen!</p><p>Damit so eine Bienale auch ästhetisch packt, zeigen uns eingesprengelt große Architekturbüros in teuren 3D-Animationen zum Beispiel wie man "organisch" Holzhäuser in den Jungle bauen könnte, ohne diesen zu beschädigen, das sieht dann aus wie Avatar in grün und keiner kommt auf die Idee zu fragen, warum man irgendwelche Scheiß-Häuser in den Jungle bauen sollte. Irgendwie hat man das Gefühl, dass das alles die Hobbyprojekte überbezahlter Architekten sind, die kein einziges Problem lösen außer dem der eigenen Steuererklärung, denn natürlich kann man diese Ausgaben ganz prima gegen den Gewinn der Agentur rechnen.</p><p>Die tollen Objekte kommen fast immer aus überraschenden Ecken, Holzschnitzer aus Buthan teilen sich eine riesige traditionelle Schnitzarbeit mit einem Roboter (der natürlich "AI" genannt wird) und man steigt um das 10x10 Meter große Ding und rätselt, was schnitzte Mensch, was Maschine.</p><p>Oder das Objekt "Calculating Empires", eine Timeline interdisziplinärer Entwicklungen der letzten 500 Jahre in einem parallelen Zeitstrahl, begehbar auf dreißig Metern.</p><p>Diese Grafik gibt es hochauflösend und zum reinzoomen auf einer <a target="_blank" href="https://calculatingempires.net/">Website </a>und die ist jetzt gebookmarked, denn wie Entdeckungen und technische Entwicklungen zusammenhängen, habe ich selten begreifbarer gesehen, es schärft aus der Perspektive der Vergangenheit den Blick für die Gegenwart und so fällt einem dann beim abschließenden Besuch des Hong-Konger Pavillion auf, dass dort Bücher über Architektur ausliegen. Richtige Bücher. Über die Architektur Pekings.</p><p>Willkommen in 2025.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/architekturbiennale-2025</link><guid isPermaLink="false">substack:post:169852594</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Aug 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/169852594/b603c94b81367a18adae39c3d9ea7057.mp3" length="10596563" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>662</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/169852594/f1837be1d8d59ce2c17ff147a5081baf.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Hein, Adichie]]></title><description><![CDATA[<p>Vanille oder Schoko, Apfel oder Birne, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/christoph-hein-das-narrenschiff">Christoph Hein</a> oder <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/chimamanda-ngozi-adichie-dream-count">Chimamanda Ngozi Adichie</a>. Irmgard Lumpini und Herr Falschgold streiten und Anne Findeisen versucht zu vermitteln.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-hein-adichie</link><guid isPermaLink="false">substack:post:169317707</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 27 Jul 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/169317707/e43681b8acc653a4fcd9cb7c05a75c16.mp3" length="31908302" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1994</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/169317707/41dcea8a03649e6e128009475bdb708b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Chimamanda Ngozi Adichie: Dream Count]]></title><description><![CDATA[<p>“Dream Count” ist - auch im Deutschen - der Titel des neuen Romans von Chimamanda Ngozi Adichie, die hierzulande spätestens mit dem preisgekrönten “Americanah” auf der literarischen Landkarte in die oberste Liga aufstieg. In den Folgejahren wurden vorrangig Essays und Manifeste bekannt, großartig hier: <a target="_blank" href="https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_we_should_all_be_feminists">We should all be Feminists</a>.</p><p>Nun also “Dream Count”, in ihren Worten: “ein Buch über Mütter und Töchter, kein Buch über Männer, aber ein Buch für Männer”.</p><p>Die grobe Struktur des Buches bilden die aus 4 Perspektiven erzählten Leben, Rückblicke, Haltungen und Ereignisse, die sich teilweise überlappen, die von den 4 Protagonistinnen selbst geschildert werden. Dies sind: Die vorrangig in den USA lebende Reiseschriftstellerin Chiamaka, die aus einem reichen Elternhaus kommt und vom Arbeitgeber auch schon mal aufgefordert wird, sich Reiseziele mit “mehr Relevanz” zu suchen, wie z. B. den Sudan. Ihre beste Freundin ist Zikora, Anwältin in D.C., alleinerziehende Mutter. Dazu kommt Omelogor, Chia(maka)s Cousine, eine Bankerin, die mit der Verschleierung von Korruption reich geworden ist und von ihrer Familie zu Kindern gedrängt wird. Alle 3 kommen aus nigerianischen <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Igbo_(Ethnie)">Igbo-Familien</a>.</p><p>Kadiatou ist Chias Haushälterin aus Guinea und als nicht legale Migrantin in den USA ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt.</p><p>Zeitlicher Startpunkt des Romans ist der Beginn der Corona-Zeit mit all ihren Unsicherheiten, Unwägbarkeiten, Nichtwissen. Chiamaka beginnt, ihre Ex-Freunde zu googlen und sich zu erinnern. Als alte Neugierde schaute ich andere Rezensionen zum Buch an und fand, dass sich eine Kritik daran richtete, dass sich angeblich zu viele Handlungs- und Reflexionsstränge an den Männern in den Leben der Protagonistinnen orientieren. Ha! Wie soll das denn sonst im Patriarchat funktionieren? Frauen reflektieren und blenden dabei die Männer aus, obwohl Macht und Herrschaft und auch Gewalt ohne schwer denkbar ist und die romantische Liebe zu einem Mann das Maß aller Dinge ist? Na ja. Nur weil Romane mit männlichen Protagonisten sehr gut ohne Frauen oder Frauen nur als Statistinnen auskamen und kommen und diese alte Norm den Literaturbetrieb noch vor wenigen Jahren maßgeblich prägte, heißt das ja nicht, dass weibliche Schriftstellerinnen und Protagonistinnen das spiegelnd wiederholen müssen. Zumal ein Teil ihres Leids nicht durch andere Frauen geschaffen wird.</p><p>Was in den Handlungen des Romans verhandelt wird, ist die Rolle finanzieller Unabhängigkeit, nicht nur im Hinblick auf die Verhältnisse der Protagonistinnen, sondern auch für Lebensentscheidungen. So wird Omelogor bei einem Abendessen mit Freundinnen gefragt: “Hättest du dich mehr um Männer bemüht, wenn du kein Geld gehabt hättest?” Diese Frage impliziert - nicht zu Unrecht - dass Machtverhältnisse Einfluss auf Entscheidungen für bestimmte Wege an Wendepunkten im Leben haben. Omelogor hat jedoch eine andere Antwort: Geld ist eine Rüstung, aber es ist eine poröse: es gestattet Anreize der potenten Droge der Unabhängigkeit, es gewährt Zeit und Alternativen.</p><p>Sie findet einen Weg, andere Frauen zu unterstützen, in dem sie Robina-Hood-mäßig armen Frauen Geld schenkt. Dabei erklärt sie ihnen, dass sie nichts zurück möchte, aber als Dank nur akzeptieren kann, wenn die Beschenkte anderen Frauen helfen wird, sobald sie es kann. Praktizierte Solidarität, die mehr Solidarität gebären wird.</p><p>Später entscheidet sich Omelogor, im Internet Blogeinträge für Männer zu schreiben, die sich vordergründig mit Pornographie, aber eben auch Begehren, Macht, Klasse und Respekt beschäftigen. Dabei beginnen ihre - teilweise witzigen, oft scharfzüngigen und meist auch traurigen Ansprachen immer freundlich und stets erinnert sie die Angesprochenen daran, dass sie Männer mag und auf deren Seite steht. Der Umgang mit Kritik wird ja zunehmend in härterer Abwehrhaltung geübt, Deflektieren statt Anhören und Reflektieren ist die Norm.</p><p>Auf jeden Fall bekommen neben den üblichen Verdächtigen auch linke Liberale wieder ihr Fett weg. Sei es der simple Umstand, dass sie große Probleme in ihren Denkblasen bekommen, weil schwarze Frauen ihnen mit erkennbarem Reichtum begegnen, so dass sie zwischen der Ablehnung von Rassismus und dem Ablehnen von finanziellen Reichtum ins Schwimmen kommen. Chimamanda Ngozi Adichie beschreibt sie als selbstgerecht, als nicht denkend, in starren Mustern gefangen. Sei es die Frage nach der Unterstützung beim Kinderaufziehen, also: ist es ok, andere Frauen dafür zu bezahlen, dabei zu helfen, und die Bezahlte finanziell schlechter gestellt ist, sieht sie es nicht als Ausbeutung, sondern schreibt - Zitat: “es haben immer Frauen geholfen. Früher waren es Verwandte, und wenn es heute eine jamaikanische Nanny ist, die mit einem Teil des Geldes in Kingston ein Haus für ihre Eltern baut: so what!” - Zitatende. Im Kontext der Universität, wo diese Auseinandersetzung stattfindet, wird sie aufgefordert, doch “sachlich zu bleiben”. </p><p>Es gibt viele weitere dieser Beispiele, die unsere Überzeugungen und das, was wir vielleicht gelernt haben, in Frage stellen. Gemeinheit und Empathielosigkeit der Linken, die sich als Solidarität tarnt und Neid verdeckt, sind nichts, was nicht wenigstens laut kritisiert gehört.</p><p>Einen Kontrapunkt der Erzählströme bildet die Protagonistin Kadiatou. Sie ist - gut erkennbar, an Nafissatou Diallo angelehnt, die 2011 in einem Hotelzimmer in New York vom damaligen Notenbankchef Dominik Strauss-Kahn versucht wurde zu vergewaltigen. Im Verlauf des damaligen Verfahrens verlor Strauss-Kahn seinen Job. Nafissatou Diallo verstrickte sich in Widersprüche über ihre Fluchtgeschichte, es wurde dann keine Anklage von der Staatsanwaltschaft erhoben. In einer regelrechten Schlammschlacht überboten sich damals die Blätter, ob es ihr nur um Geld ginge, sie einfach eine rachsüchtige Prostituierte wäre oder darum, den mächtigen Mann zu beschädigen. Die Entscheidung ihrer literarischen Entsprechung Kadiatou über das gerichtliche Verfahren gibt ihr Würde und Integrität zurück. Für uns eine harsche Erinnerung, wie solche Vorwürfe vor noch nicht allzu langer Zeit behandelt wurden.</p><p>In Selbstreflektionen und Gesprächen werden die von uns zunächst angenommenen Geschichte immer wieder korrigiert und zurecht gerückt. Die Ereignisse ändern sich je nach der Wahrnehmung der jeweiligen Protagonistin, die sich erinnert. Diese sind mittelalt (Mitte vierzig), haben also Erfahrungen und ihre Naivität verloren. Neben den gesellschaftlichen Erwartungen der jeweiligen Milieus spielen die (weiblichen) Vorfahren eine starke Rolle, also z. B. Tanten mit ihren Erwartungen, ihren Vorgaben, die sie erfüllt haben möchten. Neben den verschiedenen Klassen und ihrem Verhältnis untereinander sind ihre Begegnungen und Erlebnisse mit der westlichen Gesellschaft, oft London, oft die USA treibend für den Fortlauf der Ereignisse.</p><p>Was die Lektüre erschwerte: der Beginn des Romans scheint lang, etwas zu lang geraten. Nichtdestotrotz: klare Leseempfehlung, gönnt euch!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/chimamanda-ngozi-adichie-dream-count</link><guid isPermaLink="false">substack:post:168772041</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 20 Jul 2025 16:30:51 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/168772041/138127bbff7fb08581d08cbd0d23fb45.mp3" length="9057743" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>453</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/168772041/801559f717ca8da7bd1286ed72e9f2cb.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Monika Helfer: Die Bagage]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Spreche ich mit anderen Menschen über das Thema Familie, wir oft schnell klar, dass die meisten Familiengeschichten nicht gleichförmig sind oder gar reibungslos verlaufen, sondern immer auch von Konflikten und Unstimmigkeiten geprägt sind und sie äußeren Einflüssen unterlegen sind, die sie auf die eine oder andere Weise zu beeinflussen vermögen. Denn immer agieren Menschen miteinander und selbst wenn sie es nicht tun, löst dies eine Reaktion aus. Aber die Familie ist auch die kleinste gemeinsame Zelle, wir erwachsen aus ihr und sie bildet unseren Ursprung. Aus Mangel an Wissen über die eigene Familiengeschichte kann es dazu kommen, dass wir im Laufe unseres Lebens eigene Wahrheiten dazu erfinden, die sich in uns so manifestieren, dass wir sie für die Wahrheit halten. Vielleicht lässt es sich mit selbst erdachten Geschichten manchmal auch einfacher Leben. Das Streben nach Wissen über die eigene Herkunft ist auf jeden Fall eine Triebfeder, die viele Menschen antreibt. Ähnlich ging es vielleicht auch Monika Helfer, als sie ihren, in diesem Jahr im Carl Hanser Verlag veröffentlichten, Roman „Die Bagage“ schrieb bzw. schon vorher, als sie sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte befasste. Diese setzt sie in ihrem Roman teils aus eigenen Erinnerungen, teils aus Erinnerungen von Angehörigen und sicher auch mit etwas Fantasie und Wohlwollen zusammen.</p><p>Sie setzt ein im Jahr 1914 bei ihren Großeltern Maria und Josef Moosbrugger. Diese leben in einem Bergdorf im Vorarlberg nahe Bregenz und werden von der restlichen Dorfgemeinschaft nur als die <em>Bagage </em>bezeichnet. Ihr Haus befindet sich weit abgeschieden von den anderen – bis zum nächstgelegenen dauert es eine Stunde – denn ihre Vorfahren waren zu spät gekommen und hier war der Boden am billigsten gewesen, jedoch auch am schwierigsten zu bebauen. Der Postadjunkt stellt hier nur einmal die Woche die Post zu, aufgrund des beschwerlichen Weges, und er ist es auch, der Maria die Nachricht übermittelt, dass Josef in den Krieg einberufen wird. Zu diesem Zeitpunkt haben Maria und Josef vier Kinder: Hermann, der Älteste und stillen Gemüts, der sich eher den Tieren verbunden fühlt, dann sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lorenz, der als eigensinnig beschrieben wird und mit seinen Rechenkünsten die Lehrer ins Staunen versetzt. Tochter Katharina, die zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt ist und der Mutter im Haushalt helfen soll und der kleine Walter, der laut Helfers Worten „[...]noch zu nichts zu gebrauchen [war]“. (S. 22)</p><p>Der Stand der Familie im Dorf ist schwierig. Sie sind die Außenseiter und das aus vielerlei Gründen. Neben der schon erwähnten randständigen Lage ihres Hauses kommt auch noch Marias ausgesprochene Schönheit hinzu. Es wird betont, dass es keinen Mann im Dorf gibt, der ihr nicht gern einmal nahe gekommen wäre, was fast zwangsläufig auch den Neid und die Missgunst der Frauen nach sich zog. Aber auch Josef ist den übrigen Dorfbewohnern suspekt. Er spricht nicht mit und auch nicht wie die anderen Männer und beteiligt sich nicht an ihren Aktivitäten, zudem er in ihren Augen den Neid um seine schöne Maria ablesen kann. Die Ausnahme ist der Bürgermeister Gottlieb Fink. Mit diesem macht Josef seine „Geschäftchen“, wie es heißt und von denen niemand etwas Genaues weiß und um die er ebenfalls beneidet wird. Der Bürgermeister ist es auch, den Josef bittet, auf seine Maria aufzupassen, während er im Krieg ist, und dieser verspricht es ihm.</p><p>Es folgt die Zeit von Josefs Abwesenheit. Der Leser erfährt beispielsweise wie der Bürgermeister Maria mit auf ein Dorffest in einer nahe gelegenen Ortschaft nimmt, wie sie dort einen Deutschen kennenlernt, der kurze Zeit später vor ihrem Haus steht. Und dann wechselt Monika Helfer von der Erzählenden dazu, wie sie selbst vom nun Folgenden erfuhr:</p><p>„Diese Anekdote hat meine Großmutter ihrer ältesten Tochter Katharina erzählt, aber erst einige Jahre später. Meine Tante Kathe hat sie mir dann weitererzählt. Sie sagte, ein einziges Mal sei ihre Mama, also meine Großmutter, betrunken gewesen in ihrem Leben, sie wisse nicht was der Anlass war, da habe sie plötzlich, wie aus dem himmelblauen Himmel heraus gesagt, sie habe sich ein einziges Mal verliebt in ihrem Leben, nämlich in diesen Mann und seither wisse sie, dass Verliebtsein nichts bedeute, aber Liebe bedeute viel. – Niemals in einem nüchternen Zustand hätte Maria so zu ihrer Tochter gesprochen“ (S. 37)</p><p>Einige Zeit später wird Maria erneut schwanger und das gesamte Dorf beginnt zu rechnen, ob Josef überhaupt der Vater sein kann, da seine Urlaube von der Front sehr kurz waren, oder ob nicht viel eher der Fremde aus Deutschland der Vater sein könnte. Maria gebärt schließlich ein Mädchen – Margarethe, kurz Grete genannt – die einmal Monika Helfers Mutter werden wird und die Josef angeblich nie angesehen oder angesprochen habe. Nach Grete folgen noch zwei weitere Kinder.</p><p>In Monika Helfers Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte geht es aber nicht nur um ein vermeintliches Familiengeheimnis, in dessen Mittelpunkt die Frage nach der Vaterschaft von Grete steht, sondern auch darum, wie sich Maria und die restliche Familie in Josefs Abwesenheit durchsetzen müssen. Durchsetzen gegen ein Dorf, in dem einstige Verbündete zu einer Bedrohung werden, so dass die Kinder, besonders Lorenz, plötzlich und auch mit einem gewissen Selbstverständnis, die Rolle seines Vaters einnimmt und so zum Beschützer und Versorger wird. Es zeigt, was Erwachsenwerden in einer solch hierarchisch geprägten Umgebung bedeutet. Aber auch, welchen Stand eine Frau hat, die nicht den Konventionen entspricht, wodurch wiederum die Doppelmoral der Kirche und der Menschen entlarvt wird.</p><p>Auf gerade einmal 160 Seiten rekonstruiert Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie. Es ist eine Mischung aus Biografie und Leerstellen, die Helfer mittels eigener Vorstellungskraft, Fantasie und sicher auch Empathie für ihre eigene Herkunft füllt. Dabei entsteht nicht der Eindruck, dass sie Dinge verklärt, sondern im Gegenteil, es führt dem Leser einmal mehr vor Augen, wie traurig und auch wie komplex und verstrickt das Netz der Menschen sein kann, die wir unsere Familie nennen.</p><p>Monika Helfers „Die Bagage“ erhält meine ausgesprochene Empfehlung und ich möchte meine Rezension mit folgendem Zitat von Leo Tolstoi beenden: „Glückliche Familien sind alle gleich, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-monika-helfer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:168157580</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 13 Jul 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/168157580/9c5e2f100111b1f8975b217889dcbb89.mp3" length="7892332" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>395</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/168157580/9d138ad8b432c5ce5f2a0a51c54bea17.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Christoph Hein: Das Narrenschiff]]></title><description><![CDATA[<p>Irgendwie sind wohl Ostwochen im Studio B. In meiner <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/charlotte-gneu-gittersee">letzten Rezension</a> in diesem Newsletter, es ging um das hervorragenden "Gittersee" von Charlotte Gneuß, war ich voll des Lobes ob der präzis wiedergegebenen Sprache, die man hierzulande sprach, bis wir alle "unter der Woche" und "zwischen den Jahren" zu sagen lernten, um unseren neuen Overlords zu gefallen und unsere Chance auf eine D-Mark-Lohnerhöhung zu erhöhen. Irmgard Lumpini fing kurze Zeit später an (ostalgieinfiziert?) "Das Narrenschiff" zu lesen, das jüngste Buch von Christoph Hein, und berichtete seltsame Dinge: Die Sprache sei "DDR-Sprech", spoilerte die Kollegin. Nun, Heins Sprache war nie ausschweifend oder gar romantisch, das gaben seine Helden nicht her, aber als ausgesprochen "ostdeutsch" geschrieben empfand ich seine Werke nie. Was also war passiert? Ja, Christoph Hein, Jahrgang 44, ist ein "ostdeutscher" Schriftsteller, ein "DDR-Kenner" gar, sagt der Klappentext, wobei man sich fragt, ob denn dann jeder westdeutsche Schriftsteller ein "BRD-Kenner" sei. Egal, ich wurde seltsamerweise Fan und zwar mit seinem Erstling "Der fremde Freund" und das im zarten Teenageralter von 12 Jahren, obwohl ich doch damals literarisch zwischen Andromeda und Kassiopeia lebte. Ein paar Jahrzehnte später, genauer: mehr als vier, war ich wieder interessiert, war doch das neueste Buch von Hein erschienen, und dessen Sujet, die Zeit um den Mauerbau herum, aus der Sicht eines Abiturienten irgendwie faszinierend, wenn auch literarisch eher so lala, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/christoph-hein-unterm-staub-der-zeit?utm_source=publication-search">ich berichtete</a>. Ging es in “Unterm Staub der Zeit” noch um einen recht kleinen Zeitraum in der Geschichte der DDR, sollte es in "Das Narrenschiff" um des ostdeutschen Staats gesamten Existenzraum, von der Idee bis zum Scheitern ihrer Manifestation gehen. Warum nicht, machte ich mir ob der 750 Seiten Mut, Geschichte muss nicht immer Cromwell sein, lasst zur Abwechslung mal Zeitzeugen sprechen. Ich ging rein.</p><p>Der Roman beschreibt die Geschichte der DDR von ihrer Planung in den Vierzigern im Moskauer Exil bis zu ihrer endgültigen Beendigung mit der Währungsunion im Sommer 1990. Das passiert über die Beschreibung der Leben eines Dutzend Personen, die, familiär oder zufällig, intergenerational miteinander zu tun haben, deren Wege sich treffen und verlieren. Ein "Roots" für Zonis gewissermaßen.</p><p>Nun tu ich mich, gesegnet mit der Gnade der Geburt in eine minuscule Familie (1x Eltern, 1x Bruder, 1x Großeltern, Tante+Cousine) traditionell schwer mit der Zuordnung von so komplexen Entitäten wie Nichten, Neffen, Schwägern oder gar Schwippschwägern und war leicht besorgt, ob ich den Familienbäumen folgen kann. Aber da war der Real Existierende Sozialismus vor, der die DDR nach nur 40 Jahren im Schlaf erstickte. Das war nicht genug Zeit für eine komplexe Genealogie der Bewohner der 15 Bezirke. Ich konnte folgen.</p><p>Wir beginnen mit einem Blick auf die Gründer der Republik, wie sie in den letzten Zügen des 2. Weltkrieges aus Moskau eingeflogen werden, wobei es schon dort Gewinner und Verlierer gab; beim Aufbau des sozialistischen deutschen Staates sollte von Anfang nichts schief gehen, da wirst Du nicht berücksichtigt, wenn Du die kleinste Abweichung von der Parteilinie gucken lässt. Alles Männer, klar. Von der anderen Seite, geographisch wie geschlechtlich, werden in den ersten Seiten des Buches Frauen eingeführt, die ihren Mann respektive Vater während des Krieges verloren haben, wenn auch nicht unbedingt so wie man denkt. Denn Katinka ist eine Halbwaise und lebt mit ihrer Mutter Yvonne allein im zerbombten Berlin, nicht weil der Papa vor Stalingrad den gerechten Heldentod fand, sondern weil er ein Jude war und ihm die Flucht nicht gelang. Ein paar Kapitel im Buch sitzt sie neben Wilhelm Pieck, dem ersten Präsidenten der DDR, weil sie Klassenbeste ist. Damit ist sie vom Alter her prädestiniert, die DDR von Anfang bis Ende zu durchleben und uns das gesamte Buch hindurch zu begleiten. Um sie herum werden sich Personen tummeln, die einige prototypische Biographien des Landes repräsentieren, den strammen Funktionär, den Hinterfragenden, den Idealisten, die Karrieristin. Ab und an begegnen einem Personen, die wir als "Berühmtheiten" zu erkennen meinen, Stasi-Abwehrchef Markus Wolf definitiv (im Buch Fuchs) und auch der Anwalt und Unterhändler Wolfgang Vogel als Kuckuck ist wohl zu erkennen. Gemeinsam ist (fast) allen, dass sie der Nomenklatura angehören: selten in höchsten Sphären schweben, aber nie Fußvolk sind. Das werte ich nicht, das Buch ist mit seinen 750 Seiten für eine Biographie eines ganzen Landes sicher nicht sehr lang, aber was die Lern- und Lesebereitschaft eines potentiellen Publikums betrifft eher am dicken Ende des Spektrums und da die Geschichte eines Landes erzählt werden soll, welches vom Anfang bis kurz vor seinem Ende ausschließlich Top-Down organisiert war, macht es irgendwie Sinn, sich in die Innenleben der dem Staat ideell Verpflichteten zu begeben. Den Opfern der DDR wurde in den letzten Jahren ausgiebig Platz und Stimme gegeben, da ist es ok, einmal unapologetisch die andere Seite der Story zu lesen.</p><p>Das heißt nicht, dass man viel Neues lernt (wenn man aus dem Landstrich kommt), weder was die Fakten noch die Innenansichten der Protagonistinnen betrifft, da bleibt sich Christoph Hein treu. Verschlossen, manchmal fast autistisch sind oft seine Romanhelden und auch auf dem "Narrenschiff", im Buch wie dem diesen Namen gegebenen Land, lebte man unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht, jeder in seiner Bubble, dort wo man safe war. Der Blick ging zum Nachbarn, nicht um Kontakt herzustellen, sondern um die Gefahr abzuschätzen, die von ihm ausgeht. Diese lauerten, wie in jeder Hierarchie, von oben wie von unten und nur mit moralischer Flexibilität war es möglich, sich ein so angenehmes Leben in der rationierten Welt der DDR zu machen, wie es die Menschen, die wir begleiten, führen. Explizite Kritik daran darf man vom Buch nicht erwarten, Verfolgte des Regimes kommen nicht vor, aber wie gesagt, ich sehe das nicht kritisch, nicht jedes Buch muss jede Seite beleuchten. Ich als Leser entwickle eher Mitleid mit der grauen, unglücklichen Existenz der Akteure. Bis zum Bau der Mauer getraut sich keiner eine Perspektive zu haben und danach war sie zugestellt. Bitter.</p><p>Die Flussgeschwindigkeit des Buchs ist hoch, wir durchlaufen die DDR in Höchstgeschwindigkeit. Zwischen manchen Kapiteln werden ganze Jahre übersprungen, was auch eine Aussage ist: es war nicht viel los in der Zone. Was los war, geschieht im Hintergrund von Episoden des Privaten der Akteure: Liebschaften, Karrierebrüche, Kinderkriegen, Sterben geben Anlass, wie nebenbei zu erzählen, was in der DDR und, seltener, der Welt gerade geschieht: 17. Juni, Prager Frühling, NATO-Osterweiterung, Mauerfall. Die Erzählweise dieser Episoden erinnern ein wenig an Alexander Kluge in seiner epochalen "Chronik der Gefühle", wenn man es wohlwollend betrachtet; an eine Aneinanderreihung von Schulaufsätzen, wenn man garstig ist. Die Sprache ist wohlwollend "ungekünstelt" und böswollend "unkünstlerisch". Nun ist Christoph Hein ein Künstler und das Buch bei Suhrkamp erschienen, also muss die Plattheit der Dialoge, das Einheitssozialistisch der Beschreibungen Methode sein. Aber so <em>steif</em> , Herr Hein? Ein Jugendlicher studiert in einer fast ausschließlich weiblichen Studiengruppe, was in diesem Satz zusammengefasst wird:</p><p>In seiner Seminargruppe war er der einzige männliche Student, was ihn zum Hahn im Korb machte. Der Mittelpunkt in einem Pulk gleichaltriger Mädchen zu sein, gefiel ihm, und er genoss es sehr, von allen jungen Frauen umschwärmt zu werden und mit der einen und anderen sogar ein intimes Verhältnis zu haben.</p><p>Es wimmelt in Charakterbeschreibungen von DDR-Zeugnisworten wie "wissbegierig", "umsichtig" und "verantwortungsvoll" und zwar nicht eingestreut, sondern in der vollen realsozialistischen Breitseite. Hein beschreibt die Entwicklung eines Kindes in der Schule mit:</p><p>Er war bei dieser Beschäftigung [dem Werken] sehr geschickt und einfallsreich, lernte aufgeschlossen und wissbegierig alle Techniken, die der Lehrer den Kindern beibrachte.</p><p>Ein schwuler Mann sagt zu seinem Freund nach dem Abendessen:</p><p>Du bist ein Weltmeister der kulinarischen Improvisationen, ein Held des Herds.</p><p>Seriously? Nun konnte ich Charlotte Gneuß bestätigen, dass man in der DDR oder mindestens in Gittersee exakt die Worte verwendete, die sie ihren Protagonisten in den Mund legt. Da ich mich nicht in den Kreisen der DDR-Nomenklatura bewegte, kann ich Christoph Hein diese Bestätigung nicht geben, vielleicht sprach man in Parteisekretariatsfamilien am Abendbrottisch wie Honni beim 8. Parteitag, aber ich kann das nicht wirklich glauben. Und selbst wenn es so war, muss man dann den ganzen Roman in diesem Stil schreiben? Das über 750 Seiten durchzuhalten ist zweifellos beeindruckend, und ich bin nicht sicher, ob ich das Kompliment hier dem Schriftsteller oder dem Leser mache.</p><p>Kurzum: Wenn man kein traumatisierter Verfolgter des SED-Regimes ist, der beim Lesen von Büchern, die klingen wie die Anklageschrift, wegen der sie in Bautzen saß, PTSD bekommt, sollte man „Das Narrenschiff“ angehen, vielleicht mit ein wenig Wohlwollen und Offenheit der absurden Sprache gegenüber. So wie einen der Brutalismus einer tschechischen Kleinstadt ästhetisch nicht sofort begeistert, es einen aber irgendwie doch kriegt, so ist der Blick auf 40 Jahre DDR, den das Narrenschiff über zwei Buchlängen in reinem DDR-Deutsch liefert, den Aufwand wert, meine ich, hoffe ich. Und wünsche mir und Christoph Hein im nächsten Buch eine Rückkehr zu seiner eigenen Sprache.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/christoph-hein-das-narrenschiff</link><guid isPermaLink="false">substack:post:167571184</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Jul 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/167571184/64e1d3eb73c629ba2ecef371085b8f0c.mp3" length="11383163" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>569</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/167571184/51c9e9e3350ba073ebb8061020c76aa3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B - Klassiker: Daniel Kehlmann "Tyll"]]></title><description><![CDATA[<p>Ein Grüß aus dem Coronajahr, in dem ich teaserte:</p><p>Daniel Kehlmann schreibt uns eine subtile, vielschichtige Geschichte über Geschichte und Geschichtsschreibung, ihr Selbstbild und unsere Bild von ihr. Was beginnt, wie ein Sittengemälde des Mittelalters, jaja, Renaissance, entwickelt sich zu einem Spiegelsaal voll mit Blendern, eingebildeten Wissenschaftlern und aus der Zeit gerissenen Zeugen.</p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-daniel-kehlmann</link><guid isPermaLink="false">substack:post:165326562</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Jun 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/165326562/9f3956fafb44d67f6ba3e039711756f2.mp3" length="11949272" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>747</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/165326562/92377921e8c7e726c99aff16c8809db2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Gneuß, Inokai, Rudiš]]></title><description><![CDATA[<p>Das Kollektiv traf sich um die rezensierten Bücher der letzen Wochen nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen als da wären: </p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/charlotte-gneu-gittersee">Charlotte Gneuß: Gittersee rezensiert von Herrn Falschgold</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/yael-inokai-ein-simpler-eingriff">Yael Inokai : Ein simpler Eingriff bespochen von Anne Findeisen</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/jaroslav-rudis-winterbergs-letzte"> Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise lobpreist von Irmgard Lumpini</a></p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-gneu-inokai-rudis</link><guid isPermaLink="false">substack:post:164814917</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 Jun 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/164814917/ff195609973d61698302e865b606e508.mp3" length="27509699" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1719</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/164814917/3558f015b237b19d4940cd4d041eeff4.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise]]></title><description><![CDATA[<p>Das heute hier vorgestellte Werk wurde für den Deutschen Buchpreis für Belletristik nominiert, 2019 war das. Nun bin ich drauf gestoßen und weiß nicht wie.</p><p>Jan Kraus ist Sterbebegleiter. Er wird von Angehörigen engagiert, die letzte Reise zu begleiten. Zuzuhören, Dazusein, zu Pflegen. Es geht um den Tod, aber mehr noch darum, wie man dorthin gelangte. Er wird von einer Tochter beauftragt, sich um ihren Vater zu kümmern. Der war in Westberlin Straßenbahnfahrer. Busse sind ihm verhasst, er hatte 3 Ehefrauen, die alle nahe den Zügen begraben sind.</p><p>Eigentlich wollte er Zugführer werden, aber das ging nicht. Er heißt Winterberg, und Winterberg ist vom Sterben und vom Tod besessen. Das wurde ihm auch ein bisschen in die Wiege gelegt, sein Vater eröffnete in Liberec (damals Reichenberg) das 1. Krematorium auf dem Gebiet der jungen, gerade gegründeten Tschechoslowakei.</p><p>Winterberg (fast) einziges Interesse gilt der Geschichte. Sein treuer Begleiter ist der<a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baedeker_(Reisef%C3%BChrer)"> Baedeker</a>, genauer dessen letzte Ausgabe des Baedeker für Österreich-Ungarn aus dem Jahre 1913. Winterberg will auf eine letzte Reise gehen, Jan Kraus begleitet ihn. “Winterbergs letzte Reise” ist kein leichtes Werk. Wenn man sich hineinbegibt, empfängt es einem wie in einem Fluss, aber der rattert, denn es ist natürlich eine Zugreise.</p><p>Die spezifische Sprache, die Jaroslav Rudiš hier verwendet, erinnert mit ihren ständigen und dabei variierenden, fast formelhaft gebrauchten Redewendungen des Protagonisten Winterberg an Paul Celans “Todesfuge”.</p><p>Dabei zitiert Winterberg so ziemlich ununterbrochen aus dem erwähnten Baedeker und treibt damit insbesondere Jan Kraus in den Wahnsinn, der mit den Dämonen seiner eigenen Geschichte konfrontiert ist. Die Reiseroute: Königsgrätz, Pilsen, Budweis, Linz, Budapest, Brünn und am Ende auf die Insel Usedom.</p><p>Dabei ist insbesondere die Schlacht von Königsgrätz ein Ereignis, das früher in der Schule eine geringe (oder in meinem Fall: keine) Rolle spielte. Für Winterberg ist es der wichtigste Wendepunkt der europäischen Geschichte: 1866 endet die Schlacht mit der österreichischen Niederlage gegen Preußen, eine neue europäische Ordnung entstand - und endete in 2 Weltkriegen.</p><p>Königgrätz war die erste Schlacht in Europa, vor der große Truppenkontingente per Eisenbahn verlegt wurden. Die Sachsen standen (wie so oft) auf der Verliererseite.</p><p>Die Geschichte Europas wird durch die Entwicklung der Züge und Zugstrecken vorangetrieben. Dabei spiegeln sich Fortschritt und Barbarei: Die Feuerhalle, die eine moderne Bestattung verspricht, auf der anderen Seite die Krematorien von Auschwitz. Die Geschichte Böhmens, einst Österreich-Ungarn, dann auf dem Gebiet der Tschechoslowakei, dann von den Nazis besetzt, dabei vielfach von den in Böhmen lebenden Deutschen unterstützt.</p><p>Winterberg verzweifelt an der Geschichte. Weit mehr noch aber an der Ignoranz der Menschen, die die Historie nicht durchschauen und schlimmer noch: dies auch gar nicht wollen. Geschichtliche Weichen werden weit vor der eigenen Zeit gestellt.</p><p>Einige der Motive, die immer und immer wieder und dann noch einmal präsentiert werden sind: Das von Rudolf Bitzan entworfene Krematorium ("Feuerhalle“) in Reichenberg, Amand von Schweiger-Lerchenfelds Standardwerk „Die Überschienung der Alpen“. Wunderbar, die Lösung von Problemen folgerichtig als Überschienung zu bezeichnen. Dazu kommen all die Toten, die "keine schöne Leichen" waren, von der "beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins", als die ein Engländer ihm einst Mitteleuropa beschrieben hatte.</p><p>Mittelpunkt des Romans sind also der Tod und die ganzen Sauereien und Grausamkeiten, die sich Menschen zufügen. Die geraten dann in Vergessenheit und hinterher sind wieder alle überrascht, wie das geschehen konnte. Gleichzeitig der Kampf (oder das Streben) nach etwas Neuem, Besseren, das (zu) oft nicht gelingt.</p><p>“Winterbergs letzte Reise” ist Jaroslav Rudiš erster Roman auf deutsch.</p><p>Für seinen Beitrag zur Verständigung von Tschechen und Deutschen wurde der Autor von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.</p><p>Das Buch ist schon ein bisschen schwer zu ertragen und zu verkraften, aber es lohnt sich. Fast hätte ich es vergessen: es ist nicht nur tragisch, sondern auch komisch. Große Empfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. 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Ein Eingriff, bei dem ein Mensch eines Teils seiner Persönlichkeit, so unliebsam sie auch sein mag, beraubt wird und sich anschließend wieder als braves und folgsames Mitglied in die Gesellschaft einreiht? Es ist schwer, sich solch ein Szenario vorzustellen und der Gedanke daran weckt bei mir gleichzeitig Erinnerungen an reale, grausame Experimente, die wir aus der Geschichte der Menschheit kennen. In Yael Inokais 2022 im Carl Hanser Verlag veröffentlichten Roman <em>Ein simpler Eingriff </em>sind diese Art Operationen bereits alltäglich, was sie jedoch nicht weniger bedenklich oder gar fehlerfrei macht.</p><p>Meret, eine der Protagonistinnen die uns durch den Roman führt, ist Mitte Zwanzig und Krankenschwester in einer Klinik, in der regelmäßig Eingriffe an, vorwiegend Frauen, vorgenommen werden, die folgendermaßen beschrieben werden:</p><p><p>„Jene Eingriffe sollten Menschen von ihren psychischen Störungen befreien und sie in eine neue Zukunft entlassen, eine echte Zukunft, nicht nur eine fortwährende Existenz.“ (S.5)</p></p><p>Meret, die eine Verfechterin dieser Eingriffe ist, hat die Aufgabe, die Patientinnen, die bei vollem Bewusstsein am Gehirn operiert werden, während der OP zu betreuen, mit ihnen zu sprechen, sie zu beschäftigen und ihnen Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Ihr empathisches Wesen kommt ihr bei dieser Aufgabe zugute und wird auch von ihrem Chefarzt – dessen Name nie genannt wird – geschätzt, wohingegen beim Lesen der Eindruck entsteht, dass der Doktor selbst von Mitgefühl nicht viel weiß, weshalb Meret bei ihm eine besondere Stellung genießt und er sie regelmäßig in diesen Dingen konsultiert:</p><p><p>„Er ließ mir Kaffee bringen. Er sagte, er interessiere sich für das Mitgefühl. Er glaube, es werde vernachlässigt, inwiefern die menschliche Komponente bei der Behandlung eine Rolle spiele. Darüber wolle er mehr in Erfahrung bringen.“ (S. 36)</p></p><p>Es wirkt befremdlich auf mich, dass das medizinische Verfahren im Roman so fortschrittlich ist, wohingegen die menschliche Ebene und der Zusammenhang zwischen Körper und Geist im krassen Gegensatz dazu stehen, da sie noch in der Erkundungsphase zu sein scheinen. Ein Bruch der umso mehr verdeutlicht, dass die spezifischen Bedürfnisse und eine wirkliche Heilung bzw. Wohlbefinden in diesem Kontext und in dieser Gesellschaft gar keine Rolle spielen, sondern dass die Menschen angepasst und unauffällig sein sollen. Überhaupt lässt sich schwer sagen, an welchem Ort und in welcher Zeit Yael Inokai ihren Roman ansiedelt, da er technologisch futuristisch, vom Setting her aber eher in der Vergangenheit zu spielen scheint.</p><p>Die drei Kapitel, in die sie ihren Roman gliedert, sind nach den drei Protagonistinnen benannt, wobei Meret erst Titel des letzten Kapitels ist. Kapitel Nummer eins ist mit Marianne überschrieben. Sie ist das jüngste von vier Kindern, die einzige Tochter, der wohlhabenden und Ansehen genießenden Familie Ellerbach und Patientin in der Klinik, da sie unter unkontrollierbaren Wutausbrüchen leidet, die durch den Eingriff beseitigt werden sollen. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung beauftragt der Chefarzt Meret, sich ausschließlich um Marianne zu kümmern, der sich Meret zudem nach und nach auf besondere Weise verbunden fühlt. Umso tragischer ist es, als der Eingriff bei Marianne misslingt und sie nach der Operation nicht mehr ansprechbar ist. Trotzdem besucht Meret sie weiter, auch nachdem Marianne in eine andere Klinik verlegt wird. Neben einem von Mariannes Brüdern ist sie damit jedoch die Einzige, da die Familie die Tochter nach dem missglückten Eingriff aus dem öffentlichen Bild tilgt.</p><p>Die dritte Protagonistin ist Sarah, die ebenfalls Krankenschwester ist und in derselben Klinik wie Meret, aber auf einer anderen Station arbeitet, so dass sie sich im beruflichen Umfeld, auch aufgrund ihrer Schichten nie begegnen. Sie teilen sich jedoch ein Zimmer im Schwesternwohnheim und sehen sich anfangs auch hier nur selten. Nach und nach wird der Kosmos ihres gemeinsamen Zimmers jedoch zu ihrer Welt. Sie nähern sich vorsichtig einander an, tauschen sich über ihre Familien aus, beginnen kleine Ausflüge zu unternehmen und sich Nachrichten auf Zetteln zu hinterlassen, auf denen sie sich verabreden. Daraus erwächst schließlich nicht nur eine Freundschaft, sondern Liebe, die jedoch ausschließlich auf ihr gemeinsames Zimmer begrenzt ist. Während Meret sich in dem System, in dem sie lebt, wohl fühlt – Regeln und Vorgaben sind ihr wichtig und geben ihr Sicherheit – und sie auch an die Wirksamkeit der Eingriffe glaubt, stellt Sarah diese in Zweifel, was zu Konflikten zwischen den beiden führt.</p><p><p>„Manche waren gut darin geworden, sich jede Meinung abzugewöhnen. Die Vorgaben und Regeln fingen einen immer auf. Meinungen konnten das nicht.“ (S. 25)</p></p><p>Die Liebe zwischen den beiden jungen Frauen bewirkt aber auch einen Wendepunkt in Merets Einstellung, denn Homosexualität entspricht nicht der gesellschaftlichen Norm und soll ebenfalls mittels der Eingriffe 'geheilt' werden – was sie zu potenziellen Patientinnen machen würde – und auch der missglückte Eingriff bei Marianne sowie Sarahs kritische Einstellung, lassen Meret langsam erste Zweifel kommen.</p><p>Wir wissen, wann Yael Inokais Roman veröffentlicht wurde, in welcher Zeit er spielt, wissen wir nicht und müssen es auch nicht, denn die Themen sind aktuell. Es geht um eine Gesellschaft, die bestimmen möchte, was normal ist und diesen Zustand, wenn es sein muss, mittels operativer Eingriffe herstellt. Unterworfen sind ihr vor allem Frauen, deren Verhalten und Gemütszustände bewertet werden. Sind sie beispielsweise zu laut, zu wütend, oder lieben die 'falschen' Personen, dann sind sie unliebsam und geeignet für den Eingriff. All dies geschieht unter dem Deckmantel, ihnen helfen zu wollen, so wie es auch der Doktor gegenüber Meret deklariert , denn er hat sehr wohl erkannt, welches Verhältnis sie zu ihrer Mitbewohnerin pflegt.</p><p><p>„ »Es gab in anderen Kliniken gute Erfolge«, sagte er, »mit Störungen wie den Ihren. Neigungen, die nicht in einen Menschen gehören...so etwas muss nicht unbehandelt bleiben. Ich möchte hier auch damit anfangen. Vielleicht könnte das dann auch eine Lösung für Sie sein. Ich würde Ihnen gerne helfen.« “ (S.150)</p></p><p>Dass er gar nicht um Hilfe gebeten wurde und nur er es als Störung wahrnehmen könnte, spielt dabei für ihn keine Rolle. Der Doktor bleibt, wie viele andere, vor allem männliche Personen im Roman, namenlos, weil er für viele steht; für die Unzähligen, die Unterdrückung und Übergriffe als Hilfe tarnen. Auch Merets Vater wird nicht namentlich benannt und ihre familiäre Situation ist geprägt von Gewalt durch ihn, durch aushalten, still sein und ertragen ihrerseits. Ihre Schwester ist anders, sie provoziert und steckt die Schläge ein wie einen Triumph, als ein Zeichen dafür, dass sie die Kontrolle behalten hat.</p><p>Meret geben ihr ihre Arbeit und der Krankenhausalltag Sicherheit. Es ist ein System in dem sie eine von vielen ist, ihre Aufgaben kennt und diese gern erledigt. Ihre Schwesterntracht, die sie mit den anderen gleich macht, spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Uniformieren generell scheint ihr wichtig zu sein, trägt sie doch auch immer ein und dasselbe Kleid, wenn sie ihre Eltern besucht. Durch ihre Liebe zu Sarah wird zwar das Gefüge in dem sie sich eigentlich wohl fühlt nicht aufgebrochen, es bekommt aber nach und nach Risse, denn Meret beginnt sich zu emanzipieren und die Dinge, die ihr gut tun selbst in die Hand zu nehmen, für sie einzustehen. Als Frau ein selbstbestimmtes Leben zu führen ist generell eines der großen Themen des Romans, dass Inokai uns an fast allen ihren weiblichen Figuren auf unterschiedliche Weise vor Augen führt. Ihre Sprache ist dabei voller Andeutungen und Unausgesprochenem, das wir uns selbst denken müssen oder beim Lesen direkt fühlen. Ihre Beschreibungen des Krankenhausalltags wirkten anfangs fast kammerspielartig auf mich, was durchaus eine eher trübsinnige Stimmung auslöste, die sich aber mit dem Fortgang der Geschichte veränderte.</p><p>Yael Inokais <em>Ein simpler Eingriff </em>ist ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und Emanzipation, dafür zu hinterfragen und für nichts weniger als Freiheit. Dabei kommt es nicht donnernd daher, sondern weiß ruhig und eindringlich auf gerade einmal etwas mehr 200 Seiten zu erzählen und hat, wie ich finde, dafür zu Recht den Anna-Seghers-Preis erhalten. Auch von mir eine Empfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/yael-inokai-ein-simpler-eingriff</link><guid isPermaLink="false">substack:post:163797044</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 18 May 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/163797044/162a9f4303b747234ad4b422377b50f2.mp3" length="6362219" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>530</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/163797044/4e21bf31dcc2ee4ddd855438894ba686.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Charlotte Gneuß: Gittersee]]></title><description><![CDATA[<p>"Wahrhaftigkeit" ist nicht mein erstes Kriterium beim Lesen eines Buches. Im Gegenteil, mit allzu viel Sinn für das Mögliche wäre Harry Potter ein sinnloser Streber in Eton gewesen statt eines mäßig begabten Zauberlehrlings in Gryffindor und Drogon eine überdimensionierte Echse in den Sümpfen um Venedig statt ein feuerspeiender Drache über Braavos. Langweilig.</p><p>Bei Romanen, die etwas realere Begebenheiten abbilden hingegen, sagen wir, das Leben in der DDR, weiß ich es zu schätzen, wenn die Autorin oder der Autor, wenn sie schon nicht die Begebenheiten 1:1 abbildet, dann doch die Gefühle, die in der Luft lagen, die Erlebnisse, die die Protagonisten geprägt haben, exakt wiedergeben, statt sich eine retrospektive Idylle zu bauen. Looking at you, Uwe Tellkamp. Dessen absurder Roman "Der Turm", den zu lesen uns das westdeutsche Kleinbürgertum im Jahr 2008 auftrug, weil sie endlich einen Ossi gefunden hatten, der sie nicht verabscheute, hielt ich jahrelang für den Grund, dass ich einen weiten, weiten Bogen um jeglichen "Wenderoman" machte. Dabei entgingen mir Werke wie "89/90" von Peter Richter und sogar das immens lustige "Vom Ende des Punks in Helsinki" von Jaroslav Rudiš. Das muss ich nun alles nachholen. Denn, wie ich seit der Lektüre von Charlotte Gneuß' "Gittersee" weiß, kann man über eine Zeit, die man selbst kind of erlebt hat, lesen, ohne mit dem Kopf zu schütteln. Es war wohl immer nur dieser auch hier im Studio B <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/uwe-tellkamp-der-turm-2">saftig verrissene</a> "Turm", der mir die Retrospektive versauerte. Und natürlich die in den Neunzigern prävalente Ostalgie mit ihren Superillus und MDR-Talkshows und dem ständigen Gejammer der angeblich Abgehängten, von denen man genau die gleiche direkte Linie zu einer AfD-tolerierten Landesregierung ziehen kann, wie vom rechtsradikalen Uwe Tellkamp.</p><p>Unter einer ebensolchen präfaschistischen Konstellation lebt man heute (Danke, Uwe!), wenn man in Gittersee wohnt, einem Vorort von Dresden, welches wiederum der Geburtsort des Literaturpodcast und -newsletter "Lob & Verriss" ist. Ich weiß also, wovon ich lese, wenn dieses Städtchen im gleichnamigen Roman von <a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Charlotte-Gneu%25C3%259F/e/B0BT23N8TT?ref=sr_ntt_srch_lnk_1&#38;qid=1745929995&#38;sr=8-1">Charlotte Gneuß</a> Schauplatz einer wahrhaftigen Begebenheit in tiefen, tiefen DDR-Zeiten ist. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass Gittersee, obwohl von meiner Hood nur fünf Kilometer entfernt, für mich damals, in den 80ern, auf dem Mond lag. Denn der Mond lag in der gleichen DDR und dort waren die Verhältnisse überall dieselben, außer vielleicht in Berlin und von dem haben wir in Dresden-Löbtau genauso geschwärmt wie Karin und Marie in Gittersee.</p><p>Das tun die beiden Sechzehnjährigen im Jahr 1976 hauptsächlich auf der Stein-Tischtennisplatte vor der Schule und langweilen sich dabei ein bisschen. Es liegt sich nicht sonderlich bequem auf dem heißen Beton, schon gar nicht im beginnenden Sommer. "Unbequem" ist für Karin in diesem seltsamen Ort Gittersee ohnehin irgendwie alles. Wir reden hier nicht von der Unbequemlichkeit, die ein Teenager in 2025 erlebt, dessen tägliches Internetkontingent schon um 16:30 Uhr aufgebraucht ist. Wir reden von dieser seltsamen Langeweile, vor der Langeweile, die es nur im Osten gab, mit zwei TV-Programmen, zu wenig Brause im Sommer, zu schweren Fußbällen auf unbeschatteten Hartplätzen, wenn man ein Junge war und Klamottenproblemen, seltsam riechenden Haarsprays und Jungs in Kutten als Mädchen. Für Karin beginnen damit aber nur die Schwierigkeiten. Ihre spätgeborene kleine Schwester im Krippenalter muss bespaßt werden, denn ihre Mutter ist abwesend. Zunächst noch nicht körperlich, aber wenn sie abgekämpft abends nach Hause kommt, hat sie keinen Nerv für den Balg. Da kann Karin "die Kleine" noch so abgöttisch lieben, eine Sechzehnjährige hat andere Sachen im Kopf. Zum Beispiel ihre erste Liebe Paul, 17, der sie spontan bittet, mit in die Tschechei  zu fahren, sächsisch für die CSSR, von Gittersee nur eine Stunde mit dem Moped entfernt, zum Biertrinken, Klettern und Rummachen. Irgendwas ist seltsam an der Bitte, so kurzfristig am Freitagnachmittag, wie stellt er sich das vor, drei Tage boofen und schwoofen, pardon my sächsisch, das erlaubt Vati nie. Mutti ist es eher egal. Seltsam ist: Paul hat für Ostverhältnisse utopisch viel Geld dabei, 600 Mark. Um Kletterzeugs zu kaufen in der Tschechei, sagt er. Klingt fast plausibel.</p><p>Natürlich darf Karin nicht mit, Paul und sein Kumpel Rühle fahren los und nur einer kommt zurück. Ein paar Stunden später stehen die Behörden vor der Tür: “Was wusste Karin von der Republikflucht ihres Schwarms?”</p><p>Hier beginnt eine Odyssee durch einen Sommer, es ist der Sommer '76, wird bald klar, durch einen Ozean von Teenagergefühlen, durch den Schlund, den die Stasi jedem unter die Füße stellte, den sie für vulnerabel hielt. Nichts, was eine 16-Jährige aus einem Dorf fest in Stasihand auch nur ansatzweise managen kann.</p><p>Ich habe exakt fünf Kilometer von Karin entfernt gebebbelt. Unser beider Hinterhöfe waren wiederum jeweils fünf Kilometer vom Dresdner Hauptbahnhof entfernt, der, auf dem 13 Jahre nach der Romanzeit die Leute auf fahrende Züge von Prag in den Westen aufspringen wollten. Der Unterschied in diesem Ostdreieck war, dass vor meiner Haustür die Straßenbahnlinie 7 in zehn Minuten zum Hauptbahnhof fuhr, vor Karins Tür fuhr noch nicht mal ein Bus. Warum das für die Volkswirtschaft der DDR, oder sind wir ehrlich, der UdSSR, so wichtige Dorf von der Großstadt abgeschnitten war, wird klar, wenn man weiß, dass dort Uran abgebaut wurde. Dafür brauchte man Bergarbeiter, aber die sollten sich nicht unbedingt mit dem Volk verschmischen, also stellte man ihnen ein paar Platten hin und einen Konsum und eine Kneipe und ließ das Dorf Gittersee nicht zur Vorstadt von Dresden werden.</p><p>Die Wahrhaftigkeit im Roman entsteht durch Charlotte Gneuß' Sprache. Zum Beispiel hat kein Kind über fünf im Osten "Mama und Papa" gesagt. "Mutti und Vati" war der Kompromiss zwischen Zuneigung und Respekt, der die Kindheit zur Jugend machte. Ein Fahrrad wurde "ab-" nicht "an-" geschlossen und man erinnert das erst, wenn man es nach Jahrzehnten wieder liest. Es geht hier nicht um Lokalkolorit, es geht um die Exaktheit in der Sprache, die es braucht, um ein wahrhaftiges Bild einer Zeit und eines Lebens zu erzeugen, völlig wertungsfrei. Ich kann mir vorstellen, dass das in extrazonalen Ohren possierlich oder sozialistisch klingt, je nach Vorurteil, aber ich habe das Privileg bestätigen zu können, dass hier handwerklich genau gearbeitet wurde. Damit erarbeitet sich der Roman eine Ehrlichkeit, die er braucht, wenn er von der Zustandsbeschreibung des real existierenden Sozialismus zur "realen Fiktion" kommt. Hier: wie die Stasi versucht, die sechzehnjährige Karin zur Informantin, zum IM, zu machen. So psychologisch perfide wie geschickt arbeitet sich die Staatsmacht, "der Apparat", an der gerade von ihrer ersten großen Liebe verlassenen Jugendlichen ab, es bricht einem das Herz beim Lesen. Ob es gelingt, überlassen wir der Leserin. Ich im gleichen Alter wie Karin war pre-89 natürlich der Meinung, dass ich die Schergen aus der Tür gelacht habe, denn ich hatte, ganz der Rebell, zur NVA-Musterung einen <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=Vq7JSic1DtM&#38;pp=ygUGUC5JLkwu0gcJCYQJAYcqIYzv">P.I.L.</a> Sticker an meinem FDJ-Hemd zur Musterung, ey! Und post-89 spielte es keine Rolle mehr, es gab Techno und Drogen und die Gewissheit, dass man ein standhafter Oppositioneller gewesen war. Es brauchte 35 Jahre, um mir wieder Zweifel an der eigenen Heldengeschichte einzuimpfen und allein dafür gebührt "Gittersee" jede Lobpreisung.</p><p>Das Buch hätte natürlich im Jahr 1991 von einem der ehemaligen IMs geschrieben werden und erscheinen müssen, von jemandem, der in der gleichen Position war wie die Protagonistin. Aber das ging nicht. Nicht weil es unter denen keinen gegeben hätte, der das genauso präzise und wahrhaftig hätte beschreiben können wie Charlotte Gneuß, who knows, unter den Hunderttausenden hätte es sicher Talente gegeben, looking at you Sascha Anderson, sondern weil eine wahre Story einer Autorin wie der Protagonistin die gesellschaftliche Vernichtung durch Spiegel und BILD bedeutet hätte. So muss es ein paar Jahrzehnte später eine “wahrhaftige” Geschichte tun, statt einer wahren, geschrieben von einer Spätgeborenen. Vielleicht etwas zu spät, um aus dem Überleben in der vergangenen Diktatur zu lernen, für die kommende gerade richtig. Mit dem Vorteil, dass die Freiheit der Fiktion aus einer schnöden Lifestory einen durchaus dramaturgisch spannenden Roman, fast einen Krimi, macht. Und da man eine Autorin wie Charlotte Gneuß, Jahrgang 1992, schwerlich des Mitläufer- oder gar Tätertums in der DDR bezichtigen kann, versuchte das deutsche Feuilleton uns zu erklären, dass so jemand ja schwerlich einen Roman schreiben kann, der das Leben in der DDR realistisch wiedergibt, nur weil ihre brutale Erzählung den "Heile-Welt-Uwe-Tellkamp-Fanboys and -girls" in den FAZ u.ä. Redaktionsstuben das Lesevergnügen versaut.</p><p>Denn insgesamt ist Gittersee eine beeindruckende Erinnerung daran, dass die DDR nicht nur Poliklinik und Rechtsabbiegerpfeil war. Dass die Legende von der Solidarität, dem achso happy Leben in den Brigaden, dem vertrauensvollen und hilfsbereiten Zusammenleben, exakt das war: eine Legende. Dass die DDR vornehmlich ein Gefängnis war, welches die Leute, die darin eingesperrt waren, gegeneinander auf- und um den Verstand gebracht hat, in den Wahnsinn trieb. Und eine Erinnerung daran, dass Gefängnisse nicht nur Wärter brauchen, sondern auch Capos, und wie man zu keinem solchen wird, ist eine Weisheit, die auch heute nicht unnütz ist.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/charlotte-gneu-gittersee</link><guid isPermaLink="false">substack:post:162808860</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 May 2025 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/162808860/bb7138540176ef704fcabb3741d30669.mp3" length="11458519" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>573</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/162808860/246ea41b3389d077fbb9d6d03d4ee3d2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Lächel doch mal!]]></title><description><![CDATA[<p>"Ich liebe jede Farbe, Hauptsache sie ist schwarz."</p><p>"Pop will eat itself!"</p><p>"Wer vergisst, tötet auch ein zweites Mal!"</p><p>Sprüche wie diese, in ihren unterschiedlichen Graden von Nihilismus, standen in meiner Teenagerzeit an unseren Wänden. Ganz normaler Gruftistuff. Weder wir Wandmaler noch das angestrebte Publikum - Kumpels, Eltern, Funktionäre - nahmen den Quatsch sonderlich ernst. Wenn man es sehr hoch hängen will, war es eine Form der Rebellion, ein Auflehnen gegen eine Gesellschaft (die DDR), mit deren Zielen man vielleicht noch halbwegs übereinstimmte - Sozialismus, warum nicht? - deren Methoden man aber ablehnte, speziell so Sachen, wie Leute ohne Rechtsgrundlage wegzusperren und s**t.</p><p>Gerade weil die Kluft zwischen der postulierten und der gelebten Moral so tief war, fühlten wir weniger das Bedürfnis, gegen "das System" zu kämpfen; wir machten unser Ding parallel zu ihm, im Zweifel in leichter Opposition, aus der tiefen Überzeugung heraus, dass das alles eh nicht mehr so lange geht; zu bankrott, zu ausgehöhlt, zu bigott war die Gesellschaft.</p><p>Was seinerzeit an Wänden stand, strahlt Dir heute auf Insta, TikTok oder, gottbehüte, X, the everything app, durch die Rezeptoren direkt ins Brain. Das ändert an der Tatsache nichts, dass das angestrahlte Publikum - Kumpels, Eltern, Funktionäre - den Quatsch auch heute nicht sonderlich ernst nehmen. Dabei steht im Unterschied zum plakativen Spruch damals, in den Posts heute, je nach Bubble, manchmal Fundamentales, klug Analysiertes gar. Aber da das gefährlich sein kann für die aktuellen Machthaber, benutzen diese die Kraft des Algorithmus, die Nachrichtenzone mit "<a target="_blank" href="https://www.deutschlandfunk.de/flood-the-zone-warum-trumps-flut-an-dekreten-und-provokationen-methode-hat-100.html">Scheiße zu fluten</a>". Damit sich das nur milde politisch interessierte Publikum nicht durch intelligente Kritik radikalisiert, werden Videos priorisiert, möglichst harmlose - Affen, Kinder, Katzen - und nur zu Wahlkampfzeiten pusht man vielleicht mal die eine oder andere Greueltat der aktuell größten Feinde des Establishments. Das alles ist gut untersucht und in <a target="_blank" href="https://www.garbageday.email/">Kurz</a>- und <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=yS_c2qqA-6Y">Langform</a> dokumentiert.</p><p>Wenn man das Ganze als Wettstreit von Ideen betrachtet, von mir aus sogar "Ideologien" oder "Wertesystemen", kann man dieses Game durchaus interessiert finden, auch wenn die Protagonisten mit dem eigenen Leben spielen. Schon immer gab es den Wettstreit um die richtige Idee, den richtigen Weg zu leben und bei aller Verzweiflung ob des aktuellen Niveaus des Diskurses bringen 3 Millionen Posts immer noch weniger Menschen um, als 3 Millionen Kugeln. Früher wurde der Battle auf dem Schlachtfeld der Ideen als ein Kampf zwischen Progressiven und Konservativen betrachtet und als wertvoll angesehen, denn eine Gesellschaft, die zu schnell voranschreitet, lässt zu viele der Langsameren auf der Strecke; verharrt jedoch die Gesellschaft in Angst vor der Zukunft, droht sie zu explodieren, weil die Klugen und Wilden keinen Bock auf Langeweile und zähe Muffigkeit haben.</p><p>Aber entspricht die Beschreibung "Vorwärts gegen Rückwärts" noch der Realität? Kämpfen hier zwei Moralitäten gegeneinander und die eine, aktuell die Konservative, liegt gerade vorn, weil den meisten Leuten der S**t um sie herum zu schnell geht, sie nicht mehr mitkommen?</p><p>Wenn wir lesen (müssen), was der angeblich reichste F****r auf dem Planeten so sagt, ist man eher verwirrt</p><p>:</p><p>Für Nicht-Nerds: Wir Menschen sind nur die Starthilfe für eine digitale Superintelligenz, meint die menschliche Superintelligenz Elon Musk. Nun muss eine Meinung weder fundiert, durchdacht oder auch nur klug sein, um sich zu verbreiten, siehe "Coronaschutzimpfung machen 5G", siehe "Ausländer sind Schmarotzer" und ähnlicher Dünnschiss, den man im Erzgebirgsvorland so glaubt.</p><p>Die Idee einer Singularität, einer Superintelligenz, in der wir Menschen bestenfalls aufgehen, wenn wir nicht einfach nur ihr Treibstoff sind, weil, zu dumm, stammt in etwa aus der Zeit, als ich die eingangs erwähnten Sprüche mit schwarzem Filzer an die Rauhfasertapete über meinem Bett malte. Dachte <a target="_blank" href="https://amzn.to/3FVB1eZ">William Gibson</a> Ende der Achtziger Jahre aus heutiger Sicht noch "konventionell" (Stecker in den Kopf), beschreibt 1995 Neal Stephenson in "<a target="_blank" href="https://amzn.to/42zMkSI">Diamond Age</a>" einen Almanach für Kinder, der dem ChatGPT-Abo, mit dem Schüler heute ihre Lehrer bescheißen, verdammt ähnlich ist. 1998 schrieb Ray Kurzweil dann den Urtext "<a target="_blank" href="https://amzn.to/42kEOtE">The Age of Spiritual Machines: When Computers Exceed Human Intelligence</a>", und legte dar, wie wir uns alle zusammenschalten und inmitten von Computern leben werden. Nur ein Jahr später vollendeten die Wachowski-Geschwister den Weg von Gibsons "Computer für alle" zu "Alle für den Computer" mit der Matrix-Trilogie und ihrer Vision für die Biobatterie Mensch. Alles hübsche Geschichten über Superintelligenzen und Singularitäten, je nach persönlichem Geschmack hoffnungsvoll oder schreckensnihilistisch - aber auf keinen Fall real.</p><p>Musks Spruch aber, dass wir Biopeople nur der Samen für eine digitale Intelligenz seien, ist, so dumm er ist, ernst gemeint und der Menschenfeind hat die Mittel und den Einfluss auf den mit Abstand dümmsten Präsidenten der Welt (Honni war ein Einstein dagegen), wenn schon nicht dieses Ziel zu erreichen, auf dem Weg dahin aber ordentlich Geschirr zu zerbrechen, die Weltwirtschaft z.B. oder den mehr schlecht als recht haltenden Weltfrieden. Irgendwie macht da die eigene Neigung zum zynischen Spruch, den manchmal nur ich lustig finde oder die provokante Spielerei mit dem Nihilismus, zu der ich auch 40 Jahre später noch neige, nicht mehr den allergrößten Spaß. Milliardäre machen einem aber auch alles kaputt. Duh.</p><p>Aber so schnell lasse ich mich nicht aus der Rolle der milden Opposition drängen und praktiziere nunmehr Antinihilismus. Nicht oft, es fällt mir nicht zu, zu lange trage ich schwarz, bin zu introvertiert, zu fremd ist mir der Mensch, aber wenn es gegen Elon Musk geht, reiße ich mich zusammen. Zu pessimistisch sind die meisten Menschen um mich herum, da spielt es kaum eine Rolle, ob ihr Tribe bei Wahlen gerade verloren hat oder gewonnen. Denn so ansteckend wie ausländerfeindlicher AfD-Scheiß, Anti-Woke-Quatsch und AI-Slop sind, muss man wissen: alles, was beim Menschen durch irgendeine Körperöffnung rein geht und dann im Kopf ankommt, kann anstecken - sogar Freundlichkeit! Ich habe es jahrzehntelang nicht geglaubt. Jetzt ist es fast die letzte Hoffnung. </p><p>Also mach ich das jetzt! Ich geh rein! Ich f*****g lächle Menschen an.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/lachel-doch-mal</link><guid isPermaLink="false">substack:post:160697059</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Apr 2025 09:32:15 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/160697059/8155e88cb2b7afb280fad1560c943f3a.mp3" length="7628445" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>381</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/160697059/97be588aa4f212c662e0ef670993f50d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Susanna Clarke: Piranesi]]></title><description><![CDATA[<p>Ein Tagebuch zeigt uns die Welt, in der Piranesi lebt, wie er lebt, was er sieht, was er fühlt, die Fragen, die er sich stellt.</p><p>Vorangestellt sind 2 Zitate: Das Erste: “Ich bin der große Gelehrte, der das Experiment durchführt. Natürlich brauche ich Versuchspersonen, an denen ich es durchführen kann.” Es ist C. S. Lewis Prequel “The Magicians Nephew” der Reihe “Die Chroniken von Narnia” entnommen, das auf andere Welten verweist.</p><p>Das 2. Zitat, ungleich länger, wird Laurence Arne-Syles zugeschrieben, der in einem Interview in The Secret Garden, veröffentlicht im Mai 1976, unter anderem sagt: “Man nennt mich Philosoph oder Wissenschaftler oder Anthropologe. Ich bin nichts davon. Ich bin Anamnesiologe. Ich erforsche, was vergessen wurde. Ich erspüre, was ganz und gar verschwunden ist. Ich arbeite mit Abwesenheiten, mit Lautlosigkeiten, mit merkwürdigen Lücken zwischen Dingen. Eigentlich bin ich mehr Zauberer als alles andere.”</p><p>Laurence Arne-Syles, der sich mit den vergessenen Dingen beschäftigt, mit Leerstellen, von denen unsere Welt voll bzw. leer ist, wurde nicht vergessen (nur falls die Frage auftaucht, ob man ihn kennen sollte). Er ist eine Erfindung der Autorin Susanna Clarke, vielleicht auch eine Erinnerung, die verloren gegangen ist?</p><p>Titelheld Piranesi, der ziemlich sicher ist, dass er nicht Piranesi heißt, sich aber nicht erinnern kann, wie er einst genannt wurde, lebt in einer seltsamen Welt.</p><p>Wir lernen sie durch die detailreichen und präzise formulierten Tagebucheinträge Piranesis kennen, aus denen das Werk besteht.</p><p>Ein erster Anhaltspunkt, dass Piranesis Welt nicht die unsere ist, oder doch zumindest verschieden, ist die seltsame Datierung seiner Einträge: Es gibt Tage und Monate, aber das Jahr ist “ das Jahr, in dem der Albatros in die südwestlichen Hallen kam.”</p><p>Piranesi lebt in einem großen, unendlichen Haus, dass aus so vielen Hallen besteht, dass er zwar eine Vielzahl bereist, jedoch - in keiner Richtung - je das Ende erreicht hat und das aus drei Ebenen besteht: in der untersten sind tiefe Gewässer, Ozeane, die Ebbe und Flut unterworfen sind. In der obersten funkeln des nachts die Gestirne und ziehen tagsüber Wolken. Auf der mittleren Ebene finden sich zahllose Räume unterschiedlichster Größe und Beschaffenheit, denen eins gemein ist: sie sind von zahllosen Mamorplastiken bevölkert, die unterschiedlichste Formen, Menschen und Fabelwesen zeigen, einige scheinen neuer zu sein als andere, sie bilden unterschiedliche Gefühle, Handlungen und Situationen, reale Natursituationen und mystische Begebenheiten ab.</p><p>In den Tiefen der Ozeane leben Fische, und Vögel begleiten Piranesi.</p><p>Das Haus versorgt ihn, er fühlt sich geborgen und - er hat keine Wünsche.</p><p>Er zeichnet gewissenhaft die Gezeiten auf, um gefährliche Fluten vorherzusagen. Bevor diese kommen, bringt er seine wenigen Habseligkeiten, zu denen seine Aufzeichnungen gehören, in einer Tasche in höhere Gefilde in Sicherheit. Er isst Fisch und nutzt getrockneten Seetang als Feuermaterial. Sein frugaler Lebensstil fordert von ihm Planung und Umsicht. In seinen Aufzeichnungen versucht Piranesi, die Plastiken des Hauses in ihrer Vollständigkeit zu beschreiben, ein Ziel, dass unmöglich zu erreichen scheint. Verzweiflung oder Ängste finden sich nicht in den Tagebucheintragungen.</p><p>Zweimal in der Woche trifft er sich mit dem Anderen, dessen Kleidung Piranesi als elegant beschreibt und den er als ungefähr 20 Jahre älter schätzt. Der Andere besitzt Sachen, die sich nicht im Haus finden und schenkt Piranesi ab und zu hilfreiche Dinge wie feste Schuhe und einen Schlafsack. Die Frage nach der Herkunft dieser Dinge kommt Piranesi nicht in den Sinn.</p><p>Piranesi assistiert - so seine Annahme - dem Anderen bei einem andauernden Experiment und unternimmt dafür Reisen in weiter entfernte Räume. Das Ziel des Anderen kennt er nicht. Brüche und Spalten in Piranesis zufriedener Existenz erscheinen, wenn er auf Widersprüche stößt: so scheint er schon immer im Haus zu leben, kann sich aber nur an die letzten 5 Jahre erinnern.</p><p>Die Wahrnehmung des Hauses durch Piranesi und den Anderen ist grundsätzlich verschieden: dem Anderen erscheint es als Labyrinth, als potentiell gefährlich, ein Ort, dessen Geheimnisse er mithilfe von Piranesi entschlüsseln und dadurch Macht gewinnen will. Ihr erinnert euch: Wissen ist Macht. Während Piranesi sich instinktiv im Haus bewegt und geborgen fühlt, kann der Andere das Haus nur durch die Beobachtungen Piranesis verstehen bzw. den Versuch unternehmen, es über ihn zu verstehen.</p><p>Unsere Zweifel an Piranesis Einschätzungen, die allein durch seine Tagebucheinträge vermittelt werden, nehmen zu. Er erscheint in seinem Urvertrauen und seiner Gelassenheit kindhaft. Seine Zufriedenheit scheint seltsam, wissen wir doch um die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und Erkenntnis, aber wie definieren und bestimmen wir diese?</p><p>Die Abwesenheit anderer Menschen scheint Piranesi nicht zu berühren oder zu beunruhigen. Auf seinen Wanderungen hat er die Skelette 13 anderer gefunden. Er bringt diese an von den Fluten unerreichbare Höhen und schenkt ihnen Blumen.</p><p>Die Selbstgenügsamkeit seiner Isolation weckt Erinnerungen an die Zeit unserer Zwangsisolationen, das Werk wurde jedoch weit vor der Pandemie begonnen. Piranesi zeigt, dass Alleinsein und Einsamkeit sehr unterschiedliche Gefühle sind. Seine Begegnung der Welt des Hauses gegenüber kann für das Ideal der Romantik gelesen werden, dass es der Sinn des Lebens ist, in tiefer Verbindung mit der Natur zu leben, sich bewusst zu sein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, neben Tieren, Pflanzen, anstatt sich die Natur untertan zu machen und sich mit ihrer Zerstörung selbst zu zerstören.</p><p>Beispielhaft für Piranesis Verbundenheit mit der Natur steht seine Begegnung mit dem Albatros, die ihm so wichtig erscheint, dass er das Jahr nach diesem Ereignis benannt. Der Albatros ist ein mystischer Vogel, derjenige mit der größten Flügelspannweite, die bis zu 3,50 Meter betragen kann, und er kann mehrere hundert Kilometer durch die Lüfte gleiten, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Als Piranesi das erste Mal auf den Albatros trifft, glaubt er eine Vision zu haben, als dieser versucht zu landen. Piranesi handelt, wie er es immer tut: Er umarmt die Natur und ihre Bewohner mit offenen Armen. Beide verlieren ihr Gleichgewicht, erholen sich, und Piranesi gibt dem Albatros und seinem Gefährten Seetang, damit sie sich für ihre Brut ein Nest bauen können.</p><p>Zunehmend wird unser Protagonist durch seine Aufzeichnungen, Träume, Erinnerungen und Unstimmigkeiten in diesen auf Missverhältnisse zwischen seinen Annahmen über die Welt des Hauses selbst aufmerksam. Später wird sich das Werk von den beschreibenden Tagebucheinträgen zu einem Thriller hin entwickeln, der nach Identität, dem Umgang mit dem Leben und den Lebenden fragt und neben den Gefühlen der vollkommenen Zufriedenheit in den Schatten den Horror der Anderen beiläufig und dann gar nicht mehr beiläufig erahnen lässt.</p><p>Der Name Piranesi verweist auch auf einen Graveur, der eine Serie über imaginierte Gefängnisse schuf. Und er versaute Goethe den Besuch Roms: dieser war von den Veduten Piranesis zu Rom so hingerissen, dass er die Realität enttäuschend fand.</p><p>Und so ergeht es uns bei der Lektüre: imaginierte Grandezza, die vor Grausamkeiten liegt. Und die Frage nicht beantwortet, ob es vorzuziehen ist, die zugrundeliegenden Wahrheiten zu kennen oder im Frieden mit den Verhältnissen zu leben.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-susanna-clarke</link><guid isPermaLink="false">substack:post:160180315</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 30 Mar 2025 11:45:43 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/160180315/a95fabbddb87897cb9b83991890ac96b.mp3" length="9950608" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>498</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/160180315/c2e0301f4e9815c8fb44f738f97e6d4d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Lauren Groff: Die weite Wildnis]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Wir richten unseren Blick in die Neue Welt, zumindest in eine Zeit und ein Setting, in dem dieser Begriff noch zutreffender war, als er es heute ist. Es ist die Zeit, in der die Engländer diese neue Welt entdecken, erforschen und sie sich vor allem zu eigen machen wollen, also schätzen wir den zeitlichen Rahmen auf das frühe 17. Jahrhundert, obwohl genaue Zahlen im Roman nicht genannt werden, aufgrund der Umschreibungen nicht nötig sind und wir als Leserin die Handlungen auch anhand der Beschreibungen – zumindest nach und nach – einordnen können.</p><p>In Lauren Groffs <em>Die weite Wildnis </em>begleiten wir ein Mädchen, vielleicht kann sie auch als junge Frau bezeichnet werden – ihr Alter liegt zwischen 16 und 18, so genau weiß das keiner – die als Teil einer Gruppe englischer Siedler die noch unbekannte neue Welt erreicht. Sie gehört zur Gefolgschaft ihrer Dienstherrin, welche mit ihrem zweiten Ehemann, einem Pfarrer, sowie ihrem Sohn Kit und ihrer Tochter Bess aus erster Ehe reist. Unsere Protagonistin selbst, die von ihrer Herrin mit vier oder fünf Jahren aus dem Waisenhaus adoptiert wurde, trägt den Namen Lamentatio, der genauso eine Beleidigung ist, wie die anderen Namen die man sie ruft, doch oft wird sie im Roman auch einfach nur <em>das Mädchen </em>genannt. Sie war Dienstmädchen, in einem einst liberalen und großzügigen Künstlerhaushalt und kümmerte sich voller Herzblut um Bess, die Tochter ihrer Dienstherrin, die zwar nicht der geistigen Entwicklung ihres Alters entsprach, dafür umso feiner und schützenswerter war und für das Mädchen wie eine Tochter war. Mit Bess' Tod endet auch die Zeit, die das Mädchen bei ihrer Adoptivfamilie im Fort der englischen Siedler verbringt, welches ohnehin mittlerweile von Hunger, Gewalt, Kälte und Tod geprägt ist.</p><p>Den genauen Grund der Flucht des Mädchens, mit nichts als dem Nötigsten, erfahren wir als Leserin, das darf an dieser Stelle schon erwähnt werden, aber erst kurz vor Ende des Romans. Vielmehr ist man von Anfang mit der Protagonistin in Bewegung, weg aus dem Fort und hinein in den Wald und immer Richtung Norden, wo sie eine französische Siedlung vermutet, von der sie sich Schutz verspricht. Doch bis es soweit ist, sind die weite Wildnis, wie es im Titel heißt und der Wald das zu Hause des Mädchens.</p><p>Die Natur bildet dabei das prägnante Motiv in Lauren Groffs Roman. Sie symbolisiert einerseits das Unbekannte in Form eines neuen Kontinents, damit einhergehend einer neuen Umgebung und neuer Vegetation, neuer Lebensumstände und Möglichkeiten. Andererseits, wirft sie den Mensch bzw. in unserem Fall das Mädchen auf sich selbst zurück. Die Natur stellt also die Frage nach dem Selbst, da das Mädchen auf ihrer Flucht fast vollständig den Gegebenheiten der Natur unterworfen ist und es schafft, sich anzupassen, herauszufinden, was sie ohne Schaden essen kann, wie und wo sie unter schlüpfen kann, um die Nacht und viel mehr die Kälte und Nässe zu überleben. Schließlich wird ihr bewusst, dass sie die Natur zu kennen glaubte, was ein Irrglaube war, der sich nun aber ins Gegenteil verkehrt, denn nun lernt sie in ihr zu leben. Dies steht im krassen Gegensatz zu den Besiedlern, die sich das neue Land unterwerfen wollen, die Wälder roden, Siedlungen bauen und eher für Zerstörung als Bewahrung stehen. Was durchaus als klarer Verweis auf unsere heutige Zeit gelesen werden kann und sollte. Auch die Dankbarkeit und Wertschätzung des Mädchens gegenüber allem, das sie aus der Natur nimmt, verweist auf die krasse und gegensätzliche Ausbeutung des Menschen eben dieser und las sich für mich dennoch nicht wie ein erhobener Zeigefinger, den Lauren Groff auf jemanden richtet, vielmehr ist es die Erinnerung daran, sein Bewusstsein wieder mehr für die Dinge zu schärfen, die einen umgeben.</p><p>Zu diesen Dingen gehören für das Mädchen auch Männer, vor denen sie sich in erster Linie fürchtet. Einer von ihnen ist zu Beginn des Buches noch auf der Jagd nach ihr. Dass er diese Jagd schnell verliert, erfahren aber nur wir Leserinnen. Andere sind Männer, in denen sie in ihrem Leben als Dienstmädchen begegnet ist und die, bis auf eine Ausnahme, alle mit negativen Erfahrungen in Verbindung gebracht werden. Auch auf ihrer Flucht durch die Wildnis ist sie ständig auf der Hut, denn auch in der vermeintlichen Abgeschiedenheit lauern Gefahren für sie. Dazu schreibt Groff Folgendes:</p><p>„Und es lief ihr eiskalt durch Mark und Bein, ein Reflex, denn sie fürchtete das Schicksal, das Frauen überall auf der Welt fürchten müssen, wenn sie in der Stadt allein auf einer dunklen Straße unterwegs waren oder auf einem abgelegenen ländlichen Weg fernab menschlicher Ohren oder an irgendeinem anderen Ort ohne die Gegenwart von Zeugen.“ (S. 199)</p><p>Und selbst der Pfarrer, der Mann der Religion und des Glaubens, wird als Negativbeispiel nicht ausgelassen. Die Religion selbst wird im Roman immer wieder thematisiert und in Frage gestellt. Das Mädchen erkennt Gott in ihrer Not und ihren Schrecken in der Natur selbst und ist sich sicher, dass viele Völker, auch wenn sich ihre Namen für Gott unterscheiden, doch denselben anbeten. Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass viele als unumstößliche Wahrheiten oder Tatsachen getarnten Aussagen vor allem dem Streben nach Macht und Unterdrückung entspringen und lehnt diese ab.</p><p>Während man als Lesende der Protagonistin, dem Mädchen, immer weiter in die Wildnis folgt und sich fragt, wie es einem Menschen möglich sein kann, all die Widrigkeiten zu überwinden, die sie überwindet, zieht einen der Roman in einen Sog, dem man nicht mehr widerstehen kann. Dabei lässt Lauren Groff wenige Abscheulichkeiten, menschliche Abgründe und körperliche Ausscheidungen aus, die einen abstoßen und dennoch weiterlesen lassen. <em>Die weite Wildnis </em>ist ein Roman, der viele Themen beinhaltet, die uns in vielfältiger Weise im Alltag begegnen, die Art sie literarisch zu verarbeiten finde ich jedoch besonders und mitreißend. Der starke Drang und unbedingte Wille Gemeinschaft zu finden, ihr anzugehören und sich geborgen zu fühlen, ist dabei ein Motiv, dass in vielerlei Hinsicht bewegend ist. Eine unbedingte Leseempfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/lauren-groff-die-weite-wildnis</link><guid isPermaLink="false">substack:post:159693932</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 23 Mar 2025 19:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/159693932/929088f788b0d8bf39596cb8b2f79317.mp3" length="7484662" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>374</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/159693932/18d318aa8bc304f9755328eec0327afe.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Taffy Brodesser-Akner: Die Fletchers von Long Island]]></title><description><![CDATA[<p>Ja... ich weiß. Aber keine Angst, es wird nicht ganz so schlimm wie damals in den 80ern, oder den 60ern, von den 40ern gar nicht zu reden.</p><p>"Herr Falschgold hat gesagt, der Holocaust ist nicht mehr so schlimm!"</p><p>Exakt.</p><p>In meiner Jugend, in der DDR, liefen am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz noch Tausende von ehemaligen Häftlingen in ihren gestreiften Anzügen mit dem gelben Stern oder dem roten Dreieck die Strecke des Todesmarsches ab. Sowas brennt sich ein in ein Kinderhirn.</p><p>Zwanzig Jahre später, in den Neunzigern, im Kibbuz in Israel als Freiwilliger, freundete ich mich mit einem Bewohner an. Er hieß Bedolf. Bedolf war ein alter Berliner mit Schnauze. Seine Heimat hatte er damals, im Jahr 1998, schon seit fünfundsechzig Jahren nicht mehr gesehen. Er hatte Anfang der Dreißiger, eher als viele andere, die Zeichen der Zeit erkannt und ging nach Palästina. Er hieß da noch Adolf, was ein ganz normaler Jungsname war, und hätte ich in '98 schon gewusst, was ich heute von der Geschichte des Zionismus, Palästinas und der Gründung des Staates Israel weiß, hätten wir ein wirkliches Gesprächsthema gehabt. So habe ich ihn natürlich befragt, ob er wirklich Bedolf heiße (unklar) und über den Holocaust. Bedolf hat mich nur angeschaut, leise und bestimmt gesagt, dass er lange vorher rausgekommen ist und damit war das Thema erledigt.</p><p>Heute in den 2020ern gibt es nahezu keine Überlebenden der Judenvernichtung mehr. Die Erinnerungen an die Shoa sind von den Opfern auf deren Kinder, Enkel, Großenkel übergegangen, von der Tätergeneration auf die unseren.</p><p>Die Shoa war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. So ist sie definiert, haben wir alle gelernt. <em>Das</em> Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber man kann das "Das" noch so kursiv setzen, man wird ihm nicht gerecht. Gleich gar nicht in Worte zu fassen ist die Innenansicht, die <em>Gefühle</em> der Überlebenden und ihrer Nachfahren (und nur um die wird es in diesem Text gehen). Das muss versucht werden, klar. Wenn man über etwas sprechen will, braucht es Worte. Aber "Shoa" ist zu abstrakt, "Holocaust" zu institutionalisiert. Ok, nennen wir es "Trauma"? Das ist vielleicht zu allgemein, aber hat den Vorteil, dass es die Gefühlswelt der Opfer in den Empfindungsbereich ihrer Mitmenschen bringt. Trauma kennt jeder vom Sport, aus der Liebe, aus dem Leben. Damit ist es vielleicht doch das beste Wort, wenn man über das sprechen möchte, worüber man nicht sprechen kann. Heute nicht mehr, weil fast alle Überlebenden tot sind, damals nicht, weil sie noch gelebt haben. Aber wir müssen über den Holocaust sprechen!</p><p>Das sagte sich Taffy Brodesser-Akner, nachdem sie mit ihrem Debutroman 2019 "Fleishman is in trouble" einen wirklichen Erfolg gelandet hatte. Die rasante Story um eine New Yorker Middle-Class-Familie (also aus unserer Sicht "f*****g rich"), in der unten, oben, männlich, weiblich, richtig und falsch wild durcheinandergewirbelt wurden, voller Überraschungen und mit genau der richtigen Mischung aus jiddisch/jüdisch/amerikanischer Stereotype und deren Brechen, war der reine fun.</p><p>In den erzählenden Künsten sind Stereotype meist ein großer Spaß (wenn man auf sowas steht) und haben auch im realen Leben eine Funktion. Sie halten Erinnerungen wach, sie verbinden Gruppen, deren Individuen oft gar nicht so viel gemein haben; da muss man manchmal ein bisschen nachhelfen, passend machen, verallgemeinern. Die Kehrseite des gruppenverbindenden Holzschnittes ist, dass ein Stereotyp abgrenzt, nach und von außen. Auch wenn der erste Gedanke in aufgeklärten Kreisen ein "Nonononono!" ist: "Abgrenzung böse! Pfui! Aus!" sollte man das anthropologisch neutral sehen. Nicht jede <em>Ab</em>grenzung ist eine <em>Aus</em>grenzung, ein Akt der Gewalt; zumindest geht sie vom Grenzenziehen nicht zwangsläufig aus. Bei Juden ist die Abgrenzung nach ein paar tausend Jahren Verfolgung, mit der bekannten Kulmination vor achtzig Jahren, eher Selbstschutz. Man weiß, was man aneinander hat und damit kein anderer. Leider ist das neben seltsamen Haar- und Bartmoden, einer Sprache voller Rachenlaute und absurden Ideen, wie man einen Fisch FILLT, vor allem eines - ein Trauma.</p><p>Nun können es nicht nur deutsche Schulkinder nicht mehr hören, wenn ihnen der Holocaust so erklärt wird, wie das noch vor fünfzig Jahren üblich war. Zu abstrakt, zu brutal oft, zu abstumpfend gleichzeitig, wird institutionalisiert erklärt, was nicht zu verstehen ist. Ein anderer Ansatz scheint nötig, das Verbrechen und seine Nachwirkungen auf ein menschlich erfühlbares Niveau zu bringen. Zum Beispiel, indem man die Geschichte der nachfolgenden Generationen erzählt, ohne Holzhammer und Zeigefinger, verpackt in eine absolut packende, moderne Story. Eine Familiengeschichte vielleicht, mit ein bisschen Kriminalität, Drama, Eifersucht. Wir denken "Billions", "Yellowstone" oder "Succession". Inklusive bekommt man bei einem solchen Herangehen aber den zwangsläufigen kollektiven Aufschrei der Aufpasser, vor der "Verharmlosung der unvergleichlichen Shoa" wird gewarnt werden. Das ist so reflexhaft wie unvermeidlich und somit kann nur eine Jüdin eine solche Story schreiben. Exakt das ist es, was Taffy Brodesser-Akner mit "Die Fletchers von Long Island" anging und was ihr, vorab, ziemlich hervorragend gelingt.</p><p>Hervorragend deshalb (auf das "ziemlich" kommen wir zum Schluss), weil "Long Island Compromise" (so der Originaltitel) zunächst einmal eine ganz normale amerikanische Geschichte ist, in den Fußstapfen eines Franzen, eines Irving oder Updike. Wir schreiben die frühen 1980er und lernen die Fletchers kennen, eine prototypische weiße, reiche Industriellenfamilie aus Long Island, also im Norden aus New York City raus und dann rechts abbiegen. Welchem ethnischen Hintergrund sie entstammt, erfahren wir sofort, wird doch gerade eine Bar Mizwa vorbereitet. Der Familienvater, so um die 40 Jahre alt, Sohn eines aus Deutschland 1943 geflohenen Juden, tritt aus der Tür des stattlichen Anwesens und auf dem Weg zu seinem Auto wird er, Sack überm Kopf, entführt. Bummer.</p><p>Aber Brodesser-Akner hält uns nur ein Kapitel lang in Atem, dann kehrt der Entführte, äußerlich fast unversehrt, zurück. Das Lösegeld, $250.000, ist weg - aber scheißegal, es sind Peanuts für die Zeit und die finanziellen Umstände, in denen sich die Familie befindet. Ist ja nix passiert. Ok, wirklich? Das fragen wir uns gerade noch, so schnell geht das alles, da macht das Buch einen Cut und wir sind in den Zwanzigern des aktuellen Jahrhunderts und finden uns wieder im ziemlich kranken Schädel des jüngsten Sohns des damals Entführten, Spitzname "Beamer", einem eher erfolglosen Screenwriter mit "Problemen". Vielen. Er hat Frau und Kinder und einen frühen und leider einmaligen Kinohit auf der Haben-Seite und gegenüber so ziemlich jede Droge, die man in L.A. finden kann. Das ist amüsant bis schmerzhaft zu lesen und, wir kommen zum oben genannten "ziemlich": Das ist alles ziemlich lang. Wir fangen an die Seiten mit den endlosen Exzessen und Ausflüchten und lahmen Entschuldigungen des Mittvierzigers zu überfliegen und wollen schon aufgeben, da kommt der Schnitt zu seinem Bruder Nathan, dem ältesten Sohn des Entführten, der das Familienunternehmen weitergeführt hat und nur äußerlich ein stabileres Leben als sein Bruder in Hollywood führt. Während Beamers Drogen "richtige" sind, beruhigt Nathan sein angsterfülltes Hirn mit dem Kauf von Versicherungen oder dem Verschenken von Handbüchern, mit denen er nicht nur seinen Kindern beibringen möchte, wie man sich durch die achso gefährliche Welt sicher bewegt. Er ist ein Kontrollfreak, ein Langweiler. Soweit so überspitzt, aber auch gut lesbar und wieder <em>fast</em> zu lang. Erst als wir auch hier sagen "Wir haben es verstanden, Taffy, er ist <em>auch</em> ein Wrack!" kommen wir zur scheinbar normalsten der drei Geschwister: Jenny von der Gnade der späten Geburt, war sie doch zum Zeitpunkt der Entführung des Vaters noch nicht geboren. Sie stellt sich also exakt die gleiche Frage wie viele Enkel von Überlebenden der Shoa: was sie denn mit der ganzen Scheiße zu tun habe? Nichts! Und warum es ihr trotzdem schlecht geht. Jenny war damals, 1983, noch gar nicht auf der Welt, so wie ihre Eltern 1943 noch nicht geboren waren und dennoch kommt sie, wie diese, in dieser nicht so zurecht, wie sie es sollte. "Survivors Guilt kann doch beim besten Willen nicht vererbt werden?", fragt sie sich.</p><p>Eben doch! Zumindest laut wissenschaftlichen Forschungen, die schon vor dem Aussterben der direkten Holocaustüberlebenden begannen. Nicht dass mir das einleuchtet, mit dem Wissen um Mendels Chromosomen aus Biounterricht und überhaupt als jemand, der zu lange aus der Schule raus ist. Wie soll das gehen, frage ich mich, das (genetische) Vererben von Traumata? Aber, so gebe ich zu, an der Kreuzung von Nature und Nurture liegt ein großer ausladender Sumpf, namens "Gesellschaft" und in ebendiesem Sumpf gären Meinungen über und untereinander, blubbern, fallen aus und kristallisieren sich über Generationen. Man nennt das dann "Stereotype" und <em>die</em> vererben sich natürlich und zwar sowieso, siehe: Juden, siehe: Deutsche, siehe: "Amis", siehe: die “Anderen".</p><p>Und so haben wir es nun wirklich begriffen, das Buch ist auch schon sehr lang, dass alle handelnden Personen von einem Ur-Trauma abgefuckt wurden: der Entführung des Vaters im ersten Kapitel, von der jeder weiß und trotzdem niemand spricht, damit das nur noch in sich selbst existierende "Familienoberhaupt" (in dicken Anführungen) nicht getriggert werde. Und, ich muss es nicht aussprechen, sprach Herr Falschgold es aus: Dem Holocaust, das Trauma der Spätgeborenen, das der heutigen dritten und vierten Überlebendengeneration, über das <em>erst recht</em> niemand spricht. Wie geht man damit um? Muss es so abgefuckt enden, wie für die Söhne und Töchter Fletcher? Taffy Brodesser-Akner macht nicht viel Hoffnung: ja es muss. Wie anders? Aber wir, die un- oder kaum Traumatisierten sollten davon erfahren, sollen wissen, dass es sie gibt, die Abgefuckten, die Stummen, auch drei, vier Generationen danach und sicher noch ein paar in der Zukunft und wir müssen mit diesen umgehen und wenn wir es nicht können, müssen wir das eben lernen.</p><p>Das kann man in wissenschaftlichen Abhandlungen vermitteln, in Vorträgen oder Dokumentarfilmen, alles wichtig. Aber die Abstraktion, welche die Belletristik bietet, das ein, zwei emotionale Schritte entfernt sein von schwarzweißen Filmrollen mit Leichenbergen, hilft, die heutigen Generationen von Mitmenschen der Überlebenden der Shoa zu erreichen. Zu erreichen, dass wir nicht gleich abschalten, wenn wir an den Holocaust erinnert werden, denn es ist nicht nur deren Holocaust, es ist auch unserer.</p><p>Und natürlich hilft dabei auch Humor, eine stimmige Story, ein Bild vom abgefuckten Amerika mit seinen absurden Unterschieden zwischen Arm und Reich, denen sich Taffy Brodesser-Akner auch stellt. Sie lässt uns da manchmal etwas zu lange warten. Wir stöhnen durchaus manchmal: "S**t, tough luck, rich kid!" wenn einer der handelnden Personen mal wieder fast scheitert und dann doch gerettet wird von den nahezu unendlichen finanziellen Polstern, die so eine Industriellenfamilie nunmal hat.</p><p>Aber alles Geld der Welt kann das Trauma der Entführung wie das der Shoa, und sei es noch so lange her, nicht wirklich lindern und da kann man dann halt nicht sagen "Tough luck, idiot!", schon gar nicht als Deutscher, aber auch einfach als empathischer Mensch. Ja, reiche Leute haben auch Probleme, so klitzekleine, wie die vergasten Vorfahren, vor 80 Jahren, im Holocaust.</p><p>Und über den müssen wir sprechen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/taffy-brodesser-akner-die-fletchers</link><guid isPermaLink="false">substack:post:158642875</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Mar 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/158642875/f8d98d403b16af0b1aaca7b620ee3c98.mp3" length="11333007" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>708</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/158642875/689c2468c828352c15babb9a8c69c525.jpg"/></item><item><title><![CDATA["Alles ist warten"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>„Sie fragen, ob ihre Verse gut sind. [...] Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde der Nacht: <em>muss </em>ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen<em> ˃Ich muss˂ </em>dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muss ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange.“ (<em>Briefe an einen jungen Dichter</em>, S. 6/7)</p><p>Dieses Zitat, das einem Briefwechsel zwischen dem Offizier Franz Xaver Kappus und Rainer Maria Rilke entstammt, und in <em>Briefe an einen jungen Dichter </em>erschienen ist, erscheint mir gleichfalls als Ausdruck Rilkes' eigenem Drang zum Schreiben. Ihm zur Feier – denn in diesem Jahr wäre er 150 Jahre alt geworden – sind gleich zwei neue Biografien erschienen und auch ich möchte dies zum Anlass nehmen, mich wieder intensiver der Lyrik im Allgemeinen und seiner Gedichte im Speziellen zu widmen. Während meines nun schon einige Jahre zurückliegenden Studiums hatte ich die großartige Gelegenheit, ein Seminar über Rilke zu besuchen. Im Zuge dessen verfasste ich eine 7-seitige Gedichtinterpretation, die ich den Leserinnen und Lesern an dieser Stelle erspare, nicht aber das Gedicht, um das es ging. Das Gedicht „Die Liebende“, von Rainer Maria Rilke, entstand im Jahr 1907 in Paris und wurde 1908 in „Der neuen Gedichte anderer Teil“ veröffentlicht, fand aber in der Forschungs- und Sekundärliteratur kaum Erwähnung. Es soll an dieser Stelle den Beginn meines persönlichen Rilke Jahres markieren, in dessen Verlauf ich unter anderem auf weitere meiner persönlichen Lieblingsgedichte Rilkes aufmerksam machen, mich auch mit seiner Person noch einmal intensiver befassen und in diesem Kontext natürlich auch weitere Lektüreempfehlungen aussprechen möchte.</p><p></p><p>Die Liebende</p><p>Das ist mein Fenster. Eben bin ich so sanft erwacht. Ich dachte, ich würde schweben. Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht? Ich könnte meinen, alles wäre noch Ich ringsum; durchsichtig wie eines Kristalles Tiefe, verdunkelt, stumm. Ich könnte auch noch die Sterne fassen in mir; so groß scheint mir mein Herz; so gerne ließ es ihn wieder los den ich vielleicht zu lieben, vielleicht zu halten begann. Fremd, wie niebeschrieben sieht mich mein Schicksal an. Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt, duftend wie eine Wiese, hin und her bewegt, rufend zugleich und bange, daß einer den Ruf vernimmt, und zum Untergange in einem Andern bestimmt.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/alles-ist-warten</link><guid isPermaLink="false">substack:post:157693277</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 23 Feb 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/157693277/5661f3c1bd6bb841bf3ec85c2a0cdb8d.mp3" length="2418774" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>202</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/157693277/c8d642dd9234b913a6d125868d57a84f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Kein Abbruch!]]></title><description><![CDATA[<p>Die Zeiten ändern sich, manchmal schnell. Noch am 8. August 2024, also vor einem halben Jahr, warb ich hier für den <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/abbruch">Abbruch</a>, das nicht zu Ende Lesen von Büchern, am Beispiel von dreien solcher. Zu schön war der Sommer und zu deprimierend, zu anstrengend, zu weltfremd oder einfach nur zu lang waren die Werke. </p><p>Seitdem haben wir lange vergessene Habitus (← Mehrzahl, sagt Google!) wiedererlernen müssen, das Anziehen von Anoraks zum Beispiel oder dass es erst früh um 10 hell wird, so ein bisschen und 15:00 Uhr wieder düster. Stockfinster wurde es tageszeitübergreifend dann plötzlich am 5. November 2024. Nachdem seit diesem verhängnisvollen Tag die, wie wir mittlerweile sicher sein können, faschistische Machtübernahme in den USA läuft und ähnliches hierzulande dräut, haben wir also alle das Doomscrolling wiedererlernt, man will keine Nachricht, keine Schweinetat, keine Unmenschlichkeit verpassen, um dann altklug und rechthaberisch den Kopf zu schütteln. Irgendwann jedoch schmerzt das Genick und man denkt wieder drüber nach, in Fantasiewelten zu fliehen, fühlt sich aber auch ein bisschen schuldig, im Angesicht der Diktatur des Bösen, komplett abzuschalten.</p><p>Da erinnert man sich plötzlich, da war doch jemand, damals im August, als es noch hell war, dem es damals schon so schlecht mit der Welt ging, vielleicht weiß der ja Rat. Wie hieß er noch, es war der tollste Name der Welt, genau, Shalom Auslander, dem ging es <em>so</em> schlecht in "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3EF2r8c">Feh</a>", dass ich mir davon nicht die Laune verderben lassen wollte und das Buch weglegte. Geschrieben hatte er es vor der Pandemie von 2020 (man sollte sich langsam angewöhnen, die <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/2020%E2%80%932025_H5N1_outbreak">Dinger</a> zu spezifizieren), also in einer Zeit voller fun in the sun für uns - nicht so für Shalom. Fünf Jahre später lebt man selbst in dunklen Zeiten und wir alle gehören jetzt zur Zielgruppe des Buches. Also habe ich "Feh" tatsächlich zu Ende gelesen. Die Stories darin waren schon damals gut, das war nicht mein Problem und die Verzweiflung an der Welt, damals, im August noch als übertrieben empfunden, ist nun auch die meine. Woran Auslander vor allem leidet ist, dass die Menschen so unachtsam oder einfach "not nice" sind. Ja, ich sehe das jetzt auch so. Bisher war meine Meinung: "Ja, wir alle sind das mal", aber ich war sicher, alle Leserinnen von "Lob und Verriss", so als Querschnitt durch die Gesellschaft, geben sich Mühe das so selten wie möglich zu sein. Was sich seitdem verändert hat, in die Welt gekommen zu sein scheint oder einfach nur an die Oberfläche gespült wurde, ist eine systemische Brutalität. Nicht nur die übliche Gedankenlosigkeit, der Alltagsrassismus, -klassismus, -antifeminismus, whathaveyou, nein, das Pendel schwingt zurück. Brutal. Und Shalom Auslander hatte das schon im Blick, damals, prepandemisch. Also konnte er es damals schon analysieren und, na klar, nichts lässt sich auf ein Problem, ein System, ein Gift zurückführen, aber Auslander meint sich konzentrieren zu müssen auf die Hauptursacher der ganzen Kacke: die "Religion", genauer, die des Alten Testaments. Und tatsächlich, da wird aktuell zum Beispiel von einem Möchtegernintelektuellen, der sich in die luftigen Höhen des Vizepräsidialamtes der US of A hochgebumst hat, die olle Schwarte und ihre Interpretatoren zu scheinheiligen Argumentationen herangezogen, nämlich, dass es eine "<a target="_blank" href="https://www.notion.so/e868af574fb2e742c6ed3d756c569769?pvs=21">Reihenfolge der Barmherzigkeit</a>" gäbe, no s**t, das stehe schon in der Bibel. Nun, da steht alles Mögliche drin und so nimmt er halt dieses Mal das Prinzip "ordo amoris" (don't google it) und macht daraus "Ausländer raus". Der F****r. Wie kann man die Bibel so falsch lesen, fragt man sich, wenn man den Spruch gegoogelt hat (ich sagte "Don't google it"!). "Duh!", sagte Auslander, wie wir jetzt wissen, wo wir das Buch zu Ende gelesen haben, "It's a feature, not a bug". Die Bibel als Lehrbuch der Barmherzigkeit? "Geh mir weg!", argumentiert Shalom im Buch. Wo in der f*****g Bibel kommt Gott als "barmherzig" davon? Die Sintflut, bei der im Grunde nur Noah übrig blieb? Sodom und Gomorra, wo Gott direkt zwei komplette Städte ausradierte, weil, falsch gefickt? Wenn man sich diesen kleingeistigen Shithead zum Vorbild nimmt, kommt ziemlich exakt das raus, was man in den USA gerade an realer Politik sieht und was sich die CDU/CSU, als arschkriechende Nachahmer, interessiert sabbernd anschauen.</p><p>Leider ist das Buch noch nicht übersetzt, aber seine kleinen moralischen Gleichnisse und Geschichten sind in leicht verdaulichem Englisch verfasst und man erfährt nebenbei noch ein bisschen Hollywood-Gossip. Es gibt herzzerreißende Stories von seinem Freund Philip Seymour Hoffman und einen sehr geheimnisvollen Beef mit Paul Rudd. Und am Ende einen Hauch Hoffnung. Irre.</p><p>Schon lange unter dem Titel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/4jUR8ZM">Corvus</a>" auf Deutsch erschienen war das zweite im August weggelegte Buch. Im Original hieß es "Fall; or, Dodge in Hell", geschrieben von Neal Stephenson und natürlich ist auch das Ding jetzt wieder ganz oben auf der Leseliste gelandet, schließlich verbraten im Buch Tech-Bros absurde Mengen an Ressourcen um für die Mehrheit der Menschen unnützen Scheiß zu machen - wo haben wir das schon mal gehört? Für den theoretischen Überbau dieser inhumanen Kacke, sprich, des sich Konzentrieren auf die Probleme einer fernen Zukunft, statt der realen Schwierigkeiten im Hier und Jetzt, habe ich letztens schon diesen <a target="_blank" href="https://youtu.be/SMLkVbswsPo">Vortrag</a> empfohlen, der mir erst bei Wiederaufnahme der Lektüre wieder einfiel, beschreibt er doch sehr verständlich die absurden aber tatsächlichen, realen Gedanken der aktuell unser aller Leben bestimmenden Multimilliardäre. In der Fiktion von Stephenson gibt es diese F****r auch, auch diese wollen eine Erde ohne Menschen, wenn auch irgendwie "positiver", vielleicht auch nur (vom Autor) unreflektierter. Aus irgendeinem Grund muss das Buch ja für Neal Stephenson Verhältnisse gefloppt sein. Aber da die real existierenden Arschlöcher, die Musks, Horowitzs, Thiels nicht genug bekommen können von Science Fiction und Fantasy und völlig ungeniert ihre Milliardenbuden nach absolut negativ konnotierten Fantasyobjekten wie z.B. <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenst%C3%A4nde_in_Tolkiens_Welt#Die_Palant%C3%ADri">Palantir</a>, benennen, ist es fast Pflichtlektüre, die aktuellen Vorlagen mal nicht nur unter dem Unterhaltungsaspekt zu konsumieren sondern als Forschung, um zu erkennen, was in den kranken Köpfen der Superreichen aktuell so an Plänen für uns Biomasse heranreifen könnte. Also bin ich jetzt doch wieder dran am Werk und nebenbei ist Stephenson natürlich immer noch ein brillanter Schriftsteller und "Fall"/"Corvus", wenn auch viermal zu lang, super zu lesen, wenn man sich die Zeit nimmt und nicht erwartet einem gefühlt 4000-Seiten-Roman (ok, 1153 im deutschen) zu 100% folgen zu können.</p><p>Und was ist aus dem dritten Buch in der Reihe der Nicht-zu-Ende gelesenen geworden? Taffy Brodesser-Akners "Long Island Compromise"? Ja, das habe ich auch zu Ende gelesen und es hat sich als das beste der drei herausgestellt und als ein wichtiges zudem. Das war nicht wirklich abzusehen und da es am 10. März 2025 unter dem Titel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/4hW8nYC">Die Fletchers von Long Island</a>" auf deutsch erscheint, bekommt es aus diesem Anlass eine eigene Rezension. Sie wird überschrieben sein mit "Wir müssen über den Holocaust sprechen" - also wie gewohnt ein Brüller vom Herrn Falschgold.</p><p>Bis dahin, genauer bis zum 16. März 2025, verbleibt Derselbige.</p><p>P.S. Als konkrete Lebenshilfe für Winterdeprimierte empfehle ich aktuell das Hören (!) des "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3EQWuF6">Zauberberg 2</a>" von Heinz Strunk. Die Jahreszeit passt und wer nicht spontan in hysterisches Lachen ausbricht, wenn der Heinz von der Therapiegruppe im Sanatorium erzählt und schief singt:</p><p>The river she’s flowing, Flowing and growing, The river she’s flowing, Back to the sea.Mother Earth carrying me, Your child I will always be, Mother Earth carrying me, Back to the sea.</p><p>dem geht's nicht schlecht genug.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/kein-abbruch</link><guid isPermaLink="false">substack:post:157151614</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Feb 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/157151614/63c38037605ba17f6dc215a426fcaaff.mp3" length="9469555" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>473</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/157151614/ef5d9c25173853a5ea60094d37bf8205.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Tesh, Eskens, Yaghoobifarah]]></title><description><![CDATA[<p>Fluffig sprach das Studio B Kollektiv über die Rezensionen der vergangenen Wochen und obwohl nicht alle von allen Werken abgeholt wurden, wurde zivil diskutiert: was an Allen Eskens’ “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/allen-eskens-das-leben-das-wir-begraben">Das Leben, das wir begraben</a>” gefiel, was der Titel von Hengameh Yaghoobifarahs “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/hengameh-yaghoobifarah-ministerium">Ministerium der Träume</a>” zu bedeuten hat; und was die Weisheit in Emily Teshs “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/emily-tesh-some-desperate-glory">Some Desperate Glory</a>” sei.</p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-tesh-eskens-yaghoobifarah</link><guid isPermaLink="false">substack:post:156678224</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Feb 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/156678224/e59ffd7ca5868d6d404b25658af3be1f.mp3" length="34062881" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2129</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/156678224/af9d59efa622731a960199481d300fb5.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Allen Eskens: Das Leben, das wir begraben.]]></title><description><![CDATA[<p>Wer kennt sie nicht, die größtenteils amerikanischen Thriller, wie „Die Jury“ oder „Philadelphia“, in denen ein Angeklagter vor Gericht sitzt und eine Jury über dessen Schicksal zu entscheiden hat, während Anwalt und Staatsanwalt alles für oder gegen dessen Verurteilung tun und nicht nur der Jury, sondern auch dem Zuschauer immer neue Beweise oder Indizien präsentiert werden, anhand derer diese ein Urteil fällen sollen. Natürlich haben uns Filme wie diese auch gelehrt, dass es sinnvoll ist, nicht vorschnell zu urteilen, ehe man sich den Fall von allen Seiten besehen hat und dass es manchmal gar nicht so einfach ist, überhaupt zu einer Entscheidung für oder gegen den Angeklagten zu gelangen. Doch wir überspringen diesen ganzen Prozess des Gerichtsverfahrens, denn in unserem Fall hat dieses längst stattgefunden und ein Schuldiger wurde gefunden und verurteilt.</p><p>In Allen Eskens Roman <em>Das Leben, das wir begraben</em>, treffen wir zunächst auf den Protagonisten Joe Talbert. Er ist Student der University of Minnesota und besucht einen Kurs über Biografien, in dem es – wenig verwunderlich – seine Aufgabe ist, eine solche zu schreiben, jedoch unter der Voraussetzung, dass die interviewte Person jemand völlig fremdes ist. Kreativer Weise sucht er dafür ein Altersheim auf, in der Hoffnung, hier jemanden zu finden, der oder die noch nicht vollständig an Demenz oder Alzheimer erkrankt ist und für sein Projekt taugt. Nachdem er Mrs. Lorngren, der Leiterin des Pflegeheims Hillview Manor, welches er sich für dieses Unterfangen ausgesucht hat, und deren Assistentin Janet sein Anliegen unterbreitet hat, fällt ihnen dafür nur ein möglicher Bewohner ein: Carl Iverson. Und bei Carl handelt es sich um niemand Geringeren als einen verurteilten Mörder, der vor 30 Jahren für die Vergewaltigung und den Mord an einem 14-jährigen Mädchen verurteilt wurde und nun, kurz gesagt, zum Sterben ins Altersheim überstellt wurde, da er an Krebs leidet und seine Tage gezählt sind. Dieser willigt schließlich auch ein, Joe seine Lebensgeschichte zu erzählen und dabei nichts auszulassen.</p><p>Spätestens ab hier, und wir befinden uns noch ganz am Anfang, wird der Leserin klar, worauf die Sache hinauslaufen soll. Es ist natürlich die eingangs erwähnte Frage nach der Schuld oder Unschuld von Carl Iverson und nachdem die Jury ihr Urteil bereits gefällt hat, kommen nun Joe Talbert und die Lesenden ins Spiel, um die Situation neu zu bewerten. Doch Joe muss diesen Fall nicht allein lösen. Unerwartete Unterstützung erfährt er von seiner Nachbarin Lila, die das Appartement direkt neben seinem bewohnt. Unerwartet, da diese zunächst kein Interesse an Joe und dessen Gesellschaft zeigt, ihn lediglich kurz und wortlos grüßt und anschließend zügig in ihrer Wohnung verschwindet. Das ändert sich jedoch, als Joe seinen autistischen Bruder Jeremy kurzfristig bei sich aufnehmen muss und Lila und Jeremy sich anfreunden. Sie hilft Joe von nun an bei den Recherchen und der Aufarbeitung des Jahrzehnte alten Falls, wobei ihre Kenntnisse im Fach Jura ihnen durchaus hilfreich sind.</p><p>Allen Eskens schafft es, in seinem bereits 2014 unter dem Titel „The life we bury“ erschienen Roman, einen Spannungsbogen aufzubauen, den er imstande ist, über die gesamte Länge zu halten, so dass ich als Leserin das Buch einfach nicht zur Seite legen konnte und es, meiner Meinung nach, absolut zu Recht fast alle Literaturpreise des Genres Thriller in den USA gewonnen hat. Einen wichtigen Teil tragen aber auch die von ihm geschaffenen Charaktere bei. Neben den bereits erwähnten, bringt auch Joes und Jeremys alkoholabhängige Mutter immer wieder eine gewisse Dynamik in den Verlauf der Handlung und man hat einerseits Mitleid mit ihrem Schicksal, aber andererseits so viel Wut auf sie, weil sie ihren autistischen Sohn nicht nur vernachlässigt, sondern auch zulässt, dass ihr Freund ihn schlägt und sie ihren anderen Sohn – unseren Protagonisten Joe – sowohl emotional als auch materiell erpresst, um bloß nichts an ihrem Leben verändern zu müssen.</p><p>„Wenn ich mich anstrengte, konnte ich mich an eine Mutter erinnern, die auch warm und weich sein konnte, zumindest an den Tagen, an denen die Welt sie in Ruhe ließ.“ (S. 27) Wir haben aber auch unseren verurteilten Mörder Carl Iversen und seinen Freund Virgil Gray, deren gemeinsame Geschichte und Freundschaft im Vietnamkrieg beginnt, eine Zeit, aus der der Leserin nach und nach wichtige Episoden preisgegeben werden, und die bis in die Gegenwart reicht.</p><p>Und da wären natürlich Lila und Joe. Lila, deren durchaus traumatische Vergangenheit anfangs nur angedeutet wird und sich für die Leserin als traurige Geschichte, geprägt von Missbrauch, entpuppt. Vielleicht sind es aber auch diese Erlebnisse, die Lila und Joe schließlich zueinander führen, so dass eine Liebesbeziehung zwischen den beiden entsteht, die aufgrund der jeweiligen Erfahrungen in der Vergangenheit von dem Wunsch geprägt ist, die Andere bzw. den Anderen zu beschützen. Denn auch Joe ist, wie bereits deutlich geworden ist, ein gebranntes Kind. Gleichzeitig schafft Allen Eskens mit ihm einen Protagonisten, den ich von Anfang an mochte. Sein teilweise abgeklärter Humor, der natürlich das Resultat seiner Erfahrungen ist, seine leicht zynische Art, aber auch seine Fähigkeit, sich durchzusetzen, nicht aufzugeben und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, machen ihn, unter anderem, so sympathisch. Generell schafft es Eskens, dass man seine Figuren liebt und hasst, oder einfach mit ihnen mitfiebert, was seinem Schreibstil zu verdanken ist, der gleichzeitig abwechslungsreich, nachfühlbar, humorvoll, überraschend und spannend ist.</p><p><em>Das Leben, das wir begraben</em>, so der eins zu eins übersetzte Titel, erschien hierzulande im Festa Verlag und ist ein absolut gelungener Erstlingsroman, der meine uneingeschränkte Empfehlung erhält. Ein fesselnder Roman, der einen neben der offensichtlichen Kriminalgeschichte durch seine Figuren und deren Geschichten so in seinen Bann zieht, dass es schwer ist, ihn wieder zur Seite zu legen. Diese Rezension ist – wie unschwer zu erkennen ist – mein Plädoyer dafür, <em>Das Leben, das wir begraben </em>von Allen Eskens zu lesen und schließlich gilt es ja noch die Frage zu klären: Ist der im Roman verurteilte Mörder schuldig oder unschuldig?</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/allen-eskens-das-leben-das-wir-begraben</link><guid isPermaLink="false">substack:post:154832001</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Jan 2025 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/154832001/d40df59a8f271eadbd6b4326bab72275.mp3" length="8195715" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>410</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/154832001/1a1db37878b811044eb38ea0faf98ee2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Emily Tesh - Some Desperate Glory]]></title><description><![CDATA[<p>Deutsche Verlage! Wir müssen reden. Ich verstehe, dass Marketing im Kapitalismus Klappentexte braucht, denn kein Mensch fängt mehr Bücher an zu lesen, um dann zu merken, dass ihm wertvollste Zeit von seiner effektiven Lebensuhr genommen wurde, weil er nach 100 Seiten feststellen muss, dass das Thema denn doch nicht das seine sei, und da muss man dann ein bisschen spoilern, ok. Egal, wer clever ist, liest keine Klappentexte. Einen Hauch sinnloser wird es, wenn man diese Klappentexte vor den Text von <em>Ebooks</em> setzt. Also als Vorspann vor ein Buch, welches man dann ja schon gekauft hat, vielleicht bewusst ohne den Spoiler auf Amazon gelesen zu haben, weil, siehe oben, clever. Dass man dann, Augen zu, über die entsprechenden Passagen drübertappen muss, ok, das schafft man. Aber, und hier <em>muss</em> eine Grenze sein: wenn man aus dem sehr schön vagen Titel "Some Desperate Glory" des englischen Originals im deutschen "<a target="_blank" href="https://amzn.to/40kTPLg">Die letzte Heldin</a>" macht und man damit die sich so schön unbestimmt entwickelnde Geschichte um die siebzehnjährige Valkyre, Spitzname "Kyr", semi-spoilert, grenzt an Körperverletzung. Was machen Heyne?!</p><p></p><p>Also vergessen wir den Titel augenblicklich und adressieren das Buch in dieser Lobpreisung mit dem englischen "Some Desperate Glory", was man hätte so entspannt zum Beispiel mit "Verdammte Ehre" übersetzen können, was ein ganz <em>hervorragendes</em> Wortspiel gewesen wäre, denn "Ehre" ist phonetisch nicht fern von "Erde", und die, das erfahren wir auf der ersten Seite, ist nicht nur verdammt, sie ist ganz konkret auf dem Weg, in die Luft gesprengt zu werden.</p><p>Die dazu notwendige Antimaterie-Sprengladung steckt in einer Art Torpedo, der wiederum rast gerade auf den blauen Planeten zu und das Ding zu entschärfen gelingt Kyr schon zum vierten Mal nicht. Wir ahnen: es ist eine Simulation. Puh. Aber, oh S**t, eine, so erfahren wir, die auf der tatsächlichen Zerstörung der Erde basiert. Das liegt jetzt schon ein paar Jahrzehnte zurück, aber damit das nie vergessen wird, läuft die Simulation in einer Art Holodeck in den Trainingsbaracken eines sehr, sehr kleinen Asteroiden namens Gaia, in dem ein paar überlebende Menschen durchs All fliegen. Valkyre haben wir schon kennengelernt, "Kyr" wird sie genannt von ihrer Einheit, ihr geklonter Bruder jedoch nennt sie "Vallie", was superniedlich ist für eine zwei Meter große, blonde, genetisch verbesserte Soldatin und sie entsprechend aufregt. Kyr will sie genannt werden! Sie ist die beste in allen Disziplinen, die man als Soldatin und "Kind der Erde" so trainiert und als Chefin ihrer Einheit, also sieben gleichaltrigen Girls, sorgt sie dafür, dass bitteschön alle genauso ehrgeizig sind wie sie. Hatte ich erwähnt, dass sie blond ist und den Pferdeschwanz vorschriftsgemäß streng nach hinten gebunden hat? Die BDM-Vibes sind Absicht. Und, ein letztes Mal auf den deutschen Buchtitel bezugnehmend, ja, sie gebärdet sich wie eine Heldin. Aber ob sie eine ist, wird, bleibt, ist unklar und entwickelt sich, so wie alle Charaktere über den gesamten Zeitraum des Buches. Denn Charakterentwicklung ist <em>die</em> herausragende Qualität von "Some Desperate Glory". Wir lernen Kyrs Bruder kennen, Kyrs FreundFeindinnen, Aliens, Nerds. Alle sind sie uns innerhalb weniger Absätze vor Augen und entwickeln sich permanent in ungeahnte Richtungen. Es ist eine Freude.</p><p>Dramaturgisch benutzt Emily Tesh einen alten, aber mir sehr sympathischen Trick im SciFi/Fantasy-Universum: Sie behandelt ihren Roman wie ein Rollenspiel. Wer noch nie eines gespielt hat, muss keine Angst haben, es ist sublim. In einem RPG, wie die Fachfrau sagt, führt man eine kleine Gruppe wohldefinierter Helden durch viele kleine Abenteuer und erlebt diese mit ihnen. Man ist mit ihnen verbunden, versetzt sich in sie hinein, fühlt mit ihnen, man fiebert, leidet, lebt und stirbt mit ihnen.</p><p>Welche Abenteuer man dabei erlebt, ist fast schon egal, aber wenn die Story wie hier eine aufregende und innovative ist, ist es natürlich noch schöner. Und boah, pardon my french, hat Emily Tesh eine Story in petto. Ich versuche nicht wirklich zu spoilern, aber Puristen sollten jetzt <a target="_blank" href="https://amzn.to/40kTPLg">einkaufen</a> gehen, das Buch lesen und bei Bedarf zurückkommen.</p><p>Zunächst: "Some Desperate Glory" ist ganz vordergründig eine Space Opera. Das ist aber nur das Setting, welches Emily Tesh sich und uns gebaut hat, mit dem Zweck, uns permanent in moralische Moraste zu führen. Und was für welche! Allein der Bodycount! "Some Desperate Glory" muss der Roman mit der höchsten Menge an Toten ever sein, locker! Der kleine militärische Posten auf dem Asteroiden Gaia, auf dem die Handlung beginnt, fliegt so einsam durchs Weltall, weil, wir sprachen es an, die Erde gesprengt wurde. Das sind schon mal 15 Milliarden. Wie das passieren konnte, ob es unvermeidlich war und was man darüber denken soll, ist der rote Faden des Romans. Gesprengt wurde die Erde im Auftrag einer Community von Aliens namens die Majoda und zwar mithilfe eines "Dinges". Was für ein Ding? Mh, schwer. Es ist ein weltendefinierendes. Es wird "Wisdom" genannt. Ist es ein Alien? Ein Gott? Eine Technologie? Literarisch ist es eine Deus Ex Machina. In gewöhnlicheren SciFi-Romanen ist das oft eine Abkürzung durch den Plot und eher eine Sache für einfallslose Autorinnen, um das Unmögliche möglich zu machen. Bei Emily Tesh ist es der Dreh- und Angelpunkt von Stories, Handlungen, Personen und Universen.</p><p>Diese "Weisheit" also hat die neu im intelligenten Universum aufgetauchte Menschheit beobachtet, analysiert, kurz nachgedacht und festgestellt: it's complicated. Wir lesen immer wieder Einschübe über diese Menschen, hier zum Beispiel beschreibt ein Alien-Wikipedia-Artikel, was wir selbst ungern über uns lesen:</p><p>Ein Mensch versucht instinktiv und mit allen Mitteln, die Interessen seines Stammes zu verteidigen. Besonders die männlichen Menschen sind dabei von Natur aus aggressiv und territorial. Die gängige Vorstellung von Menschen als gewalttätigen Wahnsinnigen rührt im Grunde von der Tatsache her, dass wir nicht verstehen, wie genau die physischen Fähigkeiten der Menschen mit ihren Instinkten zusammenhängen. Die Geschichte der Menschen und auch deren Medien sind voll von »Soldaten« und »Heldinnen« — von Individuen, die im Namen ihres Stammes Gewalt ausüben —, und erstaunlicherweise werden diese als bewunderungswürdig angesehen.</p><p>Am Ende kommt die "Weisheit" zum Schluss, dass der Mensch, wir also, Du und ich, ist, wie er ist. Nicht so sehr ein guter. Arg psychotisch könnte man sagen. Allein das Ding mit den zwei Geschlechtern. Was da für Aggressionen im Spiel sind, welche Ränke geschmiedet werden: Fortpflanzung, Darwinismus, Recht des Stärkeren. Aber auch <em>wie</em> stark das diese Menschen gemacht hat, man ist leicht entsetzt. Jetzt sind sie also hier, diese Menschen, sie haben das Problem mit der Lichtgeschwindigkeit geknackt und sitzen mit ihren riesigen, waffenstarrenden Raumschiffen inmitten von total netten, auf Freundschaft getrimmten Aliens, die seit Jahrtausenden friedlich ihr Ding machen.</p><p>Dass sie so friedlich miteinander können, hat, so lernen wir, viel mit besagtem Ding zu tun, der "Weisheit". Und die kommt zum Schluss, dass es für die hunderte Trillionen netter Universumsbürger Sinn macht, dass die 15 Milliarden Aggros besser verschwinden, mitsamt ihrer Erde. Schade drum, wirklich, man hat es sich nicht leicht gemacht, aber zu groß ist das zerstörerische Potenzial von uns f*****g Menschen. Kommt uns bekannt vor? Genau.</p><p>Nur, bekommst Du, als, sagen wir, genetisch aufgepumpte Soldatin "Kyr", 17, der seit dem sie "schießen" sagen kann, tagaus, tagein erzählt wird, dass deine Milliarden Menschenbrüder und -schwestern von Aliens gekillt wurden, nun, bekommst Du da eventuell einen leichten Hass auf das Universum und seine Einwohner? Sinnst du eventuell auf Rache? So ein kleines Bisschen? Und sehen wir das als Leserinnen vielleicht auch so?</p><p>Allein diese Prämisse macht dieses Buch zu einem würdigen Hugopreisträger. Was das Buch neben dieser Story auszeichnet, ist etwas durchaus nicht Selbstverständliches im Genre. SciFi-Romane, da machen wir uns nichts vor, sind nicht für jedermann. Selbst ich, als wirklicher Enthusiast, der immer wieder nach dem Extremsten des gerade noch so Vorstellbaren im Universum sucht, habe oft die ersten Seiten eines utopischen Romans eine harte Konzentrationsaufgabe vor mir. Je weiter weg in Zeit und Raum die Welt ist, in die man geworfen wird, je abseitiger die Aliens, die Perspektiven, die Erfindungen, desto steiler der Weg ins Buch. Die 2014er Hugopreisträgerin Ann Leckie ist hier ein Paradebeispiel, ihr auch <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/space">im Studio B vorgestellter</a> Bestseller "Ancillary Justice" erzählte eine Story in weiten Teilen aus der Sicht eines sich selbst bewussten Raumschiffes, welches die Welt durch hunderte Augenpaare betrachtet, die in Androiden stecken, die mal Menschen waren. Komplizierter Tobak. Und eine tolle Möglichkeit für wilde Storys, Überfälle, Schießereien, Kapitalismuskritik, what have you. Es ist aber eben auch hart, da erst mal reinzukommen.</p><p>Emily Tesh führt uns hingegen mit spielerischer Leichtigkeit in ihr nicht weniger seltsames Universum ein. Das Buch ist somit durchaus für ganz normale Menschen geeignet, Lyrikfreunde, Gesellschaftsromanleserinnen und so. Denn so groß die Unterschiede zwischen unserer geradlinigen menschlichen Realität und dem nicht ganz so linearen Raum-Zeit-Kontinuum von "Some Desperate Glory" auch sind, mit ein bisschen Flexibilität im Denken ist man sofort drin. Diese Anforderung verbindet den Leser mit den handelnden Personen im Buch. Auch diese müssen alsbald ein bisschen beweglich im Kopf werden. Zum Beispiel was Geschlecht und Sexualität betrifft: Es gibt erwartbar auf Gaia, der "Garnison der letzten Menschen", in der Kyr und ihr Bruder aufwachsen, keine große Toleranz für nicht-reproduktive Gefühle. Gleichzeitig lebt man inmitten von Aliens und trotz Informationsembargo, Nord-Korea-Style, trotz Abschirmung und Indoktrination, dringt die Weichheit, Güte, Freiheit, Seltsamkeit einer Aliengesellschaft alsbald ins Leben unserer Protagonisten und dort auf die explosive Mischung von einerseits indoktrinierten, aber eben auch hormonell nicht ganz ausgeglichenen Teenagern. Resultat: Emotionale Ambivalenz! Verwirrung! Nicht-Binäre Aliens! Personalpronomen!</p><p>Da sind wir aufgeklärten Leserinnen natürlich spitze drin, wir lesen ja seit Jahren schon Hugo-Preisträger, und ein solcher wird man seit ein paar Jahren nicht mehr, wenn man auf Seite 8 nicht mindestens drei neue Geschlechtsfürwörter eingeführt hat. Das wirkt oft genug recht aufgesetzt (Ann Leckies jüngstes Buch "Translation State" ist da ein recht trauriges Beispiel, wenn auch ein gutes Buch). Emily Tesh jedoch zeigt, wie es gehen kann. Homosexualität, erzwungene Binarität und ja, auch ein paar neue Personalpronomen sind hier nicht Statements, sondern genuine Handlungstreiber und wir beginnen bald im Roman über Stereotype und deren Sinn und Unsinn nachzudenken. Nicht, weil das gerade woke ist, sondern weil wir uns ziemlich schnell in der Story in die Weltsicht der Aliens versetzen und uns sagen: Was zum Teufel machen diese Menschen hier eigentlich? Warum dieser ewige Kampf um die "richtige" Sexualität, die "richtige" Sprache, der seltsame Krampf, wie was sein soll und wie nicht?</p><p>"Some Desperate Glory" oder auch dessen hier nicht nochmal benannte deutsche Übersetzung ist also eine klare Empfehlung. Für alle, die das abkönnen und den ultimativen Spoilerschutz haben wollen, rate ich dringend, den Roman auf einem elektronischen Gerät zu lesen. Diese haben die unterschätzt brillante Funktion, dass man den Fortschritt im Buch verbergen kann, etwas, was bei einem Paperback bekanntermassen schwer ist. Bei "Some Desperate Glory" lohnt das ungemein. Denn nach der ersten großen Explosion im Buch (falsch, der zweiten, nach der Erde und ich verrate hier nicht, was da apokalyptisch knallt) denken wir nämlich, das Buch ist zu Ende: 'Danke, ein bisschen dark, aber so ist es..' und merken: 'Oups, no no no, noch lange nicht!' Wie und wann die Story dann wirklich endet, wird auf dem fortschrittslosen Kindle zum Metarätsel und trägt enorm zum Lesevergnügen bei.</p><p>Um dieses nicht noch weiter hinauszuzögern, empfehle ich somit den sofortigen Spontankauf beim elektronischen Buchhändler der Wahl und man nehme sich die nächsten Abende nichts vor. So gut ist "Some Desperate Glory" von Emily Tesh!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/emily-tesh-some-desperate-glory</link><guid isPermaLink="false">substack:post:155100769</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Jan 2025 08:24:36 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/155100769/cdca16dae3d6d7f03f256dc46a263a88.mp3" length="8613556" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>718</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/155100769/4044eae60dccc805e76d4e337eeea519.jpg"/></item><item><title><![CDATA[This Must Be the Place]]></title><description><![CDATA[<p><em>Das neue Jahr hat begonnen und seit ein paar Jahren haben ja alle so mindestens ein bisschen den Glauben daran verloren, dass in dieser neuen Runde alles besser wird. Gut sind die Vorzeichen nicht, aber Liebe & Solidarität sind starke Waffen und überhaupt nicht zu verachten! Hier werden noch die letzten freien Tage genossen, und es gibt eine Wiederholung. Aber es ist immer noch einer der allerbesten Filme überhaupt (und wenn nicht das, dann wenigstens seltsam). Volá!</em></p><p>Liebe Leser*innen und Leser,</p><p>nun hat Herr Falschgold vor einigen Wochen den Verwilderungsprozess proklamiert um den fortwährenden Krisen des stromlinienförmigen Kapitalismus wenn nicht gleich etwas entgegenzusetzen, dann doch: wenigstens mental klarzukommen, Schönheit und Aufregendes zu entdecken, weg von den allgegenwärtigen Empfehlungsalgorithmen der Großen 5.</p><p>Easy: Rechner aus. Raus in den Park. Maulaffen feilhalten. Ohne Rückkopplung 5 Stunden und 42 Minuten auf dem Sofa liegen und ein Buch von vorne bis hinten lesen.</p><p>Ist ja nun wirklich nicht schwer.</p><p>Aber gut, auch der Bildungsauftrag bleibt bestehen: Darüber zu berichten, "was wir in unserem Leben tun, wenn wir keine Bücher lesen." - So das Versprechen von Lob und Verriss aka Herrn Falschgold, der zwar gefragt hat, wie wir das finden, aber nun müssen wir. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.</p><p>Also: Gestern habe ich mir bei einem lauschigen Grillabend den Wanst vollgeschlagen, genetzwerkt, Reiseberichten gelauscht und mich zu Ausprägungsformen der modernen Ikonographie weitergebildet.</p><p>Aber das ist privat.</p><p>Eigentlich wollte ich zunächst über eine - wie von Hr. Falschgold schon angekündigte - "Experience" schreiben, mit deren Hilfe ich voller Freude in meine innere Mitte zurückkehre, ohne mir beim Meditieren mühsam das Zusammenstellen von Einkaufslisten zu verbieten.</p><p>Dann stand ich auf der Prager Straße und sah das Dresden Zentrum Hotel, und an der Seite stand groß: "This must be the Place".</p><p>Darüber freute ich mich sehr und erzählte meiner Freundin davon, mit der ich zum Mittagessen verabredet war. Ihr fragender Blick verriet mir, dass sie nicht wusste, woher meine Ekstase kam. Bummer!</p><p>Für die 1970er Jahre Musikaffinen Leser*innen dieser Rezension: Nein, ich dachte nicht an den <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=Fb2q141rMNE">Talking Heads Song</a>, weil mir deren Musik nicht besonders nahe ist. Kleiner Seitenschwenk: Sollte das der Beweis für die öfter in meinem Freundeskreis aufgestellte steile These sein, dass überhaupt nur Bands mit vorangestellten "The" im Namen Musik für die Ewigkeit erschaffen können? [Pls. Discuss.]</p><p>Jüngere Musik Aficionados denken vielleicht an die <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=7J-900xpiI0">Version</a> von Arcade Fire.</p><p>Aber nein: für mich ist es der magische Titel eines der überraschendsten Filme EVER, von Paolo Sorrentino, der damit 2011 ein mit Stars gespicktes (wenn gleich von der Kritik weitestgehend verrissenes) Juwel der großen Leinwand geschaffen hat.</p><p>Ich behaupte: Paolo Sorrentino war mit diesem Werk seiner Zeit einfach 10 Jahre voraus. In unseren Zeiten, in denen erbittert und wütend darüber gestritten wird, wer wie wann und wo und überhaupt und welchen Platz in unserer Gesellschaft verdient hat und sich dort vernehmbar äußern darf, setzt er einen Menschen in den Mittelpunkt, der jeder Beschreibung spottet: der ein*en erschreckt (kurz), über den man lachen möchte (kurz), und der an jeder Stelle des Films anders abbiegt als die antrainierte Erwartungshaltung vermuten lässt. Dazu ein Plot, der jeder Beschreibung spottet und am Ende alles zu Gold gemacht hat, was noch nicht mal glänzte. Alas: Magie!</p><p>Wie immer werden wir zur monatlichen Diskussion spoilern und enthüllen, was das Zeug hält. Hier meine ausdrückliche Empfehlung, sich das Werk zu besorgen und zu schauen, OHNE vorher irgendetwas weiter darüber gelesen zu haben. Vertraut mir!</p><p>___________________</p><p>Mir nicht zu vertrauen - oder auch doch neugierig über meine Empfehlung hinaus zu sein - ist ok, doch noch ein paar Enthüllungen zum Werk:</p><p>Schon der Einstieg ist seltsam: die Buchstaben des Vorspanns sind in einem die Zeit der Entstehung verratenden seltsam hässlichen grünen Font gehalten, ein Hund mit Halskrause befindet sich außerhalb eines inklusive Rosentapeten britisch anmutenden, sich dann doch aber in Dublin befindenden herrschaftlichen Anwesens, und Sean Penn lackiert sich die Zehennägel schwarz und legt Unmengen Schmuck an. Dies getreu der von Bill Cunningham formulierten Funktion der Mode: "Kleidung ist unsere Rüstung, mit der wir der Welt begegnen." Protagonist Cheyenne ist dabei eine Kopie von <strong>The </strong>Cures Robert Smith. Kann aber nicht mehr seinen Hüftbeuger strecken und bewegt und näselt sich als Rockstar im Ruhestand irritierend langsam durch die Gegend.</p><p>This Must Be the Place erschüttert unentwegt unseren Referenzrahmen - unsere Erfahrungen, die unsere Erwartungen und Möglichkeiten der Voraussage prägen: diese werden nicht erfüllt, aber nicht in Richtung Enttäuschung, sondern Überraschung. Wir sehen, wie Leute mit ihm agieren und auf ihn reagieren, wir sehen seine Freundlichkeit und seine Rachsucht, wenn er zwei ob seiner Erscheinung im Supermarkt blöde kichernden Frauen schnell und heimlich die Milchtüten zersticht.</p><p>Die Story ist unglaubwürdig, die Dialoge voller Blödsinn und Weisheit, die Besetzung erstklassig, der Soundtrack sowieso: Wir sehen David Byrne und Frances McDormand, es geht um Rollkoffer und den Holocaust, unsere Unkenntnis der Anderen und sehen die Weite des Himmels in the US of A.</p><p>Die deutsche Synchronisation ist in Stimmlage, Ausdruck und Vokabular sehr eng am englischen Original, und trotzdem doof. Schwer zu beschreiben, woran das liegen mag: Ähnlich erging es Buffy - The Vampire Slayer, bei der aus einer coolen Jugendlichen, die permanent die Welt rettet, im Deutschen ein blöder Teenager wurde, aber auch Veronica Mars, die durch die deutsche Synchronisation jede Tiefe und Coolness verlor und dumm kicherte. Für die noch älteren Leser*innen, die diese Verweise nicht nachvollziehen können (Oder Buffy und Veronica Mars aus Arroganz ignoriert haben): der Unterschied zwischen Original und deutscher Synchronisation ist ungefähr genauso wie zwischen den ost- und westdeutschen Versionen der Olsenbande: Witz, Cleverness und Sozialkritik verschwinden und lassen 3 Looser zurück.</p><p>This Must Be the Place bringt das Staunen zurück, wenn man sich auf den Film einlassen kann. Wundersamer Weise besteht der Film den Test der Zeit und ist auch mehr als 12 Jahre nach seiner Entstehung der Diamant, den man erinnert hatte. Wild. Und magisch.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/this-must-be-the-place-da9</link><guid isPermaLink="false">substack:post:154200420</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Jan 2025 16:04:40 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/154200420/98725a7010e8170b8f011a07063364fa.mp3" length="8124649" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>406</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/154200420/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Paul Auster: 4321]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und ich gönne mir etwas Ruhe und ruhe mich auf bereits getaner Arbeit aus. Daher an dieser Stelle ein Studio B Klassiker und eine Reminiszenz an den in diesem Jahr verstorbenen Paul Auster.</p><p>„Was wäre wenn?“, scheint das Leitmotiv des von Paul Auster jüngst veröffentlichtem Roman <em>4321 </em>zu sein, welcher in Deutschland im Februar 2017 im Rowohlt Verlag erschien.</p><p>Eine Frage die sich wohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens schon ein- oder mehrmals gestellt hat, nicht zuletzt ein alternder Schriftsteller, und auf die es keine Antwort gibt. Doch der bereits 70 jährige Paul Auster entwirft in seinem über tausend Seiten umfassenden neuen Werk die Welt eines Protagonisten, der in verschiedenen Varianten und Variationen das „was wäre wenn“ ausleben und erleben darf.</p><p>Er nimmt den Leser mit auf die Reise des Gedankenspiels, wie anders sein oder zumindest ein Leben hätte verlaufen können. Dadurch drängen sich zwangsläufig die Fragen auf, ob unser Leben überhaupt in unserer Hand liegt, oder ob wir fremdbestimmt sind und abhängig von den Entscheidungen anderer Menschen und ob unterschiedliche Entscheidungen und Ausgangssituationen nicht trotzdem zum gleichen Ausgangspunkt führen können?</p><p>Wirft man einen kurzen Blick auf Austers Biographie wird schnell deutlich, wie viele Parallelen zwischen dem Protagonisten seines Buches Archie Fergusson und ihm selbst bestehen. Dadurch drängt sich dem Leser unweigerlich der Verdacht auf, dass er hier, wie auch in vielen anderen seiner Werke, über sich selbst schreibt. Möglicherweise auch, dass er mit seinem fortschreitenden Alter an den Punkt kommt, sein Leben resümieren zu wollen, vielleicht auch noch einmal in Frage zu stellen, Dinge anzuzweifeln und letztlich doch zu dem Schluss zu kommen, dass nur er selbst wirklich und richtig ist und die Varianten seiner Person nicht bestehen können.</p><p><em>4 3 2 1 </em>entspricht Paul Austers vorangegangenen Werken insofern, dass es den Leser in einen unverwechselbaren Lesefluss versetzt, der ihn auf den Worten immer weiter schwimmen lässt. Nichtsdestotrotz hat es auch seine Längen und wer beispielsweise beim Thema Baseball nicht in Begeisterungsstürme ausbricht, dem könnten die ausgedehnten Ausführungen eines Spiels, inklusive der Fachbegriffe, durchaus ein wenig langwierig erscheinen. Und doch besteht auch hierin das Positive an Austers Werk, denn es bietet nahezu jedem Leser einen Bezugspunkt, da es diverse Themen umfasst. Da wären eben nicht nur der Sport, sondern auch die Familiengeschichte, die politischen Ereignisse der überwiegend 60er Jahre in den USA, die Lovestory, sowie die Probleme eines heranwachsenden und pubertierenden jungen Menschen. Mit letzterem ist gleichzeitig die wichtige Frage verbunden, wie man als junger Mensch zum Schreiben kommt, damit umgeht und was man schließlich daraus machen und wie ehrgeizig man dieses Ziel verfolgen will.</p><p>Will sagen, der Leser wird für die Textstellen entschädigt, die ihm zunächst als zäh oder zu ausführlich erscheinen, denn schließlich fügt sich alles ins große Ganze dieses äußerst umfangreichen Romans ein, den ich als Paul Austers 'Alterswerk' bezeichnen möchte. Nach seinen Erfolgen, vor allem in Frankreich und Deutschland, präsentiert er, im Alter von 70 Jahren, dem Leser einen Roman, der sich nicht nur mit zutiefst menschlichen Fragen auseinandersetzt und Lösungsvorschläge anbietet und aufzeigt, sondern auch ein Sinnbild seines eigenen Lebens und Schaffens darstellt. Um die Komplexität seiner Gedankenspiele zu verdeutlichen, möchte ich gern folgendes Zitat anbringen:</p><p>„[...] und die ganze Zeit, vom Beginn seines bewussten Lebens an, das beständig Gefühl, dass die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvolle daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein, war, dass man sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt auf nur einem Weg befinden musste, auch wenn man auf einem anderen hätte sein und einem ganz anderen Ort hätte entgehen können“</p><p>Es ist schließlich wenig überraschend,ich würde sogar sagen Paul-Auster-typisch, dass er letztlich mit seinem Protagonisten verschmilzt. Er lässt ihn die Intensionen erklären, die ihn zum Schreiben des Buches veranlasst haben, lässt ihn selbst dieses Buch schreiben und schafft so einen Clou, der gleichzeitig alles wieder nur als Fiktion erscheinen lässt.</p><p>Der Titel: 4 3 2 1, ist mehr als die Zahl der möglichen Variationen, er ist gleichsam ein Countdown oder die Zeit, die abläuft? Ich möchte dieses Buch gern weiterempfehlen und jedem Leser raten, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden und eine Deutung für sich zu finden.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-paul-auster-4321</link><guid isPermaLink="false">substack:post:153726014</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 29 Dec 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/153726014/9fce848ca7d13ff72aa05a7ff74e7428.mp3" length="6072609" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>304</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/153726014/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Eines Tages]]></title><description><![CDATA[<p><em>Wir sind am Ende. OK, des Jahres zunächst, aber wenn man den Gedanken seiner Freunde lauscht, den Medien und folgerichtig oft genug den eigenen, scheint das Ende nah zu sein. In den USA gewinnen die falschen, in Frankreich fast. Wurde 2018 die Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur um 1,5 Grad noch auf 2030 bis 2050 prognostiziert ist es, huch, schon dieses Jahr soweit. Cool, cool. Von Kriegen nur zwei Landesgrenzen entfernt reden wir kaum noch. Weihnachten ist nur, wenn man Rheinmetall-Aktien hat.</em></p><p><em>Wohin fliehen? In die Lyrik? Es spricht eine Menge dafür, wie vor acht Jahren schon mal aufgeschrieben. Es lohnt die Wiederholung der Argumente.</em></p><p></p><p>"Ein Gedicht! Sag ein Gedicht auf!", befiehlt der Weihnachtsmann der Göre und das Geflenne geht los. So entsteht Abneigung für die Urform verbaler Kunst, noch bevor sich ein erster Buchstabe in der Sehrinde manifestiert, das Zerebellum genug Kontrolle über Zunge und Stimmband hat, das erste dreisilbige Wort verständlich formulieren zu können.</p><p>Was schade ist, denn das Gedicht ist lebensnotwendig.</p><p>Schon am ersten Abend des Daseins auf der Welt wird der noch blinde Korpuskel von der Mutter in den Schlaf gewiegt mit "LaLaLa" und "Schlaf mein Kind", während der stolzgeschwellte Erzeuger mit seinen Kumpels "Zwan-zig Zentimeter" grölend dem Wohnhause zu wankt, um in der Hecke davor zu schlafen. Überlebensnotwendige Erkenntnisse, wie die, dass der Reiter plumps macht, wenn er in den Graben fällt, schließen sich nur kurze Zeit später an, und dass der Hase krank ist, wenn er in der Grube sitzt, vermittelt dem Jungomnivoren das erste Mal die Erkenntnis, dass auch Essen Gefühle hat.</p><p>Alles wunderbare, amüsierende, interessante Dinge, die man lernt, wenn man Gedichte hört, doch schnell nimmt der Erkenntnisgewinn von Erzählungen ab, die das Schwimmen von allen (!) meinen (!) Enten auf dem See beschreiben, zumal wenn der Landvogt dem jungen Wilderer schmerzhaft vermittelt, dass sich Besitzstand nicht durch dessen Behauptung erlangen lässt. Also werden die Gedichte länger, die Worte komplizierter, die Handlung nicht sofortig und die Erkenntnisse nicht augenscheinlich. Willkommen im Literaturunterricht.</p><p>Schnell bemerkt man, dass es nicht nur kompliziert ist, Gedichte zu verstehen, das reine Vorlesen klingt bei jedem Schüler grauenhaft, und wenn der Lehrer es beispielhaft versucht, hat das mit Mutters Wiegenliedern allenfalls den Effekt gemein. Muss man im Unterricht Balladen über längst ersoffene Steuermänner ertragen, unterwegs auf großen Seen zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten, deren Bezug zur persönlichen Lebenssituation sich nicht erschließt, mit zu vielen Pickeln an sichtbaren und nicht genug Haar an verborgenen Stellen und dann - verdorrt extrakurrikulär die letzte blaue Blume der Sympathie für die Lyrik im Kichern dämlicher Ziegen oder Böcke beim Lesen des ersten poetischen Versuches, in Wahrheit des 23ten, der den Weg doch in nur eine ganz spezielle Schiefermappe finden sollte. Karola Matschke ist SO doof.</p><p>Abends im Bett, flennend, den Kopfhörer auf der Kaltwelle hört man dann - ja, was? Gedichte. Vertonte Gedichte von Leuten, die offenbar die richtigen Worte finden:</p><p>When we wandered through the rain/
And promised to each other/
That we'd always think the same/
And dreamed that dream/
To be two souls as one</p><p>die einen S**t geben auf Jamben und Hebungen und wenn man das Teil über das Girl in Paris, so beautiful and strange, zum 14. Mal hört, war es nicht einmal langweilig, man hat viel gelernt:</p><p>so beautiful and strange:/
Until you spoke/
"I hate these people staring./
Make them go away from me!"</p><p>und schläft endlich ein, in den Schlaf gewiegt, wie es der Mutter "LaLaLa" nicht hätte sanfter tun können.</p><p>"Ja, das ist ja Musik", sagt der befragte Teenager, "was hat das mit Gedichten zu tun?".</p><p>"Sehr viel", erwidert der aufgeklärte Literat und</p><p>"Alles!!", steigert es semi-kompetent aber bestimmt Herr Falschgold.</p><p>Denn schon bald dreht sich dein Leben nicht mehr ausschließlich um Karola, Justin oder Kevin, aber Songs bleiben ob als Philosophieunterricht, wenn es die Gene und Interessen hergeben:</p><p>Oh you understand change and you think it's essential,</p><p>und wenn nicht, dann findet der alberne Teenie vorzeitig gealtert zurück, zu den "zwanzig Zentimetern" seines Erzeugers, was okay ist, jeder hat seine Träume und Gedichte helfen, sie nicht zu vergessen.</p><p>Man beginnt Liedgut in der Muttersprache zu hören, es geht schließlich nicht mehr darum, der coolste Honk auf dem Hof zu sein, und wenn man Geschmack hat und das Glück, in halbwegs der richtigen Zeit aufzuwachsen, findet man ein deutschsprachiges Album, das beides ist: cool wie Honk und tief wie Rilke. Es war damals schon 10 Jahre alt und trifft einen empfänglichen 20-jährigen zerebralen Grufti ins Hirn:</p><p>Es liegt ein Grauschleier über der Stadt/
den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat</p><p>und ist zudem zeitlos komponiert und arsch-tight auf die Musik getextet, es knackt und packt dich mit jeder Zeile:</p><p>Richtig ist nur was man erzählt/
benutze einzig was dir gefällt/
Bau dir ein Bild so wie es dir passt/
sonst ist an der Spitze für dich - kein Platz/</p><p>Monarchie und Alltag heißt die Fehlfarben größte Platte, erschienen 1980 und in meiner Rangliste 19 Jahre unübertroffen.</p><p>1990 begann ein gewisser Jochen Distelmeyer am Thron zu sägen, zusammen mit seinen Freunden in der Band Blumfeld. In den ersten Alben rough in Ton und Text findet Jochen Distelmeyer 1999 seine Stimme und zu Recht von ihr begeistert beginnt das Album mit einem Gedicht von 5 Minuten und 47 Sekunden Länge</p><p>Wie ein Leben aus Rhythmus, Inhalt und Beschreibung besteht, beschreibt "Eines Tages", Track 1 auf Blumfelds 1999er Album Old Nobody, ein Leben durch Rhythmus, Metapher und Sprache. Des Lebens Gleichförmigkeit abgebildet in Distelmeyers lakonischem Vortrag ist es ein kompliziertes und so sind die Metaphern, die es beschreiben. Aber auch ein kompliziertes Leben kann schön sein, wenn man es beschreibt wie Jochen Distelmeyer. Es zu hören macht nicht bitter, denn man kann physiologisch dem Metaphernstakkato nicht lang folgen. Es füllt die Verarbeitungseinheiten bis sie überlaufen, GIGO nennt man das in der IT, Garbage in, Garbage out. Was nicht verarbeitet wurde, wird unverarbeitet ausgeschieden. Irgendwann gibt der Dekodierer auf und überlässt das Hirn dem Rhythmus, gelegentlich angeregt von feinen Worten, fremden Sprachen, alles andere ist - Trance.</p><p>Oder, ein Bild für den romantischen Hörer, "Eines Tages" beginnt wie eine Karussellfahrt, die ersten Runden sieht man die Eltern noch, die Freundin, den Freund, bald sieht man nur noch Farben. Man ist allein mit sich und seinen Gedanken, gelegentlich tauchen Schemen auf und verschwinden wieder, es könnte ewig so weitergehen. Und doch merkt man den Zenit, wie die Runden unmerklich länger werden, man kann sich fast schon wieder konzentrieren auf das Außen, die Metaphern werden wieder klarer. Auf einmal spürt man, dass der kleine Anfall von Depression sich gen Ende neigt, eine klare Verlangsamung jetzt, gleich ist's vorbei, doch noch nicht, die letzte Runde, doch noch eine und dann Stillstand. Schluss. Pause. Und der erste Song beginnt, mit einem Himmel voller Geigen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-eines-tages</link><guid isPermaLink="false">substack:post:153412532</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 22 Dec 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/153412532/b3a6643aff4792b5a483e69eb10b164c.mp3" length="8024694" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>669</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/153412532/1f82af69bcd19b34eadaffca1ac803c7.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Weihnachtssendung 2024]]></title><description><![CDATA[<p>Ho Ho Ho!</p><p>Da geht das Jahr dahin und der verzweifelte Kampf um das beste Weihnachtsgeschenk oder einfach nur das Vermeiden von trauerfeuchten Kinderaugen stresst jung und alt. Doch Hilfe naht, die Lob und Verriss Weihnachtsgeschenkliste seht Ihr unten und obendrüber könnt Ihr Euch anhören, warum das die besten Geschenke der Welt sind.</p><p>* Mat Osman "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3OO7zbM">The Ghost Theatre</a>" (dt. "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3VygBhc">Das Vogelmädchen von London</a>")</p><p>* Natasha Pulley "<a target="_blank" href="https://amzn.to/49BbPVY">The Watchmaker of Filigree Street</a>" (dt. "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3D9LcLz">Der Uhrmacher in der Filigree Street</a>")</p><p>* Don Winslow "<a target="_blank" href="https://amzn.to/4grYL7t">City in Ruins</a>" ("<a target="_blank" href="https://amzn.to/4g8ZOt0">City on Fire</a>", "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ZyZDQZ">City of Dreams</a>") (dt. genauso)</p><p>* Rita Bullwinkel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ZzqDQf">Headshot</a>" (dt. "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3OQZ9AE">Schlaglicht</a>")</p><p>* Stephen King "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3OPJ91H">You Like It Darker</a>" (dt. "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3OQZxPC">Ihr wollt es dunkler</a>")</p><p>* Tess Gunty "<a target="_blank" href="https://amzn.to/41vOLWq">Der Kaninchenstall</a>"</p><p>* T. C. Boyle "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ZJuprr">Blue Skies</a>" (dt. <a target="_blank" href="https://amzn.to/4fddcLm">genauso</a>)</p><p>* Richard Osman "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3DboJO6">We solve Murders</a>" (dt. "<a target="_blank" href="https://amzn.to/4grGiI6">Wir finden Mörder.</a>")</p><p>* Barbara Kingsolver "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3DalaYA">Demon Copperhead</a>" (dt. <a target="_blank" href="https://amzn.to/4izlCjp">genauso</a>)</p><p>* John Jeremiah Williams "<a target="_blank" href="https://amzn.to/4goqnuJ">Pulphead</a>" (dt. <a target="_blank" href="https://amzn.to/4gek4K8">genauso</a>)</p><p>* <a target="_blank" href="https://www.rebind.ai/">Rebind Ebooks</a></p><p>* Charles Cumming “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3OQHXuV">Box 88</a>”</p><p>* Graham Norton „<a target="_blank" href="https://amzn.to/3BnXaAC">Eine irische Familiengeschichte</a>“</p><p>* Brit Bennett „<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ZOm4mz">Die verschwindende Hälfte</a>“</p><p>Die Wertung “Wer liest am meisten” hat dieses Jahr übrigens klar Irmgard gewonnen:</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. 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Diese späte Anerkennung – verstarb sie doch bereits im Jahr 1976 – ist nicht zuletzt dem Aufbau Verlag und der Übersetzerin Ursel Allenstein, die ihre Werke ins Deutsche übertrug, zu verdanken. Im letzten Jahr erschien außerdem – zur Freude ihrer Fans – eine Biografie über Tove Ditlevsen, in der sich Jens Andersen, welcher sich als Biograph anderer internationaler Größen wie Astrid Lindgren und Hans Christian Andersen bereits einen Namen gemacht hat, eingehend dem Leben und Werk Ditlevsens' widmet. Ihr letzter Roman, <em>Vilhelms Zimmer</em>,<em> </em>erschien kürzlich nun ebenfalls auf Deutsch und im Original nur ein Jahr vor ihrem Tod, wodurch er sich geradezu wie eine selbsterfüllende Prophezeiung liest. Damals wie heute wird der Leserin schnell klar, wen die Handelnden Personen darstellen, schon allein deshalb, weil ihre Werke immer einen, für sie prägenden, autofiktionalen Charakter besitzen, sie auch in diesem Roman alle Themen bearbeitet, die wir bereits aus ihrem vorangegangenen literarischen Œuvre kennen und damit einen Schlusspunkt setzt.</p><p>Die Erzählerin in <em>Vilhelms Zimmer</em> macht gleich zu Beginn des Romans deutlich, was dieser bezwecken will. Es ist die Geschichte von Vilhelms Zimmer und allen und allem was damit in Verbindung steht und letztlich zum Tod der Protagonistin Lise – kein Spoiler – führt. Es handelt sich um Lise Mundus, bei deren Namen wir direkt aufmerken, kennen wir sie doch bereits aus <em>Gesichter</em>, dem Roman, den Ditlevsen sieben Jahre vorher veröffentlichte. Fast liest sich <em>Vilhelms Zimmer </em>wie eine Fortsetzung, ein Abschied, vielleicht auch ein Erklärungsversuch, auch wenn das Personal, von Lise einmal abgesehen, ein anderes als in <em>Gesichter</em> ist. Bei besagtem Vilhelm handelt es sich um ihren Ehemann, der schließlich, nach zahlreichen außerehelichen Affären, zu seiner Geliebten Mille gezogen ist. Lises und Vilhelms Ehe ist gescheitert, geschieden sind sie jedoch nicht und werden es auch nie sein. Tove Ditlevsen arbeitet in diesem Roman ihre eigene Trennung von Ehemann Victor Andreasen auf; versucht diese in eine literarische Form zu bringen. Die Erzählerin ist auch gleichzeitig Lise selbst, was mitunter verwirrend erscheint, erst Recht, wenn sie von sich selbst in der dritten Person schreibt. Gleichzeitig verschafft es ihr aber die Möglichkeit, als Beobachterin aufzutreten und mit einer Distanz auf die Protagonistin und ihr Handeln zu schauen und dieses einzuschätzen, wie es ihr als Lise selbst nicht möglich wäre.</p><p>Die Beziehung von Lise und Vilhelm würden wir heutzutage vermutlich als toxisch beschreiben. Sie ist geprägt von gegenseitigen Verletzungen, oft aufgrund eigener Unzulänglichkeiten oder durch Prägungen aus der Kindheit, von Abhängigkeit und psychischer Folter. Es geht aber auch darum, wie Lise versucht, sich zu emanzipieren und sich Vilhelms Einfluss zu entziehen. Dieser ist neidisch auf ihren Erfolg und unterstellt ihr mehrfach, dass sie ohne ihn gar nicht so weit gekommen wäre. Zudem quält er sie regelmäßig damit, dass er vorgibt, dieses oder jenes an einer Frau zu schätzen und während sie versucht, diesen Vorstellungen gerecht zu werden, hat er seine Meinung im nächsten Moment schon wieder geändert. Es ist ein Katz und Maus Spiel und während er sich gern als ihr Retter gibt, kommt er, trotz der Trennung, nicht von ihr los und Lise schafft es im letzten Moment, tragischerweise durch ihren selbst gewählten Suizid, aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit auszubrechen. Ihre letzte frei gewählte Entscheidung über ihr Leben, die sie es gleichzeitig kostet. Es ist ein Triumph über Vilhelm, der das Machtverhältnis endgültig zerbricht und so radikal wie konsequent ist.</p><p>Weitere Personen im Roman sind beispielsweise die Vermieterin Frau Thomsen, die davon lebt, „Zimmer an anständige junge Herren aus gutem Hause zu vermieten“ (S.11) und deren Beschreibung eher gruselig anmutet. In ihrer eigenen Wohnung lebt zunächst noch Kurt, der später in Lises Wohnung, ein Stockwerk tiefer, in Vilhelms ehemaliges Zimmer ziehen wird, nachdem Lise, motiviert durch Greta, die Patientin in derselben Klinik ist, in der Lise sich zeitweilig befindet, eine Kontaktanzeige aufgegeben hat, auf die Kurt sich meldet. Sein Charakter, eher geprägt durch Charakterlosigkeit, basiert nachweislich ebenfalls auf einer Person aus Ditlevsens realem Umfeld. Seine Funktion im Roman ist mir aber nie ganz klar geworden. Sein Verhalten ist äußerst befremdlich, denn er lebt nicht nur in Vilhelms Zimmer, sondern liest auch dessen Tagebücher, trägt seine Kleidung und nimmt teilweise sogar dessen Einstellung und Gefühle gegenüber Lise an. Er wird zu einer Art Schatten Vilhelms. Am Ende hat seine Figur aber ihren – wie auch immer gearteten – Zweck erfüllt und wird abgesägt. Er ist nur ein Statist, der nicht mehr benötigt wird und kehrt zurück in die Wohnung der Vermieterin, mit der er eine seltsame Art von amouröser Beziehung hat.</p><p>„Er verkroch sich in den Schutz jener alten Geborgenheit, die man im Mangel an Veränderung findet, und dort werden wir ihn jetzt zurücklassen und ihm frohe Weihnachten oder irgendetwas anderes Nichtssagendes wünschen, was immer noch besser ist als gar nichts. Er hat seinen Zweck erfüllt und fällt jetzt zwischen den Seiten heraus wie ein getrockneter Veilchenstrauß ohne Farbe und Geruch.“ (S. 176/177)</p><p>Über allem schwebt im Roman aber auch immer wieder die Frage nach künstlerischer Anerkennung unter deren Mangel Tove Ditlevsen zeitlebens litt – wurde sie doch nie in dem akademischen Kreis anerkannt, zu dem sie gehören wollte – und mit der auch ihre Protagonistin Lise zu kämpfen hat. Zu Recht wurden Ditlevsens Werke der deutschen Leserschaft zugänglich gemacht und ihr dadurch auch hierzulande zumindest postum Erfolg zuteil, der ihr schon zu Lebzeiten zugestanden hätte. Möglicherweise wären sie vor 50 Jahren aber auch gar nicht so begeistert aufgenommen worden wie heutzutage und wir können uns glücklich schätzen, sie nun, da sie noch genauso aktuell sind wie damals, entdecken zu dürfen. Was Tove Ditlevsens Werke für mich ausmachen, ist einerseits ihre Sprache, die sowohl unheimlich plastisch sein kann als auch beschreibend so genau den Kern einer Sache trifft, andererseits wie bedingungslos sie ihre Themen bearbeitet, im wahrsten Sinne: als ginge es um Leben und Tod.</p><p>Link zur Rezension von “Gesichter”: </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-vilhelms-zimmer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:152363511</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 Dec 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/152363511/e82b85605f50f9b0479d959093ab654a.mp3" length="8722343" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>436</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/152363511/b874ff404f19047e7e964edafd96bef9.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Erst kommt das Fressen, dann die Moral]]></title><description><![CDATA[<p>Nach den Ereignissen des 5. und 6. November 2024 (für Leser weit in der Zukunft: die Wiederwahl Donald Trumps und die Implosion der Ampel) habe ich erst mal das getan, was jeder vernünftige Linksgrünversiffte macht: Polit-Abos kündigen, Podcasts abbestellen, unpolitische Bücher lesen. Nur nicht diesen Quark konsumieren.</p><p>In den US-amerikanischen Medien wurde endlos Nabelschau und Fingerzeig betrieben, wer Schuld habe am deutlichen Wahlsieg eines verurteilten Straftäters mit faschistischen Tendenzen. Langweilig. Der Drops ist gelutscht. Amerika ist weit weg, sollen sie sich doch zu dem machen, als was viele die USA schon immer sehen: ein Russland mit besserer Musik.</p><p>Ein Podcast der im Abo blieb war der des, Sänges/Bassplayer/Bandleaders der "<a target="_blank" href="https://open.spotify.com/artist/6zdwVjGPgGGZ7W5oBcisP2">The Long Winters</a>",  John Roderick, beileibe kein unpolitischer Mensch, der keinen Hehl daraus macht, dass er linksliberal im amerikanischen Wortsinn ist. Wohnhaft in Washington State ist er der klassische Westcoast-Intellektuelle - mit einem Twist: Er selbstreflektiert. Unerhört. Dabei eckt er an, aber nicht um anzuecken, sondern, weil das nicht anders geht, wenn man selbstreflektiert.</p><p></p><p>Seine neueste Show ist eine minimalistische Stunde, in der er ohne Schnitt, Vor- und Abspann Fragen beantwortet. Sie ist nur für <a target="_blank" href="https://www.patreon.com/JohnRoderick">Patreon-Abonnenten</a> abrufbar, was den Hörerkreis einschränkt und Prinzip ist. Es hält die empörten Trolle auf Distanz und John gibt somit ungefiltert seine Meinungen zu wirklich allem kund. Roderick ist Mitte fünfzig, weiß, ist rumgekommen (Drogen, Musik, lange Reisen) hat ein enormes Geschichtswissen (Balkan, Naher Osten, USA) und in seinem Leben schon irgendwie alles gemacht: er war Junkie, Koch in den 24/7 Grunge-Volksküchen im Seattle der 90er Jahre, hat dort für den Stadtrat kandidiert, hat in Alaska gewohnt, sein Vater wurde mal fast Stabschef von JFK - ein wahrer <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Polymath#Renaissance_man">Renaissance Man</a>. Er beantwortet druckreif, unaufgeregt, ruhig und perfekt verständlich, was er gefragt wird. Und wenn er nicht sicher ist, lässt er uns an seinem Gedankengang teilhaben - wohin auch immer er führt.</p><p>Roderick nimmt seine Show einmal die Woche zum Ende des Tages auf, in <em>perfekter</em> Tonqualität, ein Musiker halt, irgendwo zwischen Kamingespräch und <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/ASMR">ASMR</a> und so kam es, dass er am Wahlabend am Mikro saß, zu einem Zeitpunkt als die Wiederwahl Trumps von den TV-Stationen noch nicht "gecallt" wurde aber dennoch unvermeidlich war.</p><p>Statt sich in ein aufgeregtes "Wie kann denn das sein?!1!!" zu flüchten erzählte Roderick eine Stunde lang, in einer enormen analytischen Ruhe und Schärfe davon, was das Problem der Linken im Land sei. Dabei kann im Zeitalter von einer Million Monkeys an den iPhone-Keyboards nicht mehr viel Neues herauskommen, denkt man, aber wegen ebendieser fällt es sicher nicht nur mir schwer, die Schlenker und Bremsspuren zu sehen, an denen man erkennt, an welcher Stelle der progressive Bus von der Fahrbahn abkam und gegen den Brückenpfeiler fuhr.</p><p>Obwohl John Roderick die Show, normalerweise hinter der Paywall, mittlerweile <a target="_blank" href="https://www.patreon.com/posts/election-night-115463308">freigeschaltet</a> hat (so enorm positiv war das Echo) hat sicher nicht jeder den Willen oder die Muße, seine Analyse zu hören, weshalb ich sie hier zusammenfasse und ein bisschen extrapoliere und auf die deutsche Situation transponiere. Denn sie ist interessant. Und sie ist nicht einfach. Und wir haben im Februar zur Bundestagswahl zwar keinen Trump abzuwehren, aber eine mögliche Verfestigung faschistischer Parteien. Das zu verhindern, ist mit Sicherheit zu spät, dafür ist die Zeit zu kurz, aber man kann schon jetzt eine Idee haben, was schief laufen wird.</p><p>Donald Trump hat die 2024er Wahl nicht wirklich knapp gewonnen und John Roderick fragt sich und uns: "<strong>Können 70 Millionen Amerikaner Rassisten sein?</strong>" Meine leicht radikalisierte Antwort wäre "Klar, warum nicht?". John hält es für "insane" das zu glauben. Und natürlich, wenn man kurz die Blase verlässt und das Hirn einschaltet, muss man ihm Recht geben. John kann für Kentucky und Alabama sprechen, ich für Dippoldiswalde und Anklam, und in allen vier Gegenden gibt es Leute, die Einwanderer nicht brauchen und dennoch keine Rassisten sind. Sie sind vielleicht keine besonders guten Menschen, aber Rassismus ist etwas anderes. Das bekommt man raus, wenn man die Hillbillies fragt und nur eine verschwindende Minderheit wird etwas von ethnischer Abstammung, Hautfarbe oder Volksgesundheit faseln. Die meisten werden ein paar Argumente aus ihrer Facebook-Blase bringen und wenn man die dann mal überhört, denn sie führen nicht zum Ziel, kommt im Allgemeinen Indifferenz heraus, irgendein diffuses Gefühl der Benachteiligung vielleicht, aber kein Wunsch nach KZ und Gaskammer. Das verkompliziert die Analyse der Ursache für die Wahlniederlage, denn im persönlichen Gespräch sind es meist supersweete Leute, die die rassistischen Arschlöcher wählen. Man bekommt den Kopf nicht drumrumgewickelt.</p><p>Das Problem im Wahlkampf 2024 war, dass das Anti-Trump-Argument "Aber hörst Du nicht, was der da sagt?!" nicht zog. Denn Nein, das hören "die" nicht. Auf Deutschland umgesetzt: Der Klempner aus Dipps und die Frisöse aus Anklam geben keinen S**t. Es ist schon anstrengend genug am Sonntagvormittag alle vier Jahre in die beschissene Mittelschule zu schlürfen um irgendwas zu wählen, statt beim Heimspiel des <a target="_blank" href="https://www.vfc-anklam.de">VFC Anklam</a> fünf Biere zu kippen, wirklich nervend ist es jedoch, sich wochenlang vorher irgendwas anzuhören, was im besten Fall die Ansage ist, dass man seinen eigenen Beruf nicht mehr Frisöse nennen darf und im Zweifel darauf hinausläuft, dass man permanent als "schlechter Mensch" durchbeleidigt wird, weil man kein Shawarma mag, nicht dass der Klempner-Ralle das schon mal gegessen hätte. Das Resultat ist, dass man das Kreuz bei denen macht, die exakt das Gegenteil davon behaupten, und sei es noch so sinnfrei, krude oder dumm. Die Chance, dass der Ralf und die Gabi dann unter einer AfD-Regierung, der John und die Karen unter Trump, zu besseren Menschen werden, ist gering. Das sollte man also verhindern. Und hätte man verhindern können. Die Zeichen standen an der Wand, bzw. den Flatscreens. Sie wurden ignoriert und John Roderick kommt zur zweiten These.</p><p>Diese ist überraschend: <strong>Die Demokraten sind die Partei der Wissenschaftsfeindlichkeit geworden.</strong> Hear him out. Wenn man auf den Wettstreit zwischen Konservatismus und Progressivismus (also kurz: Rechts und Links) seit dem Ende des 2. Weltkriegs schaut, war zunächst die Rechte die Kraft, die nicht gefragt hat "Was ist?" sondern gepredigt hat "Das soll sein!". Wissenschaftliche Realitäten spielten nur eine Rolle um überwunden zu werden. Schwule gibt's - aber sollten nicht. Atheisten gibt's - aber gehören weg. Frauen an den Herd, sagt Jesus. Die Republikaner als die Partei des "Sollte", die Demokraten als die Partei des "Seins".</p><p>Von den Sechzigern an, hat die Linke dann versucht, den Ist-Zustand der Gesellschaft institutionell abzubilden und in Gesetze zu gießen: vom Civil Rights Act von LBJ 1964 bis zur Legalisierung der Homoehe 2015 war dieses Projekt erfolgreich. Denn unterhalb dieser großen Gesetzgebungen gab es tausende Regelungen, die die Sicht der amerikanischen Gesellschaft auf die anlassgebenden Ungerechtigkeiten verändert hat.Was beim obligatorischen M/W/D in Stellenausschreibungen begann, ist mittlerweile ein Klischee: die Personalchefin in vielen Firmen in den USA ist schwarz und weiblich. Bei der schreiende Ungerechtigkeit von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stonewall">Stonewall 1969</a> in New York City, die in der Homo-Ehe ihr vorläufiges Ende hätte finden sollen, schoss man deutlich übers Ziel hinaus, als ein christlicher Bäcker sich <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Masterpiece_Cakeshop_v._Colorado_Civil_Rights_Commission">weigerte eine Hochzeitstorte für eine Schwulenhochzeit</a> zu backen und das nicht in einem Schulterzucken endete, sondern einem Urteil des obersten Gerichtshofs (er darf).</p><p>Dass das Leben <em>in general</em> ein Anderes und für fast alle ein Besseres ist, wenn man Los Angeles 2024 mit Nashville 1954 vergleicht, sollte einleuchten. Natürlich ist weder Rassismus noch Homophobie abgeschafft, noch lebt man in den USA in einem egalitären Hölle Paradies ohne Streit und Dollerei, aber beide hier beispielhaft genannten Probleme sind so enorm viel kleiner als vor siebzig Jahren, dass das keiner bestreiten kann. Und dennoch passiert genau das. Es ist nie genug, es gibt keinen Stolz aufs Erreichte. Deshalb ist es weit unterhalb der "cancel culture"-Schwelle geradezu unmöglich, eine Meinung zu irgendeinem linken Thema zu äußern, ohne dass das in unproduktivem Streit endet. Betonung auf "unproduktiv", denn es geht im Allgemeinen in solchen Palavern, selbst zwischen Diskutanten absolut auf derselben Seite, nie um das "<em>Wie</em> verbessern?" sondern immer um das "<em>Was</em> verbessern?". Man hat es nach acht Jahren Obama geschafft, dass man eine Krankenversicherung für alle hat, dass man die Homoehe hat, dass man nicht weit davon entfernt war, das Recht auf Abtreibung in den Verfassungsrang zu heben. Statt ein bisschen zufrieden mit den eigenen Erfolgen zu sein und sich zur Abwechslung mal um das zu kümmern, was auf der anderen Seite der politischen Trennlinie so an Problemen ansteht, bemühte man die sogenannten "weichen" Wissenschaften, herauszubekommen, was man denn noch so an Ungerechtigkeiten beseitigen könnte.</p><p>Despektierlich bezeichnet man als "weich" im weitesten Sinne Geisteswissenschaften, also alles unterhalb der Biologie, da wo es ein bisschen schwammig wird, nicht so eindeutig wie ein Klavier, das dir auf den Kopf fällt, wenn der Nachbar es aus dem Fenster schmeißt. In den "harten" Wissenschaften ist 2+2=4, ein Meter ein Meter, ein Kilo ein Kilo, da ist schwer gegen anzuargumentieren. In den weichen Wissenschaften geht es um den Menschen und der ist unberechenbar. Aber, wenn man halbwegs solide rangeht, kann man mithilfe von Soziologie, Psychologie und ein bisschen Statistik ein Bild vom Ist-Zustand der Gesellschaft erhalten. All das passiert auch seit vielen Jahrzehnten, es gibt endlos Lehrstühle für Soziologie, Anthropologie, Kommunikationswissenschaften mit Spezialisierungen für Queer Studies, Intersektionalitätsforschung und Feministischer Theorie, alle mit ihren eigenen Studiengängen, Papers und Seminaren.</p><p>Problem: die Zahlen die in diesen Fakultäten auflaufen, sagten spätestens seit der Finanzkrise von 2008, dass, wenn man <em>alle</em> Amerikaner fragt, diese überwiegend einen S**t geben, was in diesen Fakultäten erforscht wird und dass es eine Mehrheit der Wähler einfach nicht interessiert, ob der Jerome und der Dave ein Recht haben, die Hochzeitstorte von der Karen gebacken zu bekommen. Es kommt eher raus, dass sie es ein bisschen ungerecht finden, dass sie ihr Haus verlieren an eine Bank, die noch vor ein paar Jahren fast bankrott war. Und selbst wenn sie das nicht so konkret formulieren können, wundern sie sich einfach, warum alles so ein klein bisschen beschissener geworden ist, als vor ein paar Jahren. Was die meisten Umgefragten nicht mehr hören konnten war #metoo, #gamergate und #cancelculture und was soll das überhaupt sein? Aber da gab's zum Glück diesen Trump, der sich darüber lustig machte, seltsamer Typ, aber irgendwie funny. "Und what?! Den kann man jetzt wählen?" sagte Bob zu Babe 2016. "Ok, who gives a s**t. Das machen wir jetzt mal. Schluss mit dem permanenten Erklärbärshit, was man sagen darf und was nicht." Das wurde statistisch vor jeder Wahl im letzten Jahrzehnt so erhoben und spiegelte sich 2010, 2016 und jetzt 2024 in den Ergebnissen wider.</p><p>Und es wurde jedes Mal vor der Wahl ignoriert. Denn das kann doch keiner glauben, dass sich die Mehrheit <em>nicht</em> um Trans-Rechte, <em>nicht</em> um Pronomen, <em>nicht</em> um Umweltschutz kümmert.</p><p>Nun, wenn man Tatsachen ignoriert und glaubt es besser zu "fühlen", ist man nur ein paar Schritte von einer Religion entfernt. Und dass Wunschdenken keine Tatsachen in der Wahlnacht schafft, hat sich ein ums andere Mal erwiesen. Ein ums andere Mal wurde gewunschträumt, dass die Frauen aus den Vororten es dem Trump zeigen werden. Die waren schließlich selbst mal schwanger, haben vielleicht abgetrieben, kennen wenigstens eine, die das hat. Das stimmt zwar rein statistisch, aber diese Frauen aus den Vororten haben auch ihr Haus mit Verlust verkaufen müssen, schon zweimal seit 2008, und deren Männer haben ihren Job in der Kühlschrankfabrik verloren und es half nicht viel, dass der neue Fridge aus China nur $199 kostete, denn der ist schon wieder kaputt. Abortion my ass, da wählt man doch den, der irgendwas von Zoll auf chinesische Kühlschränke erzählt, auch wenn irgendjemand Anderes sagt, dass das den nächsten importierten Kühlschrank teurer machen würde? Who knows, irgendwas erzählt immer einer.</p><p>Die Demokraten haben genau das in Statistiken präsentiert bekommen, haben es aber nicht geglaubt und dachten, dass ein schicker Werbespot mit <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=FaCPck2qDhk">Julia Roberts</a> die Sache regelt, das TikTok-Äquivalent zum Absingen eines Gospels um den Teufel zu vertreiben. John Roderick erzählt von einer Fahrt im Taxi kürzlich. Der Fahrer, ein Einwanderer aus Nigeria sagte sinngemäß: "Na klar wähle ich Trump. Wir sind Katholiken, ich habe zwei Söhne und zwei Töchter und die sind männlich und weiblich und wer was anderes sagt, der ist des Teufels. Und den Teufel wähle ich nicht."</p><p>Und so schauten die Linken ungläubig auf die, wenn auch kleine, Prozentzahl von Schwarzen, die sagten, dass sie Trump wählen werden, auf die durchaus beachtliche Zahl von Muslimen, die das gleiche sagten (Warum wohl?), und die verglichen mit früher regelrecht riesige Menge von Latinx die genau dasselbe ankündigten - und niemand hat es ihnen geglaubt!</p><p>Das ist nicht nur wissenschaftsfeindlich - es ist <em>rassistisch</em>! Da kämpft die Linke seit Jahrzehnten dafür, dass Nicht-Weiße sich gesellschaftlich repräsentiert finden, dass sie nicht permanent gegen Rassismus ankämpfen und anwählen müssen, sondern sich, wie der weiße Dude next door, bei einer Wahl mal um <em>ihr</em> Leben und <em>ihre</em> persönlichen Interessen kümmern können und dann machen die das, kündigen es in Umfragen sogar an, und die Demokraten so: "Hey, Minderheit, Du wählst falsch!" WTF?</p><p>Und so stolperte die US-amerikanische Linke den Rechten in die Falle und so werden es die linken Kräfte auch im Februar in Deutschland tun. Ok, sie wachen langsam auf, <a target="_blank" href="https://www.gruene.de/robert-habecks-kandidatur?utm_source=chatgpt.com">Robert Habecks Küchentischnummer</a>, die Betonung während des Parteitags der Grünen, dass man die Partei der Freiheit und gegen Bevormundung sei, scheint direkt auf Analysen des Wahldesasters der Demokraten zurück zu gehen - das wäre ja auch furchtbar, wenn man nicht mal dafür Fachkräfte hätte. Aber es wird zu spät sein. Auch, weil sich die Internetkommentare gegen das, was John Roderick (und in Fortsetzung ich hier) schreibe, wie von selbst verfassen. Natürlich werden überall Transmenschen diskriminiert, syrische Flüchtlinge gejagt, Schwule verprügelt und wenn man Twitter gewinnen will, schreibt man das empört unter so ein Essay und postet am 23. Februar 2025 um 18:03 Uhr auf Mastodon dass Deutschland Naziland sei.</p><p>Oder man überlegt, ob es, vereinfacht gesagt, möglich ist, mit einer Sammlung von 5% Themen eine Wahl zu gewinnen, in der 100% abstimmen? Ob man sich vielleicht doch mal der Themen annimmt, die Gabi und Ralf beschäftigen, wo die Lösung nicht moralisch einfach, sondern kompliziert und nebenbei noch existentiell ist. Kapitalismushit, you know? Keiner will, dass die Linke Diskriminierungen leugnet. Aber, mal rein arithmetisch, diese "passiert" (sorry!) per Definition immer Minderheiten - bei Wahlen gehts aber um Mehrheiten. Das ist nicht kompliziert.</p><p>Kompliziert ist natürlich aus dieser Erkenntnis eine Strategie zu formulieren. Ein "weiter so" kann es nicht sein. Eine Brandmauer macht nur Sinn, wenn eine Mehrheit auf der richtigen Seite steht. Eine jede Idee zu einem veränderten Umgang mit dem Wahlvolk abzuschmettern, nur um ein Argument im Plenum zu gewinnen, führt geradewegs in den Faschismus.</p><p>John Roderick hat das analysiert, als es zu spät war und so wie die Welt jahrelang den Weg in den Faschismus anhand der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland analysiert hat, können wir das hundert Jahre später von unserer Seite des Atlantiks aus machen - diesmal in realtime. </p><p>Wir sollten die Chance nutzen, bevor es auch hier wieder zu spät ist.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/erst-kommt-das-fressen-dann-die-moral</link><guid isPermaLink="false">substack:post:152030890</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 24 Nov 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/152030890/27e35e5ba9a9474cd1580cf84032837f.mp3" length="15285647" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>955</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/152030890/52438498462fdb95cd605a29d5bcb542.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Bennett, Kohout, Kingsolver]]></title><description><![CDATA[<p>Drei auf dem Papier E-Book nicht ganz einfache Romane über Leid, Verlust und Selbstbetrug erweisen sich als Meisterwerke im leichten und fesselnden Erzählen. Irmgard Lumpini bringt uns “<a target="_blank" href="https://amzn.to/40EkBQv">Demon Copperhead</a>” (der sich nicht aus Versehen fast auf den Namen des Ehemann von Heidi Klum reimt), Anne Findeisen erzählt von “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4eq8t8X">Die Mütter</a>” von Brit Bennett und Herr Falschgold war im befreundeten Nachbarland unterwegs: Pavel Kohout schrieb 1978 die schwarze Komödie “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ADDNDe">Die Henkerin</a>”. </p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-bennett-kohut-kingsolver</link><guid isPermaLink="false">substack:post:151557708</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen, Irmgard Lumpini, and Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 17 Nov 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/151557708/1c82268f63ae522a0bcb808186c65a76.mp3" length="26032213" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen, Irmgard Lumpini, and Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1627</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/151557708/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Barbara Kingsolver: Demon Copperhead]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>Pulitzerpreisgekrönte Werke zu rezensieren ist heutzutage eine dankbare Aufgabe: da haben schon die Fachleute draufgeschaut, die beruflichen Rezensenten gewerkelt und eingeschätzt, die Marketingmaschine der weltweit beteiligten Verlage läuft auf Hochtouren - zumindest für eine gewisse Zeit vor und nach der Preisverleihung - , und auch die lokalen Buchhandlungen schmücken ihre Fensterauslagen und Buchtische.</p><p>Im letzten Jahr gewann diesen Preis im Bereich der Belletristik - denn die <a target="_blank" href="https://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year">Pulitzerpreise </a>gibt es auch für Sachbücher, zuallererst aber für herausragende journalistische Arbeiten - Barbara Kingsolver mit dem heute hier vorgestellten "Demon Copperhead", im Deutschen ebenfalls: "Demon Copperhead".</p><p>Warum dieses Werk seinen englischen Titel behalten durfte, ist sicherlich zum einen der Fakt, dass es sich um den Rufnamen des Protagonisten - mit bürgerlichem Namen Damon Fields - handelt, zum anderen, dass sich Demon Copperhead die Inspiration des Werkes, die Initialen und einen Teil des Nachnamens, nämlich mit  Charles Dickens "David Copperfield" teilt.</p><p>Worum geht es: Damons Vater stirbt, bevor er auf die Welt kommt. Seine Mutter, noch minderjährig, kämpft mit Drogenabhängigkeit. Seine Verhältnisse sind ärmlich, und der Plot entfaltet sich in den abgeschiedenen Bergen der Appalachen, einem Gebirgszug an der Ostküste der USA.</p><p>Man muss kein Anhänger von Karl Marx sein, um die These "Das Sein bestimmt das Bewusstsein." oder einfacher "die materielle Grundlage prägt das gesellschaftliche Leben" nachvollziehen zu können. Zunächst wird Demon von seiner Mutter und den älteren Nachbarn, den Peggots, großgezogen. Währenddessen ist deren Enkel Matt, der bei ihnen aufwächst, weil seine Mutter im Knast ist, sein bester Freund. Bis hierher ist alles dufte soweit. Dann lernt Damons Mutter einen neuen Typen kennen, der sie zurück zu den Drogen bringt und auch nicht an ihrem "Anhang" interessiert ist. Die Oxycontin-Krise ist groß und spielt im Buch als gesellschaftliche Problematik eine große Rolle. Für Damon ist es eine sehr persönliche Problematik, denn seine Mutter stirbt, und er beginnt eine Odyssee durch verschiedene Pflegeeinrichtungen. In einem Werk zeigte sich die Autorin besonders erschüttert darüber, dass die Aufnahme und Pflege von Waisen oder elternlosen Kindern in den USA ein Geschäft ist, bei dem Mindeststandards zuverlässig verletzt werden und diejenigen, die mit ihrer Einhaltung beschäftigt sind, so schlecht bezahlt werden, dass sie diesen Job verlassen, wenn nur irgendwie möglich. Körperlicher und seelischer Missbrauch, Zwangsarbeit und Ausbeutung sind einige der Folgen.</p><p>In "Demon Copperhead" lässt Barbara Kingsolver den Protagonisten von Anfang an zu Wort kommen. Dies zeigt zum einen, wie klein und von wenigen Faktoren abhängig Kinder auf ihren Weg geschickt und geprägt werden, zum anderen erkennen wir Zusammenhänge, weil sie uns durch kindliche Augen geschildert werden, und die wir über den Zynismus der Zustände längst verdrängt hatten.</p><p>Es ist eine harte Geschichte. Und während sich Charles Dickens in "David Copperfied" ebenfalls mit heftigen Widrig- und Gefährlichkeiten auseinandersetzt, ist Barbara Kingsolvers Werk brutaler und direkter, weil es beschissene Verhältnisse sind, die JETZT, gerade eben so stattfinden oder stattfinden können.</p><p>Das pralle Buch versammelt eine wachsende Zahl - ganz wie Kinder ihren Kreis beständig erweitern - von Menschen, die Demon feindlich gegenüberstehen, oft im besten Fall noch indifferent, aber bis auf wenige Ausnahmen eben nicht voller Liebe und Güte, wie es ein Kind braucht. Dabei sind die Ausnahmen rar, und umso wichtiger. Das sind Damons Freunde und Bekanntschaften, die aber ihrerseits mit Drogen und Armut zu kämpfen haben, aber es gibt auch Lehrer, die Damon ermutigen, seine Talente zu pflegen und ihm Achtung und Respekt entgegenbringen.</p><p>Er findet die Liebe und verliert sie wieder. Er flieht, um seine Großmutter - die Mutter seines Vaters, den er nie kannte - zu suchen, und die Geschichte dieser Flucht ist das Herzzerreißendste, was ich seit langem gelesen habe.</p><p>Barbara Kingsolver hat nach Selbstauskunft mit der Grundlage von Charles Dickens "David Copperfield" einen Weg gefunden, wie sie über die verlorenen Kinder der Appalachen schreiben, und dabei ein positives Ende, mit Fantasie und der Magie der Vorstellung erzählen kann.</p><p>Ein Seitenstrang der Geschichte ist die Frage, warum die Einwohner der Appalachen so oft verhöhnt und als Rednecks und Hillbillies das kürzere Ende von Witzen sind. Es findet sich eine sehr überraschende Erklärung, die hier nicht verraten wird. Sie lässt allerdings noch einmal die Ostfriesenwitze, die Anfang der 1990er Jahre allgegenwärtig waren, in einem anderen Licht erscheinen.</p><p>Das waren jetzt viele Punkte zum Hintergrund, aber worum es ja geht, sind Lobpreisung oder Verriss. Während in dieser Rezension die übergroßen Widrigkeiten im Vordergrund standen: das Erlebnis der Lektüre ist ein anderes als vielleicht vermutet. Voller Güte, Leidenschaft, Tempo, Fantasie und einem Augenmerk auf aufregenden und überraschenden Wendungen, ist es ein fantastischer Roman, Lobpreisung galore!</p><p>Die diesjährige Gewinnerin des Pulitzerpreises für Belletristik ist Jayne Anne Phillips mit ihrem Roman "Night Watch", wir sind gespannt.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/barbara-kingsolver-demon-copperhead</link><guid isPermaLink="false">substack:post:151645825</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Thu, 14 Nov 2024 12:35:48 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/151645825/c37c0e5fe577e3bbbdcb68c17b1d295a.mp3" length="6805465" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>340</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/151645825/4fd617018961285d6a5d8a1b67138a8f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Brit Bennett: Die Mütter]]></title><description><![CDATA[<p>Begibt man sich bei Google auf die Suche nach der Stadt Oceanside in Kalifornien, unweit von San Diego, so fördert einem selbige Suchmaschine in kürzester Zeit Bilder der Stadt zu Tage, die einen träumen lassen. Mit dem größten Holzpier an der Westküste und einer atemberaubende Küste selbst, sowie besten klimatischen Bedingungen lässt sich leicht vorstellen, wie einfach man hier eine gute Zeit verbringen könnte. Dabei ist Oceanside einerseits die Stadt, in der die Autorin Brit Bennett geboren und aufgewachsen ist und andererseits der Schauplatz, an dem sie die Handlung ihres Debütromans <em>Die Mütter </em>ansiedelt. <em>The mothers </em>erschien 2016 im Original und wurde zwei Jahre später auf Deutsch im Rowohlt Verlag veröffentlicht.</p><p>Die Mütter, die nicht nur titelgebend für den Roman sind, sondern auch thematisch einen wichtigen Schwerpunkt bilden, erscheinen dabei in unterschiedlichsten Formen und bestimmen das Leben der beiden Protagonistinnen Nadia und Aubrey vor allem durch ihre Abwesenheit. Während Erstere ihre Mutter durch Suizid verlor, wandte sich Letztere von ihrer Mutter aufgrund traumatischer Ereignisse in ihrer Kindheit und Jugend ab. Beide Mädchen sind Außenseiterinnen – die eine durch den Selbstmord ihrer Mutter dazu geworden – und finden dadurch, aber auch aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten zueinander und werden schließlich zu Freundinnen. Den dritten in diesem Bunde bildet Luke, dessen Vater Pastor in der örtlichen Gemeinde ist und seine Frau und damit Lukes Mutter die strenge und gut organisierte Pastoren Gattin ist, welche größten Wert auf ihr Ansehen legt und die genau weiß, was für ihren Sohn das Beste ist.</p><p>Nadia zählt dazu definitiv nicht, doch Luke ist ihre erste große Liebe und mit 17, kurz nach dem Verlust ihrer Mutter, wird sie ungewollt von ihm schwanger. Sie entscheidet sich gegen das Baby, nicht wissend, dass es für Luke eine Option gewesen wäre, es zu behalten und nicht ahnend, dass das Geld für die Abtreibung von Lukes Eltern kommt, denen es nur Recht ist, dass Nadia sich um „das Problem“ kümmert und der gute Ruf der Familie unbeschadet bleibt, auch wenn sie damit gegen ihre Religion handeln. Der Schwangerschaftsabbruch stellt auch das Ende der Beziehung der beiden dar und verweist ebenfalls auf den Titel des Romans und die Frage nach Mutterschaft. In diesem Fall nicht gewollt und doch gedanklich immer in Nadias Hinterkopf, auch aufgrund der Tatsache, dass ihre eigene Mutter im nahezu selben Alter mit ihr schwanger gewesen ist und sich für sie entschieden hat.</p><p>Im Verlauf der Handlung werden schließlich Luke und Aubrey ein Paar. Aubrey, die eher ruhig und zurückhaltend ist, ohnehin in der Gemeinde arbeitet und von Lukes Mutter fast schon wie eine Tochter behandelt wird, ist damit die perfekte Schwiegertochter. Aubrey kennt jedoch die vollständige Vergangenheit, die Nadia und Luke miteinander teilen, zunächst nicht. Diese wird ihr nach und nach klar und bestimmt auch die Dynamik der drei und den Fortgang der Geschichte.</p><p>Bereits aus der griechischen Tragödie kennen wir den Chor, der als Bindeglied zwischen Publikum und Schauspielern diente, kommentierte und eine moralische Instanz darstellte. Auch in Brit Bennetts Roman finden wir eine Art Chor, es ist der Chor der Mütter, der sich meist am Anfang der Kapitel zu Wort meldet und zum Lesenden spricht. Sie berichten von ihrer eigenen Vergangenheit, kommentieren die Geschehnisse und verweisen immer wieder darauf, dass sie nicht alle Details der Umstände – also des Skandals der Abtreibung – kannten, was sie jedoch nicht davon abhält, nicht von ihrem moralischen Podest herunter zutreten und zu bewerten. Trotz ihrer eigenen Geschichte benehmen sie sich teilweise, man möge mir den Ausdruck verzeihen, wie alte Klatschweiber; zumindest machten sie diesen Eindruck während der Lektüre auf mich.</p><p>Brit Bennetts Roman glänzt durch seine thematische Vielfältigkeit. Mit den Müttern bzw. deren Abwesenheit verknüpft sie das Thema Identität und die Suche nach selbiger: „Und wenn es möglich war, den Menschen nicht zu kennen, dessen Leib einem das erste Zuhause gewesen war, wie konnte man dann überhaupt einen Menschen kennen?“ Diese Suche nach sich selbst findet außerdem in einem rein schwarzen Umfeld statt, zu dem die Autorin selbst auch gehört. Das Thema Rassismus wird dabei eher subtil behandelt und findet sich treffend auf den Punkt gebracht in beispielsweise folgendem Zitat wieder: „Er ging mit der Tatsache, dass er Weißer war, genauso um wie alle linksliberalen Weißen: Er nahm sie nur zur Kenntnis, wenn er sich durch seine Hautfarbe benachteiligt fühlte, und ignorierte sie ansonsten.“ Aber auch die Themen Freundschaft, Liebe und Einsamkeit, sowie falsche Moral sind stetige Begleiter im Roman und machen das gefühlsmäßige Spannungsfeld in dem sich die drei Protagonist:innen bewegen nachfühlbar und zu einem empfehlens- und lesenswerten Roman.</p><p>Nicht weniger empfehlenswert ist auch ihr zweiter Roman <em>Die verschwindende Hälfte</em>,<em> </em>welcher 2020 erschien und der für mich ebenfalls ein Pageturner war. In diesem widmet sie sich dem Thema Identität und Herkunft auf eine neue, ungewöhnliche und nicht weniger spannende Weise.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/brit-bennett-die-mutter</link><guid isPermaLink="false">substack:post:151068601</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Nov 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/151068601/4fc9e622aba165504b6ea88fe8d7e384.mp3" length="6738605" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>337</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/151068601/916235b44930ab7a0814e49e5e8af619.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Pavel Kohout: Die Henkerin]]></title><description><![CDATA[<p>Ich habe einen tschechischen Freund und kann das nur empfehlen. Ein Jeder sollte einen tschechischen Freund haben, es hat nur Vorteile!</p><p>Erstens trinkt man nie wieder schlechtes Bier. In welcher Schenke auch immer man sich befindet, man schickt dem tschechischen Freund ein Foto der Getränketafel und erhält binnen Sekunden die Information, welche Biersorte zu empfehlen, welche zu meiden sei. Nur kurze Zeit später folgt ein kurzer Abriss zur Geschichte der angebotenen Sorten, sowie der herstellenden Brauerei und Informationen darüber, welche Fußballvereine der unteren tschechischen Ligen das Getränk anbieten, samt zu erwartender Preise in CZK und EUR. </p><p>Zweitens, kann man sich den Erwerb einer Wetterapp fürs Smartphone sparen. Denn speziell im böhmischen Wetterkessel ist man seit Jahrhunderten bewandert darin, exakte Vorhersagen über Niederschlagszeiten und -mengen tätigen zu können, allein durch einen Blick in den Himmel. Das Aufkommen moderner Vorhersagetechnologie wird da nicht als Konkurrenz verstanden, sondern als Bestätigung der eigenen Progonosefähigkeiten. </p><p>Drittens jedoch, eröffnet ein jedes Gespräch mit dem tschechischen Freund einen Einblick in einen Kulturraum, den man als Angehöriger eines so viel größeren Sprachgebiets zu oft mit Ignoranz straft - zum eigenen Verlust.  Dabei werden starke Meinungen vertreten, nicht in Abgrenzung zu anderen Kulturen (ok, die Polen ausgenommen), nein, ein jeder Tscheche, so hat man das Gefühl, besitzt einen unerschöpflichen Vorrat an Meinungen zu den landeseigenen Kulturschaffenden aus Literatur, Theater, Funk und Fernsehen. Und von Heavy Metal sollte man gar nicht erst anfangen, wenn man vor dem Morgengrauen ins Bett möchte. </p><p>Das habe ich letztens nur knapp geschafft, nach einem Gespräch in einer der in meiner deutschen Heimatstadt mittlerweile, und dankenswerterweise, etablierten böhmischen Bierstuben. Ein Gespräch, wie ich es in Prag und Brno, Ústí und Děčín an Nachbartischen schon so oft sprachunfähig beneidet habe, endlich war ich Teil davon, dank des tschechischen Freundes und seiner Großmutter, denn die sprach deutsch und so tat er es ihr nach. Zum Prager Urquell wurde gedisst (Kundera), genaserümpft (Havel), stolzgebrüstet (Kafka).  Anekdoten wurden erzählt, selbsterlebt oder legendär in der Heimat. Und als ich kurz überlegte, ob wir denn bei Lob und Verriss schon mal einen Autor aus dem so nahen Nachbarland rezensiert hätten, fiel mir keiner ein (weil ich alt bin, denn ich hatte natürlich “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/390">Klapperzahns Wunderelf</a>” vergessen.) Dennoch, nur ein einziger rezensierter tschechischer Autor in 17 Jahren, das ist peinlich und traurig und so nahm sich der tschechische Freund meiner an und empfahl und verwarf, rang mit sich und der Welt, welche oder welcher es denn sein solle, welches tschechische Buch baldmöglichst im Studio B vorgestellt werden solle. Keiner der ganz großen: Kafka hat zu wenig geschrieben und den hatten wir auch alle in der Schule; Kundera ist doof und ein Verräter; keiner der Jungen: Jaroslav Rudiš ist zwar witzig aber auch doof (vielleicht war er auch witzig und cool, es gab Pilsner Urquell).  Nach einigem solchen Hin und Her leuchteten die Augen des tschechischen Freundes plötzlich auf und es wurde festgelegt: Der Pavel Kohout muss es sein! Hierzulande eher unbekannt, hat er ein Ouvré das sich über Jahrzehnte erstreckt. Ja, man kann da etwas Neues, Modernes lesen, aber es soll ein Roman sein, der von der Idee her so entzückend und ergräulich zugleich sei, ja, der müsse es sein! Des Buches Namen: “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3YHcZLL">Die Henkerin</a>”.</p><p></p><p>Ich hätte mir den Lesebefehl zwar sofort zu Herzen genommen und die Kindle-App gestartet, mir wurde dennoch begeistert gespoilert warum es “Die Henkerin” sein soll und wenn mir das widerfuhr, widerfährt es auch der Rezensionsleserschaft, zumal der Spoiler klitzeklein ist: das Folgende wird alles im ersten Teil des Buches abgehandelt, der Kindle sagt innerhalb der ersten 7%, und ist tatsächlich eine wunderschöne Romanidee und 1978 in der Tschechoslowakei geschrieben, funktioniert sie auch tatsächlich fast nur dort:  </p><p>So wie alles in den sozialistischen Planwirtschaften des Ostblocks, war auch die Berufswahl gesteuert und damit die Verantwortlichkeit für die berufliche Zukunft der sozialistischen Kinder nicht immer besonders verantwortlichen Beamten unterstellt. An einen Ebensolchen gerät Lucie Tachecí mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Lízinka. Letztere hatte sowohl die Voraussetzungen fürs Abitur knapp verpasst als auch die zur Musikhochschule. Der Tochter eines Philologen und einer Hausfrau mit Niveau drohte ein Abgleiten in ein proletarisches Leben. Eine Katastrophe vor allem für die Mutter, der Herr Professor lebt eh in einer Welt zwischen  syn- und diachronischer Syntax. Also ließ Frau  Tachecí, wie das damals so war, ihre Beziehungen spielen und erfuhr, wer der aktuelle Vorsitzende der Berufsberatungskommission ist, es sei ein Herr, dem man wohl mit ein bisschen weiblichen Reizen oder einer Flasche Kognak den Kopf verdrehen könne. Und so blieb also es wieder mal an ihr hängen, denn ihr Mann, der Professor, ist zu weltfremd und unfähig auch nur eine klitzekleine Bestechung vorzunehmen. Es takeln sich Mutter und Tochter auf, nur um beim Betreten des Kommisionszimmers gewahr zu werden, dass die Information nicht ganz aktuell war: es gibt einen neuen Komissionsvorsitzenden und der ist ein grauer, böser Mann, absolut unbestechlich, weder durch ausländische Schnäpse, noch durch weibliche Busen. Eine Katastrophe. Es werden verschiedene Berufswege aufgezeigt, Bäuerin!, Bäckerin!, alles komplett unakzeptable, nicht standesgemäße Professionen. Verzweifelt und den Tränen nahe, wenden sich die beiden Damen ab, als dem Herrn Vorsitzenden einfällt, dass es im Ordner PST aka “Papiere streng geheimer Natur”, doch kürzlich ein neues Stellenangebot gab. Er stellt Lízinka ein paar seltsame Fragen: wie sie sich selbst einschätze, zum Beispiel, sei sie jemand, bei deren Anblick in unangenehmen Situationen man sich eher besänftigt fühlen würde, was sie durchaus bejahte. Auch, so stellte er fest, seien ihre intellektuellen Leistungen nicht so weit von der Abiturreife entfernt. Er habe hier eine ganz besondere Stelle im Angebot: so die Tochter und die Mutter es denn wünschten, könnte Lízinka eine einjährige Ausbildung zur <em>Vollstreckerin mit Abitur</em> annehmen. Die Mutter, im Angesicht der drohenden Alternativen: Bäuerin oder Bäckerin, kaum noch aufnahmefähig, nimmt an, ja klar, eine Vollstreckerin, klingt wichtig, es sei so!</p><p>Wir, im Besitz der Information über den Titel des Buches wissen, was die Tochter da unterschrieben hat und auch die Eltern lernen bald, dass ihre Tochter - eine Henkerin werden wird!</p><p>Wir deutsche Leser freuen uns über ein gelungenes Setup und hinterfragen zunächst nicht, ob es denn in 1978 in der ČSSR noch die Todesstrafe gab. Um ehrlich zu sein, wir können es uns nicht vorstellen. Zu liberal ist unsere Welt, zu aufgeklärt das Europa, in dem wir den Roman fast fünfzig Jahre später lesen, war doch schon 1964 in Großbritannien der letzte Henker in Ruhestand gegangen. Welch ein Verlust für die Gesellschaft, meint der fiktive Professor Wolf im Roman, halte doch die ultimative Strafe Verbrecher, wie potentielle solche, auf Trapp und, machen wir uns nichts vor, der Mensch ist schlecht, ein jeder steht mit einem Bein in der Guillotine. Und natürlich hat Professor Wolf auch zu dieser eine Meinung: abzulehnen, nicht handwerklich genug. Er hat überhaupt zu allem eine Meinung, was das regulierte Umbringen von Menschen betrifft und Pavel Kohout gibt uns durch ihn einen faszinierenden, von Quellen nur so sprudelnden Abriss über das Wesen des Unwesens mit dem sich Menschen seitdem sie sich Schürzen vor die Lenden binden gegenseitig reguliert umbringen. Und da geht es nicht nur um das “warum”, nein, es geht vor allem um das “wie”. Erschießen: zu unpersönlich, Kopf abhacken: muss man üben, Garotte: eigentlich recht elegant - aber es gibt an sich nur eine wahre Art der Hinrichtung und das ist der fachgerechte Genickbruch durch den Strang. Diese jahrhundertealte Kunst gelte es zu bewahren, weshalb Professor Wolf seit Jahren im Rahmen der politischen Verháltnisse in der Tschechoslowakei Lobbyarbeit betreibt um eine Lehre, nein, eine Schule, nein, noch besser: eine Universität des Hinrichtens zu etablieren. Dabei findet er Mitstreiter in allen Ebenenen der Justiz: Staatsanwälten und Verteidigern, die in wilder Ehe leben, perverse Richtern, korrupte Politiker und einem Stamm von Azubis hat er sich auch schon besorgt, sechs Jungs mit unterschiedlichen Qualifikationen: Tierquäler, Söhne von Vollzugsbeamten oder geschickte Metzgerssöhne. Nun hat er aber sieben Ausbildungsstellen zum Henker bewilligt bekommen, weshalb die Ausschreibung in der Mappe der Berufsberatungsstelle gelandet war. Als sie von der Vermittlung eines <em>Mädchens</em> erfuhren, waren Professor Wolf und sein Assisten Schimmsa eher skeptisch aber bald überzeugte man sich, dass das ein kongenialer Schachzug sei, es sei nun mal das Zeitalter der Emanzipation der Frau zumal ein historische Präzedent, zudem die beeindruckende Leistung der potentiellen Henkerin in der Eignungsprüfung die Herzen der Pädagogen höher schlagen ließen - und das alles hatte natürlich <em>überhaupt nichts </em>mit dem zauberhaften Aussehen der neuen Studentin zu tun.</p><p>Das alles wurde geschrieben um das Jahr 1978 herum, 12 Jahre, ein Systemwechsel und eine Landestrennung vor der Abschaffung der Todesstrafe. Denn, ja, als das Buch geschrieben wurde, gab es sie in der CSSR (wie auch in der DDR) noch und wir können uns nur  wundern, wie kam dieses Buch durch die Zensur? Kam es natürlich nicht. Pavel Kohout, Jahrgang 1928, mitunterzeichner der Charta 77, war, als er den Roman schrieb bereits mit einem Bein im österreichische Exil. </p><p>Aber ok, warum liest man das heute, fast fünfzig Jahre später. Die einen werden einwenden “Warum liest man überhaupt alte Bücher?” und ich sage “Exakt!” und bin damit sicher nicht in der Minderheit. Anne Findeisen guckt mich dabei naserümpfend an und Irmgard Lumpini möchte auch, kann aber nicht, ich kenne ihre Leseliste - alles neues Zeugs. Ich bin nicht mehr in der Schule, wo die Zolas, die Gorkis und die Kants Pflicht waren und lasse es normalerweise mit Neuerscheinungen Galore krachen. Und trotzdem, am Ende hab ich die Henkerin zu Ende gelesen. Natürlich ein bisschen aus Pflichtgefühl dem tschechischen Freund gegenüber. Es liest sich schon ein bisschen zäh, das Tempo der 70er ist nicht kompatibel mit unserer aktuellen Aufmerksamkeitsspanne. Aber Kohout schafft es zu fesseln. Da ist zunächst das Sujet: Endlos Tote, Grime und Splatter, es passt in die Zeit, wie fast nichts und wenn ich in Hollywood wäre, hätte ich mir die Rechte schon lange unter den Nagel gerissen, das Script in die 2020er verpflanzt und mir von der Netflixkohle eine Insel vor Hawaii gekauft. Denn, so skurril das Buch beginnt, als nicht viel mehr als eine Sozialkomödie, fast Slapstick, so deep, wie man heute sagt, wird es nur wenig später. Wir merken, spoilerfrei, dass die Henkerin selbst physisch passiv bleibt, nachdem sie ihr Talent in der Eignungsprüfung beeindruckend unter Beweis gestellt hatte, indem sie einem Karpfen und einem Huhn ohne zu zögern den Kopf abhieb. Aber als Fremdkörper in einer Männerwelt voller Süchte, Sehnsucht, Selbstbetrug und Schweinereien treibt sie sirenenhaft einen Protagonisten nach dem anderen in den Wahnsinn. Diese Storyline nimmt Kohout zum Anlass aus der reinen Groteske, der tiefschwarzen Satire des real existieren Sozialismus, einen tiefen Blick in unser aller Möglichkeiten zu Selbstbetrug, -verliebtheit, -gerechtigkeit bis zum Selbstmord  zu werfen. Keiner der Protagonisten in ihrer Niedertracht oder auch nur abgrundtiefen Bescheuertheit ist sympathisch, aber wir alle finden etwas von ihnen in uns und das ist der wahre Schrecken eines sich schlussendlich zum amtlichen Horrorroman wandelnden Werkes: Es wird alles an Schweinereien geben, die der Mensch sich, seinen Mitmenschen oder auch “nur” -tieren antun kann und doch ist keine der Szenen sinnfreie Splatter, alles ist Philosophie, Psychologie, Geschichte. Das alles durchzogen von diesem speziellen tschechischen Humor, den, so scheint mir, wir Deutschen nicht wirklich verstehen. Aber als 1/8 Schlesier und Dresdner ist man ja fast ein Tscheche, ich habe also an allen unmöglichen und verbotenen Stellen laut lachen müssen, sorry dafür, ich lache bekanntermaßen über alles. Für ernstere Menschen konstatiere ich: man muss es ausprobiert haben, das Taschenbuch kostet drei EUR, eine Menge Leser werden es aus unterschiedlichsten Gründen nach 50 Seiten weglegen, aber ein paar Prozente kommen mit der Sprache zurecht, dem Humor und dem Sujet und für diese ist es ein ganz außergewöhnliches Buch, das sie ihr Lebtag nicht vergessen werden!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/pavel-kohout-die-henkerin</link><guid isPermaLink="false">substack:post:150748998</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 27 Oct 2024 09:09:12 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/150748998/25edee97b766af86390dd2da8464cb65.mp3" length="11337604" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>709</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/150748998/e797b4aeeab2cdd51054b76ee9ce173d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Claire Keegan - Kleine Dinge wie diese]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Mein Studio B Klassiker hat zwar noch keine ganz so dicke Staubschicht angesetzt, wie der, den Herr Falschgold letzte Woche zum Besten gegeben hat, aber obwohl die Rezension erst circa zwei Jahre alt ist, ist nun der perfekte Moment noch einmal daran zu erinnern. Kürzlich durfte ich nämlich sehr erfreut feststellen, dass das Buch Ende des Jahres als Kinofilm erscheint. Die perfekte Gelegenheit es erstmalig oder erneut zu lesen, bevor man sich die Kinoversion zu Gemüte führt.</p><p>Die irische Autorin Claire Keegan, die vor allem durch ihre Kurzgeschichten Bekanntheit erlangte und dafür vielfach ausgezeichnet wurde, veröffentlichte 2021 ihren ersten Roman <em>Small things like these. </em>Dieser erschien 2022 im Steidl Verlag unter dem Titel <em>Kleine Dinge wie diese </em>auch auf deutsch und erreichte im selben Jahr die Shortlist des Booker Prize. Im Mittelpunkt ihrer fiktiven Geschichte steht dabei nicht nur ihr Protagonist Bill Furlong, sondern auch die historische Realität der Magdalenenheime oder Magdalenen Wäschereien wie sie oft genannt wurden, da die Heime oder Klöster meist Wäschereien betrieben. Bis 1996, als schließlich das letzte dieser Heime in Irland geschlossen wurde, standen sie im Ruf von Besserungsanstalten, vor allem für Prostituierte oder auch ledige Mütter – oft Opfer von Vergewaltigungen. Wie später bekannt wurde, wurden die Frauen jedoch meist zu harter körperlicher Arbeit gezwungen, körperlich gezüchtigt und in den Heimen geborene Babys wurden oft zur Adoption an reiche Familien freigegeben, wenn sie nicht in den Heimen starben. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Fakt ist jedoch, dass diese Einrichtungen von der katholischen Kirche und dem irischen Staat gemeinsam betrieben und finanziert wurden und das lange darüber geschwiegen wurde, was in solchen Einrichtungen tatsächlich stattfand.</p><p>Keegans Protagonist Bill Furlong, dessen Mutter als Hausangestellte bei der protestantischen Witwe Mrs. Wilson arbeitet, als sie mit ihm schwanger wird, ergeht es jedoch anders und sie hat Glück. Während sich die Familie von Furlongs Mutter, nach Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft, von ihr abwendet, lässt Mrs. Wilson sie weiter bei sich arbeiten. Sie ist es auch, die sie ins Krankenhaus bringen lässt und sie und Furlong nach dessen Geburt am 01. April 1946 zu sich nach Hause holt. Sie nimmt ihn unter ihre Fittiche, stärkt sein Selbstbewusstsein und motiviert ihn, sich selbstständig Wissen anzueignen. Als er 12 Jahre als ist, stirbt seine Mutter, ohne dass er jemals erfährt, wer sein Vater ist und als er sich Jahre später verlobt, schenkt Mrs. Wilson ihm Geld, damit er sich eine Existenz aufbauen kann.</p><p>Der Hauptteil der Handlung spielt aber um 1985, als Bill Furlong schließlich erfolgreich als Kohlen- und Brennstoffhändler arbeitet und mit seiner Frau Eileen fünf Töchter hat. Es ist die Zeit kurz vor Weihnachten und Claire Keegan schafft es mühelos, den Leser in die Atmosphäre des Städtchens New Ross zu entführen, die durch die rauchenden Schornsteine, kahlen Bäume und kalten Winde und den Fluss Barrow, der „dunkel [ist] wie Stout“, besticht. Als Furlong kurz vor Weihnachten eine Fuhre Kohlen zum Kloster liefern muss, entdeckt er dabei zufällig eine junge Frau, die, vermutlich schon seit mehreren Tagen, in einen Schuppen gesperrt wurde. Er befreit sie und bringt sie an die Pforte, wo er und die völlig verängstigte junge Frau von der Oberin selbst eingelassen werden, die den Vorfall jedoch herunterspielt und das Geschehene banalisiert. Furlong ist so schockiert von dem Erlebten, dass sich in ihm nicht nur Entsetzen, sondern ein regelrechter Widerwille regen, den er nicht mehr abschütteln kann, nachdem er das Kloster verlassen hat und der den Fortgang der Geschichte bestimmen wird.</p><p>Etwas mehr als 100 Seiten genügen Claire Keegan, um dem Leser eine ganze Welt zu eröffnen, die, nicht zuletzt, auch von ihren Naturbeschreibungen getragen wird. Dabei dient die Natur nicht nur dazu, die herrschende Stimmung zu untermauern. bzw zu tragen, sondern kann geradezu als Metapher für Unheil und die unterschwellige Bedrohung gelesen werden. Ein Beispiel hierfür ist die beschriebene Vielzahl an Krähen, die nicht nur in „schwarzen Schwärmen“ die Stadt belagern, wie man es noch nie gesehen hat und Aas fressen, sondern auch ihren Schlafplatz in den Bäumen rund um das Kloster haben. Wodurch das Kloster noch bedrohlicher erscheint und das zu Recht, wie wir wissen. Auch den Bewohnern von New Ross sind bereits Gerüchte über das Kloster und die Nonnen zu Ohren gekommen. Sie werden jedoch ignoriert bzw. halten die Menschen es für besser, sich nicht um fremde Angelegenheiten zu kümmern. So hält es auch Furlongs Frau Eileen, die bemerkt, dass ihren Mann das Vorgehen im Kloster beschäftigt, ihm jedoch dazu rät, sich um seine eigene Familie zu kümmern.</p><p>Doch Keegan schafft mit Furlong einen Protagonisten, dem dies nicht möglich ist. Er steht als Prototyp für viele Iren, die zu lange die Vorgänge um sich herum ignoriert oder geduldet haben und verkörpert gleichzeitig das Ideal eines Menschen, der sich nun dagegen auflehnt. Er wird uns als dankbarer Mensch beschrieben, für den es selbstverständlich ist, Anderen zu helfen und denjenigen, denen es schlechter geht als ihm, seine letzten Münzen zu steckt. Dies hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, wie er selbst aufgewachsen ist, damit, dass vielleicht auch seine Mutter und somit er selbst nur knapp dem Schicksal in einer solchen Wäscherei entgangen sind und, dass Mrs. Wilson ihn geradezu wie ihr eigenes Kind behandelt hat, ohne etwas darauf zu geben, was Andere darüber denken. Er ist demütig für das, was er in seinem Leben erreicht hat, sorgt sich aber auch um seine fünf Töchter und ob sie in der Welt zurechtkommen werden. Seine Familie und die damit einhergehende Verantwortung bringt ihm auch das Unverständnis seiner Frau ein, denn sie und auch Bill wissen um die Macht der katholischen Kirche und wie fragil ihr bisheriges Leben ist, möchte er doch selbst seine Töchter auf dem katholischen Internat anmelden: „Furlong wusste, dass es das Einfachste von der ganzen Welt war, alles zu verlieren.“ (S.12) Und doch siegt in ihm das Verlangen, dem Leid, von dem er vorher nur gerüchteweise gehört hat und das er nun mit eigenen Augen gesehen hat, nicht länger tatenlos gegenüberzustehen. Zudem löst es ein Unbehagen gegenüber seinen Mitmenschen in ihm aus, die sich fromm geben, aber nicht entsprechend handeln:</p><p>„Während sie weitergingen und immer mehr Menschen begegneten, die Furlong kannte und doch nicht wirklich kannte, fragte er sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, am Leben zu sein, wenn man einander nicht half. War es möglich, all die Jahre, die Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang weiterzumachen, ohne wenigstens einmal den Mut aufzubringen, gegen die Gegebenheiten anzugehen, und sich dennoch Christ zu nennen und sich im Spiegel anzuschauen?“ (S.78)</p><p>Claire Keegan führt uns durch ihren Protagonisten auf beeindruckende Weise vor Augen, wie Gesellschaften funktionieren und wie es möglich sein konnte, dass es in der Geschichte Irlands zu einem solchen Skandal kommen konnte. Es ist die Mischung aus Verdrängung, Verschweigen, Abhängigkeit und Angst, für die Keegan keine 700 Worte braucht – denn es sind die kleinen Dinge – und doch so eindringlich, knapp und deutlich formuliert, dass man – oder zumindest ich – sofort die inneren Konflikte ihres Protagonisten nachfühlen konnte und deren Werk noch eine Weile in mir nachhallen wird, weswegen ich es nur jedem dringend ans Herz legen kann.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-claire-keegan</link><guid isPermaLink="false">substack:post:149561995</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Oct 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/149561995/d5341c60aad060897d77170014eaf0d2.mp3" length="9180518" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>459</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/149561995/9062369034cd27a8c7cc988e582ddc22.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Alexander Kluge – Chronik der Gefühle]]></title><description><![CDATA[<p>Viel klassischer geht’s nicht. Vor mehr als siebzehn f*****g Jahren schrieb ein sehr junger Herr Falschgold seine Begeisterung für einen gewissen Alexander Kluge auf, las die Zeilen ein und bat den damals noch viel jüngeren <a target="_blank" href="https://www.facebook.com/DresdnerNeujahrssingen/posts/tom-vogel-bassist-im-neujahrs-orchester-bei-kulturgesichter-dresden/4058555890856465/">Tom Vogel</a> aus Kluges Werk zu lesen. Umrahmt von Musik! So haben wir das damals gemacht, vor dem Krieg.</p><p>Und da die AI, bevor sie uns alle umbringt, aktuell noch so tut, als wäre sie hilfreich, hat sie die Episode vom 14. September 2007 ziemlich gut lesbar übersetzt, für alle, die gerade ohne Headphones im Zug sitzen. Irgendwo oben rechts sollte ein “Transcript”-Button sein.</p><p><em>Und ja, wir bringen diesen Monat Wiederholungen, das ganze Kollektiv ist abwechselnd mit Urlauben, Dienstreisen und sonstig Hinderlichem zugange, in vier Wochen geht’s weiter!</em></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-alexander-kluge</link><guid isPermaLink="false">substack:post:149532092</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 29 Sep 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/149532092/f02bba4d521a3390b642a9e618bdd7cb.mp3" length="11649248" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>582</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/149532092/162fb504101b4b6ad7fd2c2e3bfb4b1d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Biennale 2024]]></title><description><![CDATA[<p>Was Kunst ist, darüber wird gestritten, seit in einer Höhle  in der Nähe von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chauvet-H%C3%B6hle">Chauvet</a> im heutigen Frankreich, UggoUggo, der Höhlenzeichner, der die Pferde so toll malen konnte, dass sie im Schein des Lagerfeuers zu laufen begannen, dem GrakhGrakh erklärte, dass es nicht reiche, einfach seine Hände in roten Lehm zu patschen und hinterher an die Wand. Das mit ihm einfach nichts geschehe, meinte UggoUggo, beim Betrachten dieser sinnlosen Handabdrucke, Grakh solle das bitteschön zu Hause in seiner f*****g Höhle machen und nicht hier in der Gemeinschaftsgrotte, und die ZokhZokh vom Feuilleton sähe das nämlich genauso. Grakh scherte sich, leise vor sich hinbrummelnd, das Kunst immernoch das sei, was man zu Kunst erkläre, und dass die ZokhZokh in der Tasche von Big-Art stecke, wisse jeder.</p><p>Runde 30.000 Jahre später versammeln sich nun alle zwei Jahre Künstlerinnen, Kuratoren, Feuilletonistinnen und kunstsinnige Besucher ein paar hundert Kilometer westlich der durch einen machbaren <a target="_blank" href="https://www.imdb.com/title/tt1664894/">Dokumentarfilm</a> von Werner Herzog berühmt gewordenen urzeitlichen Höhlen, genauer: in Venedig, um immer noch die gleiche Frage zu diskutieren: “Was ist Kunst und warum?”</p><p>Und es ist ja auch schwer. Mathematik ist, wenn auf beiden Seiten des = ungefähr das selbe rauskommt, easy. Gib mir einen festen Punkt im Weltall, und ich hebe Dir die die Welt aus den Angeln, wusste schon Archimedes und seitdem haben wir stabil: die Physik. Pornographie ist auch nicht schwer: Es ist Pornographie, wenn Du weißt, dass es Pornographie ist.  Mit dieser unfehlbarer Ringlogik postulierte das 1964 in den USA der Richter Potter Stewart, ein Republikaner, no s**t. Die kennen sich ja bekanntlich aus und sind nebenbei unkorrumpierbar. </p><p>Aber Kunst? Kunst ist einfach nicht zu greifen!</p><p>Der kleinste gemeinsame Nenner ist wohl, dass es Kunst ist, wenn etwas mit Dir passiert. Was - ob gut, ob schlecht - ist schon wieder der Anfang eines viel zu lauten Gespräches zwischen einem Typen mit Brille und schwarzem Rollkragenpullover und einer Frau mit einem teuren Tuch um den Hals, und Du willst doch eigentlich nur ein Panini essen, zwischen dem Besuch des deutschen und des Schweizer Pavillon. Also geh ich raus aus dem “Ristorante In Paradiso” am Rande der “Giardini della Biennale” und setze mich unter einen Baum. Schon besser. Denn ich bin ein Konfliktvermeider, was eine so grundlegende Eigenschaft ist, dass sie auch meine Einstellung zur Kunst grundlegend bestimmt. Wenn etwas passiert, beim Erleben dieser, muss es angenehm sein. Sicher nicht zu 100%, so ein bisschen Schreck, ein bisschen Betroffensein, ein bisschen Schmerz gehören zur Experience, aber maximal soviel wie, sagen wir.. vielleicht: wie wenn man am Zahn puhlt und es ein bisschen nach Blut schmeckt. Absolute Obergrenze!</p><p>Damit gehe ich also eher d’accor, wie man heute um Chauvet herum sagt, mit der Kunstkritikerin ZokhZokh und dem Höhlenzeichner UggoUggo, s.o., als mit Grakh. Denn der Grakh patschte ja mit seiner Hand neben dem Pferd nicht <em>nur</em> vermeintliche Kunst an die Wand, sondern auch ein <em>Statement</em> - wissen viele nicht. GrakhGrakh war nämlich der Meinung, dass die Pferde an der Wand seine seien oder zumindest seiner Bande, nicht den Fuckern drüben in Montignac. Die Looser sollen sich zurück nach Afrika verpissen, wo sie herkommen, irgendwo muss man mal eine Grenze ziehen:  wir hier, die dort. Hough. </p><p>Runde 30.000 Jahre später, im Jahr 2024 in Venedig, zur 60. Biennale, widerspricht diese mit dem Motto “Foreigners everywhere” vehement. Dieses Motto geht zurück auf eine anarchistische Kommune aus Turin, die in den Mittzweitausendern diesen Spruch als Neonlichtinstallationen in der ganzen Stadt verteilte. Das ist natürlich a) clever b) richtig c) oh, sowas von richtig - aber es erhöht auch das Potential für Kunst, die schmerzt, die im Mund ein bisschen zu sehr nach Blut schmeckt. Problematisch ist das für Konfliktvermeider wie mich deshalb, weil ich doch so gerne zur Biennale fahre und mich einfach an Kunst satt sehen möchte. </p><p>Nun, es ist Tatsache, dass Kunst immer ein bisschen auf die Zähne geht, nicht nur wegen des Puhlens, des kleinen Schmerzes, nein, selbst wenn man sich nur den schönen, interessanten, lustigen, crazy s**t anschaut - nach 2h Stunden in der Galerie ist man satt, ein bisschen überfressen vielleicht, und alles klebt im Kopf, alles wird ein bisschen eng und man muss erst mal raus aus dem Kunstraum und rein in die Natur oder die Kneipe oder was sonst so die Aufnahmefähigkeit wieder auf normal bringt. </p><p>Das kongeniale an der Biennale ist nun, dass sie nicht nur eine riesige Ausstellung ist, sondern dass sie in ganz Venedig stattfindet und dort nicht nur in einem <a target="_blank" href="https://www.labiennale.org/en/venues/giardini-della-biennale">Park</a> in dort fest stehenden Länderpavillons plus einem riesigen Lagerareal namens “<a target="_blank" href="https://www.labiennale.org/en/venues/arsenale">Arsenale</a>”. Nein, ganz Venedig zeigt von April bis November die Biennale! Über dreißig locations in der ganzen Stadt -  Kirchen, Häuser und Paläste - werden angemietet von Ländern, Künstlern, Kollektiven um ihre Kunst zu zeigen. Das Publikum flaniert dann von Ort zu Ort und malt mit seinem zur Schau stellen der eigenen Kunstaffinität ein Bild der Bohème, der Artsiness, als Kontrast zum üblichen Venedig-Touristen in kurzen, karierten Hosen, Sandalen und grauen Strümpfchen. Das macht Atmo, das schafft Weit- und Weltläufigkeit, man hat was zu gucken, zu lachen, zu diskutieren, es ist ein Schlaraffenland des Inputs, des sich Freuens an der Welt, an jeder Ecke gibt es Espresso und Panini und ein Aufenthalt von drei Tagen Länge alle zwei Jahre, so lange braucht man ungefähr um alles zu sehen, kann man sich mit ein bisschen Sparerei irgendwie leisten. Klar, man ist immernoch ein f*****g Tourist in Venedig, was die Einheimischen angeblich nicht so ganz toll finden, aber 2 Euro für eine kleine Flasche Acqua frizzante nehmen sie dann doch gerne, wie in allen Zentren des Tourismus auf der Welt. Man ist halt ein Fremder, überall.</p><p>So, wie gesagt das Motto der Biennale 2024. Ein gutes Motto, ein cleveres. Nun, die meisten Künstler sind offene, weltgewandte Typen und Tussen und gehen natürlich mit bei so einer Message. Aber gelesen wird sie denn doch unterschiedlich, je nach dem ob man aus einem Land kommt, in dem die Fremden als Schmarotzer angesehen werden, die einem seit Jahrunderten die Arbeit, die Frau, das Geld wegnehmen oder ob man wie wir aus dem globalen Norden kommt. Wenn man ein bisschen geschichtsbewusst und empathisch ist, hat man ein leises Gefühl dafür, wie es in den Künstlern des Südens brodeln muss, im Angesicht von jahrhundertelanger Ausbeutung, Mord, Vergewaltigung und Versklavung, und wenn man dann so ein eigensinniger Kunstfuzzi ist, der alle zwei Jahre in Venedig Panini essen will zwischen zwei Länderpavillions, hat man ob des Mottos Angst, ob denn da überhaupt noch Kunst rauskommt.</p><p>Man hat Sorge vor der Wut der ehemals oder immer noch Kolonialisierten und ihrer Art und Weise, wie sie uns diese in die Galerien scheißen werden. Aber es dräut einem auch vor den Künstlern der ehemaligen und immer noch tätigen Imperialisten, dass man hier nur obligatorische Statements sehen werde, plumpe Entschuldigungsriten und Betroffenheitsgesten. Nun, ich kann beruhigen, die Biennale 2024 hatte auf Seiten der Auswahlkomitees und damit natürlich auch der Künstler, die von diesen ausgewählt wurden, Qualität, es ist fast alles äußerst sehenswert. Die Beispiele, die aus dem “fast” fallen, kommen ausschließlich aus Ländern, die es sich supereinfach gemacht und ihren Pavillion an Künstlerinnen vermietet haben, die sie als “minderrepräsentiert” einschätzen und sich damit klapp-klatsch die Hände vom kolonialen Dreck reinigen.  </p><p>Die Deutschen haben diese Probleme bekanntermaßen in ganz anderen Dimensionen und unabhängig vom Motto der jeweiligen Biennale. Sie sind Profis im Entschuldigungsvermeiden und zeigen, wie es geht: Sie ließen sich diese Jahr von einer <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yael_Bartana">israelischen Künstlerin</a>, die wiederum durchaus in der Kritik steht, ab und an mal die Leni Reifenstahl zu channeln, ein riesiges Raumschiff bauen, wie aus der Verfilmung eine Neal Stephenson Romans. Das kann man gut ansehen (ok, ich bin natürlich festgegangen) und man kann es als Exodusallegorie in alle Richtungen deuten. So geht das. Und den letzten Kritiker huschelt man ein, mit einer clever integrierten Installation mit einem türkischstämmigen Gastarbeiter als zentraler Figur. Schachmatt.</p><p>Die Franzosen ziehen sich wiederum komplett ins unpolitische zurück, werfen den Computer an, sorry, den Ordinateur, und begehen französischen Techno. Getoppt wird das nur von Ungarn, die einfach einen sehr sauberen Technofloor in ihr Haus bauen und leise ein bisschen umphumph spielen. Sauber.</p><p>Japan flüchtet sich in Physikexperimente aus der Grundschule, Strom aus Zitronen, kleine Rube-Goldberg-Maschinen mit Wasserdruck, die kleine Glöckchen bimmeln lassen. Süß.</p><p>Nur die Briten wissen genau was sie getan haben und weil <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/@justadamcurtis9178">Adam Curtis</a> weiß ist und zu israelkritisch, finden sie  John Akomfrah, der diese Probleme alle nicht hat und der dir das Hirn wegbläst mit einer technisch, konzeptionell und ästhetisch so riesigen Videoinstallation, wohl nur Teil eins von vier, dass man den ganzen Tag im britischen Pavillon verbringen möchte. Adam Curtis ohne Stimme aus dem Background und in ungesehenen Dimensionen. <a target="_blank" href="https://www.labiennale.org/en/art/2024/great-britain">Episch</a>. </p><p>Schnitt zu den Kolonien (ehem., angeblich):</p><p>Wenn wir aus dem Norden unser Land verlassen, kommen wir in der unter uns liegenden Welt im Allgemeinen als Touristen an, manchmal als Auswanderer. Ausreisende aus dem globalen Süden hingegen sind immer die der Biennale den Titel gebenden Aus<em>länder</em>, Foreigners. Ihr Blick auf die Welt wird auf der Biennale kolonialhistorisch bedingt nicht in Länderpavillons dargestellt, denn die heutigen Länder dieses Teils der Welt gab es damals oft noch nicht und ohnehin erhielten nur wenige Länder ein eigenes Haus in den Giardini. Die Werke der Künstler aus dem “Rest der Welt” versammeln sich im Arsenal, der ehemaligen Waffenkammer Venedigs. Kunst als Waffe also. Dort, in zwei, drei riesigen Hallen, verliert sich die Trennung zwischen den einzelnen Nationen, man geht nicht mehr aus einem Haus, in einen Park, in ein Haus, sondern durch eine Tür, einen Vorhang und manchmal einfach nur über eine gemalte Linie von einem Land in das nächste. Dieser Nachteil in der ästhetischen Trennung hat einen Vorteil: man sieht augenblicklich, was die Welt zusammenhält - gemeinsame Erfahrungen, Probleme, Träume - dargestellt in unterschiedlichen Techniken, Ästhetiken, aber auch Intensitäten. Wenn man, wie ich, ein konsequenter Nicht-Leser dieser seltsamen Tafeln am Eingang von Ausstellungen ist, die einem erklären, was man zu sehen hat (und die auf dieser Biennale gefühlt zu 80% von ChatGPT stammen), kann man sich ganz wunderbar ein Bild von den eigenen Vorurteilen machen. Ein Raum, der auf der einen Seite eine große Videoinstallation aus Mexiko zeigt, wurde von mir knallhart nach Bosnien verortet, die andere Seite des Raumes wurde von den Vereinigten Emiraten bespielt. Hier war ich mir todsicher, dass es irgendein progressives Afrikanisches Land, ist, welches eine Installation aus Gepäck, zurückgelassen und mitgenommen, mit gemalten Karten von Dörfer kombiniert. Flüchtlinge halt. Bummer, eine Diktatur präsentiert sich so. Was ist los? Das ist für mich spannend, zumal ich, als beschränkt interessierter weißer Dude oft nur schwer Zugang zu außerwestlicher Ästhetik finde und popkulturell auf diesem Gebiet eh nur crazy s**t aus Japan oder manchmal China in die Timeline gespült bekomme statt, sagen wir, Jazz aus Nigeria. Aber da hilft der Komplettismus, den einen bei einer Veranstaltung wie der Biennale zwangsläufig packt (”Wir haben Hongkong noch nicht gesehen!” - was zu einem 20 Minütigen Joggingkurs kurz vor der Schließzeit führt). Durch lauter Repetition, ein Raum, noch ein Raum, noch ein Raum in afrikanischer Kunst sieht man plötzlich Pattern und findet diese gut und interessant.</p><p>Was mir als kunstbeseelter sweet tooth natürlich auch sehr half bei dieser Biennale, Thema: Blut im Mund, siehe oben, war, dass die einzelnen Länder insgesamt doch sehr, sehr nett zu ihren ehemaligen Vergewaltigern sind und sich in ihrer Kunst oft mehr auf ihre Innenansicht beziehen oder gar, what? no?!, einfach gute Kunst machen mit nur minimalem politischen Kontext.</p><p>Das macht also auch die diesjährige Biennale für mich zu <em>dem</em> kulturellen Highlight des Jahres. Ja, die Airbnb Preise sind tödlich, dafür fliegt f*****g Ryanair. Wenn man, so habe ich das kompetent ausgerechnet, 25 eur/Monat zurücklegt, kann man sich diese Kunstvöllerei aller zwei Jahre locker leisten, so man drei Tage von Pannini und Espresso leben kann. Und dass das geht, vereint dankbar die ganze Welt. Auf nach Venedig!</p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/biennale</link><guid isPermaLink="false">substack:post:147096201</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 Sep 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/147096201/1307c15f4583ddf9b97ce215be03ef66.mp3" length="8285394" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>690</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/147096201/a1dce73e2e4a941c9054130ce96e261f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Bullwinkel, Gunty, Brodesser-Akner, Auslander, Stephenson]]></title><description><![CDATA[<p>Wer bei fünf Büchern aus drei Rezensionen nichts Gutes findet, dem ist kaum zu helfen. Zumal die beiden Werke, die Irmgard Lumpini und Anne Findeisen in den letzten drei Wochen rezensierten, ganz glasklare Lobpreisungen waren und Herr Falschgold verriet, dass von den drei völlig skrupellos nicht zu Ende gelesenen Werken aus seinem Beitrag von vor drei Wochen eines am Ende doch so faszinierend war, dass es - sobald es auf deutsch erscheint - eine ausfühliche Besprechung geben wird.</p><p></p><p>Hier die Liste der diskutierten Bücher:</p><p>* Rita Bullwinkel: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3MecEJo">Headshot/Schlaglicht</a> (<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/rita-bullwinkel-headshot-a-novel">Rezension: Irmgard Lumpini</a>) </p><p>* Tess Gunty: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3YRYwgr">Rabbit Hutch/Der Kaninchenstall</a> (<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/tess-gunty-der-kaninchenstall">Rezension: Anne Findeisen</a>)</p><p>* Taffy Brodesser-Akner: <a target="_blank" href="https://amzn.to/4fXUf0X">Long Island Compromise</a></p><p>* Shalom Auslander: <a target="_blank" href="https://amzn.to/4cEEx80">Feh</a></p><p>* Neal Stephenson: <a target="_blank" href="https://amzn.to/4dyR5iJ">Fall; or, Dodge in Hell</a> (<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/abbruch">alles kind of rezensiert von Herrn Falschgold</a>)</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-bullwinkel-gunty-brodesser</link><guid isPermaLink="false">substack:post:148043262</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 25 Aug 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/148043262/245ca6e182dee456b46d0fb7319eee12.mp3" length="29225422" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1827</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/148043262/7f69032a052a611dd21c36ae5585ae07.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Rita Bullwinkel: Headshot: A Novel]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>manche Kreise sind groß und schließen sich nach 15 Jahren, wenn auch auf einer höheren Ebene (denn wir wollen nicht denken, dass es mit uns bergab geht, sondern dass wir gelebt und gelernt haben und besser sind): damals stellte ich bei Studio B eine wunderbare Sammlung von großartigen Reportagen von A.J. Liebling über das Boxen vor, die zwischen 1951 und 1955 entstanden und damals im renommierten New Yorker erschienen, bevor sie 2009 im Berenberg Verlag als Sammlung "Die artige Kunst" ins Deutsche übertragen wurden.</p><p>Sommerzeit ist Lesezeit, da sind hier gleich mal 2 Empfehlungen, von ganzem Herzen, ohne jede Einschränkung, auch wenn das Sujet den Leserinnen und Lesern bis heute vielleicht nicht das Interessanteste oder Wichtigste schien. Ernsthaft.</p><p>Während A. J. Liebling Boxkämpfe sah, während sie geschahen und das Fernsehen für den Niedergang dieser neben dem Ringen ältesten Form des Zweikampfes verantwortlich machte, schreibt Rita Bullwinkel in ihrer Debütnovelle "Headshot" - im Deutschen "Schlaglicht" - auf schmalen 250 Seiten über ein fiktives Sportereignis, das im Amateurboxen der Frauen angesiedelt ist.</p><p>Gekämpft wird im "Daughters of America Cup", in dem Amateurboxerinnen bis 18 Jahre antreten dürfen, Handlungsort ist Bob’s Boxing Palace in Reno, Nevada. "Headshot" behandelt die im "Töchter Amerikas Cup" ab dem Viertelfinale ausgetragenen Kämpfe.</p><p>Viertelfinale bedeutet (wir kennen die Zählweise aus anderen Sportarten), dass noch 8 Sportlerinnen im Rennen um die Trophäe sind, und jeweils die Siegerin der Partie gegen eine andere Siegerin gelost wird.</p><p>Die Kämpfe bilden die Gliederung für das Buch, die jeweils mit den Namen der angetretenen Kontrahentinnen betitelt sind.</p><p>Am ersten Tag finden die Viertelfinale statt, es folgen 2 Kapitel, die mit "Nacht" und "Tiefe Nacht" überschrieben sind, bevor am nächsten Tag die beiden Halbfinalkämpfe und das Finale ausgetragen werden.</p><p>Was die Autorin hier in schlichter Prosa zusammenfügt, ist großartig: sie zeigt - und die Auflistung bedeutet keine Wertung - </p><p>die Körperlichkeit des Boxens und was es für die jungen Boxerinnen bedeutet; </p><p>warum sie Boxen;</p><p>wodurch ihre Wahl für diesen Kampfsport bestimmt wurde;</p><p>wofür sie boxen.</p><p>Rita Bullwinkel zeigt die wenig glamourösen Umstände des Turniers im Nirgendwo, dessen Ort gewählt wurde, weil er angeblich "in der Mitte des Landes" läge.</p><p>Dem Ort - Bob’s Boxing Palace - wohnt eine tiefe Traurigkeit inne, und "Headshot" zeigt, dass das Amateurboxen für Frauen keine Sportart ist, die in reichen Familien eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung für junge weibliche Teenager ist.</p><p>Neben den detaillierten Beschreibungen der Kämpfe finden sich Rückblicke, aber auch Sprünge in die Zukunft. Wir erfahren viel über die Umstände der Protagonistinnen, die sich teilweise vorher kennen, teilweise nicht. Wir lesen, wie ihre Geschichten individuell sind, wie ihre Familien unterschiedliche Haltungen zum Boxen einnehmen, und die einzelnen Teenager unterstützen oder eben auch nicht.</p><p>Was das Boxen für die Einzelne bedeutet, ist dabei teilweise allgemeingültig: es gibt den jungen Teenagern eine Kontrolle über ihren Körper, teilweise aber eben auch sehr individuell, wenn Eine die Familientradition fortführen muss oder eine andere über ein ertrunkenes Kind sinniert, dass unter ihrer Aufsicht im örtlichen Schwimmbad ertrunken ist.</p><p>Dabei entfaltet "Headshot" von Anfang an eine Faszination, die auch durch Rita Bullwinkels Witze, seien sie inhaltlicher oder sprachlicher Natur bestimmt wird.</p><p>Was die Heldinnen von Headshot, Andi Taylor, Artemis Victor, Kate Heffer, Rachel Doricko, Iggy Lang, Izzy Lang, Rose Mueller und Tania Maw erkämpfen, sind nicht nur Sieg oder Niederlage, sondern ihr Platz in der Gesellschaft, der - durch die Rück- und Ausblicke gezeigt - weit über den jeweiligen Boxkampf hinausgeht. </p><p>Was "Headshot" überhaupt nicht verhandelt, ist, ob es überhaupt ok ist, dass junge Frauen boxen. Warum auch. </p><p>"Headshot" von Rita Bullwinkel wurde für den Booker Prize 2024 nominiert, dies nur als Information für diejenigen, die ihre Lektüre durch so etwas beeinflussen lassen (was ich nicht verurteilen würde, irgendwie muss man ja auswählen), aber wenn ihr euch durch die Rezensionen bei Studio B beeinflussen lasst: Lest dieses Buch!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/rita-bullwinkel-headshot-a-novel</link><guid isPermaLink="false">substack:post:147894891</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Mon, 19 Aug 2024 19:03:05 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/147894891/9f0e8932f06449ba5c4dbaaad5fe240c.mp3" length="5865057" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>293</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/147894891/6d7b3ff3f0016e23214cffddd659195b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Tess Gunty: Der Kaninchenstall]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Bereits vor über einem Jahr kam die Leseempfehlung unseres guten Freundes und ehemaligen Studio B Mitglieds Heiko Schramm in mein E-Mailpostfach, der anhand eines Artikels über eben jenes Buch der Meinung war, dass es auf meine Leseliste gehören könnte. Gedanklich immer in meinem Hinterkopf und auf meiner imaginären Liste war es nun kürzlich endlich soweit. Manche Bücher brauchen einfach ihre Zeit und die Leserin spürt, wenn der richtige Moment gekommen ist. Bereits letzten Sommer veröffentlichte der Verlag Kiepenheuer und Witsch Tess Guntys <em>The rabbit hutch </em>auf Deutsch unter dem Titel <em>Der Kaninchenstall –</em> wir sind entzückt.</p><p>Zunächst war ich mir jedoch nicht sicher, ob ich das Buch wirklich besprechen möchte. Mein Kopf war nach der Lektüre derart voll und durcheinander, dass ich mir nicht sicher war, ob ich das Gelesene so für mich ordnen könnte, dass eine sinnvolle Rezension dabei herauskommen würde. Nun versuche ich es also.</p><p>Tess Guntys Debütroman, an dem sie nach eigenen Aussagen circa fünf Jahre arbeitete, spielt in der fiktiven und ehemaligen Industriestadt Vacca Vale, die sich im Bundesstaat Indiana, also dem sogenannten Rust Belt befindet, in dem die Autorin selbst auch aufgewachsen ist. Die Handlung beschränkt sich auf drei Tage, an deren Ende die Handlungsstränge schließlich in einem Ereignis zusammenlaufen, jedoch erfährt die Leserin über Rückblenden auch immer wieder Einzelheiten über die Geschichten verschiedener Figuren. Im Zentrum steht dabei eine junge Frau namens Blandine, die eine Obsession für Mystikerinnen, speziell Hildegard von Bingen, hat. Sie lebt, wie viele andere, aber nicht alle handelnden Personen im Roman, im Appartementhaus La Lapinière Affordable Housing Complex, einst gegründet um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der von seinen Bewohnern nunmehr nur „der Kaninchenstall“ genannt wird.</p><p>Diesen nennen auch Blandines Mitbewohner ihr zu Hause. Drei junge Männer, die, so wie sie selbst auch, vorher in der Fürsorge waren, nun aber alt genug sind, um allein zu leben. Außerdem gibt es unter anderem noch Joan Kowalski, die in ihrem Berufsalltag Kommentare auf Nachrufe auf Unangemessenheit überprüft, oder beispielsweise ein älteres Ehepaar mit einer Aversion gegen Nagetiere. Die Menge an Informationen, die während des Romans über die einzelnen Figuren preisgegeben wird, ist dabei sehr unterschiedlich. Außerhalb des Kaninchenstalls besteht Tess Guntys Personal unter anderem aus dem alternden Kinderstar einer fünfzigerjahre Serie: Elsie Blitz sowie deren entfremdeten Sohn Moses Robert Blitz. Dies sind aber noch längst nicht alle Charaktere des Romans. Doch egal wie viel oder wenig die Leserin über jeden Einzelnen erfährt, sie alle sind wichtig und nur zusammen ergeben sie ein Bild.</p><p>Es ist das Bild einer Gesellschaft und Gegend, die nach Jahren der wirtschaftlichen Blüte und des Reichtums – die längst der Vergangenheit angehören – dem Verfall preisgegeben sind und die Tess Guntys Meinung nach noch immer zu wenig Beachtung erfahren, wodurch die Menschen zum Zielobjekt für Politiker werden, die deren Notsituation ausnutzen und mit falschen Versprechungen locken. Es ist aber auch ein regelrechtes Wimmelbild der menschlichen Emotionen, Enttäuschungen, geplatzten Träume und Hoffnungen, in deren Mittelpunkt die junge Heldin Blandine, die einst Tiffany hieß, steht. Tess Gunty schreibt: „Jede Kreatur tut, was sie kann, mit den Ressourcen, die sie hat.“ Und genau so tun es auch ihre Protagonistinnen und Protagonisten, jede und jeder kämpft um seine Existenz, wenn nicht gar um seine Daseinsberechtigung. Als Lesende erlebt man ein Kaleidoskop der Innenansichten und auch äußerlichen Beschreibungen, dass einem schon mal schwindelig werden kann.</p><p>Konsequent setzt Tess Gunty dies auch in der Form ihres Romans um. Es ist eine Kombination aus kürzeren und längeren Kapiteln in denen verschiedene Perspektiven ausgebreitet oder nur angerissen werden, es gibt Nachrufe die chatverlaufartig gestaltet sind, Illustrationen in Form von comicartigen Zeichnungen, die ihr Bruder für den Roman angefertigt hat und auch Zitate spielen immer wieder eine Rolle. Zu dieser äußerlich überladenen Form passt auch das thematisch unglaublich weite Spektrum des Romans. Da geht es zum Beispiel neben Missbrauch: „»Ich habe die Nase so voll«, sagt Blandine, »von Gewalt gegen Frauen, die als Anerkennung getarnt ist.« auch um Mystik, persönliche Entfaltung, Einsamkeit, Gemeinschaft, Gentrifizierung, demographischen Wandel, Kapitalismus usw.</p><p>Wenn nun der Eindruck entstanden sein sollte, dass das Lesen von <em>Der Kaninchenstall </em>an der ein oder anderen Stelle etwas too much sein könnte, dann stimmt das und gleichzeitig auch nicht. Es fühlt sich an wie eine Metapher auf unsere Zeit, in der wir permanent mit Informationen überhäuft werden, die auf die verschiedensten Arten zu uns gelangen und uns oft zu überfordern drohen. Es ist aber genauso eine Freude, dieses Buch zu lesen, auch wenn es einen nicht immer glücklich zurücklässt. Denn Tess Gunty schafft es immer wieder, die Lesende so in das Innere ihrer Figuren blicken zu lassen, dass ein Mitfühlen und zumindest teilweise verstehen, quasi unvermeidlich sind. Und sie hat ein enormes Talent, welches sich darin ausdrückt, dass sie Wahrnehmungen und Eindrücke auffangen und sprachlich ausdrücken kann, dass es den Nagel auf den Kopf trifft: „Blandine hasst diese billige Karikatur von Empathie, die sich so oft als Mitleid manifestiert. Sie kennt sie nur von Leuten, die übermäßig geliebt und nie wirklich kritisiert werden.“</p><p>Und letztlich, so sagt es die Autorin selbst, geht es in ihrem Werk um die Frage: Was sind wir uns gegenseitig schuldig? Eine nachdenkenswerte Frage, die sich am Ende jede und jeder selbst beantworten muss. Der Kaninchenstall steht dabei als Sinnbild der mangelnden Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen die in ihm leben und die sich eher noch zerfleischen, wenn sie sich zu nahe kommen, denn sich wohlgesonnen zu sein. Aber ein positiver Wandel ist möglich, damit lässt uns dieses Buch zurück, so wie ich nun alle Hörer- und Leserinnen mit der Empfehlung zurücklasse, Tess Guntys <em>Der Kaninchenstall </em>zu lesen. Es lohnt sich, denn es ist nicht nur Lesen, sondern ein Miterleben und Durchleben gleichermaßen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tess-gunty-der-kaninchenstall</link><guid isPermaLink="false">substack:post:147659212</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Tue, 13 Aug 2024 12:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/147659212/ec2b26b2c7a735c8a704d15ec72ba4ef.mp3" length="8162800" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>408</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/147659212/c4f0ad7125432d9a03253e3589fc72f1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Abbruch]]></title><description><![CDATA[<p>Würde f*****g Google noch ansatzweise das tun, wofür es mal gebaut wurde, könnte ich hier in exaktem Wortlaut wie Quelle erzählen, das Sybille Berg mal irgendwo, irgendwann, irgendwie, gesagt hat, dass das Leben zu kurz sei, als dass man jedes angefangene Buch zu Ende lesen müsse. Und selbst wenn sie das nie gesagt hat und wehement opponierte: das Gebot ist richtig, ich lebe es! Und es ist doch auch so: das Weglegen eine Buches, oder, wie es sich heute äußert: das ein Buch in der Bibliotheksansicht auf dem E-Reader von immer mehr Werken überholt wird, bis es traurig und vergessen automatisiert gelöscht wird, muss überhaupt nichts mit der Qualität, der Interessantheit, der Brillanz eines Buches zu tun haben. “Es liegt nicht an Dir, es liegt an mir” sagt man leise in einer verrauchten Bar zu einer Lektüre, die man so hoffnungsvoll begann, die erste Seite, das erste Kapital so aufregend, so neu, man wollte das Ding heiraten. Aber irgendwas kam dazwischen, der Job, der Suff, man lernte eine Neue kennen und jetzt ist der Zauber vorbei und es bleibt nur der Abschied mit der Hoffnung, sich irgendwann mal wieder zu sehen. Literatur kennt keine Moral.</p><p>Aber ein anderer wird vielleicht glücklich mit ihr und so nehme ich das zum Anlass, eine Sammelrezension - genau in der Mitte zwischen Lobpreisung und Verriss - zu verlautbaren, mit drei Werken, die mit unterschiedlichen Prozentzahlen in der Coverecke auf dem Kindle nach unten rutschen, obwohl sie das vielleicht nicht verdient haben.</p><p>Beginnen wir mit einem Buch, auf welches ich mich wirklich, wirklich gefreut hatte: In 2019 hatte die Journalistin Taffy Brodesser-Akner ihren ersten Roman mit dem schon mal grandiosen Titel “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/taffy-brodesser-akner-fleishman-is?utm_source=publication-search">Fleishman Is in Trouble</a>” veröffentlicht (auf Deutsch: “Fleishman steckt in Schwierigkeiten”). Die rasante Story um eine New Yorker Middleclass Familie (also aus unserer Sicht “f*****g rich”) in der unten, oben, männlich, weiblich, richtig und falsch wild durcheinander gewirbelt werden, voller Überraschung und mit genau der richtigen Mischung aus jiddisch/jüdisch/amerikanischer Stereotypen und deren Brechen war der reine fun. Brodesser-Akners zweiter Roman ist gerade erschienen und verlegt die Story von Manhattan und Staten- nach Long Island, wo es titelgebend einen Kompromiss geben soll, einen “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4fXUf0X">Long Island Compromise</a>” also. Nicht ganz so toll als Titel, aber geheimnisvoll und ich verrate nicht zu viel, dass er was ganz anderes ist, als man denkt. Das Buch steht bei mir bei 42% und ich habe mich bisher eigentlich ganz gut amüsiert. Eine Entführungsgeschichte als Genesis, das Milieu diesmal deutlich mehr jüdische upper class, mit all dem Ballast, den der Holocaust auch in der vierten oder fünften Generation noch aufbürdet, wird er durch besagt Entführung eines Familienmitglieds nicht leichter. Brodesser-Akner nutzt das, um das Neuroselevel der zahlreichen handelnden Personen permanent zwischen 6 und 7 auf der nach oben offenen Woody-Allen-Skala zu halten, was zunächst ganz nett zu lesen ist. Der jüngste Sohn des Entführten, zum Zeitpunkt ein Baby, ist mit 40 ein reiches Wrack in L.A. und Brodesser-Akner hat ihren “<a target="_blank" href="https://amzn.to/46tt7CA">Patrick Melrose</a>” gelesen und fügt den in diesem epischen und von mir <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/striped">hochgelobten Epos</a> gefundenen illegalen Substanzen ein paar mehr hinzu, mit denen sich der erfolglose Screenwriter das Hirn ruhig zu stellen sucht. Da kann <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-mein-jahr-der-ruhe?utm_source=publication-search">Ottessa Moshfegh</a> noch was lernen! Das Ganze geht ein glattes Drittel des Buches und ermüdet dann doch sehr und so wollen wir es schon weglegen, da kommt sein ältere Bruder in den Fokus, der das Kindheitstrauma mit anderen Formen der Neurose bewältigt und mich packte eine unendliche Müdigkeit ob der “Reiche haben auch Probleme” Vibes. Alles ist ein bisschen sehr Klischee (was ich doch eigentlich mag) und obwohl sich Veränderungen in der finanziellen Grundversorgung der Industriellenfamilie andeuten, bin ich zu erschöpft um dem noch folgen zu wollen. Der Lektor hätte ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten sollen um Brodesser-Akners Zweitwerk auf den Speed und die Wendigkeit des Debüts zu kürzen, dann wäre es was mit uns geworden. Schade. Aber es ist noch kein endgültiger Abschied und damit kein Verriss.</p><p>Sehr nah und doch so weit von Long Island entfernt ist ein Autor aufgewachsen, dessen Name wie ein Pseudonym klingt, es aber nicht ist, <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shalom_Auslander">versichert uns Wikipedia</a>: Shalom Auslander? No way, geh mir weg, so heißt doch keiner! Heißt er doch. Gestolpert bin ich über den Mann auf meinen Streifzügen durch die Welt der obskuren Newsletter und wenn ein solcher “Fetal Position” heißt, weckte das soviel Interesse und Bilder im Kopf, dass der <a target="_blank" href="https://shalomauslander.substack.com/p/welcome-to-the-fetal-position">subscribe</a> Button fast unbewusst geklickt wurde. Und der Newsletter liefert. Neurosestufe noch mal über den fiktiven Helden von “Long Island Compromise”, muss hier jemand mit dieser Last tatsächlich leben und erzählt uns von seinen permanenten Ängsten ob der Welt, vor seinen Mitmenschen und überhaupt allem, mit dem einzigen was dagegen hilft: Humor. Hier: jüdischer. Auslander hat schon einige Bücher geschrieben, das ominös “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4cEEx80">Feh</a>” genannte ist sein neuestes, soeben auf englisch erschienen. “Feh” ist jiddisch und, so philosophiert Auslander, kommt in der Torah so ziemlich auf der ersten Seite vor und beschreibt den ersten Eindruck, den Gott beim Anblick von Adam gehabt hat: “Feh”. Enttäuschung. Not good enough. Warum hätte er sonst eine Frau als Adam 2.0 geschaffen? Es ist dieselbe Enttäuschung, die Shalom Auslander bei allen Menschen spürt, die ihm begegnen, seitdem er in einer orthodoxen Schuul von der Story erfuhr. Während sich der Umgang mit diesem Gefühl in einem wöchentlichen Newsletter zum alltäglichen Wahnsinn auf dieser Welt sauber wegliest, ist das in dreißig Kapiteln, soviel verlangt uns der Autor ab, nur schwer zu ertragen. Ich versuche es immer wieder und obwohl ich über jeden Scheiß lachen kann, was zu genug Unruhe bei der Studio B Besatzung führt, bleibt dieses hier leider nach und nach aus. Aber vielleicht hilft es ja Leserinnen und Lesern, die ähnlich wie Auslander durch die Welt mäandern, mit dieser etwas milder ins Gericht zu gehen und denen soll dieses Buch gegönnt sein. Mir isses das nicht.</p><p>Aus ganz anderen Gründen dropt in der Liste der <em>vielleicht</em> verschmähten Bücher ein, nein!, doch!, oh!, ja!, Neal Stephenson immer weiter nach unten. Diese Länge! Der Neal pullt hier einen Scorsese und lässt sich von niemandem vorschreiben, dass man eine Story, die man in drei Bände packen sollte, nicht auch in einen packen kann. Wenn ich mir vorstelle, wie wir vor Erfindung des E-Books mit so einem 800-Seiten-Kilo-Ding jeden morgen in der Straßenbahn gesessen hätten, über Wochen - das hätte doch keiner gemacht! Aber ein E-Book kostet keinem Baum das Leben und keinem Leser den Ischias, sagt sich Neal Stephenson, da brechen wir jetzt mal Rekorde. “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4dyR5iJ">Fall</a>” ist die Fortsetzung von “REAMDE”, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/action">hier</a> rezensiert in 2011, aber wirklich, heiliges Ehrenwort von jemandem mit Alles-In-Reihenfolge-Lesen-Müssen-OCD, komplett ohne dieses lesbar. Ich muss das wissen, weil ich schon lange alles vergessen habe. Stephenson nimmt den Protagonisten aus dem ersten Buch und lässt ihn sterben. Das passiert im ersten Kapitel und damit ist das kein Spoiler. So sind die Regeln. Ich hab sie mir nicht ausgedacht. Was darauf folgt ist ein wirklich grandioser Speedrun durch die nähere Zukunft inklusive völlig aus dem Ruder laufender politischer Verhältnisse in den USA, virtueller Welten, Hirn-Maschine-Schnittstellen, Singularität, Religion, echt und ausgedacht, philosophischen Exkursen aus dem Halbfeld, es ist eine Messe! Aber so laaaaaang.. Ich bin bei 53% und habe hier, im Widerspruch zum Eingangs erwähnten Sybille Berg Zitat, tatsächlich immer wieder Gewissensbisse, das Ding nicht doch noch mal anzufassen. Ich sehe was Neal Stephenson hier macht, wie viele große, nein, riesige Gedanken, Weltbilder und Visionen er in ein Buch packt und obwohl beim Blick auf die reine Seitenzahl nicht zu vermuten, <em>nicht</em> ausufern lässt, gut und tight beisammenhält. Aber ich schaffe es zur Zeit einfach nicht, das Ding zu Ende zu bringen. “Fall” ist somit, obwohl in der Liste schon am längsten, das wahrscheinlichste Buch, welches ich zu Ende bringen werde, und damit haben wir am Ende denn doch eine minimal gespoilerte Lobpreisung.</p><p>Und weil es heute soviel an Information gab nochmal zusammengefasst die besprochenen Werke: </p><p>Taffy Brodesser-Akner: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3WroeWh">Long Island Compromise</a> - so mäh..</p><p>Shalom Auslander: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3ybq1qs">Feh</a> - so feh..</p><p>Neal Stephenson: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3SuUiqY">Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O</a>. - so YEAHHHHhhhhhhhhhmmmmnnnajaochmensch…</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/abbruch</link><guid isPermaLink="false">substack:post:147265432</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 04 Aug 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/147265432/bd8e5cc31f71959d0831c20514677b16.mp3" length="10034722" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>502</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/147265432/f61bbd4c6858e758384aa65ea39ea4a5.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Crouch, Keegan, King]]></title><description><![CDATA[<p>Wir diskutieren das jüngste letzte (?) Buch von Stephen King “Ihr wollt es dunkler”, das Aufwachen in einem seltsamen Afterlife in Blake Crouch’s “Wayward Pines” und das böse selbige aus dem Traum von der Ehe für einen eher unangenehmen Zeitgenossen in Claire Keegan’s “Reichlich spät”.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-crouch-keegan-king</link><guid isPermaLink="false">substack:post:145920678</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 30 Jun 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/145920678/26afb66b5c00ece13631b4ba1cfdd3cd.mp3" length="25547381" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1597</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/145920678/d0a2936f250af7add2e032895ef3e443.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Stephen King: You Like It Darker: Stories]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>ja, der Untertitel des heutigen Beitrages ist derselbe wie bei meiner vorletzten Besprechung. Passt einfach immer.</p><p>Elvis has left the building. Bevor der King - unklar ist bis heute, ob er wirklich tot ist - abtrat, zerstörte er sich relativ systematisch selbst und auch mit der Hilfe von anderen seinen Körper und sein Oberstübchen und steht in der langen Reihe derer, deren Gehirnleistung über die Jahrzehnte kontinuierlich abnahm und auch immer konservativer und rechter wurde. Puh.</p><p>Alle, die beim letzten Satz ob der gesellschaftlich tief verwurzelten Altersfeindlichkeit die Stirn in Falten legten: Glückwunsch, ertappt. Allen anderen: vielleicht ist diese Erzählung, dass Menschen im Alter immer langsamer, konservativer und mäh werden, auch schlichtweg Propaganda, und die Beispiele, die uns hierfür vorgeführt werden, sind nicht mehr als anekdotische Evidenz.</p><p>Ein heller Stern am literarischen Firmament, der jedes Anzeichen von Altersfeindlichkeit einfach überstrahlt ist King, der Stephen.</p><p>Gerade ist ein neuer Band von ihm veröffentlicht worden, Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen sind versammelt: “You Like It Darker”, im Deutschen nah am Original: “Ihr wollt es dunkler”. In der Papierausgabe ein schönes Brikett, nämlich 736 Seiten in der deutschen, in der englischen immerhin auch noch 512 Seiten.</p><p>In der Diskussion mit den Studio B-Kollegen wird es sicher auch konkret um einige der Stories gehen, aber hier soll nichts zum Inhalt verraten werden. Zumindest nicht zum Inhalt des literarischen Werkes.</p><p>Für mich fühlte es sich die ganze Zeit wie Abschied an. Machen wir uns nichts vor: Stephen King wird leider nicht jünger, Schriftsteller seiner Generation haben entweder bereits ihren Abschied verkündet (Don Winslow) oder übergeben nach und nach an Familienmitglieder (Lee Child), und auch der King himself (Stephen) hat bei nicht wenigen seiner letzten Werke mit seinen Söhnen kooperiert.</p><p>Der Titel erinnerte mich sofort an You Want It Darker, die letzte Platte von Leonhard Cohen, die kurz vor seinem Tod veröffentlicht wurde. Die andere Assoziation zum Titel ist Some Like It Hot, aber das sind eben die Wirren des Gehirns.</p><p>You Want It Darker ist eine Empfehlung von mir, vor allem für das Nachwort. Versteht mich nicht falsch: einige der Stories sind sensationell und überraschen, einige sind aber auch klassische 1980er/90er Stücke, bei denen ich den Eindruck hatte, dass Stephen King damit kämpft sich zu entscheiden, was er mit der jeweiligen Idee nun eigentlich machen möchte, und da ihm als genre-übergreifender Tausendsassa auch die übernatürliche Galaxie offen steht, greift er dann manchmal doch zu - nun ja - etwas altbackenen Klötzchen?</p><p>Zum Sahnehäubchen des Buches, zum Nachwort:</p><p>Das Gefühl des Abschieds verstärkt sich, wenn er über seinen literarischen Arbeitsprozess, die (Ab-)Gründe seiner Fantasie, die Genese schreibt. Allein diese wenigen Seiten, die plastisch beschreiben, wie seine Geschichten zu ihm kommen, (und hier kommt doch ein Spoiler): er kann es nicht nachvollziehen, und dann in einem Nebensatz erklärt, dass er sich wohl “im Spektrum befindet”, aber das auch ziemlich egal findet. Und wieder einmal seine Haltung zeigt, die ihn über die letzten Jahrzehnte ausgezeichnet hat: nicht nur die Verwerfungen der Welt und ihre Entwicklung sehen und lamentieren oder gar in seinen Werken ignorierend, sondern im Alter immer klarer sehend, wo er als nun alter weiser Mann steht, und dabei solidarisch zu sein und seine Stimme dafür zu nutzen. Auch wegen seiner Twitterkommentare wurde die Plattform am Ende zerstört, aber falls ihr noch da seid, schaut vorbei. Schön, wie er mit den Leuten interagiert und ab und zu pöbelt.</p><p>Gleichzeitig bestätigt er - um den Bogen zum Literarischen zurückzuschlagen -, dass die Form der Kurzgeschichte nicht seine stärkste ist, puh. Gut, das empfand ich ähnlich.</p><p>Ich hoffe sehr, dass dies kein Abschiedsbuch ist.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/stephen-king-you-like-it-darker-stories</link><guid isPermaLink="false">substack:post:146084424</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Fri, 28 Jun 2024 16:21:25 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/146084424/21adf9e655f9cea6a867f0fc37cfcb00.mp3" length="5230281" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>261</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/146084424/4bbd5ee41baeec6fb148b5346e621e6f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Claire Keegan: Reichlich spät]]></title><description><![CDATA[<p>Den meisten Menschen dürfte die Redewendung: „Geben ist seliger denn Nehmen“, deren Herkunft auf die Bibel zurück geht, geläufig sein und ebenso die Bedeutung dieses Satzes. Letztlich ist es nichts anderes als die Aufforderung zur Großzügigkeit, die den positiven Nebeneffekt haben kann, jemand anderem eine Freude zu machen, an der man sich im besten Fall noch selbst erfreuen kann. Es begab sich, dass ich kürzlich von einer Freundin einen Gutschein für die örtliche Buchhandlung bekam, der ihr selbst wenig nützlich war, da sie ausschließlich Hörbücher hört. Die Freude meinerseits war natürlich groß, denn was gibt es schon Besseres als kostenlose Bücher? Weit oben auf meiner Wunschliste stand die kürzlich auf Deutsch erschienene, neue Erzählung der irischen Autorin Claire Keegan <em>Reichlich spät</em>, die im Steidl Verlag veröffentlicht wurde und gerade einmal 55 Seiten umfasst. Don't judge a book by it's cover, so sagt man, aber schon die Aufmachung der schmalen, als Hardcover gebundenen Ausgabe zog mich magisch an und der Gutschein fand seine Bestimmung.</p><p>In ihrer neuesten Erzählung beschreibt uns Claire Keegan einen Ausschnitt aus dem Leben ihres Protagonisten Cathal, der Büroangestellter in Dublin ist und in der Nähe, einer kleinen Stadt namens Arklow, lebt. Der Tag, um den sich die Handlung dreht, sollte der Hochzeitstag von Cathal und seiner Verlobten Sabine sein, die sich auf einer Tagung kennengelernt hatten. Warum es zu dieser Hochzeit aber nicht kommt, wird anhand von Cathals Erinnerungen rekonstruiert und legt letztlich viel mehr frei, als das bloße Scheitern einer Beziehung.</p><p>Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass Sabine und Cathal sich in Toulouse kennengelernt hatten und er sie – es hatte sich herausgestellt, dass sie ebenfalls in Dublin arbeitet – zu sich eingeladen hat. Sie verbringt schließlich den Großteil der Wochenenden bei ihm, liebt das Leben auf dem Land, kocht gern und es schwingt in allem ihrem Tun eine Leichtigkeit mit. Die Entscheidung zu heiraten gleicht dann aber eher einem Beschluss oder einer Verhandlung darüber, ob man es tun sollte oder nicht und ist weit entfernt von einem Antrag oder hat gar etwas mit Romantik zu tun. Es kommt beim Lesen auch nicht das Gefühl auf, dass Liebe eine große Rolle in dieser Entscheidung spielt.</p><p>Grund dafür ist, dass Cathal ein kleingeistiger, geiziger und frauenverachtender Spießer ist, der zwar das Bild von Mann und Frau und einer heilen Welt mit Haus und Hof und am besten noch Kind und Katze gern sieht, aber letztlich doch einfach gern seine Ruhe hätte. Der es hasst, sich um den Abwasch zu kümmern, das ihm gekochte Essen aber gern entgegennimmt. Der zwar gern hätte, dass seine Verlobte bei ihm einzieht, dem aber am liebsten wäre, wenn sie nicht so viel „Zeug“ aus ihrer alten Wohnung mitbringen würde, denn das bedeutet ja, dass sich in seinem eigenen kleinen Kosmos etwas verändert, ja verändern muss. Dass sie im wahrsten Sinne des Wortes Raum für sich beansprucht. Ihm wäre am liebsten, sie wäre einfach nur da und ansonsten bliebe alles wie gehabt. Er ist jemand, der sich noch nach Wochen über den zu hohen Preis von Kirschen echauffiert und der Frauen als Fotzen, Huren und Schlampen bezeichnet, weil man als irischer Mann eben so redet.</p><p>Es drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, was das, salopp gesagt, eigentlich alles soll? Ein so gewaltiges Problem wie Misogynie werde ich in meiner heutigen Rezension sicher nicht lösen, also bleibe ich an dieser Stelle beim Protagonisten, dem ja in der Erzählung selbst auch zumindest punktuell bewusst wird, was geschieht. So reflektiert er beispielsweise an einer Stelle seine Sprache, indem ihm klar wird: „[...]hatte er gesagt – und sofort gespürt, wie der lange Schatten der Sprache seines Vaters auf sein Leben fiel.“ (S.27) Es sind also teilweise anerzogene Verhaltensmuster, über Generationen hinweg weitergegeben, die sein Handeln, Denken und Sprechen beeinflussen – wie wir an einer anderen Stelle an einem Exempel aus seiner Kindheit ebenfalls noch einmal verdeutlicht bekommen – aber auch eine von der Gesellschaft verinnerlichte Ablehnung gegen Frauen. Die wenigen lichten Momente, in denen ihm der Gedanke kommt, dass es vielleicht auch anders sein könnte, schiebt er jedoch direkt wieder beiseite. Einen aus Erkenntnissen resultierenden Effekt, nämlich den, sein Handeln zu verändern und auch sein Denken zu hinterfragen, gibt es nicht. Seine Verlobte Sabine bringt es für sich folgendermaßen auf den Punkt: „»Weißt du, was Frauenfeindlichkeit im Kern ausmacht? Letzten Endes?« […] »Nicht geben zu wollen« (S.43) Und damit ist nicht nur das Geben, das selige Geben von materiellen Dingen gemeint, sondern auch das Jemandem-etwas-zugestehen wie beispielsweise das Wahlrecht, das sie an dieser Stelle selbst als Beispiel nennt.</p><p>Zu Recht wird Claire Keegan als Meisterin der kurzen Form beschrieben, wie sie in <em>Reichlich spät </em>einmal mehr unter Beweis stellt. Beeindruckend ist aber vor allem, wie sie es schafft auf diesen wenigen Seiten eine ganze Welt zu erschaffen, die einem während des Lesens regelrecht vor Augen steht und welch eine Bandbreite an zwischenmenschlichen Konflikten sie zu beschreiben vermag und dabei den Nagel so auf den Kopf trifft. Dabei ist kein Wort zu viel oder wenig, aber alles von Bedeutung. Auch wenn es überraschend scheint, so schafft es Claire Keegan doch ein Spektrum an Themen in ihrer Erzählung zumindest anklingen zu lassen, nämlich beispielsweise Machtstrukturen, Familie, aber auch Einsamkeit und ging mir damit teilweise auch ziemlich ans Herz. Dass ich ein Fan der Autorin bin, ist wohl deutlich geworden und dass sie auch von anderen so gefeiert wird, finde ich großartig. Zwar ging es dieses Mal nicht ohne Spoiler, nichtsdestotrotz ist es <em>Reichlich spät</em>, auch mit diesem Vorwissen absolut wert gelesen zu werden und eine ausdrückliche Empfehlung. Selten habe ich einen Gutschein besser angelegt und möchte an dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön dafür loswerden.</p><p></p><p>Wenn ihr mehr von mir und Claire Keegan hören und lesen möchtet, findet ihr in unserem Archiv noch eine Besprechung zu ihrem Roman “Kleine Dinge wie diese”.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/claire-keegan-reichlich-spat</link><guid isPermaLink="false">substack:post:145638670</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Jun 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/145638670/c94365b449aa53ef5760cf3a3b333561.mp3" length="8159143" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>408</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/145638670/673c853b021a508e712b58aa300f1cf5.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Blake Crouch: Wayward Pines Serie]]></title><description><![CDATA[<p>Nach all den schweren Büchern, die es im Winter zu besprechen gab über die <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/david-graeber-david-wengrow-anfange">Geschichte der Menschheit </a>vom Anfang bis zur aktuell traurigen Gegenwart oder gar von der neuen Spielart des Feudalismus mit der Vorsilbe <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/yanis-varoufakis-technofeudalism">Techno-</a>, in der wir alle gleichzeitg Konsumenten wie Fronarbeiter sind, reicht das dann auch mal wieder und es ist an der Zeit ein Buch zu lesen, in dem zur Abwechslung mal die Protagonisten am Arsch sind und nicht wir selbst. </p><p>Nehmen wir diesen knackig aussehenden Mittdreißiger, volles Haar, kantiges Kinn. Der liegt am Ufer eines Flusses, durchaus idyllisch, aber ihm tut alles weh. Seine linke Seite fühlt sich sehr nach Rippenbruch an, wenn nicht garstiger. Er hat einen schwarzen Anzug an, darunter ein weißes, blutverschmiertes Hemd. Er hat also eher einen Scheißtag und dabei ist der Ausblick, wie er sich mühsam erhebt, unwirklich idyllisch. Ein Spielplatz, Felder, Pinienwälder, ein Gebirgsmassiv in dem sich die Abendsonne spiegelt.  Wir sind in Idaho, USA, irgendwo in der Mitte zwischen Pazifik und Rocky Mountains, Niemandsland, Flyover Country. Das weiß Mr. Handsome noch nicht. Er weiß ohnehin nicht wirklich viel, noch nicht mal seinen Namen. </p><p>Den erfahren wir Leserinnen im zweiten Kapitel, wie sich der Mann nach wildem umherirren im Bilderbuchstädtchen “Wayward Pines” und anschließendem Zusammenbrechen im Angesicht einer breit grinsenden Krankenschwester wiederfindet, perfekt in Umgang und Aussehen, scheinbar einer Krankhausserie in den 50ern entsprungen. Er heiße Ethan Burke, antwort er dieser. Fortschritt. Ethan Burke, ein Name wie aus einem amerikanischen Thriller. Handwerklich hat der Autor Blake Crouch, eine Name wie der eines amerikanischen Thrillerautors, es schon mal drauf. Ethan Burke klingt wie Jack Ryan, Jason Burne, Jack Reacher. Auf die Frage “Was ist Ehtan Burke von Beruf” können wir die Antwort locker auf drei Möglichkeiten eingrenzen. Der schwarze, eng sitzende Anzug ist der Clou. Der Mann ist kein Privatdetektiv, da wäre der Anzug braun, auch kein gewöhnlicher Bulle, da wäre der Anzug schlecht geschnitten. Es riecht stark nach Agent. FBI, CIA oder Secret Service. </p><p>Es ist letzeres und wie wir lernen, macht der in den USA nicht nur Personenschutz für korrupte Politiker, sondern auch Recherche fürs Finanzamt. Man lernt nie aus. In Wayward Pines ist Ethan, weil zwei seiner Kollegen verschwunden sind, eben hier.</p><p>Ohne Geld und Papiere macht sich Ethan auf den Weg durchs Dorf. Fündhundert Einwohner, nicht mehr, schätzt er, wohnen hier. Es sieht aus wie in einer Filmkulisse. </p><p>Die Leute sind freundlich, wenn auch reserviert und seltsam uninteressiert daran, dass durch ihr blitzeblankes, ordentliches Städtchen ein Typ mit blutigem Shirt ohne Ziel und Aufgabe stolpert. Die Empfangslady beim Sheriff hält es für noch nicht mal so dringend, den Chef zu holen, auch wenn Ethan betont, er sei beim Secret Service. Die Empfangsdame im Hotel läßt sich nach ein bisschen Charmeattacke darauf ein, ihm ein Zimmer zu geben, auch ohne Kreditkarte und Ausweis. </p><p>Das alles schreibt Blake Crouch in rasanter, kontrollierter Thrillersprache, wir sind äußerst gespannt, worum es geht. Denn dass das hier alles viel zu perfekt ist, viel zu wenig Autos auf der Straße und der Umstand, dass sich Ethan an kaum etwas erinnern kann, verbreitet von Anfang an ein Lee Child Feeling, dem man sich schwer entziehen kann. </p><p>Auf der Suche nach etwas Essbarem, immer noch ohne Geld, kommt Ethan an einem Haus vorbei, Zikaden zirpen, er meint etwas im Gebüsch gesehen zu haben. Ethan findet statt Zikaden einen Kasten, der Zikadengeräusche aussendet. Spätestens jetzt wissen wir, das wir gerade die Schwelle vom Lee Child Country ins Stephen King Land überschritten haben.</p><p>Und weil das so ist, lassen wir die Handlung hier unbeschrieben. Die Überraschung wird zu groß sein. Das Buch kippt im letzen Viertel vom gemeinen Thriller in ein derart anderes Genre, dass es ein Verbrechen am Leser wäre zu enthüllen, worum es geht. Selten sah sich Herr Falschgold so geschockt und überrascht. Auf dem Weg zur Enthüllung reimen sich immer weniger Dinge und wie jeder Thriller/Mystery-Leser habe auch ich mir den Kopf zermartert, wie das alles zusammenpasst. Es passt, es ist wirklich originär und unerhört, es ist phantastisch! </p><p><a target="_blank" href="https://amzn.to/3X9QFdh">Das ganze Ding</a> liest man auf einem mittellangen Urlaubsflug durch, und wenn man fertig ist, freut man sich enorm, dass es noch zwei weitere Teile gibt. </p><p>Das sich das Sujet - schick aussehender Secret Service Dude, amerikanische Kleinstad, mysteriöse Umstände - wie Arsch auf Eimer für eine Fernsehverfilmung eignet, ist klar und ist <a target="_blank" href="https://www.amazon.de/Wayward-Pines-Season-1-OV/dp/B015TAZC44">Amazon Prime im Jahr 2015 </a>auch nicht entgangen. Es war ein ziemlicher Hit und deshalb ist es um so verwunderlicher, dass mir das Werk bis dato nie über den Weg gelaufen war. Das heißt aber auch, dass man beim googlen überall Spoiler findet, die man sorgfältig umschiffen sollte. Deshalb: besser die  Buchhändlerin des Vertrauens anrufen, das Buch bestellen und sie bitten den Schutzumschlag samt Klappentext zu verbrennen, denn dann ist Euer Vergnügen, die Geheimnisse von Wayward Pines zu entecken genauso groß wie das meine, garantiert!</p><p>Auf Deutsch ist das Buch übrigens unter dem Titel “<a target="_blank" href="https://amzn.to/4aZiech">Psychose</a>” erschienen. Wir sparen uns jeden Kommentar.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/blake-crouch-wayward-pines-serie</link><guid isPermaLink="false">substack:post:145433606</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Jun 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/145433606/dd136b436b3ed497c8bfd4a5a5e3cfcf.mp3" length="5938722" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>297</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/145433606/93d9ba66418eb245f2d7257dbb542758.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Abschied]]></title><description><![CDATA[<p></p><p></p><p>Herr Falschgold ist schon länger einer großen Sache auf der Spur und für mich Vorreiter in Sachen Zwitscherbox, die, meiner Meinung nach, in keinem gut sortierten Haushalt mehr fehlen darf. Letztes Jahr bekam ich von meinem Studio B Team eine solche Zwitscherbox zum Geburtstag geschenkt und war über die Maßen erfreut. Nun verlasse ich nach fast 14 Jahren mein zu Hause – die Box zieht natürlich mit um – aber zum Abschied habe ich einen eigenen Zwitscherboxsound aufgenommen. Eine Minute Vögel der Louisenstraße.</p><p>Adieu geliebtes Heim.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/abschied</link><guid isPermaLink="false">substack:post:144510912</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 May 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/144510912/40c28819e722cf9bd4520596da36b25a.mp3" length="780144" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>65</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/144510912/bafe409a03d9cb75540ad031c0e72806.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Oblique Strategies: simple subtraction - Einfache Subtraktion]]></title><description><![CDATA[<p><em>In 1975 saßen Brian Eno (genau, der) und Peter Schmidt, ein Multimediakünstler, beim Joint oder auf Pilzen oder was immer man in der Richtung so machte in den Siebzigern. Der Peter beschäftigte sich zu dieser Zeit mit alten Drucktechnologien, Brian fiel gerade nix ein. Peter hatte gerade ein Set von 55 Drucken erstellt, mit so kurzen ganz superkünstlerischen Sätzen, sehr deep und sehr teuer. Die inspirierten den Brian so sehr, dass er sich selbst ein Set baute von 110 zusammenhanglosen Worten und Sätzen auf spielkartengroßem Karton. Er nannte das Set “Oblique Strategies”, es passte in eine Hosentasche und er trug  es überall mit hin, zum Beispiel in den Proberaum. Wenn ein Stück nicht in Gang kam oder langweilig wurde oder gar kein Anfang zu haben war, zog jedes Bandmitglied eine Karte und nahm den Spruch darauf, wörtlich oder übertragen, als Anlass, “irgendetwas” zu spielen. Der Rest fand sich. </em></p><p><em>Das probieren wir doch mal aus, dachten wir uns. Man kann heute natürlich </em><a target="_blank" href="http://z.b. auf https://stoney.sb.org/eno/oblique.html."><em>virtuell Karten </em></a><em>vom Stapel ziehen. Die Regel ist, egal was aufpoppt, dieser Satz wird genommen und ein Text geschrieben. </em></p><p><em>Für diese Kolumne ist es:</em></p><p><strong><em>simple subtraction - Einfache Subtraktion</em></strong></p><p></p><p>Mein fasziniertes, aber unglückliches Verhältnis zur Mathematik, also der richtigen, dem Fachgebiet abseits vom simplen Zahlen addieren und subtrahieren, begann mit einer 4 im Halbjahreszeugnis der siebten Klasse. Ich war in den Augen meines Vaters somit schwer versetzungsgefährdet und erfuhr eine Ansprache, mit der er mir den Ernst der Lage verdeutlichen wollte, so mit den ewigen Worten eines jeden Vaters ever: “..bald weht der Wind aus einer anderen Richtung, solange Du deine Füße unter unserem Tisch steckst, so kannst Du mit Deinen Freunden auf dem Schulhof reden” - der ganze Sermon. Am Ende der Ansprache gab es noch einen kleinen Bestechungsversuch: wenn ich zum Schuljahresende die 4 in eine 3 verwandle, gäbe es irgendein Geldgeschenk/Materielles Ding. Viel kann es nicht gewesen sein, wir hatten ja gar nichts. Damals. Im Osten.</p><p>Die Predigt wirkte jedenfalls, kind of, habe ich mich doch sowohl durch die 7. Klasse, als auch durch die Mathematikprüfung der ostdeutschen polytechnischen Oberschule nach der 10. gehangelt, keine Ahnung wie. Für ein Abitur reichte es dennoch nicht, so als Verfolgter des Regimes eigenen Leistungsanspruches. Ich war genötigt, mir die halbe Hochschulreife durch ein Kurzabitur zu erschleichen, wie es das kurz nach dem Mauerfall im Osten gab. Dieses Abi war einzig als Vorbereitung für technische Studiengänge gedacht, mit der strikten Vorgabe, dass damit keinerlei geisteswissenschaftliche Abschlüsse zu haben seien. Mein Traum des Germanistikstudiums, Endstadium Lehrer, ging damit glücklicherweise an allen Beteiligten vorbei.</p><p>Also studierte ich Informatik. Künstlerisch nicht wirklich selbstbewusst, aber wage zugeneigt genug, um zu wissen, dass das irgendwie funktionieren könnte, und ohnehin, machen wir uns ehrlich, 1995, Techno/Drogen/Ecstasy, keine Rolle spielend, entschied ich mich für das Studium der Medien-Informatik - nicht dass irgendjemand gewusst hätte, was das sein soll (heute wie damals). Doch es tauchte ein klassisches Zonenproblem auf: die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden (nur die war mit dem Billigabitur erreichbar) hatte versprochen, diesen Studiengang anzubieten. Kurz vor Beginn des Studienjahres jedoch stellt man fest, dass man gar keine Professoren dafür habe. Was machte man? Man steckte uns, der Kunst zugeneigte Bohémes, für das erste Jahr in den Studiengang der, oh s**t, oh f**k, Wirtschaftsinformatik! Mit den ganzen Bankangestellten, Steuerberatern und sonstigen Christian Lindners also. Damit nicht genug, hielt man uns, ich kann mich noch exakt und so genau erinnern, wie an fast nichts aus dieser Zeit, einen Vortrag, zu Studienbeginn, in der Aula, in dem man uns erklärte, dass man gelernt hätte, dass in den USA jede Universität ein Spezialgebiet habe: MIT, Berkeley, Stanford und jetzt also Auge in Auge auch die HTW Dresden, Germäny. Man würde in den nächsten Jahren besonders Augenmerk auf die <em>mathematische</em> Ausbildung der Studenten legen (Studentinnen wurden damals, in den good old times, noch nicht erwähnt).</p><p>Man hatte wohl eiligst zusätzliche Mathematikprofessuren eingestellt, offensichtlich auf Kosten der Medienfuzzis, aber so richtig Quali bekommt man da ja auch nicht sofort an den Start. Ich durchlebte also in der ersten Semesterwoche des ersten Semesters die erste Mathematikvorlesung meines Lebens: zwei Stunden lang schrieb uns ein middle aged Professor mit grauem Gesicht tatsächlich, ich weiß die Zahl noch heute, 104 Definitionen an die Tafel. Definitionen in winziger Schrift schrieb der böse Mann von links nach rechts trippelnd über die gesamten 25m Breite der Tafel, bevor er sie wieder abwischte und auf der anderen Seite von vorn begann, wobei er wohl erwartete, dass wir den ganzen Quatsch abschrieben. Nun, das wars dann endgültig mit meiner Faszination für die Mathematik.</p><p>Bis ich auf dieses großartige Buch gestoßen bin:</p><p>Jan Gullberg, ein schwedische Kinderarzt, dreimal so klug wie wir alle zusammen, hatte ungefähr die gleiche Faszination für die Mathematik und wahrscheinlich eine noch schlimmere entsprechende Bildung erfahren. Damit seinen Kindern und die, die er verarztete, das nicht passiere, schrieb er mal eben ein Buch über die <em>ganze </em> Mathematik, von der Geburt der Zahlen bis wasweißichwohin, Multidimenionalität und so, ich habe doch keine Ahnung!  1200 Seiten, 3 kg schwer, schrieb er das alles selbst, als Kinderarzt, illustriert es, selbst, und zusammen mit einem <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Hilton">britischen Mathematiker</a>, und, ein Wahnsinn, setzte es selbst, in <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/LaTeX">LaTex</a>! (Das Entsetzen über den letzten Fakt verstehen nur nerds). Der Mann muss verrückt gewesen sein, glücklicherweise.</p><p>Manchmal, ich gebe zu immer seltener, man hat ja kaum noch Zeit Altes zu durchforsten, so viel Neues gibt es, setze ich mich in meinen Ohrensessel und lese ein paar Seiten. Natürlich verstehe ich nur die ersten 40, danach ist alles nur noch Ästhetik. Aber es macht mich glücklich, wie etwas nur glücklich macht, was man komplett ohne Leistungsanspruch tun kann: Biertrinken, Schokoladeessen, Bingewatching, Fantasyromane lesen und Mathematik bestaunen. Das ist Glück!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/oblique-strategies-simple-subtraction</link><guid isPermaLink="false">substack:post:144299415</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 May 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/144299415/3f35a86766f8b1b4cdf1b1ccd16f784c.mp3" length="7663849" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>383</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/144299415/978e8e2b0cfc6a888ed6842832e811e9.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Sargnagel, Kawaguchi, Osman (Mat)]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>“Wenn Du nichts Gutes zu sagen hast, dann schweige!” ist in sich schon ein eher blöder Muttispruch - für ein Magazin mit unserem Titel aber nun gleich gar nicht zu gebrauchen. Und so tat sich Anne Findeisen in Ihrer Rezension und in der Diskussion sichtbar schwer, etwas Positives an Toshikazu Kawaguchis “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/toshikazu-kawaguchi-bevor-der-kaffee">Bevor der Kaffee kalt wird</a>” zu finden. Das ging den beiden anderen Rezensentinnen ähnlich, scheiß Harmonie. Zumal auch deren besprochene Bücher allgemeine Zustimmung fanden, als da wären: Mat Osmans “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/mat-osman-the-ghost-theatre">The Ghost Theatre</a>” und “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/stefanie-sargnagel-iowa">Iowa</a>” von Stefanie Sargnagel. Das muss dieser Frühling sein. </p><p>Enjoy!</p> <br/><br/>This is a public episode. 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Doch was wäre, wenn die Möglichkeit bestünde an einen gewissen Punkt in seinem Leben zurückzureisen und das mit dem Wissen und den Erkenntnissen, die man in seiner Gegenwart hat? Sicher ein verlockender Gedanke, hat sich vielleicht auch der aus Osaka, Japan stammende Toshikazu Kawaguchi gedacht, als er die Idee zu seinem Buch <em>Bevor der Kaffee kalt wird </em>hatte, welches 2015 im japanischen Original und 2018 auf Deutsch im Knaur Verlag erschien.</p><p>Schauplatz seines Romans ist ein Café, das den Namen <em>Funiculi Funicula </em>trägt und gleichzeitig der Titel eines bekannten neapolitanischen Volksliedes ist. Das kleine Café verfügt nur über drei Tische mit je zwei Plätzen und einen Tresen mit drei Stühlen. Durch die gedämpfte Beleuchtung, der Patina an den Wänden und drei alten Uhren, die alle unterschiedliche Zeiten anzeigen, versprüht es einen gewissen Charme und ist im Sommer gleichzeitig angenehm kühl, obwohl keiner so richtig sagen kann, warum eigentlich. Außerdem rankt sich um das Café die Legende, dass es hier die Möglichkeit gibt, in die Vergangenheit zurückzureisen. Und tatsächlich ist es möglich, doch nur unter Einhaltung einiger strenger Regeln. Die fünf wichtigsten werden dem Lesenden schon im Prolog des Romans eröffnet und lauten wie folgt: „ 1. Nur diejenigen Menschen kann man in der Vergangenheit treffen, die ebenfalls das Café besucht haben. 2. Man kann in der Vergangenheit nichts tun, um den Ausgang der Ereignisse in der Gegenwart zu beeinflussen. 3. Wenn ein anderer Gast auf diesem magischen Stuhl sitzt, muss man warten, bis er diesen freigibt. Erst dann kann man sich niederlassen. 4. Während man sich in der Vergangenheit aufhält, darf man unter gar keinen Umständen aufstehen. 5. Der Aufenthalt in der Vergangenheit ist zeitlich begrenzt. Man muss aus ihr zurückkehren, bevor der Kaffee kalt geworden ist.“ (S.6/7) Es kommen noch ein bis zwei weitere Schwierigkeiten hinzu, die im Verlauf der Handlung erläutert werden, die Handelnden aber nicht davon abhalten, den magischen Stuhl zu benutzen und in die Vergangenheit zu reisen. Dabei gliedert Kawaguchi seine Story in vier Kapitel, wobei jedes Kapitel aus einem Paar besteht, dessen Geschichte im Fokus steht. Das sind: Die Liebenden, Das Paar, Die Schwestern und Mutter und Kind.</p><p>Soweit so gut. Zwar ist das Motiv des Zeitreisens nicht neu, aber ich fand die Herangehensweise inklusive des Regelkatalogs – und Regeln braucht es für das Zeitreisen, das ist völlig klar – recht interessant. Das Reglement macht ebenfalls von Anfang an deutlich, dass es in diesen vier Episoden nicht darum geht, die Gegenwart durch eine Reise in die Vergangenheit zu ändern, sondern eher ein Lehrstück zu sein, eine verpasste Gelegenheit zu nutzen, etwas besser zu machen. Ich fand es eine schöne Idee und versprach mir auch Kurzweil – vom als Weltbestseller bezeichneten Werk – war letztlich aber doch recht enttäuscht. Die Sprache und Beschreibungen der Situationen wirkten eher hölzern auf mich, was zum Einen an der Übersetzung liegen kann, vom Englischen ins Deutsche wohlgemerkt, also mit Zwischenschritt, aber dennoch ein Fakt, den ich nicht wirklich beurteilen kann. Zum Anderen könnte es auch der Tatsache geschuldet sein, dass es zunächst als Theaterstück aufgeführt wurde und erst nach seinem großen Erfolg als solchem zu Kawaguchis literarischem Debüt wurde. Außerdem empfand ich es als störend, dass viele Informationen sehr oft wiederholt werden. Was bei dem Regelwerk fürs Zeitreisen, zumindest am Anfang, für Vergessliche wie mich noch nützlich ist, nervt spätestens beim dritten Mal nur noch. Auch die stereotypen Beschreibungen der Protagonist:innen fielen mir regelmäßig auf und sind etwas, womit ich mich nicht anfreunden kann und will. Sicher ist es nicht mein erster Roman eines japanischen Autoren und die abweichenden Werte- und Moralvorstellungen zu beispielsweise uns Europäern wurden auch im Studio B Kollektiv bereits diskutiert. Dennoch waren mir die Beschreibungen oft einfach zu plakativ, die Frauen immer zu schön und wenn sie dann doch mal einen jüngeren Partner haben, hat der natürlich einen Vollbart und sieht wenigstens 10 Jahre älter aus als sie, alles andere wäre ja undenkbar.</p><p>Unvorstellbar für mich wiederum, dass es mittlerweile sogar noch zwei Fortsetzungen des Romans gibt. Ich sage es mit meinen Worten: Das Buch hat mich einfach nicht abgeholt. Obwohl ich die Idee und Herangehensweise grundsätzlich gut fand, hat mich die Umsetzung weder berührt noch überzeugt. Vielleicht ist die alte Was-wäre-wenn – Frage gar nicht so wichtig und Kierkegaard hatte natürlich recht, im Rückblick kann man viele Dinge besser verstehen, aber ein nach vorn gewandtes Leben ist manchmal oder oft wichtiger. Daher möchte ich mit etwas Positivem enden und an dieser Stelle statt <em>Bevor der Kaffee kalt wird </em>doch lieber die bereits von mir besprochene Sayaka Murata mit ihren herrlich schrägen Romanen empfehlen, für diejenigen, die es nach japanischer Lektüre dürstet.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/toshikazu-kawaguchi-bevor-der-kaffee</link><guid isPermaLink="false">substack:post:143521651</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 Apr 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/143521651/35f05aed915e46dd16a09e84b75b6e37.mp3" length="7032221" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>352</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/143521651/27596977556a33e919461ba3912c85ff.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Stefanie Sargnagel - Iowa]]></title><description><![CDATA[<p>Stefanie Sargnagel ist eine lustige,  38-jährige Schriftstellerin und Karikaturistin aus Wien. Keine dieser Aussagen wäre für mich als Freund der Trennung von Künstlerin und Werk relevant, es sei denn, die Autorin neigt zur Autobiografie - was die Sargnagel tut. Die Benennung geschieht absichts- und respektvoll, wie bei “der Dietrich”, denn die Sargnagel neigt zum Diventum, auch das kaum wertend postuliert, zumal dieses modernst daher kommt - dazu später mehr.</p><p>Dass sie lustig ist, ist mir die liebste Eigenschaft an Frau Sargnagel. Wer sich in diesen Dingen gar nicht auskennt, bemerkt das spätestens bei einer ihrer Lesungen, wenn, wie das in Deutschland Sitte ist, die Mehrzahl der Zuschauer ihre Humorkompetenz durch überhäufiges Lachen zur Schau stellen. Das betreiben professionelle Lesungsbesucherinnen in verschiedenen Sportarten: das laute Juchzen, wenn es ein wissendes Lächeln getan hätte; das Weiterlachen, wenn alle schon aufgehört haben (im verwirrten Glauben, der Autorin damit einen Extraboost an Zuneigung überzuhelfen); die Unart des absichtlich deplazierten Lachens, wenn nichts, weder intendiert noch zufällig, auch nur ansatzweise lustig war, damit alle denken, sie hätten was verpasst. Dazu gibt es das, verzeihliche, Lachen, wenn eine Pointe erst zwei Sätze später ankommt. (Wir betreiben hier kein earnest-shaming, you are safe, lieber Leser.) Das Ergebnis dieses Unsinns ist, dass man kaum Zeit findet, der Frau auf der Bühne zu lauschen. Wenigstens zeigt all das bekloppte Affektieren selbst dem stockernstesten Leser, dass diese Stefanie Sargnagel wohl lustig ist, wenn auch für den Preis, dass Herr Falschgold zu dieser Folter nicht mehr hin kann.</p><p>Mein Eindruck bei einer dieser Lesungen hier in Dresden vor zwei Jahren war, dass auch Frau Sargnagel diesen Quatsch nicht braucht. Ich bin sicher, dass österreichische Lesungspublikum ist leicht angenehmer, aber halt auch viel zu klein. Als deutschsprachige Autorin muss man den großdeutschen Wirtschaftsraum beackern, sonst kann man sich selbst die legendär günstige Wiener Gemeindewohnung auf Dauer nicht leisten. So dachte sich das, so vermuten wir, Stefanie Sargnagel, erschöpft nach besagter Lesung. Wir hatten den Eindruck, sie schaute zwischen den gelesenen Kapiteln voller Sehnsucht in Richtung bühnenrechts, mittig, Reihe 20, in der sich eine Insel der sanguinen Humorandacht inmitten des brüllenden Falschgelächters behauptete, bestehend aus drei Rezensentinnen eines lokalen Literaturnewsletters und -podcast. Anyway, erleichtert zurück in Wien fand Frau Sargnagel im Briefkasten einen Brief aus Amerika, enthalten die Einladung zu einer Gastprofessur  an einem liberalen College im Bundesstaat Iowa. Wow, eine weltweite Karriere war in Aussicht, im reichsten Land der Erde. Gemeindewohnung gerettet!</p><p>War aber zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr nötig, denn die Künstlerin hatte damals schon soviel Reichtum angehäuft, dass sie sich leicht verschämt eine Eigentumswohnung in der österreichischen Hauptstadt gekauft hatte. Das ist kein Richenshaming, es war ihr selbst ein wenig peinlich, es ist auch kein papparazihaftes Stalking, denn, siehe oben, der Sargnagels Ding ist das verschämt-stolze Divaing, wie sich das heute gehört auf Insta, Millennialstyle FTW.</p><p>Damit haben wir auch die unelegante Alterserwähnung im ersten Satz begründet. Es brauchte diese Präzision, gibt es nun mal einen Unterschied, wie man Instagram & Co. betreibt, je nach Grad des Fortschreitens der altersbedingten körperlichen und geistigen Entropie - da ist das Baujahr wichtig.</p><p>Vielleicht hatte sich die Sargnagel damals auch nur angemeldet, im Netzwerk der Eitlen, weil ein visuelles soziales Medium einer Zeichnerin nun mal die bessere Plattform bietet als so ein olles Blog. Und ja, ich habe oben Karikaturistin geschrieben, aber ich bin sicher, dass sich Frau Sargnagel selbst eher als “Zeichnerin” sieht. Aber das war mir nicht eindeutig genug im Einleitungssatz. Zeichner können ja auch so leicht unlustige Leute sein wie Picasso, Dürer oder George W. Bush, da wollte ich kurz und leserfreundlich einordnen. Und der Sargnagel Meisterwerke sind nun mal Karikaturen, wie diese hier, welche all meine Zuschreibungen in der Einleitung zusammenfasst: lustig, altersweise und wortgewandt präsentiert Stefanie Sargnagel diesen Brüller:</p><p>Ick lach mir jedesmal schief, wenn ich mir den Quatsch vorstelle. Er ist ein Kommentar zu den Irren in der Pandemie und damit wird sie einerseits komplett falsch sein im landwirtschaftlichen Redneck-Iowa (USA) und gleichzeitig genau richtig in der Oase des dort mittendrin gelegenen Grinnell College for Liberal Arts. Auf nach Amerika also!</p><p>Davon berichtet uns auf 300 Seiten die berühmte österreichische Künstlerin. So wird sie am College immer wieder eingeführt, und wer sind wir zu widersprechen. Es entspricht in etwa dem Selbstwert, den sich die Sargnagel selbst zuspricht, natürlich immer impliziert der Rückzieher: “Ist ja alles nur Ironie”. Damit sich keine Selbstzweifel einschleichen, so ganz alleine in der amerikanischen Pampa, hat sich die Amerikaentdeckerin Begleitung organisiert: auf der Hinreise eine Freundin, auf der Rückreise die Mutter. Da denkt jemand praktisch, wir diggen. (Sagt man das noch?) Die Freundin ist ganz neu in Stefanies Leben, aber schon ganz, ganz lange eine Begleiterin des unseren: die übercoole Christiane Rösinger!!! WTF?!1! <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/channel/UCI80MWJmiMpEZF53lQZ246w">Lassie Singers</a>, <a target="_blank" href="https://amzn.to/4aH6xqZ">Paarbeziehungsaufklärerin</a>, coole Socke! Man hat sich gefunden wie so zwei Magnethunde, beschreibt uns die Autorin kurz im ersten Kapitel, und weil die Rösinger (auch eine Diva, nur anders!) selbst ein Buch geschrieben hatte (nur halt schon 2012) darf sie von unten aus den Fußnoten der Steffi den Blödsinn kommentieren. Eine brillante Idee, man sieht die beiden vor sich, wie sie sich ergänzen, die eine auf dem Sofa, die andere auf dem La-Z-Boy in ihrer TV-zappenden Normalität und sich gegenseitig, wie aufgewacht, anstachelnd, wenn sie gemeinsam einen Comedyclub besuchen und “Den S**t können wir doch auch!” rufend, von unten, sich nicht wohl fühlen inmitten des Fußvolks.</p><p>Wenn es nicht das erste Buch ist, welches man von Stefanie Sargnagel liest, weiß man in etwa, was einen erwartet: reflektierte Kommentare zur Zeit aus der richtigen politischen und genderpolitischen Ecke, unterbrochen von schmerzlosem/-haftem Exhibitionismus.  Man will definitiv nicht ihr Freund sein und das Buch lesen müssen, zu Hause geblieben, eine Kuschelkatze, wird uns berichtet. Er muss lesen, wie die Sargnagel rollig um eine Redneck-Barfly herumsteigt und innermonologisiert, worauf sie so steht in Liebesdingen (Bärte, Behaarung überhaupt) und worauf nicht (Vorspiel, Nachspiel). Zum Glück war er/sie schon zu breit, zumal sie, auch das ohne Filter berichtet, ein Kind haben will, und nicht nur so “haben wollen” sondern sehr, sehr dolle, biologisch-seelisch müssen-haben-wollen, JETZT. Da darf man nicht peinlich tun als Leser. Wenn die Autorin kein Problem damit hat, werden wir nicht anfangen zu gringen.</p><p>Aber die Welt dreht sich natürlich nicht nur um die Schriftstellerin, und so gibt sie einen amtlichen Reisebericht ab. Ich war vor über 10 Jahren dort, in the USA, (also general area, so 1500 km entfernt) und bin erschrocken, wenn man die aktuelle Situation mal nicht aus Blog-/Zeitungs-/Feed-Sicht beschrieben bekommt. Die USA versinken in Armut, Obdachlosigkeit, Rassismus, Klassismus, und Sargnagels Beschreibung der Szenerie, genauso filterlos vorgetragen wie die ihres Innenlebens, schmerzt. Wie fast unschuldig das Land war, 2011 und wie hoffnungslos es jetzt erscheint.</p><p>Da hilft auch die Mutter nicht, die im letzten Teil des Buches die Tochter besucht. Eine toughe (ehemalige?) Sozialarbeiterin, die gleich mal anzeigt, dass man sich auch vorbereiten kann auf so einen Trip, Stichwort, Datenguthaben und verdient sich die Zuschreibung Cyborg-Mom von der Autorin zur Recht. Aber selbst der Mutter streetworker-toughness bricht im Angesicht des Elends der Obdachlosen von L.A., des Unterschieds zwischen Arm und Reich, der unüberbrückbar scheint.</p><p>Das lässt uns ein wenig traurig zurück, aber das muss manchmal sein und macht ein Buch von einer lustigen Autorin nicht weniger lesenswert. Viel blieb hier unerwähnt und harrt der fasst spoilerlosen Entdeckung durch die Leserin: crazy Wokerei am liberalen College, kulinarische Überraschungen, architektonische Katstrophen, the Amish, falsche und richtige, der Rösinger Altersweisheiten, der Sargnagel Jugendstil: es ist alles sehr, sehr schön!</p><p>Und wer die Aufmerksamkeitsspanne nicht hat, geht halt zur <a target="_blank" href="https://www.stefaniesargnagel.at/">Lesung</a> und lacht an den falschen Stellen. Das hält die Sargnagel aus.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/stefanie-sargnagel-iowa</link><guid isPermaLink="false">substack:post:143301287</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 07 Apr 2024 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/143301287/75feeaef0f4e1f1026f4d9e815a8137f.mp3" length="9537351" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>477</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/143301287/33d005346b9f89ff4ae829cded2faef2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Lou Andreas-Salomé und Lou Zucker]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Das Studio B befindet sich in seinem Wechselmodell-Monat, in dem wir uns die Freiheit nehmen, auch andere Dinge als Bücher zu rezensieren. So ganz komme ich aber vom Thema nicht weg und während ich überlegte, worüber ich unsere Leser- und Hörer:innen diesen Sonntag informieren, ja womit ich sie vielleicht sogar erfreuen könnte, stieß ich zunächst auf Lou Andreas-Salomé. Der Name der 1861 in St. Petersburg geborenen Schriftstellerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus deutsch-russischer Familie war mir durchaus ein Begriff, jedoch weniger aufgrund ihres Schaffens, sondern eher wegen der Kreise in denen sie gewirkt hat und der namhaften Zeitgenossen wegen, mit denen sie befreundet war. Namen wie Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud finden sich darunter. Da ich diesen ihren Zeitgenossen schon in anderen Rezensionen Aufmerksamkeit gewidmet habe – sei es die Interpretation von Rilkes Gedicht <em>Schlussstück</em>, Klaus Modicks <em>Konzert ohne Dichter</em>, in dem es ebenfalls autofiktional um Rilke und den Worpsweder Künstlerkreis geht, oder auch Irvin D. Yaloms <em>Und Nietzsche weinte</em>, unnötig zu sagen, wen wir hier antreffen – möchte ich mich dieses Mal auf Lou Andreas-Salomé konzentrieren, die in zuletzt genanntem Roman ebenfalls eine Rolle spielt. Und wer vergessen hatte oder noch gar nicht wusste, dass es zu den jeweiligen Werken bereits Rezensionen von mir gibt, dem sei natürlich das Studio B Archiv empfohlen, in dem man diese alle nachhören kann. <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/">https://lobundverriss.de/studiob-archiv/</a></p><p>Grundlage für meine Rezension bildet der 2016 erschienene und neulich von mir angesehene Spielfilm von Cordula Kablitz-Post, der den Titel seiner Protagonistin <em>Lou Andreas-Salomé </em>trägt. In diesem berichtet eine ältere Lou über ihre Kindheit, aber vor allem von ihrem Leben als junge und erwachsene Frau, die weit gereist ist und stets versuchte, sich dem Eindruck ihrer Familie, speziell ihrer Mutter und den Konventionen der Gesellschaft zu entziehen und ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig und gut empfand. Während sie – für ihre Zeit undenkbar – mit Paul Ree und Friedrich Nietzsche freundschaftlich in einer Arbeitsgemeinschaft zusammenleben wollte, um gemeinsam zu schreiben, zu studieren und zu diskutieren, war ihre Mutter eher bestrebt, sie schnellstmöglich zu verheiraten. Doch die Wunschvorstellung von der „Dreieinigkeit“, wie sie es selbst bezeichnete, ging nicht auf. Beide Herren wollen Salomé in eine Ehe drängen, die sie von vornherein ausgeschlossen hat. Während sie mit Paul Ree jedoch trotzdem weiter freundschaftlich verbunden bleibt, führt ihre Weigerung gegen diese Ehe mit Nietzsche zum Zerwürfnis.</p><p>Salomé studierte Philosophie, Religionsgeschichte und Theologie und gilt als eine der ersten deutschen Psychoanalytikerinnen. Zwar musste sie ihr Studium in Zürich krankheitsbedingt abbrechen, doch ihrem Wissensdurst tat dies keinen Abbruch und so begann sie später, mit 51 Jahren, noch einmal zu studieren und besuchte Vorlesungen Sigmund Freuds, der gleichzeitig zur Vaterfigur für sie wurde. Mit ihren wissenschaftlichen Aufsätzen und Essays zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und zur weiblichen Sexualität beeinflusste sie diesen zudem. Trotz der Tatsache, dass sie von ihren Zeitgenossen und darüber hinaus für ihren Intellekt, ihren Drang nach Wissen, ihre unkonventionelle Lebensweise und auch ihre Ausstrahlung sehr geschätzt wurde und in den Künstlerkreisen ihrer Zeit ein wichtiger Bestandteil war, ist ihr eigentliches Werk doch heutzutage größtenteils in Vergessenheit geraten oder wird zumindest kaum noch rezipiert. Ich denke, es ist an der Zeit, diesem wieder die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>Wie es der Zufall so will, hatte ich kürzlich Besuch von einer guten Freundin, die mir ein kleines Heftchen mit dem Titel <em>Eine Frau geht einen trinken. Alleine. </em>der Autorin Lou Zucker, erschienen im Maro Verlag, schenkte. Schon seit Monaten hätte sie es für mich zu Hause liegen gehabt und nun war endlich die Möglichkeit gekommen, es mir zu schenken. Nicht nur der Titel, auch die Illustration des Covers – eine Anlehnung an Edward Hoppers bekanntes Gemälde <em>Nighthawks</em>,<em> </em>zog mich direkt in seinen Bann. Der Name der Autorin brachte mich – wir sind nicht überrascht – auf die Idee, ihr Werk in meine Rezension einzubeziehen. Die 32 Seiten, die es umfasst, waren schnell gelesen und meine anfänglich Begeisterung bestätigte sich. Aber worum geht es?</p><p>Die Autorin beschreibt uns zunächst, wie problematisch es sich einerseits für sie als Frau anfühlt, allein in eine Bar zu gehen und wie selbstverständlich es im Gegenteil für Männer ist. Oft ist es nicht möglich, als Frau einfach nur allein an der Bar zu sitzen und einen Drink zu nehmen. Beäugende und musternde Blicke von Seiten der Männer sind ihr dabei oft sicher und meist noch das geringste Übel. Oft werden Frauen, die allein unterwegs sind angesprochen, weil sie, einfach nur aufgrund der Tatsache, dass sie allein sind!, bei Männern den Eindruck erwecken, dass sie angesprochen und abgeschleppt werden wollen. Eine andere Möglichkeit scheint völlig ausgeschlossen, weshalb Männer Frauen mitunter umso hartnäckiger bedrängen, was wiederum zur Folge hat, dass es für viele Frauen gar nicht in Frage kommt, allein in eine Bar zu gehen. Wie oft habe ich solche Situationen als Barkeeperin selbst erlebt, in denen ich letztlich auch eingreifen musste. Aber auch von der anderen Seite des Tresen ist mir das Problem durchaus bekannt, manchmal war ich dabei nicht mal allein, sondern habe mit einer Freundin am Tresen gesessen und selbst dann konnten die Typen ganz schön hartnäckig sein – zum Glück kann ich ziemlich harsch sein.</p><p>Anhand dieser Problematik analysiert Lou Zucker, wieso das Alleine-Ausgehen bis heute eher Männersache ist. Wir erfahren dabei, dass der physische öffentliche Raum, zu dem neben Parks und Plätzen eben auch Bars gehören, bis heute und vor allem nachts, oft männliches Territorium ist, wohingegen Frauen im privaten angetroffen werden und den Großteil an Pflegearbeiten übernehmen. Der private und der öffentliche Raum und seine Entwicklung sind es, an dem uns Lou Zucker exemplarisch vor Augen führt, wie es zu den verschiedensten Abwertungen, Zuschreibungen und Diskriminierungen kommt, wobei sie sich dabei nicht ausschließlich auf Frauen, sondern auch auf FLINTA* bezieht. Thematisch reißt sie dabei sowohl die Hexenverfolgung als auch die Entwicklung des Frauenbilds vom 17. zum 18. Jahrhundert an, es geht um Sexarbeit und deren Stigmatisierung, Kolonialismus, Beispiele aus verschiedenen anderen Ländern, aber auch grundsätzliche Probleme in der Erziehung. Nun kommt vielleicht die Frage auf, wie sie das auf so wenigen Seiten schafft, aber sie schafft es. Informativ und nachvollziehbar, mit Belegen und Quellen untermauert und wunderbar illustriert von Josephin Ritschel.</p><p>Was die beiden Lous jedoch unterscheidet ist Folgendes: Während Lou Andreas-Salomé zwar äußerst bestrebt war, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sich den gängigen Konventionen nicht zu beugen und sie ebenfalls mit dem Großteil der Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit vertraut war, geht es ihr dabei vor allem um ihren persönlichen Anspruch auf Selbstständigkeit und Freiheit. In ihrem Werk selbst setzte sie sich jedoch nicht für die Emanzipation der Frau ein und generalisiert diesen Anspruch damit nicht. Wohingegen Lou Zucker, wenn es um die Vorurteile und Zuschreibungen um Frauen geht, die allein ausgehen, ganz klar sagt: „Wie kann sich das endlich ändern? Reclaim the Night!“ Und uns fast ein kleines Handbuch mitgibt, um zu verstehen, wieso manche Dinge so sind, wie sie sind, aber damit auch deutlich macht, dass es schon immer Entwicklungen gegeben hat, alles im Fluss ist und auch wir etwas ändern können. Eine ganz klare Leseempfehlung.</p><p>Und was Lou Andreas-Salomé angeht und die angesprochene, kaum vorhandene Rezeption ihres Werkes, so möchte ich mit einem ihrer Gedichte enden, welches auch im Film rezitiert wird und an dieser Stelle auch die Auseinandersetzung mit ihrer Person und ihrem Werk ganz klar empfehlen.</p><p>Wolga</p><p>Bist Du auch fern: ich schaue Dich doch an,</p><p>Bist Du auch fern: mir bleibst Du doch gegeben -</p><p>Wie eine Gegenwart, die nicht verblassen kann.</p><p>Wie meine Landschaft, liegst du um mein Leben.</p><p></p><p>Hätt ich an deinen Ufern nie geruht:</p><p>Mir ist, als wüßt ich doch um deine Weiten,</p><p>Als landete mich jede Traumesflut</p><p>An deinen ungeheuren Einsamkeiten.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/lou-andreas-salome-und-lou-zucker</link><guid isPermaLink="false">substack:post:142693848</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 17 Mar 2024 17:10:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/142693848/c86f38afce67bc963c05bfbda5f065ea.mp3" length="11010670" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>551</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/142693848/9318712c4ecce5692f3ed7965de4b72b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Yanis Varoufakis - Technofeudalism]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Die Vereinigten Staaten von Amerika haben den Kapitalismus nicht erfunden, aber betrachtet man die größte Wirtschaftsmacht der Welt, könnte man annehmen, sie hätten ihn am besten verstanden, weiterentwickelt, verbessert gar, ganz wertungsfrei, in seinen eigenen Parametern. Alles falsch, sie bringen ihn zur Strecke, argumentiert Yanis Varoufakis in seinem jüngsten Buch “Technofeudalismus”. Nun ist es immer ein bisschen schwierig, jemandes Tod vorherzusagen, wenn er noch quicklebendig erscheint, aber so wie meine geriatrische Oma kurz vorm Himmelsflug nochmal nach einem Glas warmen Radeberger verlangte, let’s fly, Baby!, so geht’s “dem Kapitalismus” in den letzten Jahren und speziell Monaten scheinbar so gut wie nie, die Börsen brummen, Dividenden ò le, los noch ein Aktienrückkauf! Nein, so argumentiert Varoufakis, das sieht nur aus wie Kapitalismus, es ist etwas Neues.</p><p>Wir lamentieren seit Jahrzehnten die zunehmende Ungleichheit “in der Welt” und dachten hoffnungsvoll, aber auch ein bisschen dumm, dass sich das nach der 2008er Weltwirtschaftskrise, nach der 2015er Eurokrise, come on, spätestens nach der Pandemie von 2020 doch irgendwie ausgleichen muss - alle mussten leiden, das muss doch einen nivelierenden Effekt haben, die Schere zwischen Arm und Reich kann unmöglich größer werden - doch, wir haben uns alle getäuscht. Wie gesagt, wir sind alle ein bisschen dumm. Das obere Prozent, Quatsch, die obere Promille fanden Wege, die “Krisen” für sich zu nutzen und die gemeinschaftlichen Anstrengungen, meint, neu gedrucktes Geld in die eigene Tasche zu stecken. Die Gelddruckerei, eigentlich gedacht, je nach politischer Ausrichtung, zur “Ankurbelung der Konjunktur”, zur "Stabilisierung der Haushalte” oder einfach nur um f*****g Menschenleben zu retten: die Googles und Apples und Amazons schafften es, den Großteil davon in ihre Börsenkurse umzuleiten.</p><p>Wie das genau passiert ist und was daraus folgt, wird im Buch “Technofeudalism” erklärt. Nun ist Varoufakis ein Wirtschaftswissenschaftler und damit in meiner persönlichen Wertschätzungsskala theoretisch auf ganz dünnem Eis, wir sprachen erst letztens <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/david-graeber-david-wengrow-anfange">drüber</a>. Manche sagen sogar er sei ein <a target="_blank" href="https://www.yanisvaroufakis.eu/category/antisemitism/">Antisemit</a>. Nun gut, wer ist das heute nicht. Aber Varou, wie wir Fanboys ‘n’ Gals ihn nennen, hat in meiner Buchhaltung eine Menge auf der Habenseite. Er war 2015 für sechs Monate griechischer Finanzminister, und was er dort geliefert hat, war zu cool. Wie er den europäischen Finanzministern vorrechnete, wie falsch das ist, was sie da machen, für die griechische Volkswirtschaft, aber auch für ihre eigenen, und wie die das nicht interessiert hat, weil es ihnen nie um irgendeine Wirtschaft fürs Volk ging, sondern um eine für die der zugrundeliegenden Wirtschaftsart namensgebenden Kapitalisten - es war mir ein inneres EU-Parlament. Das kulminierte in einer Episode, in der Varoufakis den leider viel zu spät verstorbenen Wolfgang Schäuble mit seiner Fachkompetenz und dem hellenistischen Urglauben an die Demokratie so außer sich brachte, dass sich dieser selbst die pseudodemokratische Maske vom Gesicht riss, mit dem Ausspruch, <a target="_blank" href="https://foreignpolicy.com/2015/03/06/is-the-euro-compatible-with-democracy/#:~:text=New%20elections%20change%20nothing">dass Wahlen nichts ändern würden</a>, es gäbe Regeln, Pech gehabt, sie sind tief in den Statuten der Europäischen Gemeinschaft verankert versteckt, und halt keine demokratischen, sondern urkapitalistische. Das soll man sich eigentlich nur denken, aber um Gottes Willen nicht laut sagen. Unter Schäubles Führung rächten sich die nackisch gemachten europäischen Finanzminister an Varoufakis und raubten stellvertretend seine Landsleute aus. Aber das war eh der Plan. Yanis Varoufakis hielt seine schonungslose Ehrlichkeit übrigens bis nach dem Ableben des <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stasi_2.0">Minister Stasi 2.0</a> am Lodern und <a target="_blank" href="https://www.yanisvaroufakis.eu/2023/12/27/wolfgang-schauble-1942-2023/">hackte ordentlich nach</a>. Dass man über Tote nichts Schlechtes sagt, ist ohnehin eine vollständig überflüssige Regel. Wolfgang Schäuble war als Politiker immer ein rücksichtsloser Drecksack. So, jetzt ist es raus.</p><p>In seinem neuesten Werk “Technofeudalismus” erklärt uns Varoufakis also in dem ihm eigenen Stil das Ende vom Kapitalismus. Diesmal schreibt er nicht an seine Tochter, wie in seinem wohl <a target="_blank" href="https://amzn.to/3TvbM6v">erfolgreichsten Buch</a>, sondern an seinen Vater, der Metallurg war. Diese gelegentlichen persönlichen Anreden im Text schwanken zwischen Aufhänger und Rührstück und machen mich eher wirr, aber man kann drüber hinweglesen und die Ideen dennoch verstehen: So wie es in der Antike Umwälzungen gab, ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt die von der Bronze in die Eisenzeit, beschrieben, oder besser: lamentiert von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Werke_und_Tage">Hesiod</a>, gibt es diese Paradigmenwechsel auch später. Es gab den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus, also von einem System, welches auf der Verpachtung von Grund und Boden, vom König bis hinunter zum Fronbauern reichte, hin zu einem System, in dem man mit dem namensgebenden Kapital und ohne großen Grundbesitz reich werden konnte. Diese Hochzeit des Kapitalismus der reinen Lehre funktionierte bis zu einem Zeitraum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Varoufakis, übernommen vom Ökonomen John Kenneth Galbraith etwas steif als “Technostruktur” benennt und im Grunde eine finanzkapitalistische Planwirtschaft war, mit dem Ende des 2. Weltkrieges ausgedacht von und praktiziert zum Vorteil der USA. Ihr einziges Prinzip: der Dollar ist Weltwirtschaftswährung. Diese Ära ging in zwei Schritten unter: einmal mit der Aufkündigung der Verträge von Bretton Woods und der Goldpreisbindung 1971 durch Richard Nixon und ein zweites Mal mit der Finanzkrise von 2008. In beiden Situationen trennte sich Geld von Kapital, man konnte auf einmal reich werden ohne Kapitalist zu sein. Statt wie früher mit Schmerbauch, Zylinder und Zigarre im Mundwinkel und einem Sack voll Kapital Sachen erfinden und ausbeutend produzieren zu lassen, damit man sie dann irgendwelchen Deppen verkauft und dabei stinkereich wird, gab es nun neue Wege zur Yacht. Bis 2008 mit der Spekulation mit den mittlerweile allbekannten “Derivaten”, also finanzmathematischen Konstrukten, die mit der Realität nichts zu tun haben und dennoch “irgendwie” Geld abwarfen. Seit 2008 wurde das nochmal einfacher. Der weltweite Finanzmarkt war mal wieder nur fast gecrasht und wir alle beobachteten horrorfasziniert, wie der Kapitalismus sich der Schlinge mal wieder entzog, durch das mit "quantitatives Easing" herrlich benannte Drucken von Geld. Diese Gelddruckerei, immer schön verbrämt als die Rettung der “Wirtschaft” und damit von “uns allen”, you know, real aber natürlich nur eine Rettung der Banken, wurde nochmals befördert durch die Pandemie. Dieses gedruckte Geld landete jedoch zum allergrößten Teil nie in “der Wirtschaft”, noch nicht mal bei “den Banken” sondern fast ausschließlich in den Aktienkursen weniger Unternehmen, und zwar ausschließlich solchen, die in der Branche tätig sind, die wir heute “die Cloud” nennen.</p><p>Diese Cloud ist ein immaterielles Land in den Wolken, in dem wir mittlerweile alle täglich 16 Stunden verbringen. Wir sitzen ohne Schlüpper in der Videokonferenz, und wischen parallel Tiktok, wir versuchen zwischen zwölf Werbebannern die spiegel.de app zu lesen und abends Netflixen und relaxen wir, weil wir vor Stress nicht schlafen können. Diese Cloud - und das ist der Clou und die große Theorie des Buches - hat aber nichts mehr mit dem Markt oder auch nur dem Kapitalismus zu tun. Sie ist wie ein feudales Kaiserreich aufgeteilt zwischen Königen mit Namen wie Musk, Zuckerberg und Bezos. Darunter sitzen deren Vasallen, die ihnen hörig sind, namentlich die Kapitalisten der alten Schule, die noch “Zeug” herstellen: Daimler, Bayer, Nestle, Hakle, die auf die Cloudkönigreiche angewiesen sind um ihre Produkte loszuwerden, den keiner <em>geht</em> mehr einkaufen, alles ist digital. Wir, die Mittellosen, also fast alle, sind in diesem neufeudalistischem Bild nicht nur die Tagelöhner, die den S**t kaufen, sondern gleichzeitig auch Fronbauern. Denn mit unserem permanenten Klicken, Wischen oder einfach nur auf den Screen starren leisten wir Fronarbeit, wir beackern das Land, äh…, die Cloud, und machen sie mit unseren Daten zu dem was sie ist, auf dass die Vasallen und Könige diese Daten abschöpfen können und wissen, welchen Scheiß sie uns oben oder unten reindrücken sollen. Klingt logisch und wird von Wirtschaftswissenschaftlern wahrscheinlich in genau diesem Augenblick in Grund und Boden zerlegt, wie sie so sind, die Ökonomen, siehe mein <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/david-graeber-david-wengrow-anfange">letzter Studio B Beitrag</a>.</p><p>Das alles liest sich faszinierend und schlüssig. Aber Theorien müssen nicht “stimmen”, und selbst ich, der ich mit Geld so gut umgehen kann wie ein schwäbischer Hausmann, der sich im Weinstüble den Frust von der Seele trinkt, weil er gerade als Leiharbeiter bei “Daimler” geschasst wurde, findet ein paar Löcher in Varoufakis Herleitung, aber ich werde mich natürlich hüten, dem ehemaligen griechischen Finanzminister die Fehler in seinem Buch zu germansplaining!</p><p>Wie gesagt, Theorien sind richtig oder falsch, who knows. Das Leben braucht keine Anleitung, oft reicht es, wenn dir jemand den Ansatz einer Erklärung liefert, für den S**t, der dir schon lange auffällt. Dass es nur noch einen Onlineshop gibt, zum Beispiel, eine Suchmaschine, die jeder nimmt, obwohl sie schon lange kaputt ist, zwei Handybetriebssystem, die alles genau so ein bisschen andern machen, dass man nie wirklich wechseln kann und im Kino kommen die immer gleichen Superheldenfilme mit Cliffhangern, wer guckt den Scheiß?! Mit Varoufakis’ Buch haben wir eine Erklärung, warum das so ist und wir realisieren, wir sollten beginnen zu handeln. Nicht um den Lauf dieser Dinge aufzuhalten, das ist ziemlich zu spät. Aber so wie sich Bauern kaum gekümmert haben um den Voigt, bis er zweimal im Jahr kam, die Fron zu kassieren, können auch wir versuchen, ein richtiges Leben im Falschen zu führen.</p><p>Man muss zum Beispiel nicht die FAZ abonnieren, um Reportagen zu lesen, wenn man <a target="_blank" href="https://krautreporter.de/mitglied-werden">Krautreporter</a> lesen kann, man muss kein Spotify haben, wenn man eine gemeinsame Musiksammlung hat (zumindest solange das alte Recht auf <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Privatkopie#:~:text=Privatkopie%20(juristisch%20Vervielf%C3%A4ltigungen%20nach%20%C2%A7,gewerbliche%20und%20nicht%20%C3%B6ffentliche%20Nutzung.">Privatkopie </a>noch gilt). Man muss nicht allein versuchen, seinen nach zwei Jahren obsoleten Staubsaugerroboter zum Laufen zu bekommen, dafür gibt’s in jeder kleineren und größeren Stadt einen Ableger des Chaos Computer Club oder auch nur einen alten Mann, der den Mut und den Anschluss nicht verloren hat und dir das Ding irgendwie zum saugen bringt. Und mal echt, wenn man Netflix kündigt, passiert recht wenig, wenn man Leute kennt, die einem erklären, dass das konsumieren von gestreamten Videos nicht strafbar ist, egal, was die Bildzeitung schreibt und dass das mit einem Werbeblocker sogar recht sicher ist und den grandiosen Nebeneffekt hat, dass man dann die Bildzeitung <a target="_blank" href="https://www.pcspezialist.de/blog/2015/10/13/auf-bild-de-nichts-mehr-sichtbar-springer-vs-adblocker/">nicht mehr lesen </a>kann.</p><p>Social Media braucht man, klar, man will nicht einsam sterben, aber Social Media ist nicht Twitter, man muss es nur mal ohne probieren. Die erste, gewissermaßen urzeitliche, Theorie, was dieses Internet ermöglichen wird, war doch, dass jeder mit jedem reden können wird, dass man zu einer viel größeren Anzahl von Menschen Kontakt halten, sich organisieren kann. Social Media heute ist ziemlich das Gegenteil davon. Denn es kamen diese Leute, diese lauten, extrovertierten, deren Lebensziel es ist, von möglichst vielen gehört zu werden und schon bald war vergessen, worum es ging, in diesem Internet: das Miteinander, das Zuhören oder sich Belegen, das streiten und richtig sauer sein, aber es ging nie um das Sprechen zu möglichst vielen auf einmal. Da die Lauten am Ende immer die Erfolgreichen sind, in unserem System also “reicher”, hatten sie bald die Möglichkeit, diese Perversion der Theorie des Miteinander, das Schreien in 140 Worten, in die Praxis umzusetzen. Myspace, Facebook, Twitter und das, was jetzt davon als X dahinvegetiert sind das Ergebnis, wenn man Idioten machen lässt. Aber die Nerds wachen endlich auf. Die Introvertierten, die keine Millionen Follower brauchen um sich selbst zu bestätigen, die wussten schon immer, dass das großartige am Internet nicht die Plattform, die endlose Ebene ist, sondern die Nische , die kleine Echokammer, in der man gemeinsam flüstern kann. Warum soll ein <a target="_blank" href="https://elk.zone/mastodon.social/@juergen_hubert@thefolklore.cafe">Fediverse-Account</a>, der Übersetzungen deutschsprachiger Sagen ins Englische postet 120.000 Follower beschallen wollen? Wenn diesem Account 3000 Leute folgen, reicht das doch völlig aus. Diese 3000 Follower scrollen jeden Tag über diese brillanten kleinen Sagenposts ohne sie zu lesen, nur um ab und an hängen zu bleiben. Ist das schlimm, dass sie nicht jeden Tag hängen bleiben, jeden Post lesen? Das es “nur” 3000 sind? Nein, dem Autor macht es offensichtlich Freude, alte deutsche Sagen zu übersetzen, ein paar Lesern Freude das zu lesen, ab und an, wo ist das Problem?</p><p>Unser Literaturmagazin, <a target="_blank" href="https://elk.zone/mastodon.social/@LobundVerriss">hier</a>, das <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv">hier</a>, was Du gerade liest, erhalten jede Woche 35 Freunde in ihr Postfach und laut todsicher marketinggerecht gefälschter Statistik öffnen angeblich 50% davon sogar die E-Mail! Wäre es schön, wenn es 1000 wären? Ich habe das leise Gefühl eher nein. Wir müssten die Kommentare abschalten, weil Yanis Varoufakis natürlich kein/natürlich ein ganz extremer Antisemit ist. Irgendein Idiot oder zwei würden sich verpflichtet fühlen, uns mit Hilfe von Reddit oder 4chan Links zu erklären, dass Siri Hustvedt natürlich bei Paul Auster abschreibt, weiß jeder. Bei einer Million Leserinnen unseres Newsletter würden wir dann alle $ in den Augen haben und die neuesten Neuerscheinungen würden unsere Kindles zum Überlaufen bringen und wir würden nicht mehr das lesen, was wir lesen wollen,  <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/fettammern-rotkehlchen-und-gefullter-kalbskopf">alte Bücher</a>, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/irmtraud-morgner-die-wundersamen-reisen-gustavs-des-weltfahrers">obskure Bücher</a>, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/verurteilt">amerikanische Novellisten aus dem 19. Jahrhundert</a> und derlei. Aber Ok, 200 Leser, das wäre schön, und ihr könnt gerne dafür sorgen:</p><p>Aber wenn ihr Besseres zu tun habt, dann halt nicht. Wir werden weiter jede Woche Bücher lesen, rezensieren, es manchmal nicht schaffen und Wiederholungen senden und uns freuen, dass das jetzt elektronisch geht und nicht wie 1985 nur mit einer Thermopapierkopiermaschine, die man nachts heimlich benutzt um damit ein Fanzine zu drucken, was ausserhalb des Postleitzahlbereiches nie jemand sieht.</p><p>Das alles ist kein Widerstand, keine Revolution. Der Kapitalismus ist zu Ende, wir müssen nicht mehr mitspielen, es gab noch nie was zu gewinnen. Wir sind wieder zurück im Mittelalter und wenn man den Sagen glauben kann, die <a target="_blank" href="https://elk.zone/mastodon.social/@juergen_hubert@thefolklore.cafe">Jürgen Hubert</a> sammelt und ins Englische übersetzt oder den Rezepten aus dieser Zeit, die <a target="_blank" href="https://elk.zone/mastodon.social/@VolkerBach">Volker Bach</a> ausprobiert, um uns davon zu berichten, hatte man dort etwas mehr Fun, als uns das in Buch, Funk und Fernsehn vermittelt wird. Woran das wohl liegt?!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/yanis-varoufakis-technofeudalism</link><guid isPermaLink="false">substack:post:142477237</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 10 Mar 2024 12:10:42 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/142477237/1dbc7e4967f98df94950eb227a3f8344.mp3" length="12948837" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>809</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/142477237/ac8321144ea45b036b7dc74d6feb6790.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Hustvedt, Graeber, Wengrow]]></title><description><![CDATA[<p>Fußnoten und Literaturverzeichnisse waren früher ein klares Erkennungszeichen für “ernsthafte” wissenschaftliche Werke. Das hat sich ein bisschen verwässert (looking at you, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/von-nerds-und-chikkas">Junot Diaz </a>👀), aber in den Büchern, die das Kollektiv in dieser Diskussion bespricht, sind die Anhängsel weder Klamauk, noch sind es Merkmale furztrockener Dissertationen. Nein, Siri Hustvedts “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/siri-hustvedt-mutter-vater-und-tater">Mütter, Väter und Täter</a>” und David Graeber/David Wengrows “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/david-graeber-david-wengrow-anfange">Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit</a>” sind faszinierende, lesbare Werke, für die man sich Zeit nehmen kann und muss, im letzteren Fall, mit knapp 700 Seiten eher viel. Da waren sich mal alle einig, was für eine Harmonie! </p><p>Hört rein!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-hustvedt-graeber-wengrow</link><guid isPermaLink="false">substack:post:142105450</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen, Irmgard Lumpini, and Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Mar 2024 18:33:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/142105450/c1fc11866fd48dfa3b4711d65d5dd946.mp3" length="23680357" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen, Irmgard Lumpini, and Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1480</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/142105450/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[David Graeber, David Wengrow - Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit]]></title><description><![CDATA[<p>Entgegen recht verbreiteter Ansichten - damals wie heute - waren Wissenschaftler und ihre Methoden in den Universitäten rechts und links des Eisernen Vorhangs nicht so unterschiedlich, wie man denkt. Ein Baum ist ein Baum ist ein Kernreaktor ist ein Plato und so studierten Förster, Physiker, ja sogar Philosophen, durchaus die gleichen Sachen. Sie kamen dabei auf unterschiedliche Ergebnisse, was in der Natur der Wissenschaft und der Weltansichten liegt, aber all das hatte Grenzen; man kann ein Atom nur auf ein paar Art und Weisen spalten und wenn man hinterher darüber berichten möchte, sollte man bei den Berechnungen nur in engen Grenzen auf die Ideologen um einen herum hören.</p><p>Es gab natürlich eine Ausnahme: Studierte man <em>Wirtschafts</em>wissenschaften an der London School of Economics oder der University of Chicago stritt man sich, sicher, und sicher auch heftig, wie das im Fachgebiet wohl üblich ist, und ward dennoch als “Wirtschaftswissenschaftler” akzeptiert. Studierte man das Gleiche jedoch an der Frankfurter Uni, also, Frankfurt <em>an der Oder</em>, war man ein “Ökonom” und eine rote Socke und hätte sich das aus heutiger Sicht eigentlich sparen können.</p><p>Das alles ist weitgehend vergessen. “Wirtschaftswissenschaftler” (also die aus dem Westen) sind immer noch angesehene Akademiker. Keine Nachrichtensendung kommt ohne Zahlen und Prognosen aus der Wirtschaft aus. Wirtschaftsweise machen darin Aussagen zum Wachstum derselben, Institute für “Weltwirtschaft”, “Wirtschaftsförderung” oder einfach nur “Wirtschaft” selbst, sehen jedes Frühjahr einen Stimmungsaufschwung von bis hinters Komma festgelegten Prozenten. Diese werden in Nachrichtensendungen verkündet, sie begründen Hoffnungen und Sorgen “in der Wirtschaft” und Dax-Vorstände, Politiker und Kommentatoren werden ganz emotional dabei. Im Herbst dann wird berichtet, in derselben Nachrichtensendung, von denselben Weisen, Instituten und Komitees, dass sich Prognosen und Stimmungen verändert haben, ach was, und aus IxKommaYpsilon Prozent, Anteil und Betrag werden derer völlig andere IxKommaYpsilons! Wie geht?! Geht!</p><p>Und niemand, wirklich keiner, nie <em>einer</em> (es sind meist Männer), in einer solchen Nachrichtensendung hat sich je gefragt, ob sie denn wirklich Experten seien, wenn sie ihre Zahlen von vor sechs Monaten doch gerade wieder korrigieren mussten, dass diese Zahlen nie ohne Beiworte wie "entgegen den Erwartungen", und "überraschend" oder gar “schockierend” erzählt werden. Nie kommt in diesen Sendungen zur Sprache, was unzählige Brücken bauende Ingenieure, Hochhaus-Statiker, Groß- und Kleintierversorgende Veterinärmediziner oder Seen- und landschaftspflegende Berufsausübende, lauter als leise, auf der anderen Seite der Glotze flüstern und schreien: “Wenn <em>wir</em> einen solchen Unsinn, ungenauen Blödsinn und reinen Aberglauben produzieren würden, wäret ihr unter Euren Häusern und Brücken, samt Euren Nutztieren und -pflanzen begraben und zusammen mit dem ganzen verdammte Planeten schon lange tot!!1!”</p><p>Wie kommt es, dass wochentags, direkt vor der Hauptnachrichtensendung des Ersten Deutschen Fernsehens, beste Sendezeit also, fünf Minuten einem Thema, der Börse, gewidmet werden, welches für das Einkommen von 99 % der Zuschauer genauso relevant ist, wie die Sendungen zur gleichen Zeit am Wochenende, die sich um die Lottozahlen kümmern? (und deren Zahlen unter notarieller Aufsicht so genau und richtig sind, wie es sich die Reporterin in “Börse vor Acht” nur erträumen kann)? Warum gibt es mehrseitige Wirtschaftsteile in baumvernichtenden Zeitungen, nur damit ein paar Promille der Bevölkerung in einem Lufthansaflug zwischen Frankfurt und Düsseldorf mit diesen der Sekretärin im Sichtfeld rumfuchteln können? Ein Wahnsinn.</p><p>Wenn man sich um diesen Wahnsinn nicht kümmern möchte, kann man sich natürlich mit anderen Sachen beschäftigen, es gibt ja noch andere Wissenschaften, die einem den Tag vertreiben. Medizin zum Beispiel oder Biologie. Neue, epochale Medikamente werden da erfunden in Dänemark. Doch was wir lesen ist, dass das dänische Bruttosozialprodukt um 0,4 % gestiegen ist, weil eine Medizinfirma ein Abnehmmittel erfand. Das lesen wir als erstes. Wir lesen nicht, wie es funktioniert, für wen es hilfreich ist. Die Nachrichten verkünden, dass das Zeug viel zu teuer für die Krankenkassen sei. Wir lesen nicht über die Menschen, denen es hilft. Und vom Fakt, dass es millionenweise Übergewichtigen gelingt mit Hilfe der Droge von Ihrer Fresssucht loszukommen bleibt in den Webspalten übrig, dass das der Supermarktkette Walmart den <a target="_blank" href="https://www.nbcnews.com/business/consumer/ozempic-drug-users-are-buying-less-food-walmart-says-rcna119000">Börsenkurs </a>versaut.</p><p>Ok, das war nix, schauen wir.. wohin mal schnell? Ok, Insektenforschung, Entomologie, wenn man schlau klingen will. Was wird entdeckt, was verschwindet, wie fickt die Biene?! Immer weniger, lernen wir und das bedeutet Ernteausfall, Dürre und damit der Niedergang ganzer Wirtschaftszweige. Ok, zeig mir irgendwas anderes als Wirtschaft, Frau Google! Wir blättern und wischen verzweifelt: Modeseiten berichten von Werbung auf Tiktok, Literaturbeilagen berichten von Verlagen gegen Amazon, Musikmagazine vergleichen Spotify und Apple Music. Es geht immer nur um Wirtschaft. Wohin fliehen?</p><p>In die Geschichte! Das ist die Lösung! Den Kapitalismus gibt’s seit drei-, vierhundert Jahren, lesen wir also über das Mittelalter - Problem gelöst. Gehen wir kein Risiko ein: Gehen wir an den Anfang der Menschheit zurück, nehmen wir uns ein dickes Buch, was die Story von Beginn an erzählt, als wir alle nackig waren und noch keine Wirtschaft war!</p><p></p><p>“Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit” heißt dieses Buch auf Deutsch, erschienen ist es im Januar 2022 und es ist so dick und reich und anregend, dass ich immer noch drin lese. “The Dawn of Everything: A New History of Humanity", so haben es im Original die Autoren genannt. Diese sind der brillante, originelle, witzige und leider viel zu früh verstorbene David Graeber, ein Anthropologist und sein Kollege aus dem Fach Archäologie: David Wengrow.</p><p>Die Autoren erklären zunächst, warum sie eine <em>neue</em> Geschichte der Menschheit schreiben und die Erklärung ist so einleuchtend, wie sie für mich überraschend war. Sie geht so: Die Geschichtsschreibung, die wir heute in der westlichen Welt lernen und lesen, ist in den größten Teilen nicht älter als 100-200 Jahre. Auch ist sie erstaunlich ähnlich, egal ob man sie in den letzten 70 Jahren links oder rechts vom eisernen Vorhang gelehrt bekommen hat. Ok, die Prognose wer am Ende gewinnen wird, war leicht unterschiedlich, aber die Stories die erzählt wurden, von der Frühzeit bis zum unweigerlichen Sieg der kommunistischen oder eben marktwirtschaftlichen “Freiheit” ähnelten sich doch sehr. Das liegt daran, dass in den letzten paar hundert Jahren die Welt im Westen (zu dem wir hier auch den Osten Europas zählen) materialistische und paternalistische Grundideologien hatte, und genauso materialistisch und paternalistisch wurde jede Quelle, jede Ausgrabung, jedes Mosaik und jedes gefundenen Höhlenbild interpretiert und in die eigene Weltsicht eingepasst. Damit zementierte man diese Weltsicht und verhinderte eine andere und das behindert nicht nur das Sehen eines vielschichtigen und am Ende wahrscheinlichen Bildes der Geschichte der Menschheit, es verhindert auch die Sicht auf eine vielfältige und offene Zukunft ebendieser.</p><p>Das macht Wengrow und vor allem den selbsternannten Anarchisten Graeber <em>äußerst</em> wütend. Man könnte von Wissenschaftlern erwarten, dass sie in Werken, in denen sie andere solche kritisieren, für diese ein gewisses Verständnis aufbringen, für deren Umstände, in denen Theorien und Werke entstanden, man selbst kann als Wissenschafter ja unmöglich fehlerfrei sein. Nicht so die beiden Davids, sie ziehen vom Leder, es ist eine Freude. Das macht das Buch wohltuend zu lesen für den Laien, der sich auf ihrer politischen Seite wähnt (also idealistische Feministen wie mich). Die andere Seite, die alten Bewahrer der Welt (m), die ihre Reputation zerstört sehen durch die +600 Seiten an alternativen Interpretationen, alternativen Theorien, alternativen Blicken auf die gleichen Quellen, Ausgrabungen und Zeitzeugen, diese gehen sicher hart ins Gericht mit dem Buch. Ich bin auch diesmal meiner Regel treu geblieben, keine Rezensionen zu Werken zu lesen, bevor die meine nicht veröffentlicht ist. Aber das Buch ist so voll von Kritik am bestehenden materialisitisch-patriarchalen Geschichtsbild, dass die Bingokarte recht schnell voll ist mit garantiert in Rezensionen auftauchenden Worten: “woke”, “social justice” oder “feminist history” werden dabei sein. Ich hole schon mal den Bingostempel.</p><p>Nun stehe ich der Geschichtswissenschaft mit einer gewissen Grundskepsis gegenüber, die man früher äußern konnte, ohne in den Verdacht des Schwurbler- und Querdenkertums zu geraten. Sie ist in vielem unberechtigt, aber so tief verwurzelt, dass ich sie schwer los werde. In der DDR in die Schule gegangen, in der die Weltläufte nicht immer allzu zusammenhängend übermittelt wurden, bekam ich ein paar Jahre später die Stasi-Akten meiner Familie auf den Tisch, also Quellen aus allererster Hand, deren Inhalt wir als direkte Zeitzeuge auf Richtigkeit überprüfen konnten. Wir haben selten so gelacht. So viel war falsch, ja lächerlich. Anderen ging es ähnlich, so zwischen drei und fünf Millionen Menschen, schätzt man, hatten ähnliche Erfahrungen und haben dennoch jeden Scheiß geglaubt, den sich der Spiegel über, sagen wir: Manfred Stolpe, aus dessen Stasiakten zusammenreimte. Aus solchen Artikeln wurden irgendwann Bücher und diese werden aktuell und in Zukunft in Schulen gelehrt. Was dabei in künftigen Generationenköpfen entsteht, werden Geschichten sein, aber nicht “die Geschichte”. Extrapoliert man diese minimale Episode an “falscher Geschichte” hoch bis in die Prähistorie, bleibt einfach nicht viel übrig, von dem, was wir über uns zu wissen meinen. Das Thema sprechen David Graeber und David Wengrow an, sie erläutern ihre Meinung dazu (eine andere als die meine, logisch, es ist ihr Job) und können aber natürlich ihre <em>neue</em> Geschichte nicht ohne die Worte “könnte”, “hätte” oder “wäre” schreiben. Sie weisen, wie es sich gehört, darauf hin, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte, aber was geschrieben ist, erhält deklaratorischen Wert, der einschränkende Halbsatz ist schnell vergessen.</p><p>So berichten Graeber und Wengrow von neuen Erkenntnissen in der Archäologie: diese entstehen nicht nur durch den technischen Fortschritt in Altersbestimmung, Radiologie oder DNA-Sequenzierung sondern auch, weil das Feld nicht mehr nur von schnauzbärtigen Männern mit Hüten betrieben wird sondern von Frauen oder Wissenschaftlern, die nicht unbedingt dem Okzident entstammen. Wenn diese auf ihre Entdeckungen schauen, tun sie das nicht mehr durch die koloniale Brille von Eroberung und Ressourcenextraktion. Wir erfahren von nordamerikanischen Tribes, die in fast gleichen Lebensräumen völlig unterschiedliche Arten des Zusammenlebens praktizierten. Es gab natürlich die expansiven Apache und Comanche, parallel aber eben zu Tribes die sich am Ende der Ernte zum potlatch trafen und diese gerecht verteilten. Über erstere schreiben sich die besseren Stories, wenn man die Jugend mit der eigenen raubmordenden Kolonialisierung versöhnen möchte, für eine Welt, die noch ein paar hundert Jahre halten soll, sind die Berichte von kommunalen Praktiken der Tlingit, Haida oder der Chinook wichtiger - und dass der Leser von diesen drei wahrscheinlich nur eine kennt, sagt alles über den Zustand unserer Welt.</p><p>Wir erfahren, in einer der für mich interessantesten Aspekten der modernen Anthropologie, dass auch unser zeitlicher Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen beengt zu sein scheint. Gesellschaftliche Strukturen sehen wir aus moderner Sicht in Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Viel wichtiger, ja, ist auf einmal logisch, sind Jahreszeiten. Wir lernen über, Bingo, Amazonastribes, die in der Trockenzeit in streng hierarchischen Gruppen jagen, mit brutalen Führern und unterdrücktem Fussvolk. In der Regenzeit sind diese Führer dann ganz normale Mitglieder der Gemeinde und führen ohne jeden Ansehensverlust die “niederen” Tätigkeiten aus, die dann nötig sind. Und nun stellen wir uns Friedrich Merz vor, wie er bei Netto an der Kasse sitzt.</p><p>Man sollte nicht erwarten, am Ende des Buches die “richtige” und “wahre” Geschichte der Menschheit zu kennen. Speziell der unermüdlich progressive und nochmal etwas politischere der beiden Davids, nämlich David Graeber, hat dieses, sein letztes Buch, wohl auch als Zukunfts- denn als Geschichtsbuch geschrieben. Denn wenn man die scheinbare Vorherbestimmtheit unserer aktuellen materialistischen Money-Money-Welt nicht hinnehmen will, reicht es nicht, den Leuten zu erzählen, dass alles, was sie über diese Welt wissen, aus dieser Weltsicht heraus vermittelt wurde. Man muss ihnen die alternativen Geschichten und deren Quellen aufzeigen. Und das passiert auf ganz wunderbare, verständliche und ausführliche Art und Weise in diesem Buch. Es liest sich wie der spannendste Geschichtsunterricht, den man nie hatte, es fliegt mit Dir durch die Zeiten und über Kontinente. Das Buch ist ein Almanach und ein Kneipenquizlexikon und am Ende hast Du das seltsam gleichzeitige Gefühl mehr zu wissen und viel weniger. Denn Dir ist die Gewissheit abhanden gekommen zu wissen, woher wir kommen und damit die, dass alles so kommen wird, wie Dir jeden Tag in “Börse vor Acht” erzählt wird. Oder wie es David Graeber 2015 in einem <a target="_blank" href="https://amzn.to/3wkA5vO">anderen Buch</a> mit seinem Wohl bekanntesten Zitat zusammenfasste:</p><p>“Die ultimative, geheimste Wahrheit unserer Welt ist, dass sie etwas ist, das wir <em>erschaffen</em>, und genauso gut <em>anders</em> erschaffen können.”</p><p>Damit wir das nicht vergessen, sollten wir dieses Buch lesen.</p> <br/><br/>This is a public episode. 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Das liegt zum einen daran, dass ich sie für eine äußerst intelligente Frau halte und ich ihr mit dem, was ich über sie schreibe, gerecht werden möchte. Zum anderen bin ich fasziniert von dem breiten thematischen Spektrum, mit dem sie sich befasst und den interdisziplinären Verknüpfungen, die sie herstellt.</p><p>Bekanntheit erlangte die amerikanische Literaturwissenschaftlerin zunächst durch ihre Romane, zu denen unter anderem <em>Was ich liebte </em>zählt und 2003 in Deutschland veröffentlicht wurde. Längst ist sie jedoch auch für ihre Essays bekannt und hat ihr wissenschaftliches Feld um Neurowissenschaften und Psychiatrie erweitert, wobei sie für zweiteres auch einen Lehrauftrag an der Cornell University hat. 2018 erschien im Rowohlt Verlag ihr Essayband <em>Die Illusion der Gewissheit –</em> ebenfalls von mir rezensiert – und im vergangenen Jahr, also 2023, ihr aktueller Essayband <em>Mütter, Väter und Täter</em>,<em> </em>der im Original bereits 2021 unter dem Titel <em>Mother, father and other </em>erschien. Es ist mir einmal mehr rätselhaft, wie ein deutscher Verlag von <em>other </em>auf <em>Täter </em>kommt und erinnert mich an einen Roman der britischen Autorin Bernardine Evaristo mit dem Titel <em>Girl, women, other –</em> ebenfalls im Studio B rezensiert – der in Deutschland unter dem Titel <em>Mädchen, Frau etc. </em>veröffentlicht wurde. Aus <em>other </em>wird also einmal <em>etc. </em>und einmal <em>Täter</em>. In unterschiedlichen Verlagen wohlgemerkt. Ich lasse das an dieser Stelle so stehen.</p><p>20 Essays umfasst ihr neuer Band, wobei der früheste aus dem Jahr 2011 stammt und die ältesten 2020 geschrieben wurden. Der Großteil bewegt sich irgendwo dazwischen. Anhand ihrer eigenen Biografie und Familienhistorie kreist sie verschiedene Themen ein. Am Beispiel ihrer Großmutter stellt sie die Frage, wie wir Dinge und Geschehnisse erinnern und wie diese Erinnerung sich im Laufe der Zeit verändert. Dabei fällt ihr beispielsweise auf, dass die Identität ihres Vaters vor allem vom Erinnern und seinen Nachforschungen über die väterliche Linie geprägt war, während er die mütterliche Linie völlig außer Acht ließ. Darüber stellt sie folgende Beobachtung an:</p><p>„Erst als Erwachsene war ich imstande, über das Problem der Auslassung nachzudenken – eher darüber, was fehlt, als darüber, was da ist – und allmählich zu verstehen, dass das Ungesagte ebenso laut spricht wie das Gesagte.“ (S. 11)</p><p>Eine Feststellung, die simpel anmutet und doch ertappe ich mich dabei – während ich es lese – dass auch ich sie bisher gar nicht so konkret in meinen Reflexionen über meine eigene Familie beachtet habe. Auch Gedanken zum Tod spielen in verschiedenen Kontexten eine Rolle, sei es, wenn es um ihre Eltern oder ihre eigene Sterblichkeit geht, aber auch allgemein, wie in verschiedenen Kulturkreisen der Tod auf unterschiedlichste Weise zelebriert und die Toten geehrt werden. In einem späteren Essay vom 23. April 2020, also dem Beginn der Corona Pandemie, erscheint das Thema Tod noch einmal in einem ganz anderen Licht, denn es ist verknüpft mit politischen Entscheidungen – oder Fehlentscheidungen – politischer Rhetorik und damit einhergehendem, bereits vorhandenem oder geschürtem Rassismus, oder „virale[n] Redefiguren“. Dabei stellt sie fest: </p><p>„Der menschliche Körper ist ein Ökosystem, das von den Ökosystemen seiner Umgebung abhängt. Und wir sind soziale Tiere, die zum Überleben in hohem Maße von anderen unserer Art abhängen.“ (S. 136) </p><p>Gleichfalls lernen wir, dass der Ausdruck <em>social distancing </em>bereits 2003 entstanden ist und – das ist uns weniger neu – ein Privileg ist, wie sich während der Pandemie gezeigt hat. Auch dem Stellenwert von Lesen während der Pandemie widmet sie einen Essay, in dem gleich zu Beginn deutlich wird, welch intimes und freiheitliches Erlebnis die Lektüre ist und ich möchte hinzufügen, dass sie das natürlich auch außerhalb von Seuchen ist.</p><p>Siri Hustvedt befasst sich in ihren Essays mit einer Vielzahl unterschiedlicher und komplexer Themen, deren aufmerksame Lektüre dazu führen kann, den Zusammenhang vermeintlich gar nicht miteinander in Verbindung stehender Gedanken und Fragen zu begreifen. Abgesehen von den bereits genannten Thematiken geht es auch immer um zwischenmenschliche Beziehungen und Wahrnehmung. Dabei gelangt sie zu so vermeintlich schlichten wie treffenden Erkenntnissen, wie der, dass, wie ich einen anderen wahrnehme und sehe, auch immer davon abhängig ist, wie ich mich selbst sehe. Aber sie stellt auch die Frage, was Weiblichkeit eigentlich ist; wie sie sich definiert. In einem, bereits 2019 verfassten Essay, befasst sie sich mit dem Ursprung und Diskursen zum Thema Misogynie, ein Thema, das leider keineswegs neu ist, uns aber dieser Tage, auch aufgrund von social media, immer mehr beschäftigt und immer neue, erschreckende Ausmaße annimmt.</p><p>Es soll sicher nicht das Ziel dieser Rezension sein, sämtliche Themen ihres Essaybandes <em>Mütter, Väter und Täter </em>darzulegen, aber das kurze Anreissen, zumindest einiger Themen, soll verdeutlichen, wie breit sie thematisch aufgestellt ist. Dadurch ermöglicht sie der Leserin sich mit jedem neuen Essay auch gedanklich in eine neue Materie einzudenken, etwas Neues zu erfahren, ihre eigenen Ansichten zu prüfen, zu hinterfragen oder neu zu überdenken und zu erweitern. Dabei sind ihre Essays stets von ihrer feministischen Perspektive geprägt, durch die sie uns vor Augen führt, wie Frauen über die Jahrhunderte hinweg benachteiligt wurden und immernoch werden und Schlimmeres. Mit teilweise sehr persönlichen Texten, in denen wir lernen, dass Wut auch etwas Gutes sein kann und anderen sehr komplexen Texten, die sich thematisch beispielsweise mit Kunst, Neurowissenschaften, Literatur oder Politik befassen, schafft sie ein weites Feld, dass dem Lesenden Denkanstöße ermöglicht – ja geradezu aufdrängt – und ihm dadurch die Möglichkeit eröffnet, seinen eigenen Horizont zu erweitern. Eine unbedingte Empfehlung!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/siri-hustvedt-mutter-vater-und-tater</link><guid isPermaLink="false">substack:post:141553303</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 Feb 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/141553303/e678f393eba99f5ecc1314704e67dd9d.mp3" length="8964747" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>448</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/141553303/a565352907e25062289da7464a61ea86.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit]]></title><description><![CDATA[<p>Was macht eigentlich Siri Hustvedt? Schon seit längerem ist sie meiner Aufmerksamkeit entgangen und nur durch Zufall bekam ich mit, dass sie bereits im letzten Jahr ein neues Werk veröffentlicht hat, das den Titel <em>Mütter, Väter, Täter </em>trägt und eine Sammlung von Essays beinhaltet. Bevor ich dieses in meiner nächsten Rezension besprechen möchte, gibt es heute als Studio B Klassiker eine Rezension aus dem Jahr 2018, in der ich mich ebenfalls mit Siri Hustvedt und ihrem Essayband <em>Die Illusion der Gewissheit </em>befasse.</p><p>Es gibt eine Vielzahl an Sprichwörtern und vor allem Redensarten, die aus unserem täglichen Sprachgebrauch zwar nicht mehr wegzudenken sind, von denen wir uns aber längst nicht mehr die Mühe machen, sie zu hinterfragen oder zu verstehen, worin deren Sinn liegt. Das kann einem schon ganz schön auf den Geist gehen, es sei denn, man hat plötzlich einen Geistesblitz. Was ich damit sagen will? Dass sich Siri Hustvedts kürzlich im Rowohlt Verlag erschienener Essay <em>Die Illusion der Gewissheit</em>, oder <em>The Delusions of Certainty</em>, wie er im englischen Original heißt, genau mit diesem Thema befasst. Nämlich der Frage nach dem Geist. Was hat es mit diesem Begriff, den wir so leichthin benutzen, auf sich? Und was verstehen wir eigentlich unter Geist bzw. was ist die Beziehung zwischen Geist und Körper?</p><p>Die Frage ist nicht neu, doch für Siri Hustvedt viel zu spannend, um sich nicht mit ihr zu beschäftigen. Dies tut sie, indem sie dem Leser bekannte Fragestellungen und Theorien vorstellt und sich auf verschiedene Fachbereiche wie Genetik, Psychologie, Sprache oder die Evolutionstheorie bezieht. Sehr gut recherchiert und stets mit Beispielen und Gegenbeispielen belegt, führt sie dem Leser vor, wie Annahmen einfach über die Jahre hinweg übernommen wurden, ohne hinterfragt zu werden und damit eine gewisse Allgemeingültigkeit erlangt haben, was sie für die meisten Menschen über jeden Zweifel erhebt. Doch Siri Hustvedt will „für den Zweifel und die Vieldeutigkeit plädieren, und zwar nicht etwa, weil wir nichts wissen können, sondern weil wir unsere Überzeugung stets prüfen sollten und hinterfragen, woher sie kommen.“ (S. 30)</p><p>Ein zentraler Aspekt ihres Essays ist die Unterscheidung zwischen angeborenen und erworbenen Eigenschaften, kurz gesagt: Natur versus Kultur. Unter ihrem Gliederungspunkt „Frauen können keine Physik“, wird, wie auch im restlichen Essay, deutlich, welch große Rolle auch der Feminismus in ihrem Werk spielt. Es geht dabei um die immer wiederkehrende Behauptung, dass Frauen Männern von Natur aus unterlegen sind und angeblich, aufgrund ihrer Biologie, in einigen Bereichen schlechter sind als diese – anhand des Untertitels wird deutlich, auf welche Bereiche sie hier anspielt. Um dies zu widerlegen, wird sie nicht müde, die verschiedensten Studien ins Feld zu führen, die sowohl für als auch gegen diese Tatsache sprechen und wie diese unterschiedlichen Ergebnisse zustande kommen. Und es ist wunderbar einfach zu verstehen, wenn man sich nur einmal kurz die Zeit nimmt, darüber nachzudenken.</p><p>Ein weiteres, kurzes Beispiel dafür, womit sich ihr Essay auseinandersetzt, ist die Frage, wie sehr ein Wunsch körperliche Auswirkungen mit sich bringen kann. Deutlich gemacht wird dies anhand der Scheinschwangerschaft. Die Vorstellung, schwanger zu sein, kann durchaus sichtbare und objektiv nachweisbare Schwangerschaftsmerkmale erzeugen. Dabei ist aber nicht die Frage, ob der Wunsch nach der Schwangerschaft zu Veränderungen des Hormonspiegels führt, sondern vielmehr, wie stark der Inhalt dieses Wunsches, also dieses Gedanken, den unser Geist produziert, sein kann, dass er zu physischen Auswirkungen führt. Hierzu ein Zitat:</p><p>„Wie können Vorstellungen, Überzeugungen, Wünsche und Ängste den Körper verändern? Steht der Geist über der Materie? Haben wir es hier mit einem Zusammenspiel von psychologischen und physiologischen Faktoren zu tun? Wenn man die Tatsache akzeptiert, dass Vorstellungen Körper verändern können, was hat das dann im Hinblick auf das Körper-Geist-Problem zu bedeuten?“ (S. 134)</p><p>Hustvedt verweist darauf, dass es eine Lücke zwischen Körper und Geist gibt, die der Grund dafür ist, dass wir zwar das Gehirn mit all seinen Synapsen, Neuronen und chemischen Eigenschaften irgendwann in Gänze erklären können, doch es bleibt die Frage, wie sinnvoll es ist, Dinge wie gerade genannte Wünsche, aber auch Hoffnungen, Träume und Gedanken ausschließlich als neuronale Prozesse zu bezeichnen?</p><p>Was ist nun also die Illusion der Gewissheit? Ich denke, die Frage ist gleichzeitig die Antwort. Es wird immer Dinge geben, die für uns Menschen nicht greifbar sind: Was ist der Geist? Was ist der Verstand und wie unterscheidet er sich vom Körper? Und es gibt die Illusion, dass wir diese Frage mit Gewissheit beantworten können. Das wirklich interessante ist aber, zumindest für mich, die Frage und nicht ihre Antwort. Denn solange es Menschen gibt, werden diese sich wohl mit dieser Thematik beschäftigen und genau dieses – sich-damit-beschäftigen – treibt uns an und bringt uns voran. Genau das ist auch das Wundervolle an Siri Hustvedts Essay. Sie regt uns an und fordert uns auf, Dinge nicht als gegeben und feststehend hinzunehmen, sondern zu hinterfragen. Dabei räumt sie, für mein Empfinden, manchmal fast etwas wütend mit gängigen Vorurteilen und deren Erschaffern auf.</p><p>Wer <em>Die Illusion der Gewissheit </em>auf deutsch liest, dem sei gesagt, dass die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin (also eine Geisteswissenschaftlerin, haha) Bettina Seifried hier eine großartige Übersetzung geleistet hat. Die Gliederung des Essays hätte, für meinen Geschmack, hier und da noch etwas gebündelter sein können. Nichts desto trotz ist der Text sehr verständlich und hält sich nicht damit auf, sich einer allzu wissenschaftlichen Sprache zu bedienen. Eine sehr <strong>geist</strong>reiche Arbeit und absolut empfehlenswert.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/siri-hustvedt-die-illusion-der-gewissheit</link><guid isPermaLink="false">substack:post:140658190</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 Jan 2024 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/140658190/012e3fcc96cec1a8a15b49721b67e4fb.mp3" length="6782650" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>339</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/140658190/8276eda70bdb9df02e6782639d986e15.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Adam Curtis]]></title><description><![CDATA[<p>Der Jahreswechsel steht an. Es scheint sich ein gewisser Pessimismus breit zu machen. Ob das Alterstrübsinn ist und ich einfach nicht genug junge Leute kenne - kann sein. Aber auch junge Leute scheinen im Angesicht von Klimakatastrophen nicht unbedingt froh in die Zukunft zu schauen, denkt man sich. Das kann ein falscher Eindruck sein, ich kenne nicht genug junge Leute, s.o. Vielleicht kleben ja nicht alle von denen permanent mit der Hand an der Straße, sondern auch ein paar mit derselben am Bierglas, in der Fankurve und haben dort immensen Spaß, weil die Mannschaft auf einem Aufstiegsplatz überwintert - es sei ihnen gegönnt. Früher, also sagen wir 2006, hätte man sich die aktuellen Umfragen von Infratest dimap und Allensbach gegoogelt, für ein bisschen rechts/links Bias adjustiert und wüsste ziemlich genau Bescheid, ob die sich breitmachende Depression nur selbstgefühlt ist oder sich mit den Stimmungsbildern im Land deckt. Dass ich das gar nicht mehr versuche, bedeutet, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten etwas verändert hat. Nur was?</p><p>Jemand, der das erklären kann, klingt so:</p><p></p><p>In leicht verschliffenem Oxford-Englisch erzählt der 50-Jährige Dokumentarfilmer Adam Curtis Geschichten und man hat ständig das Gefühl man erfahre etwas Neues, Ungehörtes, ja Un<em>er</em>hörtes und wenn nicht das, dann wenigstens, dass man einen Zusammenhang aufgezeigt bekommt, den man bisher noch nicht gesehen hatte, wo er doch so verdammt offensichtlich ist.</p><p>Die Bildsprache der Dokumentationen von Adam Curtis ergibt sich zu 100% aus dem verwendeten Material: Adam Curtis hat Zugriff auf das komplette Archiv der BBC und nutzt es in Gänze aus. Was dabei entsteht als “Collagen” zu bezeichnen ist sicher nicht ganz falsch, klingt aber zu “artsy”, zu unverständlich, und die Dokumentationen sind vieles, aber nicht das. Das gesamte Oeuvre von Curtis hat nur ein Ziel: zu verstehen.</p><p>Wir sehen, oft zunächst unkommentiert, historische Aufnahmen, die nicht den BBC-News oder einer BBC-Reportage entstammen, sondern offensichtlich “Abfall” sind, Take-Outs, zufällige Aufnahmen vor oder nach dem eigentlichen Event. Dazu erklingt Musik, gerne “ahistorisch”, also nicht der Zeit im Filmmaterial entsprechend: vielleicht die Doors zu einer Stummfilmaufnahme eines Metallurgiebetriebes in der Sowjetunion im Jahr 1934 oder die Sex Pistols zu einer chinesischen Oper. Obendrüber erzählt Adam Curtis, ruhig, sonor in einfacher Sprache, eine Geschichte, die selten dort endet, wo man das vermutet.</p><p>Die Dokumentationen sind endlang, es sind oft fünf bis sechs 90-Minüter. Die erste Vermutung ist, dass sich Adam Curtis ob der kolossalen Menge an Material in einem TV-Archiv nicht entscheiden kann und uns einen Dia-Abend in Familie zumutet, wo Onkel Jochen den Taj Mahal schon aus allen vier Himmelsrichtungen gezeigt hat, und jetzt nochmal aus dem Flugzeug. Falsch vermutet. Die Dokumentationen haben eine übergreifende Idee und diese soll nicht erklärt werden - Adam Curtis will sie erzählen, wir sollen sie erfahren. Also pickt er sich Persönlichkeiten und Events, teils berühmt, teils überraschend unbekannt und fast immer weit voneinander entfernt. Er erzählt uns alles, was wir über Person A wissen müssen und springt dann zu Event B. Der wohl meistgehörte Satz in Adam Curtis-Filmen ist “And in this exact moment..” gefolgt von einem Schnitt zum Ereignis auf der anderen Seite der Welt. Wir folgen als Zuschauer dem Rhythmus und erfahren audiovisuell, dass Alles miteinander zusammenhängt.</p><p>Thematisch ist Curtis immer das kleine Quentchen seiner Zeit voraus, dass man, wenn man sich seine Werke ein paar Jahre später anschaut, um so ehrfürchtiger wird. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Produktionen ja eine Menge Vorlauf haben. So beschreibt Curtis in  "Hyper Normalisation", wie Propaganda heute funktioniert. Nicht mehr durch das Durchprügeln dubioser “Wahrheiten” (oder gleich von Lügen), sondern durch das Füllen des Kommunikationsraumes mit wahllosen Informationen, richtigen oder falschen, bis der Rezipient überladen ist und aufgibt: “Es weiß ja keiner mehr irgendwas.”. Das Überraschende ist dann, das “HyperNormalisation” bereits im Jahr 2016 erschienen ist, also in dem Jahr, als Donald Trump eben diese Taktik im Wahlkampf angewendet hatte, unterstützt von russischen Trollfabriken, die auf das unterspülen des Informationsraumes mit “Fakenews” spezialisiert waren. Und an welchem Beispiel hatte Adam Curtis maßgeblich die “HyperNormalisation” im Film erklärt: Anhand der Geschichte der Desinformation in Russland von 1991 bis 2016!</p><p>Nun ist derselbe orange Wahnsinn 8 Jahre später wieder auf dem Weg ins Weiße Haus, dazu gibt es Wahlen in Europa, das sich aktuell auch nicht gerade auf der linken Fahrspur hält. Spätestens im Sommer werden wir erfahren, ob die krassen weltweiten Temperaturausschläge im letzten Jahr ein El Niño-Ausreißer waren oder unser Ende eingeläutet haben. Wer sich diesen Gedanken nicht entziehen kann, aber auch nicht in Eskapismus fliehen möchte, der findet in Adam Curtis einen Begleiter, der mit ruhiger Stimme, Geduld und einem unendlichen Vorrat an Geschichten die eigene Zeit ins Verhältnis setzt, die eigenen Gedanken und Theorien hinterfragt und aus dessen Filmen man immer klüger, erstaunt und, in meinem Fall, im Allgemeinen beruhigt herausgeht. Das Leben war schon immer kompliziert, es gab die größten Schurken, absurde Probleme, ein ewiges sich Verrennen schon immer in Zeiten und Plätzen - deine eigenen sind nicht die schlimmsten.</p><p>Sämtliche Adam Curtis-Dokus und es sind sehr, sehr viele, der Mann macht das seit den Neunzigern, sind in der BBC-Mediathek abrufbar. Leider geht das so richtig nur mit einem VPN. Deshalb findet Ihr unten eine kurze Anleitung, wie das geht und auf unserem <a target="_blank" href="https://mastodon.social/@LobundVerriss">Mastodon-Account</a> posten wir ein paar aktuelle Links zu Adam-Curtis-Videos auf YouTube, die aber aus Copyrightgründen nicht ewig abrufbar sein werden. Wir danken dem Kapitalismus! Ist er nicht wonnig?</p><p>Wie man sich BBC-Dokus anschaut</p><p>* Mache Dir einen Account bei diesem <a target="_blank" href="https://www.smartdnsproxy.com/">VPN-Anbieter</a>, der ist seriös (und für die Nerds, nein, das ist technisch kein VPN, aber funktioniert genauso, nur besser). Mit ein paar Fake-Emails kann man da auch mehrmals 14 Tage kotenlos kiecken.</p><p>* Folge den <a target="_blank" href="https://www.smartdnsproxy.com/setup/">Anweisungen</a> und richte das auf dem Rechner oder gleich im Router ein.</p><p>* Gehe auf https://www.bbc.co.uk/iplayer und mache Dir ein Konto mit einer beliebigen Emailadresse. Als Adresse suche Dir ein <a target="_blank" href="https://www.google.com/travel/search?q=hotel%20london&#38;g2lb=2502548%2C2503771%2C2503781%2C4258168%2C4284970%2C4291517%2C4597339%2C4754388%2C4814050%2C4874190%2C4893075%2C4924070%2C4963888%2C4965990%2C10208620%2C72266483%2C72277293%2C72298667%2C72302247%2C72313836%2C72317059%2C72378200%2C72391038%2C72406588%2C72412680%2C72414906%2C72421566%2C72430562%2C72436632%2C72440517%2C72442338%2C72445422%2C72448541%2C72454774%2C72458707%2C72462992&#38;hl=en-DE&#38;gl=de&#38;ssta=1&#38;ts=CAESCAoCCAMKAggDGhwSGhIUCgcI6A8QARgVEgcI6A8QARgWGAEyAhAAKgcKBToDR0JQ&#38;qs=CAEyE0Nnb0ktTHlHa04tUzRMWnRFQUU4CkIJCXieAfKVgG1tQgkJJVvr2rP600NCCQkot94WZwj8ykIJCZNlD7z8HIejagcKBQ0AAAAA&#38;ap=aAG6AQhvdmVydmlldw&#38;ictx=1&#38;sa=X&#38;sqi=2&#38;ved=0CAAQ5JsGahcKEwio5LuEk6aDAxUAAAAAHQAAAAAQCw">Hotel</a> in London, dann stimmt die Postleitzahl.</p><p>* <a target="_blank" href="https://www.bbc.co.uk/iplayer/search?q=adam+curtis">Suche nach Adam Curtis</a>.</p><p>Ansonsten, schaut <a target="_blank" href="https://mastodon.social/@LobundVerriss">hier</a>, da kommen dann ein paar Youtubelinks.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/adam-curtis</link><guid isPermaLink="false">substack:post:140037724</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 31 Dec 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/140037724/5a39144b23a7aecc4d5953b2dee6399d.mp3" length="8216600" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>411</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/140037724/b256d1296813f7084f139d90980e6699.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Graham Norton: Heimweh]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Graham William Walker, geboren in einem Vorort von Dublin und aufgewachsen im Süden Irlands, heute besser bekannt unter seinem Künstlernamen Graham Norton, zählt zu den erfolgreichsten Talkmastern der englischsprachigen Welt, ist aber gleichzeitig auch Comedian und Schauspieler und vielfach ausgezeichnet. Aber nicht nur das, seit 2016 ist er auch als Autor bekannt und gefeiert, denn in diesem Jahr veröffentlichte er seinen ersten Roman <em>Holding</em>, der ein Jahr später auch auf Deutsch unter dem Titel <em>Ein irischer Dorfpolizist </em>erschien und sofort zum Erfolg wurde. Er erhielt noch im selben Jahr die Ehrung Irish Book Award als bester Roman. Seinen dritten Roman – der diese Auszeichnung ebenfalls erhielt – veröffentlichte er vier Jahre später, also 2020, unter dem Titel <em>Home Stretch</em>. Unter <em>Heimweh</em>, so der deutsche Titel, wurde er 2021 im Rowohlt Verlag veröffentlicht.</p><p>„Es gibt Momente im Leben, die man wertschätzen muss, aber nur manchmal erkennt man sie, während man sie erlebt.“ (S. 303) Es ist dieses Lebensgefühl, dass fünf junge Menschen zu Beginn des Romans an einem unbeschwerten Sommertag vereint. Das sind Bernie und David, deren Hochzeit am nächsten Tag bevorsteht, sowie die Schwestern Linda und Carmel und Martin, der seine Freunde mit dem Auto zu einem Ausflug an den Strand abholt. Hinzu kommt schließlich noch Connor, der eigentlich nicht zu der Gruppe gehört, aber von Martin eingeladen wird, sich ihnen anzuschließen. Es ist ein Nachmittag der harmlos beginnt und schließlich in einem Unglück endet, der das Leben von Linda, Connor und Martin grundlegend verändert und die Leben von Bernie, David und Carmel beendet.</p><p>Es ist ein harter Einstieg in den Roman, den Graham Norton wählt. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Jugendlichen wird jäh durch einen Autounfall zerstört und führt dem Lesenden gleich zu Beginn die Fragilität des Augenblicks vor. Connor, der sich bekennt, den Wagen gefahren zu haben, wird in Folge dessen der Prozess gemacht. Bewährung lautet das Urteil, welches geradezu milde erscheint, gegenüber der Ausgrenzung, die Connor – ohnehin schon ein Außenseiter – und seine Familie durch die übrigen Dorfbewohner erfahren. Der Pub seiner Eltern bleibt größtenteils verwaist und selbst seine Schwester Ellen, die in einem Baumarkt arbeitet, wird in ein Büro versetzt, in dem sie keinen Kontakt mehr mit Kunden hat. Um allen Beteiligten das Leben leichter zu machen, vielleicht auch aus Angst vor permanenter Konfrontation und um Connor einen Neuanfang zu ermöglichen, wird er von seinen Eltern aus seinem Heimatdorf Mullinmore, in Irland, nach Liverpool in England geschickt. Ein Wendepunkt, ab dem der Fortgang der Geschichte in zwei Stränge geteilt ist, die parallel verlaufen und einerseits Connors Leben, andererseits das Leben seiner Schwester Ellen und ihrer Eltern beschreibt. Dabei gibt es sowohl immer wieder Zeitsprünge in der Handlung nach vorn als auch Rückblicke in das Jahr des Unfalls, wodurch sich dem Lesenden weitere Details eröffnen und sich so langsam ein Gesamtbild ergibt.</p><p>Connors Aufenthalt in Liverpool ist jedoch nur von kurzer Dauer, da er nach einer Konfrontation mit einem Kollegen und Mitbewohner die Stadt verlässt. In seine Heimat kehrt er jedoch nicht zurück, was ein zentrales Motiv des Romans ist. Er ist immer auf der Suche nach einem Ort, an dem er möglichst unauffällig leben kann, was, wie sich schnell herausstellt, weniger an seiner Vergangenheit liegt, sondern viel mehr an der Tatsache, dass er homosexuell ist. Der Umstand, dass er nicht mehr in der Kleinstadt leben muss, aus der er stammt, befreit ihn gleichzeitig von der Scham und der Verachtung der Menschen, derer er sich dort ausgesetzt sieht. Der Liebe seiner Eltern könnte er sich ebenfalls nicht mehr sicher sein, was er sich anhand von Aussagen derer über Homosexuelle erschließt.</p><p>Auch wenn er schließlich in New York lebt und sesshaft wird, heftet ihm die meiste Zeit eine Rastlosigkeit an, die er nicht abschütteln kann. Als schließlich seine langjährige Beziehung scheitert, wird er auf sich selbst zurückgeworfen und begreift allmählich, dass er auch in dieser Verbindung nicht er selbst gewesen ist. Es ist auch das Ende jener Beziehung, das ihn eines Abends in eine Bar führt, in der seine Vergangenheit und Gegenwart schließlich wieder zusammengeführt werden.</p><p>Das Leben seiner Schwester, die sich vom Weggang ihres Bruders eine Verbesserung ihrer Lage erhofft hatte, läuft unterdessen ebenfalls nicht erwartungsgemäß. Das unverhoffte Werben Martins um sie, lässt sie zunächst hoffen, dass das Glück nun endlich auf ihrer Seite ist und es kommt tatsächlich so weit, dass die beiden heiraten. Doch eine Verbesserung von Ellens Leben führt dies nicht herbei, im Gegenteil, es stellt eher den Beginn von jahrelangem Unglück dar:</p><p>„In einer Ehe, so schien es Ellen, ging es gar nicht darum, glücklich zu sein oder jemand anderen glücklich zu machen. Anscheinend war es vor allem wichtig zu entscheiden, wessen Unglück sich leichter ertragen ließ. Und das war ihr eigenes. Ihr Unglück schien ein angemessener Preis dafür zu sein, nicht mit Martins Unglück leben zu müssen.“ (S.111)</p><p>Ob oder wie es die Protagonisten schaffen, ihr Leben noch zum Besseren zu wandeln, soll an dieser Stelle noch für alle offen bleiben, die diesen Roman gern lesen möchten.</p><p>Es ist eine lange und emotionale Reise, die man als Lesende mit den Protagonisten zusammen antritt, aber Graham Norton versteht es ziemlich gut, den Spannungsbogen zu halten und diverse Wendungen einzubauen, die zwar manchmal, aber oft nicht vorhersehbar sind. Thematisch bewegt er sich dabei in einem Feld, in dem es viel um die Themen Identität, Sexualität und Heimat geht, die auch eng miteinander verknüpft sind. Es ist dramatisch, wie ein Ereignis ein oder mehrere Leben auf einen Schlag verändert. Für Connor bedeutet der Unfall den Verlust seiner Heimat und damit den Verlust seiner gewohnten Umgebung, seiner Familie, ja sogar seiner gewohnten Sprache. Sein Weggang markiert den Anfangspunkt einer Suche nach Identität. Da diese losgelöst von seinem bisherigen Lebensumfeld geschieht, ist es ihm aber auch möglich, seine Sexualität ohne Scham ausleben zu können. Welche Tragweite diese Scham dabei für die Entwicklung der kompletten Story hat, erschließt sich dem Lesenden zwar nur allmählich, macht aber schließlich umso deutlicher, wie unterschiedlich die Leben der Protagonisten hätten verlaufen können. Wobei Graham Norton sich nicht mit dem klassischen Was wäre, wenn Gedankenspiel aufhält, sondern seine Figuren vorantreibt, sie leiden lässt und sie, wie im echten Leben ja auch unausweichlich, sich entwickeln lässt. Für mich war es definitiv ein Pageturner und ist damit eine eindeutige Leseempfehlung. Oft ging mir während der Lektüre eine Strophe aus Mascha Kalékos <em>Emigrantenmonolog</em> durch den Sinn, mit der ich nun enden möchte:</p><p>„Mir ist zuweilen so als ob</p><p>Das Herz in mir zerbrach</p><p>Ich habe manchmal Heimweh</p><p>Ich weiß nur nicht, wonach...“</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/graham-norton-heimweh</link><guid isPermaLink="false">substack:post:139922423</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Tue, 19 Dec 2023 16:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/139922423/91045fe6cbcbc5274049f0c9bd620ae9.mp3" length="9227538" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>461</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/139922423/d77743df7bdcb893280c900da957adf8.jpg"/></item><item><title><![CDATA[ T. Kingfisher - Nettle & Bone]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>“Fantasy als literarisches Genre ist so alt wie die Menschheit!”, antwortete ich letztens sinngemäß auf eine entsprechende Frage - und lag damit ein paar zigtausend Jahre daneben. Aber man muss solche Sätze nur selbstbewusst vortragen.</p><p>“Wann ist denn der erste Fantasy Roman erschienen?”, wurde hilfreich nachgehakt und ich musste feststellen, dass ich die Märchen der Gebrüdern Grimm oder auch die Fabeln von Äsop in einen Topf geworfen hatte mit der doch recht spezifischen literarischen Gattung “Fantasy”. Und sicherlich hat J.R.R. Tolkien im “Herr der Ringe”, seinem genrebegründenden Werk, Einflüsse übernommen aus ein paar tausend Jahren Menschheitserzählung, Homers Odyssee fällt einem als Erstes ein, sicher auch Beowulf, eine altenglische Heldensaga, die Tolkien in seiner akademischen Karriere übersetzt hatte. Aber das, was wir als das Genre der Fantasy kennen, ist tatsächlich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit ebendiesem “Lord of the Rings” entstanden.</p><p>Als Connaisseur der literarischen Form ist mir bewusst, dass die starre Struktur, der immergleiche Cast und das absehbare Ende nichts für die allgemeininteressierte Leserin ist und empfehle es entsprechend selten. Andererseits - was ist an ein bisschen Formalismus nicht zu mögen, gerade in unseren formlosen Zeiten. Ein Hauptheld, eine Reise und ein Happy End - mehr braucht es nicht um den S**t um dich herum zu vergessen. Das Ganze in einem Buch voll von moralischen Entscheidungen und man kann fast auf die Idee kommen, ein paar Hundert Seiten voller Orks, Gnome und blonder, muskulöser, heterosexueller Sixpacks mit kantigem Gesicht zum Bildungsroman zu erklären. Was am Ende kontraproduktiv wäre. Ist Fantasy doch explizit ein Produkt für Menschen, die mal nichts Neues lernen wollen, keinen Bock auf die inneren Konflikte graubärtiger, mittfünfziger Skandinavier haben, und die einfach dem Alltag entfliehen wollen.</p><p>Das Wort “Produkt” steht hier bewusst nicht in Anführungszeichen, denn Fantasy ist buchstäblich als solches konzipiert worden, einzig um verkauft zu werden. Nachdem in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts im kapitalistischsten aller Länder die Mittelschicht boomte, weil der Spitzensteuersatz in den US of A bei 70% lag und sich eine vierköpfige Familie von einem Monatsgehalt locker ein Haus in der Vorstadt leisten konnte, verödeten die Innenstädte zugunsten der Malls an den Ausfallstraßen, weil, es kann ja nie mal irgendwie alles perfekt sein. Neben den üblichen Mom & Pop-Stores und Diners war damit auch das Ende der kleinen Buchläden besiegelt und folgerichtig das der kleinen Verlage. Bücher wurden nun in supermarktgroßen Buchläden in den Malls verkauft, und dort ging es nicht um Quali-, sondern um Quantität. Verlage hatten quartalsweise Umsatzsteigerungen vorzuweisen oder sie wurden zugemacht. Produktivitätssteigerung, so weiß das jeder BWL-Erstsemestler, erreicht man durch Standardisierung. Das funktioniert durchaus auch im Literaturbetrieb, Stichwort Groschenroman oder Pulp Fiction. Den Arztroman, bei dem es der Hausfrau so wohlig warm im Schoss wird wie dem Schlosser beim Lesen des Landserheftes, gab es schließlich schon seit ein paar Jahrzehnten.</p><p>Eine Zielgruppe für literarische Massenware kam in den Sechzigern und Siebzigern hinzu: der Nerd. Während man das Aufweichen des Konformismus der miefigen Fünfziger durch die aufkommenden Jugendkulturen von Hippies über Mods bis zu den Punks durchaus begrüßte, gab es auch hier Verlierer: Die, die in gar keiner Gruppe sein wollten, die sich ihren eigenen Kopf machten. So was befreit natürlich ungemein, intellektuell und so, aber, die Rache der verschworenen Gemeinschaften derer mit den langen Haaren oder den kurzen oder den bunten kann dir gewiss sein. Also bleibt der Nerd zu Hause, das neugebaute Haus der Eltern hat zum Glück einen Hobbykeller, und spielt Dungeons and Dragons mit den paar Kumpels, die, wie er selbst, zu viel Fantasie haben.</p><p>In diesem Rollenbrettspiel findet sich stets eine Gruppe von Helden mit unterschiedlichsten Charakteren, sie unternehmen eine Reise durch die Unterwelt, um zum Schluss einen Endgegner zu besiegen oder dabei zu sterben. Was ein Zufall aber auch: das ist genau die Story von “Herr der Ringe”. Zwar kann man dieses Meisterwerk mehr als einmal lesen, und mit den fünfzehnhundert Seiten, die es hat, braucht man dafür auch eine Weile, aber irgendwann wird es langweilig. Warum also das Werk nicht als Vorlage formulieren: “Man nehme einen männlichen Haupthelden, stelle ihm Begleiter zur Seite auf dem Weg ein großes Böses per Magie zu besiegen.” So ähnlich formulierte das ein gewisser <a target="_blank" href="https://slate.com/culture/2023/10/lester-del-rey-invention-fantasy-book-publishing.html">Lester del Rey</a> im Jahr 1975. Er war ein findiger Geschäftsmann, der zufälligerweise zur genau richtigen Zeit in 4. Ehe mit einer Lektorin verheiratet war. Er stieg ins Business ein, beauftragte den damals mit einem fast dreisten “Herr der Ringe”-Abklatsch namens “The Sword of Shannara” berühmt gewordenen Terry Brooks, sein Debütwerk zu einer Serie zu entwickeln. Gleichzeitig suchte er aktiv nach anderen Autoren, die im Prinzip dieselbe Story, jeweils ein bisschen anders, wieder und wieder erzählen sollten. Denn das geht schnell und damit billig und der ausgestoßene Nerd findet Inspirationen für seine Dungeons and Dragons Sessions und kann sich beim Lesen sicher sein, dass am Ende das Gute gewinnt.</p><p>An dieser Formel hat sich dann 50 Jahre lang wenig verändert und wie es sich für ein Kulturgut gehört, werden auch hier jedes Jahr Preise vergeben, der wichtigste: Der Hugo Award. Die Preisträger bis in die 2010er hinein lesen sich wie das personifizierte white male privilege, und so wie jeder Industrie von Film über Computerspiele bis zum Kleingartenspartenverein flog auch der Sci-Fi- und Fantasybranche diese Praxis um die Ohren. Traf es bei diesen geldschweren Branchen im Allgemeinen die Richtigen, kann man in den bescheideneren Fantasy-Kreisen ein klein wenig das Argument machen, dass es etwas zu viel verlangt sei von Nerds, die über Jahrzehnte im Keller saßen und froh waren, dass sie mit keiner Frau reden mussten, druckreife Statements zu gesellschaftspolitischen Themen abzugeben und sei es auch nur, eine Frau zum Gewinner des Hugo-Awards zu wählen. Denn, der Preis ist ein Publikumspreis, er wird auf einem seit Mitte des 20. Jahrhundert jährlich stattfindenden Treffen von Science Fiction- und Fantasyfans ermittelt, uh.. man riecht den Saal bis hierhin. Aber die Aufregung ist weitestgehend vorbei, die Wellen haben sich geglättet, mit dem Ergebnis einer dem Genre absolut zugutekommende Diversifizierung durch Autorinnen wie N. K. Jemisin, im Studio B schon <a target="_blank" href="https://soundcloud.com/studiob-literaturmagazin/studio-b-n-k-jemisin-broken">besprochen </a>oder nicht-westlichen Preisträgern wie Cixin Liu mit “The Three-Body Problem” das gerade von Netflix verfilmt wird.</p><p>Und so ist es auch in diesem Jahr eine Autorin, genauer die US-Amerikanerin Ursula Vernon alias T. Kingfisher, die zur Siegerin in der Rubrik “Roman” gewählt wurde. Und zwar mit einem Buch, welches oberflächlich sehr standardisiert und formularhaft daherkommt und doch ein in sich geschlossenes Kleinod der Fantasy ist. Es heißt “<a target="_blank" href="https://amzn.to/41il8Wk">Nettle & Bone</a>” und kriegt im Deutschen den Titel “<a target="_blank" href="https://amzn.to/41hV7q9">Wie man einen Prinzen tötet</a>”. Was es ziemlich gut zusammenfasst und kein wirkliches Spoilern ist, denn dass der Prinz weg muss, wird sehr früh im Roman klar.</p><p>Während herkömmliche über mehrere Bände erzählte Fantasystories normalerweise mit umfangreichem Kartenmaterial aufwarten in dem wir meist einen Kontinent sehen der im Norden von Städten und Landschaften beherrscht wird, die der Autor sich als skandinavisch vorstellt bis in den Süden, in dem eindeutig Griechenland oder gar der Orient Pate standen, kommt “Nettle and Bone” ohne diesen Schnickschnack aus. Fast ein bisschen artsy gibt es namenlos das “Nördliche Königreich”, das “Südliche Königreich” und eine kleine Dynastie in der Mitte, die sich ob ihre geographischen Lage als Tiefseehafen seit Jahrhunderten hält. Natürlich läuft so ein kleines Fürstentum permanent Gefahr, von den viel größeren Nachbarn überrannt zu werden. Das verhindert man in einem ordentlichen feudalen System durch Heiraten und so werden die drei Töchter des mittleren Königreiches von klein auf vorbereitet, einem Prinzen an die Hand gegeben zu werden. Aktuell soll das der im Norden sein. Er ist ein rechtes Arschloch, und wie sehr er das ist, erkennt man, siehe oben, an dem kaum gespoilerten Untertitel der deutschen Ausgabe. Unsere Hauptheldin, die jüngste der drei Töchter, wird sich nach nicht allzu langer Zeit im Buch entscheiden, dass der Typ weg gehört.</p><p>Die Prinzessin heißt Marra und macht sich auf den Weg, ganz genregerecht, mit einer kleinen Gruppe an aufrechten Kämpfern. Allein deren Zusammensetzung zeigt uns, dass die Zeit von Lester del Reys Fantasyformel insofern vorbei ist, als dass nicht nur die Heldin eine Frau ist, sondern dass im ganzen Buch nur zwei Männer vorkommen. Ein sixpacktragender, wenn auch schon über 50-jähriger Muskelprotz, wird aus einer fiebertraumatischen Unterwelt befreit, und der umzulegende Prinz ist natürlich auch einer. Der Rest sind Frauen, keine davon entspricht dem aktuellen Tiktok-Schönheitsideal und keine ist unter 30. Das klingt ein bisschen superwoke, ist es natürlich auch, aber T. Kingfisher schafft es die Langeweile der letzten 70 Jahre Fantasy mit ihren kantigen blonden Helden und braunhaarigen grünäugigen Elfen nicht durch gegenteilige und damit genauso langweilige Pendants zu ersetzen. Wenn man schon die Chance hat ein Klischee zu brechen, dann sollte man diese nutzen, denkt sich Kingfisher: lustig und lehrreich sollen die Heldinnen sein, ein wenig unsicher, aber bestimmt, nicht schön, aber eindrucksvoll. Das Buch balanciert dabei ständig kurz vor dem Fantasyklischee nur um es, wenn man sich so richtig wohlfühlt, zu brechen. Ob das unterirdische Gänge sind, in denen die Truppe kämpft, um auf einmal von einem menschlichen Rad aus Grabplünderern überfahren zu werden, <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=0iKh8bZOSBg">ein Bild</a>, welches Computerspielern sofort bekannt vorkommen sollte. Für den Cineasten sind es Szenerien, die an die Filme von Guillermo del Toro erinnern und Nur-Leserinnen beeindruckt der fast reduktionistische Stil des gesamten Buches: es ist mal kein ausschweifendes 1000-Seiten-Werk mit drei selbst ausgedachten Sprachen, sondern eine fast märchenhafte Beschränkung auf ein Gut gegen Böse, No-Means-No, Kopf-Ab dem F****r.</p><p>So ergibt sich etwas, was als Fantasy beginnt, sich seltsam subversiv auf vielen Ebenen entwickelt und am Ende ein wirkliches Kunstwerk ist. Dazu ist es in sich abgeschlossen und nicht überlang, so dass es mir vor allem als Einstieg in eine Genre gilt, das einen, s.o. durchaus zurecht schlechten Ruf hat. Aber, wie hier erklärt, haben wir es in der Sci-Fi- und Fantasyszene zur Abwechslung mal mit einem popkulturelles Phänomen zu tun, in dem vieles, man glaubt es kaum, besser wird. Das sollte man sich nicht entgehen lassen, da sollte man mal reinschauen, und der beste Einstieg aktuell ist “Nettle & Bone” von T. Kingfisher.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/t-kingfisher-nettle-and-bone</link><guid isPermaLink="false">substack:post:139637334</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 10 Dec 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/139637334/b96adcd7e79ff8fa82fcc2244c9ef728.mp3" length="9698786" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>606</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/139637334/73b530bcbbb54fd905387757fd946fb7.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die weihnachtlichen Buchempfehlungen 2023]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Kurz und knackig gibt das Studio-B-Kollektiv folgende Empfehlungen für den Gabentisch:</p><p>Herr Falschgold</p><p>* Patrick Stewart -<a target="_blank" href="https://amzn.to/46HmoUn">Making It So: A Memoir</a> / <a target="_blank" href="https://amzn.to/48hlvDd">Making it so: Mein Leben</a></p><p>* Newsletter von <a target="_blank" href="https://www.the-hinternet.com/">Substack</a>, <a target="_blank" href="https://steadyhq.com/de/sibylle-berg-regelt-das/about">SteadyHQ</a> o.a.</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3T7bzYC">David Graeber - B******t Jobs “Vom wahren Sinn der Arbeit”</a></p><p></p><p>Irmgard Lumpini</p><p>* <a target="_blank" href="https://richters.buchhandlung.de/shop/">Richters Buchhandlung</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://www.buchhandlung-walther-koenig.de/koenig2/index.php?mode=content&#38;content=stores">Buchhandlung Walther König</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3N6EHLq">Brigitte Reimann - Ich bedaure nichts und Alles schmeckt nach Abschied: Tagebücher 1955-1970</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3T2ognp">Diaty Diallo - Zwei Sekunden brennende Luft</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/3Nb4GSa">Zeichen und Symbole: Ihre Geschichte und Bedeutung</a></p><p></p><p>Anne Findeisen</p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/47T8qPW">Claire Keegan - Liebe im hohen Gras: Gesammelte Erzählungen</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/46Hm5Jd">Jens Andersen - Tove Ditlevsen: Ihr Leben</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/49U2Z5c">Irene Solà - Singe ich, tanzen die Berge</a></p><p>* <a target="_blank" href="https://amzn.to/47IKmzJ">Elizabeth Strout</a></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-weihnachtlichen-buchempfehlungen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:139360309</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Dec 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/139360309/d25f469953ef3764ed6ffc8fbe64638a.mp3" length="22706512" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1419</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/139360309/e70b48fe9cfc82bf900c081add3f096a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Christoph Hein - Unterm Staub der Zeit]]></title><description><![CDATA[<p>Nachdem ich im Alter von 12 Jahren meine Stadtbezirksbibliothek “ausgelesen” hatte (natürlich nicht die komplette, für mich zählte nur das utopische Regal!), stolperte ich in dem, was man in der DDR so Feuilleton nannte, über den gerade erschienenen Roman “Der fremde Freund” von Christoph Hein. Den Zeitpunkt kann ich deshalb so genau bestimmen, weil ich jetzt, in meinem fünften Lebensjahrzent, so langsam passabel Kopfrechnen kann und mir Wikipedia das Erscheinungsdatum des Romans mit 1982 angibt. Dass ich ein Buch von Christoph Hein gelesen hatte und enorm fasziniert von dessen Sprache war, hatte ich noch im Hinterkopf, aber mein fortlaufender Erinnerungshorizont von exakt sieben Jahren verwehrt mir, mich zu erinnern, worum es konkret ging. Auch hier hilft mir die Freiwilligenenzyklopädie auf die Sprünge und die Synopsis von “Der fremde Freund” lässt mir gleichzeitig die Erinnerungssynapsen knallen als auch mich kopfschüttelnd zurück: was ein wunderlicher Teenager ich gewesen sein muss!</p><p>Im Buch, geschrieben aus der Ich-Perspektive einer 30-jährigen Ärztin, geht es um Liebe und Entfremdung und um Fotografie. Die Liebe war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht untergekommen, die Entfremdung als Wort kein Begriff, aber retrospektiv und küchenpsychologisch macht das alles Sinn. Das Einzige im Buch, womit ich wirklich, und zwar richtig was am Hut hatte, war die Photographie. Und so wie die Protagonistin im Buch, Claudia, ob ihrer Entfremdung von den ihr seltsam vorkommenden Menschen nur leblosen Kram fotografiert, praktizierte ich die Kunst auch und erkannte ich mich wohl ziemlich wieder.</p><p>Wie gesagt, all das reime ich mir elektronisch unterstützt zusammen, denn das Einzige, woran ich mich wirklich erinnere, war die seltsam unprätentiöse, klare, unaufgeregte Sprache Christoph Heins, die mich in ihrer Sparsamkeit, ihrer Affektlosigkeit an Kafka erinnerte. Sicher ein bisschen zu hoch gegriffen, aber ich war ein äußerlich gestörter und innerlich begeisterbarer Teenager.</p><p>Es sollte das letzte Buch bleiben, was ich von Christoph Hein gelesen habe. Die zwei, drei noch in der DDR erschienen Werke blieben unter meinem Radar und danach gab’s Westbücher. Doch irgendetwas spülte mir kürzlich Heins jüngstes Werk in den Sichtkreis und es schloss sich ein solcher. Es heißt “Unterm Staub der Zeit” und wieder ist es ein Buch, welches mich sujettechnisch nicht wirklich interessieren sollte. Und auch hier ist es die Sprache, über die es wenig mehr zu sagen gibt, als dass sie “exakt” ist, “unaufgeregt” und “genau”, die mich, und ich weiß zum Teufel nicht warum, fasziniert.</p><p>Der Inhalt des Romans ist die Geschichte des 13-jährigen Daniel aus der Ostzone, wie er 1958 von seinem Vater ins Internat eines Westberliner Gymnasiums gebracht wird. In der DDR wurde ihm die Erweiterte Oberschule verweigert, also wurde er wie viele talentierte Teenager von seinen Eltern in den Westen geschickt, um ein Abitur zu bekommen. Das passierte so häufig, dass die Westberliner Gymnasien spezielle “C-Klassen” hatten, die den Lehrplänen in den Schulen in der Ostzone Rechnung trugen um die neuen Schüler an das Abitur heranzuführen.</p><p>Für die jüngeren Leser: 1958 ist vier Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer und so folgen wir auf den 200 Seiten im Buch Daniel zunächst bis zu diesem 13. August 1961. Die DDR versuchte schon vor dem Bau der Mauer den Strom von Unzufriedenen in die BRD zu stoppen: mit Kontrollen, Entzug von Ausweisen und dem Erteilen von Anweisungen, den Wohnort nicht zu verlassen. Und so waren die quasigeflüchteten Jugendlichen in einem seltsamen Limbo, in dem sie zwar jederzeit nach Ostberlin fahren konnten, schon weil dort mit Ostmark alles um den Faktor 5 billiger war, sie aber Gefahr liefen, geschnappt zu werden und damit ihr Abitur und ihre Zukunft zu verspielen.</p><p>Das der Erzähler im Buch, Daniel, Christoph Hein im real life ist, wird nicht explizit erwähnt, aber ich Fresse einen Besen wenn nicht. Das macht das Buch zu einem “Opa erzählt vom Krieg” eines 79-jährigen Schriftsteller. Was will man mehr? Und wenn man mehr will, dann lest euren Actionquatsch - das hier ist das wahre Leben und es wird genauso berichtet, wie man es sich von einem ernsten, guten Erzähler ohne Kapriolen wünscht. Hein berichtet Episoden aus einer Jugend in einer Zeit, die ein bisschen uninteressant sein mag. Nicht weit genug von der Gegenwart entfernt, nicht besonders aufregend, verglichen mit einem 2. Weltkrieg, der damals auch schon lang vorbei war. Über den kann man was erzählen: Gewalt, Heldentum, Befreiung! Die Ende der Fünfziger Jahre in Berlin waren sicher spannend, aber der größte Gewaltausbruch im Buch ist eine Prügelei beim BillHaley-Konzert im Sportpalast und das Heldenhafteste der Schmuggel von Musikinstrumenten aus dem Osten in den Westen for fun and profit. Und Befreiung: not so much. Im Gegenteil. Während die, ein bisschen belanglosen, Anekdoten des etwas nerdigen, theaterbegeisterten Daniel dahin plätschern, verändert sich die Weltpolitik. Dass ihr Abitur prekär ist und an ihrer Fähigkeit hängt, die poröse Grenze zwischen Ost- und Westberlin unauffällig und möglichst selten zu überqueren, wissen die Schüler. Was sie nicht ahnen ist, dass ein US-Senator im fernen Washington den Russen durch <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=dCGOX1c7AIE">eine verhängnisvolle Rede</a>, das Signal gibt, dass es ok sei, die sowjetische Zone von denen der westlichen Siegermächte abzuschneiden.</p><p>Die Nachricht davon erreicht Daniel in den Sommerferien, ausgerechnet in Dresden (Lob- und Verriss wird von dort ausgestrahlt, wem das nicht klar ist..) und er eilt nach Berlin zurück. Dort sieht es noch ein paar Tage lang so aus, als wäre das ein zeitweilige Maßnahme. Es gibt doch hunderte Straßen und Kilometer Grün um Westberlin, all das abzusperren erscheint unvorstellbar. Doch innerhalb von Wochen ist genau das passiert. Ein paar verständnisvolle Beamte im Ostteil, die den Schülern Hoffnung machen, ihr Abitur fortsetzen zu können, werden von Hardlinern abgelöst und zum Schulbeginn im September ‘61 ist Daniel und seinem zwei Jahre älteren Bruder, mit dem er auf dem Gymnasium war, klar, dass sie sich eine Lehre im Osten suchen müssen.</p><p>Ganz Christoph Hein erzählt er diese dramatisch und traumatisch klingenden Ereignisse mit stoischer Gelassenheit, dass man sich die Frage stellt, ob das so angebracht sei? Immerhin verändert sich durch den Mauerbau das Leben von ein paar Millionen Menschen, beispielhaft vertreten durch die zwei Teenager, grundlegend und nach allgemeinem Konsens zum Negativen. Ja, die Gespräche mit den neu eingesetzten linientreuen Kaderschmieden die dem jungen Daniel, dem “Westflüchtling”, dem “Intellektuellen” das Leben schwer machen, sind frustrierend und machen jemandem, der den Scheiß dreißig Jahre später mitgemacht hat immer noch wütend. Doch Daniel fügt sich mit der Flexibilität, die nur ein Jugendlicher hat ein. Er passt sich nicht an, Weiß Gott nicht, er ist ein paar Monate lang sogar Fluchthelfer, aber er bleibt in der DDR, aus Gründen. Er lernt Buchhändler und aus dem kleinen Daniel wird ein großer Christoph Hein. Dieser verweigert, zumindest in diesem Buch, die Bitterkeit ob eines Lebens, das er nicht gelebt hat. Ob des Faktes, dass er sie nicht spürt oder dass sie in diesem Werk keinen Platz hat, darüber nachzudenken lädt die kleine Nouvelle “Unterm Staub der Zeit” ein und, wichtiger, dazu, das Lebenswerk von Christoph Hein, jetzt wo es fast komplett ist, nochmal von vorn zu lesen.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/christoph-hein-unterm-staub-der-zeit</link><guid isPermaLink="false">substack:post:138939407</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Nov 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/138939407/559d69c15cadb848bc1f78066e4f56f4.mp3" length="9378526" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>469</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/138939407/8f3ecad91d38940624700bc164029715.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Kehlmann, Aoyama, King]]></title><description><![CDATA[<p><em>Bevor Ihr die aktuelle Lob & Verriss Diskussion hört, ein kurzer Hinweis: Die Rezension von Stephen Kings “Holly”, die wir heute besprechen, verfasst von Irmgard Lumpini, ist aus seltsamsten technischen Gründen noch nicht erschienen. Wie können wir trotzdem darüber diskutieren? Magic - ganz einfach: Magic! Die Rezension wird natürlich nachgereicht, versprochen!</em></p><p></p><p>Wir sprechen über die Bücher der letzten drei Studio B Episoden als da wären: Daniel Kehlmanns “Lichtspiel” <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/daniel-kehlmann-lichtspiel#details">rezensiert von Herrn Falschgold</a>, “Frau Komachi empfiehlt ein Buch” geschrieben von Michiko Aoyama und <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/michiko-aoyama-frau-komachi-empfiehlt#details">rezensiert von Anne Findeisen</a> und Stephen Kings aktueller Thriller “Holly” (bald) rezensiert von Irmgard Lumpini.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-kehlmann-aoyama-king</link><guid isPermaLink="false">substack:post:138496342</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Nov 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/138496342/704eee6b413f688d05a320cb48ee07ae.mp3" length="42181320" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2636</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/138496342/5603c5208fcd0a9a400efcd3e0cfc5f2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Michiko Aoyama: Frau Komachi empfiehlt ein Buch]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Nachdem ich mich in diesem Jahr verstärkt der Lektüre japanischer Autorinnen und Autoren gewidmet habe, war es nicht sehr verwunderlich, dass mir mein Kindle unter der Rubrik <em>Basierend auf deinen Lesegewohnheiten </em>auch den kürzlich auf Deutsch, im Rowohlt Verlag erschienenen Roman von Michiko Aoyama <em>Frau Komachi empfiehlt ein Buch </em>vorschlug. Selbiger, mittlerweile zum Bestseller avanciert und in über zwanzig Ländern erschienen, wurde bereits 2020 im Original in Japan veröffentlicht. Über die 1970 in Japan geborene Autorin Michiko Aoyama ist bekannt, dass sie zunächst in einem Tokioter Verlag als Redakteurin tätig war, bevor sie sich ganz dem literarischen Schreiben widmete. Die deutsche Übersetzung stammt – wir sind wenig verwundert, aber sehr erfreut – von Sabine Mangold, die für ihre zahlreichen Übersetzungen aus dem Japanischen, beispielsweise von Romanen Haruki Murakamis, nicht nur bekannt ist, sondern auch ausgezeichnet wurde.</p><p>Der Roman umfasst fünf Geschichten, die das Leben fünf verschiedener Protagonisten in relativ kurzer Form erzählen, die sowohl in Alter, Geschlecht als auch Beruf unterschiedlich sind. Es eint sie jedoch die Unzufriedenheit mit ihrem Leben bzw. ihrem beruflichen Werdegang und die Tatsache, dass sie alle die selbe Bibliothek aufsuchen. Diese ist an ein Gemeindezentrum angeschlossen und hat als Bibliothekarin, wir ahnen es bereits, Frau Komachi. Sie ist zwar die titelgebende Figur, nimmt in den einzelnen Geschichten, wenn auch eine wichtige, aber nur eine Nebenrolle ein. Sie ist eine Art Initiatorin, die durch ihre, zunächst merkwürdig anmutenden, Buchempfehlungen, den sprichwörtlichen Stein ins Rollen bringt und dadurch das Leben der Protagonisten, die ihren Empfehlungen folgen, verändert.</p><p>Stets fragt sie die Menschen, die zu ihr kommen, weil sie nach einem bestimmten Buch suchen: „Wonach suchen sie?“ Eine Fragestellung, die, ohne Kontext gesehen, ja ganz allgemein verstanden werden kann, was natürlich auch das Ziel der gewieften Frau Komachi ist. So erspürt sie deren Wünsche und Sehnsüchte, derer sie sich zwar meist selbst schon bewusst sind, aber noch keinen Weg gefunden haben, ihr Leben aus eigener Kraft zu verändern. Mit ihrer jeweiligen Buchempfehlung, die sie den eigentlich gesuchten Büchern zum Schluss noch hinzufügt und einem kleinen Filzobjekt, die sie selbst herstellt und die immer unterschiedlich sind, entlässt sie ihre Besucher.</p><p>Die Arbeitswelt bzw. das Berufsleben der Protagonisten ist letztlich das bestimmende Thema der fünf Geschichten. Jeder ist auf seine Weise auf der Suche nach Bestätigung, Selbstverwirklichung oder auch Veränderung. Dies hat zur Folge, dass die Geschichten alle nach dem selben Schema aufgebaut sind und ablaufen, welches sich dem Lesenden spätestens ab der zweiten Geschichte erschließt und zur Folge hat, dass die Stories doch recht vorhersehbar sind. Letztlich finden sie alle Rat bei Frau Komachi und können ihr Leben zum Besseren verändern. Das mag der ein oder andere als positiv und berührend empfinden, auch als Anstoß, dass es doch oft nur kleine Dinge erfordert, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben, ich fand es jedoch eher fad und auch ein wenig zu plakativ.</p><p>Das sich die japanische Arbeitswelt doch sehr von unserer westlichen unterscheidet – sei es beispielsweise in Bezug auf Intensität oder auch Urlaubstage – hat sicher jeder schon auf die ein oder andere Weise mitbekommen, doch wird dies im Buch, vielleicht auch ein wenig unfreiwillig, noch einmal sehr deutlich.</p><p>„Obwohl ihm eigentlich ein anderer Beruf vorschwebte, hatte er eine Anstellung gefunden, bei der er genug für seinen Lebensunterhalt verdiente. Parallel dazu arbeitete er hart, um seinen Traum zu verwirklichen. Er war sowohl ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft als auch jemand, der sein eigentliches Ziel hartnäckig verfolgte.“ (S. 195)</p><p>Eine Passage die in mir, allein durch die Formulierung „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“, durchaus Befremden hervorgerufen hat, hier aber ganz ernsthaft verwendet wird und einen Einblick in die japanische (Arbeits-)Mentalität gibt, die einen sehr hohen Stellenwert hat und in der es sogar einen Begriff für den Tod durch Überarbeitung gibt (Karoshi).</p><p>Alles in allem bin ich mit diesem Buch nicht so recht warm geworden. Es hat nicht wehgetan es zu lesen, hat in mir aber auch keine Begeisterungsstürme hervorgerufen, da ich es doch sehr vorhersehbar fand und letztlich ein und dasselbe Thema in fünf verschiedenen Geschichten einfach nur immer wieder variiert wird, um letztlich immer zum selben Ergebnis zu kommen. Schade, aber dieses Mal leider keine Empfehlung von mir.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/michiko-aoyama-frau-komachi-empfiehlt</link><guid isPermaLink="false">substack:post:138228853</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Mon, 23 Oct 2023 19:30:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/138228853/bcb44afb8bb0fee0ad8095bc6a4574b0.mp3" length="6114265" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>306</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/138228853/0f38c2a81453afe1e224159f0d2dc263.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Daniel Kehlmann - Lichtspiel]]></title><description><![CDATA[<p>Daniel Kehlmanns diese Woche erschienener Roman “Lichtspiel” ist zum größten Teil angesiedelt im Kinobetrieb der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ein Betrieb der Täuschung und Intrige, der Eitelkeiten und Verletzungen. Aber ein Filmdreh ist auch eine Unternehmung, die den Kompromiss fordert, zu viele bewegliche Teile sind voneinander abhängig, zu viel kann schief gehen und was schiefgehen kann, geht es im Allgemeinen auch. Und es sind die dreißiger und vierziger Jahre. Im Deutschen Reich. Nazideutschland.</p><p>Doch im ersten Kapitel befinden wir uns zunächst in Wien, in den 1960er Jahren. Wir begleiten den offenbar dementen ehemaligen Kameramann Franz Wilzek zu einer TV-Show, live im österreichischen Fernsehen. Wilzek namedroppt die Regisseure, Schauspieler und Produktionen seiner nun hinter ihm liegenden Schaffenszeit und ich, der ich weniger Cineast und schon gar nicht Filmhistoriker bin als viel mehr durchschnittlicher Freund der gepflegten Kinounterhaltung, habe so das Gefühl, es sind keine ausgedachten Titel und Namen. Peter Alexander gab es definitiv (wie mir die Ariola-Schlagerschallplattensammlung meiner Großmutter beigebracht hat), die Filme “Die Büchse der Pandora” und “Paracelsus” sagen mir etwas und auch von Georg Wilhelm Pabst, dem Regisseur, habe ich schon gehört. Kehlmann arbeitet also wieder reale Begebenheiten und Personen in eine fiktive Geschichte ein (wie u.a. schon im von uns rezensierten <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/geschichte-und-wahrheit">Tyll</a>). So vermute ich es und bin’s zufrieden. Zumal ich kaum Zeit habe darüber zu urteilen. Zu atemlos und begeistert bin ich von Kehlmanns virtuoser Komposition:  Gedanken, Worte, Situation, die ein Dementer sieht, denkt und zu erfahren glaubt - gebrochen von der tatsächlichen Handlung um ihn herum. Wir schlüpfen in den Protagonisten und sind gleich selbst ganz wirr. Es ist brillant. Kehlmann ist aktuell einfach der beste deutschsprachige Autor. Dieser Rhythmus, die Sprache - es ist eine Kunst!</p><p>Zurück zur Handlung: das mehr schlecht als recht ablaufende Interview ist ein Set-Up im doppelten Sinne. Der joviale Moderator der Sonntagvormittagsshow liest nur die Fragen ab, die ihm sein Regieassistent, ein gewisser Rosenzweig, auf die Karteikarten schreibt und somit stellt er Wilzek eine Frage zum Film “Der Fall Molander”, bei der er dem weltberühmten Regisseur G.W. Pabst als Regieassistent doch zur Seite gestanden habe, nicht wahr? Wir bekommen aus dem Kopf von Franz Wilzek plötzlich ein paar Filmbilder. Eine opulente Konzertszene mit hunderten Komparsen, einem Geiger - und Soldaten? Irgendetwas stimmt nicht; mit der Szene, mit Wilzek, seinem Kopf, der Welt. Der Film ist real und irreal gleichzeitig, bis Wilzek in anscheinender Verwirrung stottert, dass der Film nie gedreht worden wäre: “Gibt es nicht!” - entgegen dem, was der Herr Moderator da auf der Karte stehen habe, “Nicht gedreht!” wiederholt er immer und immer wieder. Es ist ein Set-Up für die kommenden 480 Seiten bester deutschsprachiger Literatur, erschreckender Literatur, notwendiger Literatur, zeitgemäßer Literatur.</p><p>Und so befinden wir uns plötzlich in Kapitel 2 im Jahr 1934. Der weltberühmte Regisseur G.W. Pabst ist in Hollywood und radebrecht sich durch ein Gespräch mit einem Produzenten, und der Plot erscheint uns nun vorhersehbar: gab es den Film “Der Fall Molander” oder gab es ihn nicht und was ist bis zu seinem vorgeblichen Dreh geschehen? Man muss kein Cineast sein um zu wissen, was aus der deutschen Filmindustrie in der Zeit des Nationalsozialismus geworden ist, wie viele jüdische (und nicht-jüdische) Filmschaffende geflohen sind oder es nicht geschafft haben. Die Story steht fest und somit wird die Sprache und das Szenische, nicht der Plot, die Hauptlast im Roman zu tragen haben. Wir meinen schon früh zu erkennen, worauf es hinausläuft. Es wird darum gehen, wie die vom verwirrten Wilzek erinnerten Personen sich ins verhängnisvolle Jahr 1945 finden. Und im Groben wird das so passieren, es wird die Handlung sein im Buch, mitunter beklemmend, ja schmerzhaft, denn wie man denkt, man weiß, was kommt: der Horror der Nazizeit, liest man wie er kommt<strong><em>, </em></strong>der Horror, und Kehlmanns mächtige Sprache macht, dass man das Gefühl hat, man erlebe ihn selbst, den Horror. “Horror” nicht in seinem popkulturellen, modernen Sinn, sondern im archaischem, zerebralen. Einer Qual ob der Quälerei, nur sehr schwer auszuhalten und er beginnt, als G.W. Pabst mit seiner Familie ein paar Tage vor Kriegsausbruch - wie dumm, man schreit beim lesen “Nein!!” - nach Österreich, jetzt Ostmark genannt, zurückkehrt, und nicht mehr rauskommen wird. Ein Horror.</p><p>Und es wird eine Geschichte über die mögliche Niedertracht in uns allen werden. Ob es der kunstsinnige Sohn G.W. Pabsts ist oder der hilfsbereite Verwalter des kleinen Schlosses, welches sich der Regisseur von seinen ersten Filmerfolgen gekauft hat. Der eine wird von einem malenden Kind zum begeisterten Hitlerjungen, der andere vom geachteten “Mann für Alles” im Dorf zum Chef der NSDAP Ortsgruppe. Nur der Spitzel Kuno Krämer, der G.W. Pabst schon in L. A. “Heim ins Reich” locken möchte, überrascht nicht, als er seinen Hund einschläfern lässt, weil er ihn nicht mit nach Deutschland nehmen kann. Ein armes, dummes Schwein.</p><p>G.W. Pabst wird in Deutschland bleiben und Filme drehen, und somit kann und wird das Buch wohl so gelesen werden, als ob es um das gehe, was das Feuilleton mit den Fragen “Was hätte ich getan? Wie weit wäre ich gegangen?” beschreibt. Aber wer nur das sich fragt, hat sich die Antwort in seiner Ignoranz schon gegeben. Kehlmann verweigert sich dieser Nabelschau, im Buch geht es fast immer um die Opfer. Zum Beispiel, handlungsbedingt vornehmlich im ersten Teil, DRAUSSEN betitelt und vor dem Krieg spielend: um Flüchtende. Wie sie manchmal gut, oft weniger so aufgenommen werden. In den 1930ern waren das Deutsche. Heute sind es Syrier, Ukrainer, Leute aus Myanmar oder Gaza. Wer sich <em>nur</em> fragt, wie er DRINNEN überlebt hätte, fragt sich offensichtlich nicht, wie die Flüchtlinge das in ihrem DRAUSSEN tun. Wer das “nur” weglässt und beides im Blick halten kann, ist auf der richtigen Spur. Denn wie es Fliehende gibt, die um ihr Leben rennen gibt es Länder, wo sich Künstler exakt heute die exakt gleichen Fragen stellen müssen wie G.W. Pabst und Co damals im Dritten Reich. Künstler, Aktivisten, die bleiben oder bleiben müssen. Und wie man mit diesen Gehaltenen und Gespaltenen umgeht, das ist die Frage, die wir DRAUSSEN uns beim Latte Macchiato stellen müssen. Verurteilt man radikal jeden, der Kompromisse im eigenen, unterdrückten Land macht, der versucht sich von den Gefahren einer Diktatur fernzuhalten, als Mitläufer und Opportunisten und fordert damit von jedem DRINNEN in einer Diktatur das volle Pussy Riot commitment? Das sind die für mich interessanteren und praktischeren Fragen, die “Lichtspiel” aufwirft. Die egozentrische Nabelschaufrage: “Hätten wir mitgemacht?” ist sinnlos, weil gleichzeitg hypothetisch und eindeutig zu beantworten: natürlich hätten wir alle mitgemacht. “Wir” als Menschen sind heute nicht besser als vor achtzig Jahren, ein Blick auf die Wahlergebnisse von Wisconsin bis Warschau zeigt uns das. Warum sollten wir kompromissloser gewesen sein? Warum “besser”? B******t.</p><p>Das “Warum” - warum wir mitgemacht hätten - ist die interessantere Frage. Dafür geht Kehlmann, wie G.W. Pabst, dicht ran an seine Subjekte. Das tut weh, denn man kann sich nicht mit zwei Metern Abstand zum Fernseher eine kluge BBC-Doku reinziehen, die erklärt, was alles schief gelaufen ist, damals. Man ist selbst Pabst, man ist selbst sein Sohn Jakob, seine Frau Trude. Für ein paar Seiten kommt man nicht raus aus Deutschland und auf den Straßen marschiert die SS.</p><p>Oft kann Pabst nur in Gedanken rebellieren, mit Genuss beurteilt er innerlich Leni Riefenstahls Unvermögen. Der Leser freut sich über diese paar Minuten der Freiheit. Und wenn die Leni dann den Mund aufmacht, denn Pabst ist beim Dreh und muss ihr einen Film retten, wollen wir ihr einfach nur die Fresse polieren. Pabst trinkt statt dessen noch ein zweites Bier zum Mittagessen. Und ein drittes hinterher. Und hält die Fäuste still unterm Tisch. Da müssen wir durch. Doch dankbar sind wir, wenn wir in diesen Situationen wenigstens kurze Momente der Entspannung finden, wenn Kehlmann seinen Protagonisten und uns Gedanken in den Kopf legt, die unserem Hass auf Leni Riefenstahl und ihr ganz Faschistenpack Ausdruck verleihen. Ein paar Momente des Outlets in einem Buch über das Grauen.</p><p>Die meisten Szenen und Situationen im Buch sind für Nicht-Cineasten erschreckender als für den Auskenner: denn, fast immer wenn ich eine Person, die ich auf Anhieb nicht kenne, auf ihre Realität oder Fiktion überprüfe, erfahre ich, dass immer das Grausamste stimmt: wenn es um Täter geht, war ihre Niedertracht genauso wie beschrieben; wenn es um Opfer geht, ihr Ende genauso brutal und sinnlos. Irgendwann traut man sich nicht mehr, die Wikipedia aufzumachen.</p><p>Der Schlüsselsatz des Romanes ist wohl dieser: “Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.” Kehlmann legt ihn Georg Wilhelm Pabst zum Ende des Krieges, wie des Romanes, in den Mund. Ein <em>so weiser Satz</em>, jeder unterschreibt ihn sofort. Nur - stimmt er nicht. Nicht im Angesicht von Krieg und von Zwangsarbeit und Genozid. Da wird Kunst absolut unnötig, sie bleibt auch nicht das Einzige, was wichtig war. Es bleiben Leichen und Horror und Generationen von Traumata. Was verschwindet sind Filme, wie “Der Fall Molander” und wenn sie irgendwie überleben, dann will sie keiner sehen, solange das Trauma noch existiert.</p><p>“Aber, Herr Falschgold, was ist mit den Streichquartetten in Auschwitz?”</p><p>“Really?!”</p><p>Kehlmann hat uns in den ersten Kapiteln sanft eingeführt in die Kunst, in seine Protagonisten zu schlüpfen, als Leser. Ein dementer alter Mann, ein schlecht englisch sprechender Deutscher. Wie aus dem Nichts nehmen wir so im Laufe des Romans immer wieder die 1. Person ein, das Vertigo eines Kindes beim Abstieg in einen tiefen Keller, die Panik des Regisseurs bei einer Audienz bei Göbbels. Diese Technik kulminiert in der vollständigen Auflösung von Zeit und Raum im Angesicht des Grauens des Holocaust. In diesem Augenblick erlöst Kehlmann seine Protagonisten: er nimmt ihnen (kurz) den Verstand. G.W. Pabst sieht die Welt nur noch als Film. Schüsse, Explosionen, Flucht als Abfolge von Schnitten, Einstellungen und Kamerfahrten. Nur wir, die Leser, haben alle diese Filme schon gesehen, sie sind unser “Kriegserlebnis”, alles setzt sich für uns wieder zur “Realität” zusammen und ist nicht auszuschalten, nicht auszuhalten. Das ist stilistisch stark und greift mich tief an.</p><p>Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Roman über den Nationalsozialismus noch mal so kriegt. Kehlmann hat achtzig Jahre nach dem Grauen den Horror nochmal zum Leben erweckt und ich möchte vermuten, nicht nur wegen des faszinierenden Stoffes über einen gedrehten und verschollenen Film, und der dieser Story inneliegenden moralischen Parabeln. Ich möchte glauben, es ist ein erneuter Aufruf Daniel Kehlmanns, den Anfängen zu wehren und dass das, achtzig f*****g Jahre später, wieder nötig ist, ist der eigentliche, <em>unser</em> Horror.</p><p>“Lichtspiel” von Daniel Kehlmann ist ein antifaschistischer Roman - er kommt zur richtigen Zeit.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/daniel-kehlmann-lichtspiel</link><guid isPermaLink="false">substack:post:137953432</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 Oct 2023 05:26:11 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/137953432/0e99f69c90404fb3130ffeb4a7ae98a9.mp3" length="10479952" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>655</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/137953432/2bc69b13eb9f4c7d2011ad2e0290ea03.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Also wie?]]></title><description><![CDATA[<p>Am Ende waren alle sehr schnell des Streitens müde, ob <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/also-wie">Herr Falschgold</a> des Satzbaus mit “wie” mächtiger sei als <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/was-hanschen-nicht-lernt#details">Anne Findeisen</a> oder andersrum und lauschten den Geschichten aus dem Dresdner Großen Garten, erzählt von <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/ob-als-oder-wie-oder-wie-als-ob-die">Irmgard Lumpini</a>. Harmonie kann so einfach sein.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-also-wie</link><guid isPermaLink="false">substack:post:137620859</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen, Herr Falschgold, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Oct 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/137620859/830e1375429c7d5f71577b0e3ca08964.mp3" length="20347968" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen, Herr Falschgold, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1272</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/137620859/62ac605706e98964b8119df52589903e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Was Hänschen nicht lernt...]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Was Hänschen nicht lernt...</p><p>...lernt Hans nimmermehr, so lautet eine gängige Redewendung, die darauf verweist, dass Wissen, welches man sich nicht schon in jungen Jahren angeeigent hat, man sich auch im Alter eher schlecht noch aneignen wird. Dies ist keine Pauschalverurteilung, denn schließlich macht ja Übung den Meister und selbige fallen auch nicht vom Himmel, dennoch ist etwas Wahres dran. Nehmen wir als Beispiel das Erlernen von Sprache und deren Regeln und hier im Konkreten die Verwendung der Wörter <em>als </em>und <em>wie</em>. In Herrn Falschgolds letztem Beitrag haben wir erfahren, dass er so seine Schwierigkeiten mit der regelgerechten Verwendung dieser Begriffe hat und damit ist er nicht der Einzige. Dabei ist es simpel, vor allem wenn man die beiden Wörter in Vergleichen benutzt. Möchte ich ausdrücken, dass etwas gleich ist, verwende ich <em>wie</em>, möchte ich jedoch zwei Dinge gegenüberstellen, die ungleich sind, verwende ich <em>als. </em>Als Beispiel: Jemand ist größer <em>als </em>jemand anderes, aber genauso gut im Rechnen <em>wie </em>der Andere. Es ist also keine Raketenwissenschaft und erst Recht braucht man kein Chat GPT für die korrekte Anwendung von als und wie, denn es handelt sich hierbei um ganz einfaches Schulwissen, wo wir wieder bei Hänschen wären...Sich ein bisschen Mühe zu geben und seiner Sprache nicht völlig ignorant gegenüberzustehen, kann sicher auch zu einem guten Stil verhelfen. Dieser zeichnet sich für mich auch dadurch aus, dass bestimmte Formulierungen immer gemeinsam benutzt werden. Beispielsweise sowohl...als auch, zum einen...zum anderen oder weder...noch.</p><p>Aber in Zeiten, in denen vor allem Vokabeln aus der englischen Sprache immer mehr Einzug in unseren Sprachgebrauch halten, wirkt diese Diskussion vielleicht fast schon ein wenig altbacken und man muss ständig am Ball bleiben, um die Weiterentwicklungen nicht zu verpassen. Ob man diese Veränderungen mit offenen Armen begrüßt oder ihnen eher skeptisch entgegensteht, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist aber, dass eine lebendige Sprache, wie es die deutsche nunmal ist, ständig gesprochen wird und dadurch einem Wandel und ständiger Entwicklung unterliegt. Wer hätte heutzutage auch noch große Lust mittelhochdeutsch zu sprechen? Not me. Dass es bei Begrifflichkeiten und Formulierungen die aus anderen Sprachen entlehnt werden auch zu Fehlern in der Übersetzung kommen kann, die dann im Deutschen ihren Lauf nehmen, ist den allermeisten spätestens seit dem berühmten Beispiel <em>it makes sense </em>im Deutschen gern mit <em>es macht Sinn </em>übersetzt, weil es, Achtung false friend ist und eigentlich korrekt <em>es ergibt Sinn </em>heißen müsste. Aber in lebendigen Sprachen verhält es sich offensichtlich so, dass auch eine falsche Formulierung, so sie denn nur oft genug und von ausreichend Menschen benutzt wird, irgendwann auch als richtig in den Duden aufgenommen werden kann. Veränderung und Wandel heißt ja schließlich nicht immer automatisch zum Besseren und wer sagt eigentlich, dass man den Duden nicht mal anzweifeln kann?</p><p>Wie dem auch sei. Sprache ist einfach etwas zu Schönes und Wertvolles, als dass man jegliche Verhunzungen durch beispielsweise Zeitschriftenartikelschreibende oder auch Politiker einfach durchgehen lassen sollte. Die Vielfalt der Sprache ist so wunderbar, dass sie uns nicht nur zum Zweck des Austauschs von Informationen und zur stupiden Kommunikation dient – auf die sie heutzutage dank diverser Nachrichtenportale ohnehin oft immer weiter reduziert und vereinfacht wird – nein, sie ist das Mittel mit dem wir uns und unsere Gedanken und Gefühle äußern können, wir haben die verschiedensten Stilmittel, Metaphern und Redewendungen, die wir mit Lust gebrauchen können, um uns auszudrücken. Selbst Witze zeigen, wie vielfältig Sprache eingesetzt werden und Freude bringen kann. Doch allen, die keine Freunde von großen Worten sind, gebe ich noch eine Strophe aus Mascha Kalékos Gedicht <em>Kleine Zwischenbilanz</em> mit auf den Weg:</p><p>Es ist und bleibt das gleiche allerorten –</p><p>Man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.</p><p>Zum Reden hat sogar der Feige Mut;</p><p>Doch Schweigen klingt in jeder Sprache gut.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/was-hanschen-nicht-lernt</link><guid isPermaLink="false">substack:post:137297555</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 24 Sep 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/137297555/8f77f634b68bf5608c08007ee4f1f6ea.mp3" length="5522330" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>276</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/137297555/de70fb0f4633416bd9304c888b2958c3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Guse, Lewis, Stern]]></title><description><![CDATA[<p>Wir sprechen über die Bücher und Rezensionen der letzten drei Wochen, als da wären:  “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/steve-stern-the-frozen-rabbi">Der gefrorene Rabbi</a>” von Steve Stern, rezensiert von Herrn Falschgold, “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/herbert-clyde-lewis-gentleman-uber">Gentleman über Bord</a>” von Herbert Clyde Lewis behandelte die Rezension von Anne Findeisen und Irmgard Lumpini hatte spoilerfrei um “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/herbert-clyde-lewis-gentleman-uber">Miami Punk</a>” von Juan S. Guse herumbesprochen.</p><p>Diskussionswürdig war dabei alles: angefangen von der Sicht auf den Inhalt eines Buches, dessen Perfektionsgrad und nicht zuletzt die Vermarktung des Werkes. Drei Rezensenten hatten vier Meinungen, mindestens, und haben dafür extrem zivil diskutiert. Wir sind stolz. </p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-guse-lewis-stern</link><guid isPermaLink="false">substack:post:136853328</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 10 Sep 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/136853328/4400cffbe35c5babe2140f4da27634fc.mp3" length="44640592" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Irmgard Lumpini, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2790</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/136853328/bc9daa72a9f31baf8c09af4e4b76b15c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Juan S. Guse: Miami Punk]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>meist schaffe ich es, wenig bis gar nichts über die Handlung des vorgestellten Werkes zu verraten. Das ist diesmal leider nicht möglich, deshalb das Fazit zuerst:</p><p>“Miami Punk” wurde im deutschen Feuilleton hoch- und runter gelobt. Wenn ihr also wisst, dass ihr euch demnächst auf einer Vernissage einfinden werdet, auf der so etwas Thema sein könnte oder sollte oder ihr euch prinzipiell dafür interessiert, was in den Elfenbeintürmen der Literaturkritik so besprochen und hoch gehandelt wird: dieses Buch ist für euch! Das 2. Werk des mit dem Ingeborg-Bachmann-Preises ausgezeichneten Juan S. Guse hat eine sehr starke, dystopische, und leider auch nicht ganz unrealistische Grundidee, die fast im Alleingang den Roman zu einer Empfehlung macht. Also: lest “Miami Punk”, es ist keine verschwendete Lebenszeit.</p><p>Und? Wie fandet ihr es? Welche Gefühle, Reflektionen und Reaktionen hat die Lektüre von “Miami Punk” in euch ausgelöst?</p><p>Wir können jetzt aber auch mit dem Vernissagenquatsch aufhören und einfach über das Buch schreiben (ich) und lesen (ihr).</p><p>Das Ausgangsszenario ist eine gute Idee: Über Nacht hat sich der Atlantik zurückgezogen, Miami ist nicht länger die Stadt am Ozean, an der schöne Menschen ihre Körper am Strand stählen und dann in der Dauerwerbeindustrie verkaufen, tausende Touristen Margaritas schlürfen und der Hafen einer der wichtigsten Arbeitgeber ist, während drunter der sumpfige Morast wartet und an allem schiebt und zieht.</p><p>Wie wir zu unserer Lektüre gelangen: In meinen jungen Jahren, als ich den damals geltenden Kanon verschlang und über die Nennung von Namen diverser Schriftsteller (nicht gegendert, Männer verwiesen auf Männer) von den 1920er bis zu den 1960er Jahren hüpfte, hatte ich:</p><p>* die dafür erforderliche Zeit und(</p><p>* eine noch sehr hohe Toleranzschwelle sowie ein ausgeprägtes Pflichtgefühl.</p><p>Letztgenanntes zwang mich, jedes angefangene Werk zu Ende zu lesen (oder mindestens zu überfliegen), dafür brauchte es die Toleranzschwelle.</p><p>Etwas schamvoll muss ich gestehen, dass es mir gar nicht in den Sinn kam, ein Buch NICHT zu Ende zu lesen, bevor ich las, dass so etwas möglich ist. Wenn einen das Buch nicht langweilt, kann ein sehr anspruchsvolles Buch wenigstens mit Staunen und Wundern belohnen.</p><p>Wenn man heute googelt, ob das in Ordnung ist, sind die nächsten Fragen: “Ist es ungesund zu viel zu lesen?” oder “Welche Nachteile hat das Lesen?”</p><p>Ihr müsst nicht nachschauen: Die letzte Frage behandelt den Genuss von Audiobüchern, nicht das “Lesen” an sich (es gibt keine Nachteile - außer natürlich die falschen Bücher).</p><p>Zurück zur Art der Empfehlung: sich über Quellen- und Querverweise von Lektüre zu Lektüre zu hangeln, erschließt leider nur die Welten ähnlicher Gleichgesinnter, weil sich ja alle kennen oder zumindest in denselben Kreisen angesiedelt sind, die die anderen Autoren jeweils akzeptabel oder gar dufte finden.</p><p>Irgendwann, als ich auch nicht mehr Zeit hatte alles zu lesen, was mir irgendwie angespült wurde, entdeckte ich das deutsche Feuilleton und seine Empfehlungen.</p><p>Blöde nur, wenn man dann merkt, dass das enorm abhängig von der Marktstellung des jeweiligen Verlages und des verwendeten Marketingbudgets abhängt.</p><p>Gut, in Ausnahmefällen schafft es auch mal ein Buch aus einem Indie-Verlag, einen Bestseller zu landen, aber das passiert nicht allzu oft.</p><p>Heutzutage versuchen die <a target="_blank" href="https://www.hotlist-online.com/die-kandidaten-f%C3%BCr-die-hotlist-2023/">unabhängigen Verlage</a> entgegenzusteuern, es gibt zahllose Buchempfehlungs- und Literaturblogs, die gefühlt alles “sehr spannend” finden, uff.</p><p>Nichtsdestotrotz mag ich Buchempfehlungslisten, gerne nach <a target="_blank" href="https://www.nytimes.com/2023/08/30/books/new-books-september.html">Jahreszeit</a> und vermutetem Anlass (<a target="_blank" href="https://www.nytimes.com/article/best-romance-books.html">Strandlektüre</a>!) oder direkt nach <a target="_blank" href="https://www.nytimes.com/interactive/2020/05/04/arts/best-stephen-king-books.html">Autor</a>.</p><p>Noch besser wird es, wenn <a target="_blank" href="https://www.nytimes.com/column/by-the-book">Menschen</a> (Schriftsteller oder Konsumenten) ihre Vorlieben offenlegen, da sind dann auch mal größere Überraschungen dabei.</p><p>All das bewegt sich aber immer noch ganz schön im eigenen Dunstkreis, weil Zeitschriften ja ihre Leserschaft analysieren und den Teufel tun werden etwas zu empfehlen, was ihre Fans (lies: Abonnenten) überfordern würde.</p><p>Hierfür war in den letzten Jahren Twitter eine gute Quelle, weil sich Menschen die Zeit nahmen, bei großen Ereignissen oder verachtungswürdigen Scheußlichkeiten ein paar <a target="_blank" href="https://people.com/books/books-to-read-for-a-better-understanding-of-systemic-racism-whiteness-and-the-black-experience/">Buchempfehlungen</a> für diejenigen zu hinterlassen, die nach <a target="_blank" href="https://www.centerforcompassionateleadership.org/blog/five-books-on-systemic-racism-every-white-leader-can-learn-from">Erklärungen</a> oder Verständnis suchen. Was aus Twitter geworden ist, wisst ihr sicher selbst.</p><p>Ein nicht unbedeutendes Mittel der Buchempfehlungen sind die auf den Werken selbst (entweder auf der Rückseite oder als eigenständiger Teil des Buches direkt am Anfang) aufgedruckten Lobpreisungen anderer Schriftsteller*innen oder Medien (sprich Zeitungen, Websites u.ä.), wenn man in der <a target="_blank" href="https://richters.buchhandlung.de/shop/">Buchhandlung</a> seines <a target="_blank" href="https://www.koenig-kurt.de/">Vertrauens</a> neuen Stoff sucht. War das früher etwas, woran man sich tatsächlich langhangeln konnte, ist auch das ein längst ein <a target="_blank" href="https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2023/08/book-blurbs-ethics/675139/?utm_source=pocket_saves&#38;utm_medium=email">Millionen-Business</a>.</p><p>So abstoßend, dass mir wahrscheinlich spannende Lektüre entgangen ist, weil ich dann einfach bockig werde. Richtig aufgefallen und -gestoßen ist mir das bei Don Winslow, von dem wir ja bekanntermaßen <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/don-winslow-tage-der-toten#details">Fans</a> sind.</p><p>Und nun der Kreisschluss zum heute empfohlenen Werk: Auf der Verlagsseite findet sich nicht nur eine ins <a target="_blank" href="https://www.fischerverlage.de/verlag/rights/book/juan-s-guse-miami-punk-9783103973938">Englische</a> übersetzte Passage, sondern auch eine Vielzahl von geradezu ekstatischen Lobpreisungen: “[...] ein wunderbar schwer verdaulicher Roman. Das macht ‘Miami Punk’ zu einem der derzeit ungewöhnlichsten Bücher auf dem deutschen Markt. Ein Werk mit magischer Qualität.”</p><p>Wunderbar schwer verdaulich? Sowas kann nur jemand schreiben, der nie unter Verstopfung und Schmerzen gelitten hat. Und das “derzeit” ist ein geradezu genial eingebauter kleiner Schritt zurück - als ob Bücher nicht länger als ihren Veröffentlichungsmonat existieren würden (Bücherei von Alexandria anyone?). Und “magische Qualität”? Jesseshergottnochmal.</p><p>Oder hier: “‘Miami Punk’ ist der vorläufige Höhepunkt der neuen, ebenso ironischen wie politischen Endzeitliteratur.” Boah: “vorläufig, ironisch wie politisch”. Das bekommt man nur sehr schwer ausgeatmet, da muss man direkt “<a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=Xs0K4ApWl4g">Krieg der Welten</a>” einschalten.</p><p>Weiter in den Lobpreisungen für “Miami Punk”: “...Zeug zum Kultroman…ist ein ebenso größenwahnsinniger wie genialer Roman…so brutal, gelungen und unerwartet wie ein Schnipsel der Musikrichtung, von der der Roman die Hälfte seines Namens hat. …ist in erster Linie ein Gesellschaftsroman über das 21. Jahrhundert…recht unüblicher Referenzraum aus Trash, Nerdculture und Pop…”</p><p>Ich denke, es reicht.</p><p>Gestoßen bin ich auf “Miami Punk” übrigens, weil ein Bekannter es auf dem Kindle hatte und der eine Woche bei mir in der Küche lag (Der Kinde, nicht der Bekannte!). Wenn ich die Lobpreisungen vorher gelesen hätte, wäre es liegen geblieben. So hatte ich eine unterhaltsame Zeit. Und all die, die das Buch nicht direkt nach der Empfehlung gelesen haben, wurden nicht über die 1. Romanseite hinaus gespoilert 🙂</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/juan-s-guse-miami-punk</link><guid isPermaLink="false">substack:post:136686981</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Sep 2023 12:43:38 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/136686981/d11f47b165a53573ea2faaf27ee557b2.mp3" length="9026918" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>451</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/136686981/fbd66b67c4d12cbaab5f7197bcdf21bd.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Steve Stern - The Frozen Rabbi]]></title><description><![CDATA[<p>“The Frozen Rabbi” heißt ein im Jahr 2010 erschienenes Buch des amerikanischen Autors Steve Stern. Es ist sowohl in der englischen wie der deutschen Ausgabe einer vorn drauf und die erste und offensichtliche Frage, die sich der Leser stellt, ist natürlich, ob “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3P4do69">Der gefrorene Rabbi</a>”, so der deutsche Titel, eine Metapher ist. Wir erfahren die Antwort ganz erstaunlich auf der allerersten Seite im Buch. Nein, der Rabbi ist so real, wie es einem Romanhelden möglich ist. Und natürlich, ja, ist er auch ein Gleichnis, wir lesen schließlich Literatur. Auf dieser ersten Seite also erfahren wir, wie der Teenager Bernie in Memphis, Tennessee, nach einem Stück Fleisch zum Reinonanieren sucht, denn er hat gerade inspiriert “Portnoys Beschwerden” von Philip Roth gelesen, und der Roth ist nun mal für jede Schweinerei zu haben, der alte weise (sic!) Mann. Bernie geht dazu in die Abstellkammer des elterlichen Hauses, öffnet den mannsgroßen ur-uralt Gefrierschrank seiner Eltern und wie er sich durch die Schichten von Tiefkühlpizza und Hamburger-Patties nach unten wühlt, stößt er dort auf einen klaren Block Eis, in dem ein kleiner, hunzeliger Mann, mit einem Schtreimel auf dem Kopf, liegt und ihn anstarrt. Ein Schtreimel ist diese dicke, runden Fellmütze die man auf den Köpfen chassidischer Juden von Jerusalem bis Brooklyn sieht und wer diese Erläuterung braucht ist der perfekte Leser des hier zu besprechenden seltsamen, aber ganz hervorragenden Buches. Bernie allerdings bedarf der Erläuterung nicht, ist sein Haushalt doch ein jüdischer, wenn auch ein eher säkulärer. Auch ist Bernie ein Teenager um die Jahrtausendwende, und außer an Essen und Wichsen an nicht viel zu interessieren. Er schließt also die Gefriertruhe und vergisst augenblicklich, was er gesehen hat. Bis zum Zeitpunkt, als seine Eltern auf Kurzurlaub, im Haus der Strom ausfällt und er meint sich an <em>irgendwas</em> erinnern zu müssen, dass da <em>irgendwas</em> war.. bis neben ihm ein schlotternder alter Mann steht, eine triefende Pelzmütze auf dem Kopf und ihn anspricht, in einer Sprache, die er nicht versteht.</p><p>Das Buch lässt uns so überrascht sitzen wie den Bernie und springt zurück in’s Jahr 1889. Der noch quicklebendige Rabbi heißt Eliezer ben Zephyr, so erfahren wir, und er besitzt recht besondere spirituelle Fähigkeiten. Er vermag es in zenartige Zustände zu geraten, in denen er seine irdische Hülle verlassen kann und in den Himmel fliegt, sich von außen betrachtet, mit Gott spricht, und was man da oben sonst noch an religiösem Supermanstuff machen kann. Das Ganze ist nicht so furchtbar eso-ernsthaft wie man denkt. Das Judentum sieht sich schließlich als positive Religion und selbst ohne den ach so sprichwörtlichen jüdischen Humor zu bemühen, versucht man in dieser doch bei aller religiösen Ernsthaftigkeit eine gewisse Leichtigkeit in die von Gott aufgetragenen Riten zu bringen. Wer schon mal ein Purim-Fest gesehen hat, hat eine Vorstellung. Und so begreift der Rabbi seine Ausflüge auch eher als Erholung vom anstrengenden Alltag Ende des 19. Jahrhunderts, weniger als Kontakt zu seinem unaussprechlichen Gott. Also liegt er da so in einem See irgendwo auf dem Gebiet des heutigen Polen oder der Ukraine, ein damals russisches Gebiet, in dem sich Juden streng reglementiert ansiedeln durften, und träumt sich aus seinem Körper heraus. Plötzlich jedoch bricht ein Sturm und ein Regen über dem See herein, die Temperatur fällt rapide und unser Rabbi gefriert binnen weniger Augenblicke bei lebendigem Leib und freiem Geist ein. Der Rabbi ist mindestens so überrascht wie der örtliche Eisstecher, Salo Frostbissen, der im Winter Blöcke von Eis aus dem See sägt und diese in eine Höhle schafft und für den Sommer einlagert, denn Salo findet den Rabbi ein paar Wochen später, wie er da so im  Eis liegt, hackt einen Quader von Eis um ihn herum frei und verbringt diesen in seine Eishöhle, mit dem Plan, ihn würdig zu begraben. Woraus nichts wird, sonst wäre der Roman schnell zu Ende. Denn Salo wird in des gefrorenen Rabbi Bann gezogen, er sitzt bald stundenlang in der Eishöhle neben ihm, spürt irgendeine tiefe Verbindung und ist der erste einer Reihe von dem Rabbi verfallenden Hütern und Beschützern, die im Buch erst zur letzten Jahrtausendwende endet - bei Bernie allein zu Haus.</p><p>Wir springen nun munter vom noch gefrorenen Rabbi zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum soeben entfrosteten um das Jahr 2000 herum. Und sobald man realisiert, dass man die Begleiter des gefrorenen Rabbis durch das 20. Jahrhundert begleiten wird, kann man das durchaus umfangreiche Buch nicht mehr weglegen. Diese kleine Geschichte des Judentum im 20. Jahrhundert beginnt bei den Aschkenasim im Osten Europas, streift Zionisten in Palästina und endet bei den jüdischen Emigranten in die USA. Ausgehend von der Familie des Eisstechers Salo irgendwo bei Łódź, setzt sie sich fort in verschiedenen Shtetls und Ghettos in Europa, es folgt eine Überfahrt in die USA kurz vorm ersten Weltkrieg. Die Weltwirtschaftskrise der späten zwanziger Jahre in New York taucht auf und nicht nur als deutschem Leser wird uns spätestens jetzt natürlich etwas schwummrig. Die Handlung im Roman nähert sich den Neunzehnhundertvierziger Jahren und wir stellen fest, dass Steve Stern den Holocaust in gerade einmal zwei, drei Absätzen erwähnt und auch nur aus der Sicht eines Zionisten im damals britisch besetzen Palästina. </p><p>What is happening?!</p><p>Nun, Geschichte kann nie vollständig erzählt werden. Es ist viel -  zu viel - geschehen im 20. Jahrhundert, wir hatten alle Geschichtsunterricht. Und ein Buch hat nur ein paar hundert Seiten zur Verfügung, wie schreibt man also eine Story über und mit Juden in diesem Jahrhundert, was schreibt man rein in die Geschichte, was lässt man weg? Die Shoa? No way. Nun, den Holocaust, als tatsächliche Erzählung, wegzulassen kann sich nur ein jüdischer Autor leisten und selbst für einen solchen ist es eine Entscheidung, die wohlbegründet sein muss. Das Faszinierende und wie ich finde enorm Mutige ist, dass Stern diese Begründung nicht gibt, man muss als Leser selbst drauf kommen. </p><p>Aber es ist auch nicht kompliziert:</p><p>Der im Eis gefrorene Rabbi ist natürlich eine Metapher, er steht für die Spiritualität, die jüdische Religion, ihre vielen Strömungen, von absurder Orthodoxie (bis man mal in die Kabbala schaut und merkt, dass diese noch wahnsinniger ist) bis zu den modernen, fast säkulären Strömungen die Zusammenhalt schaffen, wenn man über den Globus, über Kulturen oder Einkommensschichten verstreut lebt. Im Buch hat der Rabbi im Eis immer einen Begleiter, eine Bewacherin, jemanden, der auf ihn acht gibt und dafür belohnt wird. Das passiert so subtil, dass die Protagonisten (und wir Leserinnen) das, was geschieht oft genug nicht als Schutz oder gar Belohnung begreifen können. Nach Salo dem Eisstecher, der auf dem ersten Weg des Eisblockes von Boibicz nach Łódź wenigsten seine Frau “kennenlernt” (it’s a long story), ist die zweite  “Begleiterin” Jocheved, seine Tochter, die schön, talentiert und einfallsreich ist. Sie merkt bald, dass man mit ein bisschen Geschick, Gewürz und Liebe aus den öden Eisblöcken, die ihr Vater für einen Eisfabrikenten schleppt, Speiseeis machen kann. Sie unterstützt ihre Familie, wird immer schöner, selbstbewusster und erfolgreicher - um plötzlich überfallen zu werden. Durch’s Ghetto streunenden Kriminelle verschleppen sie von der Straße, sie wird über Monate unter Drogen in einem Bordell gefangen gehalten und missbraucht. Als sie schließlich frei kommt und einen langen Entzug hinter sich hat, kann sie sich nicht mehr als Frau betrachten, der Schmerz, die “Shandeh”, ist zu groß. In Selbstgesprächen nennt sie sich nun Max. Sie/Er fliehen nach Amerika und sie werden lange brauchen, um wieder so etwas wie glücklich zu werden. Permanent unsicher nutzen sie die Ambivalenz ihrer Existenz und treten in immer neuen Rollen und Verkleidungen auf, ständig auf der Flucht und es wird viel Zeit vergehen bis aus Max wieder Jocheved wird, eine selbstbewusste, zupackende Frau, die in hohen Alter respektiert sterben wird. Sie ist die Person, die am meisten Berührungspunkte mit den anderen Begleitern und Beschützerinnen des Rabbi haben wird, am meisten Einfluss, gewollt oder ungewollt, auf die Geschichte und Geschichten im Buch und wer <em>die</em> Holocaustmetapher nicht begreift muss dann doch zu etwas anspruchsloserer Literatur greifen.</p><p>Das ganze klingt dramatisch und düster und wird dem Buch sowas von ungerecht, dass es einfach nur wehtut. Das müssen wir ändern.</p><p>Also, “Der gefrorene Rabbi” ist ein ganz wunderbares Buch, speziell für deutsche Leserinnen und Leser, und zwar aus einem ganz anderen Grund als man denkt. Da Steve Stern seine Story in den osteuropäischen Dörfern, Shtetls und Ghettos beginnen lässt, und dort natürlich jiddisch gesprochen wird, vergeht keine Seite ohne einen kleinen jiddischen Spruch, eine Weisheit oder, ganz wunderbar aus dem Munde Salos des Eisstecher Ehefrau ein permanenter Strom an Beschimpfungen. Diese werden nicht übersetzt und erinnern damit an den 2008 erschienenen Roman “Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao” von Junot Díaz, den Irmgard Lumpini damals recht begeistert <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/category/werke/das-kurze-wundersame-leben-des-oscar-wao">hier</a> besprochen hatte, in diesem natürlich in der Kombination Englisch/Spanisch. Las ich den Oscar Wao, begeistert ob der Lebendigkeit und Authentizität, die die Zweisprachigkeit erzeugt und gleichzeitig verwirrt, ob meines nahezu nichtexistenten Spanisch, Siesta Óle!, bin ich mit meiner deutschen Muttersprache natürlich prädestiniert, das Jiddische in “Der gefrorene Rabbi” kinderleicht zu entziffern und mich sehr stolz zu fühlen, wenn es mir ohne den im Kindle eingebauten Übersetzer gelingt. Schon deshalb ist das Buch eine lehrreicher Spaß, aber es wird besser, tauchen doch ganz nebenbei auf fast jeder Seite jüdische Riten, Bräuche, rituelle und säkuläre Gegenstände auf, die nach Fußnoten und Erklärungen schreien - und leider fehlen. Aber Dank moderner Lesetechnologie, sprich der in E-Book-Readern eingebauten Möglichkeit, Worte in der Wikipedia nachzuschlagen, ist das heute gottlob kein Problem mehr. Wir lernen also von “Zivug Hashamayim”, ein Paar wie füreinander geschaffen, die der “Shadkhn”, der Heiratsmakler, hoffentlich zueinander führt, auch wenn die gerade in Osteuropa aktiven Denker der “Haskalah”, der jüdischen Aufklärung, die Praxis der arrangierten Heirat ablehnen. Für jeden, der sich ein bisschen für Geschichte und Gesellschaft interessiert oder auch nur monatlich ein Kneipenquiz mit leichtem Ehrgeiz bestreitet, ein Quell des Wissens und der Inspiration. Und für Leser, denen das immer noch nicht genug Lehrstoff ist, schreibt Steve Stern in einem zwar einfachen Englisch, benutzt aber auf fast jeder Seite Worte, die der anglophile  Connoisseur mit einem kleinen Jauchzen “What a strange little word!” elektronisch nachschlägt und dabei lernt, dass die Frau von Salo wohl zu recht “irascible” ist, also schnell gereizt, ob der zwar hübsch klingenden “dilapidated abodes” in denen sie leben muss, die aber dennoch nur “verfallenen Behausungen” gewesen sind und das ein “cuspidor” ein Spucknapf ist - braucht man nicht oft, das Wort, aber wenn, dann dringend. Die deutsche Übersetzung steht dem Ganzen wunderbarerweise in nichts nach, transportiert sie doch wirklich liebevoll den sprachlichen Reichtum und den Humor der Geschichte. Hatte ich erwähnt, dass das Buch wirklich lustig ist? Die Szenen, wie sich der aufgetaute Rabbi im Jahr 2000 zurechtfindet (ganz hervorragend, er macht gleichmal einen kleinen religiösen Kult auf) sind subtile Gesellschaftskritik und obwohl der Roman nahe am Klamauk endet, worüber <em>ich</em> mich null beschwere, bleibt einem hier ab und an ein Lachen im Hals stecken, denn, wir erinnern uns, der Rabbi hat das 20. Jahrhundert verschlafen. Wie er das Wort “Kristallnacht” das erste mal hört, stockt uns kurz der Atem. Aber auch im Ghetto zu Beginn des Buches lernen wir, wie man sich als ausgestoßene Minderheit Licht in die Dunkelheit bringt, durch Humor, gerne dunkelgrau, durch Zusammenhalt, gerne im Streit und immer wieder durch Einfallsreichtum, den Willen sich nicht unterkriegen zu lassen und - das der rote Faden im Buch - durch irgendeine Form der Spiritualität. Wenn ich das als Atheist lese rolle ich selbst als der, der’s geschrieben hat mit den Augen und ja, es ist ein seltsam Ding, dieses Buch. Es ist ein Roadmovie, eine spannende Story, es ist Fun - und nicht nur weil es um Juden geht, durchzieht es ein Nebel von Melancholie. </p><p>Die Religion ist auf jeder Seite des Buches präsent, wird aber unaufgeregt verschliffen von ihrer Alltäglichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts und gebrochen von ihrer Absurdität zu Beginn des 21. im Angesicht unseres aufgeklärten Zeitalters. Das hilft es mir als Goy, nicht permanent zu seufzen und die Augen zu verleiern. Es trägt, im Gegenteil, dazu bei, Verständnis dafür zu entwickeln, dass Menschen glauben. Nicht im Sinne von organisierter Religion: diese taucht im Buch immer wieder auf, aber wird durchaus lächerlich gemacht und sei es nur durch die Absurdität, dass der nach hundert Jahren aufgetaute Rabbi als erstes mal einen Judea-Eso-Feelgood-Tempel gründet. </p><p>Nein, Steve Stern erzählt in “Der gefrorene Rabbi” eine Story über Juden im 20. Jahrhundert, die sich von ihrem Glauben getragen emanzipieren, aus dem Ghetto, aus der Diaspora oder einfach nur aus dem Eisblock ihrer eigenen Geschichte und das ist ein wirkliches Leseerlebnis.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/steve-stern-the-frozen-rabbi</link><guid isPermaLink="false">substack:post:136188876</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 20 Aug 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/136188876/8a93be2d5a47f825fcd1b263e8ee02ea.mp3" length="12112919" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>757</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/136188876/3cece55eeda75927ba560c782363f2ed.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Sinéad O'Connor "Rememberings"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Sinéad O'Connor ist nicht mehr auf dieser Welt. Das ist sehr traurig. Und während viele sich an “Nothing Compares 2U” und das zerrissene Papstbild erinnern, ist das doch ganz schön wenig. Deshalb sei heute allen noch einmal ihre Autobiographie ans Herz gelegt und als kleine Zugabe gibt es dieses Interview: </p><p>Guten Morgen!</p><p>Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Leserinnen und Leser,</p><p>vielleicht geht es euch heute früh noch nicht so gut, vielleicht habt ihr gestern in einer Bar noch einmal ausgetrunken, bevor sie ab morgen wieder geschlossen sein werden.</p><p>Drückt lieber noch einmal die Stopptaste, trinkt einen Kaffee, wascht den Zigarettenrauch aus den Haaren, geht eine Runde um den Block, bis ihr wach seid.</p><p>Willkommen zurück!</p><p>Diese Einleitung war der bereits 2. Versuch über das Werk zu schreiben, kurz, bevor die Bars wieder einmal geschlossen wurden.</p><p>Seit 6 Monaten scheue ich mich vor dieser Rezension und prokrastiniere, und eigentlich ist die TL;DR Zusammenfassung auch schnell und voller Überzeugung heruntergeschrieben:</p><p>Lest Sinéad O’Connors Autobiographie “Rememberings”, sie ist das beste Buch der letzten Dekade und die nachfolgenden Zeilen sind ein paar Hinweise, Zusammenfassungen, Überlegungen, die - leider - diesem Werk sowieso nicht gerecht werden können. This is no fishing for compliments, sondern Fakt.</p><p>Spoiler Alert/Triggerwarnung: In einer ersten Fassung dieser Rezension hatte ich es tatsächlich vermocht, mich auf meine Empfindungen zu beschränken und de facto nichts zu verraten, aber das heißt nichts anderes, als mich selbst zu wichtig zu nehmen, wenn es eigentlich um ein wirklich herausragendes Buch geht.</p><p>Die Triggerwarnung stelle ich für sehr schwer auszuhaltende Schilderungen von physischer und physischer Gewalt voran.</p><p>In einem Interview in “The View”, einer Show auf dem Sender abc hat Sinéad O’Connor ihre Autobiographie als “wichtigsten Song, den sie je geschrieben hat” bezeichnet.</p><p>Unschuldig genug geht es los. Sinéad O’Connor beginnt ganz von vorn. Mit den Augen eines Kindes beschreibt sie ihre Familiengeschichte, die 1966 in Irland beginnt: wer sind die Großeltern, wer sind die Eltern, wo haben sie sich getroffen, wann sind ihre Geschwister geboren, alle Namen werden genannt. Eine verwirrende Anzahl der männlichen Personen trägt den Namen John. Dazwischen eingesprenkelt kurze Bilder von Begegnungen und Beobachtungen: die Eltern des Vaters, die Portwein trinken gehen, weil sie sich lieben. Die wüsten christlich geprägten Flüche des Großvaters mütterlicherseits, wenn er Frauen im Fernsehen oder auf der Straße sieht, die seiner Meinung nach unsittlich gekleidet sind.</p><p>Der Vater lässt sich scheiden und erhält - ein für Irland außergewöhnlicher Fall - das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen 5 Kinder. Doch Sinéad und einer ihrer Brüder wollen zur Mutter zurück. In ruhigem Duktus, offen, ohne Scham oder Wertung beschreibt Sinéad O’Connor ihre Erlebnisse. Ihre religiösen Erfahrungen, wenn ihr Jesus erscheint, während ihre Mutter sie unbarmherzig zusammentritt. Wie sie bei einem Unfall auf einem Bahnhof schwer verletzt wird, als sich bei einem fahrenden Zug eine Tür öffnet und sie mit voller Wucht trifft. Danach kann sie keine großen Plätze mehr ertragen, Angststörungen sind die Folge. </p><p>Ihre Mutter ist eine Kleptomanin, Sinéad ihre Komplizin. Sie kommt auf eine Boarding School für “schwierige” Mädchen, auch dort verstörende Ereignisse, wenn eines der Mädchen schwanger wird und ihr Kind weggenommen wird. Aber auch die Möglichkeit zu musizieren. Kurz vor der Veröffentlichung ihrer ersten Platte mit 18 stirbt ihre Mutter.</p><p>Sinéad O’Connor wird zur Ikone, ihre Interpretation des von Prince geschriebenen “Nothing Compares 2U” macht sie weltberühmt und kommerziell erfolgreich. In einigen Kapiteln von “Rememberings” geht sie auf einige ihrer Begegnungen mit anderen berühmten Musikern ein. Die mit Prince ist ohne Zweifel die verstörendste, Lou Reed ist ein Feiner, über Anthony Kiedis lacht sie ganz gut.</p><p>Nach ihrer 3. Platte dann der Riesenskandal, als sie in Saturday Night Live ein Bild des Papstes zerreißt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ihre Motive dafür ernsthaft diskutiert wurden. Als Kritik an der katholischen Kirche wurde es damals als geradezu terroristische Handlung verurteilt. Aber das war vor dem Internet und während heute ziemlich sicher ihre Stimme gehört worden wäre, war es damals einfach erstmal mit der Karriere vorbei. Da wurden mit Straßenwalzen ihre Platten öffentlichkeitswirksam exorziert, sprich zerstört, und in den Medien wurde sie als Irre hingestellt. Für sie ein nicht unwillkommener Abgang von der großen Bühne, die kein Popstar, sondern ein Protest Singer sein wollte.</p><p>Das Papstbild, dass sie zerriss, hatte im Schlafzimmer ihrer Mutter gehangen. Fast 20 Jahre danach begannen die weltweiten Enthüllungen und Skandale über den systemischen sexuellen Missbrauch, den Umgang mit Sündern, das System von Strafeinrichtungen in Irland, in denen unverheiratete Mütter gequält und ihre Kinder entweder weggenommen wurden oder unter schrecklichen Bedingungen starben. Mit dem Zerreißen des Bildes in einer großen Show wollte sie gegen die im Namen der katholischen Kirche verübten Gräueltaten protestieren, die nicht nur in der Kirche, sondern eben auch in den Häusern stattfanden. Für uns kaum vorstellbar, wie es sich in der irischen Theokratie lebte, in der das Verprügeln von Kindern in Schulen und in den Familien Standard war und  von Generation zu Generation weitergegeben wurde; in der man keine andere Wahl hatte, als den 1. Boyfriend zu heiraten, keine Verhütungsmittel; in der es bis 1985 illegal war für Frauen nach der Hochzeit zu arbeiten, die gezwungen waren, ein Kind nach dem anderen zu gebären, und - wenn zu offensichtlich unglücklich - auf Valium gesetzt wurden. </p><p>Fest ihren Überzeugungen verpflichtet, auch wenn es sie zum Paria macht. Wenn die Geschichte richtet, steht sie ohne Zweifel auf der richtigen Seite. </p><p>Ihre Schilderungen der Einflüsse auf Irland, nicht nur durch die katholische Theokratie, sondern auch politisch-historisch durch Großbritannien, zeigen ein großes Bewusstsein für Ungerechtigkeit, von den Institutionen zu den Menschen in den kleinsten Winkel hinein. Nie bezeichnet sie sich als Antirassistin, ihre individuellen Handlungen, die oft konträr zu den gesellschaftlichen Erwartungen sind, zeigen sie jedoch als solche. Die Wucht ihrer Autobiographie entfaltet sich dadurch, dass sie, die immer Priesterin werden wollte (und irgendwann auch war) nicht predigt, sondern in ihrer eigenen Stimme schreibt.</p><p>Zu ihrer Musik gibt sie in einem Block von “Rememberings” einen Überblick zu jeder Platte, erklärt das Warum Weshalb Wieso Mit Wem. Was ich nicht wusste ist, dass eine Vielzahl ihrer Liedtexte aus Scripture, also biblischen Texten, zusammengesetzt ist. </p><p>Es gibt viele Erzählungen und Beschreibungen ihrer Erlebnisse, die anrühren ob ihrer Schönheit und auch sehr viele Spass. Nach dem Kapitel mit dem Zerreißen des Papstbildes gibt es einen Bruch, der erst gegen Ende des Buches erklärt wird. </p><p>Der 1. Teil ihrer Autobiographie, der bis 1992 reicht, wurde zwischen 2010 und 2014 geschrieben. Danach sind ihre Erinnerungen an die letzten 20 Jahre stark eingeschränkt. Aber ich will ja nicht noch mehr spoilern.</p><p>“Rememberings” ist ein besonderes Buch, ein literarisches Werk allererster Güte. Es hat mich angefasst - das ist Code für “zum Weinen gebracht”, aber auch wütend, fassungslos und glücklich. Ein kühles Interesse an der Biographie ist unmöglich. Die Berichterstattung über Sinéad O’Connor ist nach wie vor skandalgeprägt, ihre Darstellung in der Öffentlichkeit oft die einer Irren. Offen geht sie mit ihren psychischen Erkrankungen um.</p><p>Sinéad O’Connor ist eine außergewöhnliche Künstlerin, Musikerin und Kriegerin.</p><p>Danke fürs Hören und Lesen. Wie zu Beginn versprochen, sind meine Zeilen nicht im Geringsten diesem Werk gerecht geworden. Bitte lest es selbst. In einer Buchhandlung habe ich in die deutsche Übersetzung geschaut, die mir - soweit ich das einschätzen kann - gelungen erscheint.</p><p>PS: Hier noch ein relativ neues Interview mit Sinéad O’Connor und den respektvollen Moderatorinnen von The View:</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-sinead-oconnor</link><guid isPermaLink="false">substack:post:135764198</guid><dc:creator><![CDATA[Studio B und mehr]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Aug 2023 09:19:29 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/135764198/33c9ee2dc37ce706199ad81687d44a25.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Studio B und mehr</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>524</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/135764198/f1f3b116062e98284fc7a8174a4a7c65.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Neal Stephenson - Seveneves]]></title><description><![CDATA[<p><em>Im Rahmen der “Lob und Verriss” Sommerpause die Rezension eines Buches aus dem Jahr 2015.  Ein wirklicher Urlaubsschmöker mit Tiefgang, und natürlich wusste Neal Stephenson mal wieder viel mehr über unsere Zukunft als alle anderen.</em></p><p>Holy f*****g s**t, Neal. Neal, Neal, Neal Neal, Neal.. Was machst Du hier mit uns?</p><p>Neal Stephenson hat einen Roman geschrieben, der unendlich deprimierend ist. Und genauso grenzenlos empfehlbar. Es ist seit langem ein Roman, bei dem man 200 Seiten im Buch nicht das Ende ahnt. Es kommt alles ganz anders. <em>Ganz</em> anders. Deshalb hier mit einem Katzenbild von der Rezension getrennt die Bitte an alle, die Starke Nerven und ein positives Gemüt haben, sofort abzuschalten und sich Neal Stephensons unaussprechlich betitelten Roman “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3NVAyJS">Seveneves</a>”, auf Deutsch “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3O2Cm42">Amalthea</a>” zu holen und wiederzukommen, nachdem die letzte Seite gelesen ist. Ich verspreche beim heiligen Douglas Adams, dass niemand enttäuscht sein wird. Das Buch ist noch nicht übersetzt, aber der Schwierigkeitsgrad is mässig und man vermeidet bei sofortigem Lesen den unvermeidlichen Spoiler, den ein gedankenloser Verleger durch den Deutschen Titel verbrechen wird (was sich <em>überraschend nicht bewahrheitet hat, Respekt!)</em>. Neal Stephenson heißt der Autor, “Seveneves” das Buch. </p><p>und … an alle Fragilen, Daheimgebliebenen, zur Depression neigenden Leser kann ich ohne Angst vorm Spoiler von einem ganz unglaublichen Buch berichten. </p><p>Ort der Handlung: Die Erde. Zeit der Handlung: Jetzt. </p><p>Szene: Nacht. Ein Arbeiter genießt seinen Feierabend, schaut in den Sternenhimmel von Alaska. </p><p>Szene: Nacht. Rio. Menschen amüsieren sich.</p><p>Szene: Nacht. Eine Party in LA. Kamerafahrt: Blick zum Mond. Action. </p><p>In einer Sommernacht Anfang des 21. Jahrhunderts verschwindet der Mond. Genauer, ein “Agent”, im Sinne von “eine nicht erklärbare Ursache”, “irgendeine Kraft” spaltet den Mond in 7 Teile. 300 Millionen Tweets während eines Super Bowls sind ein Scheißdreck. Jeder kann es sehen und jeder ist starr vor Schreck und Faszination. Wo gerade eben noch ein Mond war, sind jetzt, etwas größer in der Fläche, sieben verschieden große Mondteile, nicht weit voneinander entfernt, umgeben von einer Halo Mondstaub. Faszinierend. </p><p>Während der Bürger noch am tweeten ist, der Politiker fragt, wer dran Schuld hat, machen sich Wissenschaftler Gedanken um die Auswirkungen. Bleiben die Gezeiten aus? Die Erde stehen? Keine Sorge, Stephenson erklärt uns kurz das Ding mit Newton, Gravitation. Der Mond ist nur gespalten, nicht verschwunden, solange die Masse halbwegs an einem Platz bleibt, sind die Gravitationskräfte, die auf die Erde und damit die Meere einwirken, die gleichen. Puh. Faszinierend. </p><p>Problem: Der Mensch. Er hört nur, was er hören will. Das Entscheidende am soeben gehörten Satz war nicht, dass die Gravitationskräfte, die auf die Erde wirken, dieselben bleiben werden. Das Entscheidende war das einschränkende Konditional: Solange die Masse des Mondes halbwegs an ihrem Platz bleibt. </p><p>Nunja, wo soll der Mond hin, die Gravitationskräfte der Erde wirken auch auf den Mond zurück. Dass sich da sublim etwas verändert über einen kosmischen Zeitraum, sicher, aber kurzfristig sollten die Veränderungen klein sein, schreiben wir den Gezeitenplan halt um. </p><p>Ein paar Nächte später beobachtet Astrophysiker Dr. Harris, TV-Celebrity und Physikerklärer irgendwo zwischen <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bill_Nye">Bill Nye</a> und <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Neil_deGrasse_Tyson">Neil DeGrass Tyson</a> dass aus den sieben um die Erde und sich selbst kreisenden Mondteilen durch Zusammenprall zweier derer acht geworden sind. Kurze Zeit später 10, kurze Zeit später 14… Faszinierend.</p><p>Problem: Entropie. Dr. Harris erklärt: Das Universum neigt zum Chaos, zum auseinanderdriften. Vom Organisierten zum Unorganisierten. Der Mond - gespalten von bis zum Ende des Romans unbekannter Kraft - wird sich weiter teilen, immer kleiner, immer kleiner. Vorbild: Saturn. Ein Mondring um die Erde. Faszinierend.</p><p>Problem: Gravitation. Kein Mond bedeutet keine Gezeiten. Zumindest nicht das Bekannte, das durch das Eiern des Mondes um die Erde hervorgerufene Gezerre an zähen Wassermassen im  Zwölfstundentakt. Klingt beunruhigend und ist völlig egal. Weil...</p><p>Problem: Gravitation. Vor 4,5 Mrd Jahren haben sich Erde und Mond gefunden oder voneinander gespalten, je nach Theorie, so dass beide in einem Equilibrium sind. Die gegenseitig aufeinander wirkenden Kräfte sind im Gleichgewicht, man tanzt umeinander. Das geht mit sieben Teilen eine Weile gut, mit acht auch noch, mit zehn? Mit vierzehn Teilen? Eines leichter als das andere? Beunruhigend.</p><p>Frage: Was passiert, wenn man es mit 100, 1000, einer Millionen Mondteilen zu tun hat?</p><p>Antwort: Nichts, solange diese beieinander bleiben. Masse in halbwegs der gleichen räumlichen Ausdehnung ist im Prinzip die gleiche Masse. </p><p>Problem: Beim sich gegenseitigen Splitten fallen Brocken aus dem Mond. Sie gelangen aus dem Gleichgewicht. Werden von der Erde angezogen und verglühen als Kometen. Je mehr sich der Mond splittet, desto öfter passiert das. Desto leichter wird der Mondstreusel. Desto eher fliegen Tele aus dem Verbund. Zur Erde. Desto näher rückt der Mond zur Erde. Desto ungleichgewichtiger werden die Gravitationskräfte. Desto einfacher werden Teile aus dem Mond gerissen. Desto öfter. </p><p>Problem: Exponentialität. Die gerade Linie ist in der Natur unbekannt. Nichts steigert sich linear. Nicht die Anzahl von Blättern an einem Baum. Nicht die Anzahl von Menschen auf der Erde. Nicht die Anzahl von Atomspaltungen in einer Atomnombe. Nicht der Zerfallsprozess des Mondes. </p><p>Insert: Exponentialität kann man berechnen. Danke Herr Euler (1707 bis 1783). Eulers Number: e=2,71828. Viel wichtiger als Pi.</p><p>Lösung? Der Gleichung? Kein Problem mit Euler: Masse der Erde. Masse des Mondes. Anzahl von Teilungen pro Zeiteinheit. Eulers Number. </p><p>Endlösung.</p><p>Und das ist kein schnippig dahin gesagtes Wort. Höhö. Endlösung, so wie bei den Nazis. </p><p>Es ist ein Gefühl, das das Buch durchzieht. Es ist alles so grausam. Gruselig, wenn das nicht ein Wort für Kinderbücher wäre. Traurig. Zutiefst. Die Menschheit hat sehr genau noch 2 Jahre. That’s it. Alles, was sie der Erde, sich selbst abgerungen hat. noch 720 Tage +/-. Dann kippt die Linie in die Kurve. Die Entropie gewinnt. Meteoriten werden größer, mehr. “Hard Rain” wird der Effekt getauft. Es wird der Tag kommen, sehr genau berechenbar, in 2 Jahren, da wird es nicht einen Einschlag pro Woche geben. Nicht einen pro Tag. Nicht einen pro Stunde irgendwo auf der großen weiten Welt, da wird der ganze f*****g Mond in einem Rutsch auf die Erde fallen. Ok, nicht in einem Rutsch. Es wird ein paar hundert Jahre Steine regnen. Hard Rain. Dann wird es ein paar tausend Jahre Vulkane, kochende Meere, dünne Luft geben. Dann vielleicht wieder Bakterien. Irgendwann. Toll ausgedacht, Neal. Ganz toll. Faszinierend.</p><p>Zwischendurch beim Lesen wird man einfach wütend. What the f**k. Man recherchiert ein bisschen und begreift, dass so astronomische Katastrophen nicht unüblich sind, im kosmischen Maßstab. Statistisch möglich. Diese Sinnlosigkeit. Es ist einfach nur frustrierend.</p><p>Neal Stephenson also gibt der Menschheit noch 2 Jahre. Nach kurzer Schockstarre beginnt sich die Welt zu vereinen, in der Anstrengung wenigstens die “Heritage” der Menschheit zu bewahren. Etwas zu Hinterlassen. Alle Anstrengungen werden auf die Errichtung einer “Ark Cloud” gerichtet. Um die Raumstation ISS sollen Pods für jeweils 5-6 menschen gescharrt werden. Lose verbunden wie ein Fischschwarm, um Manövrierfähig zu bleiben. Jedes Land soll per Los proportional zur Weltbevölkerung junge, vermehrungstüchtige Menschen schicken, sich über dem Sturm zu halten, zu vermehren, wenn es sein muss ein paar tausend Jahre lang, bis die Erde sich abkühlt von Mondes Dauerfeuer. Keine Wissenschaftler, berühmte Künstler, oder, Gott behüte, Staatsmänner. Hier geht es um Biologie. Jung müssen sie sein, fruchtbar. </p><p>Der Plan klingt so verzweifelt und aussichtslos wie er ist. Er ist Hoffnung und Therapie und gibt der “Menschheit” etwas zu tun bis zum Hard Rain. Aber der Gedanke, dass  1000 oder 2000 Menschen über 1000, 4000 oder nur 500 Jahre in ein paar hundert Raumkapseln um die Erde segeln. What are the odds? Und ist das dann noch eine “Menschheit”? Was ein Wald ist, was ein Fluss, was ein Berg, eine Bar, ein Fussballspiel ist Stoff von Erzählungen, dann Videos, dann unverständlichen Bildreihen. Was für eine Scheisse.</p><p>Aber der Mensch gibt nicht auf, Selbsterhaltungstrieb over alles. Also baut man und stößt auf Schwierigkeiten und überwindet sie. Die Monate vergehen, der Mond wird größer, milchiger, Meteoriten häufiger, Einschläge kommen näher. Es sind nur noch Wochen, man verabschiedet sich von den zu Hause bleibenden, wenn man auf der ISS ist, von den glücklichen, die einen Platz dort gefunden haben, wenn man sein Leben auf der Erde runterzählt. Ein paar verzweifelte graben sich ein in tiefen Steinbrüchen. Atom-U-Boote tauchen in tiefe Meeresschichten. </p><p>Ein Asteroid. Seit Millionen Jahren im Sonnensystem unterwegs wird ausgemacht. In sechs Stunden kreuzt der die Bahn der Mondwolke. Der Auslöser. Der Schmetterling in China, der den Sack Reis auf die Erde stürzen lässt. Panisch werden in höchster Eile die letzten Pods in die Luft geschickt, zur “Izzy” wie die neue Mutter der Menschheit liebevoll genannt wird. Zur Ark Cloud, ihren Babies. </p><p>Die Einschläge beginnen um den Äquator herum, astronomische Gründe, die keinen mehr interessieren. In den Kathedralen, Konzerthäusern, Stadien der Welt versammeln sich Orchester. Ein letztes Mal Musik, Volkslieder, Hymnen, Mozart, Bach. Radiostationen übertragen aus London, Paris, Sao Paulo, New York. Man spielt durch, trotz Einschlägen entfernt und immer näher kommend. Man spielt für sich und für die Ark Cloud. Dort hört man das Ende der Zivilisation per Mittelwelle. Paris fällt aus. Sao Paulo. London, trotz Einschlägen spielt weiter. Nördliche Hemisphäre, weiter weg vom Äquator. Ein Tsunami  löscht die East Coast aus. Die Erde trägt eine Schärpe aus Feuer. London verstummt. Die Erde schweigt.</p><p>Neal Stephenson hat uns 400 Seiten lang von einer Sommernacht auf der Erde zu derem Ende als Heimstatt der Menschheit geführt. 2000 Arkies, ein paar tausend Reagenzgläser Sperma, Wasser für ein paar Jahre, nicht wirklich funktionierende Nahrungsproduktion sind übrig geblieben vom Jagen und Sammeln, vom Glauben, vom Aufklären, vom Ausbeuten, vom Bekriegen, vom Spielen mit Atombomben. Wie ausgesetzte Kinder hängt der klägliche Rest der Zivilisation aneinander und bibbert. </p><p>In aller Ausführlichkeit hat uns Neal Stephenson an diesen Tiefpunkt, den tiefsten den man sich in der Belletristik vorstellen kann, geführt. Tiefer geht es nicht. Denkt man, als das letzte von der Erde gestartete Pod anlegt, sich die Schleuse öffnet und die Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika an Bord kommt. Die nunmehr einzige Politikerin in der Ark Cloud. What could possibly go wrong?</p><p>Es dauert keine Stunden, da fängt Julia Bliss Flaherty, als POTUS noch sehr schön assoziativ JBF genannt, an "Politik" zu machen und sich eine Machtbasis zu suchen. Die Cloud Ark technisch bedingt geteilt in die recht groß gewordene Mannschaft der ISS, meist Techniker, Genforscher, Psychologen, Piloten und in die "Arkies", das fruchtbare Jungvolk, dass in separaten Raumkapseln und nur durch ein kleines Internet miteinander verbunden hinter der ISS her fliegt. Julia, die nicht wirklich etwas dagegen hat, wenn man sie Madam President nennt, hat den für jeden Karrierepolitiker notwendigen Spalt in der Gesellschaft gefunden.</p><p>Die Cloud Ark, ISS und die Archies, mögen voneinander getrennt leben, aber sie fliegen gemeinsam und nur gemeinsam können sie überleben. Nach all dem S**t, der die letzten 2000 Menschen in diese verdammte Situation gebracht hat, alle Wunden noch offen vom nacheinander Verstummen der Orchester der Welt, sieht der Leser, was kommen muss: ein egomaner Politiker hat nichts <strong>b</strong>esseres zu tun, als sich auf Kosten der Überlebenschancen des letzten verschissenen Restes der Menschheit zu profilieren. Blutdruck. E-Book weglegen. Unvorstellbar. Was für eine Scheiße.</p><p>Aber Neal Stephenson ist noch nicht fertig mit uns.</p><p>In den ersten 500 Seiten von “Seveneves” hat er uns eine Kerntruppe von Charakteren nahe gebracht. Fast alle Besatzungsmitglieder der ISS. Da ist Dr. Harris, der Erklärbär aus dem Fernsehen, der immer mehr sieht, dass die Cloud Ark, verkauft an Todgeweihte auf der Erde, eine Sache ist, die nicht funktionieren kann. Da sind Dinah und Ivy, respektive Robotertechnikerin und ehemalige Kommandantin der ISS, beste Freundinnen, die sich auch mal einen Tequila hinter die Binde kippen und sich ewig aufeinander verlassen können, Moira, die Gentechnikerin, die alles daran setzt den letzten Rest der Menschheit, zusammenklebend in Reagenzröhren, irgendwie zu retten, Tekla, eine russische Pilotin, aufrichtig und kompromisslos, wenn es um die Sicherheit der Cloud Ark geht. Luisa, die Psychologin aus New York, die vielleicht ohne die Erde auskommt, aber nicht ohne ein Strassencafe, eine Dive Bar, einen Tacostand und sich darum kümmert, dass, so Scheiße alles ist, es noch Reste an normalem Leben gibt. Dutzende Typen, mit denen der Leser die letzten zwei Jahre der Erde verbracht hat, an Bord der ISS und der entstehenden Cloud Ark, auf einem "Ausflug" um einen Wasserhaltigen Kometen von weit außerhalb der Umlaufbahn des ehemaligen Mondes einzufangen, denn ohne Wasser braucht man das Projekt Cloud Ark gar nicht angehen. Charaktere, die zu Menschen wurden, dank Stephenson, die sich den Arsch aufgerissen haben gegen alle odds, gegen alle Hoffnungslosigkeit, die gewachsen sind, die auf einmal Dinge können, die ihnen und sich selber niemand zugetraut hat, die jedes Problem angehen, alles unter dem Gesichtspunkt diese f*****g allerletzte Chance zu erhalten, diesen Hauch einer Chance, dass das hier nicht die letzten 1500 Menschen sind, die es je gab und dann kommt so eine B***h von abgefuckter Politikerin, Madam President Julia Bliss Flaherty an Board, mit einer Pistole, Feuerwaffe, mit Kugeln und so. Im Weltraum. Diese grenzenlose Dummheit!</p><p>Bis diese zum Einsatz kommt, vergehen ein paar Monate. Monate, in denen sie zusammen mit ihrer Bewunderin "Camila" und einem fetten Schwein von Blogger die halbe Cloud Ark Besatzung aufwiegelt, sich von der ISS zu trennen. Camila ist ein Schulmädchen aus Pakistan, ein Medienstar und Beleg dafür, wie gut das "Auslosen" von Arkies in den jeweiligen Ländern funktioniert hat. Camila hat ein Vorbild in der realen Welt: <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Malala_Yousafzai">Malala Yousafzai</a> - das Pakistanische Schulmädchen, dass bei einem Talibanüberfall in den Kopf geschossen wurde und überlebt hat und seitdem ihre Bekanntheit dazu nutzt, Vorträge über die Situation von Frauen in der islamischen Welt zu halten, ihre Unkritisierbarkeit jedoch dazu missbraucht, dies in einem derart pathetischen, unhörbaren Duktus zu tun, dass man als TV-Zuschauer nur still in's Kopfkissen schreien kann. Neal Stephenson rächt sich damit, sie zu einem der Präsidentin der USA verfallenen, manipulierten Dummchen zu machen. Ich bin Fan.</p><p>Zumal sich Camila rehabilitieren kann. Nachdem sich der aufgewiegelte Teil der Cloud Ark selbst und -mörderisch vom Rest des Restes der Menschheit gelöst hat, kommt es zu einem Handgemenge (alles in Zero G) und JBF, Madam President schießt auf Tekla und wird nur durch die mittlerweile augengeöffnete Camilla daran gehindert, diese zu erschießen. Aber eine Pistole im Raumschiff, zusammen mit einem Meteoreinschlag in wichtige Teile der ISS, dezimiert die Menschheit auf die Hälfte. Da waren es nur noch 800. Minus all den gesammelten und tiefgekühlten Spermavorräten. Oups. Kann ja mal passieren. </p><p>Zwei Teile des Schwarmes machen sich also auf den Weg: der Eine, die Abtrünnigen in eine vermeintlich sichere Umlaufbahn, ein Korridor, in dem man den Mondsplittern entgehen kann - für den Preis, permanent Sonnenstürmen ausgesetzt zu sein - soviel zum Thema "Wenn Facebookuser entscheiden könnten". Der Rest macht sich zusammen mit der ISS zum letzten stabilen Teil des Mondes auf, eine tiefe Spalte im selben, in die man sich schmiegen möchte, geschützt von Strahlung, Meteoriten und Politikern. </p><p>Problem: Physik. Um sich von der Position der Raumstation ISS in stabilem Orbit um die Erde zu einem Orbit um den Mond, oder was davon übrig ist zu bewegen, braucht es Zeit und Energie. Drei Jahre werden vergehen.</p><p>Drei Jahre, in denen der abgespaltene Teil der Archies, ganz kalter Krieg, keinerlei Kontakt haben möchte. Irgendwann jedoch fehlt Wasser, die ISS hilft. Bald essen, die ISS hilft. Irgendwann, kurz vor Erreichen des Mondes, es sind noch ein paar Dutzend Menschen am Leben, meldet sich der Schwarm, man möchte wieder nach Hause. Mit letzter Kraft, in letzter Minute, auf der finalen Umlaufbahn um die Erde, bis diese in eine Umlaufbahn in den Mondrest umschlägt, stoßen ein paar wenige Überlebende zur ISS, angeführt von Aida. Eine charismatische Italienerin, Madam President Jula Bliss Flaherty entmachtet, die Zunge mit einem verschraubten Beissring ruhiggestellt. Wir sind alle dankbar. </p><p>Der Schwarm dockt an, die Schleusenautomatik beginnt, das Intranet des Schwarms verbindet sich wieder mit dem der ISS, die Inboxen füllen sich mit drei Jahr lang nicht abgeholten Postings und denen, die gerade nicht mit der Landung auf dem Mondrest beschäftigt sind, stehen die Haare zu Berge. Was da ankommt, sind keine Überlebenden. Was da ankommt, sind Kannibalen. Vom Hunger getrieben hat der fette Blogger angefangen, sich selbst zu essen. Wer braucht schon Beine in der Schwerelosigkeit. Der erste Tabubruch ist getan, und bald spaltet sich der Schwarm in Kannibalen und Hungernde, Fresser und Gefressene, Tabuisten und Tabubrecher. Angeführt von Aida kommt der Schwarm und fällt über das letzte Dutzend Menschen her, mit ihrem Plan, im letzten verbliebenen Ort im Sonnensystem, auf dem wenigsten die Theorie ein Überleben hergibt. Man kämpft mit allem, was man hat, um alles was von der Menschheit übrig geblieben ist. Und verliert.</p><p>Ja, es gibt Überlebende. Genau Acht. Acht Frauen. Und kein Sperma. </p><p>Zugegeben, Neal Stephenson hat uns nie Hoffnung gemacht. Kein wundersamer Mondbeschuss mit Atomraketen wurde uns versprochen, keine Aliens haben uns gerettet, der Vater von Dinah, der Robotertechnikeren, Tochter eines Bergmannes, der sich am Tag 1 des “Hard Rain's" in Alaska eingegraben hat, hat sich nicht wieder gemeldet, der Bruder von Ivy, der Kommandantin, der sich als Chef eines Atom-U-Bootes am gleichen Tag unter Wasser begeben hat, auch nicht. Ein paar Arkies waren zum Mars aufgebrochen, keine Antwort von dort. Die Erde, ein oranger Feuerball, die ISS auf Restenergie in einer Mondspalte, 8 Frauen on the moon. Kein Mann. </p><p>Moment. </p><p>Seite 553 von 860. Mh.. What the f**k.</p><p>Wir sind am grössten Climax der Literaturgeschichte. Neal Stephenson hat uns jede Hoffnung genommen, die Erdbevölkerung von 7 Millarden Menschen auf 8 dezimiert und beginnt nach dem literarischen Mord an 6.999.999.992 Menschen mit einem spektakulären Comeback, zu welchem ich alle deprimierten und labilen Hörer nochmals die Chance gebe, sich Neal Stephensons “Seveneves” zu kaufen und wenigstens die letzten 300 Seiten, brillant wie die ersten 550 zu lesen und wiederzukommen, nachdem die letzte Seite gelesen ist. ich verspreche beim heiligen Douglas Adams, dass niemand enttäuscht sein wird. </p><p>Acht Frauen sitzen in einer Spalte im Mond. Dinah, die Roboterbauerin, Ivy, die Kommandantin, Tekla, die Sicherheitschefin, Julia “Madam President”, Camilla, Ihr ehemaliger Fan und Aida, die einzig überlebende Kannibalin vom Schwarm. Dazu Luisa, die Psychologin. Und - Moira, die Genbiologin.</p><p>Alle bis auf Luisa, die schon in der Menopause ist, sind fruchtbar. Seven Eves. Sieben Evas.</p><p>Die Männer fehlen - aber Moira weiss Rat. Parthenogenese. Die Jungfernzeugung, eine Form der Fortpflanzung durch Zellteilung, die verbunden mit Genmanipulation der Menschheit eine Chance gibt. Ressourcen sind genug da, jetzt wo nicht mehr 2000 sondern nur noch zunächst 8 versorgt werden müssen. Zeit ist da, die Genmanipulation von der Theorie in die Praxis zu bringen. Faszinierend</p><p>Problem: Heterozygosität. Inzucht für Fortgeschrittene. Wenn der Genpool klein ist, und Sieben ist verdammt klein, kommt es in nachfolgenden Generationen zu Erbgutschäden. Aber wenn man schon für die Jungfernzeugung am Erbut rumspielt, kann man auch dagegen gleich was machen, sprich, die Gene der Eizellen vor der Teilung manipulieren. </p><p>Problem: Moral. Welche Gene verändert man, welche lässt man lieber in Frieden. An sich klar, man baut starke Menschen, man baut kluge Menschen, man baut weniger aggressive  Menschen. </p><p>Problem: Philosophie. Aggressivität verursacht Konflikte, aber beschützt gegen Feinde. Körperliche Stärke löst Konflikte zu Deinen Gunsten, bis der Kluge mit der Pistole zum Boxkampf kommt. Aber Gendiversifizierung muss sein, sonst Inzucht und aus der Menschheit wird in eine paar Generationen ein Stamm von noch größeren Dummköpfen. Also Genmanipulation. Aber welche?</p><p>Problem: Gruppendynamik. Seven Eves, Sieben Evas, jeder mit prototypischen Eigenschaften, klug, aggressiv, stark, milde sitzen auf einem Plenum. Fünf sind Freundinnen, eine Ausgestossene und eine ist einfach nur evil. Aber gerade diese, Aida, die Kannibalin, ist die Jüngste, und man kann nicht einfach ein Siebtel der Menschheit euthanasieren. </p><p>Lösung: Ein Pakt. Jede Eva darf sich eine Modifikation aussuchen, die Moira umsetzt, aber keine weiß welche.</p><p>Lösung? Oder Problem? Aida, die Kannibalin wider Willen, die Ausgestoßene ahnt: Problem. Sie stimmt zu mit diesen Worten:</p><p>“Ich künde von einem Fluch. Das ist kein Fluch den ich Euch auferlege. Das ist kein Fluch den ich Euren Kindern auferlege. Nein. Ich war nie so "böse" wie Ihr alle denkt. Das ist ein Fluch den <em>Ihr </em>auferlegt, wenn Ihr das tut, was Ihr tun wollt. Und es ist ein Fluch, den Ihr <em>meinen</em> Kindern auferlegt. Denn ich weiss, ich sehe wie es sein wird. Ich bin das "Böse". Die Kannibalin. Die, die nicht mitmachen wollte. Meine Kinder, egal welche Entscheidung ich treffe, werden für immer anders sein als Eure Kinder. Denn täuscht Euch nicht, was Ihr hier entscheidet ist neue <strong>Rassen</strong> zu erschaffen. Sieben neue <strong>Rassen</strong>. Sie werden für immer anders und getrennt  voneinander sein, so wie du Moira von Dir Ivy. Sie werden sich nie wieder in eine einzige Menschheit zurück vereinigen, denn so sind die Menschen nicht. In tausenden Jahren werden die Nachkommen von Euch sechsen auf meine Nachfahren schauen und sagen, "Da, schau, da kommt ein Kind von Aida, der Kannibalin, der Bösen, der Verfluchten". Sie werden die Straßenseite wechseln, meine Kinder meiden, auf den Boden spucken. Das ist es, was Eure Entscheidung  meint. Ich werde meine Kind formen, meine Kinder, und ich werde viele von ihnen haben um mit diese Fluch leben zu können, um überleben zu können. Um Euch überleben zu können."</p><p>Womit diese Buchbesprechung, halb Buchvorstellung, zum kreischenden Ende kommt, immer noch 300 Seiten vor dem Schluss. Man fragt sich gespannt, warum soll man ein derart deprimierendes Buch, dessen dunkelster Abschnitt mit einem Fluch auf die Zukunft endet, lesen? </p><p>Punkt 1: Neal Stephenson. Stephenson begann als Novellist und findet durch seine Arbeit in der TV- und Filmbranche den Rhythmus, den ein Buch dieser Länge braucht, die richtige Menge und Tiefe an Nebensträngen und schafft es, wie schon gesagt, über 550 Seiten nicht im Ansatz zu verraten, was am Ende geschieht. Wovon die Hörer dieser Rezension nun nichts mehr haben. Sorry.</p><p>Punkt 2: Neal Stephenson. Stephenson hat mit seinen Frühwerken Zodiac und Snow Crash, man beachte: in den 80ern, enormen gesellschaftlichen Weitblick besessen, Umweltkatastrophen und die Machtübernahme durch weltweite Firmenkonglomerate vorhergesehen, hat mit dem letzten Werk REAMDE die Parallelwelt viele Jugendlicher in Massenrollenspielen wie Eve Online oder World of Warcraft begleitet und bündelt in seinem Magnum Opus hier nichts weniger als sein Wissen über die Human Condition. </p><p>Geschichtsverläufe sind aus deren Mitte heraus schwer zu beurteilen, aber wenn man jemandem diese Kompetenz im Ansatz zugestehen kann, ist es Neal Stephenson. Das Verschwinden des Mondes ist anlasslos, was danach folgt, jedoch mit dem heutigen Wissen um unseren Umgang mit uns selbst ursächlich unvermeidlich. </p><p>Die Konzentration von Macht und Geld in den Händen weniger ist undemokratisch und für das Wohlergehen in “normalen” Situationen schon problematisch. In extremen Situationen ist sie fatal. Was “Seveneves” dabei so lesenswert macht, ist, dass Stephenson sich das alles schon lange anschaut und trotzdem nicht zum einseitigen Prediger wird: Denn man kann das Argument bringen, dass Machtkonzentration in Situationen, in denen es schnell gehen muss, positiv ist. Stephenson tut es. Er lässt einen Multimilliardär nach dem Vorbild von Elon Musk ein Problem erkennen, zukünftiger Wassermangel auf der ISS, und auf eigene Kosten, mit eigenem Antrieb und schlussendlich unter Opfern des eigenen Lebens lösen: der elon-muskeske Protagonist schleppt einen aus Eis bestehenden Asteroiden aus seiner Umlaufbahn zur ISS und ohne diese heroische Aktion wäre die Cloud Ark nicht im Ansatz bis zum Mondrest gekommen. </p><p>Aber das Gegenargument folgt prompt in Form der schlussendlich renegaten US-Präsidentin und ihrer Machtspiele, die die Cloud Ark den Zusammenhalt kosten. Der Machtwille einer Person löscht nahezu die Menschheit aus. </p><p>Das Argument “Demokratie löst alle Probleme” führt Stephenson im nächsten Schritt ad absurdum: Der sich abspaltende Teil der Cloud Ark mag von Madam President manipuliert worden sein, aber am Ende entscheiden sich 1100 Arkies, sich auf den Weg in eine eigene Umlaufbahn zu machen - das Argument, dass man dort an radioaktiven Sonnenstürmen drauf gehen könnte, wurde im Spacebook (dem Facebook der Cloud Ark) gemacht, aber verworfen, denn Klimawandel is for Pussies. </p><p>1050 Arkies weniger (oder 50% der Menschheit) kommt der letzte Rest derselben dann final in die Situation, solchen Entscheidungen nicht mehr wirklich unterworfen zu sein. Für Demokratie sind acht Frauen zu wenig, für Diktatorentum erst recht. Es bleibt nur noch der Glaube an wissenschaftliche Notwendigkeit, der alles, inklusive der Moral, untergeordnet wird. Eine Verurteilung von früheren Vergängnissen, die Gefahren von Rassismus werden dem Überleben geopfert und damit die achso schöne einfache Welt der “Lösung der Probleme der Welt aufgrund technischer Analyse und daraus gezogener Konsequenz” auch noch diskreditiert. Danke Neal Stephenson. </p><p>Am Ende müssen sich “Die Menschen” auf das verlassen, was sie alle eint und ausmacht. Das, sorry, cheesy, “Menschsein”. Das, von dem keiner weiss, was es ist, aber für das jeder irgendwie inherent ein Gefühl hat, was es sein soll. Etwas Gutes. </p><p>Und das wird auf den letzten dreihundert Seiten erzählt. Diese müssen positiver sein als die vorangegangenen fünfhundertfünfzig. Sind Sie auch, aber Aidas Fluch war kein leerer. Es wird ein Wiedersehen mit alten Bekannten geben, und um die letzten 300 Seiten von Neal Stephensons “Seveneves” nicht auch noch komplett zu verspoilern hier nur die Überschrift über diesen, letzten Teil des Romans: “Der Habitatring, 5000 Jahre nach Verschwinden des Mondes.”</p><p>Gehet hin und leset dieses Buch. Es ist wichtig und es ist traurig und es ist gut und damit ertragbar. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-neal-stephenson</link><guid isPermaLink="false">substack:post:135372331</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 23 Jul 2023 10:48:07 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/135372331/15f8c5d2b7589f88eb1526c8a25cd69c.mp3" length="27274464" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1705</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/135372331/bdab9bdc7b3b4ffc4b9d572bbb460704.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Slow Fashion, Kitteridge, Penn]]></title><description><![CDATA[<p>Dass wir außer Lesen noch andere Sachen am Leben lieben, haben wir in den letzten drei Lob und Verriss Episoden bewiesen. Wir begeistern uns gemeinsam noch mal daran, dass es <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/slow-fashion#details">Alternativen zur Fast Fashio</a>n gibt und wir nun mehr davon wissen, dass es Frances McDormand gibt, auch wenn sie uns ein bisschen zu dünn ist als <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/olive-kitteridge-mit-blick-aufs-meer#details">Olive Kitteridge</a> und dass Irmgard Lumpini nicht in allen Filmen von <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/this-must-be-the-place#details">Jean Penn</a> genervt ist. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-slow-fashion-kitteridge</link><guid isPermaLink="false">substack:post:134488395</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini, Herr Falschgold, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Jul 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/134488395/257e94b2159d563f4d18744155f20d40.mp3" length="31968906" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini, Herr Falschgold, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1998</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/134488395/c06f79ba60e20d91dd2a3a4d0cc3d919.jpg"/></item><item><title><![CDATA[This Must Be the Place]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leser*innen und Leser,</p><p>nun hat Herr Falschgold vor einigen Wochen den Verwilderungsprozess proklamiert um den fortwährenden Krisen des stromlinienförmigen Kapitalismus wenn nicht gleich etwas entgegenzusetzen, dann doch: wenigstens mental klarzukommen, Schönheit und Aufregendes zu entdecken, weg von den allgegenwärtigen Empfehlungsalgorithmen der Großen 5.</p><p>Easy: Rechner aus. Raus in den Park. Maulaffen feilhalten. Ohne Rückkopplung 5 Stunden und 42 Minuten auf dem Sofa liegen und ein Buch von vorne bis hinten lesen.</p><p>Ist ja nun wirklich nicht schwer.</p><p>Aber gut, auch der Bildungsauftrag bleibt bestehen: Darüber zu berichten, "was wir in unserem Leben tun, wenn wir keine Bücher lesen." - So das Versprechen von Lob und Verriss aka Herrn Falschgold, der zwar gefragt hat, wie wir das finden, aber nun müssen wir. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.</p><p>Also: Gestern habe ich mir bei einem lauschigen Grillabend den Wanst vollgeschlagen, genetzwerkt*, Reiseberichten gelauscht und mich zu Ausprägungsformen der modernen Ikonographie weitergebildet. </p><p>Aber das ist privat.</p><p>Eigentlich wollte ich zunächst über eine - wie von Hr. Falschgold schon angekündigte - "Experience" schreiben, mit deren Hilfe ich voller Freude in meine innere Mitte zurückkehre, ohne mir beim Meditieren mühsam das Zusammenstellen von Einkaufslisten zu verbieten.</p><p>Dann stand ich auf der Prager Straße und sah das Dresden Zentrum Hotel, und an der Seite stand groß: "This must be the Place".</p><p>Darüber freute ich mich sehr und erzählte meiner Freundin davon, mit der ich zum Mittagessen verabredet war. Ihr fragender Blick verriet mir, dass sie nicht wusste, woher meine Ekstase kam. Bummer!</p><p>Für die 1970er Jahre Musikaffinen Leser*innen dieser Rezension: Nein, ich dachte nicht an den <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=Fb2q141rMNE">Talking Heads Song</a>, weil mir deren Musik nicht besonders nahe ist. Kleiner Seitenschwenk: Sollte das der Beweis für die öfter in meinem Freundeskreis aufgestellte steile These sein, dass überhaupt nur Bands mit vorangestellten "The" im Namen Musik für die Ewigkeit erschaffen können? [Pls. Discuss.]</p><p>Jüngere Musik Aficionados denken vielleicht an die <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=7J-900xpiI0">Version</a> von Arcade Fire.</p><p>Aber nein: für mich ist es der magische Titel eines der überraschendsten Filme EVER, von Paolo Sorrentino, der damit 2011 ein mit Stars gespicktes (wenn gleich  von der Kritik weitestgehend verrissenes) Juwel der großen Leinwand geschaffen hat.</p><p>Ich behaupte: Paolo Sorrentino war mit diesem Werk seiner Zeit einfach 10 Jahre voraus. In unseren Zeiten, in denen erbittert und wütend darüber gestritten wird, wer wie wann und wo und überhaupt und welchen Platz in unserer Gesellschaft verdient hat und sich dort vernehmbar äußern darf, setzt er einen Menschen in den Mittelpunkt, der jeder Beschreibung spottet: der ein*en erschreckt (kurz), über den man lachen möchte (kurz), und der an jeder Stelle des Films anders abbiegt als die antrainierte Erwartungshaltung vermuten lässt. Dazu ein Plot, der jeder Beschreibung spottet und am Ende alles zu Gold gemacht hat, was noch nicht mal glänzte. Alas: Magie!</p><p>Wie immer werden wir zur monatlichen Diskussion spoilern und enthüllen, was das Zeug hält. Hier meine ausdrückliche Empfehlung, sich das Werk zu besorgen und zu schauen, OHNE vorher irgendetwas weiter darüber gelesen zu haben. Vertraut mir!</p><p>___________________</p><p>Mir nicht zu vertrauen - oder auch doch neugierig über meine Empfehlung hinaus zu sein - ist ok, doch noch ein paar Enthüllungen zum Werk:</p><p>Schon der Einstieg ist seltsam: die Buchstaben des Vorspanns sind in einem die Zeit der Entstehung verratenden seltsam hässlichen grünen Font gehalten, ein Hund mit Halskrause befindet sich außerhalb eines inklusive Rosentapeten britisch anmutenden, sich dann doch aber in Dublin befindenden herrschaftlichen Anwesens, und Sean Penn lackiert sich die Zehennägel schwarz und legt Unmengen Schmuck an. Dies getreu der von Bill Cunningham formulierten Funktion der Mode: "Kleidung ist unsere Rüstung, mit der wir der Welt begegnen." Protagonist Cheyenne ist dabei eine Kopie von <strong>The </strong>Cures Robert Smith. Kann aber nicht mehr seinen Hüftbeuger strecken und bewegt und näselt sich als Rockstar im Ruhestand irritierend langsam durch die Gegend.</p><p>This Must Be the Place erschüttert unentwegt unseren Referenzrahmen - unsere Erfahrungen, die unsere Erwartungen und Möglichkeiten der Voraussage prägen: diese werden nicht erfüllt, aber nicht in Richtung Enttäuschung, sondern Überraschung. Wir sehen, wie Leute mit ihm agieren und auf ihn reagieren, wir sehen seine Freundlichkeit und seine Rachsucht, wenn er zwei ob seiner Erscheinung im Supermarkt blöde kichernden Frauen schnell und heimlich die Milchtüten zersticht.</p><p>Die Story ist unglaubwürdig, die Dialoge voller Blödsinn und Weisheit, die Besetzung erstklassig, der Soundtrack sowieso: Wir sehen David Byrne und Frances McDormand, es geht um Rollkoffer und den Holocaust, unsere Unkenntnis der Anderen und sehen die Weite des Himmels in the US of A.</p><p>Die deutsche Synchronisation ist in Stimmlage, Ausdruck und Vokabular sehr eng am englischen Original, und trotzdem doof. Schwer zu beschreiben, woran das liegen mag: Ähnlich erging es Buffy - The Vampire Slayer, bei der aus einer coolen Jugendlichen, die permanent die Welt rettet, im Deutschen ein blöder Teenager wurde, aber auch Veronica Mars, die durch die deutsche Synchronisation jede Tiefe und Coolness verlor und dumm kicherte. Für die noch älteren Leser*innen, die diese Verweise nicht nachvollziehen können (Oder Buffy und Veronica Mars aus Arroganz ignoriert haben): der Unterschied zwischen Original und deutscher Synchronisation ist ungefähr genauso wie zwischen den ost- und westdeutschen Versionen der Olsenbande: Witz, Cleverness und Sozialkritik verschwinden und lassen 3 Looser zurück.</p><p>This Must Be the Place bringt das Staunen zurück, wenn man sich auf den Film einlassen kann. Wundersamer Weise besteht der Film den Test der Zeit und ist auch mehr als 12 Jahre nach seiner Entstehung der Diamant, den man erinnert hatte. Wild. Und magisch.</p><p>*geklatscht und getratscht</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/this-must-be-the-place</link><guid isPermaLink="false">substack:post:134083594</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Jul 2023 10:46:06 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/134083594/8264faffcb268c3a66bc2cf0e6cdd7d6.mp3" length="8124649" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>406</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/134083594/9d8e27fe112594a9db77f942567a3d57.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Olive Kitteridge. Mit Blick aufs Meer: eine Miniserie]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Die US-amerikanische Autorin Elizabeth Strout, deren aktueller Roman mit dem Titel <em>Lucy by the sea </em>vor nicht allzu langer Zeit im Studio B rezensiert wurde, veröffentlichte bereits im Jahr 2007 ihren Roman <em>Olive Kitteridge</em>, der drei Jahre später unter dem einfallsreichen Titel <em>Mit Blick aufs Meer </em>im Luchterhand Verlag auf Deutsch erschien. 2009 brachte ihr ebendieses Werk den Pulitzer Preis für Romane ein. Ich selbst habe die Autorin Ende des letzten Jahres für mich entdeckt und mich seitdem durch ihr Oeuvre gelesen. Auch <em>Mit Blick aufs Meer </em>und der Folgeroman, der jedoch erst 2019 auf Englisch unter dem Titel <em>Olive, again </em>und ein Jahr später auch als deutsche Ausgabe unter <em>Die langen Abende </em>erhältlich waren, entgingen mir dabei nicht. Umso aufgeregter war ich, als ich entdeckte, dass <em>Mit Blick aufs Meer </em>bei Amazon als Miniserie erhältlich ist und die Hauptrolle zudem von der wunderbaren Frances McDormand gespielt wird.</p><p>Die aus vier Folgen bestehende, vom Fernsehsender HBO produzierte und 2014 veröffentlichte Miniserie dreht sich hauptsächlich um die titelgebende Person – Olive Kitteridge. Sie, ehemalige Mathelehrerin, die man zu Beginn der Serie auch noch in Ausübung ihres Berufes sieht, lebt zusammen mit ihrem Mann Henry, gespielt von Richard Jenkins, seines Zeichens Apotheker und seit Jahrzehnten Olives Ehemann. Sie haben außerdem einen Sohn namens Christopher und leben in der fiktiven Stadt Crosby in Maine.</p><p>Olive wirkt zunächst schroff und unnahbar. Auch gegenüber ihrer Familie schlägt sie mitunter einen harten Ton an und dass sie oft gerade heraus ihre Meinung sagt, auch wenn sie verletzend ist, lässt sie eher streng erscheinen. Ebenso schnell wird aber auch deutlich, dass sie eine sehr gutherzige Person ist, die stets dazu bereit ist, anderen zu helfen, auch ohne dass man sie um Hilfe bitten muss. Ihr Wesen ist das Tagende sowohl der Serie als auch des Romans, wobei ihr Charakter im Roman auch dadurch deutlich wird, dass sie oftmals eher als Randfigur im Leben der anderen Bewohner erscheint, wohingegen sie in der Serie im Mittelpunkt steht. Und Frances McDormand gelingt es perfekt, diese Rolle auszufüllen. Sie führt den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Olive Kitteridge vor Augen, deren Leben geprägt ist von Gram und unerfüllter Liebe, Zerrissenheit, Depressionen und Selbstmordgedanken. Aber auch das Altern und der Umgang mit selbigem, sowie der Kampf, trotz aller Widrigkeiten ein glückliches Leben führen zu wollen, sind maßgeblich für sie. Es ist die perfekte Verbindung aus Drama und Komödie und die Entwicklung bzw. das Streben Olives mitzuverfolgen, machen die Serie so sehenswert. Aber auch die Gefühlswelten der übrigen Figuren werden sehr eindrücklich dargestellt, was vor allem am großartigen Ensemble liegt, welches völlig zu Recht etliche Auszeichnungen für seine Leistung erhielt.</p><p>Die Handlung selbst wird, wie im Roman auch, anhand von verschiedenen Ereignissen entwickelt. Das kann beispielsweise ein Todesfall, eine Hochzeit oder ein Überfall sein, durch die letztlich das Innenleben und die Motivationen der handelnden Personen offen gelegt werden. Zentrale Aspekte sind dabei vor allem immer wieder die Ehe zwischen Olive und Henry, deren starke Dynamik vor allem auf ihren extrem unterschiedlichen Charakteren fußt, aber auch die Mutter-Sohn-Beziehung zwischen Olive und Christopher, die eher als Mutter-Sohn-Konflikt beschrieben werden kann. Der Fortgang der Geschichte erstreckt sich dabei sowohl im Buch als auch in der Serie über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, wodurch Auslassungen unvermeidlich sind, die sich dem Zuschauenden jedoch erschließen oder erklärt werden.</p><p>Aber auch die Bildwelt, in die die Handlung eingebettet ist, ist beeindruckend in Szene gesetzt. Die raue Küste Maines wirkt dabei auch als ständiger optischer Verstärker des rauen Lebens und der persönlichen Konflikte, der einzelnen Personen. Die vier Stunden, die diese Miniserie umfasst, haben ihr für mich weniger den Charakter einer Serie, sondern mehr den eines Films gegeben, wobei die klassische Buchverfilmung im Allgemeinen natürlich durchaus kürzer ist. Daher wirkt sie auch auf mich eher wie ein eigenständiges Kunstwerk, denn wie die übliche Serie oder ein Film. Auch die Art wie sich die Handlung entfaltet und sich die Geschichten der einzelnen Personen entwickeln, habe ich trotz der teilweise dramatischen Umstände, als sehr ruhig empfunden.</p><p>Diese Serie ist zu Recht hochgelobt worden und ein absolutes Must-See, egal ob man bereits Elizabeth Strouts Roman kennt oder nicht. Ein bisschen schade finde ich, dass es bisher keine Fortsetzung gibt, was aber daran liegen mag, dass der zweite Roman über Olive Kitteridge, <em>Olive, again </em>oder <em>Die langen Abende</em>,<em> </em>wie er auf Deutsch heißt, erst vor wenigen Jahren erschienen ist. Wer also dennoch wissen will, wie es mit Olive und ihrem Leben weitergeht, für den gibt es die einfache Möglichkeit, sich Strouts Roman zu kaufen und einfach weiter zu lesen. Meine Empfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/olive-kitteridge-mit-blick-aufs-meer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:132138881</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 02 Jul 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/132138881/3a586146899d7547f48fe458b82ed98a.mp3" length="6726575" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>336</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/132138881/4de13b3d982f2366a19cddc7f408fd9a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Slow Fashion]]></title><description><![CDATA[<p>“Kleidung muss wärmen und die Blöße bedecken - sonst nichts” spach mein Vater dazumals, wenn die Diskussion auf, in seinen Augen, extreme Modeerscheinungen kam - also Schuhe in rot, Jeans mit Löchern und Telefonkabel als Gürtel. Als er sein Motto eines Tages in der Praxis anwendete und sich selbst von Kopf bis Fuß mit dem Angebot des HO-Warenhauses einkleidete, kugelten sich meine Mutter und ich auf dem Fußboden vor Lachen. Er trug auf dem Kopf eine Schiebermütze, am Handgelenk eine Herrenhandtasche, dazu ein weinrotes Hemd, blaue Hosen und diese Ostsandalen mit den doppelten Riemen wo vorn die Zehe rausguckt. Natürlich in grauen Socken.</p><p>Vierzig Jahre und eine friedliche Revolution später gibt es an der Stelle des HO-Warenhaus einen Primark, in denen die Shopper sich den Warenkorb (mit Rädern) randvoll mit Klamotten packen, die so billig (und schlecht genäht) sind, dass sie nicht selten nur einmal getragen werden, bevor man sie wieder entsorgt.</p><p>Das nennt man Fast Fashion, in Anlehnung an Fast Food, denn Anlass wie entstehende Probleme sind ähnlich. Die Verarmung der Gesellschaft zwingt zum günstigen Einkauf und die permanente Werbebeschallung läßt einen glauben, dass man mehr davon braucht als gut für einen selbst und die Umwelt ist.</p><p>Wie es als Gegenbewegung zum Fast Food das Slow Food gibt, gibt es natürlich auch eine <em>Slow Fashion</em> Bewegung. Was das ist, warum es sie braucht und ob sie die Welt rettet, das erzählt uns Heiko Schramm, der bestangezogene Mann Dresdens, seit Jahrzehnten in der Modewelt tätig und damit Experte in allem, was auf -Fashion endet. </p><p>Links zum Thema:</p><p><a target="_blank" href="https://www.arte.tv/de/videos/106527-029-A/27-das-europaeische-magazin/">27 - Das europäische Magazin - Fast Fashion, ein verwerflicher Trend? - Komplette Sendung | ARTE</a></p><p><a target="_blank" href="https://www.gruener-knopf.de/">Grüner Knopf</a></p><p><a target="_blank" href="https://global-standard.org/de/der-standard">Der Standad - GOTS</a></p><p><a target="_blank" href="https://heimtextil.messefrankfurt.com/frankfurt/de/programm-events/future-materials-library-2021/remade-circulose-renewcell-sweden.html">Renewcell _ Cirkulose</a></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/slow-fashion</link><guid isPermaLink="false">substack:post:130907311</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 25 Jun 2023 09:51:12 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/130907311/f497defa01ba409ccafcd9746b1eb15e.mp3" length="29884962" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2490</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/130907311/acbd0172ce75ee070aed4b38999f795a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Ditlevsen, Stuckrad-Barre]]></title><description><![CDATA[<p>Irmgard Lumpini und Anne Findeisen diskutieren mit Herrn Falschgold “<a target="_blank" href="https://open.substack.com/pub/lobundverriss/p/tove-ditlevsen-boses-gluck?r=lz45u&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web">Böses Glück</a>” von Tove Ditlevsen und “<a target="_blank" href="https://open.substack.com/pub/lobundverriss/p/benjamin-von-stuckrad-barre-noch?r=lz45u&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web">Noch wach?</a>” von Benjamin von Stuckrad-Barre. Was kann da schon schiefgehen? Nichts! Nichts kann da schiefgehen! Und tatsächlich war es eine sehr zivile Diskussion und natürlich völlig ohne Zusammenhang hier ein paar zusätzliche Buchempfehlungen zum Thema:</p><p><a target="_blank" href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/nichts-was-uns-passiert/">Bettina Wilpert: "Nichts was uns passiert"</a></p><p><a target="_blank" href="https://amzn.to/3N0psTz">Rose McGowan "Brave"</a></p><p><a target="_blank" href="https://amzn.to/3CofbM9">Tarana Burke "Unbound"</a></p><p><a target="_blank" href="https://amzn.to/43QrRa9">Jodi Kantor, Megan Twohey "She Said"</a></p><p><a target="_blank" href="https://amzn.to/3J2J48g">Robin Warshaw "I Never Called it Rape"</a></p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-diskussion-ditlevsen-stuckrad</link><guid isPermaLink="false">substack:post:127144215</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 Jun 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/127144215/55ba63c87231949d7e8d9a50f1645182.mp3" length="33485158" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2790</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/127144215/bc63577449aa82f4df34ec172a48f9ef.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Stephen King - The Outsider]]></title><description><![CDATA[<p><em>Manchmal will der Zeitplan nicht wie wir, weshalb Irmgard Lumpini heute statt einer neuen Rezension einen Klassiker aus dem Sommer 2018 präsentiert, der es mehr als wert ist, nochmal empfohlen zu werden.</em></p><p></p><p>Es ist Sommer, die Verlagshäuser veröffentlichen was das Zeug hält, die Feuilletons sind gefüllt mit Empfehlungen für die Leserschar, mal nach Zielgruppen, mal nach potentiellem Reiseziel, mal nach Genre geordnet oder gleich in Best-Of-Listen aufgeführt.</p><p>Leicht überfordert ob des Überangebots und gefangen im Optimierungswahn der Gesellschaft, der einen zwingen möchte, seine Zeit sinnvoll zu nutzen, dann die Erleichterung: Stephen King, in unserer Sendung schon oft gepriesen, hat ein neues Buch veröffentlicht.</p><p>Halleluja! The Outsider, Ende Mai im Scribner Verlag veröffentlicht. Auch die deutsche Übersetzung erscheint Ende August noch rechtzeitig, um an den Wogen der Ostsee verschlungen zu werden, und hat dankenswerterweise den englischen Originaltitel behalten.</p><p>The Outsider, als übernatürlicher Thriller angepriesen, lässt sich ohne Spoiler kaum rezensieren.</p><p>Deshalb sei hier das Fazit vorweggenommen: Leseempfehlung ohne Einschränkung für alle, egal ob Fan oder Kennerin des Großmeisters oder Novize. Bitte schalten Sie jetzt ab, in den folgenden Minuten und auch unserer Diskussion der Werke wird sich sicher die eine oder andere Enthüllung finden. Vielen Dank für Euer Interesse. --- piep ---</p><p>Liebe Hörerinnen und Hörer, die ihr immer noch neugierig lauscht:</p><p>Stephen Kings letzte Veröffentlichung The Outsider ist ein prall gefüllter Poproman. Eine unglaubliche Vielzahl von popkulturellen Referenzen aus Literatur, Sport, Film, Fernsehen, Märchen und aktuellen politischen Gesellschaftsdebatten näht Stephen King zu einem Thriller zusammen, in dem es vordergründig um die Aufklärung eines brutalen Sexualmordes, letztendlich aber um die Macht des Bösen in all seinen Facetten und Ausprägungen bis hin zum Übernatürlichen und um die Frage geht, ob Freundschaft, Liebe, Solidarität, Vertrauen und Kooperation in unterschiedlich großen Zusammenhängen von der Zweierbeziehung bis hin zu Landkreisen über verschiedene Klassenschichten und Parteigrenzen hinweg eine Chance haben, das Böse zu besiegen.</p><p>Die Antwort ist eindeutig: na klar, das wird schon. Wie sonst will Stephen King Trost spenden in einer Zeit, in der die Räder nur rückwärts zu fahren scheinen und sich in immer schnelleren Schienen auf das dystopische Szenario des Films Idiocrazy zubewegen, in der die Menschheit vergessen hat, dass Pflanzen nur wachsen, wenn sie mit Wasser gegossen, nicht aber mit Limonade besprüht werden.</p><p>Eher banal geht es los, eine Verbeugung vor Pulp: im Prolog beobachten 2 Jungs in einem Park ein herannahendes Polizeiauto und beschließen zu verduften, denn - und hier kommt der erste Hinweis, dass Stephen King mit seinen 70 Jahren nicht nur aus seinen Erinnerungen schöpft, sondern die Welt um sich herum noch immer genau wahrnimmt - black lives matter.</p><p>In kurzen Verhörprotokollen, die selten länger als eine Seite sind, schildert Stephen King dann die Rekonstruktion eines unfassbar grausamen Verbrechens durch die Polizei, die dazu führen, dass die Insassen des besagten Polizeiautos den Baseball-Kinder- und Jugendtrainer Schrägstrich Englischlehrer Terry Maitland, der gleichzeitig eines der beliebtesten Mitglieder seiner Stadt ist, während des wichtigstens Spiels der Saison vor den Augen seiner Familie und Freunde festnehmen. Detective Ralph Anderson und seine Kollegen sind überzeugt, dass er den elfjährigen Frank Peterson ermordet und missbraucht hat. Dafür haben sie zahlreiche Zeugen, die die Wege des Mörders aufgrund der Bekanntheit des Jugendtrainers und Lehrers hundertprozentig sicher bezeugen können. Diese Story ist ohne Zweifel eine große Verbeugung Stephen Kings vor der 3. Staffel der Serie Veronika Mars, in der die Protagonistin den Little League Trainer und Bürgermeisterkandidaten als Täter identifizieren konnte.</p><p>Das trotz der eindeutigen Zeugenaussagen der Verhaftete, für dessen Familie und Freunde eine Welt zusammenbricht und Misstrauen unter den Stadtbewohnern wächst, nicht der Täter gewesen sein kann, ist natürlich auch klar.</p><p>Stephen King schafft es trotzdem, den Punkt sehr weit nach hinten zu verschieben, an dem selbst dem mittlerweile beurlaubten Detective Anderson Zweifel kommen und er sich der Möglichkeit der Existenz übernatürlicher Wesen öffnet, auch wenn da schon lange klar ist, dass Terry Maitland ebenso zweifelsfrei an einer Konferenz in einer anderen Stadt war. Ein größeres Ensemble von handelnden Personen wird eingeführt, und dabei ist Stephen King so von seinen literarischen Gestalten überzeugt, dass einige wieder eingeführt werden, die schon in den jüngeren seiner Werke, hier: der Mercedes-Trilogie, seziert wurden.</p><p>Stephen King schreibt nichts wirklich Neues und ist dabei absolutely mindfucking: So besteht Terry Maitlands Alibi aus dem Besuch einer Lesung des Schriftsteller Harlan Coben, während der er auf Video aufgenommen wurde. Harlan Coben hat nicht nur viele Preise gewonnen, sondern ist auch dadurch bekannt, dass er seine Werke in einem Universum ansiedelt, indem Charaktere aus unterschiedlichen Büchern immer wieder mal auftauchen. Robert Ludlum wird erwähnt, in dessen Werken Einzelne gegen übermächtig erscheinende Organisationen kämpfen. Bücher in Büchern, dazu die teilweise wahnwitzigen Verweise auf klassische Literatur wie Agatha Christie und folk tales, kleinere Horror Stories und Fabeln in der großen. Auch Filme und Serienempfehlungen werden von Stephen King in großer Zahl genannt, wer es noch nicht gesehen hat, The Good Fight ist wirklich stark. Dabei ist es für den Genuss der Lektüre aber nicht entscheidend, ob man mit den zahlreichen Verweisen, von denen ich einige natürlich selbst gegoogelt und mit Sicherheit andere übersehen habe, etwas anfangen kann. </p><p>Eines der besten Kapitel schildert die Anreise von Polizei, Staatsanwaltschaft und mutmaßlichem Mörders vor dem Hintergrund von demonstrierenden Einwohnern und der verzweifelten Familie des Angeklagten. Hier schreibt Stephen King so detailversessen, dass wenige Minuten tatsächlicher Handlung sich ausdehnen wie die berühmte Treppenszene in Panzerkreuzer Potemkin, bis schließlich die nächste Katastrophe eintritt.</p><p>Während des gespannten Lesens das parallele Suchen nach möglichen Lösungen in den Untiefen des eigenen Gehirns, die oft genug eintreten, dann aber überraschenderweise doch nicht oder ganz anders. Ein klassischer Stephen King, der aber im Gegensatz zu anderen Schriftstellern seiner Generation aktuelle Debatten antizipiert und mit seiner Haltung zur Welt nicht hinter dem Berg hält: Frauen, die Männer überzeugen, die Welt zu retten und es am Ende selbst tun. Dialoge, die er schreibt, und deren Sexismus er dann gleich benennt, wenn zum Beispiel Detective Anderson seine Frau um Hilfe bittet, weil - Zitat “Frauen aufmerksamer sein können” - Zitatende und diese das sofort als “zweifelhaft, wenn nicht sogar sexistisch” einschätzt. Durch die metoo Bewegung verängstigte Männer dürfen trotzdem beruhigt sein. The Outsider von Stephen King ist keinesfalls schulmeisterlich, die hier zitierte Stelle ist das einzige Mal, wo er so deutlich wird. Für alle vom Patriarchat angepissten ist es schön ein Buch zu lesen, indem sich die Protagonisten überwiegend mit dem Respekt begegnen, der ihnen gebührt.</p><p>Und weil Stephen King um das Grauen der Welt weiß und auch, dass wir Trost brauchen, schreibt er uns ein schönes Ende, mit Zitat “mit dem richtigen Pathos, ohne dabei zu schlampig zu werden.” Zitatende. Ja, so ist das. Halleluja.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-stephen-king-the</link><guid isPermaLink="false">substack:post:126393079</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Tue, 06 Jun 2023 12:45:39 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/126393079/ddb461c43eed86c7e0544582066af0bc.mp3" length="9230830" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>462</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/126393079/8d8036ea65aa093aff292c263159d2c1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Tove Ditlevsen : Böses Glück]]></title><description><![CDATA[<p>Dem Aufbau Verlag sowie der Übersetzerin Ursel Allenstein ist es zu verdanken, dass die Werke der dänischen Autorin Tove Ditlevsen seit einigen Jahren wieder einer breiten Leserschaft außerhalb des dänischsprachigen Raums zugänglich sind. Ditlevsen, die zwischen 1917 und 1976 in Kopenhagen lebte, veröffentlichte zu Lebzeiten nicht nur Romane, sondern auch Gedichte, Novellen und Essays. Der kürzlich auf deutsch erschienene Erzählband <em>Böses Glück </em>versammelt eine Auswahl von 15 Kurzgeschichten, die im Original bereits 1952 und 1963 in zwei Erzählbänden erschienen sind.</p><p>Selbst aus dem Arbeitermilieu stammend, siedelt sie ihre Storys in ebendiesem an. In diesen augenscheinlichen Alltagsgeschichten geht es aber vor allem um Konventionen, um Frauen – die oftmals direkt zu Beginn der Geschichten namentlich genannt werden – um Kinder, um seelische und räumliche Enge und Männer, die mehr störend denn liebevoll beschrieben werden. Einzig in der titelgebenden und letzten Geschichte <em>Böses Glück</em>, die nicht mit einem Namen wie Helene, Britta oder Helga beginnt, sondern mit dem Wörtchen „Ich“ erkennen wir die Autorin selbst direkt wieder. Die Ich-Erzählerin und ihre Lebenswelt erinnern stark an die <em>Kopenhagen Trilogie </em>von Tove Ditlevsen, die bereits 2021 auf deutsch erschien.</p><p>In der Kurzgeschichte geht es um eine junge Frau, die auf beengtem Raum mit ihren Eltern zusammenlebt. Der Vater ist mal mit und mal ohne Job, was die finanzielle Situation äußerst prekär macht und das Einzige, was die Mutter glücklich zu machen scheint, sind die Besuche ihrer Schwester, die jedoch im Verlauf der Erzählung verstirbt. Die Erzählerin wünscht sich nichts sehnlicher als endlich 18 zu werden, von zu Hause auszuziehen und ihr Geld mit dem Schreiben zu verdienen. Das ist ihr größtes Ziel, für das sie frei sein muss und alles andere hinter sich zurück lässt: „.[....] und ich vergaß sie alle miteinander, vergaß mein Zuhause vollkommen und lebte mein eigenes Leben.“ (S.171/172)</p><p>Diese Kompromisslosigkeit wirkt einerseits grausam und gefühlskalt, sie verdeutlicht andererseits aber auch, dass Ditlevsens Protagonistinnen mehr vom Leben wollen, als den vorgezeichneten Weg in Richtung Ehe und Kinder zu gehen und bereit sind, sich diesen Traum zu erkämpfen. Ähnlich schonungslos treibt sie auch ihre anderen Figuren an, dabei ist deren Unzufriedenheit oft die treibende Kraft ihres Handelns. Da wäre beispielsweise Helga, deren Objekt der Begierde schon im Titel der Eingangsgeschichte „Der Regenschirm“ offenbar wird. Dieser alltägliche Gebrauchsgegenstand ist es, den sie sich unbedingt wünscht. Er ist verknüpft mit einer Kindheitserinnerung, die Aufregung, Glück und den Reiz des Verbotenen birgt. Die Sehnsucht nach diesen Dingen und die Aussicht auf Erfüllung ihrer Wünsche, lässt sie nun als verheiratete Frau ihrem schnöden Alltag entfliehen. Denn bereits zu Beginn ihrer Geschichte erfährt die Leserin:</p><p>„Helga hatte schon immer, und vollkommen widersinnig, mehr vom Leben verlangt, als es bieten konnte. Menschen wie sie wandeln zwischen uns und unterscheiden sich äußerlich kaum von denen, die instinktiv eine Bilanz ziehen und genau den Platz in der Welt finden, der ihnen gemäß Aussehen, Fähigkeiten und Herkunft zusteht.“ (S.7)</p><p>Das Traurige ist, dass sie letztlich aber doch das „vorbestimmte“ Leben leben wird, dass ihr kurzer Widerstand, ihr Aufbegehren dagegen nur von kurzer Dauer ist, bevor er durch ihren Ehemann niedergerungen wird und alles so weitergeht wie zuvor.</p><p>Besonders ans Herz gehen Tove Ditlevsens Geschichten, in denen auch Kinder die Protagonisten sind. In einer von ihnen teilen die sich trennenden Eltern ihre beiden Kinder untereinander auf, was an sich schon schlimm genug ist. Es wird aber noch auf die Spitze getrieben, indem das Mädchen nicht weiß, dass es nicht zur Mutter zurückkehren wird und dadurch, dass beide Eltern lieber das Mädchen denn den Jungen wollen. In einer anderen Geschichte müht sich ein adoptierter Junge um die Liebe seiner Eltern, zumal diese eben ein leibliches Kind bekommen haben, das nicht wie John mit der Flasche groß gezogen werden muss und dem die Liebe der Eltern einfach zufällt. Es ist geradezu schmerzhaft zu lesen, wie er durch Arbeit, Fleiß und Schnelligkeit versucht, sich die Zuneigung – vor allem der Mutter – zu sichern.</p><p>Durch <em>Böses Glück </em>wird deutlich: Auch das Genre der Kurzgeschichte beherrschte Tove Ditlevsen meisterlich. Wenige Seiten genügen, um in Welten einzutauchen, in denen es vorrangig um die Frauen und ihren Alltag im Kopenhagen der 50er Jahre geht. Es dreht sich um ihre Bedürfnisse und Wünsche und den Drang, den Konventionen nicht zu folgen, was leider allzu oft scheitert. Ihre Sprache ist dabei klar und offenbart die Erbarmungslosigkeit des Alltags, der zwischenmenschlichen Interaktionen und der Zwänge, denen ihre Protagonistinnen unterliegen. Die Männer in ihren Geschichten sind oft aber nicht immer eher negativ besetzt und man sollte sie lieber nicht stören, wecken oder verärgern. Dennoch ist es mehr als eine Ahnung, die sich beim Lesen breit macht, dass auch viele von ihnen nicht glücklich sind, doch um sie geht es nicht.</p><p>Thematisch erleben wir in diesem Erzählungsband eine Tove Ditlevsen, die wir bereits kennen. Es sind die Themen, die sie beschäftigen und sicher zu ihrem Alltag gehörten, die Dinge, die sie selbst antrieben. Der Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung und die diesem gegenüber stehende Realität. Und der Kampf eines jeden Einzelnen um seinen Platz in der Welt. Das Lesen dieses Werkes lässt einen nicht freudig oder glücklich zurück. Und das muss es auch nicht. Gelesen werden sollte es aber unbedingt, nur lieber nicht alles auf einmal.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-boses-gluck</link><guid isPermaLink="false">substack:post:124364538</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 28 May 2023 15:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/124364538/5b069174736196ccf7fc37fefac5937f.mp3" length="7431359" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>372</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/124364538/5ccdac4131329d287a8e0206fc818eae.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Benjamin von Stuckrad-Barre: Noch wach?]]></title><description><![CDATA[<p>Benjamin von Stuckrad-Barre, ein Name wie ausgedacht. Ein Lebensweg vorgezeichnet in vier Worten. In den Neunzigern war er der Liebling der Medien, so frisch, so Harald-Schmidt-Show-Witzeschreiber, so unkonventionell, so talentiert. "Doch dann kam das Koks / Dann kamen die Nutten / Dann kamen die falschen Freunde / Und dann die kaputten / Gedanken dazwischen", ollischulzt es sich Faust in die Magengrube. Kokser sind unangenehm, aber sie kommen rum. Kokser sind anstrengend, aber nur für diejenigen, die auch mal was sagen wollen. Für den Konsumenten sind sie perfekt. Sie MOVEN hyperaktiv von Thema zu Genre zu Kunst zu Buch zu TV-Show zum Schreiben des Jubiläums-Theaterstücks zum 100. Geburtstag des Verbrecherverlagsgründers. Nicht zum 100. Geburtstag von Jörg Sundermeier, (Mit-)Gründer des Berliner <a target="_blank" href="https://www.verbrecherverlag.de/">Verbrecher Verlags</a> mit der klügsten Auswahl an Büchern ever. Der ist noch 47 Jahre in der Zukunft, und wir gratulieren schon jetzt. Nein, zum 100. Geburtstag von Axel Springer, dem Gründer des gleichnamigen Verlags, schrieb der damals schon abstinent lebende Stuckrad-Barre ein Theaterstück, dessen <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_von_Stuckrad-Barre#:~:text=.%5B25%5D-,T%C3%A4tigkeit%20f%C3%BCr%20Axel%20Springer,-%5BBearbeiten%20%7C">Wikipedia-Zusammenfassung</a> man nur auf leerem Magen lesen kann: Es gehe um ein Stück, “das Springers Eigenschaften als <em>Visionär, Lebemann und Tycoon</em> herausstellen sollte, mit besonderem Schwerpunkt auf die Liebesgeschichte zwischen Springer und seiner letzten Ehefrau, der Mehrheitsaktionärin Friede Springer, ihre aufopferungsvolle Pflege in den Krankheitsjahren und das "Glück", das sie ihm gebracht habe.” S**t, wo ist der Eimer. Dass Stuckrad-Barre auch aus diesem gequirlten Kack ein brillantes, witziges und rasantes Stück Theater gemacht hat, ist gesetzt. Wichtiger für das hier besprochene Buch ist, dass er diesen Auftrag von einem gewissen <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mathias_D%C3%B6pfner">Mathias Döpfner</a> bekam, dem bis heute Vorstandsvorsitzenden des Axel Springer Konzerns. Mit dem war der Benjamin damals eng befreundet, was nur auf den ersten Blick seltsam erscheint. “Was will so ein bekannter linker Ex-Kokser mit so einem Nazi-Onkel?” fragt man sich. Aber genau das arbeitet im wichtigsten Nebenstrang von "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3omNbF6">Noch Wach?</a>", dem jüngsten Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, ebendieser auf, und es ist seltsam herzwärmend und tragisch. Doch der Reihe nach.</p><p>“Worum geht es in ‘Noch wach?’”</p><p>“Um Sexismus.”</p><p>“Das war’s?”</p><p>“Und um den Machtmissbrauch, der darauf basiert.”</p><p>“Oookay… Von Stuckrad-Barre? DEM Stuckrad-Barre? Mutig, als Mann..” ist der erste Gedanke.</p><p>Der zweite: “Wenn das einer stemmt, dann ‘the wunderkind’ Stuckrad-Barre”.</p><p>Angesiedelt zwischen dem Hotel "<a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Chateau_Marmont#/media/File:ChateauMarmont_01.jpg">Chateau Marmont</a>" in Los Angeles und dem Springerhochhaus in Berlin verarbeitet BSB - wie er todsicher genannt wird und es ihm ein bisschen peinlich ist, aber auch nur ein bisschen - also zwischen dem historischen Skandalhotel der Reichen und Schönen in Hollywood und dem Turm von Mordor, aus dem täglich die BILD-Zeitung geistig brandschatzt und mordet, erzählt der Autor mit starker Anlehnung an die Realität über den Machtmissbrauch in der BILD-Redaktion, so dass der Roman mit einem derart strikten Embargo erschien, dass selbst Jan Böhmermann erst einen Tag vor der Veröffentlichung das Inhaltsverzeichnis <a target="_blank" href="https://elk.zone/edi.social/@janboehm/110224321277216636">twitterte</a>. Denn als zwar nicht ganz dichter Monsterpromi, aber doch offenbar supersweeter Typ, der mit der Trifecta der deutscher Supersympathinnen Ulmen-Schlingensief-Roche zusammengearbeitet hat und gleichzeitig Best Buddy von Springer-Chef Mathias Döpfner war, erhielt Stuckrad-Barre von verzweifelten Opfern des damaligen Chefredakteurs der BILD-Zeitung <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Reichelt">Julian Reichelt</a> Belege für dessen unzählige sexuelle Übergriffe auf Mitarbeiterinnen.</p><p>"Was tun damit? Dem Freund und Chef des Chefredakteurs geben? Für sich behalten? An die Öffentlichkeit gehen? Was passiert dann mit den Frauen? Was mit meiner Freundschaft mit Döpfner? Was passiert mit mir?", fragte sich Stuckrad-Barre.</p><p>Was er damit gerne gemacht <em>hätte</em> beschreibt er in “Noch Wach?” und der Konjunktiv ist nur zum Schutz vor der Armee der Anwälte des Axel-Springer-Verlags, es ist wohl ziemlich genau so abgelaufen.</p><p>Der Titel des Buches ist ein Zitat, eine WhatsApp Nachricht von Bild-Chef Reichelt an eine seiner Untergebenen früh um vier. “Noch Wach?” lässt einen Mann beim Aufschlagen des Buches nur die Schultern zucken, “Warum nicht? Haben wir alle schon gesimst”. Wenn man den Kindle sechs Stunden später ausschaltet, weiß man, dass einer Frau, zumal einer abhängig beschäftigten, jungen, möglichst blonden, die gleichen Worte wie ein Omen sind, es ihr kalt den Rücken runter läuft und wenn man einen Puls hat, uns jetzt auch. Sollte das der einzige Verdienst des Buches (und damit des Autors) bleiben, hat es sich gelohnt.</p><p>Aber Stuckrad-Barre hat sich mehr vorgenommen, wer immer da “Schlüsselroman” in seinen Wikipedia-Artikel geschrieben hat (es war <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer_Diskussion:ChickSR">ChickSR</a>), es ist was dran. Ich, der ich Benjamin von Stuckrad-Barre aus den Augen verloren hatte, habe ihn wieder im Fokus und lese einen nicht weniger brillanten und lustigen Schriftsteller als in den Neunzigern und einen Mann, der sich jetzt seinem Leben stellt und davon ironisch gebrochen berichtet. Eine Formulierung von oppulentem Blödsinn. Ok, nochmal:</p><p>Das Buch erzählt von Sophia, einer jungen, klugen, großstädtischen und, versteht sich, bildhübschen TV-Moderatorin in einem unbenannten deutschen Krawall-TV Sender nach amerikanischem Fox-News Vorbild, der im Buch kaum verhohlen für die BILD-Zeitung steht. Das Ganze passiert aus der Sicht eines unbekannten Erzählers, also des Alter-Egos Stuckrad-Barres, der sich im Winter normalerweise in Kalifornien im Promi-Hotel “Chateau Marmont” dem hässlichen Berliner Grau entzieht. Dort sitzt er mit Künstlern, Kiffern und Kinopromis am Pool und es ist unklar und man möchte auch nicht wirklich darüber nachdenken, ob Stuckrad-Barre im real life im “Chateau Marmont” gelebt hat oder gar lebt. Geschrieben sind die Szenen aus dem Luxushotel mit einer aufreizenden Gelassenheit und Normalität, man ist hin und hergerissen zwischen Neid und einfach nur sauer sein, dass sich jemand aus Niedersachen sowas leisten kann. Aber diese interessante Lässigkeit im Bericht über ein so privilegiertes Leben zwischen der gassigehenden Drew Barrymore und Am-Pool-Buch-Lesenden Harry Weinstein-Whistleblowerin Rose McGowan bringt uns, gewollt oder ungewollt, in einen Modus; bereitet uns vor auf einen Blick in eine Welt, die genauso seltsam und fremd ist, dafür deutlich ekelhafter und näher: die des Machtmissbrauchs im Axel-Springer-Hochhaus. Sie trainiert uns gewissermaßen, mit unerwartetem, wenn man naiv ist “unglaublichem”, S**t umzugehen. Dieser S**t heißt Machtmissbrauch. Dieser S**t heißt sexuelle Belästigung. Von abhängig Beschäftigten bei der BILD im Speziellen und dem generellen S**t, den Frauen so erleben, in der alltäglichen Ausführung, überall.</p><p>Der Stil der Erzählung ist.. seltsam. Auf fast bewundernswert naive Art und Weise kritisiert Stuckrad-Barre zum Beispiel den deutschen Medienbetrieb, als hätte das noch nie jemand getan. Für einen Fast-Gar-Nicht-Konsumenten deutscher Medien, wie ich es bin - ob Zeitungen, TV oder deutsches Social Media, all das ist mir meist wurscht - ist das natürlich irgendwie interessant. Für alle, die dort täglich zu Hause sind, wahrscheinlich eher zum Gähnen. Dabei müssen Phrasen gedroschen werden, bis der Flegel bricht, so spricht man nun mal in der Branche - was man keiner Leserin zumuten kann. Stuckrad-Barre verstärkt diese Klischees, zunächst krude anmutend, indem er, wann immer der Autor oder eine Handelnde im Buch Plattitüden ablässt, er diese GROSS schreibt, damit wir auch wissen, dass es eine PLATITÜDE ist, und dass er diese Wendung ja eigentlich NIE verwenden würde. Dieser Bruch im Lesefluss ist (mir) zunächst unangenehm, aber wie an die Rechtschreibreform und die vierte Variante des Binnen-I gewöhnt man sich auch hier schnell, es sei denn man heißt Friedrich mit Vornamen, oder Horst. Der Sinn der typographischen Verkehrszeichen wird klar, wenn im Buch immer mehr moderne Sprachformen kollidieren: Instagramspeech vs. Corporatespeech vs. Auf-Drogen-Sein vs. BILD-Hetze und nur noch der präzise, ironisch-abstandswahrende innere Monolog von Stuckrad-Barre den Leser vor dem Weinen bewahrt. Man fragt sich: “What the f**k ist aus unserer German language geworden?!”</p><p>Auch die Berichte über Weinstein/Hollywood/#meetoo werden nacherzählt für viele naiv klingen, als hätte man den S**t nicht gelesen, damals. Aber habe ich, zum Beispiel, tatsächlich nur peripher, ich ignoranter Macho, ich, und für mich ist es interessant, das zusammengefasst zu bekommen. Auch der Stuckrad-Barre im Buch, obwohl doch so vernetzt, so sensibel und so aufmerksam, ist immer wieder überrascht und wir haben nicht das Gefühl, er mache das “für den Leser”. Metaphern, Satzbau und Witzischkeit sind dabei zu Beginn des Buches nicht immer treffsicher, was hier zu erwähnen ein Kompliment ist, man erwartet es einfach ein bisschen besser von Stuckrad-Barre. Aber das wird. Nach der Mitte des Romans ist die Sprache deutlich konziser, die Dialoge stilgenau (und damit durchaus schmerzhaft für Menschen, die jetzt nicht so gerne in Berlin-Mitte sind und den Influenzern beim Instagrammrecorden zuhören). Es ist nun endlich der gleiche, genaue und bis zum letzten Wort kürzende Pointenmeister der späten 1990er am Werk.</p><p>Das wird auch sehr nötig, denn wenn nach ein paar das Setting gebenden Kapiteln der Erzähler das milde Los Angeles mit dem selbstmordgrauen Berlin tauschen muss, weil seine mittlerweile gute Freundin Sophia, die sich, wie so viele, mit dem Chefredakteur des SENDERS, eingelassen hat, nun fallen gelassen wurde und das nicht hin nimmt. Nicht das Fallengelassenwerden ist ihr Problem, ihre eigene Dummheit und Naivität und Scham ist ihr schmerzhaft bewusst. Sophia wird willkommen geheißen im vieldutzendstarken Club derjenigen, denen es genauso ergangen ist vor ihr. Und sie beschließt, dem ein Ende zu bereiten. Der Autor kommt also zum Thema und wenn man spätestens jetzt nicht in Buch und Stil gefangen wäre, würde so mancher “Ach, come on, nicht schon wieder #meetoo” Leser, männlich, den Kindle weg legen. Kann er aber nicht mehr. Es ist zu funny. Es ist zu gut. In Teilen geschrieben wie vom letzten verbliebenen Spex Redakteur, sprachlich brillant und faszinierend und immer irgendwo auch ein bisschen peinlich. Wie dass Thema. Sophia berichtet dem Erzähler “die ganze Story”, wie man sich mit einem Chef einlässt, warum, was das beinhaltet, was man wie denkt, fühlt, macht und nicht macht. Der literarische Trick, einen Mann erzählen zu lassen, wie eine Frau ihm erzählt, was Frauen mit Männern so erleben, ist clever und verstärkt den Schock. Die literarische Tonlage wird einfach eine Oktave tiefer, der Duktus unaufgeregter, das Geschehen wird nicht aus der Opfer-, sondern aus Zeugensicht <em>übersetzt</em>, und damit gleichzeitig erträglicher <em>und</em> unerträglicher.</p><p>Denn es ist bekanntermaßen recht schwer für Männer über Sexismus zu reden (oder gar zu schreiben), denn irgendwas macht man immer falsch: als Mann verstehe man das nicht, man sei potentieller Täter, man spreche nur drüber, weil man muss und wenn man nicht darüber spricht, ist man ignorant. Betroffene wollen gefragt werden, aber nicht immer, nicht von jedem und wenn, dann vorsichtig und sensibel und man soll zuhören, aber auch was sagen. Vielleicht ist die super simple, ein bisschen unsichere und überstilisierte Art und Weise, wie Stuckrad-Barre das macht, gar nicht die schlechteste Form - wie ein Schutzschild aus Naivität.</p><p>Als Beispiel: Irgendwann geht der Autor im Selbstgespräch viele der #metoo Fälle durch. Was ist dran, wie soll man sich positionieren, aus persönlicher Sicht. Halt wie man das so durchspielt. Weinstein, Cosby, Trump, Kevin Spacey, Woody Allen, Louis C.K. Diese Abwägungen haben wir alle schon gemacht, Stichwort: Trennung von Künstler und Werk. Aber während wir das mit uns im Stillen tun (oder besoffen zu laut an der Bar), schreibt Stuckrad-Barre es auf. Es entsteht ein beeindruckendes Bild des modernen Menschen, der nicht immer, eigentlich nie, weiß, wofür oder wogegen er sein muss, obwohl das (scheinbar) permanent verlangt wird. Die ungeschminkte, aber natürlich sorgfältig editierte, Innenwelt des Homo Stuckrad tröstet mit seiner generischen Verwirrtheit. Man liest eine Schwester, einen Bruder. Denn es geht natürlich um Sexismus, primär, dass der Autor Mann, weiß und mittlerweile alt ist, ist auch sichtbar, aber er löst sich aus dem Selbstgespräch und im Dialog mit der fiktiven Sophia wird aus den einsamen inneren Monologen des modernen Mannes ein integratives Projekt, bei dem Stuckrad-Barre zu seiner besten schriftstellerischen Form aufläuft.</p><p>Denn die Schwere des Themas bricht Stuckrad-Barre mit brillanten Bonmots, Aphorismen, albernen Vergleichen, Sprüchen. Was er dabei wirklich hervorragend macht, ist, den Roman im Rahmen zu halten. Bei einem weniger talentierten Autor wäre das ganze ratzfatz zu Betroffenheitslyrik geworden oder zu Klamauk oder einer crazy Stromberg-Parodie “mit Tiefgang”. Stuckrad-Barre aber schafft es, einen Roman über “Unglaubliches” glaubwürdig und gleichzeitig extrem lesbar zu schreiben.</p><p>Natürlich wird man das Buch gelegentlich als Versuch der Selbstläuterung verstehen, denn Stuckrad-Barre hat, Max Goldt ignorierend, “gesellschaftlich absolut inakzeptabel”, zehn Jahre für den Springer-Verlag gearbeitet, und es wird genug Leute geben, die ihm das auf den Kopp hauen - alle die, die noch nie etwas falsch gemacht haben im Leben und schon immer alles richtig. </p><p>Ich kann mich einer gewissen Sympathie nicht entziehen und gerate dabei gerne mit dem Autor in doppelte, dreifache Stolperfallen, ja, Sprengfallen. Erstens: kann ein Mann über Sexismus schreiben? Zweitens: wenn es einem Mann so erscheint, als dass ein anderer über das Thema ganz gut schreiben könne, kann der das denn überhaupt einschätzen? Und wenn ich also jetzt diese Rezension schreibe und der Mann bin, der das Buch von dem Mann, der über Sexismus schreibt, ganz gut finde, hat das einen glitzekleinen Hauch von Sexismus? So wir Männer unter uns? It’s complicated, wie immer. Dabei hat es Benjamin von Stuckrad-Barre mit “Noch Wach?” geschafft, ein Buch zu schreiben, welches diese Frage brillant mit “Eigentlich nicht.” beantwortet.</p><p>Und das behandeln wir am besten in der Diskussion mit meinen Kolleginnen des Studio B Kollektivs und ich schaue mutig, weil klüger, in die Zukunft von drei Wochen, wenn diese Diskussion auf diesem Kanal erscheinen wird. Und dass “Noch wach?” von Benjamin von Stuckrad-Barre eines der wichtigsten deutschen Bücher seit langem ist, stelle ich dann zur steilen These.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/benjamin-von-stuckrad-barre-noch</link><guid isPermaLink="false">substack:post:122668649</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 21 May 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/122668649/ba30b597e06d1059bfffb15268a20993.mp3" length="12917490" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>807</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/122668649/fa5db40bb6db308f86f189a2ebf1b95f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Kermani, Kuang, Illies]]></title><description><![CDATA[<p>Erstaunlich harmonisch ging es zu bei der Nachbesprechnung von Navid Kermanis “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/navid-kermani-entlang-den-graben#details">Entlang den Gräben</a>”, Florian Illies’ “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/florian-illies-1913-was-ich-unbedingt#details">1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte</a>” und “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/r-f-kuang-babel-or-the-necessity#details">Babel</a>” von R. F. Kuang. Wir werden wohl altersmilde. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-kermani-kuang-illies</link><guid isPermaLink="false">substack:post:120508553</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 May 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/120508553/ed521e92e011d15dc9f9b59cff8fe3f3.mp3" length="23503979" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1959</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/120508553/20b3a67825f5edf7b346825d0e4aec1d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[R. F. Kuang: Babel: Or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators' Revolution]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser,</p><p>vor knapp 2 Wochen ist der im letzten Jahr im englischen Original erschienene Roman von Rebecca F. Kuang mit vielen Vorschusslorbeeren nun auf deutsch erschienen. Flankiert von einer riesigen Marketingkampagne des Eichborn Verlags, mit der comichaften Darstellung der 4 Hauptcharaktere, die die Jüngeren abholen soll und dem Lob Denis Schecks, der das Buch als "Das Aufregendste im Fantasy Genre seit Harry Potter" bezeichnet.</p><p>Nun habe ich die Aufregung um Harry Potter nicht nachvollziehen können (schon heute kann man den Streit in der Diskussion mit dem Rest des Studio B Kollektivs erahnen), aber der für mich also hinkende Vergleich ist Wurst, denn: Lest das Werk, es ist überraschend, voller Dramatik, Magie und Spannung.</p><p>Viele Dinge sind dem Deutschen suspekt, angefangen von ihm unbekannten Gewürzen und Speisen bis hin zu eigentlich allem, was er nicht kennt. Vielleicht ist dies der Grund, warum der Untertitel des heute vorgestellten Werkes - "Or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators' Revolution" - es nicht auf den Buchdeckel der deutschen Ausgabe geschafft hat. Ansonsten ist die deutsche Übersetzung aber sehr gut, und das Buch ja sowieso, weshalb ich es gleich 3x gelesen habe. Im Original nach dem Erscheinen, dann jetzt nochmal (weil mein Gedächtnis auch nicht mehr ist, was es noch nie war) und interessehalber noch die 2. Hälfte des Werkes auf deutsch.</p><p>An den Untertitel hat sich aber auch die spanische Ausgabe nicht rangetraut, sondern eher verschämt "una historia arcana" unter "Babel" gesetzt.</p><p>Gut, Babel also, trotz der sehr knappen Beschreibung in der Bibel, doch eine der bekanntesten Stories des Alten Testaments: ein Volk schickte sich an, einen Turm bis in den Himmel zu bauen. Gott fand das nicht dufte (sprich, hatte Angst um seine Macht, denn danach wäre nichts dem Menschen unerreichbar) und schickte eine Sprachverwirrung, aufgrund derer der Turmbau wegen Verständnisschwierigkeiten zum Erliegen kam und verstreute die Menschen auf der ganzen Welt.</p><p>In der alternativen Welt, die uns Rebecca F. Kuang zaubert, existiert der Turm, Babel genannt, und zwar inmitten von Oxford. Er ist das höchste und mächtigste Gebäude, denn in ihm werden Silberbarren mit Aufschriften versehen. Dabei handelt es sich um Wortpaare aus unterschiedlichen Sprachen, die sich ähneln, aber durch die Bedeutungsänderung, die jede Übersetzung mit sich bringt, bestimmte Effekte hervorrufen können: Kutschen werden schneller, Lichter strahlen heller, Maschinen funktionieren besser und: Kugeln und Pistolen aus Kanonen treffen genauer. All dies bringt dem British Empire, dessen Königin Victoria heißt (auch sonst ist die alternative Welt “Babels” wenig von ihrem historischen Original Englands im Jahre 1830 entfernt) enorme Vorteile, nämlich die Sicherung ihres Territoriums und ihrer gewaltvollen Herrschaft. Gebraucht wird dafür - richtig - Silber.</p><p>Und Übersetzer: Eines der Probleme mit den Wortpaaren auf den Silberbarren besteht darin, dass sie weniger wirken, je bekannter die beiden Worte sind, sprich: in dem sich die englische Sprache durch die Unterwerfung der Welt ausbreitet, desto weniger potent ist sie. Deshalb werden Menschen gesucht, deren Muttersprache eine in der westlichen Welt wenig bekannte ist, und die sich gleichzeitig in Sprachen wie Latein und Altgriechisch zu Hause fühlen. Weil der Spracherwerb für Kinder einfacher ist, werden diese (sofern sie als geeignete Kandidaten befundet werden) geraubt und ausgebildet, um später in Babel zu arbeiten. Und hier beginnt das Dilemma: aus ärmlichen Verhältnissen zu großer Macht gelangt: ist es besser dankbar zu sein, am Tisch der Macht zu sitzen, “es geschafft zu haben”? Oder fordert die Erkenntnis, Teil eines zerstörerischen Systems zu sein, Widerstandshandlungen, Sabotage oder gar Revolution?</p><p>Douglas Adams hat einmal eine Reihe von Regeln aufgestellt, wie man - je nach Altersgruppe - auf neue Technologien reagiert. “Alles, was in der Welt ist, wenn man geboren wird, ist normal und gewöhnlich und ein natürlicher Teil der Welt. Alles was erfunden wird, wenn man zwischen 15 und 35 ist, ist neu, aufregend und revolutionär und wahrscheinlich kann man eine Karriere damit starten. Alles was erfunden wird, nachdem man 35 ist, ist gegen den natürlichen Lauf der Dinge.” Ich glaube, dass dieses Bonmot auch für Wissen, Überzeugungen und die Akzeptanz neuer Forschungserkenntnisse gilt. Für die Älteren werden Welten in Frage gestellt, zu Kindheitsüberzeugungen konträre Ansichten sollten auf einmal wahr sein, das ist sicherlich hart. Für die Jüngeren wird es selbstverständlich sein, Kolonialismus und die Folgen, ob lokal oder global, mitzudenken.</p><p>Und so ist “Babel” ein Werk für jüngere Leserinnen und alte Hasen, die offen sind.</p><p>“Babel” kann dazu beitragen, Erkenntnisse über die Auswirkungen von Kolonialismus und dessen Brutalität zu etablieren. Auch das implizite Einverständnis, wenn man auf der Sonnenseite steht und die intergenerationellen Auswirkungen systematischer Rassismus- und Patriarchatserfahrungen werden verständlich. Für die älteren Leser hält “Babel” Überraschungen bereit. In einer Vielzahl von Fußnoten, aber auch direkt in der fantastischen Welt warten Erkenntnisse und ein besseres Verstehen unserer Welt.</p><p>Dabei ist die Alternativgeschichte, die Rebecca F. Kuang erschaffen hat, nicht so weit von der uns bekannten Historie entfernt. Mag es keine Silberwerker geben, die mithilfe von Übersetzungen Dinge und Handlungen erfolgreicher gestalten können, so ist doch die Macht und Magie der Worte auch in unserer Welt präsent und präsentiert den Zusammenhang zwischen Sprache und Macht: Wie sprechen die, die über andere herrschen? Was für Folgen hat diese Sprache? Konkrete Beispiele bedarf es hier vielleicht nicht, ich gehe davon aus, dass die Verschiebung des Diskurses nach rechts, was wann wo und wie gesagt werden kann, in den letzten Jahren offensichtlich geworden ist. Gleichzeitig ist es einfacher geworden, sich Gehör zu verschaffen bzw. Mittel und Wege zu finden, seine Überzeugungen zu präsentieren, wenn man nicht nur den Weg über die etablierten Wege der Papierzeitungen oder Fernsehsender kennt.</p><p>Ist Gewalt notwendig, um eine Revolution herbeizuführen? Lest “Babel”, ihr werdet es herausfinden.</p><p>Und so kam diese Rezension aus, ohne auch nur die 4 Hauptheld*innen des Werkes - Robin, Ramy, Victoire und Letty - überhaupt eingeführt zu haben, denn: Gönnt euch das Werk!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/r-f-kuang-babel-or-the-necessity</link><guid isPermaLink="false">substack:post:120454614</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Wed, 10 May 2023 08:53:43 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/120454614/90b13c934edd3308de2bf43145dbc731.mp3" length="8608959" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>430</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/120454614/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Florian Illies: 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Florian Illies, nicht nur deutscher Autor, sondern auch Kunsthistoriker, Journalist und Kunsthändler, veröffentlichte 2012 seinen Roman <em>1913. Der Sommer des Jahrhunderts</em>, welcher in kürzester Zeit zum Bestseller wurde, mittlerweile in 28 Sprachen übersetzt wurde und sein bislang größter kommerzieller Erfolg ist. 2017 wurde es durch mich bei Studio B. Lob und Verriss wohlwollend besprochen, jedoch entging mir lange Zeit, dass Florian Illies bereits ein Jahr nach meiner Rezension einen Nachfolgeroman mit dem Titel <em>1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte</em>, ebenfalls im S.Fischer Verlag, veröffentlichte.</p><p>Wir tauchen also erneut ein in das Vorkriegsjahr 1913, in dem uns Florian Illies, wie auch schon im Vorgängerband, anhand meist kurzer Anekdoten, in die umfangreichen Kreise bestehend aus Künstlern, Musikern, Literaten, aber auch Politikern einführt. Wie umfangreich das Personal ist, dessen er sich dabei bedient, macht schon das Register deutlich, das sich am Ende des Romans befindet und ja, um bei der Wahrheit zu bleiben, auch die Handelnden aus dem ersten Band werden hier aufgeführt, wobei die Schnittmenge der Personen, die in beiden Romanen vorkommen sehr hoch ist. Dieses Mal gliedert Illies sein Buch jedoch nicht in Monate, sondern in Jahreszeiten, beginnend beim Winter 1913.</p><p>So erfahren wir beispielsweise über diesen Winter, dass die Zigarettenmarke „Camel“ in North Carolina gegründet wird, die die erste ist, die Zigaretten in Zwanzigerpackungen anbietet und das 20. Jahrhundert der Zigarettenindustrie beginnt. Und für alle, die es bis heute nicht wussten, ziert das Cover der Marke „Camel“ entgegen des Namens kein Kamel, sondern ein Dromedar.</p><p>Wir lernen aber auch das Tilly Durieux, Lou Andreas-Salomé, Alma Mahler, Coco Chanel, Ida Dehmel und Misia Sert – letztere war mir bis dato gänzlich unbekannt – zu den zentralen Frauenfiguren dieser Zeit gehören. Illies liefert aber nicht nur eine Unmenge an Informationen ab, sondern schafft es auch immer wieder, sie auf komische Weise zu verpacken, wie die Information, dass der 26-jährige Inder Srinivasa Ramanujan es zwar schaffte, hundert der größten Rätsel der analytischen Mathematik zu lösen, mit seinem kurz darauf folgenden Tod aber nicht gerechnet hatte. Oder als weiteres Beispiel:</p><p>„1913 ist das Jahr, das das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert unauflöslich miteinander verbindet. Kein Wunder, dass deshalb am 29. April 1913 Gideon Sundback das Patent für den Reißverschluss erhält.“ (S.92)</p><p>Darüber hinaus erfahren wir, dass die Neurasthenie nicht nur die Krankheit des Jahres 1913 ist, eher undefiniert und „für jedwedes psychosomatische Unwohlsein und Nervenleiden“ (S. 67) steht, so dass viele der großen Dichter wie Rilke oder Kafka, sich die Diagnose gleich mal selbst stellen, sie aber in der Literatur auch viel Spott auf sich zieht. Und apropos Rilke, seinem Running Gag, den es auch schon in <em>Der Sommer des Jahrhunderts </em>gab, bleibt Illies sich auch in diesem Band treu. Er lautet ganz einfach: „Rilke hat Schnupfen“ und verweist natürlich auf seinen stets kränkelnden Zustand.</p><p>Während der Chemiker T.L. Williams im Frühling nicht länger mit ansehen kann, dass seine Schwester unglücklich in ihren Chef verliebt ist und daraufhin Kohlenstaub und Vaseline mischte, wodurch er die Wimperntusche Mascara erfand, was nicht nur zur Folge hatte, dass seine Schwester ihren Chef eroberte, sondern auch, er mit der Firma Maybelline den Weltmarkt. Veröffentlichte einige Zeit später Blanche Ebutt in Amerika den Ratgeber mit dem Titel „Dont´s for Husbands“ der schon damals den wichtigen und revolutionären Rat beinhaltet:</p><p>„Hören sie auf, sich die ganze Zeit Gedanken über ihre Gesundheit zu machen. Wenn sie wirklich krank sind, suchen sie bitte einen Arzt auf, anstatt die Frau an Ihrer Seite die ganze Zeit mit Vermutungen darüber verrückt zu machen, was Ihnen eventuell fehlen könnte.“ ( S. 121)</p><p>Amen!</p><p>Es ist diese Fülle an Ereignissen und Informationen, die Florian Illies zusammen trägt, die dieses Buch so lesenswert machen. Neben zahlreichen Erfindungen und Patenten dieser Zeit, über die Illies uns in Kenntnis setzt, führt er uns auch das Leben der großen Dichter, Maler und Musiker vor Augen. Auf ihre engen Verbindungen und Entwicklungen kommt er, in meist wenigen Sätzen bzw. Episoden, immer wieder zurück, wodurch sie einem beim Lesen regelrecht nah und anschaulich erscheinen. Durch die Dichte an Informationen und Geschehnissen scheint das Jahr 1913 greifbar zu werden. Ein gewisser Fokus auf die Liebschaften, Affären, Bettgeschichten und ähnliche zwischenmenschliche Gegebenheiten, die Potenzial für Spannung bieten, ist dabei unverkennbar. Man gewinnt den Eindruck, dass die Prominenz dieser Zeit frei nach dem Motto „Wein, Weib und Gesang“ lebte. Aber es ist ein Lebensgefühl, das Florian Illies versucht, dem Lesenden nahe zu bringen, weg von der Bedrohlichkeit, die diese Jahreszahl im Allgemeinen suggeriert. Das Tempo ist dabei rasant, da man durch die permanenten Szenenwechsel auch gedanklich immer wieder umschalten muss. Aber kein Detail ist unwichtig, einzig durch die Fülle derer, fielen viele schon kurz nach dem Lesen wieder der Vergessenheit anheim. Dennoch schwappt Illies Faszination für das Jahr 1913 auf einen über. Es muss den Autor unfassbar viel Zeit gekostet haben, all diese winzigen Details und Kleinigkeiten zu recherchieren, die der Leser innerhalb kürzester Zeit verschlingt – schon allein dafür hat er meinen Respekt.</p><p>Es wird daher auch nicht verwundern, dass ich für Florian Illies' <em>1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte</em>, das so wunderbar kurzweilig, informativ, witzig und charmant geschrieben ist, meine Empfehlung ausspreche. Ich ende mit einem Zitat aus dem Sommer des Jahres 1913, welches eine Erkenntnis Florian Illies' ist und mir viel Freude bereitet hat: „Es ist keine Freude, Frau eines kubistischen Malers zu sein.“ (S.135)</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/florian-illies-1913-was-ich-unbedingt</link><guid isPermaLink="false">substack:post:118126033</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 30 Apr 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/118126033/0a835ce5f02b0f41a2c06b972acb56d8.mp3" length="8539473" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>427</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/118126033/3786d95293af71eb3cef42a8d69ed5ff.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Navid Kermani: Entlang den Gräben]]></title><description><![CDATA[<p>Rewilding ist gerade sehr in. Auf deutsch “verwildern”, überlassen Leute, die es sich leisten können, ihre privaten Ländereien bewusst der Mutter Natur. Aber da der planende Mensch ohne Plan nicht kann, sitzt er nicht einfach auf dem Feld und schaut zu, was passiert, oder dreht ihm gar den Rücken zu und lässt die Mutti endlich in Ruhe. Nein, er legt erst mal einen Teich an, für die Fische. Und dann einen Zulauf für die Biber. Und stellt Bienenkästen drauf und schlägt einen Pfad zur Wildparzelle, denn die will er seinen Bankerfreunden zeigen und auf der Aussichtsplattform beim Grauburgunder über ökologische Marktwirtschaft schwätzen.</p><p>Es konnte nicht lange dauern, bis die Ersten den Begriff zur Metapher machten und nun rewilden wir, die wir uns das leisten können, also Leute, die noch Zeit haben Bücher zu lesen <em>und</em> darüber zu schreiben, wir rewilden also unser Hirn. Ok, unsere Timeline, unsere ToDo-Apps und unsere geshareten Kalender. Denn auch wir, also ich, können nicht einfach in den letzten verbliebenen Zeitungskiosk im Viertel gehen und eine zufällig gewählte Superillu durcharbeiten, auf dass wir inspiriert werden. Wir abonnieren stattdessen Blogs, die uns Google zum Thema “rewilding” vorgibt und führen Notiz-Apps, in denen wir die Ergebnisse notieren und zur Verwertung vorhalten. Und doch, wenn wir Freunde haben und wie ich gerade im rewilding mode sind, lassen wir uns auf einmal Bücher empfehlen und legen Sie nicht nur auf dem Kindle ab, sondern lesen sie auch. Wirklich! Fast sofort! Wild.</p><p>So geschehen mit dem hier zu besprechenden Buch “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ox5K9B">Entlang den Gräben</a>” von Navid Kermani, empfohlen vom Freund der Show und notorisch reisenden Mirko Glaser of the <a target="_blank" href="https://www.jazzdepartment.com/">Blue Note</a> Fame. </p><p>Worum geht’s? Navid Kermani bereiste im Jahr 2016 eine Gegend, die wir alle damals eher ignorierten, bis sich am 24.2.2022 auf einmal alles änderte. Ab da hießen diese uns bisher nur milde interessierenden Länder jenseits der Oder auf einmal “NATO-Ostflanke”. Für weit über 100 Millionen Menschen blieben sie “die Heimat”. Diese Länder, vom Baltikum über Polen, die Ukraine, mit einen Abstecher nach Russland durch Georgien bis zum Iran hinunter hat der Autor bereist und berichtet uns in seinem Tagebuch. </p><p>Navid Kermani, Jahrgang ‘67, ist für diesen Zustandsbericht des östlichen Europa prädestiniert, wuchs er zwar im tiefsten Westen der BRD auf, jedoch als Sohn von Eltern, die nur acht Jahre vorher aus dem Iran eingereist waren. Er hat Philosophie studiert und Orientalistik, er hat als Reporter, Essayist, Schriftsteller gearbeitet. Wenn man sich jemanden für einen Reisebericht bauen könnte, Navid Kermani käme dabei heraus.</p><p>Doch wir bekommen nicht nur ein Reisetagebuch. Kermani ist Journalist, kein Backpacker, und somit liest er vor und während der Reise Bücher zu Thema und Gebiet und tut damit dankbar nicht allwissend, sondern zitiert, empfiehlt und kurzrezensiert ein halbes Dutzend weiterführende Werke. Das wohl prägendste für den ersten Teil der Reise ist “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3mNEBi9">Bloodlands</a>” des US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder, führte uns dieser doch in dem 2010 erschienenen Sachbuch durch eben diese Gebiete, in denen Deutsche (und natürlich auch Russen) unter der Zivilbevölkerung gewütet haben - gemordet, vertrieben, verschleppt. So führt fast jeder Tag an eine neue Stelle des Grauens, ob in Polen, den baltischen Staaten, Belarus oder der Ukraine, einfach weil in jedem Dorf und jeder Stadt ein Denkmal an die Zeit zwischen ‘39 und ‘45 erinnert. </p><p>Diese Gräuel sind im kollektiven Gedächtnis jetzt achtzig Jahre her und es wird oft nur noch von Gedenksteinen erhalten, schon weil diese nun mal an Menschen erinnern, die es dort oder überhaupt nicht mehr gibt. Aber auch, weil das Dorf, der Friedhof in den Mühlen des Krieges, des Nachkrieges, des Sozialismus, des (Oligarchen-)Kapitalismus, schon wieder des Krieges, irgendwann mürbe geworden und diesen zum Opfer gefallen war. Also sucht und findet Kermani Überlebende, letzte Statthalter eines Dorfes, einer Religion, einer umgebrachten oder vertriebenen Gemeinde und spricht mit ihnen - selten eigentlich über Vergangenheit und Herkunft, fast immer über Gegenwart und das Leben im Ort. Da wären zum Beispiel die letzten Karäer, eine der ältesten jüdische Kleinsekten, wie wir lernen um 1100 aus Ägypten vertrieben, die es erstaunlicherweise in Litauen gibt, wie auf der Krim und von denen ich noch nie etwas gehört habe und deren Entdeckung somit ein gelungener Beitrag zum persönlichen Rewilding-Projekt sind. Überhaupt, die Krim: auf einmal weiß jeder alles über sie, aber sie ist immer noch ein bisschen wilder: Sie ist der originale melting pot, New York ist ein Scheissdreck: Krimtataren, Griechen, Russen, Ukrainer, Polen, Litauer, Engländer, Deutsche - alle verorten irgendetwas Ursprüngliches ebenda und kämpften und kämpfen um die paar Quadratkilometer.</p><p>Soweit klingt das alles wie ein Reisebericht für politisch Interessierte, aber Kermani schafft hier mehr: Durch die intelligente Auswahl der Gesprächspartner, denen er die richtigen Fragen stellt, verbunden mit den Verweisen auf interessante und oft überraschende Stellen in der von ihm gelesenen Reiselektüre erhalten wir Erkenntnisgewinn - bedingt natürlich auch durch so einige blinde Flecke, die man hierzulande östlich der Neiße hat. Das beginnt mit der Ignoranz, mit der wir im Westen gefühlt “Europa” mal so eben an der Polnischen Außengrenze aufhören lassen und wenn wir ehrlich sind, manchmal schon eine Grenze eher. Dazu kommt die fatale Tendenz, uns fremdes Ansinnen irgendwie in das eigene Weltbild pressen zu müssen. Es ist <em>meiner</em> Ignoranz geschuldet, aber ich vermute nicht der Einzige in meiner Bubble zu sein, der bass erstaunt sein wird, wenn er in “Entlang der Gräben” aus dem Mund eines Mitglieds einer ethnischen Minderheit eine Verteidigung des Nationalismus hört, über den wir oft genug empört urteilen, und der hier schlüssig begründet wird. Sie geht zusammengefasst so: Ja, wir sind Nationalisten. Nicht Patrioten, nein, Nationalisten, denn wir brauchen die Identität einer Nation um zu <em>überleben</em>. Wenn die Deutschen einen Krieg führen, oder die Russen, egal ob als Aggressor oder Verteidiger, ob sie verlieren oder gewinnen - am Ende wird es Deutschland geben und Russland. Vielleicht etwas kleiner, vielleicht etwas schwächer. Aber es wird sie weiterhin geben. Wenn wir [Moldawier/Ukrainer/Krimtataren/Polen etc.] in einem Krieg sind, geht es ums Überleben. Wenn wir verlieren, sind wir weg. Und wir verlieren nur dann nicht, wenn wir paar Hanseln alle an das absolut Gleiche glauben, nicht an Fortschritt oder Konservatismus, an Ökologie, Frauenrechte oder die Vielehe. Wir brauchen den kleinsten gemeinsamen Nenner: “Hier in unseren Grenzen, gibt es nur [Moldawier/Ukrainer/Krimtataren/Polen..] Und ausserhalb den Feind.“</p><p>Da schlägt sich die Hand von selbst auf die Stirn. Ich habe verstanden. (Und wer mit dieser Begründung deutsche Nazis verteidigt, ist dumm.)</p><p>Es gibt in “Entlang der Gräben” natürlich auch die klassischen Aha-Momente auf der Reisebuchebene und man muss sich nicht immer dumm fühlen, weil man etwas so nicht wusste, dafür sind solche Bücher da und Navid Kermani lässt hier nie den allwissenden Weltenbummler raushängen, ist selbst oft erstaunt ob seiner westelbischen Kurzsichtigkeit. So bekommen wir zum Beispiel einen Eindruck, wie verlassen und unterentwickelt der Osten Belarus’ ist oder dass es in manchen Dörfern auf der Krim kein fließend Wasser gibt. Oder dass Grosny, die doppelt zerstörte Hauptstadt Tschetscheniens, mittlerweile eine potemkinsche Stadt ist. Mit einem Mördergeld versucht Russland diese Stadt zum Aushängeschild dessen zu machen, was passiert, wenn man sich der Russischen Föderation unterwirft, nur damit das Geld in die Taschen korrupter Bauunternehmer abfließt und diese damit billigst Wolkenkratzer hin zimmern, in denen keiner wohnt, ja wohnen kann. Denn es kann sich niemand leisten, mal abgesehen davon, dass in den Wohnattrappen der Wasserdruck nur bis zum 1. Stock reicht, die Verkabelung zum Brand neigt und ständig der Stuck von der Decke fällt. Und die Wolkenkratzer mitten im Erdbebengebiet stehen. Und so ist Grosny-Downtown komplett leer, kein Mensch nirgendwo. </p><p>Die Osteuropäische Geschichte, die in “Entlang den Gräben” erzählt wird, ist faszinierend, märchenhaft, ultra komplex - und in vielen ihrer Details grausam. Soviel Vertreibung und Leid macht dankbar für unseren Frieden hier. Wenn man über die Gespräche mit einer relativ jungen Schriftstellerin aus Tschetschenien liest, die mit ihren dreißig Jahren nur Krieg und Angst erlebt hat und man dann in hiesigen Zeitungen über die Verteidigung der Ukraine vom “ersten großen Krieg in Europa nach dem Ende des zweiten Weltkrieges” liest, fragt man sich und die Medienlandschaft um einen herum, wer in Geographie tiefer geschlafen hat. Natürlich liegt Tschetschenien in Europa, so wie Ossetien, Georgien, Moldau - wie kurzsichtig auf allen metaphorischen Ebenen kann man sein?</p><p>Aber der Krieg in der Ukraine ist der, der uns beschäftigt, noch, und eben ob der Perspektive aus 2016 geschrieben, ist dieser Abschnitt der Reise der  <em>aktuell</em> natürlich Interessanteste. Navid Kermanis Buch gibt dabei den Einstieg, der, so spekuliere ich, auch ohne Krieg im Land mich hätte für dieses interessiert - aber eben wegen des Krieges macht Tilo Jung ein <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=g34nNyrTSF4">Vierstundeninterview</a> mit Ukrainistik-Professor Roman Dubasevych und der von Kermani oft zitierte Autor von “Bloodlands” Timothy Snyder eine ganze <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLh9mgdi4rNewfxO7LhBoz_1Mx1MaO6sw_">Vorlesungsreihe</a> über “The Making of Modern Ukraine” die man komplett auf youtube sehen kann. Und so bin ich angefixt, lese und schaue und es stellt sich bei mir langsam ein Bild heraus, wie wichtig das Gebiet der Ukraine historisch war, warum sie das auch heute noch ist, was Putin dort will. Es wird wahrnehmbar für mich, welch seltsames und natürlich nicht einfaches Verhältnis Russen und Ukrainer zueinander haben, schon immer. Kermani manchmal und Timothy Snyder sehr bestimmt legen hier den Schwerpunkt der Begründung auf die Kolonialisierung, die jedem Krieg in der Gegend schon immer zugrunde lag und so logisch mir das nach der Lektüre vorkommt, so wenig war das auf meinem Schirm. Was wiederum die Medien, oder deren Versagen, uns diesen Krieg zu erklären und unsere damit verschobenen Perzeptionen in den Fokus bringt. Man kommt ins Denken, mein Kopf ist gleich viel verwilderter und ganz warm und wenn es der Deine sein soll oder Du einfach endlich mal einen Blick über die Oder hinaus werfen willst, hat Navid Kermani mit “Entlang den Gräben” ein ganz hervorragendes Buch geschrieben. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/navid-kermani-entlang-den-graben</link><guid isPermaLink="false">substack:post:116345094</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 23 Apr 2023 07:26:26 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/116345094/a4c6f969240c0602fb2d25eb64f8b284.mp3" length="9947472" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>622</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/116345094/6a56425451e02b4b4e04293dcefb19af.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Kennedy]]></title><description><![CDATA[<p><em>Zum Abschluss der Studio B Klassiker-Wochen eine historische Sendung mit Büchern vom King. Dem Stephen, versteht sich. Und damit man weiß, worüber sich Heiko Schramm, Irmgard Lumpini und Herr Falschgold am Ende in die Haare bekommen, gibt’s die komplette Sendung inklusive Rezensionen aus dem Jahr 2012.</em></p><p>Der 22. November 1963 war für die Generation der Babyboomers, was uns 9/11 ist. JFK, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten wird in Dallas, TX erschossen – ein immenser Riss im persönlichen Raum-Zeit-Kontinuum. Jeder, der damals schon bewusst denken konnte weiß, wo er zur Mittagszeit an jenem Tag war.</p><p>Zu denen, die dieses Trauma jahrelang  zumindest nicht künstlerisch verarbeiten konnten, gehört Stephen King. Ja, der Stephen King. Im Jahr 2011 vollendete er ein Werk, dass er schon vor 20 Jahren schreiben wollte und das sich mit dem Mord an John F. Kennedy auf eine Art und Weise auseinandersetzt, wie es unerwarteter kaum sein kann – in der Form eines phantastischen Romans: mit Zeitreisen, Paradoxen und allem, was zu einem Stephen King Roman dazugehört.</p><p>Das dabei Weltliteratur herauskommt, beschreiben Irmgard Lumpini und Heiko Schramm in ihren ganz unterschiedlichen Rezensionen – und erklären das gerne auch nochmal Herrn Falschgold in einer Diskussionsrunde mit der passenden musikalischen Umrahmung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-kennedy</link><guid isPermaLink="false">substack:post:115138313</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Apr 2023 08:05:54 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/115138313/be047176564feecfbcc2e4e5d75003c6.mp3" length="42770535" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>3564</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/115138313/e2c7688632eb21f491002b1269fe1b7e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Neal Stephenson - The Diamond Age]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Zum Studio B Klassiker von Irmgard Lumpini schrieben wir bei der Erstausstrahlung:</p><p>Was kann man Menschen zutrauen, welche Haltung besteht gegenüber der sogenannten “Natur des Menschen” – dies ist eine der zentralen Fragen von The Diamond Age. Dabei schafft Neal Stephenson mit eingestreuten Geschichten aus der Fibel, die durch Nell gesteuert wird, nebenbei noch einen Rückblick auf Technikgeschichte…</p><p>Durch die jüngsten Enwicklungen in Sachen KI aktueller denn je eine unbedingte Hörempfehlung!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-neal-stephenson</link><guid isPermaLink="false">substack:post:113700745</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Apr 2023 15:46:02 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/113700745/01b8a8919451ab6f6d3d5ddabd4cc0b8.mp3" length="10976845" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>549</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/113700745/c6819518eb559e8e230ce35404870ba3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Tove Ditlevsen - Gesichter]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Ende Mai plant der Aufbau Verlag eine neue Veröffentlichung aus Tove Ditlevsens Werk. Ein guter Moment, sich an dieser Stelle noch einmal mit der zuletzt auf deutsch übersetzten Veröffentlichung zu befassen.</p><p>Anfang des letzten Jahres wurde Tove Ditlevsens wiederentdeckte <em>Kopenhagen-Trilogie</em>, in der sie autofiktional ihre Kindheit und Jugend im Kopenhagen der 1920er Jahre beschreibt, und die in Dänemark bereits 1967 erstmals erschien, auch endlich auf deutsch veröffentlicht und nicht nur von mir bewundernd aufgenommen und besprochen. Die in Kopenhagen geborene Autorin, die bereits von 1917 bis 1976 lebte und lange nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit gepasst haben soll, erlebt seit der Neuauflage ihrer Romane einen posthumen Erfolg für ihre Werke, der ihr auch schon zu Lebzeiten zugestanden hätte und durch den sie nun als Vordenkerin vieler anderer, großer Autorinnen und Autoren gefeiert wird.</p><p>Ein Jahr nach der Veröffentlichung der ersten beiden Bände ihrer <em>Kopenhagen-Trilogie </em>erschien im Jahr 1968 der Roman <em>Gesichter </em>im dänischen Original, welcher erst kürzlich nun endlich auch in deutscher Ausgabe durch den Aufbau Verlag veröffentlicht wurde. Der Roman mutet zunächst jedoch weniger biographisch an als die vorangegangenen, wenngleich Parallelen zum Leben der Autorin immer wieder wie Fährten gelegt werden, die man beim Lesen verfolgt und die damit auch eine wichtige Rolle zum Verständnis des Werks und seiner Autorin beitragen.</p><p>Schauplatz des Romans ist über weite Teile eine Klinik, in die die Protagonistin Lise Mundus zu Beginn des fünften von insgesamt 16 Kapiteln gebracht wird, nachdem sie eine größere Menge Schlaftabletten zu sich genommen und dann ihren Arzt angerufen und darüber informiert hat, dass sie nicht sterben möchte. Vorher jedoch lebt Lise zusammen mit ihrem Mann Gert sowie ihren Kindern Hanne, Mogens und Søren ein komfortables Leben, welches vor allem Lises schriftstellerischem Erfolg als Kinderbuchautorin zu verdanken ist, der wenige Jahre zuvor durch den Kinderbuchpreis der dänischen Akademie einen Höhepunkt erreicht hat. Eine Folge dieser Berühmtheit ist auch die Hausangestellte Gitte, die sich nicht nur um die Kinder und den Haushalt kümmert, so dass Lise in Ruhe schreiben kann, sondern auch um Lises Mann, der ohnehin ein notorischer Fremdgänger zu sein scheint, sich von Lises Erfolg zurückgesetzt fühlt und daher gern mit seinen Eroberungen prahlt.</p><p>Diese Ehekrise wird von einem fast noch größeren Problem überschattet, nämlich der Tatsache, dass Lise seit ihrem Erfolg vor zwei Jahren eine Schreibhemmung entwickelt hat. Dies ist für sie persönlich umso tragischer, da sie das Schreiben und die Möglichkeit sich dadurch auszudrücken, als ihr einziges Talent empfindet. Überhaupt kann sie ihren Erfolg aber nur schwer nachvollziehen:</p><p>„[...]nachdem sie vor zwei Jahren den Kinderbuchpreis der dänischen Akademie für ein Buch erhalten hatte, das sie selbst nicht für besser oder schlechter hielt als ihre übrigen. Bis auf einen weitgehend unbeachteten Gedichtband hatte sie nie etwas anderes geschrieben als Kinderbücher. Auf den Damenseiten der Zeitungen waren sie anständig besprochen worden, hatten sich auch anständig verkauft und waren auf beruhigende Weise von jener Welt übersehen worden, die sich mit der Erwachsenenliteratur beschäftigte. Ihre Berühmtheit hatte brutal jenen Schleier weggerissen, der sie immer von der Wirklichkeit getrennt hatte.“ (S.9)</p><p>Eine Passage die nicht nur auf die mangelnde Anerkennung anspielt, die Tove Ditlevsen selbst erleben musste, sondern auch auf eine elitäre Kritik generell, in der Literatur auf so genannten <em>Damenseiten </em>besprochen wurde, da sie einem höheren, literarischen Anspruch nicht zu genügen schien. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Jury der dänischen Akademie hauptsächlich von männlichen, sogenannten Modernisten besetzt wurde.</p><p>Sich in dieser beklemmenden Situation befindent, entgleitet Lise Mundus allmählich ihr Alltag und mit ihm ihre Wahrnehmung. Während sie nachts Schlaftabletten braucht, um einschlafen zu können, hört sie tagsüber Stimmen in den Wasserrohren, die aus den anliegenden Wohnungen zu kommen scheinen. Auch als Lesende ist man zunächst noch unsicher, was ihrer Einbildung entspringt und was tatsächlich passiert. Tove Ditlevsen schafft es durch ihre Erzählerin an deren Innenleben teilzuhaben und gleichzeitig Außenstehender zu bleiben, wodurch Wahrheit und Fiktion nur noch schwer voneinander zu trennen sind.</p><p>Erst als Lise aufgrund ihres vermeintlichen Selbstmordversuchs in die Klinik eingewiesen wird, wird deutlich, wie schwerwiegend ihre Psychose ist. In Pflegerinnen und Pflegern meint sie sowohl ihren Mann Gert als auch ihre Haushälterin Gitte zu erkennen und als sie in einer Art Badezimmer isoliert wird, weil sie die anderen Patientinnen zu sehr in Unruhe versetzt, hört sie in den Rohren und hinter Gittern nicht nur die Stimmen selbiger, sondern beispielsweise auch die ihrer Kinder. So namensgebend die Gesichter für den Roman sind, so wichtig sind sie auch in seiner Bedeutung für die Protagonistin. Sie erschienen mir die ganze Zeit auch eine Metapher zu sein, die beispielsweise für Selbstschutz und Angst gleichermaßen stehen kann. Indem sie den Pflegerinnen, also den Personen die um sie und ihre Gesundheit bemüht sind, ein Gesicht einer Person <em>aufsetzt</em> vor der sie sich fürchtet, offenbart sie ihre Furcht vor eben dieser Person. Genauso könnte man es als Schutz ansehen, um die Wirklichkeit nicht anerkennen zu müssen und damit das eigene Gesicht zu wahren oder selbst ein Gesicht <em>aufzusetzen</em>, um den Anderen etwas vorzumachen.</p><p>Unübersehbar ist aber vor allem die zentrale Rolle des Schreibens im Roman. Einerseits für die Protagonistin Lise, die durch den Erfolg und der damit einhergehenden Bewertung durch andere, aber auch dadurch dass sie von anderen erkannt wird, zumindest gefühlt, ständiger Kritik ausgesetzt ist, die vor allem Zweifel in ihr hervorruft. Oft quält sie der Gedanke nicht gut genug zu sein und in der Klinik hört sie Stimmen, die ihr zuflüstern, dass sie nur Sätze bei anderen abschreibt und dann zu ihrem Text eigenen zusammenfügt. Letztlich ist es aber auch das Schreiben bzw. die Voraussicht wieder damit zu beginnen, die ihr neuen Lebensmut geben. Und da ist andererseits die Autorin Tove Ditlevsen selbst, deren größter Wunsch immer das Schreiben war, was vor allem in ihrer <em>Kopenhagen Trilogie </em>besonders deutlich wird. Auch weitere biographische Bezüge sind im Buch unübersehbar. Es sind nicht nur die komplizierten Liebesbeziehungen bzw. Ehen, oder dass der Mädchenname von Ditlevsens Mutter ebenfalls Mundus war, sondern auch ihre Medikamentensucht und ihre Suizidgedanken, die uns aus ihrem Roman förmlich entgegenspringen und es ist umso ironischer und tragischer, dass sich Tove Ditlevsen selbst durch eine Überdosis Schlaftabletten schließlich das Leben nahm.</p><p>Nichtsdestotrotz sind die ernsten Themen des Romans und die teils surreale, verwirrende und beklemmende Atmosphäre kein Abschreckungsversuch oder ein Rückzug in eine Opferrolle, sondern eben die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen und der Wunsch sie literarisch zu verarbeiten, um dadurch noch etwas Gutes aus ihnen zu erschaffen. Es sind Themen, die sie als Autorin aber auch als Frau und Mutter beschäftigen und die sich in einer Welt, in der ein offenerer Umgang mit beispielsweise psychischen Erkrankungen oder Sucht einen neuen Raum finden und nicht wie Themen aus längst vergangener Zeit daher kommen. Sie offenbart eine weitere Facette ihres künstlerischen Schaffens und auch wenn <em>Gesichter </em>zunächst weniger autobiographisch anmutet als die <em>Kopenhagen Trilogie, </em>ist sie doch nicht weniger geprägt von ihrem eigenen Leben, ihrer poetischen und metaphernreichen Sprache und dem dringenden Wunsch, ihrem Innersten durch das Schreiben Ausdruck zu verleihen.</p><p>Nathaniel Hawthorne schrieb einmal: „Denn kein Mensch kann für längere Zeit sich selbst das eine und der Menge ein anderes Gesicht zeigen, ohne am Ende in Verwirrung zu geraten, welches das echt ist.“ (aus: Der scharlachrote Buchstabe)</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-tove-ditlevsen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:112053569</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 02 Apr 2023 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/112053569/c8934d915fa0cb63f29dc6dd63dcd0d3.mp3" length="10085922" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>504</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/112053569/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: N. K. Jemisin - The Broken Earth Trilogy]]></title><description><![CDATA[<p><em>Da das gesamte Studio B - Kollektiv im April aus unterschiedlichen Gründen komplett eingespannt ist, wie man seit dem Feudalismus sagt, gibt es in diesem Wonnemonat jeweils einen “Klassiker”, also eine Rezension aus grauen Vorzeiten. Ab 23.4. 2023 geht es dann mit neuen Rezensionen weiter.</em></p><p>Mit Preisen zurecht überhäuft hat N. K. Jemisin eine mittlerweile abgeschlossene Fantasy-Trilogie hingelegt, die Herr Falschgold im seligen Jahr 2019 so anriss:</p><p>Dass sich die dem Genre namensgebenden Fantasien, die Träume, Hoffnungen oder wie in diesem Fall Ängste eineR 40-jährigen komplett von denen eineS 70-jährigen unterscheiden, liegt auf der Hand, und so beginnt der erste Band der Broken Earth Trilogie, nicht unterhalb einer gigantischen Mauer, auf deren anderen Seite das Böse lauert, sondern mit einem toten Kind.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-n-k-jemisin-the</link><guid isPermaLink="false">substack:post:110574713</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Mar 2023 03:43:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/110574713/1feb4c2aaab2b06386881a84d6e220fb.mp3" length="11718218" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>586</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/110574713/b7d871b4644b4816f039a8713211b56e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Markley, Moshfegh, Raybourn]]></title><description><![CDATA[<p>Nicht die erbaulichsten Stories haben wir in den letzten drei Episoden des Studio B besprochen: Eine <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/stephen-markley-deluge">Geschichte</a> vom Ende der Zivilisation, ein <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-lapvona">Märchen</a> voller Ekligkeiten und Gewalt, und selbst die vermeintlich leichte <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/deanna-raybourn-killers-of-a-certain">Spystory</a> spielt in einer Welt voller Ageism, Mysogenie und Nazis namens “Hier und heute”. Keine leichte Aufgabe, die Diskussion leicht und optimisitisch zu halten. Hoffnung gibt, dass alle Bücher fast von allen Beteiligten empfohlen werden. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-markley-moshfegh-raybourn</link><guid isPermaLink="false">substack:post:109024639</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Mar 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/109024639/73854dd0f7f554fa783b59919b1c9d47.mp3" length="31854804" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2655</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/109024639/0f9a4b744d9dd77f0896151120f1a59b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Deanna Raybourn: Killers of a Certain Age]]></title><description><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen, liebe Leser,</p><p>der Frühling lässt weiter auf sich warten. Herr Falschgold hat mit Stephen Markleys "The Deluge" einen 900-Seiten-Endzeit-Brocken auf den Lesetisch geworfen. Anne Findeisen möchte uns an Ottessa Moshfeghs "Lapvona" heranführen, das in die tiefsten und abscheulichsten Abgründe des Menschen blickt und noch immer fällt draußen Schnee.</p><p>Wir wünschen uns also alle etwas Eskapismus weg von diesen exzellenten, aber auch sehr viel Kraft fordernden Lektüren und voilá: leider nur in englisch erhältlich, aber in schnörkelloser und leichter Sprache verfasst, die man erfassen kann, wenn man die wichtigsten Schimpfwörter kennt: "Killers of a Certain Age" von Deanna Raybourn.</p><p><em>A certain age</em> ist ein Euphemismus der englischen Sprache, der anzeigen möchte, dass jemand nicht mehr jung ist. Verwendet wird er vorrangig für Frauen, wir erinnern uns, Männer werden nicht älter, sie reifen. Ha! <em>Ein bestimmtes Alter</em>, das also anzeigt, dass jemand die 40 überschritten hat, ist dem deutschen Euphemismus <em>Junge Frau</em>, der ausnahmslos Frauen verliehen wird, die jünger sind als man selbst, immer und unbedingt vorzuziehen. Warum, fragt ihr? Die alten Ladies freuen sich doch darüber?</p><p>Nein. Sie haben sich morgens vorm Spiegel die Haare gekämmt und wissen ziemlich genau, wie sie aussehen und halten jeden, der sie so nennt, für einen Dummkopf. Immer, wirklich. Sie wissen nur, dass man bestimmte Diskussionen gar nicht erst anfangen muss und seine Zeit besser verschwenden kann, deshalb lachen sie höflich und denken sich ihren Teil. </p><p>Die Heldinnen Billie, Mary Alice, Helen und Natalie packen gerade ihre Sachen für eine all-inclusive Kreuzfahrt, die den Beginn ihrer Rente, finanziert als Dank von ihrem Arbeitgeber, markieren soll. Immerhin 40 Jahre waren sie im Dienste der Organisation Museum unterwegs. Und sind bezahlte Mörderinnen. Und auch noch stolz drauf. Denn die Welt ist eine schlechte, und es gibt böse Menschen. Jede kann sofort die Top 5 aufzählen, ohne die die Welt eine bessere werden könnte.</p><p>Einst Ende der 1970er angeheuert, haben sie zunächst Nazis umgebracht, die sich nach für sie ruhigen Jahrzehnten in Sicherheit wähnten, machten dann mit Diktatoren, Sklavenhändlern und so weiter. </p><p>Schnell müssen sie erkennen, dass sie anstatt des verdienten Ruhestandes, dem sie mit einigem Bangen und auch schlechter Laune entgegenblicken, forciert das Zeitliche segnen sollen. In einem Kellner erkennen sie einen weiteren Killer ihrer Organisation, der mit vereinten Kräften um die Ecke gebracht wird und ihre drängendsten Fragen sind nun: Warum sollen sie umgebracht werden, und wer ist dafür verantwortlich?</p><p>Es entwickelt sich eine aufregende Story an pittoresken Orten, die sich mit Rückblicken auf die Biographien der 4 Protagonistinnen und ihre Leben abwechseln. Ihre Arbeit war einst eine einsame, doch nun werden ihre Freundschaften, die während ihrer Ausbildung entstanden, zu ihrer Lebensversicherung. Trockene Witze, schnelle Dialoge, schwarzer Humor, skurrile Ereignisse, eine leichtfüßige Sprache, überraschende Wendungen, ein hübsches Feuerwerk, das Deanna Raybourn für unseren Eskapismus abbrennt.</p><p>Was Billie, Marie Alice, Helen und Natalie entgegenkommt, ist zum einen die schon oft beschriebene zunehmende Unsichtbarkeit älterer Frauen, aber natürlich auch ihr jahrzehntelang angehäuftes Wissen und ihr Erfahrungsschatz.</p><p>Deanna Raybourns "Killer of a Certain Age" ist beste Unterhaltung, die die Herausforderungen des Alters und der Gesellschaft nicht unerwähnt lässt, unerwartete Einsichten bereithält und hintenrum durch die Brust ins Auge trifft.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/deanna-raybourn-killers-of-a-certain</link><guid isPermaLink="false">substack:post:107838063</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 Mar 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/107838063/a57fb89db5e7f26ac7e617c992aaf236.mp3" length="4791424" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>240</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/107838063/5987fed9bcca0259ca85dde571c67480.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Ottessa Moshfegh: Lapvona]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Die von mir so gefeierte amerikanische Autorin Ottessa Moshfegh, die 1981 in Boston geboren wurde und persisch-kroatischer Abstammung ist, ist eine Meisterin im Erzählen von Geschichten in denen es oft um menschliche Abgründigkeiten, Süchte, emotionale Störungen, aber auch den Wunsch nach einem besseren Leben, Anerkennung und Emanzipation geht. Diese Geschichten finden mitunter in ungewöhnlichen Settings statt, die auch als Allegorie auf das Erzählte verstanden werden können. In ihrem neuen Roman <em>Lapvona</em>, der bereits letztes Jahr im Original erschien und kürzlich, also Anfang 2023, auch endlich auf Deutsch durch den Hanser Verlag veröffentlicht wurde, bleibt sie sich treu und führt dem Lesenden einmal mehr die Ungeheuerlichkeiten ihrer Protagonisten vor Augen, deren Taten vor Abscheulichkeiten strotzen.</p><p>Angesiedelt ist ihr Roman in der fiktiven – und wir vermuten mittelalterlichen – Stadt Lapvona, die gleichfalls titelgebend ist. Zeitlich umfasst die Handlung die Dauer von circa einem Jahr, wobei das Buch in Jahreszeiten gegliedert ist und mit dem Frühling beginnt und endet. Zunächst begegnen wir dem Protagonisten Marek, einem 13-Jährigen, der für sein Alter nicht nur zu klein ist, sondern auch als missgebildet und verwachsen beschrieben wird, mit „knallrote[m] Haar, das noch nie gebürstet oder geschnitten worden war“ (S.13) und seinem Vater, dem Lämmerhirten, Jude. Die beiden leben in einer bescheidenen Hütte auf der Weide und ihr Verhältnis zueinander ist vor allem durch Anteilnahmslosigkeit und Gewalt geprägt, wobei Marek die Schläge, die er durch seinen Vater erhält, als Zeichen seiner Liebe zu ihm deutet. Wohingegen Jude vor allem seine Lämmer liebt und es für ihn das Schlimmste ist, jedes Jahr einen Großteil von ihnen verkaufen zu müssen, die dann geschlachtet werden.</p><p>Da Mareks Mutter Agata angeblich nach seiner Geburt gestorben ist, wurde dieser als Baby von Ina gestillt. Diese war früher einmal die Amme des Dorfes und hatte weder einen eigenen Mann noch Kinder, konnte aber Milch geben, weshalb sie das halbe Dorf genährt hatte und damit auch den Frauen und Familien half, die selbst dazu nicht in der Lage waren. Da sie außerdem blind ist, im Wald lebt und sich sehr gut mit Heilkräutern auskennt, wird sie deshalb mitunter auch als Hexe bezeichnet. Im Verlauf des Romans ist sie aber bereits sehr alt und ihre Milch längst versiegt.</p><p>Im Gegensatz zu ihnen und den anderen Dorfbewohnern steht der Fürst namens Villiam, der auf seinem Schloss lebt und sich an der harten Arbeit seiner Untergebenen bereichert. Dabei wird er geradezu als Witzfigur beschrieben, der ständig unterhalten und belustigt werden will, sich dabei nicht sehr herrschaftlich benimmt und vom Herrschen zumindest so viel versteht, dass er die Dorfbewohner regelmäßig durch Räuber überfallen lässt und sie damit einschüchtert, damit sie nicht gegen ihn aufbegehren. Dabei wissen die Menschen im Dorf nicht, dass die Überfälle eine Inszenierung ihres Herrschers sind, um die Dorfbewohner klein zu halten.</p><p>Während man Marek am Anfang vielleicht noch für den stillen Helden des Romans hält, dessen Leben sich noch zum Besseren wenden könnte, kommt es schließlich durchaus zu einer dramatischen Wendung. Nämlich als Marek mit Jacob, dem Sohn des Fürsten, auf einen Berg steigt, wo er schließlich einen Stein nach ihm wirft und so dessen Tod verursacht. Der Fürst, außerstande die Realität um den Tod seines Sohnes zu begreifen – denn sein ganzes Leben ist ja ein Theater, eine Inszenierung – fordert dafür, dass Marek an dessen Stelle treten und ins Schloss ziehen soll, um fortan als Villiams Sohn dort zu leben. Das dies, entgegen der Erwartung beim Lesen, keinen positiven Effekt auf Mareks Leben hat, sondern, im Gegenteil, noch seine schlechten Seiten zu Tage fördert, wird leider allzu schnell offensichtlich.</p><p>Moshfeghs Roman strotzt nur so vor Abscheulichkeiten, die sich in einer endlosen Kette aneinanderreihen. Die Menschen sind voller Missgunst, Neid und Bösartigkeit ihren Mitmenschen gegenüber eingestellt und so hofft man vergebens auf einen Protagonisten oder eine Protagonistin, dem man sein Leserherz schenken kann. Selbst für die geschlagensten Figuren kann man kein Mitleid aufbringen, denn auch ihre niederen Gedanken werden einem schonungslos vor Augen geführt. Dabei scheint es für Ottessa Moshfegh kein Tabu zu geben, das unerwähnt bleiben darf. Es geht um Mord und Kannibalismus, Vergewaltigung und Pädophälie, Unterdrückung, Egoismus, Armut und Überfluss, um hier nur einige zu nennen. Während man in ihren vorangegangenen Romanen immer auch einen gewissen Witz im Grotesken und Überzogenen finden konnte, hat man bei <em>Lapvona </em>permanent das Gefühl, sich durch einen Sumpf an menschlichen Abgründen zu kämpfen, der kein Ende nehmen will.</p><p>Dabei spielt auch die Religion immer wieder eine wichtige Rolle. Beispielsweise der Priester Barnabas, dessen Name schon ein Verweis auf seine Bedeutung in der christlichen Religion gibt, der aber im Roman gar keine Ahnung von seinem Amt hat und der an der Seite des Fürsten ein Leben führt, in dem ihm zumindest sein leibliches Wohl garantiert ist. Im Tausch des einen Sohnes für den anderen erkennen wir das Bibelzitat „Auge um Auge“, wobei es im Roman weniger eine Form der Vergeltung zu sein scheint, sondern für Jude eher eine Erleichterung darstellt und für Villiam Teil seines lächerlichen Schauspiels, welches sein Alltag geworden ist. Auch die Lämmer stehen im Allgemeinen für Unschuld und Reinheit, im christlichen Glaube ist das Osterlamm jedoch ein Symbol dafür, dass Jesus unschuldig für die Menschen gestorben ist. Während des langen Dürresommers sterben dann auch alle Lämmer, unschuldig scheint in Lapvona jedoch niemand zu sein. Dabei hat die Religion für jeden eine andere Bedeutung. Während Villiam und der Priester sie dazu nutzen, um die Dorfbewohner in Schach zu halten und Marek sich nichts sehnlicher wünscht, als eines Tages in den Himmel zu kommen, rechtfertigen die Bewohner Lavonas selbst ihr Leid mit ihrem Glauben. Auch das Übernatürliche und Mystische wird durch Ina und ihre Fähigkeiten thematisiert und somit ein breites Feld dessen geschaffen, was Religion für jeden einzelnen bedeutet und inwiefern sie das Leben zu verstehen helfen kann.</p><p>„Vielleicht ist es das allergrößte Wunder, wenn Gott Gerechtigkeit walten lässt, ohne dass ein Mensch dafür einen Finger krumm zu machen braucht. Oder vielleicht ist es einfach Schicksal. Im Nachhinein hat alles einen Sinn. Ob wahr oder falsch, man muss sich für alles eine Erklärung zurechtlegen, um irgendwie durchs Leben zu kommen. Worin liegt also hier der Sinn?“ (S.317)</p><p>Diese Frage, die der allwissende Erzähler kurz vor Schluss des Romans an den Lesenden selbst zu richten scheint, wirkt wie ein Leitmotiv des gesamten Romans, der durch diese Frage umso mehr einer Parabel gleicht.</p><p>Ottessa Moshfegh spricht in ihrem Roman zahlreiche Themen wie Machtmissbrauch, Korruption, extreme klimatische Entwicklungen und deren Folgen oder auch Misshandlung und Vergewaltigung an, denen wir auch in unserer realen Welt gegenüber stehen. Dass sie die Handlung dabei in ein mittelalterliches Setting versetzt, verstehe ich als Hinweis darauf, dass sich auch in unserer Welt Gesellschaften rückschrittlich entwickeln. Die Grausamkeiten, überspitzten Darstellungen und die permanent aufeinander folgenden schockierenden Geschehnisse, mag der ein oder andere als Effekthascherei verstehen und ermüdend empfinden. Ich sehe sie jedoch als das Recht einer Autorin an, den Lesenden mit dem Übel der Welt zu konfrontieren und ihn dazu zu bringen, sich damit auseinanderzusetzen. Viele Erkenntnisse resultieren doch eher aus der Darstellung des Schockierendem denn des Schönem.</p><p>Ottessa Moshfeghs neuer Roman ist auf jeden Fall eine Empfehlung, wenn auch keine leichte Kost.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-lapvona</link><guid isPermaLink="false">substack:post:106431923</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Mar 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/106431923/9803a4ec5bf69b0459dde9be51b826d1.mp3" length="10161155" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>508</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/106431923/db39dd35216b7d88e425c22009c9e01c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Tchaikovsky, Sukegawa, Clarke]]></title><description><![CDATA[<p>Abgesehen davon, dass Herr Falschgold enorm stolz scheint herausgefunden zu haben, dass die rezensierten Werke der letzten Wochen (nahezu) die gleiche Anzahl an Seiten haben, spielen sie alle auf fremden und seltsamen Welten (<a target="_blank" href="https://open.spotify.com/album/2YIKUTuyNn615xovEUzTqC?autoplay=true">wie einst “Der Plan” sang)</a></p><p>Herr Falschgold gerät entsprechend in Erklärungsnöte re: <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/winterlong-steven-savile-und-steve">Zeitreisen</a>, Irmgard Lumpini in ein <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/susanna-clarke-piranesi-04f">Labyrinth</a> und Anne Findeisen nach <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/durian-sukegawa-die-katzen-von-shinjuku">Japan</a>. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-tchaikovsky-sukegawa</link><guid isPermaLink="false">substack:post:105003355</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini, Herr Falschgold, and Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Feb 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/105003355/712088ddd0b2d9bd1f1e796b5d368976.mp3" length="33097710" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini, Herr Falschgold, and Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2758</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/105003355/a6c356396ef196d0da0698cd832a4d7a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Stephen Markley - The Deluge]]></title><description><![CDATA[<p></p><p><em>Der hier besprochene Roman “The Deluge” von Stephen Markley ist bisher nur in englisch erschienen und da er thematisch doch recht USA-spezifisch ist vermute ich wenig Interesse hiesiger Verlage, das wirklich brillante Werk zu übersetzen (obwohl das mit ein paar erklärenden Fußnoten ohne weiteres möglich wäre). Was ich aber vermute ist, dass sich ein Netflix/HBO/Disney findet, das Werk in einem Sechs- bis Sechzigteiler zu verfilmen. Wer sich Spannung und absolutes Nichtwissen über Plot und Ausgang auf diese unbestimmte Zukunft bewahren möchte, höre hier auf zu lesen und erinnere sich, wenn es soweit ist, an meine ausdrückliche Empfehlung dieses Buches. Selbiges gilt für diejenige, die es heute schon in Englisch lesen möchte. Für alle anderen hier die totale Spoilerung. Es muss.</em></p><p>Das Genre “Ecothriller” ist inhaltsbedingt ein eher junges. Zwar hatte schon <a target="_blank" href="https://daily.jstor.org/how-19th-century-scientists-predicted-global-warming/">im Jahr 1824</a> kein anderer als Joseph “Fouriertransformation” Fourier berechnet, dass das zu dem Zeitpunkt gerade schwer im kommende Verbrennen von Kohle zwecks Erzeugung meist kinetischer Energie die Atmosphäre der Erde wohl thermisch negativ verändern werde, aber a) sah Monsieur Fourier das “in Jahrhunderten” und b) weiß man es hinterher immer besser. Das Problem ist: Das ist jetzt fast die Mehrzahl von “Jahrhundert” her und wir wissen spätestens seit Juli 1977 sehr genau, dass Herr F. recht hatte. Das heißt, nicht unbedingt “wir”, denn der Auftraggeber der Studie, die sehr eindeutig bestätigte, was Fourier damals nur vermutete, war der größte Ölproduzent der Welt und <a target="_blank" href="https://www.bbc.com/news/science-environment-64241994">Exxon Mobile behielt die Ergebnisse erwartbar für sich</a>. </p><p>So ein Informationsembargo hält nicht ewig, weshalb wir am Ende doch alle davon erfuhren, dass wir den Planeten zu s**t verbrennen, wenn wir so weiter machen. Das war in den 1990ern und man erfuhr es nicht unbedingt von den Mahnern sondern, zwischen den Zeilen lesend, in ganzseitigen Anzeigen und Werbespots gegen die “Klimalügen” und von den seltsam immer gleichen Wissenschaftlern in Talkrunden und deren Gegenargumenten, die immer mit “Ja, aber..” begannen. Und wer “Ja, aber..” sagt hat, niemals recht! Wissen wir alle, aus der Zeit, als wir dem Nachbarskind die Luft aus dem Fahrradreifen gelassen haben. “Ja, aber.. der war auch ein Arschloch!”</p><p>Nun war der Faschistenharry aus dem Nachbarhaus nichts gegen die Arschlöcher, die in eben diesen 90ern Lobbygruppen mit so harmlos euphemistischen Namen wie “Americans for Prosperity” oder “The Heartland Institute” mit Milliarden von Dollars ausstatten um den mittlerweile feststehenden Tatsachen, dass, wenn wir nicht sofort, also wirklich jetzt, gleich, now, aufhören Öl, Gas und Kohle zu verbrennen in ein paar Jahrzehnten auf einem anderen Planeten leben werden. Und damit war nicht der Mars gemeint, sondern ein Hellhole namens Erde, spätes 21. Jahrhundert.</p><p>Wegen dieser Verbrecher hat sich wohl auch das Genresuffix Ecothriller eingebürgert, man findet leider keine Ecolovestories, auch wenn zumindest einer das natürlich versucht: Neal Stephenson in “Termination Shock”. Das Buch ist kaum eine Rezension wert und sei hier nur erwähnt. Stephenson ist bei diesem Buch komplett unter die Räder gekommen. Vielleicht war es Corona, vielleicht liegt Stephenson, dem Utopianer, die Dystopie nicht. Fakt ist, dass das Buch, bereits 2021 auf Englisch erschienen, bisher noch nicht mal einen deutschen Verleger gefunden hat und bei Amazon für knapp 3 € verramscht wird. Stephenson erzählt in einer nahen Zukunft ca. 2029 bis zur Hälfte des 700 Seiten dicken Buches ausführlich wie das politische System der, no s**t, Niederlande funktioniert, um den Rest des Buches eine technologische Lösung des Klimaproblems zu erfinden, deren einziger Nachteil ist, dass sie das Klima durch in die Atmosphäre schießen von Schwefel regional unterschiedlich verändert und es den Indern nicht wirklich gefallen wird, wenn der Monsun ausbleibt und die Böden vertrocknen, damit in China die Wiesen wieder grünen. Nicht ganz verständlich kämpfen deshalb Jugendliche an der Indisch-Chinesischen Grenze im Himalaya mit Stöcken gegeneinander und die niederländische Königin verliebt sich in… nein, das ist alles zu bekloppt: “Termination Shock” von Neal Stephenson ist kein gutes Buch und abzulehnen.</p><p>Aber: Ecothriller sind auch schwer. Der Handlungsbogen muss ein langer sein und ein verworrener: wie uns die Kachelmänner dieser Welt immer wieder erklären, ist eine Flut, eine Schneelawine noch kein Klimawandel und manchmal eben doch, und bis wir alle daran störben kann es schon noch ein paar Jahrzehnte dauern - eine ziemliche Herausforderung für einen Thriller, der doch von überraschenden Wendungen, Mord, Totschlag und einem Happy End lebt. Vielleicht braucht es einen anderen Ansatz.</p><p>Im Jahr<a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/der-antichrist"> 2016 habe ich für ebendiesen Podcast</a> eine eher strange Buchreihe aus den US of A rezensiert: “Left Behind”, ein ganz unglaublicher Bestseller im Herkunftsland und hierzulande eher nicht so. Wird Dir doch “Finale - Die letzten Tage der Erde” beim “Amazon Unlimited” Ramschladen für 0 EUR hinterhergeworfen. Es ist ein ziemlich ewig langer Thriller über die unter Evangelikalen sehnlichst herbei gesehnte Apokalypse, bevor der Herrgott diese zu sich holt und uns Ungläubige und Sünder uns selbst überlässt. Das alles ist gut lesbar geschrieben, ein Pageturner wie der englisch sprechende Leser sagt und der deutsche immer noch nach Entsprechung sucht, ich bin davon nicht zum Christ geworden, es war alles ein bisschen zum Kopfschütteln und dennoch irgendwie schwer weglegbar und, nun ja, spannend! Wie man sich als Christ so vorstellt, wie die Welt endet, ist nun mal faszinierend, zumal, wenn man weiß, dass es einen nicht betrifft.</p><p>An diese “Left Behind"-Serie fühlte ich mich erinnert, irgendwann zur Hälfte des vorliegenden Romans “The Deluge”. Das wird Stephen Markley, dem Autor, nicht gefallen, obwohl “The Deluge” betitelt, auf Deutsch übersetzbar mit “Überschwemmung”, “Sintflut” gar, ist es doch ein fundiert recherchierter Ecothriller und keine spinnerte Bibelverwurstung. Aber wir können nichts für unsere Gefühle, so, hear me out:</p><p>Zum Zeitpunkt der deprimierenden Endzeitahnung sind wir 400 Seiten im Roman. Ja, “The Deluge” ist ein Brett, ein dickes. Aber ich bin gebannt, die pages turnen. Wir befinden uns im Buch mittlerweile im Jahr 2034, begonnen haben wir im Jahr 2013. Damals, drei Jahre vor Trump, hatte der fiktive Wissenschaftler Tony Pietrus erschütternde und unglaubliche Zahlen auf dem Tisch. Es geht um Methan, den Klimakiller unter den Klimakillergasen, CO2 schaut hier nur neidisch zu. Methan wird zum Beispiel frei, wenn man Erdgas verbrennt, wenn man als Kuh furzt und rülpst, es ist aber ebenso gebunden im arktischen Eis und auf dem Meeresgrund. Und zwar in Unmengen. Und seine Modelle zeigen ihm, was passiert, wenn sich die Erde erwärmt wie prognostiziert. Dass ab einer bestimmten Temperatur das gesamte gebundene Methan zusätzlich zu den üblichen Kuhfürzen frei wird und damit die Erde nochmal extra erwärmt, was zu einem noch schnelleren Abschmelzen der Polkappen führt und zu einem Anstieg des Meeresspiegels um nicht nur die eh schon ziemlich katastrophalen 1 - 1,5 Meter, die ja schon den Exitus für ein paar Städte bedeuten, für Miami zum Beispiel, oder New Orleans. Wenn dieser Kipppunkt also erreicht ist, steigt der Meeresspiegel um lockere fünf bis sechs Meter, was die USA mal eben so um ein Drittel ihrer Landfläche bringt. Und natürlich auch alle anderen Länder des Planeten, die sich auf festem Grund befinden.</p><p>Alles auf den ersten 400 Seiten von “The Deluge” hat die Welt fast an diesen Punkt geführt, alles was ein fiktiver Wissenschaftler 2013 zu Papier brachte um damit als Spinner geächtet oder ignoriert zu werden, ist auf bestem Wege einzutreten, Schritt für Schritt, Punkt für Punkt, Unwetter für Flächenbrand, Flutkatastrophe für Fischsterben. Und es läuft fiktiv im Buch ziemlich genau wie im realen Leben - viele Worte wurden geäußert und noch viel mehr Bedenken, Initiativen wurden initiiert und mit viel “Ja, Aber…” wieder einkassiert. Endlich, endlich jedoch stehen sie auf, die Mahner, die jungen Leute, die sehen, wie ihre Zukunft verbrennt, ertrinkt, vergiftet wird und sie belagern die US-Amerikanische Hauptstadt, das Weiße Haus, das Capitol. Nicht nur ein bisschen occupy wall street ,sondern richtig occupy wall street, organisiert, originell, über Monate hinweg legen sie die US-amerikanische Hauptstadt lahm. Nichts geht mehr in Washington DC. Wir sind in der Hälfte des Buches angekommen und sind sehr sicher, dass uns Stephen Markley jetzt die erlösende Perspektive, ja, eine Handlungsanweisung, eine Anleitung gibt, wie wir das Ende der Menschheit, wenn auch spät, doch gerade noch so abwenden können, durch Solidarität, ein Ende der kapitalistischen Extraktionslogik und durch ein Konzentrieren auf das was nötig ist. Dass wir mal die Profitinteressen zurück stellen, das es nicht so schwer sein kann auf seine zweite Fünfhundertmeterjacht zu verzichten, Jeff. Dass man den Jet mal stehen lässt und Homeoffice macht, Elon.</p><p>Doch, im August 2034 überzieht eine erneute Hitzewelle Washington DC, 47 ℃ im Schatten über Wochen, das hält kein Aktivist aus, schon gar nicht deren 50.000 - denn so viele sind es mindestens, die die Hauptstadt belagern. Die Besetzung löst sich auf, und als es nur noch ein paar Tausend Demonstranten sind, schickt der aktuelle US-Präsident, ein erwartbar korruptes Arschloch, sein privates Sicherheitsunternehmens rein und erschießt den Rest der Protestierenden. 736 Tote. Mitten in DC. Und mit diesen letzten Aufrechten stirbt die geforderte radikale Gesetzgebung, die letzte legislative Chance, nun doch endlich etwas gegen die mittlerweile katastrophale Erderwärmung zu tun, ja, die Menschheit zu retten.</p><p>Haben wir uns bis hierhin im Buch noch wohlig gegruselt, erfahren wir jetzt, dass die dramatisch beschriebenen Katastrophen: Waldbrände, Stadtbrände (Das HOLLYWOOD sign brennt!), Fluten, die östlich vom Mississippi 200 Millionen Menschen betreffen, aber auch politische Katastrophen wie das immer wieder und wiederholte Scheitern von Klimalegislation, der Aufstieg von christlichen Fundamentalisten, die Ermordung von politischen Gegnern, dass all das nur den Spannungsbogen aufspannt und wir ahnen, dass er in der Katastrophe endet. Und dennoch sind wir noch nicht zu 100% entsetzt, denn wenn auch alles erschreckend plausibel klingt (weil es das ist) sind wir als Leser dennoch irgendwie sicher, dass das im realen Leben alles nicht so schnell gehen wird wie im Buch beschrieben. Diese zeitliche Verdichtung, diese Dystopie, macht der Markley doch nur, um die handelnden Personen zusammenzuhalten, man kann ja schlecht einen Ecothriller mit einem Handlungszeitraum von 150 Jahren schreiben. Mit ein bisschen wissenschaftlichem Augenzudrücken bekommt der Markley die Klimakatastrphoe also auf 30 Jahre runterkomprimiert, aber nie im Leben wird das in unserem, dem realen Leben so schnell gehen, das alles wissen wir, sind wir todsicher, und deshalb nehmen wir das Buch als Fabel, als Gleichnis, als Warnung. Das wird schon. Und dann wird fünfzig Prozent im Buch die letzte Chance auf ein Happy End zusammengeschossen und schonungslos beschrieben und wir wissen, das wird hier kein Wohlfühlroman mehr. Das wird hier ein Roman über die letzten Tage der Erde. Und uns wird ein bisschen schlecht. Was ist, wenn der Zeitrahmen im Buch doch stimmt? Wenn in 2035 wirklich der Südpol schmilzt, die Nordpolpassage ganzjährig frei ist. Wir leben doch aktuell im Jahr 2023, holy s**t, das sind ja nur noch 12 Jahre. S**t.</p><p>Nun bin ich Hedonist, wenn es um Literatur geht. Ich muss keine Bücher darüber lesen, wie des Autors Katze vom Auto überfahren wurde, seine Freundin ihn verlässt und er zum Schluss an Darmkrebs stirbt. Trotzdem kann, ja, muss ich diesen düstersten aller dystopischen Romane so komplett und ohne Vorbehalt empfehlen. Wie hat Stephen Markley das geschafft? Durch schieres schriftstellerischen Vermögen. Das ist umso beeindruckender, da “The Deluge” erst Markleys zweiter Roman und das hier keine Novella, sondern ein ausgewachsenes Buch von 800 Seiten ist, das eine hochkomplexe Story über einen langen, langen Zeitraum beschreibt. Und ein wirklich deprimierendes Thema hat.</p><p>Markley wirft uns zu Beginn des Buches mitten in ein Rekrutierungsgespräch. Eine mittzwanziger LatinaX hört sich in einem anonymen Fast Food Joint die Story eines dicken, prototypischen Redneck-Amis an. Der war in der Army, im Irak und in Afghanistan. Dort hat er IEDs, Minen und alles, was sonst noch Arme und Beine abreißt, entschärft. In zunächst leicht irritierenden, typographisch hervorgehobenen Einschüben bekommen wir Einblick in Fühlen, Denken, Geschichte und Lebensentwürfe der am Gespräch Beteiligten. Ich persönlich bin da nicht der größte Fan von, aber die Einschübe hier fesseln. Sie geben uns in kurzen Schüben ein Bild von dem, was zum Beispiel die US-Army heutzutage ist: Ein Auffangbecken für die Abgehängten, die, die es zu Hause nicht mehr aushalten, die es zu Hause nie schaffen werden und die sich aus ebendiesen ökonomischen und sozialen Zwängen in Situationen begeben, die scheisse-gefährlich sind. Dass das systemisch ist weiss man, aber Markley macht es plastisch. Wie abgefuckt muss eine Gesellschaft sein, Millionen von Menschen die Lebensgrundlage zu entziehen und ihnen dann den Ausweg “Army, Navy oder Marine?” zu geben. Das “Thank You for Your Service.” ohne Zynismus auszusprechen, braucht schauspielerische Leistung.</p><p>Von solchen Schlaglichtern auf die US-Amerikanische Gesellschaft lebt das Buch, ja, ist das Buch. Wir lernen die Rekruiterin Shane kennen, sie wird die nächsten Jahre als überarbeitete Kellnerin, alleinerziehend mit Kind im Nirgendwo von New Hampshire leben. Allein diese Schilderungen des amerikanischen Alltags, mit nur 3,5% Arbeitslosenrate ohne dass jemals eine Fußnote dran wäre, die berichtet, dass ein großer Teil der amerikanischen Mindestlohn-Workforce zwei oder mehr Jobs arbeiten um über die Runden zu kommen, was schon wieder beschissen euphemistisch ist, denn sie machen das um zu überleben. Aber Shane macht das freiwillig, trotzdem sie monatlich Geld von einem anonymen Sponsor bekommt. Denn es ist eine Tarnung, deep cover im immer dichteren Überwachungsstaat USA, um aller Jahre Anschläge auf Kohlekraftwerke, Erdölpipelines und was sonst noch die Umwelt verschmutzt, zu begehen. Murdock, der Sprengstoffexperte, wird diese Anschläge materiell vorbereiten, zusammen mit einem Universitätsprofessor, einer Hackerin und einem Banker bilden sie die erste Zelle einer ökoterroristischen Vereinigung, die klar die RAF reminisziert. Jahrzehnte später, hunderte Seiten im Buch, wird Shane nach Virginia fahren, um Allen zu töten, einen der Mitbegründer. Er wollte aussteigen. Es wird der manifeste Verlust der Unschuld sein, die sie emotional und intellektuell schon lange verloren hat. Und sie wird nicht Allen töten. Das machen die erwartbar radikalisierten Mitglieder der zweiten Generation, denen das Credo vom bewaffneten Kampf ohne menschliche Opfer nicht mehr zu vermitteln ist. Aber sie werden übersehen haben, dass Allen einen zwölfjährigen Sohn hat, der bei ihm wohnt. Dieser türmt aus dem ersten Stock des Elternhauses, Shane verfolgt ihn, es gibt keine Alternative, ein Zeuge würde die gesamte, über Jahrzehnte aufgebaute Operation dem Untergang weihen. Die Welt wird untergehen ohne ihr Handeln. Er muss sterben. Shane rennt hinterher und weil sie noch nie eine Waffe auch nur gehalten hat, schießt sie dem Teenager aus versehen in den Bauch. Er schreit wie am Spieß. Und nochmal in den Bauch, und dann erst ins Gesicht. Es bricht uns das Herz.</p><p>Von dieser Tragik sind die Geschichten in “The Deluge”. Markley schont uns nicht, denn das ist hier keine Wohlfühlstory mit Happy End, es ist das f*****g Ende der Welt.</p><p>Wir werden noch viele mehr dieser Haupthelden kennenlernen. Markley malt ein Gemälde der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts bis zu deren absehbarem Ende im Jahr 2040. Wir lernen Matt kennen, in 2017 ist er ein Teenager, der sich in die sexy, freie, kluge und bald telegene radikale Aktivistin Kate verliebt und sie erst Jahrzehnte später erschöpft verlassen wird.</p><p>Wir lernen “Keeper” kennen, einen anfangzwanzigjährigen abgehängten weißen Dude aus Ohio, dem Epizentrum des white trash in den USA, mit deindustrialisierten Kleinstädten, deren Industrie, deren Rohstoffextraktion nicht mehr gebraucht wird in einer globalisierten Welt. Wir werden ihn von Drogendeal zu Gefängnisstrafe, von Vergewaltigung (er) zu Vergewaltigung (ihn), von S**t zu S**t verfolgen. Wir werden ihn hassen und bedauern, er wird zu Gott finden und doch kein wirklich guter Mensch werden.</p><p>Markleys Buch erzählt uns die Lebensgeschichten von einem halben Dutzend Haupthelden und einem weiteren halben Dutzend handelnder Personen und nimmt sich für jeden und jede soviel Zeit, wie es braucht, um ein Bild von deren Denken und Sein zu malen und von ihrem Handeln im Angesicht der Katastrophe. Jeder hätte ein eigenes Buch, einen eigenen Band verdient, so interessant, prototypisch für das finale amerikanische Jahrhundert sind sie.</p><p>Die in langen Kapiteln erzählten Lebenswege kreuzen sich über die Jahrzehnte auf oft unerwartete Art und Weise, halb “Smoke”, halb “Pulp Fiction” oder besser: “Natural Born Killers”. So trifft Jackie, eine Designerin in der Werbeindustrie, erschöpft vom täglichen Anrennen gegen die glass ceiling, in jungen Jahren einen semi-berühmten TV-Schauspieler (ich hab Rob Lowe vorm Auge) um ihn ein Jahrzehnt später als ultrakonservativen VR-Prediger kaum wiederzuerkennen. Der wird später mit Mordaufrufen gegen alles, was kein Kreuz um den Hals hat, um ein Haar Präsident - wie das so passiert in den USA.</p><p>Alle diese Stories und Lebenswege sind strange, gewalttätig, haarsträubend und im Kontext des US-amerikanischen Systems 100 % plausibel. Vor dem Horror eskalierender Umweltkatastrophen beschreibt Stephen Markley wie verschiedene Akteure verschiedene Ansätze wählen, das Ende der Welt abzuwenden. Politische pressure groups, selbstorganisierte Initiativen, Graswurzelbewegungen, politische Parteien, “Effektive Altruisten”, Ökoterroristen versuchen mehr oder weniger aufrecht den Klimawandel zu stoppen und scheitern am System, aneinander und daran, dass die Methanfelder auf dem Meeresgrund einen s**t geben, ob der Mehrheitsführer im US-Repräsentantenhaus es politisch für einen ungünstigen Zeitpunkt hält eine wirksame Klimagesetzgebung zu verabschieden. Dass die kontinentgroßen Eisschollen an Nord- und Südpol abbrechen und unbeeindruckt in den respektiven Polarmeeren schmelzen, als es menschlich zwar komplett verständlich ist, dass die Klima-RAF nicht mehr an den parlamentarischen Weg glaubt und genau in dem Augenblick aus Versehen die ersten Menschen bei einem Anschlag umkommen, als die Klimagesetzgebung endlich auf dem Weg, ist Realität zu werden. Und dass die Wasservorräte in weiten Teilen der Welt auch dann verdunsten, wenn in Europa, getrieben von der durch Wasserknappheit verursachten Migrationsbewegung, wieder Faschisten an die Macht kommen. Geführt übrigens von einem gewissen Anders Breivik aus Norwegen, gerade aus dem liberalsten Gefängnissystem der Welt entlassen.</p><p>Und so stehen wir am Ende des Buches betroffen vor dem Scherbenhaufen unserer (ok, hier speziell und vornehmlich der US-amerikanischen) systemischen Unfähigkeit, ein paar Jahre in die Zukunft zu schauen und zusammenzuarbeiten.</p><p>Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Stephen Markley zu Beginn des Buches noch nicht wusste, wie es endet. Dass er unsicher war, ob er der Story ein Happy End oder wenigstens einen unklaren Ritt in den waldbrandroten Sonnenuntergang geben wird. Ich habe das Gefühl, dass Markley bei der Recherche während des Schreibens so deprimiert und aussichtslos wurde, wie es uns geht, wenn wir sein Buch lesen und dass er es nicht fertig gebracht hat, uns zu belügen.</p><p>Aber was machen wir jetzt mit dieser Aussichtslosigkeit?</p><p>Nun, so eine Klimakatastrophe ist ja kein Atomschlag, einmal kurz zu hell, dann auf ewig dunkel. Da kommen schon noch ein paar Jahre auf uns zu, in denen es zu feucht, zu trocken, zu heiß ist, mit zu wenig Wasser, nicht genug zu futtern und dann dem falschen. Mit den resultierenden Fluchtbewegungen, physisch vom Heißen ins geradeso nicht so Heiße, vom Trockenen ins Nasse und den mentalen Fluchtbewegungen, von der Gier zur Not zur “Beschaffungskriminalität”, von der Verzweiflung vor dem Elend zum Crystal-Meth-Bliss und dem, was das alles für Deine zweijährige Tochter bedeutet. All diese Dinge sind kaum mehr zu verhindern, aber man kann sie gemeinsam entschärfen, durchleben und vollenden. Hauptwort: gemeinsam. In den finalen Zügen der Umweltkatastrophe im Buch, in denen selbst in den USA der Weizen, der Mais knapp wird wegen Monokultur, zu viel oder zu wenig Wasser, hat eine gar nicht so kleine Anzahl von Kommunen wundersamerweise Obst, Gemüse, Milch und was der Mensch sonst noch so gerne auf dem Frühstückstisch hat. Das sind Kommunen, die entstanden sind, als die Klimakatastrophe in noch Jahre entfernten Horizonten schimmerte und die akuten Probleme in Ohio, Alabama oder New Mexico “soziale Armut”, “Beschaffungskriminalität” und “Kapitalismusdreck” hießen, und schon zu dieser Zeit, irgendwie, sagen wir im Februar 2023, schlossen Leute sich zusammen, besorgten irgendwoher Geld und boten den Abgehängten genau dort, wo sie abgehangen hingen, Lösungen an. Entzugskliniken, gemeinsames Arbeiten für ein gemeinsames Ziel und wenn es nur ein Maisfeld ist, und ein Bier am Abend, wenn die Einsamkeit am größten. Kein Mensch muss da auf die Katastrophen re: Klima warten, die dafür geeigneten gesellschaftlichen sind schon lange da.</p><p>Und mit dieser Erkenntnis hat mich das Buch auch radikalisiert. Eine Hauptheldin ragt immer ein bisschen über die anderen heraus: Kate. Eine radikale Feministin, die einen s**t gibt auf Konventionen, politische, gesellschaftliche, sexuell, ein anarchischer Firebrand, die der Realität der schwindenen Chancen, das Ende zu verhindern, ins Gesicht schaut und sich (und anderen) sagt: “So what, deshalb muss man ja nicht aufhören!” </p><p>Deshalb kann man das System und in ihrer Personifizierung, die f****r, die das alles verursacht haben mit ihrer Gier, ihrer Dummheit, daran erinnern, dass sie nicht allein sind auf der Welt. Absurde Gestalten wie Friedrich Merz, die sich über Jahre ihre Pension beim größten Investmentverein der Welt, und damit zwangsläufig dem größte Klimakiller ebendieser, verdient haben und jetzt am Rednerpult des Bundestags wie ein Klempner aus Heidenau reden, wie jemand, der es nicht besser weiß? Warum soll der nicht jeden morgen keine Luft im Reifen haben? Und Katrin Göring-Eckardt, die es offensichtlich nicht besser weiß und sich dennoch bis zur Vize-Bundestagspräsidentin hochgepeterprinzipt hat - warum soll die nicht jeden Tag aufs neue, von immer einer anderen Mindestlohnbarista in jedes mal einer anderen 7-EUR-Kaffeebar alten Kefir statt Sojamilch in den Latte bekommen? Dafür gibt’s doch Whatsappgruppen? Und wo anfangen mit dem Unsinn, dem man Schwachmaten wie Christian Lindner antun kann, damit sie merken, dass sie keiner, wirklich keiner je leiden konnte? </p><p>Rettet das die Erde? Nein. Beschleunigen wir damit das Endstadium des Kapitalismus? Das schaffen die f****r ohne uns. Ist es besser, als sich totzuscrollen und dumm zu tweeten? Allemal. Und für diese Erkenntnis braucht man keine 800 Seiten “The Deluge” von Stephen Markley lesen, aber es schadet nicht  und es macht ganz unglaublich Blutdruck und es macht damit die Arterien frei, den Kopf und damit einen selbst. </p><p>Deshalb sollte man das Ding lesen. Es ist brillant.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/stephen-markley-deluge</link><guid isPermaLink="false">substack:post:103714565</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Feb 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/103714565/42c47665c57c40e9dbe9817036d85a80.mp3" length="21739773" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1359</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/103714565/00e0a960adc4cf1239ae8322bbc58612.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Susanna Clarke: Piranesi ]]></title><description><![CDATA[<p>Ein Tagebuch zeigt uns die Welt, in der Piranesi lebt, wie er lebt, was er sieht, was er fühlt, die Fragen, die er sich stellt.</p><p>Vorangestellt sind 2 Zitate: Das Erste: “Ich bin der große Gelehrte, der das Experiment durchführt. Natürlich brauche ich Versuchspersonen, an denen ich es durchführen kann.” Es ist C. S. Lewis Prequel “The Magician’s Nephew” der Reihe “Die Chroniken von Narnia” entnommen, das auf andere Welten verweist.</p><p>Das 2. Zitat, ungleich länger, wird  Laurence Arne-Syles zugeschrieben, der in einem Interview in The Secret Garden, veröffentlicht im Mai 1976, unter anderem sagt: “Man nennt mich Philosoph oder Wissenschaftler oder Anthropologe. Ich bin nichts davon. Ich bin Anamnesiologe. Ich erforsche, was vergessen wurde. Ich erspüre, was ganz und gar verschwunden ist. Ich arbeite mit Abwesenheiten, mit Lautlosigkeiten, mit merkwürdigen Lücken zwischen Dingen. Eigentlich bin ich mehr Zauberer als alles andere.”</p><p>Laurence Arne-Syles, der sich mit den vergessenen Dingen beschäftigt, mit Leerstellen, von denen unsere Welt voll bzw. leer ist, wurde nicht vergessen (nur falls die Frage auftaucht, ob man ihn kennen sollte). Er ist eine Erfindung der Autorin Susanna Clarke, vielleicht auch eine Erinnerung, die verloren gegangen ist?</p><p>Titelheld Piranesi, der ziemlich sicher ist, dass er nicht Piranesi heißt, sich aber nicht erinnern kann, wie er einst genannt wurde, lebt in einer seltsamen Welt.</p><p>Wir lernen sie durch die detailreichen und präzise formulierten Tagebucheinträge Piranesis kennen, aus denen das Werk besteht.</p><p>Ein erster Anhaltspunkt, dass Piranesis Welt nicht die unsere ist, oder doch zumindest verschieden, ist die seltsame Datierung seiner Einträge: Es gibt Tage und Monate, aber das Jahr ist “ das Jahr, in dem der Albatros in die südwestlichen Hallen kam.”</p><p>Piranesi lebt in einem großen, unendlichen Haus, dass aus so vielen Hallen besteht, dass er zwar eine Vielzahl bereist, jedoch - in keiner Richtung - je das Ende erreicht hat und das aus drei Ebenen besteht: in der untersten sind tiefe Gewässer, Ozeane, die Ebbe und Flut unterworfen sind. In der obersten funkeln des nachts die Gestirne und ziehen tagsüber Wolken. Auf der mittleren Ebene finden sich zahllose Räume unterschiedlichster Größe und Beschaffenheit, denen eins gemein ist: sie sind von zahllosen Mamorplastiken bevölkert, die unterschiedlichste Formen, Menschen und Fabelwesen zeigen, einige scheinen neuer zu sein als andere, sie bilden unterschiedliche Gefühle, Handlungen und Situationen, reale Natursituationen und mystische Begebenheiten ab.</p><p>In den Tiefen der Ozeane leben Fische, und Vögel begleiten Piranesi.</p><p>Das Haus versorgt ihn, er fühlt sich geborgen und - er hat keine Wünsche.</p><p>Er zeichnet gewissenhaft die Gezeiten auf, um gefährliche Fluten vorherzusagen. Bevor diese kommen, bringt er seine wenigen Habseligkeiten, zu denen seine Aufzeichnungen gehören, in einer Tasche in höhere Gefilde in Sicherheit. Er isst Fisch und nutzt getrockneten Seetang als Feuermaterial. Sein frugaler Lebensstil fordert von ihm Planung und Umsicht. In seinen Aufzeichnungen versucht Piranesi, die Plastiken des Hauses in ihrer Vollständigkeit zu beschreiben, ein Ziel, dass unmöglich zu erreichen scheint. Verzweiflung oder Ängste finden sich nicht in den Tagebucheintragungen.</p><p>Zweimal in der Woche trifft er sich mit dem Anderen, dessen Kleidung Piranesi als elegant beschreibt und den er als ungefähr 20 Jahre älter schätzt. Der Andere besitzt Sachen, die sich nicht im Haus finden und schenkt Piranesi ab und zu hilfreiche Dinge wie feste Schuhe und einen Schlafsack. Die Frage nach der Herkunft dieser Dinge kommt Piranesi nicht in den Sinn.</p><p>Piranesi assistiert - so seine Annahme - dem Anderen bei einem andauernden Experiment und unternimmt dafür Reisen in weiter entfernte Räume. Das Ziel des Anderen kennt er nicht. Brüche und Spalten in Piranesis zufriedener Existenz erscheinen, wenn er auf Widersprüche stößt: so scheint er schon immer im Haus zu leben, kann sich aber nur an die letzten 5 Jahre erinnern.</p><p>Die Wahrnehmung des Hauses durch Piranesi und den Anderen ist grundsätzlich verschieden: dem Anderen erscheint es als Labyrinth, als potentiell gefährlich, ein Ort, dessen Geheimnisse er mithilfe von Piranesi entschlüsseln und dadurch Macht gewinnen will. Ihr erinnert euch: Wissen ist Macht. Während Piranesi sich instinktiv im Haus bewegt und geborgen fühlt, kann der Andere das Haus nur durch die Beobachtungen Piranesis verstehen bzw. den Versuch unternehmen, es über ihn zu verstehen.</p><p>Unsere Zweifel an Piranesis Einschätzungen, die allein durch seine Tagebucheinträge vermittelt werden, nehmen zu. Er erscheint in seinem Urvertrauen und seiner Gelassenheit kindhaft. Seine Zufriedenheit scheint seltsam, wissen wir doch um die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und Erkenntnis, aber wie definieren und bestimmen wir diese? </p><p>Die Abwesenheit anderer Menschen scheint Piranesi nicht zu berühren oder zu beunruhigen. Auf seinen Wanderungen hat er die Skelette 13 anderer gefunden. Er bringt diese an von den Fluten unerreichbare Höhen und schenkt ihnen Blumen. </p><p>Die Selbstgenügsamkeit seiner Isolation weckt Erinnerungen an die Zeit unserer Zwangsisolationen, das Werk wurde jedoch weit vor der Pandemie begonnen. Piranesi zeigt, dass Alleinsein und Einsamkeit sehr unterschiedliche Gefühle sind. Seine Begegnung der Welt des Hauses gegenüber kann für das Ideal der Romantik gelesen werden, dass es der Sinn des Lebens ist, in tiefer Verbindung mit der Natur zu leben, sich bewusst zu sein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, neben Tieren, Pflanzen, anstatt sich die Natur untertan zu machen und sich mit ihrer Zerstörung selbst zu zerstören.</p><p>Beispielhaft für Piranesis Verbundenheit mit der Natur steht seine Begegnung mit dem Albatros, die ihm so wichtig erscheint, dass er das Jahr nach diesem Ereignis benannt. Der Albatros ist ein mystischer Vogel, derjenige mit der größten Flügelspannweite, die bis zu 3,50 Meter betragen kann, und er kann mehrere hundert Kilometer durch die Lüfte gleiten, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Als Piranesi das erste Mal auf den Albatros trifft, glaubt er eine Vision zu haben, als dieser versucht zu landen. Piranesi handelt, wie er es immer tut: Er umarmt die Natur und ihre Bewohner mit offenen Armen. Beide verlieren ihr Gleichgewicht, erholen sich, und Piranesi gibt dem Albatros und seinem Gefährten Seetang, damit sie sich für ihre Brut ein Nest bauen können.</p><p>Zunehmend wird unser Protagonist durch seine Aufzeichnungen, Träume, Erinnerungen und Unstimmigkeiten in diesen auf Missverhältnisse zwischen seinen Annahmen über die Welt des Hauses selbst aufmerksam. Später wird sich das Werk von den beschreibenden Tagebucheinträgen zu einem Thriller hin entwickeln, der nach Identität, dem Umgang mit dem Leben und den Lebenden fragt und neben den Gefühlen der vollkommenen Zufriedenheit in den Schatten den Horror der Anderen beiläufig und dann gar nicht mehr beiläufig erahnen lässt.</p><p>Der Name Piranesi verweist auch auf einen Graveur, der eine Serie über imaginierte Gefängnisse schuf. Und er versaute Goethe den Besuch Roms: dieser war von den Veduten Piranesis zu Rom so hingerissen, dass er die Realität enttäuschend fand.</p><p>Und so ergeht es uns bei der Lektüre: imaginierte Grandezza, die vor Grausamkeiten liegt. Und die Frage nicht beantwortet, ob es vorzuziehen ist, die zugrundeliegenden Wahrheiten zu kennen oder im Frieden mit den Verhältnissen zu leben.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/susanna-clarke-piranesi-04f</link><guid isPermaLink="false">substack:post:103462204</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Fri, 17 Feb 2023 10:23:39 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/103462204/eed4c203815dd1aa000b9eceed6f84fc.mp3" length="9950608" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>498</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/103462204/c8db62b16830eda1b17d8d099e7cb448.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Durian Sukegawa - Die Katzen von Shinjuku]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Durian Sukegawa, der in Japan nicht nur Romane und Gedichte schreibt, sondern auch als Schauspieler, Punkmusiker und Fernseh- sowie Radiomoderator bekannt ist, gelang mit K<em>irschblüten und rote Bohnen </em>in seiner Heimat ein Bestseller, welcher von Naomi Kawase für die Filmfestspiele in Cannes verfilmt wurde. Zufällig stieß ich auf sein jüngstes Werk <em>Die Katzen von Shinjuku</em>, welches 2021 im Dumont Verlag auf deutsch veröffentlicht wurde und entschied mich kurzerhand mein Rezensionsjahr so fortzusetzen, wie ich es begonnen habe und mich erneut der Besprechung japanischer Literatur zu widmen.</p><p>Mitte der 1980er Jahre begann in Japan die so genannte Bubble Economy, eine Volkswirtschaft bei der am Aktien- und Immobilienmarkt spekuliert wurde und die kurzfristig von der Spekulationsblase profitierte, nach Platzen selbiger aber zu wirtschaftlichen Rückschlägen führte. Genau in dieser Zeit siedelt Durian Sukegawa seine Geschichte im tokioter Stadtviertel Shinjuku an, das unter anderem für seine unzähligen Bars und Kneipen bekannt ist, zu denen man am Abend durch ein Meer von Lichtern und Menschen gelangen kann.</p><p>Einer seiner Protagonisten ist Yama, der 27-jährige Ich-Erzähler und ein Mann, dessen eigentlicher Traum es ist, kreativ zu arbeiten, Drehbücher zu schreiben und bei Film- und Fernsehproduktionen unterzukommen. Als es schließlich jedoch um Bewerbungen bei Fernsehen und Verlagen geht, muss er schockiert feststellen, dass diese vor allem eins eint, nämlich der Satz: „Farbfehlsichtige sind vom Eignungstest ausgeschlossen“, was für Yama als Farbenblinden einer Katastrophe gleich kommt. Er selbst hatte die Sache folgendermaßen eingeschätzt: „Tatsächlich hieß es, dass jede fünfhundertste Japanerin und jeder zwanzigste Japaner eine solche Farbschwäche hätten. Deshalb hatte ich die Sache unterschätzt. Da Farbschwäche bei uns Jungen so häufig vorkam, hielt ich diese Beeinträchtigung für harmlos.“ (S. 23) Nachdem er sich eine Weile mit Aushilfsjobs über Wasser hält, findet er zwar einen Mentor – einen viel beschäftigten Autor für Fernsehshows – der ihm eine Chance gibt, doch ist die Arbeit für ihn mehr als unbefriedigend, da sie vor allem aus Laufburschen Tätigkeiten oder dem Erarbeiten von Unmengen an Quizfragen für eine TV Sendung besteht. Gleichzeitig hat sein Mentor Nagasawa ein Aggressionsproblem und wird Yama gegenüber nicht nur verbal ausfällig, sondern schlägt ihn auch.</p><p>Eine weitere Protagonistin ist Yume, eine junge Frau Anfang 20, die als zurückhaltend und eher wortkarg beschrieben wird und in Shinjuku in einer kleinen Bar namens Karinka als Kellnerin und Köchin arbeitet. In dieser winzigen und schlauchförmigen Bar treffen Yama und Yume auch das erste Mal aufeinander. Doch was Yama zunächst viel mehr an der Bar interessiert, sind nicht nur die</p><p>unterschiedlichsten Menschen und schrägen Vögel, die sie aufsuchen, sondern ein Spiel, welches bei den Gästen sehr beliebt ist. Es nennt sich Miau Jongg. An einem in die Rückwand der Küche eingelassenen Fenster, welches auf die Betonumfriedung und die Rückwand des Nachbargebäudes zeigt, lassen sich regelmäßig die unterschiedlichsten Katzen blicken. Zu erraten, welche als nächstes erscheinen wird, ist der Sinn des Spiels und weckt bei den Gästen helle Begeisterung. Um die Katzen, die selbstverständlich alle Namen tragen, zu unterscheiden, hängt ein von Yume eigens gezeichneter Katzenplan am Kühlschrank, der vor allem für Yama besonders faszinierend ist und der gleich bemerkt, dass es mit den Katzen noch mehr auf sich haben muss.</p><p>Soweit zum Setting, in dem Yama und Yume leben und sich kennen lernen. Beide sind letztlich Außenseiter, aber während wir über Yumes Lebensumstände lange Zeit wenig erfahren, wird bei Yama schnell klar – so beschreibt er es letztlich auch selbst – dass er kein Gewinner des Wirtschaftsbooms ist. Aber Sukegawas Kritik reicht über diesen Punkt hinaus, sondern verdeutlicht uns ja bereits am Anfang des Romans, dass Yama aufgrund seiner Rot-Grün-Blindheit in vielen Bereichen diskriminiert wird, was schließlich für ihn zur Folge hat, dass er sich widrigstens Arbeitsbedienungen beugen muss, bis hin zu einem tyrannischen Chef, um sich doch noch in dem Bereich zu etablieren, der seinen beruflichen Wünschen entspricht. Was er wirklich denkt, hält er dabei seinem Chef gegenüber lange zurück und verhält sich so, wie es von ihm erwartet wird – dankbar und unterwürfig.</p><p>Durch das Karinka erfährt Yamas trostlose Geschichte jedoch schließlich eine Wendung. Zum Einen beginnt sich ganz langsam eine Beziehung zwischen Yume und Yama zu entwickeln, in Folge derer sie ihm auch zeigt, dass die Katzen in einem geschlossenen und baufälligen Love Hotel ihren Unterschlupf haben, in dem es auch zu einer Annäherung zwischen den beiden kommt. Zum Anderen motiviert sie ihn, sich nicht alles gefallen zu lassen und Kunst nicht mehr als Massenware zu begreifen, sondern als etwas, das für den Einzelnen gemacht wird. Tragischerweise endet die fragile Liebesbeziehung zwischen Yama und Yume bevor sie richtig beginnt, wodurch uns Durian Sukegawa aber einen Blick in Yumes Vergangenheit gewährt, die leider auch durch sexuelle Gewalt geprägt ist. Als sie sich beispielsweise bei einem Vergewaltigungsversuch gegen ihren Peiniger zur Wehr setzt, wird sie von diesem wegen Körperverletzung angezeigt. Sukegawa thematisiert an dieser Stelle das lange gültige, aber veraltete und restriktive Sexualstrafrecht, welches erst 2017 reformiert wurde und damit die Strafverfolgung erleichtert. Dennoch beeinflusst Yumes Vergangenheit ihr Handeln in der Gegenwart, was auch den Fortgang der Geschichte maßgeblich bestimmt.</p><p>Die Katzen von Shinjuku sind letztlich eine Metapher für die Menschen, über die Sukegawa in seinem Roman schreibt. Es sind nicht nur Yume und Yama, die sich vorsichtig beschnuppern, es sind auch all die anderen Gäste im Karinka, die vorbei streunen, wenn es ihnen passt und die Menschen in Shinjuku überhaupt, die kommen und gehen und wo man nie weiß, wer wo auftauchen wird. Die Bar fungiert dabei als Sammelbecken für die unterschiedlichsten und auch skurrilsten Persönlichkeiten, die hier ihre Daseinsberechtigung haben.</p><p>Letztlich lässt Sukegawa seine Protagonisten aber ein tröstliches Ende finden, was neben all der von ihm aufgeworfenen Kritik nicht selbstverständlich ist und die Hoffnung in sich birgt, dass widrige Umstände überwunden werden können.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/durian-sukegawa-die-katzen-von-shinjuku</link><guid isPermaLink="false">substack:post:101226735</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Mon, 06 Feb 2023 16:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/101226735/90cc945ab9a18fd536de2609a314c238.mp3" length="8332583" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>417</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/101226735/aa854dd3ee21a075f2f645acf5b8e139.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Winterlong - Steven Savile und Steve Lockley und One Day All This Will Be Yours - Adrian Tchaikovsky]]></title><description><![CDATA[<p>Der Winter ist die Zeit dicke, lange Bücher zu lesen, sagte Herr Falschgold, wie er da saß, in seinem Ohrensessel. Oder war es der Sommer, um fette Bücher zu verschlingen, an ewig langen Tagen, am Strand? Oder der Herbst, wenn die Abende immer früher beginnen und es erlauben, das Glas erschreckend zeitig unter den sorgsam im Bücherregal eingebauten Kanister Roten zu halten?</p><p>Es ist natürlich der Winter, und die Bücher sind dick und der Leser erwartet mit Recht die Rezension eines dieser Monsterwerke, eines Pynchon, eines Wallace, ein Ulysses gar! Da gibt es nur ein Problem: dicke, schwere, ok, selbst dicke, leichte Bücher sind lang und deren zwei liegen zur Zeit parallel auf dem Nachttisch (Ok, machen wir uns nichts vor: dem Kindle). Von einem würde ich sehr gerne berichten, aber das ist noch nicht möglich, Verschwiegenheit, nicht jinxen und so, das zweite ist noch im Verzehr und da man, ok, ich, dicke Werke nicht ununterbrochen und am Stück lesen kann, snacke ich zwischendurch leichtere Kost. Nein, keine Kurzgeschichten: diese Autorenonanie auf Kosten des Lesers, tolle Ideen, wo der Autorin der Atem fehlt und die Leserin präklimakterisch unbefriedigt zurück gelassen wird, kommen mir nicht auf den Reader (und natürlich ist diese Einstellung falsch und egoistisch aber I don’t care). </p><p>Egal, es gibt etwas zwischen Ulysses und Bukowski: die Novelle. Sie ist mittig platziert zwischen der offenbar spätkapitalistisch standardisierten Seitenanzahl von 365 für einen “richtigen” Roman, also irgendwas in Serie: Child, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/richard-osman-the-thursday-murder?utm_source=%2Fsearch%2Fosman&#38;utm_medium=reader2#details">Osman</a>, Connelly und den 30 Seiten oder was auch immer ein atemloser Autor schafft um seine brillante Idee in einer Kurzgeschichte zu verwursten. (Ich höre ja schon auf). Irgendwas zwischen 100 und 200 Seiten will der Verleger einer Novelle sehen, gerade genug um eine Idee satt zu behandeln und leserseitig gesehen genau so lang, das Ding, mit ein bisschen Weg zur und von der Arbeit und mal nicht bis in die Puppen Netflix glotzen, an einem Tag durchzureißen, was ein interessantes Leseerlebnis verschafft. Es erinnert an das Bingewatching von Miniserien. Man braucht ein bisschen Atem, aber wird an nur einem Tag belohnt mit einem abgeschlossenen Leben, einem kompletten Kriegsverlauf, einem Doppelmord und deren Aufklärung, was, machen wir uns nichts vor, in Zeiten von minimaler Aufmerksamkeitsspanne und Gamification von allem und jedem, ein brrrr.. “Erfolgserlebnis” garantiert. In Deutschland, gefühlt seit Arnold Zweig, aus der Mode, erlebte die Gattung im Englischen vor allem in den Bereichen Fantasy und Science Fiction eine Renaissance, was deutsche Verlage leider kalt gegenüber diesen zu kleinen Edelsteinen komprimierten Werken lässt. Das Einzige, womit man hierzulande in der hier benutzten Sprache mit Werken dieser Länge Geld verdienen kann, sind wohl Groschenromane.</p><p>Damit sich das ändert, seien hier also zwei wirklich brillante Kleinode für den Leser mit machbaren Englischkenntnissen vorgestellt, vielleicht schaut ja mal ein Verlag in die Amazon-Bestsellerliste “Englischsprachig, Käufer aus Deutschland” und ein Spike erscheint, wie ein Wunder, am 29.1.2023. Gekauft wurde: “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3WJEX5d">Winterlong</a>” von Steven Savile und Steve Lockley und “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3wzADej">One Day All This Will Be Yours</a>” von Adrian Tchaikovsky.</p><p>“Warum?”, fragen sich die Verlage. Wegen Studio B? Haha. Nein, weil es wirklich tolle Bücher sind. Beide sind brillant in Idee wie Ausführung und so kurz, 100 bzw. 120 Seiten, dass es kaum lohnt, die beiderbüchig überraschende Handlung zu spoilern. Deshalb hier nur das Setting. Der finanzielle Verlust, wenn es nicht gefällt, berechnet sich in minimalen Eurobeträgen, der Anteil verlorener Lebenszeit in Millionstel.</p><p>Ok, das Setting vom passend zum Rezensionserscheinungstermin benannten “Winterlong” ist ein beängstigend wiederkehrendes. Zumindest in meinem Rezensentenalltag sind wir nicht zum ersten Mal in England. In einem Altersheim. (Was will mir das Schicksal sagen?) Es liest sich tatsächlich wie der “Thursday Murder Club”. Ein ziemlich alter Ganove sitzt jetzt gemütlich in einem privaten Altersheim. Wie wir lernen, war er ein nicht zimperlicher Geldeintreiber, damals, im aktiven Berufsleben. Er macht gerade einem Sohn, zu Besuch bei seiner Mutter, klar, dass es eine schlechte, eine ganz schlechte Idee, sei, diese in ein anderes Heim umzusiedeln, um Geld zu sparen. Also für den Sohn persönlich, wir verstehen uns?! Währenddessen um ihn herum die Betreiberin des Heimes sich Sorgen macht um ihren Mann draußen im Gewächshaus weil es zu schneien beginnt, die dicke faule Schwester noch nicht Dienstschluss hat aber wie immer zu zeitig geht, weil, es beginnt zu schneien und die fleißige und warmherzige ukrainische Schwester eher kommt, weil es zu schneien begonnen hat und sie Angst hat, steckenzubleiben - hatte ich erwähnt, dass es zu schneien begonnen hat? Wir wissen nicht genau was, aber irgendwas stimmt nicht. Obwohl alles völlig normaler Stress im Altersheim ist, stimmt irgendwas nicht. Ach genau. Es schneit. Wie Sau. Ganz unheimlich. In England.</p><p>Das Setting in der, jetzt fällt es mir auf, fast altersheimgerecht benannten zweiten zu empfehlenden Novella “One Day All This Will Be Yours” könnte nicht gegensätzlicher sein. Es ist Sonnenschein, die Felder stehen dicht und schwer, denn es ist Erntezeit auf einer Farm - am Ende der Zeit. Ein Farmer auf einem roten Traktor bringt die Ernte ein, begleitet von seinem Haustier “Miffly”, einem - Dinosaurier. Der bis zum Schluss namenlose Farmer ist der einzige Überlebende der Kausalitätskriege, die begannen, kurz nachdem die Menschen die Zeitreise erfanden. Oder kurz davor, Zeitreisen sind verdammt kompliziert. Sie zu verstehen. Leider nicht sie zu unternehmen, aber unser Farmer hat es ein für alle Mal geschafft, das zu ändern, weshalb er der Sieger ist und damit der letzte und einzige Überlebende besagter Kausalitätskriege. Haha. Natürlich nicht.</p><p>Das wars. Keine Rezensionen, das muss man zugeben, Leseanregungen, aber wenn man mir nach fünfzehn Jahren Studio B eine Empfehlung im Wert von 4 €, respektive, 10 € nicht mal unbesehen abnehmen kann, dann kann man auch gleich den “unsubscribe” Button klicken. </p><p>Nein! Nicht! Denn sehr bald werde ich von einem richtigen dicken Buch berichten, ausgerechnet einem Ökothriller, obwohl ich das Genre fast so sehr hasse wie Kurzgeschichten und, man glaubt es kaum, wahrscheinlich sogar von deren zwei und, wenn wir alle noch ein bisschen durchhalten, gibt es hier in in mittlerer Zukunft von einem Buch zu berichten, welches noch nicht der Rede wert ist. </p><p>Uh.. Geheimnisvoll.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/winterlong-steven-savile-und-steve</link><guid isPermaLink="false">substack:post:99420893</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 29 Jan 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/99420893/5377a4d109db40352db3d47fe27193f3.mp3" length="7979408" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>399</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/99420893/28fc382b105da847f5dc6648e74ab808.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Herron, Murata, Strout]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Liebe Hörerinnen, liebe Hörer. Mikrophone sind auch nur Menschen, oder auch Computer, überhaupt alles, was kein Hirn hat, sind eigentlich nur Menschen. Und so entschied sich ein Element in der Kette von Unserem Hirn zu Eurem per Vokalübertragung in Minute 0:41 der Aufnahme den Dienst zu versagen und fiel damit Irmgard Lumpini in's Wort, auf dass nun leider nur wir den extrem klugen Gedanken, den sie inmitten zu äußern war, kennen. </p><p>Er war grandios. </p><p>Er war einzigartig. </p><p>Danach kam nur noch Verabschiedung und derlei, so dass wir Euch trotz fehlender vier Minuten am Ende der Diskussion diese nicht vorenthalten wollen.</p><p>Und keine Sorge, alle Bücher und deren Rezensionen wurden ausführlich und kontrovers diskutiert, also:</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-herron-murata-strout</link><guid isPermaLink="false">substack:post:97307611</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 22 Jan 2023 04:56:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/97307611/984a2548474f1d5938e30624db53865f.mp3" length="30269589" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold, Anne Findeisen, and Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2522</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/97307611/acb5657502640fce3062b51ced1356d4.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Elizabeth Strout: Lucy by the Sea - A Novel]]></title><description><![CDATA[<p>Als ich Anfang Februar 2020 von Berlin nach Bangkok flog, wurde ich am Gate gefragt, ob ich kürzlich in China gewesen wäre. Damals gab es die ersten Berichte über den Coronaausbruch und vorsorglich war ein kurzer Abstecher nach Südchina, der ohne Visum für 3 Tage möglich gewesen wäre, doch abgesagt worden.</p><p>In Thailand verbrachte ich Tage in der übervollen Stadt Bangkok, aber die Ressorts waren bereits wie ausgestorben. In Vietnam trugen die Hotelangestellten Masken, und sie berichteten, dass es weniger Touristen als sonst gäbe.</p><p>Anfang März war ich das letzte Mal bei einem Konzert und kann mich erinnern, wie man sich nicht mehr die Hand gab oder umarmte, sondern sich mit der Berührung der Fußinnenseite begrüßte. Ich sagte zu einigen, dass dies wohl das letzte Mal für lange Zeit wäre und erntete ungläubige Blicke. Ich erinnere mich, dass ich danach voller Wehmut in eine Kneipe ging und voller schlechter Laune nach Hause. Die folgenden Monate sind seltsam verschwommen und ich erinnere mich an einen Artikel, der mir half. Er hieß: Was du fühlst ist Trauer.</p><p>Vor einigen Tagen las ich einen Essay, der sich mit dem Phänomen beschäftigte, wieviel aus der Zeit hinter einem Schleier liegt, obwohl es nicht lange her ist.</p><p>Über eine Kurzrezension stieß ich auf Elizabeth Strouts “Lucy by the Sea - A Novel”, welches im Oktober letzten Jahres erschien und noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.</p><p>Protagonistin des Werkes ist - Überraschung! - die im Titel erwähnte Lucy. Diese ist eine ältere Autorin, deren 2. Ehemann vor 2 Jahren verstorben ist, aus erster Ehe zwei erwachsene Töchter hat und in New York lebt. William, ihr erster Ehemann, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat, organisiert, dass beide gemeinsam in einem alten Haus an der Küste Maines Zeit verbringen werden, nur ein paar Wochen, wie er ihr versichert. Während William die Situation richtig einschätzt und auch für die Töchter versucht ein geschütztes Leben zu organisieren, braucht Lucy Wochen, und selbst dann scheint ihr vieles nicht klar, wie hinter einem Schleier. Ein einsames Leben, von den Nachrichten wendet sie oft die Augen ab. Nur wenige Ereignisse wie die Black Lives Matter Bewegung und der Sturm aufs Capitol brennen sich ihr ein. </p><p>Dabei ist die Innensicht von Lucy nicht das Beherrschende in diesem Roman. Elizabeth Strout ist viel zu schlau, um das Innenleben einer älteren privilegierten Frau, die es sich leisten kann, ihre geliebte Stadt zu verlassen, die später zu einem dramatischen Brennpunkt der Pandemie wird, zum beherrschenden Thema zu machen. Unterschiedliche Perspektiven werden durch ihre Familie, ihren Bekanntenkreis, die Ereignisse im Leben ihres ersten Ehemanns William, ihre neuen Freundschaften und Kontakte zu Personen, die sie zurückhaltend als “Anhänger des aktuellen Präsidenten” bezeichnet skizziert.</p><p>Elizabeth Strouts preisgekrönte Werke, für die sie unter anderem den Pulitzer Preis, den Siegfried Lenz Preis oder Nominierungen für den Booker Prize erhalten hat, beleuchten wiederholt die gleichen Protagonisten an verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens, bei einschneidenden Ereignissen. So ist Lucy auch einer der Hauptpersonen in “My Name is Lucy Barton” und “Oh William!”. Die Romane sind unabhängig voneinander lesbar, es braucht nicht die Lektüre der anderen Werke. Dabei ist bemerkenswert, dass - anders als manchmal in Romanreihen mit wiederkehrenden Protagonisten - die Beschreibung vergangener Geschehnisse nicht gehetzt oder als notwendiges Anhängsel und Wiederaufzählen vielleicht bekannter Fakten erscheint, sondern diese Geschehnisse zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Reflexion unterschiedlich bewertet werden, weil die Personen älter geworden sind, sich ihre Sicht verändert hat.</p><p>Für jede Zeit - besonders bei herausragenden, die Geschichte vieler Menschen berührender Ereignisse - wird in der Literatur mithilfe von Romanen versucht, einen Sinn zu finden, eine Erklärung, vielleicht Zusammenhänge und Einsichten. Elizabeth Strouts “Lucy by the Sea - A Novel” gelingt dies für die noch nicht beendete Corona Pandemie. Dabei ist Lucys Geschichte keine allgemeingültige, die aber mit Mitgefühl symbolhaft auch andere Lebensrealitäten abbildet. Am Ende des Romans sind Lucy und die anderen gewandelte Personen, es wird kein Zurück zu einer früheren Normalität geben, denn nichts ist mehr gleich, vielleicht ähnlich.</p><p>Ein melancholisches Werk, welches seinen Reiz auch daraus bezieht, dass wir gerade alle selbst diese Tage, Wochen, Monate durchlebt haben: die dunklen Zeiten mit fieberhafter Forschung, ohne Impfung oder Aussichten darauf, die ganzen geschlossenen Orte, all die Unsicherheiten, die Angst und den Verlust von Menschen. Später dann die Hoffnung, die bittere Erkenntnis, das selbst ein so einschneidendes Erlebnis nicht dazu geführt hat, dass irgendetwas gerechter wird. Und die Bestätigung, was uns tragen kann: Freundschaften und Liebe.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/elizabeth-strout-lucy-by-the-sea</link><guid isPermaLink="false">substack:post:96827989</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 Jan 2023 08:53:54 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/96827989/eefa4291c0a18e7c2f482fac8f602c1e.mp3" length="6532224" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>327</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/96827989/229dacc4ee85221c42cb6158b69fe80a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sayaka Murata - Die Ladenhüterin]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Meine bisherigen Erfahrungen mit japanischen Autorinnen und Autoren beschränkten sich aktuell leider nur auf Banana Yoshimoto und Haruki Murakami, von denen ich zwar jeweils einige Bücher gelesen hatte – Yoshimoto auch rezensiert – aber über die ich eben noch nicht hinaus gekommen war. Eine willkommene Abwechslung und ein guter Start ins Lesejahr 2023 war daher die Empfehlung, Sayaka Murata zu lesen, die ich kürzlich bekam. Gespannt, ob <em>Die Ladenhüterin</em>, welches bereits 2016 im Original erschien und 2018 im Aufbau Verlag in deutscher Ausgabe veröffentlicht wurde, ähnlich schräg sein würde, wie es meine bisherigen rudimentären Erlebnisse mit der japanischen Literatur waren, widmete ich mich diesem schmalen Roman.</p><p>Protagonistin und Ich-Erzählerin ist die 36-jährige Keiko Furukura, die bereits seit über 18 Jahren in einem Convenience Store arbeitet, der rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche geöffnet hat und welche in Japan kurz Konbini genannt werden. Über ihren Beginn als Arbeitskraft in dem Markt sagt sie folgendes: „Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.“ (S. 22) Hintergrund dieser befremdlichen Formulierung ist die Tatsache, dass Keiko sich bereits seit ihrer Kindheit als <em>nicht normal </em>fühlt und ihr permanent von ihrer Umgebung dieses Gefühl vermittelt wird. Dies wird dem Lesenden in Rückblicken auf ihre Kindheit deutlich gemacht. Als sie beispielsweise als Kind einmal einen toten Vogel findet und ihn ihrer Mutter bringt, möchte diese ihn beerdigen. Keiko versteht allerdings nicht, warum man ihn nicht stattdessen essen soll – ihr Vater mag doch so gern gegrilltes Geflügel. Um ihren Eltern keinen Kummer mehr zu bereiten und nicht weiter aufzufallen, entschließt sie sich eines Tages zu folgendem drastischen Schritt: „Ich tat nur noch, was die anderen taten, folgte allen Anweisungen und stellte so gut wie jede eigene Lebensäußerung ein.“ (S. 14) So schafft sie es auch durch ihr Studium, wobei sie auch hier keine neuen Kontakte aufbaut. Erst als Mitarbeiterin im Konbini fühlt sie sich als brauchbares Mitglied der Gesellschaft. Die Geräusche des Marktes hat sie auch zu Hause noch im Ohr und sie beruhigen sie und helfen ihr einzuschlafen. Zudem hat sie sich angewöhnt, die Stimmen ihrer Kolleginnen zu imitieren oder auch deren Kleidungsstil nachzuahmen. Zudem meint sie selbiges Verhalten auch bei ihren Kolleginnen und deren Freundinnen zu beobachten und stellt fest: „Diese Art der Anpassung macht offenbar einen großen Teil unseres Mensch-Seins aus.“ (S. 28)</p><p>Sayaka Murata führt uns anhand des kleinen Systems Konbini und ihrer Protagonistin vor Augen, dass Anders-Sein in der japanischen Kultur nicht erwünscht ist. Gefühle und Verhalten, die nicht der Norm entsprechen, sind etwas Negatives, das nicht verstanden wird und als eine Art Krankheit empfunden wird, die es zu heilen gilt. Jeder hat seine Funktion und so fühlt sich auch Keiko nie wohler als in jenen Momenten, in denen sie sich als kleines Rädchen in der täglich neuen Geschäftigkeit der Welt spürt und als Individuum möglichst gar nicht auffällt. Es gibt nur zwei Probleme: Sie ist eine Frau und sie ist nicht mehr jung. Während ihr Aushilfsjob während ihres Studiums völlig legitim war, stellt sich nun, da sie bereits 36 ist, die Frage, warum sie keinen vollwertigen Beruf hat oder verheiratet ist und gar nicht mehr arbeitet. In Japan gelten Frauen, die mit über 30 noch nicht verheiratet sind, nach wie vor als Verlierer. Sind sie verheiratet und haben auch Kinder, ist es die Aufgabe der Frau, diese zu versorgen und sich um den Haushalt zu kümmern, was sich mit beruflichem Erfolg oft nicht vereinbaren lässt.</p><p>Keiko kann jedoch nichts davon vorweisen, weshalb sie sich immer häufiger Fragen anhören muss, warum sie keinen Partner oder einen anderen Job hat. Dabei scheint sie an Männern oder sexuellen Beziehungen im Allgemeinen gar kein Interesse zu haben und die Arbeit im Konbini füllt sie so aus, dass sie sich mit Hilfe ihrer Schwester Ausreden ausdenkt, weshalb sie keine andere Arbeit verrichten kann. Schließlich lernt sie Shiraha kennen, einen Mann Mitte 30, der zunächst ebenfalls im Konbini arbeitet, seine Anstellung aber aufgrund seiner Faulheit und seines respektlosen Verhaltens schnell wieder verliert. Die Meinung ihres Chefs und ihrer Kolleginnen über Shiraha fällt folgendermaßen aus: „Aus dem wird nichts mehr. Er ist erledigt. Eine Last für die Gesellschaft. Der Mensch hat die Pflicht, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden, indem er einen Beruf ergreift oder eine Familie gründet. Oder beides.“(S.59/60) Shiraha, der zwar das System kritisiert und der Meinung ist, dass sich seit der Jōmon-Zeit in Japan nichts verändert hat, ist aber letztlich ein Nutznießer Keikos' Großzügigkeit und lässt sich von ihr durchfüttern, als sie ihn bei sich aufnimmt. Obwohl sie beide nicht der Norm entsprechen, kritisiert er sie ständig und macht sie zum Puffer seiner eigenen Unzufriedenheit. Keiko hingegen scheint mit ihrem Leben im Konbini zufrieden zu sein, sie hat keinen hohen Ansprüche und ist es leid, sich ständig für ihr Leben rechtfertigen zu müssen: „Wie lästig, warum brauchten die anderen zu ihrer eigenen Beruhigung ständig Erklärungen?“ (S. 39)</p><p>Die Themen, die Sayaka Murata in ihrem Roman zur Sprache bringt, sind aber kein ausschließlich japanisches Phänomen. Die Frage nach dem „Was ist eigentlich normal?“ mag zwar immer auch in Abhängigkeit zum eigenen Kulturkreis stehen, letztlich beantwortet sie aber jeder für sich selbst. In Keikos Fall entsteht ihr Gefühl des Nicht-Normal-Seins ja gar nicht aus ihr selbst heraus, sondern aus ihrem Umfeld. Was im Umkehrschluss vielleicht zeigt, wie merkwürdig doch diejenigen sind, die sich für normal halten. Murata macht uns aber auch auf das starre Rollensystem ihres Landes aufmerksam, das es Menschen schwer macht, individuell zu sein.</p><p>Ein Ladenhüter ist ein Artikel, der sich schlecht oder fast gar nicht verkauft und indem Muratas Roman im Deutschen <em>Die Ladenhüterin </em>heißt, bekommt er gleich eine doppelte Bedeutung. Keiko, die in Bezug auf Partnerschaft und Ehe ein Ladenhüter ist, die aber auch eine Hüterin des Konbini, also eines Ladens, ist. Ein Roman, der zunächst vielleicht etwas befremdlich anmuten mag, aber in seiner Kürze, Prägnanz und Klugheit das Panorama einer Gesellschaft entfaltet und ohne großen Spannungsbogen in seinen Bann zieht und zum Nachdenken anregt. Eine ausgesprochene Empfehlung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sayaka-murata-die-ladenhuterin</link><guid isPermaLink="false">substack:post:95288883</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Jan 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/95288883/1a6826fb70966a697dafc3606b77af90.mp3" length="8271979" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>414</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/95288883/f196fa4c2dea6e1d7383f48c5161fe87.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Mick Herron - Slow Horses]]></title><description><![CDATA[<p>Storytelling ist alles. Da hat sich seit Homer nicht viel geändert. Ein paar Jahre nach dem alten Griechen brachte Shakespeare uns bei, dass Sprachwitz einer guten Erzählung nicht entgegenstehen muss und noch ein paar Jahrzehnte später John Le Carré, dass ein Held auch unauffällig sein kann. Viel mehr ist in dreitausend Jahren Literaturgeschichte nicht passiert, wenn wir uns mal ehrlich machen. </p><p>Wenn im spätkapitalistischen Verlagswesen also kurz nach dem Ableben von John Le Carré ein Nachfolger durch die Feuilletons geschrieben wird, kann der Literaturkritiker von FAZ bis TAZ nicht viel mehr machen als der Ansage hinterher zu hecheln, zumal der TV-Kritiker aus dem "Homeoffice" berichtet, dass Apple des gebenedeiten Nachfolgers Romane zu einer erfolgreichen TV-Serie verwertet hat. </p><p>Wir hier, im Nischensegment, könnten das ignorieren, aber da wir gesellschafts- wie popkulturell dennoch fester verankert sind, als wir das manchmal zugeben, haben auch wir von "Slow Horses" gehört, einem Roman aus dem Jahr 2010, als, John Le Carré noch 10 Jahre und vier Romane vor sich hatte, womit wir den Marketingkapitalisten mal wieder auf die Spur gekommen wären, "Le Carré-Nachfolger" my ass. Aber es wurde genug Wind und Amazon Prime - Sonderangebot gemacht, als dass man in die Romane von Mick Herron, Brite, Jahrgang ‘63, nicht mal hineinlesen könnte, es ist Weihnachten und kalt, und niemand sollte woanders sein als im Ohrensessel.</p><p>Wir sind im London der späten Nuller und die Anschläge auf U-Bahn und Busse am 7.7.2005 sind noch gewärtig. Das lernen wir weniger, als dass wir einem MI5 Agenten atemlos zu schauen, wie er ebenso atemlos einem Nachahmer dieser Anschläge durch die Etagen eines Londoner Eisenbahnknotenpunktes hinterherhetzt. Zehn Seiten grandioser Verfolgungsjagd später kommt er den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Der Terrorist mit blauem Hemd und weißem Pullover zieht unter dieser scheußlichen Farbkombination den Strick und der Prolog endet. </p><p>Wir reminiszieren kurz und sind ein wenig verwundert, denn ein paar Sachen passten auf diesen zehn Seiten nicht zusammen. Lady Di, 1997 in einem Pariser Autotunnel totgehetzt, kam im inneren Monolog des Agenten vor und wir haben diesem Monolog so intensiv zugehört und all unsere Jason Bourne und Mission Impossible Erfahrungen sagen uns, dass es das nicht gewesen sein kann, wer baut schon einen potentiellen Helden in seiner ganzen Pracht auf zehn Seiten auf, um ihn dann ein paar Sekunden zu spät kommen zu lassen. Und wieso Lady Di?</p><p>Aber, no spoilers, ein paar Seiten weiter im Buch versteht man, warum Mick Herron ausgewählt wurde, die breite und tiefe Lücke zu füllen, die das Ableben des unbestrittenen Meisters der Geheimdienstliteratur gerissen hat. Da wäre zunächst der auffällig unauffällige Hauptheld. Mick Herrons George Smiley wird zwar genauso unterschätzt, ihn als "unauffällig" zu beschreiben, wäre jedoch schmeichelhaft. Jackson Lamb, so sein Name , Chef einer Abteilung des MI5, sitzt vor allem im Sessel zurückgelehnt in seinem Arbeitszimmer mit abgedunkelten Gardinen, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, mit geschlossenen Augen, die Beine auf dem Tisch. Dabei hat er die Schuhe aus, eine Palette chinesischen Take-Out Foods auf dem großen Bauch, eine Zigarette im Mund und um den olfaktorischen Orkan perfekt zu machen furzt er, während er seine Angestellten beleidigt. Das macht er in brillantem Zynismus, mit immer einer neuen, unerwarteten Volte dreht er den Armen Unterspionen die Worte im Mund um und haut sie ihnen um die Ohren, dass es mir eine Freude sei. Arbeitsrechtlich ist das selbst im MI5 mit seinen halboffiziellen und nicht wirklich verfassungstreuen Regeln kompliziert, und ja, Großbritannien hat keine Verfassung. Trotzdem. Von Beleidigungen hart am Rassismus dem Hackerkid in der Abteilung mit dem chinesischen Namen gegenüber bis zur Unart seiner Sekretärin, einer trockenen Alkoholikerin seit Jahren, Whiskey anzubieten, lässt Lamb keine Provokation und keine Erniedrigung aus und wir sind mindestens bis fast zum Ende des ersten Bandes nicht sicher, warum er das macht. Ok, seine Angestellten sitzen mit ihm zusammen in "Slough House", der Abstellkammer des Inlandsgeheimdienstes, dort wohin du abgeschoben wirst, wenn Du Scheiße gebaut hast, oder spielsüchtig bist oder die unglückliche Person gewesen bist, die nach dem Selbstmord Deines Chefs per Kopfschuss diesen in der Badewanne gefunden hat. Jeder der hervorragend gebauten und geschriebenen Charaktere hat einen Karriereknick, besser, einen Karriereverkehrsunfall  mit 100 in die Mauer hinter sich, ist aber nicht kündbar und muss nun in "Slough House" solange sinnlose Bürojobs erledigen, bis er, so die Hoffnung des MI5, von selbst kündigt.</p><p>Jeder Charakter hat entsprechend eine tiefe innere Verletzung, oft resultierend in einer Sucht: Alkohol, Kokain, Adrenalin und auch der Chef, Jackson Lamb, ist davon nicht frei. Er ist ein alter Kalter Krieger, eine weitere Reminiszenz an Le Carré, und hat hinter dem eisernen Vorhang seine Wunden erhalten. Wir erfahren, zumindest bis zum dritten Teil, in dem ich mich aktuell befinde, nicht wirklich, was passiert ist, aber, dass er dort und damals nicht nur sein Handwerk gelernt hat, sondern auch, was Leid und Verletzung ist, scheint klar. Das schweißt die "Slough House" F**k-Ups zusammen obwohl sich alle hassen, denn wer will schon jeden Tag daran erinnert werden, was für ein Loser er ist, indem er in einem abgefuckten Büro mit einem halben dutzend anderer Loser sitzt.</p><p>Aber wir lesen gute Romane lange genug, um zu wissen, dass das alles worldbuilding ist und dass wir uns auf dem Weg in eine Story befinden, in der die Helden erwartbar aus einer unerwarteten Ecke kommen, hier: "Slough House". Der erste Band heißt im Original (wie überraschend in der deutschen Übersetzung auch) "Slow Horses", also ein phonetisches Wortspiel und damit kommen wir zum Shakespeare im Autor: Ja, Mick Herron schreibt köstlichste Dialoge, er liebt die nicht offensichtliche Formulierung um eine Szene zu setzen, er ist ein Meister der sparsam eingesetzten Metapher aber, und hier scheidet sich der Herrons Schreibe liebende Weizen von sehr unsicherer Spreu: er neigt zum Kalauer, zum pun. Der titelgebende Begriff Slow Horses, für abgeschobene weil defekte Mitarbeiter im "Slough House", geschrieben S-L-O-U-G-H, weil benannt nach einer abgefuckte Kleinstadt gleich außerhalb der Londoner Stadtgrenzen, ist schon irgendwie ein schlimmes Wortspiel, aber erst die Namen: der gewiefte und unterschätze Chef heißt Lamb, Lamm, der zweite Hauptheld mit Vornamen River, der Hacker heisst Ho, ein korrupter Politiker von Rechtsaußen mit Initialen PJ, Boris Johnson wir hören dir trapsen. Alles klingt irgendwie grenzwertig und gewollt und ist nur mit der festen Gewissheit zu ertragen, dass Mick Herron als Engländer das alles natürlich ironisch meint. </p><p>Storytelling ist alles. Mick Herrons "Slough House" Serie nun auf Krampf mit Homer's "Iliad" zu vergleichen würde den von geneigten Lesern selbstverständlich sofort als Ironie verstandenen ersten Absatz der Rezension Ernsthaftigkeit zuerkennen, dennoch, Mick Herron ist ein guter Geschichtenerzähler und die einzelnen Bände der Serie halten bei der Stange. Der moderne Spionagethrillerautor hat das Problem, dass er Gefahr läuft, zu nahe am Wind der sich ständig ändernden politischen Verhältnisse zu Segeln und die Romane damit zu vorschneller Unlesbarkeit zu verdammen. Die Londoner U-Bahnanschläge vom 7. Juli 2005 sind in 2022 nur noch wenigen Lesern gewärtig, so dass der 2010 geschriebene erste Roman der Serie altbacken wirkte, würde sich das Thema der ersten Seiten, wir erinnern uns, ein Anschlag auf die Londoner U-Bahn wird scheinbar nicht vereitelt, durch das ganze Buch ziehen. Da hatte es John Le Carré einfacher, bei allen politischen Ereignissen zwischen 1950 und 1990 war es doch für den Leser eines Buches ob aus 1965 oder 1980 klar, worum es ging: um den Kalten Krieg. Und wenn er ein generelles Faible fürs Genre hatte, fand er sich zurecht und das interessant. Mick Herron hat diesen Luxus nicht und verwendet deshalb aktuelle Ereignisse oft nur als Background und widmet sich einem Dauerbrenner der internationalen Spionage: Der internen Intrige. Was Sinn hat, hat er doch im Set-Up der Reihe ein halbes Dutzend Charaktere genau diesen zum Opfer fallen lassen. </p><p>Mick Herron beherrscht jeden Trick der Thrillerliteratur und so sind wir oft genug überrascht, obwohl wir meinten, alles kommen gesehen zu haben, ob es ein Twist in der Handlung ist oder ein plötzlicher Todesfall eines Helden nach zehn Seiten. Das der Autor der neue John Le Carré sein soll, können wir seinem Verlag und dessen PR-Maschinerie jedoch nicht abnehmen. Er wandelt, wie jeder Autor, in den Fußstapfen von Shakespeare stehend auf den Schultern von Homer, aber an Le Carré kommt objektiv niemand so schnell ran.</p><p>Und doch belehre ich mich und andere gerne eines Besseren zur Diskussion in drei Wochen, wenn ich mich ziemlich sicher durch den Rest seines Oeuvres gepageturned habe.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/mick-herron-slow-horses</link><guid isPermaLink="false">substack:post:93917685</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 Jan 2023 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/93917685/b98ec888578d6d88c42c15d8bb53bd2e.mp3" length="10175783" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>509</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/93917685/2594341788a4cbe4dd5690f36c9e97f6.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Weihnachten 2015 mit Kollegen]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Da wir über den Jahreswechsel etwas rezensionsmüde waren, hier ein Weihnachtsklassiker aus unbeschwerten Zeiten. Am Gabentisch nicht nur Irmgard Lumpini und Herr Falschgold, sondern  auch <a target="_blank" href="https://www.heikoheshschramm.com/">Heiko Schramm</a> und ein geschätzter Arbeitskollege von Anne Findeisen: <a target="_blank" href="https://www.jazzdepartment.com/">Mirko Glaser</a>. </p><p>Halbwegs funktionierende Links zu den vorgestellten Büchern finden sich in unserem <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/weihnachtsfeier-mit-gasten">Archiv</a>.</p><p>In der nächsten Woche rezensiert Herr Falschgold den le Carré des dritten Jahrtausend: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3PUqmlN">Mick Herron</a>.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/weihnachten-2015-mit-kollegen-507</link><guid isPermaLink="false">substack:post:93009450</guid><dc:creator><![CDATA[Studio B und mehr]]></dc:creator><pubDate>Mon, 26 Dec 2022 13:55:37 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/93009450/1f9484cd0759a0ccde0fe3098969a5dc.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Studio B und mehr</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>6953</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/93009450/b8e8d47c02491072c34ac97376ba6040.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Philip K. Dick - Flow My Tears, the Policeman Said]]></title><description><![CDATA[<p>(1)Fließt, meine Tränen, euren Quellen entspringt!Für immer verbannt lasst mich klagen.Wo der schwarze Vogel der Nacht seine Schande besingt,Dort lasst mich mein Unglück tragen.</p><p>(2)Aus, eitle Lichter, nicht mehr strahlt!Die Nacht ist nicht schwarz genug für einen,Der sich das verlorne Glück ausmalt,Wenn Licht will nur der Schande scheinen.</p><p>(3)Nimmer mehr find ich Erleichterung vom Leid,Seit das Mitgefühl entronnen.Und Tränen, Seufzer, Klagen in schwerer ZeitHaben mir all meine Freuden genommen.</p><p>(4)</p><p>Lauscht! Ihr Schatten, die ihr im Dunkeln lauert,Lernt, das Licht zu verdammen.Seid glücklich, die ihr in der Hölle kauert,Ihr könnt nicht die Tücke der Welt empfangen.</p><p>John Dowland, 1600</p><p>“Flow My Tears, the Policeman Said” ist der schönste Buchtitel, den ich kenne. Am Ende des letzten Jahrhunderts, als es noch schwieriger war, an amerikanische Bücher im Original zu gelangen, erwarb ich eine Kopie in einem vollgestopften Buchladen auf dem Campus der Cornell University, zusammen mit 4 weiteren des Autoren Philip K. Dick. </p><p>Philip K. Dick stellt die 1., 2., 3. und 5. Strophe des Gedichtes “Fließt meine Tränen”, die er im Titel um den Zusatz “,the Policeman Said” ergänzt hat, den 4 Teilen seines Werkes voran. In der deutschen Übersetzung trägt der Roman den eher schnöden Titel “Eine andere Welt”, der die Assoziation zu einem anderen dystopischen Werk hervorruft, Aldous Huxleys “Schöne neue Welt”. Ein Vergleich der ersten Seiten des Originals mit der deutschen Übersetzung von Michael Nagula ergab eine sehr hohe Übereinstimmung, so dass ich im Folgenden die deutsche Ausgabe bespreche.</p><p>1974 veröffentlicht, dem Jahr, in dem Richard Nixon nach der Watergate-Affäre zurücktrat, hat Philip K. Dick die Handlung seines Romans “Flow My Tears, the Policeman Said” in der nicht weit entfernten Zukunft 1988 angelegt. Utopische Romane, deren einst futuristische Handlung beim Zeitpunkt des Lesens mittlerweile in der Vergangenheit liegt, laden zum Vergleich mit der als “wahr” oder “tatsächlich” stattgefundenen Geschichte ein. Dagegen spricht, dass Science Fiction Romane, sofern sie nicht nur um imaginierte technische Entwicklungen kreisen, gesellschaftliche Fragen und ihre inhärente Moral behandeln, die unabhängig von der Zeit existieren.</p><p>Philip K. Dicks “Flow My Tears, the Policeman Said” erzählt in 3 Teilen die Geschichte einiger weniger Protagonisten über den Zeitraum weniger Tage. Der galaktisch erfolgreiche Jason Taverner, Sänger und Moderator einer wöchentlichen Variety-Show mit 30 Millionen Zuschauern wacht nach einer Attacke einer frustrierten Ex-Geliebten in einem heruntergekommenen Hotelzimmer auf und muss feststellen, dass er nicht mehr existiert. Nicht nur sind ihm seine ganzen Ausweisdokumente gestohlen wurden, es kann sich auch niemand an ihn erinnern, niemand kennt ihn.</p><p>Die wenigen Protagonisten des Buches und ihre Begegnungen, manipulativen Gespräche und Verwicklungen bilden die Hauptteile der Handlung. Aus Gesprächsfetzen und wenigen dürren Absätzen, die über das Buch verteilt sind, wird die dystopische Gesellschaftsvision sichtbar, die Philip K. Dick unter dem Eindruck der Nixon-Administration schuf.</p><p>Nach dem Ende des 2. us-amerikanischen Bürgerkrieges hat sich ein faschistisches Regime etabliert, in dem die Nationale Garde, kurz “Nats” und die Polizei, hier “Pols”, eine grenzenlose Überwachungsmaschinerie erschaffen haben, in der für geringste “Vergehen” das Leben im Zwangsarbeitslager droht. Die Universitäten wurden geschlossen, hier fristen radikal-oppositionelle Studenten in unterirdischen Kibuzzim ein klägliches Dasein. Der Gebrauch von rekreationalen Drogen ist üblich. Durch ein rassistisches Sterilisationsgesetz verschwindet die schwarze Bevölkerung. Ein gesellschaftliches Leben mit offenen Treffpunkten oder Parks gibt es nicht, Altruismus existiert nicht. Wenn Menschen etwas austauschen, sind es nur Kontrolle, Gewalt, Geld oder Sex. Die Beziehungen, die Philip K. Dick in “Flow My Tears, the Policeman Said” zeichnet sind missgünstig, voller Streit oder Manipulation. Eine Gesellschaft, die sich also im permanenten Zustand des menschlichen Zusammenbruchs befindet, wie sie in John Dowlands Lied “Fließt meine Tränen” beschrieben wird.</p><p>Dabei waren Philip K. Dick Ängste gegenüber Richard Nixon und der von ihm geführten Institutionen nicht unbegründet. Er verschleppte nicht nur die Friedensverhandlungen zum Vietnamkrieg und trug somit für diesen sinnlosen Krieg die Verantwortung, er unterdrückte brutal revolutionäre Bewegungen und kreierte den sogenannten War on Drugs. Ein Vertrauter Richard Nixons gab 1994 zu Protokoll: Zitat - "Die Nixon Kampagne 1968 und die folgende Regierung hatte zwei Feinde: Die linken Kriegsgegner und die Schwarzen. [...] Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber dadurch, dass wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren und beides heftig bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!" - Zitatende.</p><p>Zurück zum Roman: Philip K. Dick setzt Fragen der Identität und Realität als Hauptthemen seines Romans.</p><p>Psychotische Erkrankungen und Drogen, viele Drogen, schaffen hier eine Vielzahl von Realitäten, die äußerst subjektiv und nicht allgemeinverbindlich sind. Von der für viele Menschen erlebten Wirklichkeit in den Zwangsarbeitslagern erfahren wir in “Flow My Tears, the Policeman Said” nichts außer ihrer Existenz, damit wird ihr Schrecken verstärkt.</p><p>Jason Taverner, der zu einer kleinen Gruppe von Menschen - den sogenannten “Sechsern” gehört, die durch genetische Modifizierungen, an einer anderen Stelle wird der Ausdruck “eugenische Experimente” gebraucht, entstanden sind, und die deshalb besonders charmant wirken und große Überzeugungskräfte haben, ist als erfolgreicher Entertainer sehr reich. Damit wird es ihm ermöglicht, außerhalb des Systems nach Lösungen für sein Problem zu suchen.</p><p>Jason Taverner findet eine Fälscherin, Kathy Nelson, die ihm zunächst hilft, aber auch als Polizeispitzel arbeitet, weil sie ihren Mann aus einem Lager herausbekommen will. Diese bezeichnet ihn als Psychotiker, allerdings wird ihr im Gegenzug selbst eine Psychose zugeschrieben. Alle Menschen, die Jason Taverner bei seinen Versuchen trifft, seine Identität zurückzuerhalten, sind von Drogenmissbrauch oder Unglück gezeichnet. Wenn sie reich sind, versuchen sie sich Auswege aus ihrer alptraumhaften Wirklichkeit zu kaufen. Diese Versuche sind nie dauerhaft erfolgreich.</p><p>Zu einem Gegenspieler Jason Taverners entwickelt sich Polizeigeneral Felix Buckman, der nicht an einen Fehler des Systems glauben will, als dieser sich nicht im System finden lässt.</p><p>Er wird als ein Mann porträtiert, der sich für Geschichte interessiert. Es gibt längere Ausflüge in die Musikgeschichte, beim Nachdenken über sein Leben wird sein Selbstbild so gezeigt: - Zitat - “Ich bin wie Byron, der um seine Freiheit kämpft, sein Leben für den Kampf um Griechenland gibt. Nur dass es mir nicht um die Freiheit geht - sondern ich kämpfe für eine harmonische Gesellschaft.” Zitatende.</p><p>Wenig später führt sein Denken ihn dazu sich einzugestehen, dass er Ordnung will, Strukturen, Regelungen. Je nach Lesart eine außerordentliche Denkleistung, Verdrängung oder psychische Störung: sich selbst in der Rolle eines Freiheitskämpfers zu romantisieren, dabei aber diametral für ein faschistisches Regime an leitender Stelle zu arbeiten.</p><p>Dabei gibt Philip K. Dick Parallelen zwischen dem Protagonisten Felix Buckman und Lord Byron, dem englischen Romantiker. Wie dieser unterhält er ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester. Im Falle Byrons war es eine Halbschwester, bei Felix Buckman ist es seine Zwillingsschwester Alys, die er gleichzeitig ob ihres Lebensstils verabscheut, der als unkontrollierbar, frei, selbstbestimmt und außerhalb der vom Regime vorgegebenen Normen gesehen werden muss. Natürlich wird ihr diese Freiheit nur möglich, weil sie die Schwester eines hochrangigen Polizeibeamten ist.</p><p>Philip K. Dick zieht jedoch nicht nur eine biographische Parallele, sondern gestaltet Felix Buckman als “Byronic Hero”, einen literarischen Archetypen, der - hier sei mir ein Wikipedia-Zitat gestattet - “sich die Leidenschaft der romantischen Künstlerpersönlichkeit mit dem Egoismus eines auf sich selbst fixierten Einzelgängers verbindet.” Zitatende.</p><p>Die ausführlichen Beschreibungen des Kunstverständnisses von Felix Buckman können als Bearbeitung der Stilisierung des Naziregimes gelesen werden, die ihre eigenen Gräueltaten mit dem Verweis auf Goethe und Schiller abwehrten, diese “Entschuldigungen” wohnt sicher auch anderen Diktaturen und ihren Erinnerungskulturen inne. Felix Buckmans traumatisches Erlebnis, dass seine Tränen fließen lässt und seine Welt zerstört ist der Tod seiner Schwester, den Jason Taverner beobachtet, weil sie ihn nach seiner Entlassung nach der Befragung mit nach Hause genommen hat.</p><p>Davor haben sie gemeinsam Drogen genommen. Und als er später mit einer gewissen Mary Ann Dominic Zeit verbringt, die er vor dem Haus der Buckmans getroffen und gezwungen hatte ihn zu einem Krankenhaus zu fahren, stellt er folgende Frage: “Vielleicht existiere ich nur, solange ich die Droge nehme.” Drogen und Paranoia sind wiederkehrende Motive, die Philip K. Dick auch im realen Leben stark beeinflussten. So war er eine Zeit lang überzeugt, eine Passage im Buch aus der Bibel nacherzählt zu haben, ohne diese je vorher gelesen zu haben. Einen Einbruch in seiner Wohnung interpretierte er als Versuch des FBI, sein Manuskript zu stehlen, dass er aber bei einem Anwalt sicher hinterlegt hatte. Doch zurück zum Roman:</p><p>Felix Buckman, byronischer Held der er ist, versucht nach dem Tod seiner Schwester politisches Kapital zu schlagen, in dem er diesen seinen Feinden anhängt, von denen er befürchtet, sie könnten wiederum ihm schaden, wenn sie sein mit den öffentlichen Normen nicht konformes inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester öffentlich machen. Zynisch und blind für sein eigenes Tun sagt er: “Es gibt Schönheit, die nie verloren gehen wird. Ich werde sie bewahren, ich gehöre zu denen, die sie ehren. Und daran festhalten. Letztlich zählt nichts anderes.”</p><p>Im 4. Teil beschreibt Philip K. Dick in einem Epilog, was mit den Protagonisten in ihrem weiteren Leben geschah. “Flow My Tears, the Policeman Said” hätte dieses abschließenden Epilogs nicht bedurft.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. 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Schon vor einigen Jahren besprach ich Helmut Böttigers Werk “Wir sagen uns Dunkles” in dem es um die, möglicherweise etwas weniger bekannte, Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan geht. Eine gute Gelegenheit sich auch diesem Werk wieder einmal zu widmen und defintiv eine Empfehlung für den Gabentisch.</p><p>Schon seit vielen Jahren lese ich Gedichte. Mein Interesse gilt dabei jedoch, offen gestanden, weniger der modernen Lyrik und Neuerscheinungen, als vielmehr Dichterinnen und Dichtern, die vor Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten, geschrieben haben. Mich fasziniert ihre Sprache und die Geschichten, die sie uns mit ihrer Lyrik erzählen, ebenso wie deren persönliche Lebensgeschichte. Und dass diese Faszination auch auf andere <em>übergreift</em>, sehen wir dann unter anderem an Buchveröffentlichungen, die sich auf neue Art und Weise versuchen, den bereits Verstorbenen und ihrem Leben zu nähern. Ein Beispiel hierfür ist das bereits vor einiger Zeit von mir besprochene Werk <em>Konzert ohne Dichter </em>von Klaus Modick, welches sich einerseits um den Maler Heinrich Vogeler, andererseits aber auch um seinen Freund und Dichter Rainer Maria Rilke dreht und ihn in ein, für mich, neues Licht rückt. Aber die Lyrik Rilkes ist nicht nur heute noch beinahe zeitlos schön, sondern inspirierte auch andere zum Schreiben. Einer dieser Dichter, der zumindest in seiner frühen Phase von seiner Verehrung für Rilke zehrte, war der Rumäne Paul Celan. Vielen, so auch mir, als Dichter der <em>Todesfuge </em>und bedeutender Nachkriegslyriker<em> </em>bekannt, kaufte ich mir vor einigen Monaten ein vom Insel Taschenbuch verlegtes schmales Büchlein mit Liebesgedichten Celans, um seine Lyrik besser kennenzulernen. Dieser schmale Gedichtband beinhaltet unter anderem das Gedicht <em>Corona, </em>dessen Text namensgebend für das wiederum von Helmut Böttiger 2017 von der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlichte Werk <em>Wir sagen uns Dunkles </em>ist.</p><p>In Böttigers Werk geht es konkret um die Liebesgeschichte und die Verwobenheit der Leben Ingeborg Bachmanns und Paul Celans. Die Geschichte bzw. den Mythos um die beiden Hauptpersonen bringt Böttiger direkt zu Beginn seines Buches, ohne lange Umschweife auf den Punkt. Sie, 22 jährig und aus Klagenfurt in Österreich stammend. Er, 27 jährig und gebürtig aus Czernowitz, Rumänien. Als sie sich 1948 in Wien treffen, sind beide der literarischen Öffentlichkeit noch unbekannt und ihre gemeinsame Zeit dauert gerade einmal sechs Wochen. Böttiger fügt hinzu, dass über diese Zeit, aufgrund der Tatsache, dass die beiden literarisch noch unbedeutend waren, nichts bekannt ist. Man könnte sich nun die Frage stellen, wie er ein Buch über deren Liebesgeschichte schreiben will, wo er uns doch bereits auf der zweiten Seite deutlich macht, dass deren wichtigsten bzw. grundlegenden sechs gemeinsamen Wochen im Dunkeln liegen.</p><p>Doch es ist das Besondere an diesem Buch, dass es ihm gelingt. Und zwar zum einen anhand diverser Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan, die erst später einsetzen, aber durchaus einen Teil des Erlebten anklingen lassen und zum anderen natürlich Korrespondenzen, die die beiden mit Freunden, Verlegern und anderen, ihnen nahestehenden Personen führten. Und es gibt noch eine zweite Komponente, die er nutzt und die diese Art Literatur so spannend für mich macht. Es ist die Sprache. Sehr genau untersucht und analysiert er die Formulierungen in ihren Gedichten. In Gegenüberstellungen zeigt er, wie sie aufeinander Bezug nehmen, Motive des jeweils anderen aufgreifen, verändern, variieren und zu einem neuen Schluss bringen, oder ihnen eine neue Bedeutung geben. Wie lange würde ich selbst brauchen, um nur ansatzweise jemals zu den Erkenntnissen zu kommen, die Helmut Böttiger uns hier so deutlich und beinahe offensichtlich präsentiert? Vermutlich nie. Wie viel würde mir von der Tiefsinnigkeit ihrer Gedichte, ohne das Wissen um den anderen, vielleicht sogar verborgen bleiben? Natürlich würde es meine Begeisterung für deren Gedichte nicht schmälern, aber so wird diese Begeisterung sogar noch gesteigert, weil Helmut Böttiger mir auf circa 260 Seiten die Möglichkeit bietet, deren Wirken noch tiefer zu durchdringen.</p><p>In <em>Wir sagen uns Dunkles </em>beschreibt Böttiger die Liebesgeschichte Bachmanns und Celans von ihrem Kennenlernen im Mai 1948 bis zu deren Tod. Immer geht es dabei aber auch um deren individuelle Entwicklung. Beispielsweise um die Gruppe 47, die beide zur selben Zeit das erste Mal besuchten, über Erfolge und Misserfolge und damit verbundenem Neid und Solidarität, über Liebschaften und Ehe, aber auch Heimatlosigkeit und Verlust wie Celan sie in einer Weise erfuhr, die ihn für den Rest seines Lebens und auch in seiner Dichtung stark prägen sollte.</p><p>Ich kann Helmut Böttigers <em>Wir sagen uns Dunkles </em>nur uneingeschränkt weiterempfehlen. Ähnlich wie das von mir bereits am Anfang angesprochene Buch Klaus Modicks, verbindet es Elemente von Autorschaft, Privatleben und Dichtung und gibt dem Leser die Möglichkeit, durch seine intensive Recherche, neue Zusammenhänge zu erfahren und ein besseres Verständnis für die Protagonisten und deren Werke zu entwickeln.</p><p>In dem von mir angesprochenen Gedichtband über Celan fand ich ein Gedicht, welches mich schon beim ersten Lesen faszinierte und nach <em>Wir sagen uns Dunkles </em>noch eine neue Nuance an Bedeutung bekommt. Mit diesem Gedicht, mit dem Titel <em>Aubade </em>was im Gegensatz zur Serenade steht und so viel wie Tageslied bedeutet, möchte ich meine Rezension schließen.</p><p>Aubade</p><p>Im Dunkel nur bekenn ich mich zu dir.</p><p>In deinen Hörnern aber häuft sich Helle.</p><p>Die Morgenröte wittern wie ein Tier</p><p>dein Aug und meines vor der Tränenschwelle.</p><p></p><p>Du überspringst die Stunde, die jetzt schlug.</p><p>Wir knieen nun und können weinen . . .</p><p>Von Kummer ist schon übervoll mein Krug –</p><p>Und deine Tränen fließen auch in meinen . . .</p><p></p><p>Du nennst, ein Finstrer in den Rosenbränden,</p><p>das Dunkel Drüben und die Helle Hier . . .</p><p>Bis dir mein Herz verflackert in den Händen.</p><p></p><p>Im Dunkel nur bekenn ich mich zu dir.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-helmut-bottiger</link><guid isPermaLink="false">substack:post:89842335</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 Dec 2022 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/89842335/b03f0337943157220908c846924ace05.mp3" length="7393377" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>370</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/89842335/4661520c8a262fa84c9dd40e47292b4f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Scott Lynch - Gentleman B*****d Serie]]></title><description><![CDATA[<p>Es ist Weihnachten, man muss sich langsam aber sicher um Geschenke kümmern und so, in der heutigen Ausgabe von Lob und Verriss, ein wirklich historischer Weihnachtstipp aus dem Jahr.. ähm.. 2011. Wie in unserer <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-weihnachtsempfehlungen">Weihnachtssendung dieses Jahr</a> legt Herr Falschgold Wert auf Erschwinglichkeit, monitär wie intellektuell, wir alle haben genug Stress gehabt die letzten drei Jahre, also ab auf’s Sofa und wohlfühlen!</p><p>Zwei Phänomene, ok, <em>unter anderem</em><strong> </strong>zwei Phänomene sind in der unterhaltungserzeugenden Industrie der letzten Jahre [geschrieben 2011, A.d.H.FG] zu beobachten: Der Erfolg der Serie, wie meine Kollegin Irmgard Lumpini auf der Website <a target="_blank" href="http://previously.us/">previously.us</a> immer wieder zu beschreiben wusste und der gefühlte Verlust moralischer Wertmaßstäbe in allen gesellschaftlichen Schichten, zur Empörung des "Bürgers"</p><p>Es lag demnach auf der Hand, dass irgendwann einmal ein Vorkrisenfilm wie Ocean's 11 in TV-Serienform erscheinen sollte, aber nicht in Deutschland, Gott behüte, wo man moralisch über alles steht, nein, die BBC brachte vor 7 Jahren mit "Hustle", z.Z. damals auf ZDFneo zu sehen, dem Zuschauer das wohlige Gefühl, zur Abwechslung mal guten Betrügern bei der Arbeit zu zu sehen - NBC statt CNBC gewissermaßen.</p><p>Zur selben Zeit muss der aspirierende Autor Scott Lynch, Jahrgang 78, nach einem Stoff für sein Debut gesucht haben und roch den Braten, projektierte, nicht kleinmütig, und "Harry Potter sei Vorbild" eine siebenteilige Romanserie, die er mit "The Gentlemen B******s" treffend überschreibt und deren erster Band "The Lies of Locke Lamora" ("Die Lügen des Locke Lamora") 2006 erschien und auf dass sich der Kreis schließe, dessen Filmrechte prompt von Hollywood gekauft wurden (und bisher in Schubladen versunken  blieben).</p><p>Was besten Sinn macht, hat das Buch doch alles, was es zu einem vergnüglichen Gaunerstück braucht: ein grandioses Setting, wunderbare Charaktere, saftige Dialoge und das bisschen angedeutete Romanze, im Buch kann Hollywood eh viel schlimmer, damit hält sich ein Jungautor heutzutage gar nicht mehr auf.</p><p>Das Setting der Story ist nicht Las Vegas, aber nicht minder grandios, das CGI Budget kann man, wenn man will, locker auf Avatar-Niveau prügeln - was dem 3D-Kino-gehenden Leser das Vergnügen bereitet, ein paar konkrete, phantastische Bilder vor Augen zu haben. Camorra, die Stadt, in der die Gentlemen B******s im ersten Band ihr Werk verrichten, ist von einer längst untergegangenen Zivilisation erbaut wurden, zu grossen Teilen aus Emberglas, einer unzerstörbaren Substanz phantastischer physikalischer Eigenschaften, die in der Dämmerung zu Leuchten beginnt. Diese Substanz bildet filigrane Brücken über die Kanäle der Venedig-gleichen Stadt Camorra, und 5 riesige, durchsichtige Wolkenkratzer aus Emberglass über der Stadt werden bewohnt von einer kleinen Kaste adliger Herrscher.</p><p>Drunter, aber noch erhöht gegenüber den stinkenden Kanälen der gemeinen Stadt, lebt die reiche Bürgerlichkeit und diese ist es, die den Gentlemen B******s ihre Haupteinnahmen verschafft. </p><p>Auf den verschiedenen Inseln der Stadt gehen verschiedene Kasten und Gewerke unter dem Schutze von 12 Gottheiten ihrem Tagewerk nach. Beziehungsweise 13 - von Gott +1 wissen nur die wenigsten, ist er doch der Schutzherr der Ganoven, der Crooked Warden. Diesem zu huldigen - oder vielleicht doch seinem Hedonismus - kauft Vater Chains, nach außen Priester des "Gottes der vom Glück Übersehenen", dem Boss der Kinderbanden vom Friedhofstal, ab und an dessen talentierteste kleine Diebe ab und bildet sie in jahrelanger Schule zu gebildeten, geistvollen, phantasievollen Genießern aus - die noch jeden Kaufmann  das letzte Hemd vom Leib klauen können - während sie mit ihnen plaudern. Nackt. Mit gefesselten Händen. Auf dem Kopf stehend, wenn es sein muss.</p><p>Das zweifellos talentierteste dieser Kinder ist Locke Lamora, der im Alter von 5 Jahren schon so respektlos die ganze Kinderbande vom Friedhofstal aufmischt, dass deren Chef aus Angst vor einem Respektverlust Vater Chains den Bengel fast für umsonst überlässt, eine solche Plage ist der Locke. Bestes Material also, für einen Gentleman B*****d.</p><p>Zusammen mit den Zwillingen Calo und Galdo, dem Mann fürs Grobe Jean Tannen und dem kleinen Bug häufen die mittlerweile Jungerwachsenen Gentleman B*****d nach dem Tod von Vater Chains für Ganovenverhältnisse unglaubliche Reichtümer an, von denen niemand etwas ahnt. Das passiert längst nicht mehr durch Taschendiebstahl und Trickbetrug. Längst sind die Gentlemen B******s auf elaborierte Long Term Cons spezialisiert, wie sie im Jargon heißen: sie verwickeln Kaufleute in zufällig aussehende Situationen, verschaffen sich dadurch Zugang in der Verkleidung anderer Kaufleute und nehmen ihre Opfer dann mit dem Versprechen hoher Gewinne aus, wie die Mutti die Weihnachtsgans - bis sie eines Tages wie vom Erdboden verschwinden und einige Wochen in ihrem luxuriös ausgestatteten Headquarter das Leben genießen, bis sich der Rauch verzogen hat.</p><p>Dem Gaunerchef der Stadt zahlen sie regelmäßig und unauffällige Steuern, weit unter Vermögenswert natürlich - und erst als dieser von einem Konkurrenten bedroht wird, wird aus dem besten aller Leben der Gentlemen B******s - die Hölle.</p><p>Nach dieser - im Buch etwa ein Drittel einnehmenden - Einführung ist man in einer Fantasywelt, wie man es sich wünscht als Freund des Genres, nicht mehr und nicht weniger. Was von Seite eins an Vergnügen bereitet ist die Wortwahl in den Dialogen, wie sie es wohl nicht in eine eventuelle Hollywoodverfilmung schaffen wird - blumigste Handlungen mit Fäkalien zur Beilegung von kleineren Reibereien zwischen Adoleszenten, Vater Chains sarkastische Verunglimpfungen von Geist und Körperbau der ihm anvertrauten Kinder und nicht mehr ganz witzige Verstümmelungen von Gliedmaßen und Schlimmerem werden der Hollywood Zielgruppenzensur im Zweifel zum Opfer fallen. </p><p>Sie sind aber nur schockierendes Mittel zum Zweck - Scott Lynch ist für ein Erstlingswerk ein unerschrockener Anhänger der Theorie, dass man für die Entwicklung der Story nicht davor zurückschrecken darf, handelnde Personen, und seien Sie noch so sympathisch und ans Herz gewachsen, sterben zu lassen. </p><p>Die Ernsthaftigkeit, mit der Scott Lynch über 850 Seiten einen zunächst recht vergnüglichen Plott zu einer fast ernsthaften Story entwickelt, wie er einen übermütigen Tunichtgut Locke Lamora von 5 Jahren zu einem ernsthaften jungen Mann von 25 macht, dessen jugendliche Ironie zu einem manchmal bösen Sarkasmus verkommt, wie aus den Reibereien von Jugendgangs Ernst, und aus diesem ein Kampf auf Leben und Tod werden, ist unerwartet und in seiner Ausführung grosses Kino. </p><p>Aber damit wir uns nicht missverstehen: natürlich ist "The Lies of Locke Lamora" weit von der deutschen Feuilleton-Eintrittsgrenze entfernt - dafür ist der Roman zu lustig, zu rasant - und viel zu lebensfroh. </p><p>“Die Lügen des Locke Lamora”, erschienen bei Heyne, sind eine Entdeckung, zwei der 7 Teile sind bereits geschrieben und erschienen, der nächste Teil "Die Republik der Diebe" ist für den Juni dieses Jahres avisiert. </p><p>2022: Ja, leider hat es Scott Lynch irgendwie nicht geschafft. Teil 3 der Serie erschien im Oktober 2013 und alle folgenden stehen bei <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Scott_Lynch#Gentleman_Bastard_Sequence">Wikipedia</a> als “forthcoming” gelistet, was wohl zu optimistisch ist. Dankbarerweise sind die Bände jedoch in sich abgeschlossen und absolut lesbar ohne das Gefühl, das man am Ende ob der Unvollendetheit enttäuscht sei. Hier die auf Deutsch erschienen Bände:</p><p>Band 1: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3P6N5dN">Die Lügen des Locke Lamora</a></p><p>Band 2: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3FqKIzt">Sturm über roten Wassern</a></p><p>Band 3: <a target="_blank" href="https://amzn.to/3BbFCEv">Die Republik der Diebe</a></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-scott-lynch-gentleman</link><guid isPermaLink="false">substack:post:88547018</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 04 Dec 2022 10:05:49 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/88547018/d0e070afe969a17136ad3aed06f3932e.mp3" length="15070628" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>754</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/88547018/e59df926acfd9e068881f55d3f2ed582.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Weihnachtsempfehlungen 2022]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Nach einem nicht ganz unanstrengenden Jahr braucht das geschundene Leserinnenhirn ästhetisch Angenehmes oder wenigstens was, was knallt.</p><p>Für letzteres stellt Herr Falschgold zum Erwerb anheim:</p><p>* die “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ijbpwU">Sandman Slim</a>” Reihe von Richard Kadrey erschienen auf deutsch unter ungefähr dem gleichen Titel</p><p>* die “The Laundry Files” Serie von Charles Stross auf deutsch genannt “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ihext7">Die mysteriösen Fälle des Bob Howard</a>”</p><p>* die “The Ark” Reihe, auf deutsch zum Beispiel mit dem ersten Band  “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3U8avQX">Die letzte Reise der Menschheit</a>” veröffentlicht</p><p>Anne Findeisen empfiehlt:</p><p>* Lisa Jewell mit “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3GNVy3i">Der Fremde am Strand</a>”</p><p>* Ottessa Moshfegh mit “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3GNW01v">Eileen</a>”</p><p>* Claire Keegan mit “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3gGeoyT">Kleine Dinge wie diese</a>”</p><p>Irmgard Lumpini ist überzeugt von:</p><p>* Stacey Abrams “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3F5ymMJ">While Justice Sleeps</a>” </p><p>* den <a target="_blank" href="https://www.penguin.co.uk/series/CLOTBO/penguin-clothbound-classics">Leinengebundenen Klassikern</a> von Penguin (Achtung: nicht direkt bei Penguin UK bestellen, durch Brexit entsteht hoher Zoll und die Bücher kommen nicht an; geht zur Buchhändlerin eures Vertrauens), zum Beispiel Virginia Woolfs “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3EDMzzf">Orlando</a>” oder H. G. Wells’ “<a target="_blank" href="https://www.penguin.co.uk/books/55564/the-war-of-the-worlds-by-wells-hg/9780241382707">Krieg der Welten</a>”</p><p>* alles von <a target="_blank" href="https://www.arte.tv/de/videos/051147-000-A/philip-k-dick-und-wie-er-die-welt-sah/">Philip K. Dick</a> (eine sehr schöne Reihe von Heyne ist leider nur noch <a target="_blank" href="https://www.zvab.com/9783453874039/andere-Welt-345387403X/plp">antiquarisch </a>zu erwerben), aber der Inhalt zählt.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-weihnachtsempfehlungen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:86966220</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 27 Nov 2022 11:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/86966220/63930be76f5455bd2dca0eb8ce1aeab6.mp3" length="48900641" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2037</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/86966220/89a2916b606b43060a435d494df10c07.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Philipp Meyer: The Son ]]></title><description><![CDATA[<p>Der Zauber anderer Welten, der Mythos des Wilden Westens, edle Indianer, wüste gesetzlose Gesellen, hart arbeitende Farmer, eindimensionale Frauendarstellungen, Cowboys: die Sachsen lieben ihren Karl May. Welch bittere Enttäuschung, als man später lernte, dass der gar nicht dort gewesen war, und sich alles nur ausgedacht hatte. Kein Grund, die Karl-May-Festspiele abzusagen, das Gefühl der Betruges bleibt schal, Winnetou taugt nur als nostalgisches Werk nach einem überfressenen Weihnachten.</p><p>Am Anfang von The Son findet sich ein Familienstammbaum, deren Verzweigung mit schöner Regelmäßigkeit 3 Kinder hervorbringen, und die 7 Generationen umfasst. </p><p>Das erste Kapitel gibt eine transkribierte Tonbandaufnahme des Familienpatriarchen Eli McCullough wieder, der das biblische Alter von 100 Jahren erreicht hat, und seine offizielle Geschichte und die des Staates Texas, auf dem sich seine Ländereien befinden, erzählt.</p><p>In der deutschen Ausgabe wurde der Titel von “The Son” zu “Der erste Sohn” geändert und legt damit einen Schwerpunkt auf den mythischen Eli McCullough, der am Gründungstag der neuen Republik Texas, am 2. März 1836, geboren wurde. Dies wird den Schichten des Werkes nicht gerecht, denn The Son beschreibt tatsächlich die Geschichte von Söhnen, Eli, dessen Sohn Peter, und dessen Enkelin Jeanny, die ihrerseits 2 Söhne hatte. Ihre Geschichten erinnern an die Bibel, sind eine Abfolge von Ereignissen, die als unausweichlich dargestellt werden, denen man vielleicht entkommen, die man aber nicht verhindern kann. Eine “Das-ist-eben-der-Lauf-der-Dinge” Haltung, die Härte und Stärke verlangt, Empathie verbietet, Übertreten der als in Stein empfundenen Regeln wenn nicht mit Tod, dann doch mit Ächtung unausweichlich bestraft wird.</p><p>Eli McCullough erzählt seine Kindheit aus der Ich-Perspektive: als Kind wird er von Indianern geraubt, die seine Mutter und Schwester vergewaltigen und schlachten und später auch seinen Bruder Martin töten. Er hingegen wird adoptiert und verlässt erst seinen Stamm, als dieser nach jahrelangen Entbehrungen ausgelöscht wird, um mit 16 Jahren in die “Zivilisation” zurückzukehren, die ihm völlig fremd geworden ist. Zu lange hat er außerhalb dieser Gesellschaft, die sich mit äußerster Brutalität in Texas durchgesetzt hat, gelebt. Was er gelernt hat ist, dass der Tod immanent ist, dass man töten muss, um am Leben zu bleiben. In einem Initiationsritus mordet er dann selbst zum ersten Mal, und das Töten wird sich bis ans Ende des Buches hinziehen. Dann enthüllt er, dass seine Frau und einer seiner Söhne von Indianern getötet, wenn auch nicht skalpiert wurden und setzt seine bei den Indianern erlernten Kenntnisse ein, um diese zu finden und alle umzubringen. Mit klarem Blick beschreibt er, dass seine Angestellten, die nie gedacht hätten, noch einmal Indianer jagen und ermorden würden, und wie sie sich darauf freuen, die “großen Schlachten ihrer Vorfahren” erneut zu fechten. Ein kleiner Junge überlebt und wird als Zeuge am Leben gelassen, als Verweis auf den Kreislauf, den Mord und anschließende Rache scheinbar unausweislich bilden.</p><p>Peter McCullough, sein Sohn, 1870 geboren, schildert seine und die Familiengeschichte in Form von Tagebucheinträgen, die 1915 beginnen. Er ist eine diametrale Figur zu seinem legendenumwobenen Vater, der sich nicht mit der Härte abfinden kann, der sich nicht am Landraub und an den Vertreibungen beteiligen will. Im Zeitraum zwischen 1910 und 1919 gab es in Texas, insbesondere an der Grenze zu Mexiko, die Bandit Wars, bei denen Mexikaner versuchten, die anglo-amerikanische Bevölkerung zu vertreiben. Im Gegenzug töteten Amerikaner viele Mexikaner auf dem Gebiet von Texas und nahmen ihnen ihr Land weg. Peter McCullough kann seinem Vater und dem Rest der Familie nicht verzeihen, dass diese ihre Nachbarsfamilie fast ganz auslöschen und sich danach die Ländereien aneignen. Sie können ihn nicht verstehen, weil der Grund für die Pogrome, im Werk nüchtern mit Raids bezeichnet, die Verletzung eines seiner Söhne ist.</p><p>The Son ist von unglaublicher Grausamkeit, die durch die Konzentration auf die persönlichen Geschichten der einzelnen Familienmitglieder der McCulloughs und ihre inneren Kämpfe und Haltungen dem Mythos der heroischen Geschichte Texas begegnet und zeigt, was die Grundlage für die beiden großen Erzählbilder - riesige Farmen mit unzählbaren Viehherden und Öl - gewesen ist: die Auslöschung der unterschiedlichsten Indianerstämme, der gleichzeitige und länger dauernde brutale Landraub und die Ermordung und Vertreibung der überlebenden Mexikaner durch die Weißen. Reichtum entsteht nicht, wie oft in den Geschichten von den zu Millionären gewordenen Tellerwäschern oder von den App-programmierenden Nerds beschworen, durch harte Arbeit, wie Eli McCullough von seinem Ziehvater Toshaway lernt. Zitat: “Wir wissen, dass unser Land einst anderen gehört hat, die wir getötet und denen wir es weggenommen haben. Aber die Weißen denken nicht so. Sie bevorzugen es zu vergessen, dass alles was sie wollen jemandem anders gehört. Ich bin weiß, und es muss meins sein. ...Die Weißen sind verrückt. Sie wollen alle reich sein, aber sie geben nicht zu, dass man nur reich wird, wenn man andere bestiehlt.” und, noch erhellender - Zitat “Sie denken, wenn man die Leute nicht sieht, die man bestiehlt, oder wenn man sie nicht kennt, oder wenn sie anders aussehen, dann ist es nicht wirklich stehlen.” Zitatende.</p><p>Schockierend ist, wie einfach die Rechtfertigungen sind, die bis heute Bestand haben. So erinnert sich Jeanne Anne, Jahrgang 1926, an die Worte ihres Vaters, der im Buch nur in den Erzählungen der Protagonisten auftaucht. Zitat “Männern wollen beherrscht werden. Der arme Mann bevorzugt es, mit dem Reichen und Erfolgreichen assoziiert zu werden. Selten erlaubt er es sich daran zu denken, dass seine Armut und der Reichtum seines Nachbarn einander bedingen, denn dann müsste er handeln, und es ist einfacher für ihn, über all die Sachen nachzudenken, warum er über seinen anderen Nachbarn steht, die einfach nur noch ärmer sind.” Zitatende.</p><p>Jeanne Anne ist die Dritte erzählende Protagonistin und eine der wenigen Frauen in The Son, die nicht nur als Opfer von Vergewaltigung, Vertreibung oder Mord gezeichnet werden. Sie übernimmt das Öl-Imperium, dass ihr Urgroßvater und ihr Großonkel aufgebaut haben. Nicht, weil sie die beste Kandidatin dafür gewesen wäre, sondern weil einer ihrer Brüder dem Leben in Texas in die Großstadt entflohen ist, und die beiden anderen im 2. Weltkrieg umgekommen sind. Ihre Geschichte sind Bewusstseinsströme, die am Ende ihres Lebens zurückblicken. Ihre Sicht auf das Leben zeigt viele Parallelen zu der ihres Urgroßvaters Eli, den Zwang Härte zu zeigen um sich durchzusetzen, das Wissen darum, dass der Erfolg darauf beruht, sich im Geschäft und im Leben rücksichtsloser als Andere durchgesetzt zu haben. Sie liegt im Sterben und halluziniert. Gleichzeitig sind diese Halluzinationen für sie eine Möglichkeit, Taten einzugestehen und in den Kontext ihrer Zeit und ihrer Familie sowie ihrem eigenen Land und ihres Staates Texas einzuordnen.</p><p>Philipp Meyer hat mit The Son den 2. Teil einer geplanten Trilogie veröffentlicht, die als texanisches Epos gefeiert wurde, dass dem heroischen Mythos des Staates die Geschichte der weißen Siedler, brutalen Landraube, des fast 50 Jahre dauernden Krieges mit den Comanchen, die Öl- und Vieh-Dynastien, den Wandel der Gesellschaft von den frühesten Tagen der amerikanischen Siedler bis zur Gegenwart entgegensetzt. </p><p>Dafür hat er - anders als der eingangs erwähnte Karl May - exzessiv recherchiert und sich Fähigkeiten angeeignet. Eine unbedingte Leseempfehlung, die neben der zuvor ausführlich geschilderten Grausamkeit und der Trauer einen fast unerklärlicher Optimismus ausstrahlt. Vollkommen zu recht wurde er für dieses Werk für den Pulitzerpreis nominiert.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/philipp-meyer-the-son</link><guid isPermaLink="false">substack:post:86122362</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Tue, 22 Nov 2022 11:30:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/86122362/533067b02d53062378abe1c9de7abce7.mp3" length="12080053" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>503</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/86122362/cbecbe578a6fff8d37b8a6f3c6652c37.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Claire Keegan - Kleine Dinge wie diese]]></title><description><![CDATA[<p>Die irische Autorin Claire Keegan, die vor allem durch ihre Kurzgeschichten Bekanntheit erlangte und dafür vielfach ausgezeichnet wurde, veröffentlichte 2021 ihren ersten Roman <em>Small things like these. </em>Dieser erschien 2022 im Steidl Verlag unter dem Titel <em>Kleine Dinge wie diese </em>auch auf deutsch und erreichte im selben Jahr die Shortlist des Booker Prize. Im Mittelpunkt ihrer fiktiven Geschichte steht dabei nicht nur ihr Protagonist Bill Furlong, sondern auch die historische Realität der Magdalenenheime oder Magdalenen Wäschereien wie sie oft genannt wurden, da die Heime oder Klöster meist Wäschereien betrieben. Bis 1996, als schließlich das letzte dieser Heime in Irland geschlossen wurde, standen sie im Ruf von Besserungsanstalten, vor allem für Prostituierte oder auch ledige Mütter – oft Opfer von Vergewaltigungen. Wie später bekannt wurde, wurden die Frauen jedoch meist zu harter körperlicher Arbeit gezwungen, körperlich gezüchtigt und in den Heimen geborene Babys wurden oft zur Adoption an reiche Familien freigegeben, wenn sie nicht in den Heimen starben. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Fakt ist jedoch, dass diese Einrichtungen von der katholischen Kirche und dem irischen Staat gemeinsam betrieben und finanziert wurden und das lange darüber geschwiegen wurde, was in solchen Einrichtungen tatsächlich stattfand.</p><p>Keegans Protagonist Bill Furlong, dessen Mutter als Hausangestellte bei der protestantischen Witwe Mrs. Wilson arbeitet, als sie mit ihm schwanger wird, ergeht es jedoch anders und sie hat Glück. Während sich die Familie von Furlongs Mutter, nach Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft, von ihr abwendet, lässt Mrs. Wilson sie weiter bei sich arbeiten. Sie ist es auch, die sie ins Krankenhaus bringen lässt und sie und Furlong nach dessen Geburt am 01. April 1946 zu sich nach Hause holt. Sie nimmt ihn unter ihre Fittiche, stärkt sein Selbstbewusstsein und motiviert ihn, sich selbstständig Wissen anzueignen. Als er 12 Jahre als ist, stirbt seine Mutter, ohne dass er jemals erfährt, wer sein Vater ist und als er sich Jahre später verlobt, schenkt Mrs. Wilson ihm Geld, damit er sich eine Existenz aufbauen kann.</p><p>Der Hauptteil der Handlung spielt aber um 1985, als Bill Furlong schließlich erfolgreich als Kohlen- und Brennstoffhändler arbeitet und mit seiner Frau Eileen fünf Töchter hat. Es ist die Zeit kurz vor Weihnachten und Claire Keegan schafft es mühelos, den Leser in die Atmosphäre des Städtchens New Ross zu entführen, die durch die rauchenden Schornsteine, kahlen Bäume und kalten Winde und den Fluss Barrow, der „dunkel [ist] wie Stout“, besticht. Als Furlong kurz vor Weihnachten eine Fuhre Kohlen zum Kloster liefern muss, entdeckt er dabei zufällig eine junge Frau, die, vermutlich schon seit mehreren Tagen, in einen Schuppen gesperrt wurde. Er befreit sie und bringt sie an die Pforte, wo er und die völlig verängstigte junge Frau von der Oberin selbst eingelassen werden, die den Vorfall jedoch herunterspielt und das Geschehene banalisiert. Furlong ist so schockiert von dem Erlebten, dass sich in ihm nicht nur Entsetzen, sondern ein regelrechter Widerwille regen, den er nicht mehr abschütteln kann, nachdem er das Kloster verlassen hat und der den Fortgang der Geschichte bestimmen wird.</p><p>Etwas mehr als 100 Seiten genügen Claire Keegan, um dem Leser eine ganze Welt zu eröffnen, die, nicht zuletzt, auch von ihren Naturbeschreibungen getragen wird. Dabei dient die Natur nicht nur dazu, die herrschende Stimmung zu untermauern. bzw zu tragen, sondern kann geradezu als Metapher für Unheil und die unterschwellige Bedrohung gelesen werden. Ein Beispiel hierfür ist die beschriebene Vielzahl an Krähen, die nicht nur in „schwarzen Schwärmen“ die Stadt belagern, wie man es noch nie gesehen hat und Aas fressen, sondern auch ihren Schlafplatz in den Bäumen rund um das Kloster haben. Wodurch das Kloster noch bedrohlicher erscheint und das zu Recht, wie wir wissen. Auch den Bewohnern von New Ross sind bereits Gerüchte über das Kloster und die Nonnen zu Ohren gekommen. Sie werden jedoch ignoriert bzw. halten die Menschen es für besser, sich nicht um fremde Angelegenheiten zu kümmern. So hält es auch Furlongs Frau Eileen, die bemerkt, dass ihren Mann das Vorgehen im Kloster beschäftigt, ihm jedoch dazu rät, sich um seine eigene Familie zu kümmern.</p><p>Doch Keegan schafft mit Furlong einen Protagonisten, dem dies nicht möglich ist. Er steht als Prototyp für viele Iren, die zu lange die Vorgänge um sich herum ignoriert oder geduldet haben und verkörpert gleichzeitig das Ideal eines Menschen, der sich nun dagegen auflehnt. Er wird uns als dankbarer Mensch beschrieben, für den es selbstverständlich ist, Anderen zu helfen und denjenigen, denen es schlechter geht als ihm, seine letzten Münzen zu steckt. Dies hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, wie er selbst aufgewachsen ist, damit, dass vielleicht auch seine Mutter und somit er selbst nur knapp dem Schicksal in einer solchen Wäscherei entgangen sind und, dass Mrs. Wilson ihn geradezu wie ihr eigenes Kind behandelt hat, ohne etwas darauf zu geben, was Andere darüber denken. Er ist demütig für das, was er in seinem Leben erreicht hat, sorgt sich aber auch um seine fünf Töchter und ob sie in der Welt zurechtkommen werden. Seine Familie und die damit einhergehende Verantwortung bringt ihm auch das Unverständnis seiner Frau ein, denn sie und auch Bill wissen um die Macht der katholischen Kirche und wie fragil ihr bisheriges Leben ist, möchte er doch selbst seine Töchter auf dem katholischen Internat anmelden: „Furlong wusste, dass es das Einfachste von der ganzen Welt war, alles zu verlieren.“ (S.12) Und doch siegt in ihm das Verlangen, dem Leid, von dem er vorher nur gerüchteweise gehört hat und das er nun mit eigenen Augen gesehen hat, nicht länger tatenlos gegenüberzustehen. Zudem löst es ein Unbehagen gegenüber seinen Mitmenschen in ihm aus, die sich fromm geben, aber nicht entsprechend handeln:</p><p>„Während sie weitergingen und immer mehr Menschen begegneten, die Furlong kannte und doch nicht wirklich kannte, fragte er sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, am Leben zu sein, wenn man einander nicht half. War es möglich, all die Jahre, die Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang weiterzumachen, ohne wenigstens einmal den Mut aufzubringen, gegen die Gegebenheiten anzugehen, und sich dennoch Christ zu nennen und sich im Spiegel anzuschauen?“ (S.78)</p><p>Claire Keegan führt uns durch ihren Protagonisten auf beeindruckende Weise vor Augen, wie Gesellschaften funktionieren und wie es möglich sein konnte, dass es in der Geschichte Irlands zu einem solchen Skandal kommen konnte. Es ist die Mischung aus Verdrängung, Verschweigen, Abhängigkeit und Angst, für die Keegan keine 700 Worte braucht – denn es sind die kleinen Dinge – und doch so eindringlich, knapp und deutlich formuliert, dass man – oder zumindest ich – sofort die inneren Konflikte ihres Protagonisten nachfühlen konnte und deren Werk noch eine Weile in mir nachhallen wird, weswegen ich es nur jedem dringend ans Herz legen kann.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/claire-keegan-kleine-dinge-wie-diese</link><guid isPermaLink="false">substack:post:84517635</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Mon, 14 Nov 2022 17:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/84517635/11df05d857a7d0fbaa9497a4794154c4.mp3" length="11016612" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>459</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/84517635/52cf5f8ea93f75567169d4d18858abf2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Aidan Truhen: The Price You Pay]]></title><description><![CDATA[<p>Manchmal wird es einfach alles zu viel. </p><p>2,5 ℃ Erderwärmung? Kein Supermarkteinkauf mehr unter 50€? Die lokale Fußballmannschaft schießt Eigentore? Krieg und Wetter. Und weil wir nicht ganz dicht sind, besprechen wir dann hier im Safespace unserer eigenen Kunstbücher von Precht und Welzer. Und ich lese den Quatsch vorher auch noch. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Irgendwann reicht es. Der Kopf will Ruhe haben. Aber er will auch lesen.</p><p>Zum Glück folge ich, solange das in Elon Musks digitaler Voliere noch aushaltbar ist, coolen Autoren und die spülen oft ganz ohne Werbegedanken (solange das noch erlaubt ist) Lesetipps in die Twittertimeline und die Treffsicherheit ist beängstigend.</p><p>So folge ich zum Beispiel <a target="_blank" href="https://twitter.com/harkaway">Nick Harkaway</a>, der ein britischer Fantasy Autor ist und gleichzeitig meine liebster <a target="_blank" href="https://harkaway.substack.com/?utm_source=substack&#38;utm_medium=web&#38;utm_campaign=substack_profile&#38;utm_source=%2Fprofile%2F101063809-nick-harkaway&#38;utm_medium=reader2">Erklärbär</a> der Londoner Shitshow um Brexit, Boris Johnson, Liz Truss und wer da auch immer den Prime Minister spielt, wenn diese Episode erscheint. Da dieser Job als Explainer des Wahnsinns, brillant mit Insight und Humor ausgeübt, erschöpft ohne Ende, bricht auch Harkaway ab und an aus und muss sich den aufgestauten Stress von der Seele schreiben. So war das 2018, also in den Nachwehen des Brexit und 2021, als in Großbritannien Corona, sagen wir: “verbesserungswürdig” missgehandelt wurde. Seine so entstandenen und dem Pseudonym Aidan Truhen zugeschriebenen Fluchtromane heißen “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3h2L2dP">The Price you Pay</a>” und “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3fzlLrl">Seven Demons</a>”. Sie haben keinerlei Referenz zu unserer Realität und sind ganz bewusst, sagen wir, “unterkomplex”. Und wie macht Harkaway das? Er schreibt einen Plot, der auf eine halbe Seite passt und füllt diesen mit dem Wahnsinnigsten, was ihm an Sprache, Gewalt und Absurdität einfällt. So muss man eigentlich nur darauf achten, dass man nicht aus Versehen jemanden zweimal umbringt und kann seiner in monatelanger Politikbeobachtung und -kommentar gesteigerten Gewaltphantasie freien Lauf lassen.</p><p>Wobei. Der Plot des hier empfohlenen ersten Teils der Serie “The Price You Pay” passt nicht auf eine halbe Seite - er passt in zwei Sätze:</p><p>Jack Price, Kokaindealer der gehobenen Sorte in New York, gerät in das Visier der gefährlichsten Auftragsmörder der Welt, den ‘Seven Demons’. Aber Jack Price weiß sich zu wehren.</p><p>Es beginnt ein Fest sinnfreier, lustigster und abgefahrenster Gewalt, bei der wörtlich zum Schluss kein Stein auf dem anderen bleibt. Die sieben Dämonen sind die üblichen Hollywood Action-Bösewichte mit dem einen oder anderen Twist, der in Hollywood dem Zensurrotstift zum Opfer fallen würde, aber das ist hier britische Literatur, da kann der Humor schwarz sein und die Klischees dick aufgetragen.</p><p>Jetzt das Überraschende: Der erste Teil dieser hoffentlich nicht beendeten Serie ist auch auf Deutsch erschienen und trägt den ganz hervorragenden Titel “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3sXEgbS">F**k you very much!</a>”. Die spannende Frage ist: “Wie gut ist er übersetzt?”. Mein erster Gedanke beim Lesen des Originals war: “Schade, das Ding wird hier nie rauskommen..”, weil es mir nicht übertragbar erschien. Das Buch ist ein einziger langer Monolog eines etwas zu schnell sprechenden, alles checkenden, geschäftstüchtigen und sagen wir, zielorientierten, New Yorkers unbestimmter ethnischer Herkunft, dessen moralische Kompassnadel sich manchmal wild dreht. Es wimmelt von Füll-, Slang- und Schimpfwörtern. Die Hälfte der monologisierten Sätze ist gefühlt kürzer als fünf Worte, die andere Hälfte sind Nebensatzmonster, gespickt mit 10$ Worten und absurden Gedankensprüngen, bei denen man am Ende lachen muss. Und was soll ich sagen: Suhrkamp hat einerseits einen ganz hervorragend Übersetzer an den Start gebracht und dann, Jesusfuckingchrist, dem Mann oder der Frau die Erwähnung auf dem Cover des Buches verwehrt. Aber wir stehen bereit um zu loben: Es sind Sven Koch und Andrea Stumpf, die den Grat zwischen 1:1 Übersetzung, die nur hätte peinlich werden können und zu freier Schreibe, die dem ganz hervorragenden Original nicht gerecht wird, selbstbewusst entlang schreiten.</p><p>Und wenn ich vor vier Wochen 4000 Worte in eine Rezension des unwichtigsten Buches des Jahres von Precht und Welzer stopfte um zu belegen, dass diesen pseudointellektuellen Quatsch kein Mensch auch nur anlesen muss, habe ich mir von der Leserschaft dieses substack hoffentlich das Vertrauen erworben, in knapp 800 Worten spoilerfrei ein Buch zu empfehlen, welches todsicher die Laune hebt und einem hilft kurz den Malmström von Kreditkartenabrechnungen, mittleren Tabellenrängen in der dritten Liga und 25 Grad Celsius am Tag der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit zu vergessen.</p><p>Denn wir haben uns das alles verdient und wenn ich, liebe Leser, ganz, ganz ehrlich bin, habe ich nämlich gerade eben erst herausgefunden, dass es von “The Price You Pay” einen zweiten Teil gibt - denn wir recherchieren hier fundiert beim Studio B! Und ich will diesen zweiten Teil jetzt sofort lesen. Und ich hoffe doch sehr, dass Sven Koch und Andrea Stumpf den Übersetzervorschuss von Suhrkamp schon erhalten haben.</p><p>Falschgold over and out oder um beim Titel der deutschen Übersetzung zu bleiben: “F**k you very much!”</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/aidan-truhen-the-price-you-pay</link><guid isPermaLink="false">substack:post:82335516</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Nov 2022 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/82335516/5d0726090425135230942c976e84b321.mp3" length="7319554" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>305</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/82335516/6a23aead1a5e6679d0648ffd65704dc6.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Precht/Welzer, Ng, Berg]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Wir können uns nur entschuldigen. Auch wir sind in die Prechtfalle getappt und haben viel zu viel Sprechzeit und geistige Bandbreite mit dem Perückenmodel aus Solingen verschwendet, statt uns noch mehr um die wichtigen und interessanten Themen zum Beispiel in <a target="_blank" href="https://open.substack.com/pub/lobundverriss/p/celeste-ng-was-ich-euch-nicht-erzahlte?r=lz45u&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web">Celeste Ngs “Was ich euch nicht erzählte”</a> oder <a target="_blank" href="https://open.substack.com/pub/lobundverriss/p/sibylle-berg-rce-remotecodeexecution?r=lz45u&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web">Sibylle Bergs “RCE: #RemoteCodeExecution” </a> zu kümmern. Aber irgendwie musste die Aufopferung, “Die vierte Gewalt” von besagtem Richard David Precht und Harald Welzer zu besprechen und vorher zu <em>lesen, </em>gewürdigt werden. </p><p>Es ist vollbracht.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-prechtwelzer-ng-berg</link><guid isPermaLink="false">substack:post:80605772</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 30 Oct 2022 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/80605772/ece4c6f7f8f48dcda47312485f4d6c62.mp3" length="47832337" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1993</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/80605772/cb8f49b0186e02acec57c87c6139cd61.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sibylle Berg: RCE: #RemoteCodeExecution.]]></title><description><![CDATA[<p>"RCE" ist nach "GRM" der 2. Teil einer Trilogie über die Welt, in der wir leben, und die ein paar Individuen, die nichts zu verlieren haben, zum Besseren ändern wollen.</p><p>Im ersten Teil ging das gründlich schief, weil die (damals noch) Kinder die Menschheit aufrütteln wollten, indem sie ihr die allumfassende Überwachung vor Augen führten. </p><p>Der gewünschte Effekt trat aber nicht ein, weil die bis ins Kleinste Überwachten dankbar waren, dass ihnen überhaupt Aufmerksamkeit zuteil wurde.</p><p>Nun also, nach und während der aktuellen Krisen - Corona, Energie, Ukrainekrieg, der Sieg faschistischer Parteien, die fortschreitende Erosion hart erkämpfter Frauenrechte, die tötet - "RCE", die Abkürzung für Remote Code Execution. Das bezeichnet den Vorgang, aus der Ferne auf Computer und Netzwerke zuzugreifen und Daten und Vorgänge zu stören, zu manipulieren und grundlegend zu ändern.</p><p>Die Welt ist also immer noch schlecht, und während Sibylle Berg in "GRM" eine zu Teilen noch fiktive Zukunft beschrieb, ist "RCE" näher an unsere Gegenwart gerückt.</p><p>Der 1. Teil spielte für die Protagonisten hauptsächlich in Großbritannien, das mittlerweile das unangenehme Gefühl eines Lebens in einer dystopischen Realitätssimulation für sich beansprucht: "Years and Years", eine britische TV-Miniserie, die zwischen 2019 und 2034 spielt und ähnlich wie Sibylle Berg grausam-gruselige Szenarien entwickelt, die in der Wirklichkeit verhaftet und damit leider unangenehm realistisch sind, wurde nun bereits im Oktober 2022 durchgespielt:  Liz Truss, die sich nur 6 Wochen im Amt der Premierministerin hielt, wollte die britische Wirtschaft durch radikale Steuersenkungen ankurbeln, ganz so, als ob das jemals etwas gebracht hätte und der Trickle Down Effekt real wäre, dabei aber den britischen Finanzmarkt fast zum Einsturz und nicht nur die Renten in Gefahr brachte - dabei trug sie in ihrer 1. Rede als Premier das gleiche Kleid wie die in der erwähnten Miniserie durch Emma Thompson dargestellte <a target="_blank" href="https://www.theguardian.com/politics/shortcuts/2022/oct/05/dictator-chic-why-did-liz-truss-wear-the-same-outfit-as-a-fictional-fascist">Diktatorin</a>, die ihrerseits das Kleid präsentiert, als sie der britischen Bevölkerung die Errichtung von Konzentrationslagern mitteilt.</p><p>Während im 1. Teil der Trilogie, "GRM: Brainfuck", die Protagonistinnen mit ihren Schicksalen zwar stakkatohaft, aber doch detailliert in all ihrem Unglück vorgestellt werden und nachvollziehbar wird, wer weshalb wozu und warum wurde, spielen individuelle Schicksale im 2. Teil "RCE" kaum noch eine Rolle. Die Superreichen haben - sofern in der realen Gegenwart vorhanden - vollständige Namen (Peter Thiel, Bill Gates). Diejenigen, die Prototypen der (fast) Superreichen oder der mit ererbtem Vermögen sind, haben Vornamen, dito die Weltenretter aus dem 1. Teil, nicht aber der Rest. Deren Unglück oder Rolle in der geplanten Revolution werden skizziert, knapp umrissen, aber es bedarf keines Namens, nur der skizzenhaften Beschreibung des Erlebens/Erlebten. Selbst wenn einzelne handelnde Personen Assoziationen mit realen Menschen wecken, sind diese doch so archetypisch, fast grotesk holzschnittartig.</p><p>Sibylle Berg selbst beschreibt "RCE" als "verdichteten Blick auf das Schlamassel, in dem wir stecken." Erschreckend sind die Zusammenstellungen einer überwältigenden Häufung von Informationen, deren Prüfung auf Realitätsgehalt leider überwiegend positiv ausfällt. Plus ein paar Fiktionen, die aber das Kraut nicht fett machen. Eine literarische Dystopie ist umso verstörender, je realistischer sie ist und da hat Sibylle Berg diesmal den Jackpot geknackt. Waren andere dystopische Werke wie z. B. "1984" von George Orwell oder "Die Maske des Roten Todes" von Edgar Allen Poe von historischen Ereignissen inspiriert und geprägt, sammelt Sibylle Berg Informationen der Gegenwart, die in ihrer Absurdität und Grausamkeit fiktional sein müssten, es aber nicht sind. Pläne von Politikern, die im Interesse der wenigen Superreichen handeln, werden nicht verborgen, denn es gibt keine mehr, nur Ideen, nur Impulse, denen gefolgt wird, ohne vorherige Reflektion oder Rückfragen an Wissenschaftler oder Journalisten (die umgebracht werden, siehe Malta).</p><p>So geht es von einer Krise in die nächste, es gibt keinen Protest der Bevölkerung, sondern nur aufbegehrungsloses Hinnehmen. Da wurde die Verwertungslogik so verinnerlicht, dass man sich der eigenen Wertlosigkeit für das kaputte System ergibt, nachdem das Teilnehmen am Wettbewerb nicht mal mehr die Schlafmatte im "work-and-sleep" sichern konnte.</p><p>Die vorherrschenden Gefühle eigentlich aller: Angst und tiefe Resignation. Denn: gegen wen sollte man kämpfen, wo sich beschweren? Alle (sofern noch nicht innerlich und äußerlich tot) sind am dauerempörten Durchdrehen, aber so mit Überleben beschäftigt, dass nichts passiert. Und nach unten wird getreten, in der (unberechtigten) Hoffnung, dass es einen damit selbst erst später erwischt.</p><p>Und die Angst ist berechtigt, wie die zunehmenden Schwierigkeiten, die Unmöglichkeit für viele, ihre Heiz- und Stromkostenrechnung zu bezahlen, gerade beispielhaft vorführen. Auch in Westeuropa sind früher eher abstrakte Scheußlichkeiten wie Überwachung, Klimawandel und schlicht nicht zu stemmende Kosten nun auch für uns bedrohlich nahe und werden damit begreifbar.</p><p>Leben wir im besten aller Systeme? Natürlich nicht. </p><p>Wen braucht es: richtig, die Nerds. Mit einigen von ihnen hat Sibylle Berg im sehr zu empfehlenden Interviewband "Nerds retten die Welt" gesprochen, parallel zu ihrer Arbeit an "RCE": mit Systembiolog*innen, Neuropsycholog*innen, Kognitionswissenschaftler*innen, Meeresökolog*innen, Konflikt- und Gewaltforscher*innen, kurz, mit Expert*innen, die wissen, wie der desolate Zustand unserer Gesellschaft und unserer Lebensbedingungen nicht komplett den Bach runterrauschen würde.</p><p>Nur leider bekommen die ja im aus- und andauernden Empörungskreislauf wenig Gehör und noch weniger Einfluss auf politische Entscheidungen, die das Leben besser und schöner machen würden.</p><p>Also dann die Hammermethode: Was braucht es, dass es anders wird? </p><p>Eine Vernichtung des Finanz- und Bankensystems. Eine grundlegende Umverteilung. </p><p>Und hier kommen die Nerds aus "GRM", nun einige Jahre älter, wieder ins Spiel: sie suchen sich Unterstützung, sie finden Mechanismen, die das bestehende System desolat machen.</p><p>Sibylle Berg schreibt eine Anleitung, kein Held*innenepos. Nie gelingt - egal wie sehr man darauf auch konditioniert sein möge - die Identifikation mit den Protagonisten: Außenseiter mit speziellen Begabungen, die die über das Netz abgebildeten Zusammenhänge erkennen und diese ändern. </p><p>Und dies zunächst erfolgreich. Nach einer harten, fordernden und aufreibenden Lektüre ein kurzer Moment, in dem Hoffnung keimt: "Vielleicht wird es diesmal besser. Fortsetzung folgt."</p><p>In der nächsten Woche diskutieren Anne Findeisen, Herr Falschgold & ich die Werke der letzten Wochen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sibylle-berg-rce-remotecodeexecution</link><guid isPermaLink="false">substack:post:80436193</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Mon, 24 Oct 2022 21:17:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/80436193/1042785969298d0dafb36f4321dd1a85.mp3" length="11130088" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>464</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/80436193/722a18dc73d10c6bf629d62d8f924984.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Celeste Ng - Was ich euch nicht erzählte]]></title><description><![CDATA[<p></p><p><em>Everything I Never Told You </em>ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Celeste Ng, die vor dessen Veröffentlichung im Jahr 2014 bereits Kurzgeschichten schrieb, für die sie diverse Auszeichnungen erhielt. Ng studierte Englisch und Kreatives Schreiben und ihr zweiter Roman <em>Little Fires Everywhere </em>dürfte hierzulande vielen auch deswegen bekannt sein, da er 2020 als Miniserie verfilmt wurde und auf einschlägigen Streaming Portalen zur Verfügung steht. 2016 wurde <em>Was ich euch nicht erzählte</em>, für das sie ebenfalls mehrere Auszeichnungen erhielt, ins deutsche übersetzt und im dtv Verlag veröffentlicht.</p><p>Der Roman mutet zunächst wie ein Krimi an. Ein Mädchen ist verschwunden. Wir wissen, dass es sich um Lydia Lee handelt, die 16-jährige Tochter von Marilyn und James Lee, Schwester von Nathan und Hannah Lee. Und wir wissen ebenfalls, im Gegensatz zu den Protagonisten, dass Lydia tot ist. Eine Tatsache, die überhaupt das Erste ist, was der Leser erfährt. Als schließlich ihre Leiche gefunden wird – sie ist in einem See nahe des Hauses ertrunken – beginnt die Suche nach den Gründen oder Verantwortlichen, nach dem <em>Warum,</em> die Ng als Instrument nutzt, um ein Familienportrait zu entfalten und das Innenleben der Beteiligten frei zu legen.</p><p>James Lee, der Vater der Familie und selbst Sohn chinesischer Einwanderer, strebt sein Leben lang nach gesellschaftlicher Anerkennung und hegt vor allem den Wunsch, durch Anpassung dazuzugehören und nicht ständig, aufgrund seiner Herkunft, ausgegrenzt zu werden. Während seiner Tätigkeit als Professor an der Harvard University lernt er Marilyn kennen, die zunächst seine Studentin ist und sich gerade aufgrund dessen, dass James nicht wie alle anderen ist, von ihm angezogen fühlt. Marilyn selbst möchte Ärztin werden und nichts stößt sie mehr ab, als die Vorstellung, wie ihre Mutter zu enden und ihre Tage als Hausfrau zu verbringen – eine Rolle, die sie verachtet.</p><p>Doch als sie James kennenlernt, ist das Folgende geradezu eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die beiden verlieben sich ineinander und Marilyn wird schwanger, woraufhin die beiden heiraten und Marilyn ihr Studium unterbricht, immer in der Hoffnung, es in ein paar Jahr wieder aufnehmen und zu Ende bringen zu können. Doch es kommt nicht so weit. Erst bringt sie Lydia zur Welt, die das Lieblingskind wird und später Nathan. Als Marilyn bewusst wird, dass sie nicht weiter von der Erfüllung ihres Traums Ärztin zu werden entfernt sein könnte und durch den Tod ihrer Mutter, der ihr schmerzlich bewusst macht, wie sehr sie ihr schließlich doch ähnelt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung und verlässt ihren Mann und ihre Kinder, um ihr Studium doch noch zu beenden. Als sie jedoch nach neun Monaten merkt, dass sie erneut schwanger ist, ist damit auch der letzte Versuch gescheitert und sie kehrt zu ihrer Familie zurück.</p><p>Die in der Vergangenheit erlebten Enttäuschungen und Rückschläge der Eltern werden schließlich maßgeblich für deren Erziehung, getragen von dem Wunsch, dass es ihre Kinder besser haben mögen als sie selbst und nach dem Klischee, in dem Eltern durch ihre Kinder ihre eigenen unerfüllten Träume ausleben. Stets jedoch fest daran glaubend, dass es das Beste für ihre Kinder sei und sie es einmal besser haben würden. Geradezu quälend erscheinen dabei die Interaktionen zwischen Lydia und ihrer Mutter Marilyn. Lydia, die geprägt ist von der Angst um den Verlust ihrer Mutter – aufgrund ihrer neun monatigen Abwesenheit – hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Anforderungen ihrer Mutter um jeden Preis gerecht zu werden, um sie nie wieder zu verlieren. Dabei handelt sie entgegen ihrer eigenen Interessen, gibt vor, sich über jedes weitere wissenschaftliche Buch, das ihr geschenkt wird, zu freuen und ist auch zunehmend von Gleichaltrigen isoliert, zu denen sie ohnehin nur schwer Zugang findet.</p><p>Während sich Marilyn für ihre Tochter nichts sehnlicher wünscht, als dass sie eines Tages Ärztin wird, wünscht sich ihr Vater – selbst stets Außenseiter gewesen – für sie, dass sie viele Freunde findet und, im Gegensatz zu ihm, integriert wird. Sätze wie: „»Versprich mir«, sagte er, »dass du mit allen auskommst. Freunde kann man nie genug haben.« machen gleichermaßen traurig wie wütend, denn sie symbolisieren, wie einsam sein eigenes Leben gewesen ist und auch, dass es ihm weniger um die Befriedigung ihrer denn seiner Bedürfnisse geht. Ihr Bruder Nathan ist ihr einziger Verbündeter, der sie auffängt und versteht, unter welch hohem Erwartungsdruck sie leidet. Doch auch die Beziehung zu ihm gerät allmählich ins Wanken, denn während Lydia sämtliche Aufmerksamkeit ihrer Eltern zuteil wird, wird ihm kaum Beachtung geschenkt. Von seinem Vater James wird Nath abgelehnt, denn er erkennt sich zu sehr in seinem Sohn wieder, was Naths Eifersucht auf seine Schwester nur noch befeuert und seinen Wunsch, endlich von zu Hause ausziehen zu können und in Harvard zu studieren, wo er sich seinem Ziel – der Raumfahrt – nähern kann, noch vergrößert. Hannah, die jüngste Tochter, scheint für die anderen Familienmitglieder fast gar nicht zu existieren. Allein ihr Zimmer, auf dem Dachboden, wirkt wie eine Metapher für ihre randständige Position innerhalb der Familie. Dass kaum jemand das Wort an sie richtet, sie sich meist versteckt und aus sicherer Entfernung beobachtet, was um sie herum vor sich geht, bestärken dies nur noch.</p><p>Allmählich entfaltet Celeste Ng die einzelnen Charaktere vor dem geistigen Leserauge und geht dabei der Frage nach dem Warum von Lydias Tod auf den Grund. Die Geschichte, die daraus entsteht, ist jedoch viel schmerzhafter, als die tragische Mutter-Tochter-Beziehung, die davon beherrscht wird, dass die Eine für die Andere etwas möchte, was sie selbst nicht haben konnte. Während Marilyns unbedingter Traum Ärztin zu werden und sich von anderen abzuheben platzt, lebt sie selbst weiter in Ressentiments und Vorurteilen, denen sie entkommen wollte. So begegnet sie im Krankenhaus einer Ärztin, die sie für eine Krankenschwester hält und bedient damit selbst das Klischee, dass Arzt gleich männlich ist. Aber auch das Thema Rassismus ist entscheidend für die Entwicklung ihrer Charaktere und Grund für die Einsamkeit, die wir in ihnen immer wieder erkennen können. Vor allem an James und seinem unbedingten Wunsch sich zu integrieren, anzupassen und dazuzugehören wird dies deutlich. Ein Wunsch und vielleicht auch gleichzeitig Trauma, das er an seine Kinder weitergibt und eine Tatsache, die, so vermute ich, auch der Autorin selbst nicht fremd sein dürfte, ist sie doch selbst das Kind chinesischer Einwanderer. Und so ist die Geschichte auch immer wieder bestimmt von Rückblenden, die die Anfänge der Eltern in den USA beleuchten.</p><p><em>Was ich euch nicht erzählte</em>,<em> </em>beschreibt nicht nur auf feinfühlige und komplexe Art und Weise wie schwer das Nicht-Gesagte wiegt, sondern auch, wie jeder um seinen Platz in der Gesellschaft, der Familie oder Beziehungen kämpft und dabei vor allem oft mit sich selbst. Es geht nicht nur darum, sich selbst zu finden, sondern auch darum, anderen Raum zu lassen und sie nicht mit Erwartungen zu erdrücken. Es geht um Betrug und Ablehnung als Reaktion darauf, dass man sich genau das Gegenteil wünscht, ebenso wie um Alltagsrassismus und Integration. Das Portrait einer Familie, in der jeder mit sich selbst um etwas ringt, eingebettet in den Tod eines Familienmitglieds und den Wunsch, die Gründe dafür zu erfahren. Eine Innenansicht verschiedener Personen und deren Beweggründen, die Celeste Ng eindrucksvoll gelungen ist und mitunter auch wütend macht. Einzig das Ende erscheint mir angesichts der vorgefallenen Geschehnisse etwas zu euphemistisch, wenn es auch kein gutes Ende im klassischen Sinne ist. Aber ich nehme es als Symbol, dass Dinge sich zum Guten wenden können und Veränderung möglich ist.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/celeste-ng-was-ich-euch-nicht-erzahlte</link><guid isPermaLink="false">substack:post:78970753</guid><dc:creator><![CDATA[Studio B und mehr]]></dc:creator><pubDate>Mon, 17 Oct 2022 15:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/78970753/bd17b15e92c3fcb251e5ad105d1e7fce.mp3" length="12338826" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Studio B und mehr</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>514</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/78970753/9426da52fec74be6589c0d47fc42b783.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Richard David Precht, Harald Welzer: Die vierte Gewalt]]></title><description><![CDATA[<p>Alte weiße Männer können per se nichts für ihren alten weißen Schniedel, aber wofür sie etwas können ist, wenn dieser raushängt, mitten in einer deutschen Talkshow, metaphorisch im Gesicht einer deutschen Journalistin und per Bildfernübertragung damit auch in unserem. So war das äußerst unangenehm geschehen, kürzlich, in der TV-Talkshow “Markus Lanz”. Der Schniedel gehörte Richard David Precht, den wir <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/jeanine-cummins-american-dirt#details">hier</a> kürzlich noch als “den Perückenträger aus Solingen”  milde belächelt hatten. Ein zweiter weißer Schniedel hing, das muss gerechterweise gesagt werden, nur halb raus und gehörte dem frisurtechnischen Nacheiferer Prechts, dem Soziologen Harald Welzer.</p><p>Besprochen werden sollte deren gemeinsam geschriebenes Buch “Die vierte Gewalt: Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist”, ein wissenschaftliches Werk, wie gerade Welzer immer wieder betonte. Eingeladen zur kritischen Textanalyse waren zwei Journalistinnen, die im Buch, so wurde schnell klar, wohl selbst wissenschaftlich beleuchtet wurden, Melanie Amann vom “Spiegel” und Robin Alexander von der “Welt”.</p><p>Das Buch, nicht nur im Titel ein Frontalangriff auf den Deutschen Journalismus, kam bei den anwesenden Betreibern desselben erwartungsgemäß nicht an und da diese genug Zeit hatten, sich auf die Konfrontation vorzubereiten, sahen die Autoren beide nicht besonders gut aus, zumindest aus der Perspektive dieses unparteiischen Beobachters des Gemetzels. Zwar hatte ich kurz nach der Wende keine Zeitung unter einem Kilogramm Papiergewicht konsumiert, schon weil man in der Mittagspause, die Süddeutsche oder die FAZ auf dem Tisch konzentrierend sein partymüdes Haupt auf diese betten konnte, um ein paar Minuten leise in die Kommentarspalten sabbernd zu ruhen. Aber wann ich das letzte mal ein solches Leitmedium überhaupt in der Hand hatte, geschweige denn darin intensiv gelesen, kann ich wirklich nicht mehr sagen. Es muss ein Jahrzehnt her sein. Aber natürlich bilde ich mich politisch intellektuell, nur halt nicht, wie die Autoren Precht und Welzer das von mir erwarten. Die Einzigen, die damit umzugehen in der Lage schienen, waren die beiden leitmedialen Journalisten. Und während diese ein Argument nach dem anderen aus dem Buch auseinander nahmen und den Buchautoren um die Ohren hieben, zogen sich bei Precht die Hodensäcke in den Unterbauch zurück, die Beine wurden breiter und breiter aufgestellt und mit scharfer Stimme ergoss sich des Intellektuellen Mansplaing in’s Gesicht der Spiegel-Chefredakteurin. Diese lachte ihn aus, Harald Welzer zog sich aufs Wissenschaftliche zurück und Robin Alexander wurde spontan zum Feministen.</p><p>Die erste Amtshandlung des Rezensenten muss nun sein, sich von den verstörenden Bildern der Veranstaltung zu reinigen und das Buch als solches zu lesen und zu besprechen. Ich verspreche nichts, aber gebe mir Mühe.</p><p>Das Buch beginnt einleitend mit besagtem Frontalangriff auf die deutsche Presse, die sich vom willfährigen Berichterstatter des Regierungshandelns zum politischen Akteur emanzipiert habe. Es wird ein bisschen Verständnis gezeigt: Internet, das sog. Twitter, Kapitalismus. Es wird viel befußnotet, damit man gleich sieht, dass was man hier liest, auch wirklich Wissenschaft ist.</p><p>Wir ahnen Schlimmes, doch es folgt das erste Kapitel, das den Begriff “Öffentlichkeit” definiert und angenehm historisch, neutral, sachlich ist und damit offensichtlich geschrieben wurde, als keine aufmüpfigen Frauen im Raum waren. Oder - wahrscheinlicher - von Harald Welzer. Auch hier wird ordentlich befußnotet, wissenschaftliche Quellen wie der “Deutschlandfunk” und die Wochenzeitschrift “Die Zeit” müssen herhalten, weil Wikipedia als Fußnote unwissenschaftlich ist . Das alles, um Zitate zum US-Amerikanischen Herausgeber Hearst zu belegen, einem Kriegstreiber, wie wir lernen. Und wir ahnen, worauf der Kritiker der Waffenlieferungen an die Ukraine abzielt.</p><p>Im darauf folgenden Kapitel wird das fehlende Vertrauen des Bürgers ins “System” aufgrund Unterrepräsentanz besagten “Bürgers” im Verhältnis zum “Politiker” in den Leitmedien analysiert. Das passiert, wir hatten es schon befürchtet, anhand der Flüchtlingskrise 2015 und der Coronakrise 2020. Untersucht wird das Ganze mit “inhaltsanalytischen Studien”, also Textanalysen von Veröffentlichungen der “Leitmedien” und der Aufschlüsselung nach darin auftauchenden Themen, Personen, Gesellschaftsschichten. Was Precht und Welzer dabei versuchen herauszufinden ist, ob alle Gesellschaftsschichten in der Berichterstattung zu Wort kommen, und ob diese inhaltlich “ausgewogen” ist, also ob alle öffentlichen Meinungen repräsentiert sind.</p><p>Problematisch dabei: Studien von Extremsituationen als Grundlage zur Beweisführung von Thesen zu verwenden ist generell schwierig und speziell in diesem Fall fragwürdig, denn bei den Fragen, die diese beiden “Krisen” aufgeworfen haben, gibt es nun mal anerkannte moralisch-ethische Grundhaltungen in unserem Land, die eben nicht fifty/fifty "Kieken wa ma, was det Volk so denkt!” zu beantworten sind, sondern im Rahmen der Bundesdeutschen Grundordnung schon eindeutig beantwortet sind: “Flüchtlinge aufnehmen Ja!”, sagt das Asylrecht, “Impfen Ja!”, sagt das Infektionsschutzgesetz. Was zu den Themen in den Leitmedien stand, war also recht erwartbar.</p><p>Die Haupterkentnis aus den Textanalysen (hier beispielhaft zur Flüchtlingskrise) ist, so das Buch, dass hauptsächlich Politiker zu Wort kamen (zu bis zu 80%), nicht jedoch die Helferinnen oder gar die Betroffenen, also die Flüchtenden. Das klingt dramatisch, ein wirklich kurzes Überlegen kann einen aber darauf bringen, dass in einer unübersichtlichen Situation, einer Krise eben, in der vornehmlich um Ordnung gerungen wird, diejenigen zu Wort kommen, deren Job das praktische Errichten von Ordnung ist. Politiker zum Beispiel. Stattdessen wird beklagt, dass die lokalen Helfer in der Berichterstattung unterrepräsentiert wären und passend zum Ton des ganzen Buches werden gleich mal Parallelen gezogen zu obrigkeitshöriger Wilhelminischer Berichterstattung, no s**t. Das Problem ist doch aber: Wie löst man eine nationale Krise? Diese den “Nothelfern” überzuhelfen ist eine Option, aber sinnführender ist es, in einem solchen Fall nationale (und noch besser europäische) Lösungen zu etablieren. Und darüber wurde berichtet. Verrückt.</p><p>Hier geht also mit den Autoren der Wunsch nach Sensationalismus durch, sie wählen exakt die <em>nicht</em> repräsentativen Beispiele zur Untersuchung aus und schießen sich damit selbst ins Bein. Wie viel interessanter wäre es, ein medial weniger präsentes Thema zur Textanalyse zu wählen, idealerweise eines, welches nicht in statistisch kaum verwertbaren, minimalen Zeiträumen aufflammt und wieder erlischt. Ich bin sicher, die aufmerksame Leserin unserer gesammelten Rezensionen kommt <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/bill-buford-geil-auf-gewalt-unter-hooligans">auf</a> <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/category/autoren/gail-collins">ein</a> <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/von-ameisen-und-heuschrecken">paar</a> Ideen.</p><p>Und am Ende des Abschnitts zur Inhaltsanalyse “Flüchtlingskrise” merken das die Autoren sogar, Zitat: “Aber könnte es nicht sein, dass die leitmediale Berichterstattung der Presse zur sogenannten Migrationskrise diesbezüglich ein Ausnahmefall war?”. So close. Sie setzen fort: “Schauen wir deshalb auf andere Krisenereignisse und ihre mediale Bearbeitung."</p><p>Es folgt also die gleiche Übung zur Coronakrise ohne jeglichen Erkenntnisgewinn: Politiker stehen während einer Krise im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung. Wer sonst, fragt man sich.</p><p>Und weil man auf durchschossenen zwei Knien immer noch irgendwie ins Ziel robben kann, folgt die exakt gleiche Argumentation zur nächsten Krise, der aktuellen, jetzt gleich ganz ohne wissenschaftliche Untersuchungen, weil, ist ja noch im Gange: der Ukrainekrieg. Es lohnt kaum, die gleichen Argumente nochmals zu besprechen, zumal sie diesmal nicht analytisch unterlegt sind. Dass dieses Fehlen einer Analyse das Thema für ein nach wissenschaftlichen Methoden erstelltes Buch ausschließen sollte, ignorieren die beiden Wissenschaftler und so müssen wir ein dutzend Seiten Meinung über uns ergehen lassen, die, wie es Meinungen so an sich haben, teilweise Übereinstimmung erzeugen, hier z. B.: das Fehlen der Berichterstattung in deutschen Medien zur Haltung zum Krieg aus anderen Teilen der Welt. Viele der Meinungen führen jedoch zu entschiedener Ablehnung aufgrund von: Blick auf die f*****g Landkarte.</p><p>Das nächste Kapitel “The Unmarked Space” greift die Erkenntnisse aus dem vorigen auf und will laut Untertitel extrapolieren, “was Leitmedien nicht thematisieren” und man ist, leicht erschöpft, geneigt hier zum Rotstift zu greifen wie der alte gestrenge Mathelehrer und den Rest des Buches ungelesen wie einen misslungenen mathematischen Beweis durchzustreichen und mit einer 5 zu benoten. Denn wer im ersten Schritt der Beweisführung einen solchen entscheidenden Fehler begeht, wie die beiden Autoren, namentlich Textanalysen nicht repräsentativer Ereignisse für den allgemeinen Erkenntnisgewinn heranzuziehen, begeht etwas, was man in der Philosophie Fallazien nennt, aber da man selbst aus denen noch etwas lernen kann und wir 20 EUR überwiesen haben, nehmen wir die Herausforderung an, das Ding zu Ende zu lesen. Es wird zum Beispiel spannend sein zu sehen, ob der “Fehler” im ersten Schritt nur gemacht wurde um die Thesen wirksamer an den Leser zu verkaufen, die Thesen also trotzdem und im Grunde so vertretbar sind und nur sensationsheischend eingeführt wurden, oder ob die Autoren tatsächlich ihre Integrität als Wissenschaftler aufs Spiel setzen und uns einen großen Wissenschaftsblabla überhelfen, nur um publikumswirksam ihre jeweiligen Lieblingssäue durchs Internet zu ranten, Waffenlieferungen an die Ukraine im Fall Welzer und dass ihn keiner ernst nimmt, den Richard David Precht. Und zugegeben ist das Buch, wenn immer es von Welzer im Erklär- und nicht im Argumentationsmodus (und von Precht gar nicht) geschrieben wird, lesbar und milde interessant.</p><p>Wohlan, was also wird von unseren Leitmedien nicht thematisiert? Tipps werden angenommen.</p><p>Zunächst setzt sich ein Pattern fort. In den Einleitungen, hier, “was bedeutet Realität in der Medienlandschaft?”, wimmelt es von Fußnoten, die Eindruck machen, in den anschließenden Behauptungen, die die Grundlage für den Beweis der eigenen Thesen legen sollen, fehlen sie plötzlich. Da wird mal eben in einem Nebensatz die Behauptung aufgestellt, dass Informationen, die nur mit großer Mühe, Aufwand und sorgfältiger Recherche zu erlangen sind, immer seltener würden, eine Behauptung, die nach einer Fußnote mit Belegen dafür schreit, aber ohne diese auskommen muss. Vielleicht liegt es daran, dass erkennbar am anprangernden Schreibstil (“erschreckend”, “Vereinseitigung der Perspektive”, “vorauseilender Gehorsam”) der Solinger Intellektuelle P. die Klinge schwingt und sich erwartbar selbst mutiliert. Der Zweck dieser Operation am eigenen Hirn ist ein rant mit dem Tenor, dass Journalisten lieber Feuilleton-Pingpong mit sich selbst spielen denn zu Recherchieren, lieber mit Eliten kuscheln statt sich dem unsichtbaren Teil der Bevölkerung, den Unterschichten und Derlei, zu widmen.</p><p>Dabei kommen die Autoren mittelbar zum Thema der engen Vernetzung zwischen Politik und Journalismus und haben dort an sich die richtige Fakten bei der Hand und zitieren auch daraus, hier eine Studie aus 2014, die damals über den Umweg der Satiresendung “Die Anstalt” die Runde machte und die Vernetzung von NATO-nahen Stiftungen und Journalisten wie Joffe und Bittner von der “Zeit” aufdeckten. Wie sich herausstellt, hatte aber Harald Welzer mittlerweile das Worddokument geblockt und kommt, nicht ohne vorherige Absicherung, dass hier keinesfalls ein Lügenpressevorwurf erhoben werden soll (besser ist das) zum erwartbaren Punkt: Waffenlieferungen an die Ukraine. </p><p>Dass sich die beiden Autoren ausgerechnet den Ukrainekrieg als Beispiel für verengte Pluralisierung in den Medien vornehmen, ist tragisch. Sie gehen damit in die gleichen Fallen, die sie den kritisierten Medien vorwerfen. In Welzers Fall, als Unterzeichner des “Emmabriefes” gegen die Waffenlieferungen in die Ukraine, nimmt er ein Thema, in welchem er selbst die Öffentlichkeit manipulieren möchte als Beispiel dafür, dass die Medien die Öffentlichkeit manipulieren. Und die Rampensau Precht sagt natürlich “let’s go for it” denn er weiß, wann ihr Buch rauskommt und ist sich sicher, dass zu diesem Zeitpunkt der Krieg noch das Thema No 1 sein wird und damit Medienpräsenz garantiert ist. Das ist tragisch, denn die Vorwürfe der Verengung der medialen Informationsvermittlung sind es wert, dass man ihnen auf den Grund geht, aber, mal abgesehen vom Holocaust, ist jedes Thema geeigneter, das zu diskutieren als ein Krieg, in dem Angreifer und Verteidiger auf einer f*****g Landkarte zu erkennen sind.</p><p>Das Ende des Kapitels deutet an, welches Mitglied des Autorenduos gleich den Textprozessor beackern darf: mit bestechender Logik schreibt Precht: “Wer in der Politik nicht vorkommt, kommt auch in den Medien nicht vor. Und umgekehrt.” Das stimmt, a) immer, b) wenn doch nicht, dann doch, indem man “zwangsläufig” davor schreibt und c) “Zur Sicherheit machen wir das jetzt kursiv!”.</p><p>Es geht also um “Gala-Publizistik”, wie das Kapitel überschrieben ist und jetzt geht’s zur Sache, denn “Politischer Journalismus sei Journalismus über Politiker, weniger über Politik”. Es riecht nach Futterneid und Brusttrommellei und es wird im ersten Absatz klar, wer der andere Gorilla sein soll: Robin Alexander, Chefredakteur der Welt: jemand der so prototypisch wie ein CDU-Wähler aussieht, dass ihm CDU-Politiker wohl immer alles erzählen müssen und der das dann also weitererzählt. Doch wir werden überrascht. Nicht Precht hat beef, der bisher so fundiert schreibende Welzer nimmt sich das Mitglied des FC Schalke 04 Fanclub “Königsblau Berlin” zur Brust, und zwar anhand einer Story, in der Robin Alexander Informationen aus einer CDU/CSU-Fraktionssitzung zuerst auf Twitter veröffentlichte, statt am nächsten Tag in der “Welt”. Das sei ein Skandal, unjournalistisch und ein Beispiel für das Grundübel, weil man in Realtime in die Fraktionssitzung zurück funke, statt hinterher darüber zu berichten und damit Politik beeinflusse. Man dankt als Leser Harald Welzer leise dafür, dass es nicht darum ging, dass er den Alexander nicht leiden kann (ok, wissen wir nicht) sondern, dass er Twitter nicht leiden kann. Das wissen wir genau, weil Harald Welzer kein Twitterprofil hat. Vielleicht hat er Twitter auch einfach nicht verstanden.</p><p>Precht übernimmt schnell wieder, schließlich hat er sich die Überschrift des Kapitels ausgedacht. Es folgen freie Assoziationsketten in bildreicher Sprache zum Thema Medien und Politik, die komplett frei von Begründung und komplett zustimmungsfähig sind: Politik wird unipolarer, Politiker unschärfer, Medien lauter. Das ganze unterlegt mit altbekannten (und richtigen) Beispielen aus der Zeit der neunziger und nuller Jahre, wie die Rot-Grünen das gemacht haben, was auch die Schwarz-Gelben gemacht hätten: Kampfeinsätze in Jugoslawien, Dosenpfand und Hartz IV. Kanzlerduelle seien US-Cosplay, polarisierte Wahlkämpfe bringen Einschaltquoten und die bringen Geld, wobei auch hier wieder die Fußnoten mit den Belegen fehlen, angesichts des Autors wohl aus Faulheit, denn wegen fehlender Zahlen, die aber in Deutschland vielleicht nicht ganz so aussagekräftig wären, wie die in den USA, was z.B. die Profite von Spiegel oder RTL in Wahlkampfjahren vs. dazwischen betrifft. Aber es wäre interessant gewesen, das zu vergleichen. Nichts von dem tut weh, nichts von dem macht uns schlauer, aber Precht liest gerne Precht und da müssen wir jetzt alle durch. Was schade ist, weil sich aus diesen Plattitüden und bekannten Weisheiten etwas entwickeln lässt. Dazu muss man natürlich seine Metaphernsucht im Griff haben und vielleicht nicht nur Beispiele aufzählen, die wir alle auch so im TV sehen und die uns alle genauso aufregen, wie z.B. das aufs Wort vorhersagbare Frage- und Antwortspiel zwischen Journalisten und Parteivorsitzenden an Wahlabenden. Da sollte schon mehr kommen, also besser zurück zu Welzer.</p><p>Aber: F**k! S**t! Der hatte 2012 im Fernsehen den TV-Psychologen gegeben und war damals mit einer psychologischen Fernanalyse des amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff zum Medienschaffenden geworden. Autsch. Das muss natürlich proaktiv erwähnt werden, und zwar mit dem wirklich grandiosen humblebrag, dass man nicht wissen könne, ob Welzer damals zum Rücktritt des Bundespräsidenten beigetragen habe. Man sagt “mea culpa” und macht das Beste draus: man bestätigt seine Tätigkeit als Jäger im Fall Wulff und beschreibt, wie man sich so fühlt als Teil der Meute (Zugehörigkeit, Anerkennung, Komplizenschaft) und haut uns damit allen auf den Kopf. Uns allen heißt in dem Fall: uns allen in der “Wahlverwandtschaft” bei Twitter, wenn es uns auf dem Socialmedia-Dienst nicht um Aufklärung oder gar Wahrung des Gemeinwesens vor Schaden gehe (what?), sondern darum, jemanden zur Strecke zu bringen und dafür Beifall zu bekommen. So schreibt das der R.D.P. Oder der H.W. Ja, HW und RDP, so nennen sich die Bros im Buch. Yo.</p><p>Zum Glück sind wir in der Twitterfamilie gleich wieder aus der Schusslinie, R.D.P., also der Richard, hält wieder auf seine eigentlichen Feinde, es fallen Worte wie “Enthemmung”, “Moralverlust”, “Anstandsniveau”, “Verunglimpfung” und “Treibjagd”. Das alles explizit auf den deutschen politischen Journalismus bezogen. Unter solchen Substantiven macht es der Precht nicht und wir hoffen im nächsten Kapitel auf Antworten, warum das so ist. Der Titel lässt nichts Gutes hoffen. Er lautet:</p><p>Cursorjournalismus</p><p>Nicht nur das schwache Kunstwort, auch die ersten Sätze im Kapitel lassen uns wissen, wer jetzt schreibt. Denn es geht um: Waffenlieferungen an die Ukraine. Ok, die Marke ist gesetzt und Harald Welzer gibt uns also einen Abriss über den Unterschied zwischen unrealistischen Verschwörungstheorien (Lügenpresse, Coronaleugner) und der tatsächlichen und durchaus belegbaren Regierungsnähe von Journalisten. Das ist der Stuff, wegen dem wir hier sind. Welzer belegt und beschreibt, ordnet ein und ist auf dem besten Wege uns Erkenntnisgewinn, wenn nicht Lösungen zu präsentieren, und muss doch immer wieder auf den Ukrainekrieg zurückkommen, als hätte er einen alten Aufsatz zum Thema zweitverwertet und mit seinem aktuellen beef befüllt. Das ist, wie schon einige Male im Buch, schade, denn natürlich hat Welzer was zu sagen zum Thema und wäre er nicht so abgelenkt, würde er es tun, wir sind sicher. Und tatsächlich, nach und nach bekommen wir interessante Abrisse aus der bundesdeutschen Geschichte, als man noch wusste, wer journalistisch rechts und wer links stand, kongruent zur Polarisierung der politischen Lager. Seit dem Mauerfall ist nichts mehr links oder rechts und alles strebe zur Mitte und das führe dazu, dass die Medien wichtiger würden. Ok. Warum genau? Welzer wird konkreter und führt, man möchte fast sagen “plötzlich” eine stimmige, bedenkenswerte und gut erklärte Theorie der Medien in einer Zeit hoher Komplexität und geringer Aufmerksamkeitsspanne ein. Ziemlich genau zur Hälfte des Buches sagt mein Kindle. Ich komme mir vor wie ein Bergarbeiter, den Abraum hinter sich, die Silberader im Blick. Leider greift Kumpel Precht zur Hacke und meint, statt uns Welzers gut gefügten Ansichten zu überlassen, brauchen wir jetzt schnelle und rassig formulierte Schlussfolgerungen und begründet mit diesen (mal wieder) seine persönlichen Ansichten, die aktuellen Leitmedien wären eine Meute von Bluthündinnen. Es folgen Absätze mit den folgenden Worten, die immer aktuelle TV- und Pressepublikationen beschreiben: “Jagdfieber”, “Marschtakt”, “über jemanden herfallen”, “Verunglimpfen”, “hysterische Ausgrenzung”. Die Pressemeute erzeuge so ein “Wir”, werde also zur homogenen Massen und Welzer übernimmt gerne die Vorlage und verdächtigt diese der unisono Kriegstreiberei durch das Befürworten von: Waffenlieferungen in die Ukraine. Es ist ein bisschen traurig.</p><p>Was Cursorjournalismus eigentlich ist? Es ist zu bescheuert. Und auch irrelevant. Es lohnt kaum die folgenden Kapitel einzeln durchzugehen, auch wenn das verdächtig Precht-faul klingt. Das Pattern ist immer das gleiche: Welzer doziert und befußnotet sozialpsychologisch mäßig interessant auf eine Schlussfolgerung hin, die immer in etwa darauf hinausläuft, dass Journalisten einfach nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Dann übernimmt Precht und denkt sich ein paar scharfe Adjektive und Metaphern aus, um die Schlussfolgerung für den beschränkter vermuteten Teil der Leserschaft nach Hause zu prügeln. Der klopft sich vermutet auf die Schenkel und wirft Facebook an um die saftigen Formulierungen dort reinzuposten, damit Reichweite werde.</p><p> “Der Journaille haben wir’s gezeigt!” denkt Precht privat und formuliert für die Öffentlichkeit seriös um. </p><p>“Worauf habe ich mich bloß eingelassen” denkt Welzer, und versteckt sich öffentlich hinter seiner Wissenschaftlerkarriere und hofft, dass Putin bald den Löffel abgibt und die Öffentlichkeit seine peinlichen intellektuellen Entgleisungen zum Thema vergisst.</p><p>Was vom Anfang bis ans Ende des Buches immer und immer wieder erstaunt, ist, wie unreflektiert man sein kann und man fragt sich: ist das, weil oder trotzdem die Autoren sich permanent in die Öffentlichkeit begeben? Sie schreiben: Man wisse ja, dass es unseriös sei, Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen, wie das auf diesem Twitter ständig passiere und finden dann ihre Argumente in Reden von Springer-Chef Mathias Döpfner. Man beharrt auf Recherche und dem Schreiben über Dinge, von denen man etwas verstehe und stellt sich dann, wie so ein pickeliger Abiturient in der Berufsberatung, vor, wie Redaktionskonferenzen in großen Tageszeitungen ablaufen, statt mal zu recherchieren, was dort wirklich passiert. Es wird von der ersten Seite an die “Personalisierung der Debatte” angeprangert und man prangert permanent konkret Journalisten an. Es wird erklärt, dass die Journalisten - alle - eine Meute bilden, die sich im groupthink gegenseitig vergewissern und man vergewissert sich permanent in gegenseitiger Zustimmung, das man Recht habe, auch wenn das gar nicht sein kann, weil der eine Autor intellektuell faul und der andere ein anerkannter Wissenschaftler ist.</p><p>Die Frage bleibt: musste man sich wegen dieses Buches so entblößt in eine Talkshow setzen und ich denke, wir haben sie beantworten können.</p><p>Denn, wer aus Eitelkeit oder Sendungsbewusstsein behauptet, ein wissenschaftliches Werk zu veröffentlichen, welches bei näherer Betrachtung nur ein Vorwand ist, die zwei, drei talking points, die einen gerade beschäftigen, medienwirksam unter die Leute zu bringen und sich als Thema dieses "wissenschaftlichen Werkes” ausgerechnet den Medienbetrieb raussucht um dann zu 100% folgerichtig von den routinierten Samurais ebendieses Medienbetriebes zu Hasché verarbeitet zu werden, hat an sich nur zwei Betriebsmodi, mit denen er in eine wahrscheinlich lange zugesagte Promotalkshow wie die bei Lanz gehen kann. Man kann, wie Welzer, den gelassenen Wissenschaftler geben und milde lächelnd alle anderen für dumm erklären oder, weil man halt keiner ist, wie Precht, die Beine breit machen und mansplained dann den s**t aus dem eigenen Unsinn, worauf man beleidigt ist, wenn alle über einen lachen.</p><p>Schade ist das vor allem, weil, selbst wenn man das Alter der Autoren hat, und offenbar nicht anders kann, als den deutschen Journalismus auf die Leitmedien zu verengen, es an diesem einiges zu analysieren gibt. Sein Aufstieg und Fall ist faszinierend und wenn man wirklich nicht mit neuen Medien kann, und hier sind nicht nur die “Direktmedien” gemeint, wie Welzer begriffsschafft, was wir Nichtelitären “social media” nennen, hat man locker ein gutes Buch drauf, wenn man wie Precht in diesen Leitmedien lebt und wie Welzer was Richtiges studiert hat. Aber nein, man weiß tief drin, dass es ein ernsthaftes Werk über ein begrenztes Thema fürs eigene Ego nicht mehr bringt, man will Aufmerksamkeit, tappt in die Projektionsfalle und postuliert: Alles Egozentriker außer ich, ich, ich!</p><p>Und so sei abschließend die Frage erörtert, die jeder Rezension als Grundlage dienen sollte: für wen ist dieses Buch? Wer könnte sich dafür interessieren, wer wird Genuss beim Lesen empfinden, wer wird sagen “Toll argumentiert!", “Toll formuliert!”?</p><p>Nun. Mir fallen eigentlich nur zwei Leserinnengruppen ein: die Fans von Richard David Precht und die Fans von Harald Welzer. Und seit dem schniedelschwingenden Auftritt der beiden Autoren in besagter ZDF TV-Show werden sich diese Gruppen wohl entleert haben, bis nur noch jeweils ein Mitglied übrig war und bei Harald Welzer bin ich mir da nicht so sicher.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/richard-david-precht-harald-welzer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:76994615</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Oct 2022 07:14:21 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/76994615/69649e633466cddf7010a6afd95c8bd3.mp3" length="34181373" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1424</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/76994615/cffd758447f4c8a0b1c7e151f7ced235.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Jeanine Cummins - American Dirt]]></title><description><![CDATA[<p>Da die drei Rezensentinnen drei recht unterschiedliche Ansichten zum gleichen Roman hatten, waren am Ende alle glücklich darüber, dass sie sich wenigstens in Sachen “Kulturelle Aneignung” einig waren! Haha. Es ging zur Sache und nicht nur über einen Roman, der nicht auch unsere kleine Literaturabteilung spaltet. Ob wir dennoch eine gemeinsame Leseempfehlung abgeben, erfahrt ihr am Ende. </p><p>Ok, wir sind hier nicht bei der Sportschau: </p><p>* Irmgard: Nein</p><p>* Anne: Ja</p><p>* Falschgold: Kommt drauf an</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-jeanine-cummins-american</link><guid isPermaLink="false">substack:post:74105517</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 02 Oct 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/74105517/1c6b4f643938d8e8105144b19ee7cf2b.mp3" length="61848808" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2577</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/74105517/5bd54dc672e216f2a097968a6865c352.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jeanine Cummins - American Dirt]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Der Sommer neigt sich schon langsam wieder dem Ende zu und das Studio B Kollektiv ist aus dem Urlaub zurück, den ich für meinen Teil dazu genutzt habe, endlich eine lang geplante Reise zu unternehmen. Das Ziel: die Vereinigten Staaten von Amerika. Vor nunmehr fast drei Jahren entschlossen sich zwei mir sehr lieb gewonnene Menschen, Deutschland den Rücken zu kehren und ihr Leben in den USA fortzusetzen. Damit stand für mich schnell fest, dass ich sie eines Tages dort besuchen würde und so begann ich – mit den ersten fünf Dollar, die ich als Trinkgeld bekam – meine Spardose allmählich zu füllen, um mir diesen Traum zu verwirklichen. Schon längst hätte ich bzw. hätten wir diese Reise angetreten, wenn nicht äußere Umstände dies immer wieder verzögert hätten. Doch Anfang August war es endlich soweit und die Frage nach der Urlaubslektüre war ebenfalls so gesetzt wie das Reiseziel. Heiko Schramm, auch bekannt als Hesh, geschätzter Freund und ehemaliges Studio B Mitglied empfahl nicht nur mir, sondern auch Irmgard Lumpini und Herrn Falschgold, einen Roman der Autorin Jeanine Cummins und ich dachte mir, was könnte passender sein, als nach Amerika zu reisen und ein Buch mit dem Titel <em>American Dirt </em>zu lesen.</p><p>Im Jahr 2020 erschien Jeanine Cummins Roman <em>American Dirt</em> sowohl im englischen Original als auch in deutscher Übersetzung im Rowohlt Taschenbuch Verlag. Während ich in den Flieger steige und es mir bequem mache, mir noch einen Schal und eine Strickjacke aus dem Handgepäck zurecht lege, damit ich während des Fluges nicht friere und dem Beginn einer komfortablen Reise entgegenblicke, beginnt für die Protagonisten in Cummins' Roman ein Albtraum, der ihr Leben komplett verändern und sie ebenfalls auf eine Art Reise schicken wird, die sich grundlegend von der meinigen unterscheidet, bis auf die Tatsache, dass unser Ziel das Selbe ist: Amerika.</p><p>Die Reise der Protagonisten Lydia und ihres 8-jährigen Sohnes Luca beginnt in Acapulco, Mexiko. Unvermittelt befinden sich Cummins' Leserinnen und Leser in einem Kugelhagel, ausgelöst durch ein mexikanisches Kartell, dass während eines Grillnachmittags innerhalb kürzester Zeit Lydias und Lucas Familie auslöscht, genauer gesagt 16 Angehörige, darunter auch Lydias Mann Sebastián und ihre Mutter, während sie es schafft, sich und Luca im Bad vor den Killern zu verstecken und somit ihr Leben zu retten. Nachdem sich die Mörder zurückgezogen haben und das ganze Ausmaß des Schreckens deutlich wird, wird Lydia aber auch schnell bewusst, dass ihr Sohn und sie fliehen müssen, da sie von der Polizei – die ohnehin korrupt ist – keine Hilfe zu erwarten haben und das Kartell so lange nach ihnen suchen wird, bis sie auch sie getötet haben. Während Lydia ihre Flucht organisiert, weiß sie nicht, wie knapp sie dem Kartell entgeht, bevor sie sich mit ihrem Sohn Luca auf den Weg nach <em>el norte </em>macht, wie der Norden im Roman genannt wird.</p><p>Wir sind inzwischen im Bundesstaat Washington angekommen, der als Evergreen State seinem Namen alle Ehre macht und mit seinem vielen Grün, den Wäldern, den Bergen, aber auch dem Meer ideal ist, um viel Zeit in der Natur zu verbringen. Auch der kleine Ort, in dem meine Freunde leben, hat es mir angetan und könnte mit seiner Beschaulichkeit und seinen kleinen Häuschen glatt einer amerikanischen Serie entsprungen sein.</p><p>Auch Lydias Leben ist einmal beschaulich gewesen. Sie führte einen kleinen Buchladen in Acapulco durch den sie auch Javier Crespo Fuentes kennenlernt, mit dem sie sich anfreundet und von dem sie zunächst nicht weiß, dass er der Chef des Los Jardineros Kartells ist. Er ist kultiviert und über seine regelmäßigen Besuche, gemeinsame literarische Vorlieben und Gespräche, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Problem ist nur, dass Lydias Mann Sebastián Journalist ist, dessen Steckenpferd es ist, über Kartelle zu berichten und der eine große Story über Javier und Los Jardineros zu veröffentlichen plant. Was er schließlich auch tut und damit eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt, die letztlich dazu führen, dass er selbst tot in seinem Garten liegt und seine Frau und sein Sohn auf der Flucht sind.</p><p>Im weiteren Verlauf des Romans wird Lydias und Lucas beschwerliche Reise beschrieben, deren Ziel es ist, dem langen Arm des Kartells zu entkommen und sich gezwungenermaßen in den Strom anderer Flüchtlinge einzureihen. Dabei lernen sie die beiden Schwestern Rebeca und Soledad aus Honduras kennen, die ihnen auch dabei helfen, die Fahrten auf dem berüchtigten Todeszug <em>La Bestia – </em>langen Güterzügen, die das Land durchqueren<em> – </em>zu überstehen. Denn sie sind die einzige Möglichkeit, den langen Weg von Mexiko in die USA nicht zu Fuß bestreiten zu müssen. Doch das Aufspringen auf die Züge ist gefährlich und auf ihnen tummeln sich meist schon viele Migranten. Daher versuchen sie stets so unauffällig wie möglich zu bleiben, denn jeder <em>Mitreisende </em>könnte ein Gesandter des Kartells sein, der nach ihrem Leben trachtet. Und auch die spontanen Einsätze der Polizei sind ein Faktor, der die Flucht jederzeit in Gefahr bringen und scheitern lassen kann.</p><p>Wir sind mittlerweile in San Diego angekommen und Dank eines Mietwagens können wir nicht nur problemlos die Stadt und das dazugehörige Umland, wie die wunderschöne Coronado-Halbinsel erkunden, sondern finden auch einen höher gelegenen und beliebten Aussichtspunkt rund um einen alten Leuchtturm, von dem aus man bei guter Sicht bis nach Mexiko blicken kann. An diesem Tag herrscht leichter Nebel, doch ich blicke in die Richtung, in der Mexiko liegt und denke unwillkürlich an das von mir gelesene <em>American Dirt </em>und bin mir dessen bewusst, dass ich mich gerade an einem Ort befinde, der das Ziel von vielen ist.</p><p>Während des Lesens wird man immer wieder Zeuge unfassbarer Gewalt und Grausamkeiten die den Migranten, die meist ohnehin schon traumatisiert sind, angetan werden und die alles über sich ergehen lassen, wenn sie nur überleben und damit ihrem Ziel – ein besseres Leben zu führen – etwas näher kommen. Wir lesen aber auch von Momenten der Nächstenliebe durch beispielsweise Außenstehende, die den Migranten Wasser und Essen zur Verfügung stellen und der gegenseitigen Hilfe der Migranten untereinander, ohne die es vermutlich ein aussichtsloses Unterfangen wäre.</p><p>Schließlich führt der unbändige Wunsch, dass alles bisher Geschehene nicht sinnlos war, das Gefühl seinem Ziel näher und näher zu kommen und die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und ohne Angst, einen Teil der Menschen, deren Geschichte Jeanine Cummins erzählt, auf die letzte Etappe einer beschwerlichen Reise. Es ist der Weg durch die Wüste, den die Migranten mittels eines Cojoten zurücklegen und der sie all ihre Ersparnisse und Kraft kostet.</p><p>Während wir selbst, auf unserem Weg von San Diego zum Grand Canyon, in einer 9-stündigen Autofahrt die Wüste und ständig wechselnde Landschaften durchqueren, muss ich oft an <em>American Dirt </em>denken. Ich hoffe die ganze Zeit, dass wir mit dem Mietwagen nicht mitten im Nirgendwo liegen bleiben – obwohl die Landschaften beeindruckend sind – und gleichfalls hoffe ich, dass die Klimaanlage nicht ausfällt, denn die Außentemperaturen liegen wahrscheinlich bei 45 Grad. Ich frage mich, wie es Menschen möglich ist, solch höllische Torturen auf sich zu nehmen. Frage mich, wie groß deren Leidensdruck oder deren Angst ist und wie es der menschliche Körper schaffen kann, solche Strapazen zu überstehen, was ebenfalls bedeuten muss, dass es Menschen möglich ist, ein unbändiges Maß an Hoffnung zu empfinden, das sie weitergehen lässt.</p><p>Auch wenn Jeanine Cummins Roman eine fiktive Geschichte ist, ist es doch sehr real, dass täglich Menschen aus verschiedenen Ländern flüchten, dass sie Unglaubliches auf sich nehmen und viele von ihnen dabei sterben oder einfach spurlos verschwinden. Wie sie selbst in ihrem Nachwort erwähnt, gibt es dazu kaum belastbare Statistiken. Was Cummins' mit ihrem Roman für mich schafft ist, dass sie mich als Leserin unvermittelt in ihre Geschichte zieht, deren Tempo äußerst rasant ist und einem genauso wenig Zeit gibt zu überlegen, wie der Protagonistin selbst, die einfach nur handelt, um das Leben ihres Sohnes und ihr eigenes zu retten. Bis dato hatte Lydia kein schlechtes Leben geführt, im Gegenteil, und nun zeigt uns Cummins, auch anhand der vielen anderen Figuren in ihrem Roman, wie unterschiedlich die Beweggründe sein können, dass Menschen sich solcher Gefahren aussetzen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Damit nehmen wir sie nicht nur als gesichtslose Masse von Migranten wahr, sondern bekommen die Möglichkeit, unsere eigenen Ressentiments zu erkennen, zu überdenken und in ihnen die Individuen zu sehen, die sie sind. In meinem Fall ist Jeanine Cummins das sehr wohl gelungen und für mich besticht ihr Roman neben allem Schrecken auch durch sein Mitgefühl und den Wunsch, den Menschen gerecht zu werden und stellvertretend für die zu stehen, die ihre Geschichte nicht selbst erzählen können. Eine Reise geht zu Ende. Für mich war es eine wunderbare Reise, auf der ich so viel Schönes erleben und entdecken konnte, auch deshalb, weil ich den richtigen Pass und das nötige Kleingeld hatte. Auf der mir aber auch die Schattenseiten des Landes, der unbegrenzten Möglichkeiten nicht entgangen sind. Für Lydia und Luca endet eine Tortur, aber zumindest lässt uns Jeanine Cummins hoffen, dass sie nun ein friedlicheres Leben führen können.</p><p>In der nächsten Woche erfahren wir, wie es Irmgard Lumpini mit der Lektüre von <em>American Dirt </em>ergangen ist.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/jeanine-cummins-american-dirt-bb1</link><guid isPermaLink="false">substack:post:73755147</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 18 Sep 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/73755147/75fbbd814faf2b2dad2d2bb253d2d161.mp3" length="13859152" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>577</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/73755147/5c8d10ee2de24d6cd55aa98e5d4e89e3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jeanine Cummins: American Dirt]]></title><description><![CDATA[<p>Das erste Kapitel von “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3L9JKZC">American Dirt</a>” ist sicher eines der härtesten, die man seit langem hat lesen müssen. Aus der Sicht des achtjährigen Luca erleben wir, wie dessen achtzehnköpfige Familie bei einem Massaker durch ein mexikanisches Drogenkartell auf ihn und dessen Mutter Lydia dezimiert wird. Psychologisch effektvoll erleben wir das Ganze nur durch sekundäre Beobachtungen des jungen Luca - Geräusche, Gerüche, Geschrei - der zufällig im Augenblick des Überfalls im ersten Stock des Hauses pinkeln ist, während im Garten das Mordkommando arbeitet. Kurze Zeit später kommt seine Mutter Lydia ins Bad gestürzt und zusammen erleben sie die Katastrophe, versteckt hinter einem Duschvorhang.</p><p>“Moment!”, ruft da <a target="_blank" href="https://www.heikoheshschramm.com/">Heiko Schramm</a>, Freund der Show und ehemaliger Rezensent ebenda, dem Ihr im Übrigen diese und die zwei weiteren Rezensionen ein- und desselben Werkes anregungsweise zu verdanken habt. “Im Prolog von Don Winslows ’<a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/narcotraficantes">Tage der Toten</a>’ bringt ein Kartell aber eine neunzehnköpfige Familie um! Einer mehr!”</p><p>“Das ist wohl wahr.”, antworten wir, aber es gibt einen Unterschied. Zu dem kommen wir gleich, handeln wir jedoch zunächst kurz ab, was sonst noch in “American Dirt” passiert: Das Buch ist lang, doch die Handlung ist simpel und linear; in einem Satz zusammengefasst: Mutter und Sohn, Lydia und Luca, als einzige Überlebende der Familie Perez offensichtlich im Fadenkreuz der Killer des Kartells “Los Jardineros”, fliehen in die USA. Das war’s. Die Handlung wird entweder aus der Sicht Lydias oder Lucas beschrieben, sie verzweigt niemals, und ausser ein paar Rückblenden auf das Leben der Familie vor dem Massaker geht es straight von Acapulco im Süden Mexikos nach “El Norte”, nach Norden, nach Arizona, United States of America.</p><p>Kein Stück Kritik von mir dazu, dieser Rezensent braucht keine Vorblicke, Rückblicke oder Handlungsstränge, die sich irgendwo treffen und wieder verlieren, wenn jemand gut schreibt und einen Plan hat, worüber er schreibt und das in die Tat umsetzt, hat sie in meinem Kassenbuch der Literaturkritik einen ausgeglichenen Kontostand, Soll und Haben in neutralem schwarz, Doppelstrich drunter und abheften.</p><p>Jeanine Cummins, die Autorin, die mit “American Dirt” ihr viertes Buch vorlegt, schreibt gut, ja, sehr gut, sie weiß, worüber sie schreiben will und setzt das in die Tat um. “Tinder Press”, ihr amerikanischer Verlag, fügt dem Titel auf Amazon noch einen Doppelpunkt und die Worte “The heartstopping story that will live with you forever" hinzu und die New York Times Bestsellerliste hat einen neuen Number-One-Hit.</p><p>Und doch: Irgendetwas stimmt nicht.</p><p>Justin E. H. Smith ist nicht der Sänger von The Fall, er ist ein Essayist, unter anderem auch hier auf <a target="_blank" href="https://justinehsmith.substack.com/">Substack</a>. Er ist Schriftsteller und Philosoph, aber einer von den “Neuen”, Jahrgang 1972 und betreibt sein Geschäft in feiner Abwägung zwischen Breite und Tiefe, will sagen, er ist eher Habermas denn Richard David Precht, nicht konform, aber auch nicht pseudo-nonkonformistisch wie der Perückenträger aus Solingen. Sein jüngstes Werk, aktuell nur auf englisch erhältlich, trägt den Titel “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3erMnth">The Internet Is Not What You Think It Is: A History, a Philosophy, a Warning</a>” und beschäftigt sich mit unserer aktuellen Art und Weise, unser Leben zu betreiben. Unvermeidlich in einem solchen Buch ist das Wort “Algorithmus”, der, der unser Leben angeblich bestimmt. Es beschreibt das Phänomen, dass wir heute von Amazon und Google beraten werden, wo wir doch früher von Freunden die neuesten Bücher, Platten, Videos empfohlen bekamen und nicht etwa von Buchhändlern, Plattenverkäufern und Videoverleihs mit großen John-Travolta-Aufstellern in der Tür. Aber natürlich hat sich etwas verändert. Ohne meine Youtube-History regelmäßig zu löschen, würde ich seit fünf Jahren algorithmisch gesteuert nur Talkshows aus dem Achtziger-Jahre-Westfernsehen sehen, in denen zwischen den Kameraeinstellungen gewechselt wird, nicht um mal eine andere Seite vom Kinski zu zeigen, sondern weil zwischen Kamera und dem Erdbeermund Helmut Schmidt sitzt und die Sichtlinie zu qualmt. Justin E. H. Smith lamentiert jedoch nicht den vermeintlichen Kontrollverlust des Konsumenten, er denkt einen Schritt weiter und darüber nach, ob das größte Problem an den “Algorithmen” vielleicht gar nicht sei, dass wir in Bubbles landen und ein Leben lang die gleichen Youtube-Videos schauen müssen. Smith bemerkt eher, und sehr kritisch, dass auf der anderen Seite des Empfangsgerätes, bei den Filmemachern, den Musikern und ja, den Schriftstellerinnen, eine bewusste oder unbewusste Anpassung and den Algorithmus “passiert”, ja, dass es kreativen Menschen, wie er befürchtet, aus verschiedenen Gründen unmöglich sein könnte, sich den Algorithmen nicht anzupassen, dass diese uns die Freiheit und Vielfalt in der Kreativität rauben könnten.</p><p>Es sollte klar werden, worauf ich hinaus will. Ich nehme Jeanine Cummins, Autorin von “American Dirt”, proaktiv in Schutz, ich nehme ihr als Autorin jeden Vorwurf der Berechnung; aber das Buch ist ein Paradebeispiel einer innerlichen Algorithmisierung des eigenen Werkes. Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass Frau Cummins angesichts der Greuel des aktuellen mexikanischen Alltags empört ist und sicher auch deshalb den Entschluss gefasst hatte, dieses Thema zu verarbeiten. Ihre öffentlich bekannte Biographie enthält <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Jeanine_Cummins">Echos</a> ähnlicher Ereignisse, wie im Buch dargestellt. Als der Roman entstanden ist, instrumentalisierte der damalige Präsident Trump den Flüchtlingstrek, der sich von Mittelamerika durch ganz Mexiko bis an die US-amerikanische Südgrenze erstreckte und auf dem zigtausende Menschen auf der Flucht waren. Und natürlich war vor allem “La Bestia” in den Nachrichten zu sehen, “El tren de la muerte”, “Der Todeszug”. Wie gut senden sich doch beeindruckende Bilder kilometerlanger Güterzüge, auf denen Menschen sitzen, an denen Menschen hängen und so versuchen, an die US-amerikanische Grenze zu gelangen. Wie grausam muss das Schicksal sein, solche wahnwitzigen, lebensgefährlichen Wege zu gehen? Das bringt Klicks und mit ein bisschen Manipulation Wählerstimmen. In diesem Umfeld einen hochemotionalen Roman zum Thema zu schreiben erfordert Vorsicht, wenn er gut werden soll. Oder wenigstens authentisch. Oder wenigstens nicht unrealistisch. Jeanine Cummins jedoch hatte ihre Checkliste wohl vorm Beginn des kreativen Prozesses komplett und musste nur noch ihre wirklich gute Schreibe darauf loslassen und es sollte etwas Brauchbares herauskommen:</p><p>Ein investigativer Journalist stirbt: check. </p><p>Ein Massaker wie in Winslows “Day of the Dogs”: check. </p><p>Eine Flucht: check. </p><p>“La Bestia”: check. </p><p>Was fehlt? Achso, na klar, Busse mit Teenagern, die in Drogenbandencheckpoints geraten: check. </p><p>Der Rest ist Folklore und genau die richtige Menge Spanizismen, die man ohne Übersetzung versteht, fürs feeling, you know?</p><p>Man ist ungefähr dreißig Prozent im Buch und begreift, dass es das tatsächlich ist. Dass es keinerlei Überraschung geben wird. Man denkt zu Beginn, dass es vielleicht um das Leben als Emigrant in den Vereinigten Staaten gehen wird, die Flucht nur die Einleitung ist, immerhin heißt das Buch “American Dirt” und nicht “Tierra mexicana”. Aber, nach zweihundert Seiten Klischee und endlosen Absätzen in denen uns die Autorin immer wieder erklärt, wie sehr Lydia trauert, mit Rückblenden an ihr früheres “schönes” Leben, so als würden wir als Leserinnen das nicht beim ersten, zweiten oder .. achten mal verstanden haben, dazu einem abstrusen Handlungsstrang, den wir hier mal nicht spoilern wollen, und wenn es sich immer mehr abzeichnet, dass es um “La Bestia” gehen wird, den Füchtlingsgüterzug, fragt man sich ungläubig: “Echt? Really? Verdaderamente?”, pardon my spanish. </p><p>Ja, diese Idee hatte Frau Cummins: Die Protagonistin, Frau eines Journalisten und Besitzerin einer Buchhandlung, die aus dem modernen Kleinbürgertum gerissene Lydia Perez, mit 10.000 Dollar, nicht Peso, Dollar, amerikanischen, in Cash in the Täsch, auf der Flucht vor dem Kartell, springt, nicht einmal, nein, mehrmals, mit ihrem achtjährigen Sohn auf den fahrenden Flüchtlingsgüterzug “La Bestia”. Sie nimmt sich kein Mietauto (oder kauft sich einfach eines) oder ein Flugticket oder begibt sich auf eine Kreuzfahrt, oder, oder, oder.. Nein. Sie hat ein durchschnittliches mexikanisches Jahresgehalt in bar in der Tasche und springt von Autobahnbrücken auf fahrende Züge. Mit einem achtjährigen Sohn an der Hand. Ok, ich bin so ziemlich der inkompetenteste Kommentator dieser Handlungsentscheidung, weiß, männlich, komplett unbedroht und zehntausend Kilometer entfernt und ich lehne mich entsprechend ganz weit aus dem Fenster, wenn ich sage: “No. F*****g. Way.”</p><p>Aber vielleicht bin ich ein kompletter Idiot und das ist wirklich der beste oder der einzige Weg der Verfolgung durch ein mexikanisches Drogenkartell zu entkommen. Ok, Jeanine Cummins, aber dann erkläre es mir bitte, das ist dein Job als Autorin. Gehe mit mir die Optionen durch, erkläre es mir wie Deinem achtjährigen Sohn! Oh. Dem Du es auch nicht erklärst. Nein, die Entscheidung, wie es nach der Flucht aus der Provinz um Acapulco und dem unmittelbaren Zugriff durch das Kartell “Los Jardineros” weitergeht, wird auf einer Seite abgehandelt: “Das Kartell sucht nach uns. Man erkennt uns auf der Straße, ”halcones”, Falken, bezahlte Informanten des Kartells, halten nach uns Ausschau. ‘La Bestia’ fährt durch das Gebiet, in denen die “Los Jardineros” keine Falken haben. Ergo: ‘La Bestia’ ist der einzig verbleibende Fluchtweg.”</p><p>Warum ich mich so über diese Plotentscheidung aufrege? Die Fahrt auf “La Bestia” dauert das halbe Buch. Es passiert nichts anderes. Und das merkt auch Jeanine Cummins. Das Buch droht langweilig zu werden und ohne den Plot zu ändern, bleibt nur eines, um den Leser immer wieder bei der Stange zu halten: emoción! Muchos emociónes! Grande emoción!</p><p>Der US-amerikanische Musiker und Podcaster John Roderick, dem ich mit einer gewissen Devotion folge (und hier ganz nebenbei <a target="_blank" href="https://www.patreon.com/JohnRoderick">empfehle</a>) ist Anfang Fünfzig und hat eine Tochter in etwa dem gleichen Alter wie der kleine Luca in “American Dirt”. In einer Episode seiner zahlreichen Podcasts postulierte er kürzlich, dass, seit er selber ein Kind habe, er eines in Film und TV nicht mehr ertrage: wenn Kinder in Gefahr gebracht werden. Früher hätte es ihm nichts ausgemacht, heute jedoch, als Vater, sei es unerträglich. Er finde es billig, einen grausamen Taschenspielertrick auf Kosten des Rezipienten, und die Lektüre von “American Dirt” bringt mich dieser Argumentation näher. Jede Autorin kann natürlich schreiben, was sie will, die Grenzen sind für mich weit, nahezu unendlich. Du willst über Sodomie schreiben, übers Kotzen, Scheißen, Wichsen, go for it, dein Privatvergnügen und das findet im Allgemeinen ein Publikum. Aber, sobald Du in Deinen Werken moralischen Anspruch transportierst endet die Freizone. Hier musst Du Dich als Autor im Gegenzug mit moralischen Ansprüchen des Lesers auseinandersetzen und diesen genügt das aufs Spiel setzen des Sohnes der flüchtenden Lydia, einzig um den Leser bei der Stange zu halten, nicht. Zumal, berechenbar wie das Buch ist, jeder Leser weiß, dass Luca nicht sterben wird. Es wird ein anderer, fast gleichaltriger Junge sein, der den Trek nicht überlebt, und hier, vielleicht überraschend, habe ich keinerlei moralische oder inhaltliche Bedenken im Angesicht dieser grausamen Wendung. Es kommen auf der Flucht aus Mittelamerika in die USA, und, schlimmer, auch nach dieser, Minderjährige um, und das zu thematisieren ist berechtigt und wirksam. Es passiert im Roman plötzlich und ist sinnlos wie alles an dieser Fluchtbewegung. Wir trauern um Beto, ein asthmatisches und viel zu kluges Waisenkind aus den Slums von Tijuana und sind moralisch empört. Und wissen gleichzeitig, dass Luca nun erst recht nicht sterben wird, also, liebe Jeanine, verschone uns mit der zehnten Situation, wo Dir kein Spannungsbogen einfällt und Du uns nur billig Angst machen möchtest. Denn man kann so kinderlos sein, wie man will, die Angst vor dem Verlust des Nachwuchses ist fest einprogrammiert, wenn wir sowas sehen, hören, lesen, krampft der Magen, schluckt der Adamsapfel. Es ist die stärkste und damit die billigste Waffe, den Leser bei der Stange zu halten.</p><p>Und hier liegt auch der Unterschied zu Don Winslows Kartell-Trilogie: Ja, die Massaker dort sind noch entsetzlicher, die blutigen Enden mehr oder weniger liebgewonnener Handelnder zahlreich, aber sie sind immer entweder handlungsnotwendig oder, so grausam das ist, Hintergrund, Bebilderung. Sie sind also zwingend. Wir haben bei Winslow daher immer die Wahl, emotional zu reagieren oder rational, empört oder lakonisch, entsetzt oder achselzuckend. Diese Wahl lässt uns Jeanine Cummins nicht, sie schreibt einen emotionalen Verkehrsunfall und keiner kann wegschauen.</p><p>Und so ist “American Dirt” leider nur ein Buch, das hätte gut sein können. Na klar, Bestsellerliste, Millionenerfolg - das muss man erstmal hinbekommen und das schafft man im Allgemeinen nicht mit einem Groschenroman. Oder aber eben doch? Einfache Sprache, ein Handlungsstrang, der keine großen Kenntnisse von Lage und Gebiet braucht, jedes Klischee des Settings bis aufs I-Tüpfelchen vorgebracht und viel, viel Kitsch und Emotion - fertig ist der Bestseller. Wir lernen kaum Neues, es werden keine überraschenden Perspektiven eingenommen und das ist so unendlich schade. Denn, wo es große Gegensätze gibt, zwischen Gut und Böse, zwischen Reich und Arm, in Landschaft und Meteorologie, gibt es unendlich Stoff, den zu entdecken und verarbeiten es lohnt. Jeannine Cummins jedoch ging den einfachen Weg - und ich den damit schweren, weil gleichzeitig langweiligen und emotional grausamen durch dieses Buch - damit Ihr das nicht tun müsst.</p><p>In den nächten zwei Episoden von Studio B - Lobpreisung und Verriss wird zunächst Anne Findeisen und danach Irmgard Lumpini “American Dirt” rezensieren und sicher zu anderen, interessanten Schlüssen kommen. Ich werde die Zeit nutzen, mich mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft von “cultural appropriation” zu beschäftigen und versuchen herauszubekommen, was “kulturelle Aneignung” eigentlich sein soll, denn das wird spätestens zur Diskussion zum Buch abgefragt werden.</p><p>Spannende Wochen!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/jeanine-cummins-american-dirt</link><guid isPermaLink="false">substack:post:72599462</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 11 Sep 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/72599462/caf38264e2ce989676b2f99f7d7b79e2.mp3" length="20023841" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>834</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/72599462/ac2f8661de3d07f6f81b8d1af8e6db46.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Kehlmann, Berg, Tchaikovsky]]></title><description><![CDATA[<p>Im Sommer 2019, man erinnert sich, als die Welt noch komplett in Ordnung war, schrieben wir folgendes (die Links im Text führen direkt zu den Rezensionen auf Soundcloud):</p><p>Dass Herr Falschgold etwas völlig anderes unter einem Brainfuck versteht als Sibylle Berg wurde spätestens in der Diskussion zur heutigen Sendung klar. Aber man hätte es schon ahnen können, als Irmgard Lumpini von Frau Bergs aktuellem Buch „<a target="_blank" href="https://soundcloud.com/studiob-literaturmagazin/irmgard-lumpini-sibylle-berg?in=studiob-literaturmagazin/sets/brainfucks&#38;utm_source=clipboard&#38;utm_medium=text&#38;utm_campaign=social_sharing">GRM: Brainfuck.</a>“ zwar geflasht war, aber trotz tiefschwarzer Dystopie sehr angetan. Herr Falschgolds Brainfuck-Moment kam spätestens als er bemerkte, dass Adrian Tchaikovsky in seinem 2014 erschienenen Roman „<a target="_blank" href="https://soundcloud.com/studiob-literaturmagazin/herr-falschgold-adrian?in=studiob-literaturmagazin/sets/brainfucks&#38;utm_source=clipboard&#38;utm_medium=text&#38;utm_campaign=social_sharing">Children of Time“/“Kinder der Zeit</a>“ den Feminismus unserer Gesellschaft aus der Sicht von Spinnen analysiert. Und dass es der Hauptheld in Daniel Kehlmanns Durchbruch „<a target="_blank" href="https://soundcloud.com/studiob-literaturmagazin/anne-findeisen-daniel-kehlmann?in=studiob-literaturmagazin/sets/brainfucks&#38;utm_source=clipboard&#38;utm_medium=text&#38;utm_campaign=social_sharing">Ich und Kaminski</a>“ kopfmässig auch nicht leicht hat, tat dem Vergnügen, welches Anne Findeisen bei der Lektüre hatte keinerlei Abbruch – im Gegenteil.</p><p></p><p>Uns so konnte das Kollektiv anschließend nur Lobpreisungen konstatieren und ließ sich von dieser positiven Stimmung zu tiefgründiger, ziviler und wirklich hörenswerter Diskussion verleiten. </p><p>Wir wiederholen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-kehlmann</link><guid isPermaLink="false">substack:post:71539541</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 04 Sep 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/71539541/f6aa93be414b37a2f75aa153f0af14ef.mp3" length="61757481" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2573</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/71539541/edb4b0030c4c3e571b9f6586fa577e26.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Lisa Jewell - The Girls in the Garden]]></title><description><![CDATA[<p>Noch ist der Sommer nicht vorbei: Spannende Lektüre, Gesellschaftskritik und Tiefgang mit Leichtigkeit. Gönnt Euch diesen Sommerklassiker!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-lisa-jewell</link><guid isPermaLink="false">substack:post:70629862</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 28 Aug 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/70629862/b4229894c667472f6771382c10845658.mp3" length="8842555" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>368</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/70629862/93828aeea546bb1e8c28f19c206172de.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Michael Wolff - Feuer und Zorn: Im Weißen Haus von Donald Trump]]></title><description><![CDATA[<p>Wir sind im August alle im Urlaub, wie man sich das in Deutschland so leistet. Völlig unbekannt ist diese uns so selbstverständlich scheinende Einrichtung in den Staaten, den vereinigten, denen von Amerika. Anne Findeisen warf in 2018 einen Blick auf diese und ihren damaligen Präsidenten, einen gewissen Herrn Trump und was not amused. </p><p>Sie schrieb damals:</p><p>„Der Wahlsieg Donald Trumps ist sicherlich von vielen Menschen unterschiedlichster Schichten und Herkunft mit Bestürzung aufgenommen worden. Doch nachdem man sich langsam damit abgefunden hat, dass es sich bei seiner Präsidentschaft nicht um einen Irrtum handelt, lässt einen dieses Buch erneut Kopfschüttelnd zurück. Bereits auf den ersten hundert Seiten berichtet Michael Wolff so Ungeheuerliches, dass man sich erneut zu fragen beginnt, wie es sein kann, dass eine Person wie Trump, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde.“</p><p>Jetzt gerade ist sie in den damals von diesem Idioten beherrschten Staaten und gleicht das Gelesene mit der Realität ab. Damit sie dabei nicht gestört wird, heute also diese Wiederholung.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-michael</link><guid isPermaLink="false">substack:post:69365574</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 21 Aug 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/69365574/a6d51c1279145dc3596bb75a2b22619e.mp3" length="8050147" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>335</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/69365574/c79051bd47465a1967ba2bf483594eb3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Sommerklassiker: Alexandre Dumas - Das große Wörterbuch der Kochkunst]]></title><description><![CDATA[<p>..und fliehen im August aufs Land, literarisch in diesem Fall ins Nachbarland, historisch zudem was das Alter des <a target="_blank" href="https://amzn.to/3QHkRpv">Werkes</a> betrifft ins 19. Jahrhundert. </p><p>Rezensionsalterstechnisch bewegen wir uns um ein dutzend Jahre zurück, ins Jahr 2010 was den Umstand wenn nicht entschuldigt, so doch erklärt, dass das Transkript in den tiefen der Cloud verschütt ging, zumindest für den Augenblick und da Sommer ist können wir da jetzt nicht nach suchen, siehe oben. </p><p>Ein Ausschnitt blieb erhalten:</p><p><em>… Eine weitere Hürde für text2pot-Kocher wie den dementen Rezeptsklaven Biolek ist die durchgängig verwendete „gefühlte Mengenangabe“. Es wechseln wild exakte Angaben wie „125g Butter“ mit wagen „7 Kalbskoteletts“.</em></p><p><em>Diese werden übrigens nachdem sie in der Butter angebraten wurden, mit zwei Esslöffeln Bratenfond einige Minuten gekocht, dabei immer wieder  auf den Pfannenboden gedrückt, dass sie den Fond aufsaugen. Das nennt man ein glaciertes Kalbskotelett, bzw. deren 7 und entspricht einfach nicht dem was wir hier und heute so essen…</em></p><p>Verfasst wurde der Buchbericht jedenfalls von Herrn Falschgold, das kann man hören, und die Leseprobe stammt von unserer alten Freundin Therese Dennhardt.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-sommerklassiker-alexandre</link><guid isPermaLink="false">substack:post:68601328</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 Aug 2022 09:40:42 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/68601328/dab4ed5c2b6774e1213afec1dadc390b.mp3" length="38733132" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1614</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/68601328/6771c600e03af0274ab9ca4955c32c44.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Ottessa Moshfegh, Margarete Beutler]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Das Studio B entwickelt sich ein wenig zum Fanclub. Schon das zweite, respektive dritte Buch von Ottessa Moshfegh wurde kürzlich besprochen und es wird Zeit, dass mal jemand (Irmgard) die beiden Fangirls (Anne F und Herr F.) auf den literarischen Boden zurück bringt. Dazu interessante Details aus dem Leben der Autorin Margarete Beutler, ein Name so klar und simpel, dass ihn selbst Herr Falschgold behalten kann. Dachte man. Aber auch hier schreitet Irmgard Lumpini ein und korrigiert geduldig, aber bestimmt.  Eine fast harmonische Veranstaltung!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-moshfegh-beutler</link><guid isPermaLink="false">substack:post:66858591</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 07 Aug 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/66858591/552272fe44d9ffae5ab9b9e9bb14563b.mp3" length="60442584" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2518</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/66858591/bf9dad0221a88acc7c02331d802811eb.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Margarete Beutler: Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn geheiratet]]></title><description><![CDATA[<p>Wie viel in der Zeit verloren ging. Vergangene Welten zeigen sich in Musik, die erhalten blieb, in Museen oder in Zeichnungen in Höhlen, oder in durch Vulkanausbrüchen konservierten Orten. Und in Manuskripten und schriftlichen Zeugnissen. Durch Sehen, Hören, Lesen erschließen sich Welten, aber wieviel mehr ist für immer verschwunden? Wir bewundern Gemälde der Renaissance, können aber nicht wissen, ob unsere Bewunderung dem Mittelmaß gilt, weil wir nicht wissen können, was verschwunden ist. Dazu ist unsere Zeit begrenzt, und wir können nur vermuten, ob das, was wir erfahren, lernen, entdecken uns anderes gar nicht nicht erkennen lässt, weil es nicht mehr existiert und die Erinnerung daran ausgelöscht ist. Manuskripte und Bibliotheken verbrannten oder wurden verbrannt, Tonaufnahmen begannen erst vor 160 Jahren, fotografische Verfahren sind, zumindest nicht nur für Einzelne verfügbar, noch jünger. Durch wirtschaftliche und politische Interessen getragene Entscheidungen über Publikationen zeigen nur einen minimalen Ausschnitt der untergegangenen Welt.</p><p>Der AVIVA-Verlag hat einen Band mit Erzählungen von Margarete Beutler veröffentlicht, der den wundersamen Titel “Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn geheiratet” trägt.</p><p>Es ist fast 90 Jahre her, dass Margarete Beutler etwas veröffentlichte. Zwischen 1897 und 1933 erschienen zahlreiche in Zeitschriften abgedruckte Gedichte und Erzählungen, 3 Gedichtbände, 1 Versdrama sowie einige Übersetzungen von Baudelaire, Marot und Molière.</p><p>Dem Band in schöner Aufmachung ist eine Zusammenfassung ihrer faszinierenden Biographie und die gleichsam zufällige Entdeckung ihres literarischen Nachlasses vorangestellt.</p><p>Margarete Beutler wurde 1876 als 2. Tochter des Bürgermeisters eines kleinen Ortes in Pommern geboren und zu den Großeltern gegeben, weil man sich einen männlichen Stammhalter gewünscht hatte. Dort blieb sie die ersten 14 Jahre bis zum Tod der Großmutter, dann wurde sie von ihren Eltern nach Berlin geholt, wohin diese zwischenzeitlich mit ihren Geschwistern gezogen waren. In Berlin besuchte sie das sogenannte Lehrerinnenseminar, dass ihr höhere Bildung und Zugang zu Verdienstmöglichkeiten und damit finanzieller Unabhängigkeit ermöglichte.</p><p>Ihre erste literarische Arbeit wurde 1897 in der satirischen Zeitschrift “Simplicissimus” veröffentlicht und erweckte beim damals noch unbekannten Thomas Mann Interesse, der sie um weitere Arbeiten bat. Sie trat in Cabarets, Clubs und Kaffeehäusern mit Lesungen ihrer Gedichte auf und lernte viele Künstlerinnen und Künstler wie Else Laske-Schüler, Peter Hille oder auch den sie “glühend liebenden” Erich Mühsam kennen, dessen 1903 veröffentlichte Skizze “Grete” den Erzählungen vorangestellt ist. Im Jahre 1900 gebar sie ihren ersten Sohn, dessen Vater sie nie preisgab. 1902 zog sie nach München, wo sie als Redakteurin arbeitete. In diesem  Jahr wurde ihr erster Gedichtband mit naturalistisch geprägter Lyrik veröffentlicht.</p><p>1905 zog sie in das Malerdorf Etzenhausen bei Dachau, wo sie Christian Morgenstern kennenlernte und sich in den Schriftsteller Kurt Franz Georg Friedrich verliebte, den sie heiratete, nachdem sie einen weiteren Sohn bekommen hatte. 1911 erschien ihr Gedichtband “Leb’ wohl Bohème”, der ihr letzter veröffentlichter Band sein sollte. Der Titel suggeriert, dass sie versuchte, die Bohème zu verlassen und ein bürgerliches geregeltes Leben zu führen. Nach 1913 zog sich Margarete Beutler fast vollständig als Autorin zurück, arbeitete aber weiter als Redakteurin und Lektorin. Ihre Ehe scheiterte 1925, geschieden wurde sie 1939. Zwischen 1930 und ‘33 erschienen lediglich 2 Erzählungen im Simplicissimus. </p><p>Der Herausgeber des heute besprochenen Buches Winfried Siebert, der die den Erzählungen im Band vorangestellte biographische Zusammenstellung schrieb vermutet, dass wahrscheinlich sowohl ihre prinzipielle Ablehnung des Nationalsozialismus als auch die Ermordung Erich Mühsams 1934 im KZ Oranienburg zu den Gründen gehören, warum Beutler der Reichsschrifttumskammer nicht beitrat und deshalb nicht mehr publizieren konnte. 1949 starb sie durch Herzversagen.</p><p>1985 entdeckte ein Enkel bei einem Rundgang vorm Verkauf des Hauses seiner Eltern “2 große, verstaubte und von Spinnweben überzogene Kartons in einer hinteren Ecke.” Es handelte sich um den literarischen Nachlass Margarete Beutlers: über 200 Gedichte, mehr als 50 Erzählungen, ein großangelegtes Romanfragment, sieben komplette Theaterstücke, ein vollständiges Opernlibretto, zahlreiche Briefe und Rezensionen.</p><p>Im Vorwort beschreibt der Herausgeber Winfried Siebert von der “unvorhergesehenen Koinzidenz von Glück und Zufall, dass ein Teil dieses Nachlasses gut 70 Jahre nach dem Tod der Schriftstellerin der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.”</p><p>Den ersten Teil des hier vorgestellten Werkes von Margarete Beutler bilden 13 erstmals veröffentlichten Erzählungen, in denen sie ihre frühen Jahre bei ihrer Großmutter literarisch verarbeitet. Es sind verstörende Betrachtungen über ihre Kindheit in einem eigenwilligen, besonderen Stil, der sich an die persönliche Entwicklung anpasst und die Werdung des “ich” vom “es” nachzeichnet: Es handelt sich um Beschreibungen ihrer Welt, die sie sich selbst erklären muss und dabei zu erschreckenden, manchmal auch komischen Überzeugungen gelangt, weil eine Erklärung der Erwachsenen nicht erfolgt. Nicht, dass sie es nicht versuchen würde. “Nun höre endlich mit der Fragerei auf. Das ist ja grässlich.”, wird ihr verkündet. Wiederkehrend ist Margarete Beutlers Erkenntnis ihres Nichtverstehens: “Warum das so ist, weiß man nicht.” Ihr eigenes Spiegelbild entdeckt sie, während sie bei ihrer Puppe versucht herauszufinden, warum diese klappert und ihr dabei die Augen hereindrückt. Die Zerstörung der Puppe hält sie zunächst geheim. Es gibt die Figur der bösen Tante Helene, die Margarete körperlich züchtigt, wie man es damals ausdrückte, also schlug und quälte. Und Margarete entdeckt “Das absolute Böse” in Gestalt eines ausgestopften Hasen. Die Beschreibung ihrer Welt und der Versuch des Begreifens zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die wenig Fragen stellt. Manchmal ist das auch lustig, bis einem das Lachen im Halse stecken bleibt und man wieder Strafen für die kleine Margarete fürchtet. Exemplarisch steht hierfür ihr erster Kirchenbesuch, und eine Vielzahl von Vorschriften, die sie nicht versteht.</p><p>Überhaupt ist ihr Unverständnis groß. So weiß sie nicht, was “meine Mutter” bedeutet, sie fragt ihre Großmutter, die verweist auf “Wenn du einmal größer bist.” Und Margarete weiß bereits “Aber es dauert sehr lange, bis man größer wird, Bis man so groß wird, dass die großen Leute nicht größer sind.”, und sie fragt: “ Mutter! Wie ist das? Wo ist das? Wozu ist das?”</p><p>Neben der Entdeckung des “Ich” sind die Erzählungen über die Kindheit durch das Erlernen der Scham geprägt. “Es gibt uralte Mauern, vor denen kleine Mädchen sich ratlos und verwirrt mit nassen Hosen den Bauch vergeblich verrenken.”</p><p>Einen Brand in der Stadt beschreibt sie so: “Da ist es wunderbar schön. Da ist die Luft voller blinkender Blumen und Sterne. Manche sind wie lange Ähren, die im Bogen am Himmel entlangrutschen, manche wie runde Teller, die plötzlich nach allen Seiten auseinanderspringen. Goldene Äpfel sind dabei, die in der Luft zerplatzen, und große gelbe Salatköpfe, die feurige Blätter zur Erde fallen lassen. Es stinkt aber sehr, ähnlich wie in der dunklen Besenkammer. Man muss husten. Ich meine aber, ich habe noch nie etwas so Herrliches gesehen.” Zitatende.</p><p>Die Welt, die Margarete entdeckt, ist ansonsten keine besonders schöne.</p><p>Die späteren Erzählungen Margarete Beutlers zeigen ihr Experimentieren mit Dialekten, verschiedenen Stilen, überspitzte und groteske Darstellungen, ihre Auseinandersetzung mit der Welt. Einer Bekannten, die ungewollt schwanger ist und von ihr Hilfe bei einer Abtreibung erbittet, gibt sie eine für uns überraschende Antwort. Sie beschreibt ihre Liebe zur Natur und einen Orgasmus, den sie sich in der freien Luft schenkt und für den sie nicht nur ihren Körper und ihre Empfindsamkeit, sondern auch Bruder Sonne verantwortlich macht. </p><p>Es gibt sehr zugespitzte Fiktionen, wenn sich ihre “Freundin Ludmilla” überlegt, dass man mit der Idee, reichen Männern, die nur ihre Ruhe haben wollen, fiktive Reisen verkauft, die sie in aller Bequemlichkeit alleine verbringen ohne das Land zu verlassen reich werden kann oder in einer weiteren Geschichte “Die Ehescheidungsschule” betreibt.</p><p>Zu einigen Geschichten, Überzeugungen und stilistischen Übungen fällt der Zugang leicht, zu einigen schwerer, aber: ich möchte “Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn” mit Erzählungen von Margarete Beutler empfehlen.</p><p>Es verabschiedet sich Irmgard Lumpini, den Link zum Buch findet Ihr auf unserer Website lobundverriss.substack.com. In der nächsten Woche besprechen wir die Bücher der letzten Wochen gemeinsam. Wie immer könnt ihr gerne auf https://lobundverriss.substack.com/ schmökern!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/margarete-beutler-ich-traumte-ich</link><guid isPermaLink="false">substack:post:66413085</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 31 Jul 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/66413085/dc6eefdab03361e99a5172841a8d9946.mp3" length="14608344" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>609</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/66413085/98c0cf22f240c926adf5843b78b4b30c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Ottessa Moshfegh - Heimweh nach einer anderen Welt]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Nicht, dass ich Inspiration benötigt hätte, um einen weiteren Roman von Ottessa Moshfegh zu lesen, doch nach Herrn Falschgolds letzter Rezension die mich einmal mehr daran erinnerte, wie sehr ich diese Autorin schätze, kam ich zu dem Schluss, den letzten mir verbleibenden Roman von ihr zu lesen, den ich mir bisher noch aufgespart hatte und selbigen auch gleich zu besprechen. <em>Heimweh nach einer anderen Welt </em>ist aber kein Roman im klassischen Sinne, sondern ein Erzählband in dem Ottessa Moshfegh anhand von 14 Episoden oder Kapiteln einen Einblick in 14 verschiedene Leben bzw. Charaktere gibt, die, und dafür kennen und lieben wir die Autorin so sehr, zum Teil sehr verschroben und skurril anmuten, letztlich aber vor allem unzufrieden mit ihrem Leben sind. Wir ahnen also schon, was es mit dem Titel auf sich hat. Selbiger lautet in der 2017 im Original erschienenen Ausgabe <em>Homesick for another world </em>und wurde in Deutschland 2020 unter dem Titel <em>Heimweh nach einer anderen Welt </em>im Liebeskind Verlag veröffentlicht.</p><p>Moshfeghs Figuren, die entweder selbst Auskunft über ihr Leben geben oder deren Leben durch einen Erzähler beschrieben wird, sind geprägt von Unzufriedenheit, Süchten, Boshaftigkeit und Überheblichkeit. Es sind aber auch eben jene Attribute die oftmals die Triebfeder ihres Handelns darstellen, was einen nicht selten genug kopfschüttelnd, wenn nicht sogar angewidert zurücklässt. Dabei wirkt jede Episode wie eine kleine Autopsie in der Ottessa Moshfegh ihre Figuren seziert und das Wesentliche frei legt.</p><p>Im ersten Kapitel beispielsweise, mit dem Titel <em>Ich bessere mich</em>,<em> </em>begegnen wir der 30 jährigen Miss Mooney, die an einer Ukrainisch-Katholischen Schule unterrichtet – ein Job der sie nicht sonderlich zu erfüllen scheint – und mich direkt an Herrn Falschgolds Protagonistin in <em>Mein Jahr der Ruhe und Entspannung </em>denken ließ. Auch Miss Mooney geht gern und regelmäßig in der Bodega um die Ecke die Dinge ihres täglichen Bedarfs – Bier und Zigaretten – einkaufen, nur dass die Ägypter in ihrer Bodega gut aussehen und ihr Komplimente machen. Mit dem erworbenen Bier bestreitet sie dann auch den Nachmittag bis sie abends endlich zum Vodka übergehen kann. An ihrem Partner mag sie besonders, dass er sich nur selten in ihr Privatleben einmischt und einmal gibt es in ihrem trübsinnigen und trostlosen Leben sogar einen kurzen Moment der Hoffnung, als es heißt: „Mein Kopf heilt, dachte ich. Alles wird gut.“</p><p>Doch solche Momente währen nur kurz, denn die Beschreibung von Moshfeghs Figuren ist nicht darauf ausgelegt, sie in eine positivere Zukunft zu führen, sondern die zumeist hässliche und traurige Wahrheit wiederzugeben. Dabei ist sie ihren Charakteren gegenüber nie herablassend oder führt sie vor, sondern ist in ihren Darstellungen so genau und aufmerksam, dass man als Leserin am Ende noch ein wenig Mitleid mit dem größten Unsympathen empfinden kann.</p><p>Ein weiteres Beispiel ist Larry, der, nach dem Tod seiner Frau, im Alter von 64 Jahren einen Job in einer betreuten Wohneinrichtung für Erwachsene mit mittelschweren Entwicklungsstörungen übernimmt. Seine Motivation sich in seinem Alter noch einmal beruflich komplett neu zu orientieren, fasst er folgendermaßen zusammen: „Das Geld brauchte ich nicht unbedingt, aber ich hatte den Rest meines Lebens vor mir und wollte ihn unter Menschen verbringen, die mich zu schätzen wussten.“ (EBook S. 76) Nach Jahrzehnten in einem Bürojob den er eher Däumchen drehend am Schreibtisch verbracht hat und mit einer Frau an seiner Seite, die er eigentlich nicht geliebt hat – wie wenig wird ihm erst nach ihrem Ableben in voller Tragweite bewusst – ist er jedoch eine der Figuren in Moshfeghs Erzählband, die nicht still stehen und in ihrer Vergangenheit verharren, sondern bestrebt ist, seine Zukunft besser zu gestalten.</p><p>Ein weiteres Beispiel ist John, der seit 29 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist und als Arzt ein komfortables Leben führt. Er ist sich seiner privilegierten Stellung bewusst und ist doch unzufrieden mit seinem Leben, was ihm vor allem während einer Karibikreise bewusst wird, während der er das urtümliche und freie Leben der Inselbewohner beneidet. Er ist selbst der Meinung, dass er glücklich über seine Situation sein müsste und seine Probleme völlig bedeutungslos sind, doch er ist von dem starken Wunsch beherrscht, aus diesem kontrollierten Leben auszubrechen. Als seine Frau unverhofft verstirbt und John herausfindet, dass sie ihn vermeintlich im Urlaub betrogen hat, verfolgt er die groteske Idee erneut in die Karibik zu fliegen und den Strichjungen ausfindig zu machen, mit dem ihn seine Frau mutmaßlich betrogen hat, um dann aus Rache selbst mit ihm zu schlafen. Es ist sein großes Abenteuer, das ihn endlich aus der Unzufriedenheit und Tristesse seines Alltags befreien soll, was aber letztlich missglückt und wodurch Ottessa Moshfegh nur umso deutlicher das Gefühl transportiert, dass ihre Protagonisten ein Leben führen, das sich falsch anfühlt.</p><p>Der Clou an Moshfeghs Erzählungen ist, dass sie es trotz all der Bitterkeit und des Scheiterns, welches sie beinhalten, immer wieder schafft, den Situationen auch etwas Komisches – auch wenn es bitterböse ist – abzugewinnen, ohne ihre Figuren dabei vorzuführen. Dabei taucht sie scheinbar mühelos in eine Lebenswelt ein, die von Hoffnungslosigkeit geprägt ist und schafft es, sie der Leserin so vor Augen zu führen, dass man fast meinen könnte, selbst ein Teil davon zu sein. Es löst ein Erkennen und eine Betroffenheit für das eigene Leben, das eigene Umfeld aus. Ottessa Moshfegh erschafft ein Panoptikum menschlicher Abgründe und Unzulänglichkeiten, eine Welt in der Menschen ihren sexuellen Abgründen und Fantasien, ihrem Hass und ihrer Gleichgültigkeit, ihren Süchten und ihrer Verzweiflung folgen, sich gegen sie wehren und deren Daseinsberechtigung ebenso unbestritten ist, wie die jedes anderen. Wir spüren deren Heimweh nach einer anderen Welt und danken Ottessa Moshfegh einmal mehr, für diesen absolut empfehlenswerten Erzählband, der in keinem Bücherregal fehlen darf.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-heimweh-nach-einer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:65364393</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 24 Jul 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/65364393/1cd84f17c89591035beef26815159246.mp3" length="9015423" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>376</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/65364393/03daec542ce49c75433700e43d18847e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung]]></title><description><![CDATA[<p>Es gibt Menschen, die schaffen es mit einer ganz besonderen Leichtigkeit durchs Leben zu gleiten, auf das wir nicht anders können, als sie zu beneiden. Oft sind diese Menschen sehr schön, aber das ist keine Bedingung. Sie sind gerne klug oder wenigstens gebildet, was mir fast ein Hinderungsgrund scheint, aber so sei es. Reichtum oder wenigstens auskömmliche Verhältnisse helfen enorm.</p><p>Eine solche Person erzählt uns von ihrem Leben in Ottessa Moshfeghs “Mein Jahr der Ruhe und Entspannung”. Schon der Titel verbreitet selbstbewusstes Wohlgefühl, wüssten wir nicht, dass das nicht sein kann. Wer schreibt schon ein Buch über ein Jahr, in dem es ruhig ist und aus dem man mit ausserordentlicher Fluffigkeit heraus kommt. Ein Konflikt muss her und so ein richtig gründlicher deutscher Leser wird keine Seite dieses ganz hervorragenden Buches lesen können, ohne die Frage aus dem Kopf zu bekommen “Was ist ihr f*****g Problem?!”.</p><p>“Sie” ist die namenlose Erzählerin, eine bildschöne, weiße New Yorkerin mit genug Geld um nicht wirklich arbeiten zu müssen. Sie ist in ihren Zwanzigern, lebt in einem dieser typischen Upper East Side Appartementhäusern, in dem ein altgoldener Fahrstuhl und ein Portier nicht wirklich etwas mit Glamour zu tun haben, wo das einfach so ist. Sie ist recht kürzlich zur Waise geworden. Ihr Vater ist schon vor einiger Zeit an Krebs gestorben, ihre Mutter hat sich mit Tabletten und Schnaps aus dem Leben geworfen und wir atmen auf. Ein Problem! Wir haben es gefunden! Man kann so reich und schön sein wie man will, ein abgefucktes Elternhaus holt dich wieder runter in unsere abgefuckte Ebene. Gottseidank!</p><p>Unsere Erzählerin tut aber gar nicht dergleichen. Sie sitzt in ihrem Apartment und schaut neuklassische Filme auf DVD, Meisterwerke des 80er und 90er-Jahre Unterhaltungs-Kinos, gerne mit Harrison Ford und noch lieber mit Whoopi Goldberg. Sie versorgt sich, wie sich das in New York gehört, mit Lieferdiensten und einem täglichen Gang zur Bodega, den typischen New Yorker Eckläden, in denen es alles gibt - vom Klopapier bis zum Pastramibrötchen. Betrieben wird ihre Bodega von jungen, grimmig dreinschauenden, aber nicht unfreundlichen “Ägyptern”, bei denen sie schlechten Kaffee kauft und die Headlines der Zeitungen in den Regalständern liest. Mehr zum Zeitvertreib und “weil man das so macht” geht sie “Arbeiten”. Sie hat Kunstgeschichte studiert und sitzt ein paar Stunden am Tag am Empfang einer Kunstgalerie, wenn sie sich nicht in den Abstellraum verzieht um zu “nappen”. Denn wenn sie etwas eigentlich liebt, dann ist es das Schlafen!</p><p>“Wer will denn die ganze Zeit schlafen?! Da ist doch was nicht in Ordnung! Mit der stimmt doch was nicht!”, weiß der innere Monolog der Lesenden ganz sicher. “Die hat doch ein Problem! Die will dem Leben ENTFLIEHEN!”, haben wir es schon die ganze Zeit gewusst.</p><p>Unsere Protagonistin jedoch, klug und selbstreflektiert, erweckt nicht wirklich diesen Anschein. Mit der Ernsthaftigkeit eines Connoisseurs mixt und matcht sie diverse frei verfügbare und verschreibungspflichtige Medikamente um einen perfekten, möglichst langen Schlaf zu erzeugen. Wie sich Rennradjunkies mit immer aufwändigeren technischen und sportphysiologischen Tricks zu immer krasseren Adrenalin- und Endorphinhochs strampeln, bemüht die Erzählerin die pharmakologische Industrie und eine batshit-crazy Psychotherapeutin, die ihr die entsprechenden Rezepte ausstellt, mit nur einem Ziel: einen tiefen, traumlosen Schlaf von vielen Stunden, bevorzugt Tagen, zu erreichen. Wir danken den freiwilligen Pharmajunkies auf wikipedia.com jedesmal, wenn wir die immer verrückter klingenden Medikamentennamen auf dem Kindle antippen und diese uns kurz erklären, was das Wundermittel tut. Dass z.B. Librium oder Noctec tatsächlich Medikationen zur Bekämpfung von Insomnia sind. Alles was der amerikanische Pharmamarkt hergibt, plus ein paar fiktive Pillen, wirft sich die Protagonistin ein, damit es keinen Morgen gibt.</p><p>In den immer weniger werdenden Stunden, in denen sie wach ist oder zumindest wach genug, um die Wohnungstür auf zu machen, besucht sie Reva, eine alte Highschoolfreundin, die auch in New York lebt, wenn auch völlig anders: Reva ist die sich ständig als zweite fühlende, von medialen Frauenbildern geprägte, oberflächliche “alte Freundin”, die man nicht mehr los bekommt, weil man sie “schon immer kennt”. Hier findet der Leser Erlösung von der störrischen Erzählerin, die seine Erwartungen nicht erfüllt und selbstzufrieden döst.</p><p>Er kann sich jetzt um Reva sorgen! “Reva, wach auf!”, ruft der Leser, was rennt sie wie ein kopfloses Huhn rum und versucht den perfekten Mann, das ideale Gewicht, die fehlerlose Schönheit zu finden? Sie ist doch ein perfekt normales, nicht unkluges Mädel aus der Vorstadt, die ihr Glück schon machen wird. Was sie nicht verdient hat, ist die Verächtlichkeit unserer Protagonistin, die sich von der Vorsorglichkeit ihrer einzigen Freundin einfach nur gestört fühlt auf ihrem Weg aus oder ins Delirium.</p><p>Der eher sorglose Leser, der diese Rezension schreibt, stellt sich jedoch, logisch, auf die Seite der Erzählerin. Reva nervt einfach nur. Ständig kommt sie mit billigem Schampus oder Gin an und versucht die endlos lange Nacht zu ihrem belanglosen Tag zu machen. Sie zickt rum, wenn man nicht mitgeht auf ihre hirnlosen Parties um einen hirnlosen Macker abzugreifen, der einem irgendwann den Gang ins Büro erspart und am Ende schläft sie neben einem auf dem Sofa ein, nachdem sie zum zwölften mal erzählt hat, wie toll es war zusammen auf der High School. Und man selbst ist wach! So rum war das nicht gedacht! “No means no!” und wenn jemand zum zwölften mal nicht versteht, dass das alles seinen Sinn hat, was man hier machen will und selbst wenn nicht, geht es die eingebildete beste Freundin einen s**t an!</p><p>Aber, so reagiert nur der Rezensent. Pharmakologisch oder charakterlich verursacht bleibt die Schlafwandlerin in allen Lagen entspannt und gibt keinen allzu großen f**k. Ihr ist ihre Freundin weder besonders wichtig noch besonders egal. Sie sitzt in ihrem Appartement, schaut Whoopi Goldberg und ob Reva nun da ist oder nicht, es ist ihr wurscht. Denn das ist ihre Superpower: keinen f**k geben. Wie wir in der Studio B Diskussion sehen werden, wird “Mein Jahr der Ruhe und Entspannung” nicht nur im Rezensentinnenkollektiv höchst unterschiedlich rezipiert, von beeindruckter Belustigung bis zur Abscheu ob des Kontrollverlustes, dem sich die Hauptheldin aussetzt, kann man die Story aus vielen Blickwinkeln lesen. Für mich ist es ein Lehrbuch in Gelassenheit. Wer gibt wirklich einen S**t, ob Du im Morgenmantel zum Eckladen gehst. Wie wichtig ist es, mit den richtigen Künstlern zu verkehren statt den “falschen”. Das Leben ist unberechenbar, also versuche es nicht deinen Planungen zu unterwerfen. Aus dieser Perspektive betrachtet wird das Buch zu einem entspannten Lesevergnügen.</p><p>Aber das ist nicht die einzige Lesart. Hatte ich erwähnt, dass die Story im Sommer 2000 beginnt? Man überliest es zunächst und wird nur durch die eine oder andere in der Bodega überlesene, im Vergleich zu heute absurd unaufregende historische Schlagzeile daran erinnert. Spätestens im Buchherbst, wenn unsere Protagonistin die harten Pharmacocktails rausholt und die Planungen zu einem mehrmonatigen Schlafmarathon beginnen, schwant einem dann, wann das Jahr der Ruhe und Entspannung enden wird und der immer tiefsinnige deutsche Leser wird seinen Zeigefinger heben und sagen:</p><p>“Aha! Eine Parabel! Das letzte Jahr der Ruhe und Entspannung! Denn dann kam der 9. September (Denn der deutsche Leser muss immer allen anderen die einfachsten Dinge erklären, der arrogante Depp.)”</p><p>Der eher zur Untiefe neigende Rezensent sagt “Nice trick!”, eine sublime Art und Weise den Leser bei der Stange zu halten ob eines nicht wirklich “deepen” Buchs, das sujetbedingt immer mal wieder zum “Anhalten” neigt. Außer Schlafen, TV und sich nicht mehr erinnern können, was man schlafwandelnd getan hat, passiert nicht viel. Eine Reise in die Vorstadt, zur Beerdigung von Freundin Revas Mutter ist fast schon der Gipfel der Action. Das Buch ist die ideale Vorlage für den indiesten Indiependentfilm, spielend im Jahrzehnt des Indiefilms, den Nuller, aber da eine Filmvorlage vom Leser Phantasie fordert, was nun wirklich nicht zu verlangen ist vom tiefsinnigen deutschen Leser, streusselt Ottessa Moshfeghs dieses gleichzeitig minimale und maximale Target in das Rezipientenhirn: NINE-E-LE-VEN! - Ich habe mich köstlich amüsiert zumal es wirklich nur das ist, eine kleine Fata Morgana in der Wüste der Inaktivität und hätte mir gewünscht, der Roman hätte, nein, noch nicht mal am 10. September 2001 geendet, das wäre ja schon wieder Effekt gewesen, sondern, sagen wir am 3. September. Einfach so. Wie bedeppert hätte der tiefsinnige deutsche Literaturfreund ausgesehen.</p><p>Aber wie, und ob dramatisch, “Mein Jahr der Ruhe und Entspannung” endet, lasse ich als minimalen Cliffhanger zusammen mit einer hoffentlich offensichtlich gewordenen Empfehlung dem geneigten Leser zur eigenen Entdeckung in einem der facettenreichsten Bücher seit langem.</p><p>Und ich muß nun also zum nächsten Buch von Ottessa Moshfegh greifen, die Frau hat es schwer drauf!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-mein-jahr-der-ruhe</link><guid isPermaLink="false">substack:post:64454723</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 17 Jul 2022 10:58:30 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/64454723/ba68d9682d537d8af8165111fa86e740.mp3" length="12620321" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>526</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/64454723/dc9df2e61d3b8bd07b4e9603df297d09.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Diskussion: War!]]></title><description><![CDATA[<p>An diese Diskussion, jetzt schon fast 10 Jahre her, erinnern sich heute noch alle Beteiligten: denn es flogen die Fetzen! Wir schrieben damals:</p><p>Das konnte fast nicht ausbleiben: Eine Diskussion über Kriegsliteratur wird ratzfatz politisch und damit gut hitzig: Irmgard Lumpini, Hesh und Herr Falschgold diskutieren anhand von Lesebeispielen die unterschiedliche Perspektive von Soldaten und Offizieren im Krieg, von Frauen und Männern, von Pazifisten und Bellizisten und dürfen sich dabei gegenseitig so einiges anhören.</p><p>Die behandelten Werke waren:</p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/restrepo">Sebastian Junger - Restrepo </a>(Herr Falschgold)</p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/ingrid-strobl-sag-nie-du-gehst-den-letzten-weg">Ingrid Strobl - Sag nie, Du gehst den letzten Weg</a> (Irmgard Lumpini)</p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/ein-kriegsbuch-sind-alle-kriegsbucher">“..einer selektive Auswahl an amerikanischer Kriegsliteratur.” </a>(Heiko Schramm)</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-diskussion-war</link><guid isPermaLink="false">substack:post:63302035</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 10 Jul 2022 04:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/63302035/b2a4e5f3ddedc134f7fde5337165158c.mp3" length="55854242" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2327</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/63302035/c917c047ba128bdf27a4f380fe94b44a.jpg"/></item><item><title><![CDATA[ Neal Stephenson: The Diamond Age]]></title><description><![CDATA[<p>Neal Stephensons moderner Klassiker “The Diamond Age”, im Untertitel “A Young Lady's Illustrated Primer” stammt aus dem Jahre 1995, und es war ein großes Vergnügen, ihn für Studio B nach 15 Jahren noch einmal zu lesen.</p><p>Die Rezensentin muss gestehen, bei der ersten Lektüre nur ca. 10% des Buches nachvollzogen zu haben, denn schon damals zeigte sich eine der größten Herausforderungen aller Werke von Neal Stephenson, sofern sie nicht in vergangenen Zeiten, sondern wie The Diamond Age in einer zeitlich nicht näher definierten Zukunft angesiedelt sind: entweder ist man mit Visionen des technischen Fortschritts vertraut und besitzt eine hohe visuelle und gesellschaftliche Phantasie, oder ein großer Teil des Buches bleibt im Dunkel, weil der Verstand der Leserin nur Bruchteile fassen, nachvollziehen und einordnen kann. </p><p>Da ein Großteil der damals für mich unverständlichen Schilderungen mittlerweile technischer Alltag und vorstellbare - wenn auch noch nicht vollständig umgesetzte - gesellschaftliche Entwicklungsprozesse sind, las sich The Diamond Age diesmal eher wie ein literarischer Kommentar zu einer teilweise realen, teilweise vorstellbaren Zeitgeschichte.</p><p>The Diamond Age spielt auf vergangene Zeitalter an, deren kultureller Fortschritt durch die Verwendung, Entdeckung oder -entwicklung von Materialien geprägt war, wir denken hier an die Steinzeit oder auch die Bronzezeit. Jetzt hat sich die Nanotechnologie endgültig durchgesetzt: durch die Möglichkeit, einzelne Atome und Moleküle beliebig zu verbinden, entfällt der Kampf um Rohstoffe, Reichtum wird nicht mehr über deren Besitz erzielt, weil alles einfach hergestellt werden kann. Die Herstellung von Fenstern aus Diamanten ist unvergleichlich preiswerter als die Herstellung aus Glas. Ähnlich unserem Stromnetz werden grundlegende Elemente verteilt, um anschließend mit Hilfe von Feedern Mittel des täglichen Bedarfs zur Verfügung zu stellen. Hunger gibt es also nicht mehr. </p><p>Allerdings sind auch die Nationalstaaten, wie wir sie heute kennen, nun eine historische Angelegenheit. Verantwortlich dafür sind neben der Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse unabhängig von Wohlfahrtssystemen, die ausgrenzen, die fehlende Kontrolle der Nationalstaaten über die Geldströme. Ein Staat, der keine Steuern eintreiben kann, hat keine Mittel, um seine Machtinstrumente zu bezahlen. Ersetzt wurden die Staaten durch verschiedene sogenannte Phyles, Zusammenschlüssen von Menschen, vielleicht Stämmen vergleichbar, die sich entweder aufgrund gleicher politischer oder kultureller Überzeugungen organisieren, dabei aber unterschiedliche Zugehörigkeitsvorgaben haben. Eine der mächtigsten Gruppen sind die Neo-Viktorians, die die Nanotechnologie entwickelt haben und die Feeds kontrollieren. Die andere wesentliche Gruppe sind die Han, die die chinesische Kultur nach Konfuzius repräsentieren. Dazu kommt eine Vielzahl anderer Gruppen, die entweder streng geographisch begrenzt, teilweise aber auch weltweit in kleinen Enklaven leben, und deren Beziehungen untereinander durch das Common Economic Protokoll, kurz CEP, geregelt wird. Bezeichnenderweise ist einer der wichtigsten Punkte dieses Protokolls der Schutz des persönlichen Eigentums, während Menschenrechte oder individuelle Rechte, wie z. B. auf Bildung nur innerhalb der verschiedenen Gruppen in verschiedenen Ausprägungen existieren, dafür aber Unterwerfung unter deren jeweilige Paradigmen voraussetzen. Übertragen auf die heutigen globalen Akteure ist das CEP am ehesten mit dem Internationalen Währungsfonds vergleichbar, während die Durchsetzung der Genfer Menschenrechtskonvention, nun ja.</p><p>Neben diesen Gruppen gibt es noch die Thete, Menschen, die keinem Stamm zugehörig sind und damit auch keinen geregelten Zugang zu Bildung oder damit verbundenem gesellschaftlichen Aufstieg haben, also arm sind und mit großer Wahrscheinlichkeit arm bleiben werden.</p><p>The Diamond Age sammelt eine Vielzahl von Handlungssträngen, Protagonisten und großen Themen, bedient sich dafür innerhalb des Buches unterschiedlicher Stile und ermöglicht verschiedene Lesarten. </p><p>Den ungerecht geregelten Zugang zu gesellschaftlichen Gruppen und damit verbundenen Möglichkeiten habe ich bereits kurz angesprochen. Viele der Ereignisse in The Diamond Age beruhen auf den kriminellen Handlungen verschiedener Protagonisten, die sich dadurch ein besseres Leben für sich selbst oder ihre Kinder erhoffen.</p><p>John Percival Hackworth, dessen 2. Vorname auf Parzifal, den Ritter auf der Suche nach dem Heiligen Gral verweist, ist ein neoviktorianischer Ingenieur, der den Auftrag erhält, den im Untertitel des Buches erwähnten “A Young Lady's Illustrated Primer” zu entwickeln. Dabei handelt es sich um interaktives Gerät, dessen Geschichten, Erklärungen und Gleichnisse jungen Mädchen die Möglichkeit geben soll, durch die Erziehung mithilfe des Primers - oder auch Fibel -  ein interessantes Leben zu führen. Dabei hat der oberste Lord der Neoviktorianer, Lord Finkle-McGraw lediglich ein einziges Exemplar für seine Enkelin vorgesehen. Sein Ziel ist es, seiner Enkeltochter eine gewisse Subversivität zu ermöglichen, weil er den Niedergang seiner Gruppe befürchtet, wenn alle konform den Regeln folgen, damit aber keine Impulse für eine Weiterentwicklung geben können. Ihm ist klar, dass die Weiterentwicklung von Gesellschaften und Gruppen nie gleichförmig nach vorn, sondern sprunghaft, durch Anstöße von Individuen, die abseits des herrschenden Mainstreams handeln, in Gang gebracht wird. Hackworth, der Ingenieur, fertigt jedoch einen 2. Prototypen, den er für seine Tochter Fiona vorgesehen hat, um ihr damit später eine bessere gesellschaftliche Stellung zu ermöglichen. Dieser wird ihm jedoch gestohlen und gelangt so zu Nell, einem 4jährigen Mädchen, das zusammen mit seiner Mutter und ihren wechselnden gewalttätigen Freunden lebt und mithilfe der Fibel lesen und - wichtiger - Denken lernt. Dabei ist die Fibel kein klassisches Buch, sondern funktioniert eher wie ein Computerspiel, bei dem auf verschiedenen Wegen versucht wird, Probleme zu lösen oder eben das nächste Level zu erreichen. </p><p>Von der kriminellen Kopie des Primers erfahren 2 weitere Protagonisten: zum einen der bereits erwähnte Lord Finkle McGraw als auch ein mit dem kargen Namen Dr. X ausgestatteter Chinese, der die Technologie des Primers für die Erziehung unzähliger chinesischer Mädchen nutzen will. Der Ausweg aus dem Elend als glücklicher Einzelfall oder als organisierte Revolte.</p><p>The Diamond Age verhandelt die unterschiedliche Auffassung von Kulturen und die Basis ihrer Erfolge. So gibt es auch ein längeres Gespräch über die ursprünglichen Viktorianer, deren Erfolg im Zeitalter der Aufklärung auf der Ausbeutung und Kolonialisierung anderer basierte.</p><p>Nun ist Information und der Zugang zu ihr, wie seit vielen Jahren propagiert, eine wichtige Voraussetzung für  Reichtum. Die Verteilung von Informationen bzw. Modelle dazu sind eine weitere Diskussion: so wollen Hacker, die im Buch die Gruppe CryptNet bilden und die vorrangig im Untergrund agieren, das Verteilsystem über Feeder abschaffen, und stattdessen mithilfe der Seedtechnologie Ressourcen verteilen. Dies steht diametral zur herrschenden Ordnung des Common Economic Protokolls, die den Zusammenbruch und anschließende Anarchie befürchten, wenn jeder selbst herstellen könnte, wonach ihn gelüstet, z. B. Waffen. Widersprochen wird den Bewahrern des Common Economic Protokoll dabei insbesondere von den Mitgliedern der Han-Gruppe, die sich als diszipliniert genug begreifen, da sie nach den Konfuzius zugeschriebenen Regeln leben.</p><p>Während im 1. Teil des Buches Personen eingeführt werden und die Handlung in vielen Einzelsträngen, die zunächst nur lose oder gar nicht verbunden erzählt wird, schreibt Neal Stephenson im 2. Teil, der etwas abfällt, mehr über Hintergründe und die teils fiktiven historischen Ereignisse, die zur Gesellschaft geführt haben, in der die Protagonisten leben müssen. </p><p>Was kann man Menschen zutrauen, welche Haltung besteht gegenüber der sogenannten “Natur des Menschen” - dies ist eine der zentralen Fragen von The Diamond Age. Dabei schafft Neal Stephenson mit eingestreuten Geschichten aus der Fibel, die durch Nell gesteuert wird, nebenbei noch einen Rückblick auf Technikgeschichte; erzählt neben den Möglichkeiten der Nanotechnologie von ihren dunklen Seiten - so ermöglicht diese auch die totale Überwachung, da diese nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb von Körpern stattfindet; berichtet über irre Aussenseiter, die handwerkliche Produkte von Hand herstellen anstatt die Feeder zu nutzen; untersucht den Einfluss und die Wichtigkeit von einzelnen Personen für die Erziehung von Kindern, also: ist dies eine Aufgabe, die in Zukunft Technologie übernehmen könnte?</p><p>Oder anders: den ausgedehnten Zustand des halbherzigen andauernden Krieges, der Gesellschaft genannt wird. Neal Stephensons Wälzer The Diamond Age kann auch mehr als 20 Jahre nach seinem Erscheinen empfohlen werden.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/neal-stephenson-the-diamond-age</link><guid isPermaLink="false">substack:post:62210246</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Jul 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/62210246/c0e1001f47cffeadcea94f98847551fe.mp3" length="13172174" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>549</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/62210246/f43f208f64cc29bfe5c6d51e73b88e20.jpg"/></item><item><title><![CDATA[T.C. Boyle - América]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Der Mensch hat eine Neigung dazu sich abgrenzen zu wollen. Vor allem gegen Dinge die ihm zuwider sind, weil sie beispielsweise seinen Besitz oder einfach seinen Komfortbereich bedrohen. Ein probates Mittel dafür scheint das Errichten einer Mauer zu sein. Dass gerade wir Deutschen uns mit diesem Thema auskennen muss nicht betont werden, dass wir dieses Jahr das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls feiern können dagegen schon. Stellt sich nur noch die Frage was das alles mit T.C. Boyles 1995 erschienenen Roman <em>América </em>, oder im Original <em>The Tortilla Curtain </em>zu tun hat.</p><p>Schauplatz der Handlung ist das Los Angeles der 90er Jahre in denen Boyle zwei Familien agieren lässt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite finden wir Delaney und Kyra Mossbacher mit Sohn Jordan, deren Leben sich in der schicken und den Wohlhabenden vorbehaltenen Wohngegend von Arroyo Blanco Estates abspielt, die auch namensgebend für das erste Kapitel des Buches ist. Das Familienleben gestaltet sich jedoch nicht nach den klassischen Rollenbildern, denn Kyra ist erfolgreiche Immobilienmaklerin und die Beste auf ihrem Gebiet, was lange Arbeitszeiten und hohen Aufwand inkludiert. Delaney hingegen, der ein großer Naturfreund ist, kann sich, auch aufgrund eines Erbes, den Luxus gönnen seinem Beruf als Journalist insofern nachzukommen, als dass er eine monatliche Kolumne in einer Naturzeitschrift veröffentlicht. Ansonsten kümmert er sich um den Haushalt und seinen Stiefsohn.</p><p>Auf der anderen Seite siedelt Boyle den Mexikaner Cándido Rincón und dessen Partnerin América an. Sie sind illegale, mexikanische Einwanderer die, wie so viele, versuchen in den USA Arbeit zu finden, um sich endlich ihren Traum von einem eigenen kleinen Häuschen und einem besseren Leben erfüllen zu können. Da ihr Geld momentan jedoch nicht einmal für eine kleine Wohnung reicht, kampieren sie in einem Canyon, der sich noch dazu unweit des Wohnviertels Arroyo Blanco befindet. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass América schwanger ist.</p><p>Das erste und entscheidende Aufeinandertreffen der Protagonisten, sofern man es denn so nennen kann, findet statt, als Cándido von Delaney auf einer viel befahrenen Straße angefahren und verletzt wird. Der ausschließlich spanisch sprechende Cándido gibt zu verstehen, dass er weder Krankenwagen noch andere Hilfe möchte und so lässt Delaney ihn, nachdem er ihm 20 Dollar gegeben hat, zurück. Der Unfall bildet den Ausgangspunkt für die Geschichte, die sich in drei Kapiteln entfaltet, wobei sich die Erzählperspektiven innerhalb der Kapitel abwechseln.</p><p>Einige zentrale Themen tauchen dabei immer wieder auf, haben aber, je nach Lebenssituation, völlig unterschiedliche Bedeutungen. Da wäre beispielsweise die Natur. Für die beiden Mexikaner Cándido und América, die sich täglich, so wie viele andere Mexikaner auch, bei einer Arbeitsvermittlung anstellen, um wenigstens für einen Tag Arbeit zu bekommen und sich etwas Geld zu verdienen, ist die Natur ihre Unterkunft. Ihre finanziellen Mittel reichen nicht aus, sich eine Wohnung zu mieten, weshalb ihnen nichts anderes übrig bleibt, als unter freiem Himmel zu kampieren. Es ist ihr Zufluchtsort, weil sie nirgendwo anders hin können. Für Delaney hingegen verkörpert die Natur Schönheit und Erholung. Er liebt seine Ausflüge und Beobachtungen, die ja auch Teil seines Jobs sind und verklärt die Natur regelrecht. Und es widert ihn an, dass Menschen wie Cándido und América in seinem geliebten Canyon hausen und ihren Unrat und Exkremente hinterlassen.</p><p>Ein weiteres zentrales Motiv im Roman ist der Kojote. Wegen des Angriffs eines Kojoten lassen sich die Mossbachers einen Zaun um ihr Grundstück errichten und Delaney versucht seine Nachbarn zu warnen, dass sie die Kojoten nicht füttern sollen, um sie nicht anzulocken. Auch in seinen Artikeln für seine Fachzeitschrift befasst er sich mit dem Kojoten als eingeschleppte Art, in dem er ihn als gerissen, aber auch als angepasst darstellt. Er hat seinen Lebensraum erweitert und Delaney sieht das Problem vor allem bei den Menschen, die den Kojoten mit Küchenabfällen und anderen kleinen Leckerbissen am Rande ihres Rasens füttern und ihn somit anlocken, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass er immer wieder in dieses Revier zurückkehrt und sich auch geliebte Haustiere reißt. Das Motiv Kojote ist aber auch deshalb so wichtig und zieht sich durch den gesamten Roman, weil er eine Metapher für die Mexikaner ist. Auch sie durchstreifen beispielsweise die Gärten auf der Suche nach Essbarem und auch sie verlassen ihr Land, auf der Suche nach einem besseren Leben und versuchen sich entsprechend anzupassen, um hier nur einige Beispiele zu nennen.</p><p>Auffällig ist, dass sich die Protagonisten fast ausschließlich in einem Umfeld bewegen, dass den Mexikanern gegenüber negativ eingestellt ist. So wollen die Bewohner von Arroyo Blanco eine Mauer um ihr Viertel bauen, damit sie sich sicherer fühlen können undzwar nicht nur wegen der Kojoten. Sie sind sich aber keineswegs zu schade, die günstige Arbeitskraft der Mexikaner zu nutzen, um sich von ihnen diese Mauer errichten zu lassen. Aber auch die Mexikaner untereinander sind sich feindselig gegenüber eingestellt. Sie gönnen sich nichts, sondern berauben und verprügeln sich gegenseitig, um ihr jeweils eigenes Überleben zu sichern. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Einzig Delaney scheint, zumindest was ihn und die Menschen aus seinem Wohnviertel angeht, einen inneren Konflikt zu führen und versucht auch, zumindest bis zu einem gewissen Punkt, für die Mexikaner Partei zu ergreifen. Letztlich schreibt er aber einen Artikel über den Kojoten, der die ganze Problematik sehr gut zusammenfasst und mit folgenden Worten endet:</p><p>„Die Coyoten jedenfalls sind auf dem Vormarsch, sie vermehren sich, um die Nischen zu füllen, siedeln sich dort an, wo das Leben am leichtesten ist. Sie sind gerissen, scharfsinnig, hungrig und nicht aufzuhalten.“</p><p>Nichtsdestotrotz sind aber die Wünsche und Vorstellungen der beiden Protagonistenpaare doch sehr ähnlich und es ist regelrecht tragisch zu sehen, wie Cándido und América immer wieder scheitern und Rückschläge erleiden müssen.</p><p>Boyles Werk ist geprägt von Themen wie Armut und Natur bzw. Umweltzerstörung, aber auch Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung und damit verbundene Ängste, weshalb sich auch beim Lesen viele ambivalente Gefühle einstellen. Dennoch konnte ich mich auch in die teilweise sehr unterschiedlichen Gefühlswelten der Protagonisten eindenken. Womit Boyle einmal mehr verdeutlicht, dass es viele Themen gibt, die eben nicht nur schwarz oder weiß gesehen werden können.</p><p>Der <em>Tortilla Vorhang, </em>wie der Titel des Romans eins zu eins übersetzt heißen würde, meint umgangssprachlich eine durchlässige Grenze zwischen Amerika und Mexiko. Und wie war das noch gleich mit der Mauer, die da im Roman errichtet wird? An dieser Stelle möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Boyles Werk bereits 1995 veröffentlicht wurde. Was wohl zeigt, dass manche Themen immer wert sind diskutiert zu werden und <em>América </em>auch heute an Aktualität nicht verloren hat, weshalb es meine unbedingte Leseempfehlung erhält.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tc-boyle-america</link><guid isPermaLink="false">substack:post:60916889</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Jun 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/60916889/23f0eea6e0f0559b25a27acc0d23a460.mp3" length="10591095" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>441</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/60916889/30a3aed34d7f0d6dfaa623010da9435b.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Don Winslow: Tage der Toten]]></title><description><![CDATA[<p>Vordergründig, das heißt am Inhalt der ausgestoßenen Rezensionen nicht wirklich ablesbar, hat sich hinter den Kulissen des Studio B in den letzten Jahren eine unverhoffte kleine Liebe zum amerikanischen Kriminalroman entwickelt. Den regelmäßigen Hörern des Literaturmagazins mag der eine oder andere Nebensatz aufgefallen sein, aber zur großen Rezension ist es nie gekommen, weniger wegen einer artifiziellen Literaturschranke über welche die billigen Paperback nicht springen konnten, eher weil.. ja wir haben auch keine Ahnung.</p><p>Wie jede gute Abhängigkeit begann auch meine Sucht nach dem schnellen Amerikanischen Suspense Thriller mit einem traumhaft guten Hit aus der Crackpipe - dem Erstlingswerk von Lee Child “Killing Floor” - einem Kammerspiel mit einem Haupthelden der so ziemlich der coolste Typ unter der Sonne ist.</p><p>Was man nach der initialen Bong noch nicht weiss, ist, dass es nie wieder einen so schönen Rausch geben wird wie den ersten, dass man verdammt ist, ein Leben lang diesem adoleszenten Gefühl hinterherzujagen. Mein Kindle ist übersät mit aussichtsloser Dutzendware von Vince Flynn, für ein, zwei Romane ganz amüsanten Thrillerreihen von Jonathan Kellerman und wirklich guten, aber nicht ganz an den ersten S**t heranreichende Serien wie die Harry Bosch und Lincoln Lawyer Reihe von Michael Connelly.</p><p>Irgendwo zwischen den letzen beiden Klassifikationen, also nicht himmlisch gut, aber doch so amüsant, dass man bisher alles von ihr gelesen hat, steht die “Neal Carey” Reihe von Don Winslow, fünf Romane über einen Privatdetektiv, der nicht nur ziemlich wider Willen zu einem solchen wurde, sondern auch noch ziemlich Scheisse in seinem Job ist - dafür ein paar andere Charaktereigenschaften hat, die einen jeweils drei-, vierhundert Seiten lang seinen Abenteuern folgen lässt, namentlich, Intelligenz, transzendiert von seinem Autor und transformiert in zunächst verwirrende aber am Ende fasst essayhafte Geschichtsstunden innerhalb der Romane, passend zur Location in die es Neal Carey gerade verschlägt. Dreiviertel meines Wissens über Maos Kulturrevolution stammen aus “Das Licht in Buddhas Spiegel” dem zweiten Teil der Reihe.</p><p>Ziemlich zeitig jedoch wurde Don Winslow das Fortschreiben der Geschichte eines einzigen Haupthelden zu langweilig, zumal dieser, wie gesagt, lange kein Jack Reacher war. Es erschienen zwischen 1996 und heute also einzeln stehende Romane, von denen der im Original 2005 erschienene “The Power of the Dog”, wie immer Haudrauf und hier auch noch faktisch daneben übersetzt im Deutschen “Tage der Toten”, im letzten Jahr 2011 den Deutschen Krimipreis erhielt - zu recht.</p><p>Wie schon die Romane seiner Neal Carey Reihe beginnt auch “Tage der Toten” mit einem mir ganz persönlich gerade im Suspense Genre äußerst unangenehmen Stilmittel, der Vorblende, von der man nicht weiss, ob sie das Ende oder irgendeine Zukunft im Roman vorweg nimmt, auf alle Fälle jedoch das Gefühl hinterlässt, es wäre ein Stück der Spannung raus. Ist dieses Stilmitteln in besagter Neal Carey Reihe noch unnötiger Zinnober, führt es in “Tage der Toten” dankenswerterweise tatsächlich zur Erhöhung der Spannung. </p><p>Beschrieben wird eine Szene im Jahr 1997 in der der Drogenfahnder Art Keller den Tatort eines Massenmordes an einer mexikanischen Familie samt Hausstand beschreibt - den, so sein letzter Satz im Prolog, er zu verantworten hat, ist es doch die Exekution eines Snitches - eines Informanten - im mexikanischen Drogenkartell und er, Art Keller, hat die Mörder auf die Spur des Informanten gebracht. Bewußt.</p><p>Man ertappt sich im Laufe des nun chronologisch vom Jahr 1975 aus geschriebenen Werkes beim Zurückblättern um die gewonnen Erkenntnisse mit den anfänglich beschriebenen Ereignissen zu verbinden, was der einzige, sinnhafte Zweck eines solchen Vorworts ist - aber nun Schluss damit Herr Winslow, Vielen Dank. Denn die Angst in einem Suspenseroman, man wisse zuviel, bleibt zumindest bei mir pathologisch und erzeugt Magengeschwüre.</p><p>Ebensolche dürften 80% der handelnden Personen von “Tage der Toten” haben, sei es durch ungesundes Essen, Drogengebrauch oder dem aufregenden, gefährlichen, aber hochlukrativen Gewerbe, das diese betreiben, sich gegenüberstehend an der Grenze zwischen Drogenherstellern und Konsumenten, Südamerika und den USA.</p><p>Erzählt werden sich zunächst nur leicht berührende Stories aus dem südlichen Mexiko, den Zwillingsstädten Tijuana auf mexikanischer Seite, San Diego in den USA, dem Irischen Teil Manhattans, Hells Kitchen, dem Einzugsgebiet der italienischen Mafia in Queens und dem geographischen, wie narrativen Mittelpunkt dieser Gebiete - der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Diese mit 100-Kilo-Paketen Kokain gewinnbringend zu überwinden ist das Geschäftsfeld der Federacion, einem Kartell von Narcotrafficantes, Drogenschmugglern aus Mexiko, die das Gebiet der USA unter sich aufgeteilt haben.</p><p>Auf der Suche nach einem “guten Krieg” schließt sich 1975, nach der Rückkehr aus dem nicht so guten im fernen Osten, Arthur Keller, genannt Art, der DEA, der Drug Enforcement Administration und derem War on Drugs an. Art ist halb Amerikaner, halb Mexikaner und nicht nur wegen dieser Äußerlichkeiten der perfekte Mann für den Job und feiert schnell Erfolge.</p><p>Callan und O-Bop, irische Jungs von der West Side Manhattans haben währenddessen mehr oder weniger Ausversehen den rechten Arm des Bosses der Irischen Mafia erschossen. Da Callan und O-Bop diesen Fauxpas trotz eilig geschickter Muskelmänner nun schon seit Tagen überleben, ruft  der Irische Oberhonzo seine Kollegen von der italienischen Mafia zur Hilfe. Aber Callan und O-Box haben dem rechten Arm, ohne Kopf, des irischen Mafiabosses dessen Schuldenbuch abgenommen und in dem steht der gesandte italienische Mafiakiller mit stolzen 100.000 Dollar in der Kreide verzeichnet. Zunächst nur ein lebensrettendes Druckmittel im Showdown mit Little Peaches, dem Auftragskiller, wird es erste Sprosse auf der Karriereleiter zur Ersetzung des alten irischen Mafiabosses durch zwei kleine, nicht unclevere Irische Jungs namens Callan und O-Bop.</p><p>Währenddessen erhält in Los Angeles ein sechzehnjähriges frühreifes und wunderschönes Mädchen, Nora, einen Tipp, wie sie aus den Geschenken von koksspendenen Sugardaddies, die der 16jährigen verfallen sind, eine handfestes Business als Edelprostituierte machen kann.</p><p>Wir sind erst bei Seite 100 und haben schon 25 handelnde Personen aus drei, vier Sphären der halbseidenen Art kennengelernt und es hört damit nicht auf. Kein Wunder, dass die allgemeine Rezeption und Rezension Don Winslow, dankbar für die gefundene Schublade “James Ellroy”, in diese wirft, dessen LA Confidential das Genre des hauptheldlosen Kriminalromans etabliert hat, legendär mit seinen dutzenden handelnden, immer wiederkehrenden Personen, sich annähernden und entfernenden Handlungssträngen, die nicht immer für die Fortschreibung der Story nötig erscheinen. </p><p>Und so man sich auch sträubt, es spricht viel dafür, zumindest “Tage der Toten” in ein Regal mit der LA Confidential Reihe von James Ellroy zu stellen, das mäandern der Grundstory ist mindestens so kunstvoll und wo in den genretypisch recht kurzen Romanen der Neal Carey Serie die ausführlichsten Beschreibungen von Zusammenhängen und geschichtlichen Hintergründen im Verhältnis zur straighten Grundstory oft leicht deplaziert und übertrieben ausführlich wirken, sind sie hier im genau richtigen Verhältnis. Tage der Toten ist kein Roman für den Schlingeschlund des serienbesessenen Suspenseliebhabers, es ist das Vollbad für den Vielduscher, man soll es genießen, in die mexikanische Kultur eingeführt zu werden, die Upper West Side den Hudson hoch geführt zu werden und einen Abriß über die politischen Verwicklungen der USA im Mittelamerika der 80er Jahre zu bekommen. Daß man dabei regelmäßig den Beginn eines neuen Kapitels, der zu einer früher eingeführten Gruppe von handelnden Personen zurückkehrt, ein wenig langsamer lesen muss, als man es gewohnt ist, um sich die Personen zu den Namen wieder in Erinnerung zu holen ist normal und der Reiz des Ganzen, wir haben es mit einem Roman im klassischen Sinne zu tun, einer komplexen, ausführlichen Story, die nicht auf die Effizienz der ein-Buch-pro-Jahr-Suspense-Serie getrimmt ist.</p><p>Dabei macht es Don Winslow Lesern, denen die James Ellroy Romane zu kompromisslos ausufernd waren, einen Hauch leichter ohne den Liebhabern des Subgenres den Spass zu nehmen. Wo es bei Elroy fast keine herausgehobenen “Haupthelden” der klassischen Thrillerschule gibt, nivelliert Winslow das Feld der handelnden Personen nicht vollständig: Art Keller, der Ermittler der amerikanischen Drogenbehörde ist noch die Person, die einem Haupthelden am nächsten kommt, Nora, die Edelprostituierte ist wie ein rotes Garn, das die Story vernäht und jede Gruppe im großen Spiel um Geld, Macht und Drogen hat ihre besonders scharf gekennzeichneten Protagonisten, Leuchttürme im dunklen Meer einer erbarmungslos brutalen Story .</p><p>Wem es nach dem schnellen, kurzen Kick der jeweiligen amerikanischen Lieblingskriminalserie mal wieder nach dem Schwelgen in einer komplexen Story gelüstet, wer das Verfolgen eines altersschwachen Kriminalpolizistenpaars  auf dem geraden Weg zur Lösung des Kriminalfalles in einer Bundesdeutschen Großstadt für Zeitverschwendung hält, die ausführliche Beschreibung der Gegenden und Zeiten in der ein hervorragender Autor die Pflöcke seiner Story einschlägt jedoch für ein ganz außergewöhnliches Vergnügen, für den ist “Tage der Toten” in einer guten deutschen Übersetzung, oder für den verstehend Englischlesenden “The Power of the Dog” im Original, ein garantiertes Vergnügen und uns eine ausdrückliche Empfehlung!</p><p>In der nächsten Woche bespricht Anne Findeisen Ahley Audrains Roman "Der Verdacht", welcher sich problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen widmet und damit schicksalhafte wie abgründige Familienbande zu Tage fördert.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/don-winslow-tage-der-toten</link><guid isPermaLink="false">substack:post:58435218</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Jun 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/58435218/c79b6f1dd0c8d0a5457d93c432d53e7a.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1229</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/58435218/2ab045a71c3f1fc7eba6db59bb8b50bf.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Benjamín Labatut: When We Cease to Understand the World]]></title><description><![CDATA[<p><em>Diese Episode erschien bereits am 22. Mai 2022 in Textform, wir reichen hier die Audioversion nach.</em></p><p></p><p>Der Abgrund zwischen meiner Liebe zur Mathematik und meiner kompletten, absoluten Unfähigkeit diese Auszuüben könnte tiefer nicht sein.</p><p>So erschuf ich, schulpflichtig, bei der Kalkulation einfachster chemischer Formeln, bei der man im Grunde nur die kleinen Zahlen am Fuß der chemischen Elemente im Kopf addieren muss, die phantastisch-unmöglichsten Verbindungen zum kopfschüttelnden Spott des gestrengen Herrn Chemielehrer, gleichzeitig gab es nichts faszinierenderes für mich, als wenn man mir versuchte zu erklären wie man mittels einer mathematischen Berechnung namens Fouriertransformation Uropas Stimme auf dem nahezu abgeschliffenen Wachszylinder hörbar machen kann.</p><p>Heute, älter, nicht schlauer, ist für mich die zweitgeilste Erfindung nach dem Schnittbrot die Möglichkeit ins Google-Suchfeld 12+14 einzugeben und augenblicklich, achtund.. sechsunddreißig angezeigt zu bekommen. Schau ich dann auf vom Notebook steht im Bücherregal prominent der sechs Zentimeter breite Buchrücken des fantastischsten Kompendiums der Mathematik ever “Mathematics: From the Birth of Numbers”, des schwedischen Kinderarztes Jan Gullberg, ein irres Werk, welches von “What’s a number?” bis zum Kolmogoroffschen Dreireihensatz das komplette Menschheitswissen über die Mathematik hält und didaktisch und ästhetisch so grandios ist, dass ich stundenlang wie ein Kind darin blättern kann, um mich einfach nur am Buchsatz zu ergötzen.</p><p>Diese Faszination an der Mathematik erklärt mir der innere Küchenpsychologe mit einem heftigen Streben danach, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ein paradoxerweise in der Schulmathematik kontraproduktives Verlangen, bestand ich meine Mathe-Abiprüfung doch nur weil ich die absolute Mindestanzahl an Punkten, die mich vom Durchfallen retten sollte, einzig und ausschließlich durch das absolvieren der Geometrieübungen erreichte. Das, weil die Geometrie an sich nur Malen nach Zahlen ist, aber man beim Lösen von Gleichungen oder gar dem Absolvieren von mathematischen Beweisen schulweise gezwungen wurde betrügerische Abkürzungen, euphemistisch “Merksätze” genannt, zu benutzen und Beweisführungen mit “Definitionen” begannen, unumstößlichen, ewig wahren gar, denen ich regelmäßig mit einem “Wirklich? Warum?” begegnete und ich so von 90 Minuten Prüfungszeit 80 mit dem durchgrübeln mathematisch-philosophischen Fragen zugebracht hätte, die, zugegeben, die alten Griechen vor zweieinhalbtausend Jahren schon alle für mich gelöst hatten.</p><p>Nun, nicht alle, aber die Basics standen. Die Mathematik, ursprünglich als praktische Hilfestellung zur Bewältigung alltäglicher Probleme gefunden, war mit a2+b2=c2 im Zenit ihrer Praktischheit, wenn es darum ging, einen Baum zu fällen oder eine Pyramide zu bauen. Das reine Zählen beherrschte man schon länger, weil, was ist wichtiger als zu wissen, ob der alte Papadakis dich beim letzten Schweineschlachten wieder beschissen hat und er dir jetzt vier Scheffel Gyros schuldet - oder Du ihm, weil du das Gymnasium beim gestrengen Papadopoulos, der, der noch beim Pythagoras in die Schule gegangen war, nur mit Hilfe von Kreisemalen bestanden hattest.</p><p>So einfach und praktisch war die Welt der Mathematik und ihrer handfesten Schwester, der Physik, im Grunde bis ans Ende des 19. Jahrhunderts, Zahlen waren real, Planetenumlaufbahnen waren rund, die Uhr tickte in nur eine Richtung, im ewig gleichen Takt. Was Newton im Jahr 1666, per Apfelfall auf den Kopf, über unsere Welt in Erfahrung gebracht und in Gleichungen gepackt hatte, galt augenscheinlich, und mit ein bisschen Mühe konnte das jeder verstehen und überprüfen.</p><p>Dann, auf einmal, kam der Herr E. aus U. und mit diesem wurde im Jahr 1905 aus absolut auf einmal relativ und aus einer wohldefinierten Welt eine Theorie, zunächst eine spezielle und bald eine allgemeine. Diese Relativitätstheorien erklärten dem interessierten Laien wie Gelehrten nun unter anderem, dass der Apfel keineswegs auf den Kopf fällt, vorausgesetzt er ist groß und die Erde schnell genug, plus ein paar andere Umstände, die zunächst in Gedankenexperimenten theoretisch und später mit Beginn des Raumfahrzeitalters praktisch belegbar waren; Schweinezüchter, Forstarbeiter und Pyramidenmaurer weltweit jedoch waren am Ende ihres Verständnis für derlei Entrücktes und Enthobenes und sprachen weise “so what?”, bevor sie ihre Drachmen weiterzählten.</p><p>Ganz anders ging es ob des Unerhörten Allem, was in der Mathematik des beginnenden 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatte. Ein gewöhnlicher Roman über die Grenzen des menschlichen Verständnis, und das ist titelgebend im Englischen der hier besprochene von Benjamin Labatut, würde mit genau diesen Mathematikern und Physikern beginnen, aber Labatut macht das und noch sehr vieles Andere anders. “When we cease to understand the world” heißt sein Buch oder vom deutschen Verlagswesen “übersetzt”, ja, wen wunderts, “Das blinde Licht: Irrfahrten der Wissenschaft”.</p><p>Statt also von bass erstaunten Wissenschaftlern zu berichten werden wir von Labatut zunächst in das düsterste Kapitel des 20. Jahrhunderts geworfen und lernen wie es über ein halbes dutzend Umwege zu Zyklon B kam, dem Gift, mit dem in deutschen KZs Millionen von Menschen umgebracht wurden. Das passiert in einer Mischung aus Kuriosität und Lakonie ohne respektlos den Opfern gegenüber zu sein. Es liest sich im Grunde wie ein dichter, gut recherchierter Artikel in einem angesehenen Magazin, stellenweise wie ein, sehr kurzer, Thomas Pynchon, man staunt und lernt über Textilfärber und Alchemisten am preußischen Hof Friedrich des I. auf der Suche nach der perfekten Farbe für dessen Armeeuniformen und landet über den Umweg der Giftgastoten des ersten Weltkrieges mit Entsetzen an den Mauern der Gaskammern von Auschwitz und weiß nun warum diese Preußisch-Blau schimmern. Innen.</p><p>Labatut zeigt hier, fast bevor das Buch überhaupt beginnt, ominös und clever, in beiläufigem Storytelling, dass, wenn wir über das Unverständnis gegenüber der Welt reden, wir nicht in die hinteren Kapitel Mathematischer Enzyklopädien schauen müssen. Das liegt näher. Viel näher.</p><p>Ok. Ein Geständnis. Ich lese nie Klappentexte und höre bei mich interessierenden Büchern über die ich per Rezension stolpere augenblicklich auf, diese zu lesen. Aber hier war es zu spät, ich schnappte eine entscheidende Aussage über “When we cease to understand the world” auf: Labatut bezeichnet das Buch als “non-fiction novel”, alles basiere auf tatsächlichen Begebenheiten, um die er eine bestimmte Menge Fiktion geschrieben habe. Im ersten Kapitel sei es ein lausiger Absatz gewesen, der ausgedacht sei, später wäre er großzügiger geworden. Seltsamerweise, hat mir das als Spoilernazi nicht im geringsten das Vergnügen am Buch gemindert, im Gegenteil, es war der Beginn einer Schnitzeljagd nach dem Fiktiven, bewaffnet mit Google und Wikipedia hinterfrug ich zunächst jedes mir suspekte Detail - und gab alsbald auf. Es spielte irgendwie keine Rolle. Wer das Selbstvertrauen hat, einen Roman im Graubereich zwischen Realität und Fiktion mit dem Holocaust zu beginnen und nicht auf einer deutschen Anklagebank sitzt hat mein Vertrauen.</p><p>Aber nur fast. Im zweiten Kapitel schreibt ein Mann namens Schwarzschild aus den Schützengräben des ersten Weltkrieges einen Brief an Albert Einstein, so erfahren wir, in dem er diesem in winziger Handschrift eine Lösung der in seiner allgemeinen Relativitätstheorie nur aufgestellten Gleichungen präsentiert. Ein ganz ungeheuerlicher Vorgang, von dem Einstein angab, ihn nicht in seiner Lebzeit erwartet zu haben, so komplex erschien der Wissenschaft die allgemeine Theorie von der Relativität. Hah! “Fakenews” grummelnd tippte ich triumphierend den Namen Schwarzschild in www.wikipedia.de - alas! - 1:0 Labatut, stimmt alles! Schwarzschild gab es, er war ein Genie, der mit seiner Lösung die Existenz Schwarzer Löcher bewiesen hatte - und fünf Monate nach dem Absenden des Briefes an Albert Einstein an den Folgen des Einatmens von Senfgas starb. Mit dieser Tatsache macht das erste Kapitel nun noch mehr Sinn und es ist nicht der letze Loop, den Labatut hier tut (ich kann nicht anders 🙄). Der Autor, geboren 1980, ist kulturell sozialisiert wie wir alle, er kennt die Mechanismen guter Netflixserien oder cleverer Comedians, die uns mit zunächst zusammenhanglosen Details verwirren, um irgendwann wieder auf diese zurück zu kommen und uns erstaunt den Kopf zu schütteln. Er konstruiert seinen Roman um zahlreiche dieser konkreten oder abstrakten, fiktiven oder nur scheinbar fiktiven Tatsachen und Begebenheiten. Er beginnt das alles in einem Stil, der oft mehr an Reportage denn Roman denken lässt und damit unserem ergebnisorientierten, oder positiv “wissbegierigen”, modernen Leseverhalten scheinbar entgegen kommt. Doch bringt er uns immer wieder ins stolpern und träumen und er wird anders enden und wir werden den Übergang nicht gemerkt haben.</p><p>Im dritten Kapitel war ich mir so sicher, Labatut erwischt zu haben. Es geht um einen Japaner mit einem in Japan eher Dutzendnamen der die mathematische Vermutung a+b=c beweisen will. Verarschen kann ich mich alleine.</p><p>Das Kapitel erklärt faszinierend lebendig was für eine verflixte Frage diese unscheinbaren fünf mathematischen Symbole aufwerfen, wie sich verschiedene andere japanische Mathematiker mit genauso generischen Nachnamen damit herumgeschlagen haben und dabei dem, na klar, “Grothendieck’s Fluch” erlegen seien. “Jetzt kommen noch die deutschen Fakenamen dazu”, denkt der Rezensent, der genau dieses Kapitel im Funkloch las, no wikipedia no more, in dem es um einen fantastischen Mathematiker geht, Alexander Grothendieck, der in den Sechzigern der marottigste Star des wissenschaftlichen Feldes war; jeder wollte sein wie er oder auch nur ihn lehren hören, er hatte alle am kleinen Finger. Ein Genie welches schon im Kindesalter jahrhundertealte mathematische Probleme löste und in der Hochzeit seiner Karriere das Feld revolutionierte - um sich 1973 als nahezu kleiderloser Eremit zurückzuziehen, weil er begriff, dass seine Wissenschaft und damit seine Erfolge in dieser aber auch sowas von irrelevant für die Menschen dieser Welt seien, den ökologischen Verfall des Planeten nicht aufhielten, keine Bombe weniger gebaut noch geworfen würde, nur weil er sich in homologischer Algebra auskennt. Grothendieck verstand 99% der Mathematik - und die Welt nicht mehr.</p><p>Krasse Story, Herr Labatut, gut geschmiedet. Als ich wieder Empfang hatte wurde mir meine mathematische Ignoranz von Google und Wiki erwartbar um die Ohren gehauen. Alles war grundlegend wahr, das so trivial klingende Theorem a+b=c beschäftigt Mathematiker seit Jahrzehnten, alle handelnden Personen sind real und haben in etwa die erzählte Geschichte. Die Welt der Mathematiker ist eine wahnwitzige und eine der Wahnsinnigen, wer hätte das gedacht.</p><p>Aber ist das verwunderlich? Während Maurermeister Muhammad in seinem Garten Pyramiden baut und den Satz des Pythagoras beherrscht, weswegen die Dinger, unter Wasser, in Jahrtausenden noch stehen werden, schreibt der Mathematiker László Lovász Perfekte-Graphen-Sätze und muss dann zugeben, dass die nur schwach sind. Die Sätze? Die Graphen? Who knows. Wozu sind die gut? Für Strukturen, wie sie bei der Eckenfärbung auftreten. Auch in Preußisch-Blau?</p><p>Muhammad tangiert solch abgehobener Unsinn nicht, nicht beim Pyramidenbau. Aber abends, wenn er sich die Tabulé abwischt und sich über die Welt Gedanken macht, kommt er unweigerlich im Jahr 1926 an.</p><p>War Albert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie mit ihren scheinbaren Paradoxen im miteinander von Raum und Zeit für Muhammad verstehbar, trat in diesem Jahr der ambivalente Katzenliebhaber S. auf und sperrte das Objekt seiner Liebe in eine Kiste, deren Beobachtung er zunächst verbot.</p><p>Einstein war aufgefallen, dass an Newtons Mechanik nicht alles rund lief und kam mit der Einbeziehung der vierten Dimension - der Zeit - der Sache so nahe, dass selbst hundert Jahre später die Theorie für die Praxis, von A wie Atombombe über G wie GPS bis zum Z auf dem Panzer im Donbass exakt tut, was sie soll. Schrödinger auf einem Kongress in München im Jahr 1926 jedoch fand ein Problem. Wenn man die Bewegungen von Atomen und deren Bestandteile berechnen will - und wer will das nicht? - funktionieren die aktuellen mathematischen Modell nicht. Ein neues muss her!</p><p>“Teilchen”, so Schrödinger, “sind eigentlich Wellen!”</p><p>“Und meine Pyramide im Garten ist Gott”, frevelt Muhammad in seinen Bart, “Blumen sind Tiere, Menschen sind Bücher, Schöne hässlich und Reiche arm”, rieb er sich verzweifelt die Augen und geht zu Bett.</p><p>Wie Schrödinger seine Theorie auf der Bühne des Mathematikerkongress mit Gleichungen unterlegte kam ein junger Student mit Namen Heisenberg auf dieselbe und machte einen Will Smith, wischte buchstäblich Schrödingers Formeln von der Tafel und sprach, sinngemäß: “Nimm nie wieder das Wort Realität in dem Mund! Dein Modell is all b******t, man kann sich die Welt der Atome nicht vorstellen wie sie ist! Man kann sie sich gar nicht vorstellen!” (Und wurde, anders als Herr Smith, prompt rausgeworfen.)</p><p>Waren es bei Newton noch Steine oder, gottlob Äpfel, die die Welt formten und bei Einstein noch greifbare Atome plus ein wenig Zeit, bei Schrödinger wenigstens noch Wellen und Teilchen, blieb bei Heisenberg nur noch Unschärfe. Nicht nur kann man Atome nicht beobachten, man kann sie noch nicht mal beschreiben, ja man solle sie sich noch nicht einmal vorstellen. Sobald man begänne, sich ein Elektron vorzustellen, dass um ein Proton kreist liege man schon falsch. Alles was man von der Welt wissen könne sind Wahrscheinlichkeiten. Erst wenn man diese messe erscheinen sie, wie von Gott geschaffen, durch die Messung selbst. Man könne sogar entscheiden, was erschaffen würde. Messe man die Eigenschaften einer Welle, so erscheine eine Welle - messe man die Eigenschaften eines Teilchens, so erscheine dieses. Wo und in welcher Geschwindigkeit dieses existiert ist dann jedoch auch wieder nicht feststellbar, man muss sich entscheiden, misst man die Masse des Teilchens, verliert man die Möglichkeit dessen Geschwindigkeit zu messen und umgekehrt. Misst man dann die Masse bekommt man jedoch keine eindeutige Zahl, zwei Kilo Kartoffeln, man bekomme eine Wahrscheinlichkeit, wie auf einem Wiener Biomarkt sind es am Ende nur drei Pfund Erdäpfel, die Hälfte wahrscheinlich schon verschimmelt!</p><p>Labatut beschreibt, dass Schrödinger wie Heisenberg ob ihrer Erkentnisse hilflos verrückt geworden seien, zumindest zeitweise, und obwohl diese Episoden belegt sind, findet hier die Fiktion im Buch ihr zuhause: Schrödinger kommt der Kindschändung verdammt nahe und Heisinger trinkt Absynth, phantasiert und masturbiert. Labatut findet auch hier eine beeindruckende Sicherheit dem Leser die Krassheit der Entrückung nahezubringen, den Blick in den Abgrund, den beide Männer warfen und was das mit einem macht. Es ist geradeso düster, dass man die Konsequenz versteht, geradeso aushaltbar, dass man zurück findet zum Thema, wie die beiden Wissenschaftler zu ihrem.</p><p>Das Thema ist: Muss das alles sein?</p><p>Der Mensch sucht nach Sinn in der Welt, das unterscheidet ihn vom Tier. Es hält ihn bei der Stange, das kleine Menschchen, so unterlegen er körperlich auch ist, diese Suche nach dem Sinn macht ihn zum Überlebenden. Wenn Du etwas hast, wofür du lebst, bist du schneller als der Tiger der aus dem Busch springt, klüger als ein Virus, dass Du dir beim Fledermausemahl eingefangen hast und brutaler in deinem Vernichtungswillen als jeder Dodo und jedes Mammut. Du magst falsch liegen mit dem lustigen Gott mit dem Elefantenkopf, mit dem beeindruckenden Gott mit den Blitzen, mit dem eher lamen Gott, der sich an ein Holzkreuz tackern ließ, aber alle drei gaben dir die Kraft deinen Brüdern im Zweifel den Schädel einzuschlagen, wenn Sie dir den Hummus aus der Pita klauen.</p><p>Dann kam die Renaissance und die Aufklärung und obwohl etwas prosaisch und abstrakt und nicht mehr ganz so funny gab sie dir ein klareres Bild von der Welt. Und Kohle! Und Fortschritt! Und etwas gegen die Pusteln nach dem Besuch im Puff! Und Speed! Und die Mutter, die sich beklagt, dass Du Sie zu selten anrufst! Dafür lohnte es sich den Giftgaskanister in die richtige Windrichtung zu öffnen. Abwurf der H-Bomb nicht unter 9000m! Ist der Virenscanner aktuell?</p><p>Was passiert, ist die latente Frage, wenn wir zwei Wissenschaftler haben, Bohr und Heisenberg, die nicht nur eine Theorie entwickeln, dass alles was wir sehen inherent unwahr ist, schlimmer, nicht erkennbar und, schlimmer, diese Theorie belegen, so klar und eindeutig, dass nicht nur Einstein darob verzweifelte, schlimmer, die uns über diese Theorie sagen: “Wir betrachten die Quantenmechanik als eine geschlossene Theorie. Die ihr zugrunde liegende Mathematik und Physik sind nicht mehr veränderbar”. Ein Kopfschuss für jeden, der nach Erkenntnis sucht.</p><p>Darum geht es in Benjamin Labatuts Buch “When we cease to understand the world”. “Wenn wir aufhören die Welt zu verstehen” ist dabei ein zu schwacher Titel, denn verstanden haben wir diese noch nie. Aber wir haben es versucht. Manchmal dumm, manchmal lustig, in der Rückschau oft brutal und nicht in deren oder unserem bestem Interesse. Aber was wir seit Bohr und Heisenberg tun, ist uns zu beweisen, dass wir diese nicht verstehen können werden. (Dass dieser Satz im Deutschen die grammatikalische Form “Futur II” hat, beendet die Diskussion darüber, ob die Deutschen Humor haben.)</p><p>Wie und ob wir, die Menschheit, damit leben können ist die offensichtlichste Frage und dass uns Benjamin Labatut in “When we cease to understand the world” in brillanter Art und Weise darob aufrüttelt, ist dieses Buch zu lesen wert. Und mit dem Fakt, dass alle dem Wahn und der Depression verfallenen Protagonisten zumindest in der Fiktion des Buches wieder und klüger aus dieser entstiegen, will uns vielleicht etwas sagen, sage ich leise hoffnungsvoll.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/benjamin-labatut-when-we-cease-to-a88</link><guid isPermaLink="false">substack:post:59455057</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Tue, 14 Jun 2022 15:31:17 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/59455057/5e19809c93831b9a8b3a08a12e6254e8.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1009</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/59455057/534859c2f7d4a6992fe5428c1b2363b5.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Labatut, Tyler, McCaughey]]></title><description><![CDATA[<p>Das war wohl die zivilste Diskussion ever im Studio B. Konzis und ruhig wurden Argumente vorgebracht, entspannt und interessiert diesen gelauscht. Wir sind so stolz. </p><p>Es wurde besprochen:</p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/benjamin-labatut-when-we-cease-to?s=w">Benjamín Labatut: When We Cease to Understand the World</a></p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/anne-tyler-der-sinn-des-ganzen?s=w#details">Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen</a></p><p><a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/martha-mccaughey-real-knockouts?s=w#details">Martha McCaughey: Real Knockouts</a></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-labatut-tyler-mccaughey</link><guid isPermaLink="false">substack:post:58435249</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 Jun 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/58435249/13c825439b67e018c0a60fb47936bb08.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1550</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/58435249/a9aa4a6db5f79a3b1ae074cef4a1d877.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Martha McCaughey: Real Knockouts]]></title><description><![CDATA[<p>Vor zehn* Jahren besuchte ich Freunde in Ithaca, New York, und der Besuch der Campusbuchhandlung endete teuer. Zu dieser Zeit war die Globalisierung des Buchverkaufes übers Internet noch nicht weit vorangeschritten, so dass man, wenn man sich für feministische Literatur oder Science Fiction im Original interessierte, eine derartige Möglichkeit nutzen musste. Gleichzeitig kamen - und dies ist immer noch so -, neue Impulse für die feministische Bewegung, Debatten und Diskurse vorrangig aus den USA. Die Regale der Abteilung Feminismus waren eine Offenbarung, die Gebühren fürs Übergewicht meines Gepäcks habe ich gern gezahlt.</p><p>Das heute hier vorgestellte Werk "Real Knockouts: The Physical Feminism of Womens's Self-Defence" der mittlerweile zur Professorin für Soziologie berufenen Martha McCaughey, Jahrgang 1966, war 1997 ihre erste Buchveröffentlichung, die wie folgt beginnt: </p><p>"Ich war einst eine verängstigte Feministin. Ich wusste viel über männliche Gewalt, und wenig, sie zu stoppen." "Real Knockouts" verbindet auf 270 Seiten in ungeheurer Komplexität verschiedenste Aspekte der Auswirkungen von Gewalt, weiblicher Selbstverteidigung, ihren möglichen Einfluss auf feministische Diskurse und verfolgt dabei ein Ziel: Die Aufklärung der vielfältigen Verbindungen zwischen zwei Gruppen, die überraschend wenig voneinander wissen: Da sind zum Einen Selbstverteidigungslehrenden, ihren Schülerinnen - 100.000en Frauen, die diese Kurse in den USA besuchen, jedoch gleichzeitig selten an feministischen Diskursen, wie sie vorrangig in Universitäten bei Cultural and Women's Studies geführt werden teilnehmen bzw. wenig über theoretische Arbeiten wissen. Zum anderen gibt es die Akademiker*innen, die zwar mittlerweile großen Einfluß auf die heutigen Diskurse in vielen Bereichen haben, jedoch zu selten die Bedürfnisse und Befürchtungen der sogenannten everyday women in diesen Diskursen adressieren.</p><p>Und so erklärt Martha McCaughey in ihrem Vorwort zum Buch, dass es sich wenig mit Fragen wie "Was soll ich tun, wenn jemand versucht, mich zu vergewaltigen" beschäftigen wird, sondern vielmehr zeigen möchte, wie beide Gruppen - in Selbstverteidigung bzw. Kampfkünsten Aktive und Feministinnen, die in akademischen Diskursen Erklärungsmodelle entwickeln, voneinander lernen können.</p><p>Natürlich kann körperliche Selbstverteidigung nicht die einzige Möglichkeit sein, männlicher Dominierung oder männlicher Gewalt zu begegnen. Real Knockouts zeigt jedoch, dass Selbstverteidigung eine Möglichkeit ist, verschiedene Theorien als überholt bzw. veraltet zu zeigen, die innerhalb der feministischen Bewegungen diskutiert worden und werden, wie die z. B. heute nur noch vereinzelt auftretende Annahme, dass Gewalt von Männern gegen Frauen unvermeidbar wäre und stellt die Frage, inwieweit Annahmen, die feministische Diskurse in den letzten Jahren geprägt haben, tatsächlich noch Bestand haben können und nicht zumindest unter neuen Vorzeichen gelesen werden müssten.</p><p>Gleichzeitig geht sie auf feministische Diskurstheorien von Judith Butler und anderen ein, die sich mit körperlichen Konstruktionen beschäftigen und zeigt auf den kritischen Punkt, nachdem deren Arbeiten zwar ein größeres Verständnis ermöglichen, wie geschlechtliche Zuschreibungen an den Körper stattfinden, dann jedoch reale körperliche Verletzungen nicht in Betracht zu ziehen und bisher noch nicht danach gefragt haben, inwieweit neue Theorien entwickelt werden können, die reale Körper und gleichzeitig neue Identifikationen ermöglichen.</p><p>Martha McCaughey zeigt ihre Wertschätzung für die bisherigen theoretischen Leistungen von feministischen Theoretiker*innen, fordert jedoch die größere Berücksichtigung von körperlicher Selbstverteidigung und betont deren Herausforderung an den Feminismus, neue Wege zu suchen, wie Frauen ihrer Unterordnung in einer Gesellschaft widerstehen können, die doch spezielle Körper mit irrealen Anforderungen z. B. an Schlankheit und Busengröße verlangt. Damit verbindet sie die Forderung an den Feminismus, körperliche Realitäten anzuerkennen und und lenkt den Blick auf die Freude, die dieser körperliche Widerstand ermöglicht - kurz: Feminismus muss physisch werden.</p><p>Martha McCaugheys These ist, das Feminismus genauso viel von Selbstverteidigung lernen, wie Selbstverteidigung mit Hilfe von feministischer Theorie und Analyse gewinnen kann. </p><p>Eines der Anliegen des Werkes ist es auch, die Widersprüche der Annahme aufzuzeigen, dass Gewalt etwas Männliches wäre und damit prinzipiell ablehnenswert sei, und gleichzeitig kritisch dem Misstrauen zu begegnen, welches als gewalttätig auftretenden oder empfundenen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft begegnet. Von sich verteidigenden Frauen ist hingegen bekannt, dass sie durchaus Freude an wirksamer Aggression, z. B. in Selbstverteidigungskursen oder bei erfolgreichen widerständigen Körperattacken erfahren. Diese beim selbst absolvierten Kampftraining erfahrene Befriedigung machte Martha McCaughy zu einem Fan von Frauen, die Selbstverteidigungskurse nehmen oder unterrichten und es ihr im Gegenzug schwierig, diese Frauen als von männlicher Dominierung übertölpelte Wesen zu abzutun.</p><p>In diesem Rahmen bewegt sich Real Knockouts - The Physical Feminism of Womens's Self-Defence.</p><p>Martha McCaugheys Werk ist eine in fünf Kapiteln klar gegliederte  wissenschaftliche Arbeit, die sich jedoch auch an Nichtakademikerinnen richtet.</p><p>Im ersten Teil - balls versus ovaries: women's "virtue" in historical perspective - also ungefähr "Eier gegen Eierstöcke - weibliche Kraft in historischer Perspektive - beschreibt Martha McCaughey den Wandel der gesellschaftlichen Ansichten über die Möglichkeiten von Frauen zur Selbstverteidigung. Es wird deutlich, dass biologistische Erklärungsversuche für männliche Gewalt, die alle Jahre wieder auftauchen, schlicht und einfach Unsinn sind und ist sehr erhellend, wenn wir lernen, dass in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Frauen wesentlich mehr Kräfte zugestanden wurden, als dies beispielsweise in den oft für mehr Frauenrechte gefeierten 1970ern der Fall war. Während in den 1940ern Selbstverteidigungsbücher von männlichen Armeeangehörigen Frauen Tricks und Mittel zeigten, wie sie heute wieder in Programmen wie z.B. Wendo gelehrt werden, und die Möglichkeit einer körperlichen Gegenwehr schlicht als gegeben angenommen wurde, so waren es die 1970er, die mit ihren Tipps wie "Gib nicht deine Telefonnummer" oder "Geh nicht allein durch eine dunkle Straße" in Frauen Unbehagen und das Gefühl von Schwäche auslösten. Erst später setzte sich mühsam wieder das Bewusstsein durch, dass Missbrauchssituationen durch Verwandte oder Bekannte die Regel und nicht die Ausnahme sind, während die Gefahr, auf offener Straße Opfer einer Vergewaltigung zu werden, marginal ist.</p><p>Im zweiten Kapitel des Buches unter dem Titel "Gemein werden - in der Szene der Selbstverteidigung" beschreibt Martha McCaughey ihre eigenen Erfahrungen in verschiedensten Selbstverteidigungskursen und ihre Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung von femininer Hilflosigkeit hin zu deren Auslöschung und die damit verbundene Wichtigkeit dieser Orte für die  Wiederverhandlung von Weiblichkeit und Aggression. Sie teilt diese Kurse in 4 Kategorien ein: Selbstverteidigungskurse, bei denen mit gepolsterten Aggressoren geübt wird, Schießkurse, Kampfkünste oder kampfkunst-basierte Selbstverteidigungskurse und Fitnessorientierte Kurse. Die meisten dieser Kurse waren nur für Frauen geöffnet, die Autorin nahm aber auch an einigen gemischtgeschlechtlichen Kursen teil. Martha McCaughey zeigt, wie in einer supportiven Atmosphäre Frauen in phantasierten und dann ausgeübten kämpferischen Erfolgen Bewusstseinsänderungen und damit auch körperliche Neuzuschreibungen erleben. Dabei nimmt sie jedoch auch kritisch mögliche legale Nachspiele unter die Lupe, die eine gewalttätige Selbstverteidigung haben kann, und bei denen unter Umständen rassistische oder sexistische Stereotypen bei der juristischen Bewertung der Frage, ob diese Gegenwehr legitim war, Verwendung finden.</p><p>In einem weiteren Kapitel untersucht sie davon ausgehend, inwieweit diese Erfahrungen Auswirkungen auf das Gender, also das soziale Geschlecht, haben (können), wenn die Grundannahme über Gender berücksichtigt wird, dass es sich dabei um real ausgelebte Körpervorstellungen und Annahmen handelt, die jedoch auf Ideologien und Vorstellungen über das Geschlecht beruhen. Eine der größten identifizierten Hürden dahin ist anerlernte Weiblichkeit, die es Frauen (fast) unmöglich macht, sich körperlich zur Wehr zu setzen. Dies zeigt den lebensändernden Einfluss von körperlicher Selbstverteidigung, handelt diese doch gegen alles über Weiblichkeit Erlernte: Angst vor Waffen, Angst davor, jemanden zu verletzen (auch wenn der Angriff von der anderen Person ausging), die Neigung nett zu sein, körperliche Unentschlossenheit und vor allem den Nichtglauben in die eigene physische Kraft. </p><p>Sie zeigt allerdings auch, wie vielfältig diese weiblichen Ängste immer wieder ins Bewusstsein eingeschrieben werden, wenn tagtäglich in Filmen und im Fernsehen gezeigt wird, dass z. B. eine Frau versucht einen Mann zu schlagen und dieser einfach lacht, oder dass sie versucht sich zur Wehr zu setzen und er die Waffe einfach wegnimmt. Diese immer wieder kolportierte weibliche Zögerlichkeit und Inkompetenz unterstützt eine Vergewaltigungskultur, da sie Männern hilft, verbale oder körperliche Auseinandersetzungen für sich zu entscheiden. Selbst diejenigen, die Männern größere Kräfte zusprechen als Frauen, stellen nicht in Frage, dass Seh- und Hörvermögen sowie ihre Reflexe dem von Männern nicht unterlegen sind. Dies enthüllt die Ironie der Angst von Frauen gegenüber Schusswaffen, ermöglichen diese es doch, die Unterschiede in körperlicher Größe und Kraft aufzuheben. Dies ist jedoch nur einer der in großer Zahl von Martha McCaughey gegebenen Hinweise und Schlussfolgerungen in Real Knockouts.</p><p>Im 4. Kapitel, überschrieben mit "Was Feminismus von Selbstverteidigung lernen kann", zeigt sie - ausgehend von der in den Kursen gewonnenen Erkenntnis, dass eine positive Neueinschreibung möglich ist (genau wie sich der Körper durch Krankheit, Schwangerschaft oder körperliche Angriffe ändern konnte), dass die soziale Identität nicht vom Körper getrennt werden, und das durch Kurse gewonnene neues Bewusstsein auch zu einem neuen Feminismus führen kann. Konkret fordert Martha McCaughey, dass die gewalttätige Gegenwehr von Frauen zu einer Neubewertung von körperlichen Konzepten in feministischen Theorien führen muss.</p><p>Den Abschluss des Buches bildet das Kapitel "Physischer Feminismus", in dem die Konsequenzen von Selbstverteidigung auf die sogenannte rape culture, also eine Kultur, in der Vergewaltigung durch die körperliche Überlegenheit des Mannes und die weibliche Verletzbarkeit und Opferrolle möglich wird, erörtert werden. Im Erfahren der Freuden des körperlichen Kampfes und seiner Möglichkeiten betreten Frauen ein traditionell den Männern zugeschriebenes Feld und verlassen gleichzeitig die Zuschreibungen als hübsche verwundbare Objekte, eine Neuschreibung der den sozialen Geschlechtern zugeschriebenen Fähigkeiten ist die Folge.</p><p>Real Knockouts - The Physical Feminism of Womens's Self-Defence ist eine trotz ihrer Komplexität leicht zu lesende wissenschaftliche Arbeit, deren Verdienst es ist, abseits von banaler Selbstermächtigungsliteratur im Stile "Du willst es? Du kannst es!" verschiedenste feministische Theorien zu erläutern und zu erörtern, eigene Erfahrungsberichte und Anekdoten mit umfangreichen Darstellungen der Selbstverteidigungsszene in den USA zu verbinden und eine positive Verbindung zwischen diesen Polen zu etablieren. Ein weiterer Pluspunkt des Werkes sind umfangreiche Anmerkungen am Ende des Buches, in denen z. B. einzelne Theorien vertieft werden, um das Buch lesbar zu halten, gleichzeitig jedoch die theoretischen Grundlagen nicht zu vernachlässigen, und ein sehr ausführlicher Quellenteil. Den Abschluß des Buches bildet ein Index, der "Real Knockouts" auch als Nachschlagewerk verwendbar macht.</p><p>In den letzten Jahren hat Martha McCaughy weitere Werke veröffentlicht, zum Beispiel über gewalttätige Frauen im Film, Popdarwinismus und Cyberaktivismus, die leider bisher nur in Englisch vorliegen.</p><p>Mir half das Buch, einige der Widersprüche aufzulösen, denen man als Feministin, die Kampfkünste lernt, ausgesetzt ist. Real Knockouts half mir, nicht nur den Vorurteilen von Männern begegnen zu können, die ihre Berechtigung eine Kampfkunst zu erlernen, nicht immer wieder neu legitimieren müssen, sondern auch den Widerspruch auszuhalten, körperlicher Gewalt, die als ablehnenswert empfunden wird, mit Gewalt begegnen zu können und sich für die Freude über einen gelungenen Upper-Cut nicht mehr schämen zu müssen.</p><p>Es gibt Bücher, bei deren Lektüre im Kopf viele Lichter blinken und bereits nach den ersten Seiten klar wird, dass sie die Sicht aufs eigene Leben für immer verändern werden, und man hofft, dass Seiten nachwachsen mögen, um noch mehr Lichter zu zünden, und gleichzeitig fieberhaft weiterliest, doch um das kommende Ende der Lektüre wissend. Real Knockouts ist eines dieser Bücher, und ich möchte es Ladies, Feministinnen, Freunden von Feministinnen und allen, die Kampfkünste erlernen, wärmstens ans Herz legen.</p><p>Real Knockouts - The Physical Feminism of Womens's Self-Defence zollt der Realität in der wir leben Respekt, wenn körperliche Gewalt zwar verabscheuenswürdig ist, ihre adäquate Antwort darauf, nämlich die körperliche Gegenwehr, ihren gebührenden Platz erhält - ein Mittel, uns in dieser Welt zu behaupten, bis wir sie geändert haben, um in ihr ohne Gewalt leben zu können.</p><p>AND NOW YOU’RE IN FOR A TREAT (audio only): Leseprobe von Ms. E. Stark!</p><p>Real Knockouts erschien 1997, und in den letzten Jahren hat sich einiges getan: Waren bis dahin positiv dargestellte Kämpferinnen z. B. in Filmen - von Genreausnahmen wie den noch wenig bekannten chinesischen martial arts Filmen der 1920er Jahre abgesehen - nicht oft zu finden, werden wir wie immer bei Buffy The Vampire Slayer fündig. In ihrer Schule Außenseiterin und wenig beliebt, wird ihr doch in der 20. Folge der 3. Staffel eine öffentliche Ehrung zu Teil. In ihrer Prom Night, dem feierlichen Abschied von der Highschool, gibt es verschiedene Ehrungen zu gewinnen. Eher widerwillig, und durch den Unbeholfensten des Promcommittees verliehen, wird Buffy als class protector geehrt und anerkannt, dass eine Frau die traditionelle Rolle der protected ones verlassen, und diese Rolle übernehmen kann.</p><p>*Die Rezension wurde erstmals 2010 veröffentlicht. </p><p>In der nächsten Woche besprechen wir die Bücher der letzten Wochen gemeinsam.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/martha-mccaughey-real-knockouts</link><guid isPermaLink="false">substack:post:58063354</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Jun 2022 10:21:01 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/58063354/705c23af6a1631b45a37be00d96854b6.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1741</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/58063354/6b69daa46feeff78a75395aa9ba8d4e2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Was der Sinn des Ganzen ist, ein Buch, welches in der Originalausgabe den Titel <em>Readhead by the Side of the Road </em>trägt, in deutscher Übersetzung <em>Der Sinn des Ganzen </em>zu nennen, wird sich dem Studio B Kollektiv wohl nie erschließen und wir werden dennoch nicht müde, kopfschüttelnd und fragend ob solcher Titel zurückzubleiben. Die aus Minnesota stammende und in Baltimore lebende Autorin Anne Tyler, welche 1941 geboren wurde, schrieb bereits über 20 Romane und erhielt unter anderem den Pulitzer Preis sowie den Sundy Times Award für ihr Lebenswerk. Ihr Roman <em>Der Sinn des Ganzen </em>wurde 2020, wie auch einige andere ihrer Veröffentlichungen, vom Züricher Verlag Kein & Aber in deutscher Ausgabe herausgegeben.</p><p>Wir tauchen ein in das Leben des Protagonisten Micah Mortimer, den die Autorin, passend zu ihrem eigenen Wohnort, in Baltimore ansiedelt. Dort lebt er in einer 3-Zimmer-Souterrainwohnung die eher sparsam eingerichtet – die meisten Möbel befanden sich schon beim Einzug darin – aber dafür sehr gepflegt ist. Denn Micah ist sehr penibel, wenn nicht sogar pingelig in Bezug auf Ordnung und Sauberkeit, was eins der Dinge ist, die ihn ausmachen. Im Klartext heißt das, dass es bei ihm z.B. einen Bodenwischtag gibt, oder auch einen Küchentag, was bedeutet, dass an diesem Tag alle Geräte in der Küche sowie ein Schrank geputzt werden. Diese feste Struktur findet sich auch in seinem Alltag wieder, den er mit Joggen sowie anschließendem Duschen und Frühstück beginnt. Danach widmet er sich seinen Kunden, denn sein überschaubares Gehalt verdient er mit seiner kleinen Computerfirma die den witzigen Namen <em>Tech Eremit </em>trägt. Ein sprachlicher Kniff mit dem die Autorin ihrem Protagonisten nicht nur einen gewissen Humor unterstellt (oder sich über ihn lustig macht), sondern auch die Einsicht des Selbigen ein Dasein in einer gewissen Abgeschiedenheit zu führen. In diesem sehr zurückgezogenen Leben verdient er sich zusätzlich noch etwas als Hausmeister hinzu, indem er Reparaturen und sonstige anfallende Arbeiten in seinem Mietshaus erledigt.</p><p>So weit so gut. Es klingt nach einer eher banalen Geschichte die Anne Tyler uns hier erzählt, der Clou besteht jedoch darin, dass sie es schafft, den Lesenden sofort Anteil am Leben ihres Protagonisten nehmen zu lassen. Wie bei einer Serie, die man einmal angefangen hat zu schauen und nicht mehr aufhören kann, möchte man nun wissen, was es mit Micah Mortimers Leben auf sich hat und was ihn bewegt. Doch entgegen des überhaupt ersten Satzes des Romans, der da lautet: „Man wüsste wirklich gern, was im Kopf eines Mannes wie Micah Mortimer vor sich geht.“, erfährt man, was in seinem Kopf vor sich geht. Denn die Autorin lässt uns, zumindest teilweise, daran teilhaben. Und dabei ist sie meisterhaft im Erzählen des Alltäglichen und im Einbringen von immer neuen Handelnden, die letztlich alle ein kleines Rädchen im großen Getriebe bedienen und viele kleine und teilweise witzige Episoden entstehen lassen.</p><p>Durch ihren Detailreichtum, die genauen Beobachtungen und auch die Liebe zu ihren Figuren schafft es Anne Tyler die Geschichte eine Mannes zu erzählen, den man als absolut durchschnittlich und prototypisch, ja langweilig bezeichnen würde und die dennoch für den Lesenden nie langweilig wird. Der korrekte Micah, der sich irgendwie in seinem Leben eingerichtet hat und gerade so über die Runden kommt, abgestraft vom Leben, weil er vor vielen Jahren das große Geld hätte machen können – aber kein Patent angemeldet hat – ist aber trotzdem keiner, der sich groß beklagt. Er hat eine Freundin – Cass – die sicher nicht seine große Liebe ist, aber man hat sich arrangiert und schließlich sind es die Gewohnheiten, die Micah so zu schätzen weiß.</p><p>Eines Tages steht plötzlich ein junger Mann namens Brink vor Micahs Tür und behauptet sein Sohn zu sein. Brink ist der Sohn von Micahs Jugendliebe und kann rein biologisch gar nicht Micahs Sohn sein, was ihm natürlich sofort klar ist. Dennoch ist Micah dem Jungen gegenüber aufgeschlossen und lässt ihn sogar bei sich übernachten. Man gewinnt den Eindruck, dass er etwas für ihn übrig hat, was einmal mehr deutlich macht, dass Micah nicht der abgestumpfte Computernerd ist, für den man ihn aufgrund des Namens seiner Firma halten könnte. Zu allem Übel macht seine Freundin Cass schließlich auch noch mit ihm Schluss. In relativ kurzer Abfolge lässt Anne Tyler das Leben ihres Protagonisten also aus seiner gewohnten und so liebgewonnen Routine entgleiten. Trotzdem bleibt die Art des Erzählens völlig ruhig, was Micah zu einem Protagonisten macht, der unspektakulärer kaum sein könnte und doch sind er und seine Geschichte alles andere als langweilig.</p><p>Anne Tyler hat einmal gesagt: „Das Lesen von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eudora_Welty">Eudora Welty</a> in meiner Kindheit zeigte mir, dass ganz kleine Dinge in Wirklichkeit oft größer sind als die großen Dinge.“ Es ist diese Einsicht, die auch in ihrem Roman stets mitschwingt. Sie erschafft eine Art Prototyp eines Alltagshelden, dessen Leben nicht die große Erfolgsgeschichte ist, sondern der sich Tag für Tag durchbeißt und seiner Arbeit und seinen Gewohnheiten nachgeht. In seiner Höflichkeit ist er fast rührend und er hat so einige Marotten, doch wer hat die nicht. Aber unser Protagonist hat es auch nicht so leicht, weil er in zwischenmenschlichen Dingen schon mal etwas nachlässig ist und sich dadurch auch Konflikte einhandelt, deren Ursache er im Rückblick nicht so recht nachvollziehen kann. Aber man muss ihn einfach gern haben und wünscht ihm die ganze Zeit, dass alles gut werden möge. Es sind die großen Fragen die Anne Tyler in einem, für die breite Masse nachvollziehbaren, Setting ansiedelt und dadurch einen Zugang schafft.</p><p>Völlig unaufgeregt und mit viel Einfühlungsvermögen schafft es Anne Tyler einen innerhalb kürzester Zeit in ihren Bann zu ziehen und in das Leben von Micah Mortimer einzutauchen. Im Nu ist ein Nachmittag um und man hat nicht nur Anne Tylers Art zu schreiben lieben gelernt, sondern kann vielleicht auch über die eigenen Macken leichter mit einem Augenzwinkern hinwegsehen, so wie man Micah Mortimer einfach nur alles Gute wünscht. Möglicherweise geht es gar nicht immer um den großen Sinn, sondern einfach das Sein.</p><p>In der nächsten Woche stellt Irmgard Lumpini das Buch "Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn gesehen" mit Erzählungen und Kurzgeschichten von Margarete Beutler vor, der überwiegend Erstveröffentlichungen aus ihrem Nachlass enthält.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/anne-tyler-der-sinn-des-ganzen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:56819735</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 29 May 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/56819735/5a3fc130b83daf40b7c0da4226193289.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>386</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/56819735/7067f116987f7b0e5a096c1eef1573a6.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion: Margwelaschwili, Levy, Louis, Regener, Moshfegh, Neuhaus]]></title><description><![CDATA[<p>Coronabedingt fiel ja eine Diskussionsepisode aus und so handeln wir in dieser Episode statt drei Bücher derer sechs ab:</p><p>* Giwi Margwelaschwili: Kapitän Wakusch</p><p>* Deborah Levy: Was das Leben kostet</p><p>* Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht</p><p>* Sven Regener: Glitterschnitter</p><p>* Ottessa Moshfegh: McGlue</p><p>* Egon Neuhaus: Spinnewipp</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-margwelaschwili-levy</link><guid isPermaLink="false">substack:post:54447510</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 May 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/54447510/50787ebbf4bb2a0bd514cc701552c7a8.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>3586</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/54447510/9cee92283e36f4d5e29720f954a8400f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Egon Neuhaus: Spinnewipp]]></title><description><![CDATA[<p>Viele Leute schreiben ihre Erinnerungen auf, meist für ihre Familien, und lassen sie in kleinen Auflagen drucken, bei Firmen, die sich darauf spezialisiert haben. Weitergehende Beachtung finden diese Werke nicht, sind doch die Erinnerungen nur für diejenigen interessant, die den oder die Autorin kannten. Und wer möchte schon wissen, wie Erna Müller ihren Friedrich traf und wann das grüne Canapee angeschafft wurde? </p><p>Was bleibt von einem einfachen Menschen, der keine Angehörigen mehr hat? Sein Besitz wird von Müllräumern beseitigt. Autobiographien sind meist dann erfolgreich, wenn ihre Protagonist_innen mehr oder minder berühmte Zeitgenossen in möglichst großer Zahl getroffen haben oder die Schauplätze der Biographien exotisch anmuten.</p><p>Diese Voraussetzungen erfüllt der hier vorgestellte Roman keineswegs. "Spinnewipp" ist die Geschichte eines Mannes, der die erste Hälfte des Dritten Reiches in Erziehungsanstalten und die zweite Hälfte knapp in der Wehrmacht übersteht und beschreibt das Leben und die Umstände derer, die bei den Nazis, im Krieg und in der Nachkriegszeit ganz unten waren.</p><p>Wenn man den autobiographischen Roman "Spinnewipp" von Egon Neuhaus in einem Zug durchgelesen hat, werden bisher unbekannte Bilder einer Zeit lebendig, aus der man historische Daten kennt, die es in Schulbücher geschafft haben oder die bis zur Unkenntlichkeit entstellt in Guido Knopps verdrehten Historienreportagen auftauchen.</p><p>Egon Neuhaus wurde 1922 in Lüdenscheid geboren, den Titel des Buches gibt sein Spitzname, den er wegen seiner schmächtigen Gestalt die an Spinnweben erinnert, erhalten hat. Über sein Leben bis in die 1950er Jahre schreibt er in einfachen, klaren Sätzen, die belegen, dass Geschichte in Wellen verläuft und keinesfalls in der oft linear bevorzugten Geschichtsschreibung einer besserwerdenden Gesellschaft, und eben auch nicht in klare Epochen, helle und finstere abgegrenzt werden kann, weil Kontinuitäten verschwiegen oder negiert werden. </p><p>Seine Lebensumstände sind nicht rosig. Nicht gerade als Wunschkind in proletarische Verhältnisse geboren, beschreibt er seine ersten Kinderjahre in einem Umfeld zwischen Deutschnationalen und Republikanern, in der elektrischer Strom nur für die Beleuchtung genutzt wird und auf dem Herd Wäsche und Essen gekocht werden. Und ihm ist immer klar, dass er am unteren Ende der sozialen Leiter steht, deren Einteilung er sich widersetzt. Immerhin weiß er wie alle seine Freunde bereits mit 4 Jahren, wie die anderen Geschwister gezeugt werden und hat gelernt, dass sich das gut anfühlen soll, während seine reicheren Mitschüler, die ein eigenes Zimmer hatten, überhaupt keine Ahnung haben. </p><p>Nach der Trennung seiner Eltern kommt er zu seinen Großeltern, eine Zeit, die er als schön erinnert. Dort lernt er viel über Politik, wenn die Kollegen seines Opas beim Flaschenbier politisieren. Als 1933 seine Oma stirbt, kommt er ins Heim und muss die Schule wechseln. Unterrichtet wird er nun von vaterländischen Ex-Soldaten, die,  "nachdem sie Rekruten zum Kadavergehorsam zurechtgeschliffen hatten, auch Schulkinder verprügeln durften".  Sein Opa hatte ihm noch eingeschärft, mit Äußerungen über Politik zurückhaltend zu sein. Erkennbar sind ihm jedoch immer die Lügen, die ihm über die Großartigkeit des Krieges erzählt werden, ganz anders als die Beschreibung durch den Großvater, der ihn als "grauenhafte Abschlachtung, bei der Fabrikanten viel Geld verdienen." erklärt hatte. </p><p>Mehrfach versucht er nach Holland auszureißen, wird jedoch immer wieder zurückgebracht. Mit 14 Jahren muss er das Heim verlassen, ohne die achte Klasse abzuschließen, und wird in die Landwirtschaft zwangsverpflichtet. </p><p>Egon Neuhaus erzählt klar, unprätentiös und manchmal derb, und ist dabei eminent komisch, aber <em>niemals</em> weinerlich. Das Pathos, welches widerständigen Erinnerungen bestimmter Epochen innewohnt, ist ihm völlig unbekannt und wird damit ein Schlag in die Gesichter all derer, die sich in ihren Leben manipulieren lassen und Fremdbestimmung als gegeben nicht nur nörgelnd hinnehmen, sondern sogar zustimmend akzeptieren.</p><p>Im Buch eingefügte Bilder, die im Unterschied zu anderen autobiographischen Werken eben keine Schnappschüsse handelnder Personen oder ihm selbst sind, sondern Anzeigen, Filmplakate oder Postkarten, zeigen in erschreckender Klarheit, dass die bereits 1000fach widerlegte Aussage "Wir wussten von nichts." einer selbstgewählten Blindheit und bedingungslosem Opportunismus geschuldet sind. Bei den Abdrucken handelt es sich oft um Kopien von Kopien, die Originale sind verloren gegangen oder wurden vernichtet, aber ihre Botschaften sind klar erkennbar: "BOSS, Berufskleiderfabrik Metzingen, Zugelassene Lieferfirma für SA und SS", "AEG Rundfunkgeräte, im /Gleichschritt/ unserer Zeit", "Agfa Photos: eine Brücke zwischen Front und Heimat", Bayer Leverkusen wirbt mit einer Anzeige "Die Heimatfront steht" und fordert, dass jeder dazu beitrage, indem er sich für seine Gesundheit verantwortlich fühle. Allianz, Tempo, Quelle, die Liste der vom Nationalsozialismus profitierenden Firmen und ihre Verstrickungen, die beiläufig zwischen die Beschreibungen des täglichen Lebens in der Unterschicht eingefügt werden, ist lang.</p><p>1941 wird Egon Neuhaus in die Wehrmacht eingezogen und entzieht sich den Kämpfen, so gut es geht. Das hier nicht sein Krieg gekämpft wird, ist sonnenklar. Nach seiner Rückkehr 1947 soll er als Knecht in der Landwirtschaft arbeiten, obwohl er zuvor gezwungen wurde dort zu arbeiten, weigert sich und schlägt sich, weil er keine andere Arbeit finden kann, als Schmuggler, Tagelöhner und Schrottsammler durch. Während dieser Zeit lebt er in einem ehemaligen Luftschutzbunker, der von seinen Bewohnern "Paradies" genannt wird.</p><p>Nach dem Ende der in "Schwinnewipp" beschriebenen Zeit siedelte Egon Neuhaus nach München über, um dort in einer Altpapiergroßhandlung zu arbeiten, die er als "gebührenfreie Volkshochschule" bezeichnete. Er sammelte auch dort Material, welches er für die Geschichtsforschung hoch einschätzte, kaufte es auf und gab es an Institutionen wie das Institut für Zeitgeschichte, das Bayrische Staatsarchiv, das Deutsche Museum, und beteiligte sich an einigen Ausstellungen. </p><p>Seine Lebensgeschichte führt auch die vor einigen Jahren neu aufgeflammte Unterschichtendebatte ad absurdum, zeigt "Spinnewipp" doch beiläufig die Zwänge, denen die ihr zugehörig Imaginierten ausgesetzt sind, und wie widrige Lebensumstände ohne die finanziellen Mittel eben nicht zu verlassen sind, und dass Bildung eben auch nicht allen offen steht. Gleichzeitig gelingt es ihm, nicht nur seine persönlichen Lebensumstände zu beschreiben, sondern er zeichnet ein klares Abbild des opportunistischen unteren Bürgertums, welches nur zu bereit ist, für seinen Aufstieg nach oben nach unten zu treten.</p><p>Egon Neuhaus starb 2008 an Krebs, aber erst, nachdem er sicher sein konnte, dass sein autobiographischer Roman veröffentlicht würde. Die Veröffentlichung zwei Jahre später hat er nicht mehr erlebt, der Text wurde in einer Fassung veröffentlicht, der der Autor noch zugestimmt hatte.</p><p>Im Münchener Stadtarchiv sind 0,2 m mit Papieren und Dokumenten aus dem Nachlass von Egon Neuhaus aufgehoben, und er wird dort als Schriftsteller geführt.</p><p>"Spinnewipp" ist eine Autobiographie, die in das Lektüreprogramm jeder Schule aufgenommen werden sollte, und eines Tages hoffentlich als Klassiker - jedoch gelesen - in jedem Bücherschrank stehen wird.</p><p>In der nächsten Woche besprechen wir die Bücher der letzten Wochen gemeinsam. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/egon-neuhaus-spinnewipp</link><guid isPermaLink="false">substack:post:53877938</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 May 2022 06:59:33 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/53877938/a486e6396da76cd994e1c20c1e1cfc61.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>1002</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/53877938/d46d0cddf565a4987de63487ec93a2f6.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Ottessa Moshfegh: McGlue]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Anfang des letzten Jahres las ich meinen ersten Roman von Ottessa Moshfegh, der erst kurze Zeit vorher auch im Deutschen erschienen war und bis heute ihre letzte Romanveröffentlichung darstellt. Im Laufe der vergangenen Monate arbeitete bzw. las ich mich dann in ihrem Oeuvre zurück, bis ich kürzlich bei ihrem 2014 im Original und 2016 in deutscher Übersetzung im Liebeskind Verlag veröffentlichten Roman <em>McGlue</em> angelangt war. Die amerikanische Autorin mit iranischen und kroatischen Wurzeln hatte mich von Anfang an durch ihre Art zu beschreiben und eine gewisse Abgründigkeit in ihren Bann gezogen, weshalb ich auf ihr Erstlingswerk umso gespannter war. Daneben ist natürlich zu erwähnen, dass Ottessa Moshfegh vor ihrem Debüt als Romanautorin zahlreiche Kurzgeschichten verfasst hat, die in diversen renommierten Magazinen, wie dem <em>New Yorker</em>, erschienen sind.</p><p>Wir schreiben das Jahr 1851. McGlue, der Protagonist und Namensgeber des Romans, seines Zeichens Matrose und ein Säufer vor dem Herrn, erwacht zu Beginn der Geschichte und wird alsbald unter Deck eines Schiffes gebracht, an dem er angeheuert hat. Dort wird er eingesperrt, denn ihm wird vorgeworfen, seinen besten Freund Johnson in Sansibar umgebracht zu haben. Da er aber nicht nur ein schwerer Trinker ist, sondern auch eine schwere Kopfverletzung hat, die er sich bei einem Sturz aus der Eisenbahn zugezogen hat, kann er sich an die ihm zur Last gelegte Tat nicht erinnern. Es folgt eine längere Schifffahrt, die er unter Deck verbringt und, die nicht nur geprägt ist von seinem Versuch, sich an das angeblich Geschehene zu erinnern, sondern auch, seinem ständigen Drang nach etwas Flüssigem beizukommen und Moshfeghs sehr eindrücklichen Beschreibungen der Gerüche, Stimmungen und des rauen Umgangs der Beteiligten Personen untereinander. Als McGlue schließlich an seinem Bestimmungsort Salem ankommt, wird er in ein Verlies gesteckt, ein Anwalt wird ihm zur Seite gestellt und es beginnt die Zeit des Wartens auf den Prozess, gepaart mit dem, den Roman durchziehenden, Versuch, der Wahrheit um das Ableben seines Freundes auf die Spur zu kommen.</p><p>Soweit die Rahmenhandlung, die die Autorin aber nicht linear entfaltet, sondern, passend zu McGlues geistigen und körperlichen Zustand, vor- und zurückspringen lässt. Aus der Vergangenheit erfahren wir vor allem etwas über seine schwierigen Familienverhältnisse, die von Verlust und Armut geprägt sind und seinem Freund Johnson, der ihn quasi von der Straße aufliest – ihn damit rettet – und stets für ihn sorgt. Dazu gehört natürlich auch, dass er ihn regelmäßig mit Alkohol versorgt. So entsteht nach und nach zumindest der Teil einer Biographie vor unserem geistigen Auge, die nicht nur von vielen Leerstellen geprägt ist, sondern bei der man sich als Leserin auch ständig fragen muss, wo einen McGlue aufs Glatteis führen will und inwieweit seinen Erinnerungen zu trauen ist. Sehr geschickt streut Ottessa Moshfegh Zweifel an dem was uns ihr Protagonist glauben machen will und dem, was Wirklichkeit sein könnte. Durch ihr sprachliches Geschick und ihren Beschreibungsreichtum gelingt es ihr, sich beim Lesen ähnlich verwirrt zu fühlen, wie sich wohl McGlue selbst fühlen muss.</p><p>Neben diesen Versatzstücken des vermeintlich Erlebten und Johnsons Tod gewinnt man als Leserin allmählich ein Gefühl dafür, welche Themen neben dem vordergründigen Alkoholismus des Protagonisten, dem Entzug von selbigem, den damit einhergehenden Fantasien und Traumbildern ebenfalls wichtig sind, wenn nicht sogar maßgeblich für sein Leben bis zum Zeitpunkt seiner Verhaftung. Denn sie schreibt auch über eine Gesellschaft in der für den Immobilienmarkt Leben geopfert werden, solange nur das Geld stimmt. Über einen jungen Mann, der nicht nur als Außenseiter lebt, sondern auch in seiner Familie keinen Rückhalt findet; es vielleicht auch gar nicht erst versucht, sondern sich gleich in sein Schicksal als Taugenichts und Säufer fügt. Fast beginnt man sich zu fragen, ob es seinen Retter Johnson wirklich gibt oder gab, oder ob er nicht ein Produkt McGlues lebhafter Fantasie ist, die ihn sich als Rettungsanker selbst erschaffen hat. Auch Homosexualität ist ein wichtiges Thema des Romans, welches immer wieder anklingt, ohne aufdringlich oder plakativ zu erscheinen. Das zumindest teilweise Ausleben selbiger scheint jedoch keine Erleichterung oder Grund für Glück zu sein. Oder liegt es am immanenten Wunsch lieber <em>normal </em>zu sein?</p><p>Ottessa Moshfeghs Roman ist kein Seefahrer/Piratenabenteuer wie wir es aus vielen Hollywood Filmen kennen, obwohl definitiv ähnlich viel getrunken wird. Es ist aber auch kein Kriminalroman in dem die Leserin vielen Fährten nachgeht, um schließlich auf die Spur des Mörders zu gelangen. Verwirrt und ein wenig ratlos kann er einen aber dennoch zurücklassen, denn nichts ist gewiss und auch am Ende wissen wir nicht, welchen Lauf McGlues Schicksal nehmen wird. Aber wichtiger als dies zu wissen, sind die Themen die Moshfegh bearbeitet, wie die Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz und dem aus Enttäuschung und einem Mangel an Alternativen resultierenden Fatalismus. Aber auch dem Versuch, das eigene Leben erträglich zu gestalten und sich in der Beschäftigung mit der eigenen Biographie Bilder zu erschaffen, die tröstlich sind. Ottessa Moshfegh ist eine Künstlerin in ihren Beschreibungen zum Teil völlig alltäglicher Situationen, was sicher auch aus ihren genauen Beobachtungen resultiert und sich ebenfalls in ihren Beschreibungen zwischenmenschlicher Konflikte und gesellschaftlicher Defizite manifestiert. Ihr Roman mag zeitlich in der Vergangenheit angesiedelt sein, die aufmerksam beobachteten Probleme in der Beschäftigung mit der eigenen Existenz sowie sozialen Faktoren sind es aber nicht.</p><p>Nachdem ich nun alle von ihr bisher erschienenen Romane gelesen habe, kann ich diese Autorin nur ausdrücklich empfehlen. Noch mehr als <em>McGlue </em>haben mich jedoch ihre Romane <em>Eileen </em>und <em>Mein Jahr der Ruhe und Entspannung </em>in ihren Bann gezogen. Eine geniale Autorin von der wir hoffentlich noch viel lesen werden.</p><p>In der nächsten Woche stellt Irmgard Lumpini das Buch "Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn gesehen" mit Erzählungen und Kurzgeschichten von Margarete Beutler vor, der überwiegend Erstveröffentlichungen aus ihrem Nachlass enthält.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/ottessa-moshfegh-mcglue</link><guid isPermaLink="false">substack:post:53157302</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 May 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/53157302/f694fbf4c5ecb1a8bd5e9b5ca2fd3b8e.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>402</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/53157302/2983438962f6f389ed7b348d62c2b453.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sven Regener: Glitterschnitter]]></title><description><![CDATA[<p>Here's a pickup line: Statt in dieser trostlosen Spelunke zu dieser trostlosen Stunde - oh Gott, ein Reim, egal - wo und wann würdest Du lieber leben? </p><p>Wer sagt, dass er im hier und jetzt <em>eigentlich</em> ganz zufrieden sei, wird damit klar kommen müssen, dass ich mich unentschuldigt von ihm abwende und zur Nächsten gehe. Aber da er sich ja <em>eigentlich</em> ganz wohl fühlt, wird ihm das <em>eigentlich</em> nichts ausmachen.</p><p>Wenn die nächstgefragte Dame von der 19. Jahrhundertwende in England träumt, ist das eine Chance, endlich mal von jemandem, der sich auskennt erklärt zu bekommen, what the f**k Jane Austen soll, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Kinder-, Frauen- und Männersterblichkeit in allen Gesellschaftsschichten um 1800 herum wirklich unsportlich war, vermute ich einen verstellten Blick auf die eigene Realität und bedanke mich für's Gespräch. </p><p>Der Dude da, der da gerade zu "Monarchie und Alltag" wippt, wer hat denn die Fehlfarben aufgelegt?!, Du GEILES BIEST, der isses, denn der Mann weiß, welches die beste deutschsprachige Langspielplatte aller Zeiten ist und wo sie produziert wurde: In West-Berlin 1980 - denkt er - und liegt damit falsch, aber er ist auch erst 20. Und doch ein alter weiser Mann, denn er kann das ganze Ding auswendig.</p><p>Aber close enough für mich, denn seit dem ich am 10. November 89 in die Mauerstadt einritt, um mich von den aus dem gemütlichen Frontstadt-Dasein herausgerissenen Umständen - für viel zu kurze Zeit - persönlich zu überzeugen: es waren keine Geister, ist für mich die Antwort auf die Eingangsfrage einfach: Berlin, West, 1980. </p><p>Viel wurde seitdem erzählt von Zeit und Ort, in Film, Funk & Fernsehen oder aufgeschrieben, auf dass die Verklärung ihren Lauf nähme. "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989" aus dem Jahr 2015 ist zu nennen und zu empfehlen, mit einem erst heute möglichen digitalen Mix, der den Protagonisten perfekt in alte, semiprivate Videokameraaufnahmen mit Bowie und Bargeld schneidet. Wer noch näher an die Realität möchte, findet auf Youtube eine Dokumentation, die ausgerechnet Radio Bremen mit dem Titel "Endstation Schlesien - Eine Reise mit der Berliner U-Bahn Linie 1" 1986 produzierte. 75 Minuten lang darf der Praktikant relativ unmotiviert die Kamera auf alles halten, was in und neben den gelben Wagen kraucht, es ist ein Fest! </p><p>Aus der gleichen Stadt wie die ARD-Anstalt kamen 1980 Protagonist wie Autor von "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3vGNdHA">Glitterschnitter</a>", Frank Lehmann respektive Sven Regener, in die Stadt, womit das Buch nicht zwangsläufig autobiographisch ist, denn das Leben schreibt keine guten Dialoge, Regener aber schon.</p><p>Wir werden in die Frühschicht einer der klassischen Kiezkneipen geworfen, die Unbeleckte und Phantasielose in der Verfilmung von Regeners Erstling "Herr Lehmann" mit Christian Ulmen visuell beispielhaft gezeigt bekamen. Der Herr heißt hier noch Frank und will von diversen Akteuren "Frankie" genannt werden, denn, wie ein Protagonist später am Beispiel eines anderen ausführt, sollten alle Vornamen am besten zwei Silben haben. "Heinz-Rüdiger ist nicht gut, das hat vier Silben,vier Silben ist zwar immer noch besser als drei, aber nicht so gut wie zwei". Ok.</p><p><em>Frank</em> Lehmann, und auf gar keinen f*****g Fall "Frankie", macht eigentlich die Putze im "Einfall", aber da die Frühschicht, Connie aus Stuttgart, mit ihrer Mutter bei IKEA ist, schäumt <em>er</em> halt den Milchkaffee auf. "Der eigentlich Melange heißt!" unterhalten sich P. Immel und Kackie, gebürtige Wiener, bevor Erwin, der Besitzer kommt und einen Pfefferminztee nimmt. P.Immel und Kackie müssen jetzt zurück in ihre Galerie, die ArschArt, denn dort ist gleich Plenum. Bei IKEA in Spandau fotografiert währenddessen der Künstler H.R. Ledigt die Musterwohnung und plant daraus eine Installation zu machen und Connie, die Frühschicht, fragt sich, warum Sie aus Stuttgart nach West-Berlin gezogen ist, wenn ihre Mutter ihren verfickten Urlaub jetzt hier verbringt, bei ihrem neuen Stecher Wiemer, der wiederum H.R. Ledigts Künstleragent ist. Naja oder halt sowas ähnliches. </p><p><p>Danke fürs Lesen! Trage Dich hier ein und bekomme alle Episoden per Email zugeschickt.</p></p><p></p><p>Zu diesem Zeitpunkt ist gefühlt ein fünftel des Buch rum, in Wahrheit nur vierzig Seiten. Alle gefühlt vierzig handelnden Personen haben etwas zu tun, nur was, wissen sie selten genau. Es wurde viel geredet und passiert ist nichts. Wir fühlen uns sehr wohl. Aber warum?</p><p>Es ist nicht nur die Stimme Sven Regeners, denn, das versteht sich von selbst, das ist kein Lesebuch, das ist ein Hörbuch. Regener ist wie alles in Berlin zugereist und das ist gut, denn niemand erträgt wirklich Berliner urgewachsene, "Vastehen se, wa, wa?" Mario-Barth-Fotzen. Berlin ist gut und schön, aber bitte auf Nicht-Berliner Hochdeutsch und niemand kommt dem Ideal so nahe wie Sven Regener. (Man braucht ein paar Minuten um in das gut geschnittene Geschnaufe des Audiobuches reinzukommen, aber es wächst einem zu).</p><p>Es ist vor allem die unnostalgische Erzählung aus dem letzten, oder fairerweise vorletzten, Jahrzehnt, bevor wir alle unseren Verstand an das Internet verloren, die die Leserin und den Zuhörenden sehr entspannt. Alle hatten irgendwas zu tun, irgendwie geradeso genug Geld oder zumindest Bier und Kuchen und zu allem eine Meinung. Natürlich ist das "Cafe Einfall" und das nebenliegende "Intimfrisur", dessen Umgestaltung in das "Cafehaus an der Wien" ein zentraler Handlungsstrang ist, nur ein Schlaglicht auf eine Zeit, in der ich gern gelebt hätte. Und man kann ja nicht den ganzen Tag in Kneipen verbringen, auch wenn die Protagonisten das zu widerlegen suchen. Aber man kann den ganzen Tag "verbringen", im Gegensatz zum anstrengenden "Leben", dass im Sinne der Profitmaximierung zu "führen" irgendwann in den Neunzigern die vereinigte Monstranz von Internet, TV-Werbung und Mainstreampresse begann uns zu verordnen. Ich bin da stolz gesagt noch gut dran, kinderlos und ausreichend versorgt, aber auch ich habe einen Google Calendar und wenn der leer ist frage ich mich, warum das nicht immer so ist. Wenn ich ihn dann leer räume, habe ich ein paar Tage Urlaub vom Kalender, und dann ist er wieder voll. </p><p>Im Cafe Einfall gibt es <em>einen</em> feststehenden Termin, das Wochenende an dem das Wall City Noise Kunstfestival statt findet und dort teilzunehmen ist verschiedenen Haupt- und Nebenhelden recht wichtig. Das wars. <em>Ein</em> Termin. </p><p>Rundrum gibt's natürlich eine Menge zu tun. H.R. Ledigt muss ein Bild malen und hat keine Lust drauf. Viel lieber will er die IKEA-Musterwohnung nachbauen, <em>das</em> ist Kunst! Glitterschnitter, die buchtitelgebende Band, muss eine Aufnahme neu mischen, denn die Bohrmaschine ist zu laut. P. Immel, gebürtiger Wiener, muss gegen die Piefkes bestehen, die weder Kaffee kochen können, noch richtig Kuchen backen, und abschieben wollten sie ihn auch schon mal, zurück nach Österreich, dachte er, war natürlich Quatsch, aber so ein Vorurteil hilft ja ganz gut, wenn man im Plenum der Exilösterreicher Stimmung gegen die Deutschen machen muss um die brüchige Autorität zu wahren. Außerdem hat P.Immel Ärger mit den Punks, die das Hinterhaus besetzt haben. Hoffentlich bekommen die nicht raus, dass ihm das ganze Haus gehört, da ist die street credibility schnell weg. </p><p>So geht das das ganze Buch hinweg, es passiert nichts, es ist eine 500-Seiten Seinfeldepisode in Westberlin. Das reibt sicher bei einigen Lesern den Nostalgienippel, ist aber vordergründig nur "L'art pour l'art" über eine Zeit in der man das Leben noch "La vie pour la vie" leben konnte. In einer Zeit, in der der Gastronom nicht gehadert hat, dass das Personal so teuer ist und man stattdessen eine Kneipe knapp über der Profitgrenze betrieb, damit die Freunde einen Platz zum Trinken haben und die, die was zu tun brauchen, was zu tun haben. Wo ein Künstler seinem Agenten noch einen Vortrag halten konnte, dass es keinen Sinn mache, einem Künstler zu sagen, was er machen solle, damit er "anerkannt" werde, denn dann wäre er ja kein Künstler mehr; das macht ja alles keinen Sinn!</p><p>"Glitterschnitter" mäandert in solcherlei Thematik und liefert pro Seite mindestens einen unprätentiösen, zitierbaren Spruch, so gut ist Sven Regener im Dialogisieren und weise tun. Es ist natürlich alles nur Schmarn und die Einführung der gesammelten Bande zugewanderter Wiener um P.Immel und Kacki aus der ArschArt-Galerie in die Handlung lässt die Nachtigall trapsen hören; hier hat doch einer kürzlich den Thomas Bernhard wiederentdeckt und channelt ihn perfekt. </p><p>Ich habe mir den Sven Bernhardt in einer gesundheitlich nicht schweren aber durch die erzwungene Entschleunigung lehrreichen Coronaquarantäne angehört und bin trotz der demonstrativen Sinnverweigerung von "Glitterschnitter" weiser, oder für komplett Internetverblödete, "more mindful" als vorher. Auf Deutsch: ich hab ein paar Ideen bekommen! So kann es einem auch im stromlinienförmigsten Endzeitkapitalismus niemand verwehren, zu allen Tages- und Nachtzeiten in öffentlich betriebenen Etablissements abzuhängen, und sei es zeitgemäß mit dem Notebook. Ich werde das mal testen, auf die Gefahr hin, dass ich mich dort unterhalten muss oder aussehe wie ein dummer dot-com Hipster. (Sagt man noch dot-com?!) Und Smalltalk lernen in meinem Alter kann gefährlich sein, aber wenn man schon nicht zeitreisen kann, kann man die Zeit reminiszieren, bei einer Melange und einer Sachertorte oder am Ende auch schon einem Bier. </p><p>Allein für diesem Gedankenblitz leistet Sven Regener mit seinem ganz hervorragenden und höchst inspirierenden Buch "Glitterschnitter" nicht nur einen Beitrag zur geistigen Gesundheit der Deutschen Leserschaft, sondern sollte auch einen dicken goldenen Orden vom <a target="_blank" href="https://www.dehoga-bundesverband.de/">Deutschen Hotel- und Gaststättenverband </a>erhalten. Für die most funny Beschreibung eines Soundchecks und die resultierende Lust, mal wieder ein kleines dummes Punkkonzert zu besuchen, gibt es die Ehrenspange des <a target="_blank" href="https://www.verein-zur-pflege-der-live-musik.de/">Verein zur Pflege der Live-Musik e.V. </a>obendrauf und Ehrenmitglied der <a target="_blank" href="https://www.academie-francaise.fr/">Académie française</a> sollte Sven Regener eh schon sein, weil er seit Jahren den Deutschen mit den Platten von Element of Crime das französische Chanson untergeschoben hat, ohne dass sie das gemerkt hätten und wenn das nicht gilt, dann ist er jetzt Mitglied für den seitenlangen Dialog über die Aussprache von Art Brut irgendwo im Buch. So könnte die Ehrenhudelei ein paar Seiten weitergehen, Orden Galore vom Verein zur Förderung des Zigarettenrauchens, der Feministisch-Anarchistischen Aktion und dem Komitee zur Verhängung des Verbotes des Saxophonspiels - für jeden der ein bisschen 80er-affin ist, gibt es endlose Reminiszenzen an Sachen, die wir alle getan, gelassen, gehasst oder bewundert (<- zzz links)haben und für alle anderen einfach nur brillante Dialogkunst ohne jeden Sinn und Verstand. </p><p>Was ein Kompliment ist!!</p><p>Sowas musste man früher auch nicht dazu sagen.</p><p>Was ist nur aus uns geworden… Holy f**k…</p><p>In der nächsten Woche widmet sich Anne Findeisen Ottessa Moshfeghs Debütroman Mc Glue aus dem Jahr 2014.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sven-regener-glitterschnitter</link><guid isPermaLink="false">substack:post:52685982</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 24 Apr 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/52685982/9c10c6024817f45227e56082aadf0245.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>604</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/52685982/a30d133db91275bc533f54df393826e3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Studio B Klassiker: Stephen King "Der Anschlag"]]></title><description><![CDATA[<p>Kurz vor der Aufzeichnung der Diskussion zu den letzten drei rezensierten Werken erwischte einen der Protagonisten (der Diskussion, nicht der Werke 🙄) auf den letzten Metern doch noch der Virus der Art “SARS-CoV-2”, ihr habt vielleicht schon davon gehört. Um eine redaktionsinterne Pandemie zu verhindern und ob der Erfahrung von Diskussionen per Videokonferenz (schlecht, ganz schlecht) verschieben wir die gemeinsame Besprechung der zurückliegenden drei Bücher also auf die nächste Diskussionsrunde am 15.05.2022 und senden stattdessen einen wirklichen Klassiker: Vor fast zehn Jahren besprachen Irmgard Lumpini und Heiko Schramm einen ohne Übertreibung “Lieblingsroman” des gesamten Rezensentenkollektivs: Stephen Kings “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3vox3mb">Der Anschlag</a>” oder im Original “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3JKvILI">11-22-63</a>”.  Ihr hört die Rezensionen und die anschließende Diskussion.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Herr Falschgold das Hörbuch, dass ihn sicher und geistig nahezu unbeschadet durch die Quarantäne gebracht hat: Sven Regeners “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3MbB1p5">Glitterschnitter</a>”.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/studio-b-klassiker-stephen-king-der</link><guid isPermaLink="false">substack:post:52279698</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 17 Apr 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/52279698/ddfa2f71d4fffb7878d5b08275e1a383.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>3649</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/52279698/af5463a9401d118349f27db52b24b1ab.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht]]></title><description><![CDATA[<p>Ein schmaler Band, 77 Seiten, die es einem einfach machen: Die Gefahr der Todsünde des Rezensenten, den Autoren mit dem Ich-Erzähler zu verwechseln, ist schlicht nicht gegeben. “Wer hat meinen Vater umgebracht” ist ein autobiographisch-polemisch-politischer Text.</p><p>Es wechseln literarische Beschreibungen von Kindheits- und Jugenderinnerungen mit soziologisch-philosophischen Einordnungen und Hinweisen. Diese sind das Gerüst des Autors für die Sinnwerdung der Vater-Sohn-Beziehung.</p><p>Sein erstes Werk, mit dem Édouard Louis bekannt und erfolgreich wurde, war “ Das Ende von Eddy”, in welchem er autofiktional seine Kindheit beschrieb: aus ärmlichen und von der Abwesenheit des Vaters geprägten Verhältnissen, die wieder und wieder gewaltvoll Normen an Geschlechterverhältnisse durchsetzen. Während dieses Werk als persönliche Abrechnung gelesen und verstanden wurde, errichtet Édouard Louis nun mit dem Abstand einiger Jahre, mit Reflektion, die Verzeihen ermöglicht, einen Interpretationsrahmen. Dieser erlaubt Zugeständnisse an die eigentlich unverzeihlichen Handlungen seines Vaters und gibt die Verantwortung für diese jemand anderem, der - hier zunächst unpersönlich - Politik.</p><p>Der Vater des Autors ist in eine arme Familie geboren und verliert durch seine Ausbeutung in unbarmherzigen Arbeitsverhältnissen nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seine Würde, kurz: sein Leben. Die Verhältnisse bringen ihn um. Und diese werden zunehmend schwerer, weil einst vorhandene Sicherungsnetze systematisch verbrannt werden: mit einer Arroganz, die nur besitzt, der nichts von Armut weiß, weil er sie nie erleben musste.</p><p>Während die fortdauernde Wiederholung des Kreislaufes aus Armut, schlechter Bildung, fehlenden Aufstiegschancen, Alkohol benannt wird, findet Édouard Louis an einer Stelle einen bemerkenswerten Bruch seines Vaters mit einer der als sich unabdingbar gerierenden, zwangsläufig scheinenden wieder und immer wieder reproduzierten Erscheinung: der Gewalt. Zitat:  “...du sagtest zu uns: Nie im Leben werde ich die Hand gegen eines meiner Kinder erheben. Gewalt produziert nicht nur Gewalt. Lange habe ich immer wieder gesagt, Gewalt bewirke Gewalt, aber da habe ich mich geirrt. Die Gewalt hat uns vor der Gewalt bewahrt.” Zitatende. Hier wird deutlich, dass es möglich ist, individuelle Entscheidungen zu treffen. In einem gegen sich gerichteten System dieses aufzubrechen, ist jedoch nahezu unmöglich.</p><p>In den letzten Jahren ist die Diskussion um Klassen, deren Vorhandensein nach dem Kalten Krieg geradezu negiert wurde, erneut aufgeflammt und wird seitdem verstärkt nicht nur in wissenschaftlichen Diskursen, sondern auch literarisch behandelt. Klassismus, also die strukturelle Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder Position, findet sich in Berichten der UN, aber eben auch als Thema der Literatur. Édouard Louis nimmt hier ausdrücklich Bezug auf Didier Eribon und Annie Ernaux, deren Werke ebenfalls stark autobiografisch geprägt sind und die ihre Herkunft behandeln und - auch hierzulande interessant - eine Erklärung finden, warum die Armen rechts wählen.</p><p>Gewisse Subjekte unseres Rezensentenkollektivs, namentlich Herr Falschgold, lesen vor und während ihrer Lektüre nicht die Rezensionen anderer und nehmen in Kauf, Verbindungen und Anspielungen zu verpassen.</p><p>Mir hingegen ist das, zumindest nach der Lektüre und vor der Rezension ein großer Spaß, aber wen will ich hier eigentlich verarschen, meistens regt es mich sehr auf. “Wer hat meinen Vater umgebracht” KEIN Satzzeichen am Ende des Titels. Und so wird der Titel häufiger als Frage verstanden, weil die SatzSTELLUNG des Titels es vorgibt, obwohl die 77 Seiten schnell gelesen sind und ab S. 68* die Verantwortlichen für die Misere seines Vaters, die Édouard Louis’ ausgemacht hat, Absatz für Absatz genannt werden: diejenigen, die mit politischer Macht den Armen und Prekären mitgeteilt haben, dass sie selbst Schuld an ihrem Schicksal sind und sich einfach nur mehr anstrengen müssen.</p><p>Die Frage, die mich während und nach der Lektüre umtrieb, ist die des Adressaten: Wer soll dieses Buch lesen? Wem wird es die Augen öffnen? Wird diese polemische Kampfschrift Einfluss haben, einen Platz finden, und wo?</p><p>Édouard Louis beschreibt das Projekt der Austerität. Eine bessere findet sich in Karl Heinz Roths & Zissis Papadimitriou “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/category/werke/die-katastrophe-verhindern-manifest-fuer-ein-egalitaeres-europa">Die Katastrophe verhindern - Manifest für ein egalitäres Europa</a>”, dass allerdings ungleich theoretischer an diese Fragen herantritt. Und so vermutete ich zunächst, dass Édouard Louis mit seinem schmalen Band “Wer hat meinen Vater umgebracht” diesen und sein Umfeld, seine Freunde, die Verarmten erreichen möchte. Sicher war ich mir nicht, denn schon im 2. Absatz von Kapitel 1 werden Homophobie, Transphobie erwähnt, vielleicht also doch eher an die linken Intellektuellen gerichtet, sie aufrütteln, allein, das schien nicht richtig.</p><p>Peinlich spät kommt mir der Gedanke, dass “Wer hat meinen Vater umgebracht” nicht nur ein Theatertext sein könnte, wie er im kursiv gestellten Vortext mitteilt. Zitat: “Wenn dies ein Theatertext wäre,” Zitatende. Es ist ein Stück, fürs Theater geschrieben. Vorangestellt ist eine genaue Beschreibung des Bühnenaufbaus, es beginnt ein Monolog, dem Vater wird explizit keine Stimme gegeben. Der aus der Armut entkommene gebildete Sohn spricht das gebildete Theaterpublikum an, dass von Armut nur gelesen hat. <strong>Sie </strong>versucht Édouard Louis zu überzeugen. Soziologen, Philosophen, Schriftsteller werden zitiert. Hier finden sich dann die Gebildeten wieder, können wissend nicken, “Ja, kenne ich, war im Feuilleton”, “Aha, ja”, vielleicht sind sie auch kurz überrascht, obwohl, etwas überraschend Neues findet sich nicht.</p><p>Am Ende des schmalen Bandes kommt der Vater zu Wort und bestärkt den Sohn in seinen Überzeugungen. Eine kaputte Kindheit zerstört nicht diese Beziehung, die Verhältnisse sind es. </p><p>Nun kann das Theaterpublikum nach Hause gehen, und beim nächsten Mal trotzdem die Immergleichen wählen, warum auch nicht, oder anders, wen denn sonst?</p><p>Die vielen Zitate diverser Soziologen, Philosophen, Schriftsteller hatte ich bereits erwähnt. Einiges davon ist fragwürdig oder gleich kompletter Quatsch. Zitat: “Bei deinem Anblick wurde mir klar, dass Langeweile das Schlimmste ist, was einem passieren kann.” Zitatende. Édouard Louis’ Begründung dafür ist so hanebüchen, dass ich mich frage, ob der Übersetzer da beim Verlag rückgefragt hat, ob er das wirklich hinschreiben soll. </p><p>Hier kommts: Langeweile ist das Schlimmste, weil, die gab es auch in den Konzentrationslagern. No Joke! Da werden Imre Kertész und Charlotte Delbo zitiert, die davon berichtet haben, dass es auch dort LANGEWEILE gab, und dann wird vom Autoren direkt übersehen, der es selbst hingeschrieben hat: Zitat: “ Hunger, Durst, Tod, Öfen, Gaskammern, Massenerschießungen und Hunde, die stets bereit waren, einem die Gliedmaßen zu zerfleischen…” Die Aufzählung geht noch weiter, aber klar, die Langeweile war das Schlimmste. Alter.</p><p>Am Ende wie immer die Frage, ob die Lektüre empfohlen wird. Ihr erlebt mich etwas ratlos. </p><p>Pro: Hinterher weiß man, warum Macrons Chancen bei der derzeitigen Wahl ziemlich mies sind, sollten die Wähler*innen angesichts von Trumps Erfolgen, Putins Einmischungen und dem Schrecken des Brexit nicht motiviert genug, statt faschistischer Scheiße nur Scheiße zu wählen. Dazu kommt, dass es ein schmaler Band ist.</p><p>Contra: Annie Ernaux und Didier Eribon würde ich uneingeschränkt empfehlen. </p><p>Fazit: Also, ich weiß es wirklich nicht.</p><p>Es verabschiedet sich Irmgard Lumpini, den Link zum Buch findet Ihr auf unserer Website lobundverriss.substack.com. Nächste Woche wird es aufgrund des Feiertagsmarathons eine alte Diskussion geben, bevor die Bücher der letzten Wochen gemeinsam besprochen werden. Frohe Ostern!</p><p>* Die Seitenzahl für diejenigen, die sich nur für die Auflösung interessieren..</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/edouard-louis-wer-hat-meinen-vater</link><guid isPermaLink="false">substack:post:52023009</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Mon, 11 Apr 2022 17:00:46 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/52023009/2afe20dd24f39a18ebc3a0444570af96.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>527</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/52023009/c0c21c38e5cfb92cd8466d8d1c39acf2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Deborah Levy : Was das Leben kostet]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>„Wir bekommen von früher Jugend an zu hören, dass es wichtig sei, sich ausdrücken zu können, aber es wird nicht weniger Energie in das Unterbinden von Äußerungen investiert als in die Suche nach sprachlichem Ausdruck.“ (Pos. 1385) </p><p>So schreibt es die 1959 in Südafrika geborene und in Großbritannien lebende Autorin Deborah Levy in ihrem 2019 in deutscher Ausgabe im Hoffmann und Campe Verlag veröffentlichten Roman <em>Was das Leben kostet</em> und um nichts weniger als ihr eigenes Leben geht es in eben diesem Werk. Es stellt zugleich den zweiten Teil einer „Living Autobiography“ Reihe dar, welche nicht rückwärts gewandt von ihrem Leben erzählen möchte, sondern in der Gegenwart. Insgesamt ist so eine Trilogie entstanden, deren erster Teil den Titel <em>Was ich nicht wissen will </em>trägt<em> </em>und mit <em>Ein eigenes Haus </em>ihren Abschluss findet.</p><p>In <em>Was das Leben kostet </em>folgt der Lesende aber keiner zwingend stringenten und lückenlosen Handlung, sondern wird langsam auf die biografische und literarische Verarbeitung vor allem zweier großer Themen hingeführt, die letztlich die Frage nach einem dritten und den Roman umspannenden Aspekt bereiten. Erstes zentrales Thema der 50 jährigen Protagonistin ist zunächst das Scheitern und die Trennung einer langjährigen Ehe, die sie mit einem Schiffbruch gleichsetzt. Es ist dieses Schwimmen und der feste Grund auf dem sie stehen kann, der ihr verloren gegangen ist und zu neuem Denken und dem Wunsch führen, ein Leben, das außerhalb gängiger Konventionen liegt, zu gestalten. Eine Vorstellung die, wie sich herausstellt, nicht ohne das Aufbrechen noch immer gängiger Geschlechterrollen und Klischees von Mutterschaft und Häuslichkeit möglich ist. Denn während ein vormals liebevoll eingerichtetes Heim langsam ausgeräumt und wieder in seine Einzelteile zerlegt wird, zeigt sich:</p><p> „Wenn vom Märchen des schönen Heims, in dem Glück und Behagen von Mann und Kind immer vorgehen, die Tapeten abgerissen werden, kommt dahinter eine unbedankte, ungeliebte, vernachlässigte, erschöpfte Frau zum Vorschein.“ (Pos. 122)</p><p>Eine Beschreibung die noch weit über die Kritik an der patriarchalischen Vater-Mutter-Kind-Vorstellung hinausreicht, in der die Frau diejenige ist, die sich um den Nachwuchs und das Heim kümmert. Denken wir nur daran, wie uns dieser Tage wieder allzu oft gewahr wird, wie viel unbezahlte Arbeit Frauen vor allem im sozialen und privaten Umfeld leisten, wenn es beispielsweise um die Betreuung Angehöriger geht und es geradezu vorausgesetzt wird, dass der Mann weiter seinen Beruf ausübt, während die Frau ihren Anspruch auf beruflichen Erfolg gegen die Rolle der Kümmerin eintauschen muss. Und dennoch werden viele Kinder ihrerseits das alte Ideal – so möchte ich es einmal nennen – nach Meinung der Autorin eines Tages wieder anstreben.</p><p>Für unsere Protagonistin ergibt sich mit ihrem Umzug – nach Nordlondon in den sechsten Stock eines abgerockten Wohnblocks – noch ein weiteres Problem. Zwar hat sie für sich und ihre Töchter wieder ein Dach über dem Kopf, aber ein Platz für sie zum Arbeiten, genauer gesagt zum Schreiben, fehlt ihr. Eine Thematik die mich fast unweigerlich an Virginia Woolfs <em>Ein Zimmer für sich allein </em>erinnert hat, in dem sie bereits fast 90 Jahre vorher die Wichtigkeit und die Notwendigkeit eines privaten Raumes beschreibt, den auch Frauen benötigen, um kreativ und schöpferisch tätig sein zu können. Umso absurder erscheint in diesem Zusammenhang, dass Frauen, die ja oftmals die so genannten “häuslichen Pflichten” übernehmen, in diesem Kontext einen solchen Raum meist nicht für sich in Anspruch nehmen können. Aber wir haben Glück, unsere Protagonistin findet in Form eines kleinen Gartenhäuschens eine Möglichkeit ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können und wir spüren, wie unter die bodenlosen Füße allmählich wieder etwas Halt gerät.</p><p>Ein zweites zentrales Thema des Romans ist der Tod der Mutter. Sie erkrankt nur ein Jahr nach dem Umzug der Protagonistin nach Nordlondon an Krebs. Es ist aber nicht nur die Geschichte eines Abschieds, sondern auch die Reflektion über ihre Mutter und Mutterschaft an sich. Wünschen wir uns Mütter die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, um sie am Ende zu verspotten, dass sie keine Träume haben, während die Väter hinaus in die Welt ziehen und den Helden spielen dürfen? Deborah Levy beschreibt sowohl eigene Erfahrungen als auch allgemeine Gedanken, die geprägt sind von widersprüchlichen und doch zusammengehörenden Gefühlen wie der Wunsch nach Abgrenzung und der gleichzeitigen Sehnsucht nach der eigenen Mutter. Aber auch das Erkennen und Anerkennen dessen, was die Mutter in ihrem Leben geleistet hat, die nachträgliche Bewunderung dafür und vielleicht auch die Trauer darüber, es erst so spät erkannt zu haben. Und letztlich schreibt Deborah Levy vom Abschied. Den letzten Tagen mit der Mutter und der Zeit danach, die sich für die Protagonistin anfühlt, als hätte sie mit der Mutter gleichzeitig ihr inneres Navigationssystem, ihre Orientierung verloren und dem damit einhergehenden Wunsch, mehr aus ihrem Leben machen zu wollen als bisher.</p><p>Durch diesen beiden zentralen Themen entwickelt Deborah Levy ein drittes und den Roman umspannendes Thema in dem es um die Rolle der Frau im Allgemeinen geht. Wie es möglich ist in unserer Gesellschaft ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen oder den Weg konventioneller und erwarteter Pfade zu verlassen. Nicht ohne Grund finden sich daher immer wieder Verweise auf andere Autorinnen wie Simone de Beauvoir oder Marguerite Duras, mit denen sie sich eingehend befasst zu haben scheint und die ihr helfen, ihren eigenen Platz zu finden. Es wird deutlich, dass der Preis für Unabhängigkeit auch Unannehmlichkeiten bedeutet und es nötig ist, den Mut dafür aufzubringen, diese in Kauf zu nehmen. Levy schreibt aber nicht nur todernst, sondern kombiniert die nachdenkenswerten Komponenten auch mit witzigen Episoden und scharfsinnigen Beobachtungen.</p><p>Daraus entsteht, wie eingangs erwähnt, kein durchkomponierter Roman der einer strengen Form folgt oder zeitliche Abfolgen exakt einhält, sondern eher eine Mischung aus Reflektion und Wiedergabe der eigenen Biografie in der sie nach Antworten auf Fragen sucht, die sie tief bewegen. Ebenso greift sie auf bereits Vorhandenes zurück, analysiert es, bekräftigt es für sich selbst oder stellt es in Frage. Und trotz aller Zweifel die mit diesen Gedanken einher gehen, wird doch deutlich, dass Deborah Levy oder ihre Protagonistin stellvertretend für sie, den Willen hat, sich ein Leben, wie sie es sich wünscht, nämlich selbstbestimmt und nicht in vorgefertigten Rollenbildern, zu erarbeiten, ohne sich durch andere Zweifel einreden zu lassen. Sie selbst schreibt in ihrem Buch: „Freiheit ist nie umsonst. Wer je um Freiheit gerungen hat, weiß was sie kostet.“ (Pos. 174)</p><p>Ein wunderbares Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann und das auf gerade einmal etwas mehr als 100 Seiten sehr viel Nachdenkenswertes in sich birgt.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Irmgard Lumpini "Wer hat meinen Vater umgebracht" von Édouard Louis.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/deborah-levy-was-das-leben-kostet</link><guid isPermaLink="false">substack:post:51452230</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Apr 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/51452230/85279912db32ab1668d0efa37d52a9d8.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>458</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/51452230/261bec9ba43d4f241ad19a49f54c8b32.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Giwi Margwelaschwili: Kapitän Wakusch]]></title><description><![CDATA[<p>Als ich im Jahr ‘91 im westfernsehfreien Dresden meine erste eigene Wohnung bezog, war verständlich die erste Installation die einer TV-Satelliten-Schüssel vorm Fenster. Diese empfing in den dreistelligen Kanälen oberhalb von Homeshopping und videover- und, perverserweise, audioentschlüsselten Softpornosendern den frei empfangbaren Ableger von Sky, BSkyB des bondbösewichten Rupert Murdoch. Dem war der ideologisch subversive Charakter des utopisch-kommunistischen Star-Trek-"The Next Generation"-Programms mit Captain Jean-Luc Picard durch die Zensur gerutscht, weshalb ich mir jeden Nachmittag auf diesem Sender eine Folge des Meisterwerks im Original <em>ohne</em> Untertitel geben konnte. Mein englisch war dank sozialistischer Sprachpädagogik knapp unterhalb von passabel, welches den Genuss der Space-Opera zu einem linguistisch interessanten Experiment machte: Die erzählten Stories begaben sich in einem  abgesteckten und überschaubaren Setting und das Vokabular war entsprechend limitiert. In diesem gab es jedoch unzählige Technologismen deren Bedeutung man nur durch Deduktion über ein paar Szenen hinweg entschlüsseln konnte. Deuteriumkammern, Holodecks und Warpkerne waren faszinierende Begriffe, die in bekannten Satzstrukturen, Subjekt, Prädikat, Objekt, eingebunden waren, deren Bedeutung man ahnte, aber eine ganze Weile nicht komplett durchstieg. Das erforderte Konzentration, aber da die Stories faszinierend waren, war mir das die Anstrengung und das kleine Vertigo wert, wenn immer man die Serie einschaltete und sich im Sprachdurcheinander zurechtfinden musste.</p><p>Giwi Margwelaschwili, ein Deutscher Schriftsteller mit georgischen Wurzeln, it's complicated, macht ebenfalls einen Kapitän zum Haupthelden. Im ersten von sieben Bänden seiner Autobiographie (von denen jedoch erst zwei erschienen sind) heißt sein Picard “Wakusch” und er ist es sujetbedingt selbst. Nach den ersten paar Seiten im Buch und dem zweiten oder dritten WTF? bemerkte ich die kleine Anstrengung und das seltsames Vertigo aus den Neunzigern wieder, war aber schon so tief in der Story eines, wie ich durchaus mühevoll entzifferte, Kindes, geboren 1927 in Berlin und wie es sich im Aufstieg und Fall Nazideutschlands ebendort lebte. Was war passiert?</p><p>Nun: “Kapitän Wakusch” ist eines der wenigen Bücher, die zu besprechen ohne dem Rezipienten wenigstens eine kleine Leseprobe an die Hand zu geben, wenig Sinn macht. </p><p>Der erste Satz im Buch lautet:</p><p>"Goglimogli ist mit Zucker angerührtes Eigelb, das die kleinen Wichte zu essen bekommen, damit sie groß und stark werden."</p><p>Noch ist nichts Beunruhigendes passiert, auf dem halben Weg zum Pudding stehen geblieben, ist "Goglimogli" halt etwas, was man in Georgien isst, denkt man. Georgien vermutet man als Herkunft des Autors auch ohne Wikipedia zu konsultieren, überlange Namen mit vielen Ws, Schs und immer noch eine Silbe oder zwei mit I hinten dran. "Wicht" ist ein reizendes Wort für kleine Kinder, wir sind gespannt.</p><p>"Und es ist der Anfang aller wichtigen Geschichten, die ein Häuschen und eine Wartburg zum Gegenstand haben", geht es weiter.</p><p>Man stutzt. Wartburg. Eisenach? Wikipedia hilft nicht wirklich, ein Strg-F in Giwi Margwelaschwilis Eintrag um nach "Eisenach" und "Wartburg" zu suchen, bleibt ergebnislos. </p><p>Es folgt: </p><p>"In den Goglimogli 27 ist - was jeden Altertumsforscher entzücken muß - aber auch der Goglimogli des ersten Jahrhunderts eingeträufelt."</p><p>Das seltsame Vertigo beim Lesen stellt sich ein und man ahnt, dass das hier ein Werk ist, das mit ein paar Regeln bricht und so tun wir das auch mit einer eisernen falschgoldschen: "Lese nie über ein Kunstwerk vor dessen Konsumtion". Oder so ähnlich. Ich verabscheue Klappentexte, die Teaser von Netflix werden ignoriert, wenn jemand über ein Werk referiert, dass ich plane zu lesen, hören oder sehen, sing ich laut und schief "Lalala!". Bei “Kapitän Wakusch” jedoch guck ich kurz in Herausgeber Jörg Sundermeiers Einleitung und da mir erklärt wird, dass es um eine Autobiographie von Giwi Margwelaschwili geht, in ein paar Byte der Wikipedia. </p><p>Und so wird der Grund für das Erfinden oder das immer recht clevere Umwidmen von Begriffen schnell klar. Während der erste Band von "Kapitän Wakusch" mit dem Untertitel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3uA2mK6">Deuxiland</a>" die Jahre von Margwelaschwilis Geburt bis zum Jahr 1947 beschreibt, geht es im zweiten Band, ominös "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3wKLRxF">Sachsenhäuschen</a>" untertitelt, um seine Inhaftierung und anschließende Verbannung durch den sowjetischen Geheimdienst nach Georgien. Mit zwanzig Jahren findet sich Margwelaschwili also in einem Landesteil, dessen Sprache er kaum versteht, welches zu einem Staatenbund gehört, dessen Sprache er kaum spricht und deren Zensoren der Autor, aufgewachsen in Deutschland während des großen Vaterländischen Krieges, höchst suspekt ist. In Tbilisi sitzt ein angehender deutscher Schriftsteller ohne sich in dieser Sprache austauschen zu können unter permanenter Beobachtung. Da wird man schon ein wenig wunderlich und so lässt er seinem literarischen Schnellkochtopf nur sehr kontrolliert den Dampf ab und bemüht sich die Story zu erzählen, die da raus muss, ohne dass die Zensoren sie ihm wegnehmen. Denn Kopierer waren im Ostblock Verschlusssache - und dazu gehörte Blaupapier. Geschriebenes, welches die Zensur nicht besteht, ist für immer verloren. </p><p>Das Resultat ist ein Kunstwerk an der Scheide von wunderbar und hässlich, es entscheidet die Tagesform. Nicht die des Schreibenden, das Werk ist, zumal ob der absurden Länge von allein 400 Seiten für die ersten zwanzig Lebensjahre, beeindruckend konsistent. Nein, es hängt enorm von meiner Bereitschaft ab, die Sprache "gut" zu finden, was für jedes gewöhnliche Stück Belletristik, einen Whodunnit, eine Space Opera oder "Harry Potter" ein klarer Daumen nach unten sein muss - aber "Kapitän Wakusch" ist etwas Anderes, ein Stück zwischen kreativ-poetischer Belletristik und Wittgensteinscher Sprachzerlegung zum Zwecke, die halbgebildeten Idioten von der sowjetischen Zensur mit ihrem nемецко-русский словарь in den Wahnsinn zu treiben. Man sieht sie vor sich, wie sie Goglimogli im Wörterbuch nicht finden und zu wenig deutsch sprechen um "zu fühlen", dass Goglimogli für Ideologien und deren Konsequenzen stehen, für das Bewusstsein des Selbst und alles was man im Kopf ist. Und dabei gibt Margwelaschwili doch eine Menge Hinweise. Er nummeriert sie doch so reizend. Goglimogli 17. Goglimogli 27. Goglimogli 37. Ja, man muss unterscheiden zwischen dem, der 27 an die Macht gekommen ist und dem der 27 geboren ist, Herr Zensor, das muss man im Gefühl haben.</p><p>Dann googlen die Dixieland und ahnen, dass damit nicht nur die Musik gemeint sein kann, denn es gibt rechtes und linkes Dixieland. Merken sie, dass das linke Dixieland sich nicht geografisch verortet sondern ideologisch? Dass man im rechten Dixieland den Charleston tanzt, aber nicht den Boston? Und führen Dixiebahnen dorthin während man in seiner Burg wartet?</p><p>Das alles kann eine Tortur sein zu lesen und es kann ein genialer Mindfuck sein. Es ist an den besten aller Tage ein permanentes Bilderrätsel, welches einen durch ein Berlin der Dreißiger führt, welches, hinter dem Schleier der Wortbildungen seltsam konkret erscheint. Wie der Kunsttext eine erhöhte Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Phantasie bedingt, gibt er der Lesenden Schwung sich ein kleines Kopfkino zu befüllen, zusammengesetzt aus den Bildern der eigenen Jugend in der Hauptstadt, ein paar Film- und Fernsehfunkschnipseln und abstrakten Vorstellungen über die Dreißiger Jahre ist man, Tagesform vorausgesetzt, enorm drin in einem Berlin in dem sich die Normalität einer Kindheit inmitten von Veränderungen abspielt, die wir alle faktisch kennen, uns aber nur schwer ausmalen können. </p><p>An schlechten Tagen jedoch, an denen ich erschöpft in den Ohrensessel sinke und nur noch “Inspector Barnaby” schauen möchte, darf ich "Kapitän Wakusch" nicht in die Hand nehmen. Mich ekelt es vor Goglimogli, "Was für ein blödes Wort!" poltert der innere Monolog, "Schreib richtiges Deutsch!" befiehlt der ewige Nazi im Deutschen Literaturkritiker. Deshalb bin ich erst auf Seite Hundert von Vierhundert im ersten Band und fühle mich ulyssisch, fürchte, die hoffentlich alle noch im <a target="_blank" href="https://www.verbrecherverlag.de/">Verbrecher Verlag</a> erscheinenden Bände, in diesem Tempo im Leben nicht mehr zu schaffen. Was egozentrischer Scheiß ist, denn Margwelaschwili hat nicht für mich geschrieben, sondern für sich und ist also niemandem etwas schuldig. Solcherlei Literatur kann gut gelingen und schlecht, leichte Literatur ist es fast nie. Für mich ist es große Kunst, die ihren Platz findet zwischen der vielen kleinen, einfach lesbaren und sie dabei weit und breit überragt.</p><p>In der nächsten Episode bespricht Anne Findeisen “Was das Leben kostet”, ein Buch von Deborah Levy.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/giwi-margwelaschwili-kapitan-wakusch</link><guid isPermaLink="false">substack:post:51019798</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 27 Mar 2022 03:00:00 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/51019798/82917c33e5a153c490bdaa1224a4fa2d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>504</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/51019798/eacf0acc6d2284d2541797da58d48244.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Varoufakis, Ditlevsen, Grün/Leitner]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Herr Falschgold postuliert das <em>richtige</em> Metaphernratio, Anne Findeisen widerspricht und verhindert ein paar Minuten später ganz ausversehen, dass wir erfahren, wie künftige Generationen glücklich leben könnten.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-varoufakis-ditlevsen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:50436147</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 20 Mar 2022 04:00:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/50436147/b862eaf96efc6665e207b26d4ae5b68d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2454</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/50436147/a5cf4fb5f6980989a804c36f364b5c08.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Maria Leitner: Mädchen mit drei Namen & Lili Grün: Mädchenhimmel!]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Liebe Leserinnen & Leser,</p><p>Dem <a target="_blank" href="https://www.aviva-verlag.de/programm/">Aviva Verlag</a> ist die Möglichkeit der Lektüre der heute vorgestellten Bücher zu verdanken, der einen Teil seiner Veröffentlichungen der erneuten Publikation nicht mehr verfügbarer oder vergessener Werke widmet und dabei Autorinnen (vor allem aus den 1920er Jahren) besondere Beachtung schenkt. Die Bücher des Verlages könnt ihr direkt auf der Verlagsseite bestellen.</p><p>Ich empfehle, und zwar ausdrücklich: Maria Leitner "Mädchen mit drei Namen", im Untertitel "Reportagen aus Deutschland und ein Berliner Roman, 1928-1933".</p><p>Ein weiteres Werk, zu welchem ich weit weniger Zugang fand, ist Lili Grüns “Mädchenhimmel!”</p><p>Beide Autorinnen weisen Parallelen auf, tödliche: Beide starben 1942. Maria Leitner, entschiedene und lautstarke Nazigegnerin, starb entkräftet nach ihrer Flucht aus einem südfranzösischen KZ in einem Krankenhaus in Marseille, sie hatte kein rettendes Visum in die USA erhalten können.</p><p>Lili Grün, verarmt und lungenkrank, konnte sich nicht ins Ausland retten, wurde 1942 aus Wien deportiert und noch am Tage ihrer Ankunft im weißrussischen Maly Trostinec ermordet.</p><p>Beide veröffentlichten in in den 1920er und 1930er Jahren in etablierten Zeitschriften wie im Tempo, dem Berliner Tageblatt und dem Prager Tageblatt.</p><p>Lili Grün wollte Schauspielerin werden. Ende der 1920er ging sie nach Berlin und gehörte dort zur Kabarettszene um Ernst Busch und Hanns Eisler. Sie konnte eigene Gedichte und Couplets vortragen. 1933 erschien ihr erster Roman “Herz über Bord”, der 2013 mit dem neuen Namen “Alles ist Jazz” wieder veröffentlicht wurde. Er wurde damals sehr gelobt, ihr Stil als “neusachlich” bezeichnet, eine Kritik sah ihn als „beachtenswerten Beitrag zur Zeitgeschichte der jungen Generation“. Mich hatte die Bewerbung des Buches “Mädchenhimmel!” angesprochen, dessen Themenpalette so definiert wurde: “junge, moderne, selbstbewusste Frauen - hin- und hergerissen zwischen Autonomie, Selbstbehauptung und dem ‘Mann mit starken Armen’. Nun ja, wie zu Beginn schon erwähnt, ich fand keinen Zugang zu den Lyrik- und Prosatexten Lili Grüns. Die Gefühlsgeschichte der damaligen jungen Generation ist - zumindest für mich - in den Beschreibungen uninteressant. Ich fühle mich ignorant, die Beschreibungen ihres Sehnens langweilen mich. Liebe und Sehnsucht sind groß, das Unverständnis auch, und nach dem 20. Gedicht möchte ich nicht mehr, die “gefühlvollen Beschreibungen” erschienen mir fad.</p><p>Nun gut, der Zeitgeist vieler Zeiten ist nicht erstrebenswert. Immerhin beschwören die Stücke nicht den “Glanz der goldenen Zwanziger”, der sich - trotz 47,38 Millionen anderer Erzählungen, Deutungen, Beschreibungen immer noch hartnäckig hält und als Vorlage für schlechte Kostümpartys herhalten muss. Vielleicht ist es aber auch mein hartes altes Herz, dass den Schmerz der Zwanzigjährigen nicht vergessen hat, aber weiß, dass er später weit entfernt sein wird. Ein Sentiment, das Lili Grün in ihrem Gedicht “Langweiliger Tag” schön zusammenfasst:</p><p>“Ich habe heut ein furchtbar schweres Herz.</p><p>Man kann nichts tun, als aus dem Fenster sehn.</p><p>Mit tausend Zigaretten übertön’ ich meinen Schmerz,</p><p>Und abends muß ich in ein Kino gehn.</p><p>Ich weiß, daß man so nicht zugrund’ gehen kann,</p><p>In ein paar Tagen ist es schon vorbei,</p><p>In einer Woche denk’ ich nicht mehr dran,</p><p>In einem Jahr ist es ganz einerlei.</p><p>Ja, käm’ uns wenigstens die Wissenschaft abhanden,</p><p>Und könnt’ man glauben, daß man daran sterben muß.</p><p>Mit fünfundzwanzig ist dies alles öd und abgestanden,</p><p>Mit sechzehn ist solch Schmerz noch ein Genuß.”</p><p>Maria Leitner wurde 1892 in einer kroatischen Kleinstadt geboren, wuchs in Wien auf, studierte dort und in Berlin Kunstgeschichte und arbeitete als Journalistin. Während des 1. Weltkriegs berichtete sie unter anderem aus Stockholm und schloss sich mit ihren beiden Brüdern der Kommunistischen Partei Ungarns an. Nach dem Fall der Räterepublik musste sie Ungarn für immer verlassen. Von 1925 an bereiste sie im Auftrag des Ullstein Verlages für 3 Jahre den amerikanischen Kontinent und nahm mehr als 80 Stellen an, um aus eigener Erfahrung über das Leben der Leute auf der Kehrseite des <em>American Dream</em> in sozialkritischen Reportagen berichten zu können. Ihr 1930 veröffentlichter erster Roman “Hotel Amerika” war ein großer Erfolg und wurde auch ins Spanische und Polnische übertragen. Ihre Reportagen, die aus der Zeit in Amerika stammen, fasste sie im Buch “Eine Frau reist um die Welt” zusammen, die im August letzten Jahres neu veröffentlicht wurden.</p><p>Im hier vorgestellten Band “Mädchen mit 3 Namen” sind Reportagen gesammelt, die sie zwischen 1928 und 1933 in deutschen Zeitschriften veröffentlichte. Mit sachlichen Beschreibungen zeichnet Maria Leitner das Leben in Berlin und lässt dabei die Menschen selbst zu Wort kommen. Ihr Verdienst ist es, uns eine Zeit näherzubringen, die sonst verklärt, romantisiert oder pathologisiert wird. Titel ihrer Reportagen lauten “Die Geschäftsführerin eines Schönheitssalons erzählt”, “Das Warenhausfräulein erzählt”, “Eine Kellnerin erzählt”, aber auch “Bankbeamter vor dem Abbau” oder “Hausdiener gesucht”. So entsteht ein vielschichtiges komplexes Bild einer Zeit, die sonst in ihrer Bearbeitung zwischen der elenden Not der Weltwirtschaftskrise und rauschhaften Parties und sich neu entwickelnder Kunst oszilliert, bevor die Nazis 1933 an die Macht kommen. Neben den kurzen Portraits, die überwiegend in der Berliner Abendzeitung Tempo erschienen, ist mit der Serie “Frauen im Sturm der Zeit - Zwischen Arbeitsstätte, Stempelstelle und Familienheim” eine Serie von Reportagen im Band enthalten, die unterschiedliche Frauen und ihre harten Leben portraitieren. Dabei sind Maria Leitners detaillierte Schilderungen sehr privat. Sie verweisen auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge, indem sie die Kämpfe der Einzelnen zeigen, die anrühren, und dabei wütend machen. Oh so wütend. Und sie ermöglicht Vergleiche mit unserem Leben, unseren Herausforderungen.</p><p>Harter Tobak ist die im April in der Volkszeitung für das Vogtland 1931 erschienen Serie über den §218, der seit 1871 den Schwangerschaftsabbruch kriminalisiert. Maria Leitners Überschrift heißt “Wo gibt es Hilfe? Opfer und Schmarotzer um den § 218”.</p><p>Sie zeigt die Nutznießer des Paragraphen, der Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht nimmt und zu verzweifelten Maßnahmen greifen lässt, das arme Frauen bestraft, zerstört und kriminalisiert.</p><p>Einen Ausweg zeigt Maria Leitners “Berliner Roman” “Mädchen mit 3 Namen”, dessen Intention in der Zeitung Die Welt am Sonntag so angekündigt wurde: Zitat: “...schildert in diesem Roman … die Erlebnisse eines jungen Mädchens,...das zuletzt den Weg findet, der allein eine Rettung aus allem Wirrwarr verheißt.” Lest also dieses Buch, danach wissen wir alle mehr.</p><p>Nächste Woche diskutieren Anne Findeisen, Herr Falschgold und meine Wenigkeit die Bücher der letzten Wochen. Wer vorlesen möchte findet diese auf lobundverriss.substack.com</p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/maria-leitner-madchen-mit-drei-namen-e19</link><guid isPermaLink="false">substack:post:50256083</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 13 Mar 2022 16:52:54 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/50256083/4d84b3ca91704eccf02545fe56a57c2d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>490</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/50256083/7ea7b134854cf8acf09f2fb9636417d1.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Tove Ditlevsen: Gesichter]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Anfang des letzten Jahres wurde Tove Ditlevsens wiederentdeckte <em>Kopenhagen-Trilogie</em>, in der sie autofiktional ihre Kindheit und Jugend im Kopenhagen der 1920er Jahre beschreibt, und die in Dänemark bereits 1967 erstmals erschien, auch endlich auf deutsch veröffentlicht und nicht nur von mir bewundernd aufgenommen und besprochen. Die in Kopenhagen geborene Autorin, die bereits von 1917 bis 1976 lebte und lange nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit gepasst haben soll, erlebt seit der Neuauflage ihrer Romane einen posthumen Erfolg für ihre Werke, der ihr auch schon zu Lebzeiten zugestanden hätte und durch den sie nun als Vordenkerin vieler anderer, großer Autorinnen und Autoren gefeiert wird.</p><p>Ein Jahr nach der Veröffentlichung der ersten beiden Bände ihrer <em>Kopenhagen-Trilogie </em>erschien im Jahr 1968 der Roman <em>Gesichter </em>im dänischen Original, welcher erst kürzlich nun endlich auch in deutscher Ausgabe durch den Aufbau Verlag veröffentlicht wurde. Der Roman mutet zunächst jedoch weniger biographisch an als die vorangegangenen, wenngleich Parallelen zum Leben der Autorin immer wieder wie Fährten gelegt werden, die man beim Lesen verfolgt und die damit auch eine wichtige Rolle zum Verständnis des Werks und seiner Autorin beitragen.</p><p>Schauplatz des Romans ist über weite Teile eine Klinik, in die die Protagonistin Lise Mundus zu Beginn des fünften von insgesamt 16 Kapiteln gebracht wird, nachdem sie eine größere Menge Schlaftabletten zu sich genommen und dann ihren Arzt angerufen und darüber informiert hat, dass sie nicht sterben möchte. Vorher jedoch lebt Lise zusammen mit ihrem Mann Gert sowie ihren Kindern Hanne, Mogens und Søren ein komfortables Leben, welches vor allem Lises schriftstellerischem Erfolg als Kinderbuchautorin zu verdanken ist, der wenige Jahre zuvor durch den Kinderbuchpreis der dänischen Akademie einen Höhepunkt erreicht hat. Eine Folge dieser Berühmtheit ist auch die Hausangestellte Gitte, die sich nicht nur um die Kinder und den Haushalt kümmert, so dass Lise in Ruhe schreiben kann, sondern auch um Lises Mann, der ohnehin ein notorischer Fremdgänger zu sein scheint, sich von Lises Erfolg zurückgesetzt fühlt und daher gern mit seinen Eroberungen prahlt.</p><p>Diese Ehekrise wird von einem fast noch größeren Problem überschattet, nämlich der Tatsache, dass Lise seit ihrem Erfolg vor zwei Jahren eine Schreibhemmung entwickelt hat. Dies ist für sie persönlich umso tragischer, da sie das Schreiben und die Möglichkeit sich dadurch auszudrücken, als ihr einziges Talent empfindet. Überhaupt kann sie ihren Erfolg aber nur schwer nachvollziehen:</p><p>„[...]nachdem sie vor zwei Jahren den Kinderbuchpreis der dänischen Akademie für ein Buch erhalten hatte, das sie selbst nicht für besser oder schlechter hielt als ihre übrigen. Bis auf einen weitgehend unbeachteten Gedichtband hatte sie nie etwas anderes geschrieben als Kinderbücher. Auf den Damenseiten der Zeitungen waren sie anständig besprochen worden, hatten sich auch anständig verkauft und waren auf beruhigende Weise von jener Welt übersehen worden, die sich mit der Erwachsenenliteratur beschäftigte. Ihre Berühmtheit hatte brutal jenen Schleier weggerissen, der sie immer von der Wirklichkeit getrennt hatte.“ (S.9)</p><p>Eine Passage die nicht nur auf die mangelnde Anerkennung anspielt, die Tove Ditlevsen selbst erleben musste, sondern auch auf eine elitäre Kritik generell, in der Literatur auf so genannten <em>Damenseiten </em>besprochen wurde, da sie einem höheren, literarischen Anspruch nicht zu genügen schien. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Jury der dänischen Akademie hauptsächlich von männlichen, sogenannten Modernisten besetzt wurde.</p><p>Sich in dieser beklemmenden Situation befindent, entgleitet Lise Mundus allmählich ihr Alltag und mit ihm ihre Wahrnehmung. Während sie nachts Schlaftabletten braucht, um einschlafen zu können, hört sie tagsüber Stimmen in den Wasserrohren, die aus den anliegenden Wohnungen zu kommen scheinen. Auch als Lesende ist man zunächst noch unsicher, was ihrer Einbildung entspringt und was tatsächlich passiert. Tove Ditlevsen schafft es durch ihre Erzählerin an deren Innenleben teilzuhaben und gleichzeitig Außenstehender zu bleiben, wodurch Wahrheit und Fiktion nur noch schwer voneinander zu trennen sind.</p><p>Erst als Lise aufgrund ihres vermeintlichen Selbstmordversuchs in die Klinik eingewiesen wird, wird deutlich, wie schwerwiegend ihre Psychose ist. In Pflegerinnen und Pflegern meint sie sowohl ihren Mann Gert als auch ihre Haushälterin Gitte zu erkennen und als sie in einer Art Badezimmer isoliert wird, weil sie die anderen Patientinnen zu sehr in Unruhe versetzt, hört sie in den Rohren und hinter Gittern nicht nur die Stimmen selbiger, sondern beispielsweise auch die ihrer Kinder. So namensgebend die Gesichter für den Roman sind, so wichtig sind sie auch in seiner Bedeutung für die Protagonistin. Sie erschienen mir die ganze Zeit auch eine Metapher zu sein, die beispielsweise für Selbstschutz und Angst gleichermaßen stehen kann. Indem sie den Pflegerinnen, also den Personen die um sie und ihre Gesundheit bemüht sind, ein Gesicht einer Person <em>aufsetzt</em> vor der sie sich fürchtet, offenbart sie ihre Furcht vor eben dieser Person. Genauso könnte man es als Schutz ansehen, um die Wirklichkeit nicht anerkennen zu müssen und damit das eigene Gesicht zu wahren oder selbst ein Gesicht <em>aufzusetzen</em>, um den Anderen etwas vorzumachen.</p><p>Unübersehbar ist aber vor allem die zentrale Rolle des Schreibens im Roman. Einerseits für die Protagonistin Lise, die durch den Erfolg und der damit einhergehenden Bewertung durch andere, aber auch dadurch dass sie von anderen erkannt wird, zumindest gefühlt, ständiger Kritik ausgesetzt ist, die vor allem Zweifel in ihr hervorruft. Oft quält sie der Gedanke nicht gut genug zu sein und in der Klinik hört sie Stimmen, die ihr zuflüstern, dass sie nur Sätze bei anderen abschreibt und dann zu ihrem Text eigenen zusammenfügt. Letztlich ist es aber auch das Schreiben bzw. die Voraussicht wieder damit zu beginnen, die ihr neuen Lebensmut geben. Und da ist andererseits die Autorin Tove Ditlevsen selbst, deren größter Wunsch immer das Schreiben war, was vor allem in ihrer <em>Kopenhagen Trilogie </em>besonders deutlich wird. Auch weitere biographische Bezüge sind im Buch unübersehbar. Es sind nicht nur die komplizierten Liebesbeziehungen bzw. Ehen, oder dass der Mädchenname von Ditlevsens Mutter ebenfalls Mundus war, sondern auch ihre Medikamentensucht und ihre Suizidgedanken, die uns aus ihrem Roman förmlich entgegenspringen und es ist umso ironischer und tragischer, dass sich Tove Ditlevsen selbst durch eine Überdosis Schlaftabletten schließlich das Leben nahm.</p><p>Nichtsdestotrotz sind die ernsten Themen des Romans und die teils surreale, verwirrende und beklemmende Atmosphäre kein Abschreckungsversuch oder ein Rückzug in eine Opferrolle, sondern eben die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen und der Wunsch sie literarisch zu verarbeiten, um dadurch noch etwas Gutes aus ihnen zu erschaffen. Es sind Themen, die sie als Autorin aber auch als Frau und Mutter beschäftigen und die sich in einer Welt, in der ein offenerer Umgang mit beispielsweise psychischen Erkrankungen oder Sucht einen neuen Raum finden und nicht wie Themen aus längst vergangener Zeit daher kommen. Sie offenbart eine weitere Facette ihres künstlerischen Schaffens und auch wenn <em>Gesichter </em>zunächst weniger autobiographisch anmutet als die <em>Kopenhagen Trilogie, </em>ist sie doch nicht weniger geprägt von ihrem eigenen Leben, ihrer poetischen und metaphernreichen Sprache und dem dringenden Wunsch, ihrem Innersten durch das Schreiben Ausdruck zu verleihen.</p><p>Nathaniel Hawthorne schrieb einmal: „Denn kein Mensch kann für längere Zeit sich selbst das eine und der Menge ein anderes Gesicht zeigen, ohne am Ende in Verwirrung zu geraten, welches das echt ist.“ (aus: Der scharlachrote Buchstabe)</p><p>In der nächsten Sendung bespricht Irmgard Lumpini "Mädchenhimmel!" von Lili Grün, die zu ihren Lebzeiten in renommierten Zeitungen und Zeitschriften der 1920er/1930er Jahre wie z. B. "Moderne Welt", "Tempo" oder dem "Berliner Tageblatt" Gedichte und kurze Prosatexte veröffentlichte, die uns das Leben in der Großstadt mit ihren Träumen und Enttäuschungen zeigen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-gesichter</link><guid isPermaLink="false">substack:post:49739543</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Mar 2022 04:00:39 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/49739543/7bc8d721c9257c08734088e5bb3f8bdb.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>504</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/49739543/5685c34c681972d0967a77bc0c53641e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Yanis Varoufakis - Another Now: Dispatches from an Alternative Present]]></title><description><![CDATA[<p>Yanis Varoufakis ist in Deutschland den Zuschauern des eher unterhaltenden Teils des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bekannt ob der <a target="_blank" href="https://www.youtube.com/watch?v=Vx-1LQu6mAE">Mittelfingeraffäre</a>, bei der er das empörende Körperteil doch tatsächlich uns Deutschen, ja, uns allen Deutschen, gezeigt haben soll, ob unserer Haltung gegenüber den Griechen, ja, allen Griechen, in der Finanzkrise nach 2008. Es war nur ein Böhmermann-Fake dessen Empörungspotential zehn Jahre später niemand mehr nachvollziehen kann, der seitdem einmal in Griechenland Urlaub gemacht hat und auch nur mit <em>einem</em> Griechen geredet hat.</p><p>Lesern des Politik- oder Wirtschaftsteils deutscher Tageszeitungen ist Yanis Varoufakis wiederum als griechischer Finanzminister für stolze sechs Monate in 2015 bekannt, in denen er es doch tatsächlich wagte, konstruktive Lösungen für die Probleme zu finden, die sein Land durch den Kollaps eines wohl konstruierten Systems von Investment- und Zentralbanken bekam. Dieses System hatte Griechenland schon in den neunziger Jahren als Spekulationsleckerbissen auserkoren und nun, 20 Jahre später, halb verdaut, wieder ausgekotzt; mit allen seinen 11 Millionen Einwohnern. Am Tisch sitzend mit sechsundzwanzig europäischen Finanzministern um Lösungen zu finden, musste Varoufakis feststellen, dass er auf der falschen Party war. Wollte er doch als Grieche seinen Landsleuten den Lebensunterhalt retten, saßen ihm gegenüber jedoch diejenigen, die die Spekulationen derjenigen finanziert hatten, die die ältesten Demokratie der Welt mal ebenso ruinierten, um sich mit den Gewinnen den nächsten Appetit zu holen. Denn der Spekulant ist niemals satt und konnte sich aktuell nicht zwischen dem nächsten Milliarden-Dollar-Leckerlie entscheiden: italienische Pizza oder spanische Paella? Sowas will finanziert sein, vermittelten die Finanzminister in kompliziert verklausulierten Phrasen, da bleibt leider nichts übrig für Gyros in Pita mit Pommes. Ist auch nicht gesund, sagten die Gesundheitsminister aus Deutschland und Frankreich, setzten die Griechen auf Diät und sparten gleich noch das Gesundheitssystem mit ein. Brauchen die dann nicht mehr.</p><p>Frustriert aber nicht besonders überrascht versuchte Yanis Varoufakis noch die eine oder andere Volte und gab nach ein paar Monaten auf, um sich seitdem der Realität nicht mehr frontal, sondern von der Seite zu nähern. Er ist kein reiner Akademiker mehr, wie vor seinem Ausflug in die Politik, aber er reibt sich auch nicht auf, frustriert und desillusioniert, wie man es nach sechs Monaten in den Mühlen der Brüsseler Bürokratie erwartet hätte. Varoufakis schreibt jetzt Bücher, zunächst durchaus bitter klingende <a target="_blank" href="https://amzn.to/3M3vAsR">Abrechnungen mit dem System</a>, gegen das er keine Chance hatte, dann jedoch ein wunderbares <a target="_blank" href="https://amzn.to/3vmJD6V">Erklärwerk</a>, in dem er seiner Tochter den Kapitalismus erläutert und wir alle profitierten davon.</p><p>Was alle diese Werke besonders macht ist der Autor, dessen Herkunft und akademischer und beruflicher Werdegang von so vielen Wendungen geprägt ist, der so oft die Perspektive wechseln konnte und musste, dass seine Bücher eines nicht sein können: stringente wissenschaftliche Werke von Prolog, These, Antithese und Synthese, Epilog mit Fußzeilen, Anhang und Glossar, die stolz und ungelesen in Bücherschränken stehen. Es sind anregende, Ideen vermittelnde Essays, strotzend von Wissen um Geschichte und Zusammenhänge, geschrieben mit wirklicher Leidenschaft und nur ganz manchmal etwas zu viel Stolz auf die alten Griechen.</p><p>Varoufakis bezeichnete sich selbst gerne als "erratischen", neuerdings als "libertären Kommunisten". Ihn damit in der Mitte des politischen Spektrums zu verorten wäre jedoch falsch, er ist ein Linker wie aus dem Bilderbuch, allein seine Karriere als Student an der University of Essex in Großbritannien liest sich wie Satire: Varoufakis war Ende der Siebziger nicht nur in den üblichen Unterstützerkommités für den ANC, die Chilenische Opposition, die PLO und gegen den Krieg in Nordirland sondern, wirklich, auch gewählter Sekretär der "Black Student Alliance" der University of Essex. Als Grieche.</p><p>Als Doktor der Mathematik mit einer Promotion über Spieltheorie hielt er danach an einem halben Dutzend Hochschulen Professuren über Ökonomie und Ökonometrie, sprich, die messbaren Grundlagen dieser Möchtegern-Wissenschaft zwischen Psychologie, Soziologie und kapitalistischer Rechtfertigungstheorie, bis er beschloss ein wenig mehr in der Praxis zu forschen. Unter anderem und am bekanntesten wurde er bei Valve, der Firma hinter der größten Computerspielplattform <a target="_blank" href="https://store.steampowered.com/">Steam</a>, angestellt um die Ökonomie von In-Game-Währungen zu untersuchen, also dem, was heute, ein paar Jahre später, der feuchte Traum eines jeden Libertären ist: Die autonome, dezentrale Digitale Währung, auf Deutsch: Bitcoin.</p><p>Kurz: libertärer Kommunist trifft es ziemlich gut.</p><p>Wenn man seinen Vater dazu nimmt, welcher zwar immer im kommunistischen Widerstand gegen die rechten griechischen Juntas, von den Neunzehnvierzigern bis Ende der Neunzehnsiebziger war, und der dennoch im Jahr 2020 als Vorstandsvorsitzender des größten griechischen Stahlproduzenten aus dem Berufsleben ausschied, kann man sich vorstellen, wie oft Varoufakis mit seiner Familie, seinen Kommilitonen, Kollegen, Freunden und sich selbst Argumente diskutierte, statt immer wieder die gleichen Dogmen zu postulieren. Auch seiner Bücher Kapitel schwanken, wie seine Ansichten, schon immer angenehm vom Für zum Wider, vom Pro zum Contra - eine Tatsache, die Varoufakis in der Selbstreflektion sein Scheitern als amtsführenden Politiker erklärt haben wird.</p><p>Das Resultat dieser Erkenntnis liegt seit einem Jahr in den Regalen der Buchhandlungen im Englischen als "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3tdXv0x">Another Now: Dispatches from an Alternative Presen</a>t" oder im Deutschen als "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3K31rZ5">Ein Anderes Jetzt: Nachrichten aus einer alternativen Gegenwart</a>".</p><p>Stilistisch macht Yanis einen Varoufakis, lehnt sich zurück, denkt nach und kommt mit einer überraschenden aber einleuchtenden Idee: Statt eines weiteren überlangen Essays mit Pro und Contra, Für und Wider, besinnt er sich auf ein Leben von geführten Gesprächen und bemüht, absolut logisch, den griechischen Urvater des Genres: Platon. Statt dem Leser in Absätzen Ideen und Argumente zu erklären, erschafft sich Varoufakis drei Alter Ego und lässt diese in Dialogen Argumente gegen unsere aktuelle gesellschaftliche Ordnung diskutieren, Alternativen finden und analysieren, hinterfragen und verwerfen und, wichtig für einen, der kein reiner Akademiker mehr ist: deren Verwirklichung planen. Kurz: Varoufakis schreibt uns eine Utopie und lässt seine Alter Egos diese von allen Seiten betrachten, diskutieren, auseinandernehmen und wieder zusammensetzen.</p><p>Als da wären:</p><p>Costa ist ein Varoufakis, der sein akademisches, mathematisches, physikalisches Wissen genutzt hat um sich ein finanzielles Polster zu schaffen und mit diesem die reine Lehre zu betreiben, zu forschen. Er liefert in den Dialogen die technologischen Grundlagen, mit denen eine moderne Gesellschaft aufgebaut werden kann, Digitalisierung, Kommunikation - und die Grundlage für die leicht krude Backstory, in der das Buch spielt. Es geht um Wurmlöcher. Oder so. Costa ist Techno-Varo.</p><p>Eva ist der libertäre Varoufakis, der an die Kraft der Märkte glaubt. Sie glaubt an die Weisheit der Gier von Aktionären, dass es richtig ist, dass wer mehr leistet, mehr verdient. Das man jeden Dollar nur einmal ausgeben kann, und dass wir ohne das Streben nach Profit nicht in 300 km/h schnellen Zügen zwischen Berlin und Dresden sitzend auf Iphones Spielfilme schauen könnten. Wie gesagt, Varoufakis schreibt eine Utopie. Eva ist Lib-Varo.</p><p>Iris ist der Varoufakis in seiner Studentenzeit. Sie kämpfte an der Seite von Bergarbeitern in England in den Streiks der Siebziger und fragte sich damals schon, ob es weise ist, für eine sterbende Industrie zu kämpfen. Sie weiß, dass der Kapitalismus nicht funktionieren kann und verzweifelt daran, dass sich die Linke nicht endlich einigt um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Sie kennt jede progressive Theorie und hasst die linken, woken Grabenkämpfe, in denen es wichtiger ist, wie sich jemand nennt als was er tut. Iris ist der Feminist in Varoufakis und Iris ist ernsthaft frustriert und erschöpft von der Linken. Aber sie ist der Rote Varo.</p><p>Nach einem ziemlich schlechten und wirklich zu langem Versuch narrativ an den Punkt zu kommen, in dem sich die drei Alter-Ego Varoufakis miteinander unterhalten können, geht es endlich los:</p><p>Techno-Varo schafft es auf eine ziemlich absurde Art und Weise mit sich selbst in einem parallelen Universum zu kommunizieren (fragt nicht). Dieses "Other Now" wie es fortan genannt wird, hat sich von "Unserem Jetzt" im Jahr 2008, also just im Moment der letzten Finanzkrise, abgespalten und eine andere gesellschaftliche Entwicklung genommen. Als in unserem Jetzt nach dem Kollaps der Lehman Brothers Investment Bank, weltweit Banken hunderte Milliarden aus Staatshaushalten bekamen, damit sie nicht mit kollabieren, wurden im anderen Jetzt, der Parallelwelt, Währungen und damit Banken abgeschafft. "What the f**k?" fragt man sich und hier beginnt Varoufakis mit dem, was er ganz hervorragend kann: Erklären. Und zwar Sachverhalte, die uns alle direkt und täglich betreffen, und die wir dennoch nicht intuitiv verstehen. Die aber, zumindest mit der Hilfe didaktischer Zauberkünstler wie Yanis Varoufakis verstehbar sind, und zwar mit deutlich weniger Anstrengung als man ängstlich denkt.</p><p>Wie schafft man also Geld ab? Zunächst muss man verstehen, wie Geld entsteht. Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wird Geld im Prinzip von einer Zentralbank gedruckt und an kommerzielle Banken verliehen, also die Deutsche Bank, die Commerzbank und wie die Sympathen des Kapitalismus alle heißen. Diese wiederum verleihen das Geld eigentlich und bis zum Jahr 2008 auch halbwegs zuverlässig an Unternehmen, also an die Bäckerei Graf oder auch Bayer/Monsanto, welche dieses dann an die abhängig beschäftigte Bevölkerung zu sehr kleinen Teilen und ihren Aktieninhabern in entsprechend riesigen auszahlen.</p><p>Die Frage, die Varoufakis hier und durchgehend im Buch stellt ist, immer die gleiche: "Warum?". Selbst uns feststehendste Paradigmen und generationenalte Gewissheiten werden mit einem simplen "Und warum genau machen wir das so?" hinterfragt. Oder wie mein alter Zeichenlehrer Zetsch zu sagen pflegte: "Wenn Dir einer sagt, das mache er schon zwanzisch Jahre so, sag ihm 'Man kann etwas auch zwanzisch Jahre lang falsch machen'". Die beiden hätten sich blendend unterhalten.</p><p>Hier also, und das kann wirklich nur ein einzelnes kurzes Beispiel sein, das Buch wimmelt von solchen Ideen, eröffnet uns Varoufakis mal kurz auf fünf bis zehn Seiten eine neue Theorie vom Geld. Die natürlich nicht neu ist, die aber das Wissen und die Erfahrung der drei alter Egos, Techno-Varo, Lib-Varo und Roter Varo miteinander verbindet und dann sagt: Warum ändern wir das System nicht so, dass die Zentralbanken, so wie bisher, Geld erzeugen, dieses Geld jedoch digital ist, also ein bitcoin, klein geschrieben, und man dieses nicht über die Armanitragenden Mittelsmänner in ihren lächerlichen Porsches verteilen lässt, sondern direkt an die Bürger auszahlt. Diese erwerben damit Aktien und erhalten Dividenden. Dass in dem System eine Lücke ist, die da lautet "Und wer geht arbeiten?" löst er, in dem er mal soeben den Kapitalismus vom Kopf auf die Füße stellt: Jeder der arbeitet ist automatisch Aktionär und erhält damit Dividenden aus dem Gewinn des Unternehmens. Oder andersrum formuliert, was fast noch mehr Sinn schafft: Keiner der Aktien besitzt, darf untätig sein. Diese Theorie, die ziemlich eindeutig des Roten Varos Handschrift trägt, lässt erwartungsgemäß Lib-Varos' Kopf explodieren, aber im sich daraus entspinnenden Gespräch schafft es der Rote dem Libertären immer wieder klarzumachen, dass diese Form des Kapitalismus "Ein Werktätiger - Eine Aktie" die wahre Form sei. Alle Probleme, von Macht-, Geld- und Gier überhaupt ließen sich damit lösen, Monopole könnten nicht entstehen, Kapitalismus auf Kosten der Umwelt, gang und gäbe in unserem Jetzt, gehöre im "Other Now" der Vergangenheit an. Bis hinunter zum Mobbing würden alle Probleme gelöst durch einen basisdemokratischen Kapitalismus.</p><p>Und wir sind erst im ersten Kapitel.</p><p>Es schwirrt einem der Kopf, so dicht und grandios sind die Ideen, so detailliert ausgearbeitet die Umsetzung, so genau die Argumente für und wider - man kann das Buch eigentlich nur in Häppchen lesen. Aber da alles mit allem zusammenhängt, wird keine Atempause eingelegt und alternative Geschichte gemacht. Was alsbald nicht nur den Leser zu einer Frage führt: Ok, wir haben im Other Now die perfekte Utopie mit einer umweltgerechten Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, ich will nicht spoilern, aber ja, auf diese uns phantasielose Zeitungsleser unreal erscheinende Idee läuft es hinaus. Die Welt ist in kleinen territorialen Einheiten selbstorganisiert, Geld- und Investmentspekulation sind abgeschafft, die Grenzen zwischen Staaten sind nicht nur mehr für Kapital durchlässig und die weltweite Migration von Menschen läuft in konfliktlosen Bahnen, wir arbeiten ohne das Gemeinwesen oder die Umwelt zu belasten basisdemokratisch organisiert oder auch gar nicht, weil Arbeit nicht alles ist und sein darf. Denn natürlich gibt es ein bedingungsloses Grundeinkommen, Künstler gehen ihrer Kunst nach, denn eine so hochtechnologische, harmonische Gesellschaft wirft das bisschen auch ab, dass es keiner wohltätigen Gönner oder künstlerischer Prostitution bedarf um einen wöchentlichen Literaturpodcast kompetent zu erschaffen. Ein Paradies. Die Frage also: wenn die da drüben das alles so haben, wie haben sie das geschafft in nur knapp 20 Jahren? (Das Buch spielt im Jahr 2025)</p><p>Der Leser muss tapfer sein, denn jetzt bringt Real-Life Yanis Varoufakis, mit Hilfe technologischer Tricks seines alter Ego Techno-Varo, seine zwei anderen Alter Ego, Roter Varo und Lib-Varo, in Kontakt mit deren Alter Ego im Other Now. Da waren es schon sechs. Diese erklären ihren bedauernswerten Neandertalern in unserer bedauernswerten Welt, ob und wie sie das Utopia erschaffen konnten. Das zu erfahren würde ich der doch jetzt hoffentlich angefixten Leserin zur eigenständigen Übung anempfehlen - ohne groß zu spoilern.</p><p>Denn natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Plan und der Realität, zwischen Utopie und Wirklichkeit. Ein Unterschied namens "der hässliche Mensch". Da es diesen gibt, träumen wir alle Utopien und wenn diese von intelligenten Menschen auf elektronisches Papier gebracht wird, schwelgen wir in deren. Nicht nur weil das weniger anstrengend ist, als sich selbst welche aus zu denken. In unseren ultrarealistischen Zeiten, in denen nichts mehr zählt, wenn es nicht zählt, verändern sich auch die Ansprüche an unsere Träume. Sie müssen real sein und nur wenige zucken bei diesem Gedanken zusammen. So sind wir durch den Kapitalismus konditioniert und wo unseren Vorfahren noch ein Gemälde vom Schlaraffenland reichte, lassen wir einen Varoufakis nicht aus der Verantwortung, ohne das er uns genau erklärt, wie wir da hin kommen. Wo liegt das?</p><p>Aber er sich selbst auch nicht. Und das ist der Pull des Buches, das Element, welches es einen nicht aus der Hand legen lässt. Es ist der permanente Dialog, im Buch wie im eigenen Kopf, das permanente "Aber...". Die Faszination ist nicht nur der Vergleich zwischen aktueller Realität und der gemalten Utopie, sondern auch, dass diese durch Varoufakis so plastisch dargestellt wird, dass man sich selbst hineinversetzen kann  um zu fragen: "Und das funktioniert?! Nein, oder?!!". Und wenn die Fragen weniger werden und Varoufakis' alter Egos immer wieder eine Lösung finden, für dein eingeworfenes "Niemals! Das KANN SO nicht funktionieren" wird dir schon ein wenig Angst, dass Du, nachdem Du schon so manche Nacht als Varo-Fan-Boy, Whisky süffelnd, seine Interviews auf Youtube verschlungen hast, Du jetzt endgültig in einem Kult landest. Aber auch hier ist der Autor vor. Varoufakis ist Wissenschaftler, kein Priester, er ist erratischer Kommunist, kein Diktator. Er gibt Dir die Grundlagen, die Realität zu verstehen und ihn in seine Utopie zu begleiten. Das macht sie verständlich und Dich weniger ängstlich, wenn Du dazu neigst und weniger enthusiastisch, wenn das dein Laster ist. Du kannst Yanis Varoufakis in "eine andere Welt" folgen und gebannt deren Nachrichten verschlingen oder jederzeit umdrehen und selbstbewusst sagen "Alles Quatsch." und das auch begründen und mindestens einer seiner Alter Egos wird Dir zustimmen.</p><p>Allerdings wirst Du dann aufwachen, in unserer wirklichen Wirklichkeit und Twitter aufmachen, oder CNN an, oder was immer dein täglich Gift ist, und musst dann mit genau den Sachen leben, die du dort siehst.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Anne Findeisen den wiederentdeckten und kürzlich auf deutsch veröffentlichten Roman der Dänin Tove Ditlevsen mit dem Titel „Gesichter“, in dem sie einmal mehr in Abgründe blickt.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/yanis-varoufakis-another-now-dispatches</link><guid isPermaLink="false">substack:post:49405596</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 27 Feb 2022 04:00:55 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/49405596/5857e211f61025def4bcec4aceccb098.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>974</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/49405596/ce3d6b49f9049900867062c631ce5e96.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - O'Connor, Wells, Osman]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Wenn man selbst an einem höchst-konsensualen Werk wie einem millionenfach verkauften Krimi, dessen einzig vorzuwerfende Schwäche der ins <a target="_blank" href="https://amzn.to/3gRu4M6">deutsche übersetzte Titel</a> ist, etwas auszusetzen hat, verdient man sich den ehrenvollen Beinamen “Reich-Ranicki”. Diesmal war Irmgard Lumpini dran und wir hatten am Ende doch alle viel Spaß. </p><p>Wir sprachen über <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/benedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit?r=lz45u">Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit</a>, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/richard-osman-the-thursday-murder?r=lz45u">Richard Osman: The Thursday Murder Club</a> und natürlich über <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/sinead-oconnor-rememberings?r=lz45u">Sinéad O'Connor: Rememberings</a></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-oconnor-wells-osman</link><guid isPermaLink="false">substack:post:48936255</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 20 Feb 2022 04:00:45 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/48936255/50009360ac39dc53ebf95f3f729d90c8.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2142</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/48936255/7c408c65464da9d0a09840164edc1781.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit]]></title><description><![CDATA[<p>Vor circa 6 Jahren gab ich meinen Einstieg bei Studio B – Lob und Verriss mit einer Interpretation des Rilke Gedichts Schlussstück, das ich immernoch sehr schätze und welches mir in dem kürzlich von mir gelesenen und nun besprochenen Roman von Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit wieder begegnet ist. Thema des Gedichts ist – kurz gesagt – der Tod und seine Allgegenwärtigkeit in Allem was wir tun. Durch gerade einmal sechs Verse, aus denen Rilkes Gedicht besteht, schafft er es aber, über das Thema hinaus, noch viel mehr zu transportieren. Eine Tatsache, die auch Benedict Wells nicht entgangen zu sein scheint, denn sein 2016 im Diogenes Verlag erschienener Roman hat sich, zumindest gefühlt, eben jenes Gedicht zum Thema gemacht.</p><p>Die Handlung des Romans setzt in der Gegenwart ein, in der Protagonist Jules aufgrund eines Motorradunfalls im Krankenhaus liegt. Dieser Unfall ist Ausgangspunkt um sein Leben bis zu diesem Moment zu reflektieren, so dass der Roman, von einigen Ausnahmen die in der Gegenwart spielen abgesehen, in der Retrospektive geschrieben ist. Die einzelnen Kapitel umfassen dabei meist einen Zeitraum von mehreren Jahren. Zunächst erfahren wir, dass die Familie Moreau mit ihren drei Kindern, von denen Jules das jüngste und zu Beginn der Geschichte sieben Jahre alt ist sowie seinem älteren Bruder Marty und seiner älteren Schwester Liz, in München lebt. Ein beschauliches und komfortables Leben, das drei Jahre später durch den plötzlichen Tod der Eltern jäh beendet wird. Die Kinder, deren einzige weitere Angehörige nur eine Tante ist, werden daraufhin auf ein Internat geschickt und müssen von nun an, auf sich selbst gestellt, ihren Platz in der Welt finden.</p><p>Liz, die Älteste der drei Geschwister, die bereits vor dem Verlust der Eltern ein eher extrovertiertes Mädchen war und sich ihres guten Aussehens durchaus bewusst ist, gleitet nun zunehmend in ein Leben ab, das vor allem von Drogen und einer exzessiv ausgelebten Sexualität geprägt ist. Den Schein zu wahren, bewundert zu werden und dabei nie jemanden zu nah an sich herankommen zu lassen, sind ihre bewussten oder unbewussten Strategien, um sich vor weiteren Enttäuschungen und vor allem Verlusten zu schützen. Der von ihren Brüdern erhofften Rolle der großen Schwester und Beschützerin kann sie dadurch nicht gerecht werden. Sie driften im Gegenteil noch weiter auseinander. Wells beschreibt und verdeutlicht hierdurch wie der Erwartungsdruck von außen, aber auch ihr eigener Anspruch sie daran scheitern lassen, den Tod der Eltern aufzuarbeiten. Und er führt dem Lesenden auf subtile Weise das Klischee vor Augen, nachdem der vermeintlich Stärkere oder Ältere den Schwächeren bzw Jüngeren beschützen müsste. Im Gegensatz zu Liz' nach Aufmerksamkeit und Bewunderung strebenden Auftreten, steht die ruhige und eben nicht nach Effekten haschende Erzählweise, die verdeutlicht, in welch einen Drahtseilakt sich das Leben der großen Schwester gewandelt hat.</p><p>Marty, der Mittlere der drei Geschwister, führt hingegen ein Leben als Nerd. Er flüchtet sich in die Computerwelt, durch die er später auch zu beruflichem Erfolg gelangt und es schafft, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Vor allem seine Ticks, wie das Drücken von Türklinken, nach einem ihm Glück bringenden Zahlensystem, kann er jedoch nie ganz ablegen und zeugen zeitlebens von seinem durchlebten Trauma. Dennoch ist er als Erwachsener bestrebt für seine Geschwister eine Hilfe zu sein, eine Tatsache die zu Internatszeiten völlig undenkbar gewesen wäre. Es offenbart gleichzeitig ein weiteres Motiv, das den Roman durchzieht. Es ist nicht nur das Streben jedes Einzelnen nach seinem eigenen Platz, sondern auch der Wunsch einer sich entfremdeten Familie wieder zueinander zu finden. Die drei sehr unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Geschwister erschweren dies nicht nur, sondern verdeutlichen auch exemplarisch die verschiedenen Erwartungshaltungen untereinander.</p><p>Jules, der Jüngste und gleichzeitig Ich-Erzähler des Romans durchlebt seine Zeit auf dem Internat als Außenseiter. Früher ein Kind, das keineswegs scheu war und gern im Mittelpunkt stand, zieht er sich zunehmend in sich selbst und seine imaginäre Welt zurück. Nicht nur der Verlust der Eltern, sondern auch der mangelnde Rückhalt seiner Geschwister machen ihm zu schaffen. Schließlich lernt er das Mädchen Alva kennen, die ein ebenso zurückhaltendes Auftreten hat wie er selbst und die durch die ebenfalls frühe Erfahrung eines Verlustes zu einer Freundin wird. Die beiden verbindet vor allem ihr Interesse und ihre Liebe für Musik und Literatur und während man noch hofft, dass sie auch als Paar zueinander finden, ist die Zeit des Internatslebens auch schon vorbei und die Wege der beiden trennen sich auf unschöne Weise.</p><p>Bis sie einander wiederfinden und sich schließlich auch als Paar zueinander bekennen, vergehen etliche Jahre in denen sie unabhängig voneinander durch viele tiefe Täler gehen. Jules Leben ist einerseits geprägt von der Zerrissenheit darüber, welchen Beruf er ausüben soll. Er versucht sich im fotografieren, jedoch mehr aus einem Schuldgefühl dem Vater gegenüber heraus, der ihm einst eine Kamera schenkte und die Jules erst nach dessen Tod überhaupt benutzte. Sein Versuch, mit seinen Fotos Geld zu verdienen scheitert immer wieder, so dass er es schließlich aufgibt. Die Sehnsucht, durch das Fotografieren, etwas wieder gut machen zu können, wird regelrecht spürbar und daher umso schmerzlicher als sie nicht erfüllt wird. Sie bringt gleichzeitig den Wunsch nach dem alten Leben zum Ausdruck, dem Leben mit den Eltern und den Wunsch wieder in ein solches Leben zurückzukehren; wieder glücklich zu sein. Mit seiner Leidenschaft für das Schreiben versucht er gar nicht erst beruflichen Erfolg zu erzielen und auch eben jene Leidenschaft und die Nennung und Anspielungen auf diverse Autoren im Roman – von Rilke hörten wir schon – bringen zum Ausdruck, wie sehr die Kunst einen Rückzugsort darstellt, auch oder gerade, weil sie Dunkles und Abgründiges zum Thema hat. Andererseits ist es während des Lesens geradezu schmerzvoll miterleben zu müssen, wie Jules das Gefühl hat, dass ihm, trotz seines jungen Alters, die Zeit durch die Finger rinnt und er die vorhandenen Momente des Glücks einfach nur festhalten will.</p><p>Über all dem steht die Frage nach dem <em>Was wäre wenn</em>, die uns in der Literatur und auch im realen Leben schon oft begegnet und die zu beantworten nicht möglich ist. Sie quält den Protagonisten ebenso wie der Wunsch zu einem glücklichen Leben zurückzukehren, das er einmal hatte; wieder <em>normal </em>zu werden. Die liebevolle Art mit der Wells seine Figuren erschafft und sie auch in schwierigen Situationen trotzdem nicht vom Haken lässt, ist bemerkenswert. Umso mehr, bedenkt man, dass er bereits im Alter von 23 Jahren angefangen hat, dieses Buch zu schreiben. Und für das er, nach eigener Aussage, sieben Jahre brauchte, um es fertigzustellen. Es zeugt für mich auch von einer tiefen Sehnsucht des Autors sich Themen wie Verlust und Tod anzunehmen, sich zusammen mit seinen Figuren in diese Abgründe hinein zu begeben, um sich gemeinsam ganz langsam wieder daraus zu befreien und Momente des Glücks erleben zu können. Es ist eine tragische Familiengeschichte die zeigt, wie drei Geschwister auf verschiedene Weise versuchen den Verlust ihrer Eltern zu verarbeiten und dabei ganz unterschiedliche Wege gehen. Die aber auch zeigt, dass ein Wieder-Zueinander-Finden trotzdem möglich ist. Und es ist eine Liebesgeschichte, die ohne Kitsch daher kommt. Generell finde ich Wells' Sprache faszinierend in seiner Klarheit, sorgfältig ausgewählt, knapp, kein Wort zu viel, die trotzdem eine ganze Welt vor meinem geistigen Auge zu erschaffen vermag und die trotz der schweren Themen auch hoffnungsvoll ist.</p><p>Eine wunderbare Empfehlung die mir da gegeben wurde und die ich nun unbedingt weitergeben möchte. Ich schließe meine Rezension mit einem Gedicht des eingangs schon erwähnten Rainer Maria Rilke, welches thematisch kaum besser zum Roman passen könnte und den Titel <em>Einsamkeit </em>trägt:</p><p>Die Einsamkeit ist wie ein Regen.</p><p>Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;</p><p>von Ebenen, die fern sind und entlegen,</p><p>geht sie zum Himmel, der sie immer hat.</p><p>Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.</p><p></p><p>Regnet hernieder in den Zwitterstunden,</p><p>wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen</p><p>und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,</p><p>enttäuscht und traurig von einander lassen;</p><p>und wenn die Menschen, die einander hassen,</p><p>in <em>einem</em> Bett zusammen schlafen müssen:</p><p></p><p>dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...</p><p>In der nächsten Woche wird Irmgard Lumpini die Schriftstellerin Maria Leitner vorstellen, von der einige Reportagen und ein Roman im Buch "Mädchen mit drei Namen" aus den späten Jahren der Weimarer Republik (wieder)veröffentlicht wurden.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/benedict-wells-vom-ende-der-einsamkeit</link><guid isPermaLink="false">substack:post:48213260</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 06 Feb 2022 04:00:36 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/48213260/653029826a86a38b1d7fccf9d020505d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>591</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/48213260/362cda14d077f604f59f66695bc65a39.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Richard Osman: The Thursday Murder Club]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Die typische Leserin des klassischen englischen Whodunnit ist, so kann man annehmen, im Rentenalter. Das macht Sinn, und diese Formulierung exakt so auch, denn es geht um englische Whodunnits und es heißt in der Ursprungssprache nun mal nicht "this has sense". Ok, das macht also Sinn, weil die Beantwortung der Frage "Wer war's" ein zerebrale Tätigkeit ist und das ab einem bestimmten Alter eine der wenigen, die man noch ohne Schmerzen ausüben kann. Zudem braucht das Eliminieren von nie unter einem Dutzend Verdächtigen, um dem Täter auf die Spur zu kommen, eine gehörige Portion Menschenkenntnis, die man sich auf einem langen Lebensweg ganz nebenbei aneignete, genau wie den einen oder anderen special skill, den der talentierte Autor in seiner murder mystery gewinnbringend integrieren sollte.</p><p>Da man mit zunehmenden Alter der eigenen Gebrechlichkeit gewahr wird, neigt man im Allgemeinen dazu, all diejenigen, denen diese Erfahrung noch bevor steht, zu verabscheuen. "Diese Jugend!" stößt man asthmatisch dem BMX-Fahrer in der Fußgängerzone hinterher, auch wenn der das gar nicht hört, weil er einen Walkman auf hat. Am allerwenigsten will man also von "Dieser Jugend!" lesen, wenn man es denn zurück in den sicheren Ohrensessel geschafft hat und so ist Sherlock Holmes angenehme sechzig Jahre alt und Miss Marple wird einfach nur als "an old lady" beschrieben, man kann ihr als Leser also selbst ein kindersicheres Alter von 50 bis 90 geben. Clever.</p><p>Erträgt man den Anblick von hyperaktiven, jüngeren Menschen gar nicht mehr, zieht man sich als Rentner mit Gleichgesinnten in ein Altersheim zurück, welches von eben diesen hyperaktiven jüngeren Menschen in Funk und Film immer nur als palliativer Limbo dargestellt wird, mit einem Röhrenfernseher im Gemeinschaftsraum auf dem "Richterin Barbara Salesch" in Dauerschleife läuft, bis das Bingo beginnt.</p><p>Was aber, wenn das ein ganz falsches Bild ist, wenn man überraschend sieht, dass die geriatrischen Jungs und Mädels eine Menge fun haben? Wie soll das denn gehen? Zum Beispiel wie in Staffel drei, Episode zwei von Inspektor Barnaby, ja, der Rezensent fängt die britische Midsomer Murders Serie nochmal von vorn an, ja, das ist popkulturelle Weiterbildung, keine altersbedingte und winterinduzierte Melancholie. In besagter Folge also, mit dem Titel "Blue Herrings", sind die Bewohner des recht noblen Altersheims rüstige, hellwache, charmante, wunderliche und regelrecht fröhliche siebzig-, achtzig- und neunzigjährige, die, leider, den serientitelgebenden Morden zum Opfer fallen. Aber mit welcher starrsinnigen Lakonie sie das Verschwinden ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zur Kenntnis nehmen und ihrem Tagwerk nachgehen, namentlich Boules, Gin-Tonic und sich gegenseitig verdächtigen, ringt Respekt ab. Wie machen die das, fragen nicht nur wir Zuschauenden uns seit 1999, denn die Serie läuft so lange schon in Dauerschleife in aller Welt, und einer, von dem ich mir sicher bin, dass er sich genau diese Frage beim Anschauen eben dieser Folge gefragt hat, kann ich konkret benennen: Richard Osman.</p><p>Osman ist Brite und im dortigen TV eine ständige Präsenz. Er ist der Co-Host einer täglichen Quizshow von korrektem Niveau und strahlt dort eine britische middle class Freundlichkeit aus, wie sie im realen Leben nicht existiert. Ein klassischer Schwiegermutterliebling, gross gewachsen, fröhlich, allwissend und - natürlich - kann er auch noch den perfekten britischen Whodunnit in direkter Fortsetzung von Miss Marple, Detective Poirot und Inspector Barnaby schreiben. Es ist zum Haareraufen. Dass die seinen perfekt, dicht und ohne jede Spur von grau sind, mit seinen 51 Jahren, versteht sich.</p><p>Was sich nicht versteht ist, wie er seinen ersten Roman mit dem Titel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3Kav2AF">The Thursday Murder Club</a>" nicht nur strukturell perfekt hinbekommen hat, sondern auch noch in einem nachdenklichen Optimismus, dass er es spontan auf die Liste der "Top Ten gemütlichsten Kriminalromane" der Literaturbeilage des Guardian schaffen konnte, von den üblichen Bestsellerlisten von Times bis Spiegel gar nicht zu reden.</p><p>Der titelgebende Thursday Murder Club tagt im ziemlich poshen Altersheim "Coopers Chase". Wie es sich für einen Whodunnit aus dem Kulturkreis des Whodunnit gehört, ist in diesem Buch nur wenig dem Zufall überlassen und Tradition wird großgeschrieben. So gibt es zunächst den Kommissar, hier zeitgemäß und dennoch beruhigend ein Team, bestehend aus einem alten weißen Mann (ok, fünfzig, hüstel) und einer jungen schwarzen Polizistin, die sich aus Liebeskummer aus dem roughen Süden von London nach Kent in eine Kleinstadt nicht weit von der Kanalküste hat versetzen lassen.</p><p>Jedoch sind diese nur wichtige Nebendarsteller, das Spotlight im Buch gehört natürlich dem titelgebenden, alldonnerstäglich tagenden Murder Club. Der besteht aus Ron, einem ordentlich tätowierten ehemaligen Gewerkschaftsführer, was in England nichts mit schnauzbärtigen Anzugträgern mit unaussprechlichen Namen zu tun hat, die in der Tagesschau von Kompromissen träumen. Wer in den Siebzigern in England streikte, teilte mindestens so viel Hiebe aus wie er einsteckte. Zweiter im Bunde ist Ibrahim, ein Psychotherapeut im Ruhestand, in den Sechzigern aus Kairo eingewandert und Elizabeth, die inoffizielle Anführerin der Bande, denn sie ist die mit Abstand cleverste, hintertriebendste und skrupelloseste des Quartetts, in das soeben Joyce aufgenommen wurde, weil sie die Frage, wie lange man mit einer Stichwunde in der Brust überleben kann, kompetent beantwortete und die dazugehörigen bluttriefenden Tatortfotos mit enthusiastischem Interesse betrachtete - die Mindestanforderung um in den Club zu kommen. Das Foto stammt aus dem Nachlass von Penny, Joyces Vorgängerin im Club, die im Berufsleben Polizistin war und bei ihrem Ausscheiden aus dem Dienst, mehr oder weniger illegal, Akten von ungelösten Fällen hatte mitgehen lassen. Das passt zum modus operandi des Thursday Murder Club, dessen Mitglieder ob ihrer Herkunft und fortgeschrittenen Alters keinerlei s**t mehr geben. Was für die Lösung eines Falles an Mitteln angezeigt erscheint wird gemacht. Hier wird vorher nicht gefragt und sich hinterher nicht entschuldigt, dafür ist das Leben zu kurz und ohne ein bisschen Action außerdem zu langweilig.</p><p>Dieses Setting sorgt nicht nur für ausgelassenen britischen Humor, es befreit den Autor auch vom drögen Konflikt zwischen Mittelwahl und Zweckheiligung den klassische englische Kommissare wie <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_%E2%80%93_Der_Oxford_Krimi">Inspektor Lewis</a> oder <a target="_blank" href="https://morseandlewisandendeavour.com/">DCI Thursday</a> seitenweise ausleben müssen. Und natürlich haben Kenner des Genres schon beim Wochentag im Titel des hier besprochenen Buches die Verbindung zum alternden Ziehvater von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Inspektor_Morse,_Mordkommission_Oxford">Inspector Morse</a>, besagtem DCI Thursday, geschlossen, was auf mehreren Ebenen kein Zufall ist. Die Namenswahl ist natürlich literarische Reminiszenz, aber die lebensweisen Mitglieder des Thursday Murder Club spielen, clever geschrieben, immer auch die Rolle des Mentors für unser ermittelndes Team, so wie DCI Thursday das für den späteren berühmten Kommissar Morse war.</p><p>Das reizvolle an einer geriatrischen Krimiserie ist, dass man sich intelligent nicht nur von vielen Klischees des Genres lösen kann, man kann auch mit den Vorurteilen Schluss machen, dass alte Leute nur rumsitzen und schlafen oder Kreuzworträtsel lösen. Das machen sie natürlich in Mengen, auch im Buch, aber a) sind deshalb gleich vier alte Leute im Team und eine ist immer munter und b) hat nunmal jedes Alter so wie jeder Beruf, der mal ausgeübt wurde, jedes Hobby dem man gefrönt hat, jeder Schicksalsschlag, den man überlebt hat, das Potential für die Lösung eines Kriminalfalls entscheidend zu sein.</p><p>Und genau aus dieser Philosophie macht Osman aus einem simplen Zeitvertreib, einem Whodunnit, ein Buch, welches einem nicht die Zeit verschwendet. Es sollte in der Anlage sicher kein Moralitätenstück werden - ist es aber immer ein wenig. Wir lernen im Buch, wie man mit Verlusten lebt, mit körperlichen Einschränkungen und dass man ein langes Leben nicht ohne den einen oder anderen moralischen Fehltritt übersteht. Und da wir hier kein dreitausend-Seiten-Werk eines norwegischen Möchtegernintellektuellen lesen, dessen Titel aus nur einem bedeutungsschweren Wort besteht, sondern einen Krimi von perfekter Länge, eines unerträglich talentierten Briten, steht auf dessen Buchcover "Der Millionenerfolg aus England" und gibt sich der deutsche Verlag überhaupt keine Mühe mehr, weil selbst der spektakulär krude übersetzte Titel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3fwkDRv">Der Donnerstagsmordclub</a>", Club mit C geschrieben, es ist ein Wahnsinn, sich zu recht auch so verkauft.</p><p>Jeder, der die mittlerweile zwei Bände gelesen hat wird sie, wie ich, begeistert jung und alt weiterempfehlen, schenken und kann sogar entspannt davon erzählen, denn, wie es sich gehört, sind englische Krimis unspoilerbar. Zuviele rote Heringe, unauffällige Bibliothekarinnen, hochverdächtige Priester und total normale Gärtner produzieren eine Wendung nach der anderen, dass man zehn Minuten nach dem Zuklappen des Buches nicht mehr weiß, wer der Mörder eigentlich war.</p><p>Und selbst wenn das beginnende Demenz sein sollte, hat man nach dem Lesen von The Thursday Murder Club ein bisschen weniger Angst davor. So ein brillantes, wärmendes, kluges Buch ist das. Danke Richard Osman und bis zum nächsten Band.</p><p>In der nächsten Woche widmet sich Anne Findeisen der deutschen Erzählkunst und bespricht Benedict Wells‘ Roman „Vom Ende der Einsamkeit“.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/richard-osman-the-thursday-murder</link><guid isPermaLink="false">substack:post:47208056</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 30 Jan 2022 04:00:32 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/47208056/15c88fae56a53f5c53a03b47ad26f6ff.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>549</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/47208056/c3d3c4bd57df04d590e11f6be76f83ea.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Weihnachten 2015 mit Kollegen]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Da wir über den Jahreswechsel etwas rezensionsmüde waren, hier ein Weihnachtsklassiker aus unbeschwerten Zeiten. Am Gabentisch nicht nur Irmgard Lumpini und Herr Falschgold, sondern  auch <a target="_blank" href="https://www.heikoheshschramm.com/">Heiko Schramm</a> und ein geschätzter Arbeitskollege von Anne Findeisen: <a target="_blank" href="https://www.jazzdepartment.com/">Mirko Glaser</a>. </p><p>Halbwegs funktionierende Links zu den vorgestellten Büchern finden sich in unserem <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/weihnachtsfeier-mit-gasten">Archiv</a>.</p><p>In der nächsten Woche macht es sich Herr Falschgold mit einem Buch aus den <a target="_blank" href="https://www.theguardian.com/books/2021/dec/15/top-10-cosy-crime-novels-sj-bennett-a-three-dog-problem">Top Ten der gemütlichsten Krimis </a>eben so: Richard Osmans “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3KLc3wX">The Thursday Murder Club</a>”.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/weihnachten-2015-mit-kollegen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:47540935</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 23 Jan 2022 04:00:35 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/47540935/1f9484cd0759a0ccde0fe3098969a5dc.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>6953</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/47540935/b8e8d47c02491072c34ac97376ba6040.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sinéad O'Connor "Rememberings"]]></title><description><![CDATA[<p>Guten Morgen!</p><p>Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Leserinnen und Leser,</p><p>vielleicht geht es euch heute früh noch nicht so gut, vielleicht habt ihr gestern in einer Bar noch einmal ausgetrunken, bevor sie ab morgen wieder geschlossen sein werden.</p><p>Drückt lieber noch einmal die Stopptaste, trinkt einen Kaffee, wascht den Zigarettenrauch aus den Haaren, geht eine Runde um den Block, bis ihr wach seid.</p><p>Willkommen zurück!</p><p>Diese Einleitung war der bereits 2. Versuch über das Werk zu schreiben, kurz, bevor die Bars wieder einmal geschlossen wurden.</p><p>Seit 6 Monaten scheue ich mich vor dieser Rezension und prokrastiniere, und eigentlich ist die TL;DR Zusammenfassung auch schnell und voller Überzeugung heruntergeschrieben:</p><p>Lest Sinéad O’Connors Autobiographie “Rememberings”, sie ist das beste Buch der letzten Dekade und die nachfolgenden Zeilen sind ein paar Hinweise, Zusammenfassungen, Überlegungen, die - leider - diesem Werk sowieso nicht gerecht werden können. This is no fishing for compliments, sondern Fakt.</p><p>Spoiler Alert/Triggerwarnung: In einer ersten Fassung dieser Rezension hatte ich es tatsächlich vermocht, mich auf meine Empfindungen zu beschränken und de facto nichts zu verraten, aber das heißt nichts anderes, als mich selbst zu wichtig zu nehmen, wenn es eigentlich um ein wirklich herausragendes Buch geht.</p><p>Die Triggerwarnung stelle ich für sehr schwer auszuhaltende Schilderungen von physischer und physischer Gewalt voran.</p><p>In einem Interview in “The View”, einer Show auf dem Sender abc hat Sinéad O’Connor ihre Autobiographie als “wichtigsten Song, den sie je geschrieben hat” bezeichnet.</p><p>Unschuldig genug geht es los. Sinéad O’Connor beginnt ganz von vorn. Mit den Augen eines Kindes beschreibt sie ihre Familiengeschichte, die 1966 in Irland beginnt: wer sind die Großeltern, wer sind die Eltern, wo haben sie sich getroffen, wann sind ihre Geschwister geboren, alle Namen werden genannt. Eine verwirrende Anzahl der männlichen Personen trägt den Namen John. Dazwischen eingesprenkelt kurze Bilder von Begegnungen und Beobachtungen: die Eltern des Vaters, die Portwein trinken gehen, weil sie sich lieben. Die wüsten christlich geprägten Flüche des Großvaters mütterlicherseits, wenn er Frauen im Fernsehen oder auf der Straße sieht, die seiner Meinung nach unsittlich gekleidet sind.</p><p>Der Vater lässt sich scheiden und erhält - ein für Irland außergewöhnlicher Fall - das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen 5 Kinder. Doch Sinéad und einer ihrer Brüder wollen zur Mutter zurück. In ruhigem Duktus, offen, ohne Scham oder Wertung beschreibt Sinéad O’Connor ihre Erlebnisse. Ihre religiösen Erfahrungen, wenn ihr Jesus erscheint, während ihre Mutter sie unbarmherzig zusammentritt. Wie sie bei einem Unfall auf einem Bahnhof schwer verletzt wird, als sich bei einem fahrenden Zug eine Tür öffnet und sie mit voller Wucht trifft. Danach kann sie keine großen Plätze mehr ertragen, Angststörungen sind die Folge. </p><p>Ihre Mutter ist eine Kleptomanin, Sinéad ihre Komplizin. Sie kommt auf eine Boarding School für “schwierige” Mädchen, auch dort verstörende Ereignisse, wenn eines der Mädchen schwanger wird und ihr Kind weggenommen wird. Aber auch die Möglichkeit zu musizieren. Kurz vor der Veröffentlichung ihrer ersten Platte mit 18 stirbt ihre Mutter.</p><p>Sinéad O’Connor wird zur Ikone, ihre Interpretation des von Prince geschriebenen “Nothing Compares 2U” macht sie weltberühmt und kommerziell erfolgreich. In einigen Kapiteln von “Rememberings” geht sie auf einige ihrer Begegnungen mit anderen berühmten Musikern ein. Die mit Prince ist ohne Zweifel die verstörendste, Lou Reed ist ein Feiner, über Anthony Kiedis lacht sie ganz gut.</p><p>Nach ihrer 3. Platte dann der Riesenskandal, als sie in Saturday Night Live ein Bild des Papstes zerreißt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ihre Motive dafür ernsthaft diskutiert wurden. Als Kritik an der katholischen Kirche wurde es damals als geradezu terroristische Handlung verurteilt. Aber das war vor dem Internet und während heute ziemlich sicher ihre Stimme gehört worden wäre, war es damals einfach erstmal mit der Karriere vorbei. Da wurden mit Straßenwalzen ihre Platten öffentlichkeitswirksam exorziert, sprich zerstört, und in den Medien wurde sie als Irre hingestellt. Für sie ein nicht unwillkommener Abgang von der großen Bühne, die kein Popstar, sondern ein Protest Singer sein wollte.</p><p>Das Papstbild, dass sie zerriss, hatte im Schlafzimmer ihrer Mutter gehangen. Fast 20 Jahre danach begannen die weltweiten Enthüllungen und Skandale über den systemischen sexuellen Missbrauch, den Umgang mit Sündern, das System von Strafeinrichtungen in Irland, in denen unverheiratete Mütter gequält und ihre Kinder entweder weggenommen wurden oder unter schrecklichen Bedingungen starben. Mit dem Zerreißen des Bildes in einer großen Show wollte sie gegen die im Namen der katholischen Kirche verübten Gräueltaten protestieren, die nicht nur in der Kirche, sondern eben auch in den Häusern stattfanden. Für uns kaum vorstellbar, wie es sich in der irischen Theokratie lebte, in der das Verprügeln von Kindern in Schulen und in den Familien Standard war und  von Generation zu Generation weitergegeben wurde; in der man keine andere Wahl hatte, als den 1. Boyfriend zu heiraten, keine Verhütungsmittel; in der es bis 1985 illegal war für Frauen nach der Hochzeit zu arbeiten, die gezwungen waren, ein Kind nach dem anderen zu gebären, und - wenn zu offensichtlich unglücklich - auf Valium gesetzt wurden. </p><p>Fest ihren Überzeugungen verpflichtet, auch wenn es sie zum Paria macht. Wenn die Geschichte richtet, steht sie ohne Zweifel auf der richtigen Seite. </p><p>Ihre Schilderungen der Einflüsse auf Irland, nicht nur durch die katholische Theokratie, sondern auch politisch-historisch durch Großbritannien, zeigen ein großes Bewusstsein für Ungerechtigkeit, von den Institutionen zu den Menschen in den kleinsten Winkel hinein. Nie bezeichnet sie sich als Antirassistin, ihre individuellen Handlungen, die oft konträr zu den gesellschaftlichen Erwartungen sind, zeigen sie jedoch als solche. Die Wucht ihrer Autobiographie entfaltet sich dadurch, dass sie, die immer Priesterin werden wollte (und irgendwann auch war) nicht predigt, sondern in ihrer eigenen Stimme schreibt.</p><p>Zu ihrer Musik gibt sie in einem Block von “Rememberings” einen Überblick zu jeder Platte, erklärt das Warum Weshalb Wieso Mit Wem. Was ich nicht wusste ist, dass eine Vielzahl ihrer Liedtexte aus Scripture, also biblischen Texten, zusammengesetzt ist. </p><p>Es gibt viele Erzählungen und Beschreibungen ihrer Erlebnisse, die anrühren ob ihrer Schönheit und auch sehr viele Spass. Nach dem Kapitel mit dem Zerreißen des Papstbildes gibt es einen Bruch, der erst gegen Ende des Buches erklärt wird. </p><p>Der 1. Teil ihrer Autobiographie, der bis 1992 reicht, wurde zwischen 2010 und 2014 geschrieben. Danach sind ihre Erinnerungen an die letzten 20 Jahre stark eingeschränkt. Aber ich will ja nicht noch mehr spoilern.</p><p>“Rememberings” ist ein besonderes Buch, ein literarisches Werk allererster Güte. Es hat mich angefasst - das ist Code für “zum Weinen gebracht”, aber auch wütend, fassungslos und glücklich. Ein kühles Interesse an der Biographie ist unmöglich. Die Berichterstattung über Sinéad O’Connor ist nach wie vor skandalgeprägt, ihre Darstellung in der Öffentlichkeit oft die einer Irren. Offen geht sie mit ihren psychischen Erkrankungen um.</p><p>Sinéad O’Connor ist eine außergewöhnliche Künstlerin, Musikerin und Kriegerin.</p><p>Danke fürs Hören und Lesen. Wie zu Beginn versprochen, sind meine Zeilen nicht im Geringsten diesem Werk gerecht geworden. Bitte lest es selbst. In einer Buchhandlung habe ich in die deutsche Übersetzung geschaut, die mir - soweit ich das einschätzen kann - gelungen erscheint.</p><p>PS: Hier noch ein relativ neues Interview mit Sinéad O’Connor und den respektvollen Moderatorinnen von The View:</p><p>Es verabschiedet sich Irmgard Lumpini, den Link zum Buch findet Ihr auf unserer Website lobundverriss.substack.com. Nächste Woche diskutieren Anne Findeisen, Herr Falschgold und meine Wenigkeit die Bücher der letzten Wochen. Wer vorlesen möchte findet diese auf lobundverriss.substack.com</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sinead-oconnor-rememberings</link><guid isPermaLink="false">substack:post:47203471</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 16 Jan 2022 12:31:02 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/47203471/33c9ee2dc37ce706199ad81687d44a25.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>524</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/47203471/f1f3b116062e98284fc7a8174a4a7c65.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Peter Richter: Über das Trinken]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Die erste Studio B Sendung im neuen Jahr. Was könnte nach dem erst kürzlich zurückliegenden und durchaus feucht-fröhlichem Silvesterabend näher liegen, als ein Buch mit dem Titel <em>Über das Trinken </em>zu besprechen? Eingefärbt wird das Ganze dann noch mit etwas Lokalkolorit, denn der Autor Peter Richter, dessen Werk bereits 2011 im Wilhelm Goldmann Verlag veröffentlicht wurde, stammt aus Dresden. Diese Tatsache macht mich als Leserin und ihn als Autor zu Komplizen, die das gemeinsame Wissen um die ein oder andere Bar gemeinsam haben.</p><p>Zunächst sei über dieses Buch aber gesagt, dass es sich hierbei nicht um eine Anleitung zum Trinken, oder gar Saufen handelt. Auch nicht um die Aufforderung sich möglichst häufig die Kante zu geben. Nein, vielmehr geht es Richter darum, darauf aufmerksam zu machen, wie schwer es in unserer Gesellschaft ist, sich dem Alkohol zu entziehen:</p><p>„Man wird exakt solange für seine Trinkfestigkeit gelobt, bis es plötzlich heißt, man sei ein Trinker, und dann folgt die Ächtung, dann wird böse getuschelt. Wer allerdings sagt, er trinke nichts, über den wird sofort getuschelt. Wer nichts trinkt, macht sich verdächtig. Eine Frau, die nichts trinkt? Bestimmt »in anderen Umständen«. Ein Mann, der nichts nimmt? Sicher religiöse Gründe. Oder noch schlimmer. (Trockener Alkoholiker!) Es ist in unserer Gesellschaft praktisch nicht vorgesehen, einen Drink abzulehnen. Außer man sagt: »Ich bin ein schwangerer Moslem auf Entzug«. Aber wer sagt so etwas schon?“ (S.15/16)</p><p>Bereits August der Starke wusste, dass es zwischen Preußen und Sachsen friedlicher zuging, solange die Gesellschaft nur trank. Er machte daraus eine Tugend und gründete die <em>Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit</em>, über die wir zu Beginn des Buches einiges erfahren, jedoch auch schnell ernüchtert werden darüber, dass dieses Konzept natürlich nicht so ganz aufging.</p><p>In 15 Kapiteln arbeitet sich Richter an ganz verschiedenen Problematiken rund um das Trinken ab. Da wäre beispielsweise die Frage, wie man eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung, kurz MPU oder im Volksmund „Idiotentest“ genannt, besteht. Der Autor kann dabei aus seinem persönlichen Erfahrungsschatz schöpfen. Wobei hier nichts ins Lächerliche gezogen, sondern, im Gegenteil, analytisch betrachtet wird. Dies gestaltet er nicht unamüsant, mit einigen Tipps die helfen könnten, solch eine Prüfung zu bestehen und letztlich der Erkenntnis, dass sie als läuternde Anstalt begriffen werden kann.</p><p>Auch der Alkoholkonsum der Jugend, Stichwort Flatrate-Partys oder Komasaufen finden ihre Beachtung und ich finde es sehr gelungen, wie Richter die Thematik durchleuchtet und zu einem sehr befriedenden Schluss bringt. Doch das Spektrum reicht noch weiter. Nämlich dahingehend was eigentlich aus Dionysos geworden ist, inwiefern die Bibel und die griechisch-römische Antike regelrechte Anleitungen zum Trinken sind und dass der Diskurs über den Umgang mit Alkohol bereits im Altertum stattfand:</p><p>„Schön ist es zu sehen, daß die Ambivalenz im Umgang mit dem Alkohol praktisch genauso alt ist wie dieser selbst. Schon immer wird gleichzeitig vor den bösen Folgen des Zuviel gewarnt und gleichzeitig, oft sogar von den gleichen Leuten, das Loblied auf das nächste Glas und den Vollrausch gesungen. Dieses Geeiere hat selbst etwas Alkoholisiertes an sich. Der Alkoholdiskurs, könnte man sagen, torkelt von Anfang an ganz gehörig.“ (S. 75)</p><p>Im weiteren Verlauf des Buches geht es außerdem um Fragen wie: <em>Dürfen Politiker betrunken sein?</em>,<em> Wie berauscht man sich in der Fremde?</em>, oder einfach: <em>Wer trinkt was, wann und warum? </em>Der Leser wird also in unterschiedlichsten Bereichen mit der Thematik des Trinkens vertraut gemacht. Dabei findet Peter Richter klare und verständliche Worte hinter denen immer deutlich wird, dass alles was er schreibt, gut recherchiert, zu großen Teilen auch selbst erlebt und vor allem gut durchdacht ist. Nie kam mir beim Lesen das Gefühl, dass er das Thema nicht mit dem nötigen Respekt und Feingefühl behandeln würde. Im Gegenteil, es ist sachlich, informativ und mit einem Augenzwinkern an der ein oder anderen Stelle bekommt es eine wunderbare Leichtigkeit, die das Lesen zu einem großen Vergnügen macht. Stellenweise habe ich mich sogar so köstlich über das Geschriebene amüsiert – nicht weil es lächerlich ist – sondern so treffend und humorvoll, dass ich laut auflachen musste.</p><p>Diejenigen, die selbst auch dem Alkohol zugetan sind und solche, die von Berufswegen mit ihm zu tun haben, werden dieses Buch vermutlich lieben und Vieles bestätigen und nachvollziehen können, von dem Herr Richter da spricht. Es sind Sätze wie <em>„Und eine Bar ist nichts als die Fortsetzung der Bibliothek mit weniger trockenen Mitteln.“ </em>(S. 19), weshalb ich sofort Freude beim Lesen hatte, an der Thematik sowieso. Richters Formulierungen und Erkenntnisse könnten für mein Dafürhalten kaum treffender sein.</p><p>Sein Werk ist ein Plädoyer für den Rausch, aber gegen den Alkoholismus. Facettenreich zeigt er auf, was es im positiven Sinne bedeuten kann zu trinken und sich der damit einhergehenden Leichtigkeit hinzugeben, nicht ohne dabei jedoch auch auf das Negative zu verweisen und mit einzubeziehen. Eingebettet wird dies in historische, theologische, philosophische und gesellschaftliche Ereignisse, Geschichten und Fakten, die <em>Über das Trinken </em>zu einer runden Sache und absoluten Leseempfehlung machen.</p><p>Enden möchte ich an dieser Stelle mit einem Zitat, das ich nicht nur auf den Punkt, sondern auch sehr versöhnlich finde:</p><p>„Es geht um einen gesellschaftlichen Vertrag, den die Nüchternen und die Trunkenen schließen müssen. Die Nüchternen seien die Diener der Trunkenen. Denn die Nüchternen sind immer nur Trunkene auf Abruf; und was sie Gutes an ihnen wirken, das tun sie letztlich auch für sich selbst.“ (S. 48)</p><p>In diesem Sinne: Prosit Neujahr!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/peter-richter-uber-das-trinken</link><guid isPermaLink="false">substack:post:46591902</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 09 Jan 2022 04:00:51 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/46591902/6a8028556eb77e0725e69c5c588fea9f.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>353</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/46591902/e4fd03a4e5e460593aaa02d8c80d5e4e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jasper Fforde: Early Riser]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Kerouacs “On the road” ist unbestreitbar ein Frühlingsroman. Nicht im meteorologischen Sinne, keine Ahnung ob Jahreszeiten im Buch genannt werden, und wie soll man das auch rausbekommen, aber, einen Trip quer durch die US of A im Sommer in Autos noch ohne Klimaanlage zu machen ist ausgeschlossen! “On the road” also, spielt im Frühling!</p><p>J. R. Tolkien ist in “Herr der Ringe” wiederum ganz klar ein Herbstautor. Septemberbunte Wälder im Elfen- und Oktobernebelige Täler im Auenland, dazu diesig-dunkles Mordor im November, das passt.</p><p>Sommerromane gibt es nicht. Nie hat je ein Roman im Sommer gespielt, denn keiner will das Lesen. Einen Sommerroman im Winter zu lesen führt zu Depression und Suizid und am Strand im August ist es ungemütlich genug, um nicht auch noch im Buch selbst von flimmernder Hitze lesen zu müssen. Sommerroman gibt es nicht.</p><p>Winterromane sind wiederum allgegenwärti,g weil therapeutisches Kassengold. Was bleibt einem im Winter Anderes als zu lesen. Man kann das Haus nicht verlassen, weil es zu anstrengend ist, für die paar Meter in die Bar Anoraks und Winterstiefel anzuziehen und in die Bar in Bademantel und Schlappen gehen, das darf nur der Dude. Also liest man und was gibt es Kuscheligeres als die Vorhänge zuzuziehen um das, was man in der Stadt Winter nennt und doch nur Schlamm und Hundeshit ist zu verbergen und zu ersetzen mit Mengen und Mengen und Mengen von Schnee. Es kann nicht genug Schnee sein.</p><p>Und genau das liefert Jasper Fforde. Und damit das auch der letzte Borderline-Depressive am 18.November 2018 versteht, dem deutschen Erscheinungstermin des hier besprochenen Romans, übersetzt der Heyne Verlag den geheimnisvollen Titel “Early Riser”, Frühaufsteher, mit dem “Schlund auf und Rein damit” Titel “Eiswelt”. Es fehlt nur der Untertitel “Ein Winterroman”. Meine Güte.</p><p>Die Eiswelt ist, wie in vielen Romanen des Walisers Jasper Fforde, Wales, Anfang des 21. Jahrhunderts, also gerade eben. Steht die Frage, wie Wales, an der Westküste der Britischen Insel und mitten in den nordöstlichen Ausläufern des Golfstromes gelegen, der Schauplatz eines Winterromanes, mit Schnee und Gestöber sein kann. Nun, es ist nicht genau das Wales, welches ich noch letztes Jahr von Portishead, the Village, not the Band aus, mit Blick über den Severn gesehen habe. So unbeeindruckend das geographische Namedropping in der Rezension, so notwendig ist es im Roman, denn Early Riser spielt auf realen Schauplätzen in Wales, aber in einem parallelen Universum, in dem seit Jahrhunderten Eiszeit herrscht, mit Gletschern bis nach Glasgow runter, Sommertemperaturen von 32 Grad plus und Wintertemperaturen von 64 derer minus.</p><p>Die Gesellschaft, die sich um einen Winter dieser Strenge gebildet hat ist eine, die den zweimonatigen Winterschlaf, immer dann, wenn der Winter am strengsten ist, zur Strategie ihres Überlebens gemacht hat. Alles ist auf diese zwei Monate eingestellt. In den Wochen vor der Wintersonnenwende ist Bewegung verpönt, gehaltvollstes Essen anbefohlen, damit man eine gesunde Fettheit entwickle, die man in den acht Wochen des Winterschlafes auch braucht, denn was mit Kindern passiert, die ihren Pudding nicht aufessen, erzählt in diesem Wales die Nanny jeden Abend vorm einschlafen. Sie verhungern ganz jämmerlich in ihren Betten. Oder, fast schlimmer, sie wachen vorzeitig auf und fallen damit der Gesellschaft zur Last. Oder, seit der Einführung eines den Winterschlaf fördernden Medikaments, sie wachen frühzeitig als Gemüse auf und können gerade noch so Sachen wie Tom Jones Songs auf der Gitarre spielen. Und zwar immer denselben. Und bekommen, wenn sie nicht genug Kalorien in den Körper kriegen, einen verdammten Heisshunger auf ihre Mitmenschen.</p><p>Von dieser Seltsamkeit ist alles in Wales in “Early Riser”: es ist ein nicht enden wollender Trip durch ein absurdes Land aus dem Kopf von Jasper Fforde, aber, und das Wichtigste an jedem Fantasy, Schrägstrich, Gruselroman, die Seltsamkeit ist immer an der Grenze zur Plausibilität. Gruselroman, was für ein bescheuertes deutsches Wort, aber nunja, ist “Eiszeit” für unseren Kollegen Mikis Wesensbitter, der das Buch in der letzten Weihnachtssendung kurz vorstellte und von dem er sagte, “Er sei froh gewesen, dass es zu Ende gewesen sei, er hätte nachts nicht schlafen können.” Ich beneide Mikis da ein bisschen um seine Sensibilität, ich als alter Zyniker lasse mir von einem Roman, in dem ein Pharmakonzern versucht in den Träumen des Protagonisten rumzufuhrwerken, ein sehr schönes deutsches Wort, nicht im Ansatz den Schlaf rauben. Weshalb ich mir Fortsetzungen wünsche, ich möchte mehr Stories aus einer Welt wissen, in der zwar die Indiebands meiner Jugend im Radio laufen, es aber seltsamerweise keine Schusswaffen gibt sondern nur Luftdruckwaffen. Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, dass man sich im Winter zwei Monate hinlegt ist sowieso mein Ding, aber, dass es da immer Outlaws gibt, die sich wach halten und gar nicht schlafen, macht den Roman interessant und es soll sogar Menschen geben, die jede Nacht schlafen. Wahnsinn. Diese Outlaws sind, im Fall der Gruppe der Villains, also ganz platt “die Bösen” genannt, bei einem Roman von einem Waliser geschrieben und in Wales spielend - Na? - genau: Engländer, die mit Picknicktisch und Teekocher im Winter in Museen einbrechen um rare Briefmarken zu stehlen. Aber, und hier muss ich spoilern, so großartig ist die Idee, es gibt auch Menschen, die im Winter gar nicht schlafen, wie im Fall von Aurora, der unser Hauptheld eines Vormittags begegnet in ihrer Funktion als Sicherheitschefin besagten bösen Pharmakonzerns. Aurora hat ein halbseitige Lähmung, sie kann nur mit ihrem rechten Auge sehen und bittet entsprechend sich in diesem Sichtbereich zu bewegen. Unser Hauptheld Charlie, genannt Wonky, ist in seinem ersten Jahr als Mitglied einer Polizeieinheit namens “Winterkonsule”, die, während alle anderen schlafen dafür sorgen, dass diese das in Ruhe tun können. Am Abend stellt sich Wonky bei seiner neuen Chefin vor, Toccata, die die gleiche Behinderung wie Aurora hat, nur auf der anderen Seite des Gesichtes, sie sieht mit dem Linken Auge, weshalb die rechte Seite ihres Büros aussieht wie Bombe. Erst nach der Begegnung bekommt unser Hauptheld kichernd von einem seiner Kollegen erzählt, dass Toccata und Aurora die gleiche Person sind, ein sogenannter Halbling, bei dem jeweils eine Gehirnhälfte einen halben Tag lang schläft, die andere Tageshälfte dann die andere. Und die sich übrigens abgrundtief hassen und Fernschach miteinander spielen weil sie nicht wissen, dass sie die gleiche Person sind. Auf solche Ideen will ich mal kommen, wenn ich gross bin.</p><p>In diesem, hüstel, Winterkaleidoskop spielt eine Story von Kapitalismuskritik und dem Blick auf unsere Welt, den man nur erhält, wenn man eine Geschichte in einem Universum ansetzt, dessen Paramter die exakt nicht zu grosse und nicht zu kleine Entfernung nach rechts (oder links) verschoben sind, dass man sich selbst gerade noch ins Buch begeben könnte ohne ratlos zu sein. Jasper Fforde ist kongenial darin, genau diesen Drahtseilakt zu schreiben, wir erkennen uns in allem wieder und wundern uns, wie wir in dieser Gesellschaft leben würden, die so viel mehr tut zum Überleben als die unsere, und, man kann vermuten, zu spät, irgendwas hat zu diesen strengen Wintern schliesslich geführt. Die Fülle an popkulturellen Referenzen mögen nur britophile Leser wirklich zu schätzen wissen, oder halt Briten, aber man ahnt immer (und Google ist dein Freund), das die Welt für jemanden, der Ambrosia Creamed Rice seit seiner Kindheit zum Frühstück isst, sich dem Eiszeitlichen Wales, seiner Folklore und seinen existentiellen Problemen noch ein Stück näher fühlen wird als wir deutschen Leser.</p><p>Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Wer es sich gerade in diesem, nach Waliser Verhältnissen milden Wintermonaten, gerne bequem macht mit einem Buch der Originalitätsstufe “Exzellent”, findet in Eiswelt oder noch besser im Original mit “Early Riser” beste Unterhaltung und ich hoffe sehr, nur den Beginn einer langen Folge von Sequels.</p><p>Ich vermute aber, dass sich Netflix schon lange und zu recht in Verhandlungen befindet, die Nummer zu verfilmen. Man sieht die verschobenen Gesichter von Haupt- und Nebenhelden vor sich, das langsame Blinken derer, die nicht in Winterschlaf verfallen und zwei Monate im Halbschlaf vor sich hindämmern, man hört den Schneesturm beim Lesen vor dem Fenster, die Luftdruckwaffen mit Namen von Bami (das kleine Handgerät) bis Schtomper, eher für Kühe geeignet, vor sich, zusammen mit den mit kleinem Budget gut umsetzbaren special effects, wenn der Luftdruck kurz den Schnee zu Regen macht und die -40 Grad Celsius das Wasser augenblicklich um den Geluftdingsbumsten erfrieren lässt, auf dass sein Kadaver erst im Frühjahr wieder auftaue. Überhaupt ist das kein Jugendroman, das Killratio ist ordentlich, aber irgendwie immer comichaft, zumindestens für Zyniker wie Herrn Falschgold, allen anderen wünsche ich besten Grusel, egal ob mit Schnee vor dem Fenster oder am Strand bei 40 Grad - Early Riser, oder wie der Heyne-Verlag es will “Eiswelt”, ist kein reiner Winterroman, aber einer der besten seit langem.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/jasper-fforde-early-riser</link><guid isPermaLink="false">substack:post:46474479</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 02 Jan 2022 10:49:08 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/46474479/fca46b5a176ae34419e97c11a19d6762.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>521</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/46474479/5d27e6d3296b09b818526381815918da.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Weihnachtssendung 2021]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Das wir mit unserem neuen Podcastformat, mit wöchentlichen Rezensionen und jede vierte Sendung eine Diskussion mit der diesjährig weihnachtlichen auf dem Sonntag nach der Weihnacht landen würden, daran ist letztendlich Papst Gregor der dreizehnte <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gregorianischer_Kalender">Schuld</a>, nicht wir, die wir mit Excel nicht umgehen können (in dem wir unseren Sendungsplan führen, wie sich das gehört für einen deutschen Podcast.)</p><p>Aber da wir beim Blick auf unsere Abonnementzahlen recht fundiert meinen zu können, dass dieses Jahr sehr viel schlechte Bücher verschenkt wurden, ist der 26.12. als Tag der Veröffentlichung genau der richtige: in den Umsonstladen mit dem Schund und rein mit Qualität, denn dazu haben wir drei Rezensentinnen in Sekt- und G&T-Laune eine Menge Vorschläge, was nicht heißt, dass man sich nicht auch in Weihnachtslaune ordentlich belöffeln könnte.</p><p>Links zu den Büchern findet ihr in den <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/j-d-robb-faithless-in-death-and-forgotten">letzten</a> <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/banana-yoshimoto-tsugumi-federkleid">drei</a> <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/die-falschgoldschen-weihnachtsbuchgeschenkempfeh">Episoden</a>.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-weihnachtssendung-2021</link><guid isPermaLink="false">substack:post:45963305</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Mon, 27 Dec 2021 12:47:58 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/45963305/3ac6408c3b6d2138f837725461f9dd47.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2309</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/45963305/da1b62979289f5de525ee6081ecebf3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[J. D. Robb: “Faithless in Death” & “Forgotten in Death”]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Im vorletzten Sommer stellte ich J. D. Robbs “in Death”-Serie erstmals bei Lob & Verriss vor, nachdem ich die ersten 46 Bücher dieser Reihe gelesen hatte.</p><p>Zur Erinnerung: Protagonistin der “in Death” Serie ist Eve Dallas, zunehmend erfolgreiche Kriminalpolizistin im New York der Zukunft, ab circa 2058, die diverse und oft spektakuläre Mordfälle löst.</p><p>Ihr zur Seite steht ein wiederkehrendes Ensemble von Personen, deren Rollen manchmal stärkere Bedeutung für die jeweilige Geschichte haben und manchmal weiterentwickelt wurden.</p><p>Neben der in Krimis üblichen Aufklärung brutaler Verbrechen war die zunehmende Enthüllung von Eve Dallas Kindheitsgeschichte, zunächst verborgen hinter einer durch ein Trauma entstandenen Wolke, die nach und nach durch Alpträume und Traumabewältigung verschwand, für eine lange Zeit in einer Vielzahl der Romane die wichtigste parallel stattfindende Handlungsebene.</p><p>Roarke, scheißreicher und scheißgeiler Ex-Krimineller mit dunkler Herkunft und nun geläuterter Industriemagnat, gesegnet mit dem Faktotum Summerset - eine Reminiszenz an den Batman Mythos - ist Eve Dallas bereits im 1. Band begegnet, im 4. haben sie geheiratet. Nun hilft er ihr bei den Ermittlungen, insbesondere, wenn dafür illegal Informationen zu beschaffen sind.</p><p>Das Vorhandensein unerschöpflicher Geldreserven und ihre schlechten Kindheitserfahrungen inspirieren sie dazu, viel Gutes für die Menschheit zu tun, und das ist auch wirklich wichtig: bestimmt haben alle Hörerinnen und Hörer mitbekommen, dass die häusliche Gewalt während der Pandemie neue beschissene Ausmaße erreicht hat, während dringend benötigte Hilfsangebote und Frauenhäuser permanent unterbudgetiert sind. In J. D. Robbs “in Death” Universum schaffen Eve Dallas und Roarke sichere Räume für Frauen und ihre Kinder, also ein Frauenhaus, und kämpfen für Gerechtigkeit für die Opfer von Gewalt.</p><p>Beim letzten Mal  empfahl ich die ganze Reihe (<a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/mord-2">hier</a>). Nun ist längst nicht mehr Sommer, aber immer noch Pandemie, und 2x jährlich veröffentlicht Nora Roberts, eine der erfolgreichsten Romance-Schriftstellerinnen der Welt und Dauerstammgast auf der Bestsellerliste der New York Times, unter dem Pseudonym J. D. Robb einen neuen Teil der Eve Dallas/In Death Serie.</p><p>Zeit für Eskapismus, Zeit für 2 weitere Bände: Nr. 52: “Faithless in Death” und Nr. 53: “Forgotten in Death”.</p><p>Habe ich die Lektüre genossen: natürlich. Hat diese meine (nicht besonders hohen) Erwartungen erfüllt? Nein. Leider. </p><p>Die aufzuklärenden Kriminalfälle waren spannend, wenn auch nicht besonders innovativ: in “Faithless” geht es um eine (geheime) Sekte, die misogynen und rassistischen Vorurteilen anhängt, sprich, nur Weiße werden in familiären Verbindungen geduldet, und Frauen zur Fortpflanzung gezwungen, während Renitenz und Widerstand dagegen mit Zwangsarbeit und Gewalt geregelt werden. Die Chefs dieser Sekte haben große gesellschaftliche Macht und agieren im Geheimen, denn solche Überzeugungen und vor allem die daraus resultierenden Handlungen sind - da sind wir in der Zukunft - längst geächtet. Mindestens eine ähnliche Story hatte J. D. Robb schon beschrieben, wenn auch mit anderen Vorzeichen, aber das ist im Verhältnis zu den nächsten Kritikpunkten fast zu vernachlässigen. In “Forgotten in Death” wird zunächst eine Obdachlose mit eingeschlagenem Schädel auf einer Baustelle gefunden, wenig später in einem anderen Teil der Baustelle ein weibliches Skelett mit einem Fötus, deren Aufklärung Eve Dallas gleich mehrere Verbrecher zur Strecke bringen lässt und für die Toten Gerechtigkeit, wenn auch zu spät, schafft. </p><p>Während der Zukunftsaspekt der “in Death” Serie abnimmt, weil sich die Gegenwart immer mehr an die Handlungszeit der Serie annähert - zum Start 1995 war die imaginierte Zukunft des Jahres 2058 einfach viel weiter weg als nun 25 Jahre später - spielen aktuelle Themen, um die gesellschaftliche Kämpfe geführt werden, eine immer größere Rolle.</p><p>Leider verflacht die Darstellung der Charaktere zunehmend. Sie sind eindimensional, und dies ist ganz klar der Länge der Serie geschuldet: </p><p>Die großen und persönlichkeitsbildenden Traumata der Protagonisten Eve Dallas und Roarke sind nach mehr als 50 Bänden enthüllt. Nun sind sie glücklich verheiratet und machen keinerlei Anstalten, das zu ändern. Persönlich freut mich das sehr, aber außerhalb des aufzuklärenden Kriminalfalls endete eine Spannung erzeugende Erzählachse.</p><p>Auch die Entwicklungen des Ensembles an der Seite von Eve Dallas ist nun eigentlich abgeschlossen, wenn J. D. Robb nicht entgegen ihrer Gewohnheit den Sympathieträgerinnen Unheil angedeihen lassen möchte: Eve Dallas’ beste Freundin Mavis ist schon einige Zeit super erfolgreich, glücklich verheiratet und hat ein Kind. In einem Band war der Running Gag, dass sowohl Eve Dallas als auch Roarke überhaupt keinen Bock hatten, Mavis bei der Geburt zu begleiten und ihnen das alles suspekt ist, weil sie sich selbst genügen, und grausame Morde leichter zu ertragen sind als Wunder und Umstände der Geburt eines Babys, aber selbst das ist durch. Die Verwicklungen in der Liebe zwischen Eve Dallas Assistentin Delia Peabody und Detective Ian McNab sind geklärt. In der Vergangenheit konfliktanfällige Beziehungen wie z. B. zur erfolgreichen Journalistin Nadine Furst, die zu Beginn der Serie zwischen dem Landen eines schnellen Scoops oder der ganzen Geschichte hin- und hergerissen war, ist einer tiefen Freundschaft gewichen, die Nadine nach der Veröffentlichung von einigen Fällen von Eve Dallas auch als erfolgreiche Romanautorin etablierte.</p><p>Fast alle Konfliktherde sind nun gelöst, selbst die permanenten Battles zwischen Roarkes Butler Summerset und Eve Dallas sind Geschichte. Das ist zwar nachvollziehbar, denn es wäre auch wenig glaubwürdig, wenn Eve Dallas den Butler immer weiter dissen würde, obwohl sie in den vergangenen Jahren viel Hilfe von ihm bekommen hat und sein interessanter Lebenslauf ebenfalls ausführlich beschrieben wurde. Dem Kampf Eve Dallas mit den häufig anderen Frauen zugeschriebenen weiblichen Vorlieben, die diese schlicht unsinnig findet und ihr große Angst vor der allseits beliebten und häufiger auftretenden Kosmetikerin Trina bescherten, wurde von J. D. Robb - längst überfällig - kein Raum mehr gegeben. </p><p>So bleiben nur ein paar lame wiederkehrende Gags, wie die grell gemusterten Krawatten eines ihrer Detectives, aber das ist einfach zu wenig, wenn sich die Bücher der Serie vorher durch vielschichtige Persönlichkeiten und Beziehungen auszeichnete. </p><p>Damit ist die Geschichte nun auserzählt, weil Entwicklung und Hintergrund der Protagonisten enthüllt sind. Leserinnen und Leser, die die komplexen Hintergründe nicht in den ersten 50 Bänden erfahren haben, dürften die Stories schlicht flach finden. Vielleicht ist das Weglassen aber auch dem Wunsch der Autorin geschuldet, treuen Lesern nicht mit Wiederholungen auf den Keks zu gehen.</p><p>Ähnliches gilt leider für die Jack Reacher Reihe, hier bin ich beim letzten Band noch nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Adieu, Eve Dallas, es war eine schöne Zeit.</p><p>Nächste Woche diskutieren Anne Findeisen, Irmgard Lumpini und Herr Falschgold die Bücher der letzten Wochen. Wer vorlesen möchte, findet diese auf lobundverriss.substack.com</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/j-d-robb-faithless-in-death-and-forgotten</link><guid isPermaLink="false">substack:post:45713546</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Dec 2021 12:25:22 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/45713546/765ca27f23d0571f6a1c65d3e0358562.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>461</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/45713546/f46823320e2f7264115200c00bbdb92d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Banana Yoshimoto: Tsugumi - Federkleid - Lebensgeister]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Mein Lesejahr 2021 begann mit einem der großen japanischen Autoren, der auch hierzulande vielen bekannt sein dürfte und durch Werke wie <em>Kafka am Strand </em>und viele andere weltberühmt geworden ist. Richtig, die Rede ist von Haruki Murakami. Danach war die von mir ausgewählte Literatur jedoch eher von weiblichen Autorinnen geprägt und so kam es mir gerade Recht, als ich durch einen glücklichen Zufall mit einer echten Banana Yoshimoto Kennerin ins Gespräch kam, denn die, wie Murakami ebenfalls aus Japan stammende Autorin, war mir bis dato unbekannt. Und so wurde ich, nachdem ich mein Interesse an ihr bekundet hatte, wenig später umgehend mit Literatur von ihr versorgt. Wann immer ich ein Buch beendet hatte, war auch schon das nächste für mich ausgesucht und zurecht gelegt worden. So kam es zu der diesjährigen und mein Lesejahr beendenden Anzahl von allen guten Dingen, nämlich drei Büchern, die ich zum Jahresabschluss versuchen will, in einer Rezension zu besprechen.</p><p>Banana Yoshimoto, eigentlich Mahoko Yoshimoto, wurde 1964 in Tokio als Tochter eines einflussreichen japanischen Denkers, Dichters und Literaturkritikers sowie einer Dichterin, geboren. Sie selbst begann angeblich bereits im Alter von 5 Jahren zu schreiben und studierte später japanische Literatur. Es scheint also, dass ihr eine gewisse Prägung und Affinität für Literatur schon in die Wiege gelegt wurde. Ihre Werke <em>Tsugumi, Federkleid </em>und <em>Lebensgeister </em>erschienen in den Jahren 1989, 2003 und 2011 im Original und wurden jeweils erst einige Jahre später ins Deutsche übersetzt und im Diogenes Verlag veröffentlicht. Alle drei Bücher eint, dass sie aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin geschrieben wurden, die den Lesenden durch ihre Geschichte führt.</p><p>Der Roman <em>Tsugumi </em>erzählt die Geschichte der beiden Cousinen Maria und Tsugumi, die ihren letzten gemeinsamen Sommer verbringen, bevor Maria, die in diesem Fall auch die Erzählerin ist, das Küstenstädtchen, in dem sie bis dahin gewohnt hatte, verlässt, um mit ihren Eltern in Tokio zu leben. Die Spannung des Romans macht dabei zu einem großen Teil die Unterschiedlichkeit der beiden Mädchen aus. Während Tsugumi zwar kränklich ist und oft im Bett liegen muss, weil es ihr nicht gut geht, ist ihr Wesen trotzdem wild und ihr Verhalten teilweise fast unverschämt, aber auch bedingungslos. Wohingegen Maria ihren zurückhaltenden und liebevollen Gegenpol darstellt, was es ihr auch mitunter schwer macht, mit Tsugumis Art zurecht zu kommen und sich nicht vor den Kopf gestoßen zu fühlen. Letztlich eine Geschichte über Freundschaft, aber auch über einen ganz besonderen Lebensabschnitt, der angefüllt ist mit Träumen, Hoffnungen und dem bereits die Ahnung innewohnt, dass sich Lebensverhältnisse und -realitäten ändern werden. Ein letzter Sommer: schon die Formulierung scheint zur Metapher geworden zu sein, bei der sich einem zwangsläufig Bilder auf die Netzhaut drängen, die von Wärme und Freude, aber ebenso von Abschied geprägt sind. Ein leichtfüßiger Roman, der viele Sehnsüchte in sich vereint und sich, soweit ich das mittlerweile beurteilen kann, von anderen Werken Yoshimotos in einigen Punkten deutlich unterscheidet.</p><p>In dem viele Jahre später erschienenen Roman <em>Federkleid </em>dreht sich die Handlung um die Protagonistin Hotaru, deren Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann nach vielen Jahren abrupt endet. Dieses Ende lässt sie nicht nur den Boden unter den Füßen verlieren, sondern verdeutlicht ihr auch, in welcher Abhängigkeit sie zu ihrem Geliebten gelebt und wie wenig sie sich um sich selbst gekümmert hat. Sie verlässt daraufhin das gemeinsame Appartement in Tokio, welches er ihr überschrieben hat und kehrt in ihre Heimatstadt zurück. Hier hilft sie im Café ihrer Großmutter aus und knüpft neue Freundschaften bzw. entdeckt alte wieder.</p><p>Direkt zu Beginn des Romans wird deutlich, dass die Trennung – und das sind Trennung, Verlust und Abschied bei Yoshimoto sehr häufig – ein zentrales Motiv ist. Es ist die Aufarbeitung einer Vergangenheit die plötzlich als teilweise fremdbestimmt bzw. losgelöst von den eigenen Erwartungen wahrgenommen wird. Hotaru schafft es nur sehr langsam sich einen Alltag zu „erarbeiten“. Vor allem durch Kleinigkeiten lernt sie das Gefühl von Glück und Geborgenheit wieder spüren zu können. Wichtig in Yoshimotos Romanen, so auch in <em>Federkleid</em>, ist die ebene des Übernatürlichen. Diese Phänomene, die ganz unterschiedlicher Natur sein können, werden jedoch nicht als beängstigend wahrgenommen, sondern sind ihren Protagonistinnen oft eine Hilfe um Trost zu finden oder Zusammenhänge und ihr eigenes Leben besser verstehen zu können.</p><p>So verhält es sich auch in dem dritten, von mir besprochenen Roman <em>Lebensgeister</em>. Die Protagonistin Sayoko verliert durch einen Autounfall, bei dem sie selbst schwer verletzt wird, ihren Partner. Durch den Unfall ist sie dem Tod sehr nahe gekommen, hat quasi für kurze Zeit ein Zwischenreich betreten, in dem sie sowohl ihrem toten Großvater als auch ihren Lieblingshund, den sie als Kind besessen hat, begegnet ist. Auch nachdem sie aus dem Koma erwacht, bleibt ihr die Gabe, Geister zu sehen, erhalten und diese ermöglicht es ihr auch, langsam ihr Trauma zu bewältigen. „Ihre Art, mir zu begegnen, gab mir das Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein und nicht als jemand gesehen zu werden, der leidet und sich quält. Die Gewissheit, Teil des Lebens zu sein und mit ihm zu verschmelzen, beruhigte mich.“ (B.Y.- Lebensgeister) Diese übernatürlichen Begegnungen nutzt die Autorin nicht nur um ihrer Protagonistin durch die Trauerphasen zu helfen, sondern auch, um ihr wieder Lebenswillen einzuhauchen. Allmählich gewinnt sie ein Gefühl von Geborgenheit zurück, etwas, dass uns auch aus <em>Federkleid </em>bekannt vorkommt. Es ist ein wiederkehrendes Thema bei Banana Yoshimoto die eigenen Schwächen, Unzulänglichkeiten oder auch die Vergangenheit zu überwinden und wieder zu mentaler Stärke zu gelangen und neue Möglichkeiten wahrzunehmen. Dabei spielen natürlich auch neue und alte Freundschaften im Roman eine Rolle; Menschen die Sayokos Leben begleiten und dabei, ähnlich wie sie selbst, mit sich hadern oder eigene Verluste erlebt haben und zu verarbeiten suchen.</p><p>Ein wichtiger Fakt, der in der deutschen Übersetzung nicht vermerkt oder berücksichtig wurde, auf den ich aber in Vorbereitung auf meine Rezension stieß, ist die Tatsache, dass Yoshimoto <em>Lebensgeister </em>als Allegorie auf Fukushima verstanden wissen will. Mit dem Verfassen des Romans folgt sie nämlich der nationalen Aufforderung an die Kunst, dem japanischen Volk Aufarbeitung und Trost nach der Katastrophe anzubieten und zu ermöglichen, um die schrecklichen Geschehnisse verarbeiten zu können. Ohne diesen Verweis könnte der Roman wie eine weitere Variation bereits bekannter Themen wirken.</p><p><em>Lebensgeister </em>ist von allen drei von mir besprochenen Werken definitiv mein Favorit, auch ohne die Vorkenntnis der besonderen Umstände, unter denen er erstanden ist. Die Ernsthaftigkeit des Themas und die geradezu Leichtigkeit mit der es Banana Yoshimoto schafft, dieses zu bearbeiten, hat mich fasziniert.</p><p>Alles in allem haben die Werke von Yoshimoto etwas fabelartiges an sich. Die bereits angesprochenen und oft von ihr verwendeten Themen wie Verlust und Abschied variiert sie und gibt sie ihren Protagonistinnen als Aufgabe. Trotz der Schwere dieser Prüfungen wirken ihre Romane nicht er- oder bedrückend, sondern eher mühelos. Das Übernatürliche nutzt sie dabei als Stil- und Hilfsmittel, um ihre Figuren Zusammenhänge verstehen zu lassen, aber auch als Brücke zur Verbesserung ihrer Lebensumstände. Auch Freundschaften spielen in diesem Zusammenhang immer eine wichtige Rolle. Sie schafft damit in gewisser Weise eine Literatur die der Selbsthilfe dient, sich wunderbar leicht lesen lässt, aber nie abgedreht wirkt und einen moralischen Kompass nie außer acht zu lassen scheint.</p><p>Definitiv zu empfehlen, wenn es mal nicht der dicke Schmöcker oder die sonst so ernsten, von mir besprochenen Bücher sein sollen und man sich trotzdem gut unterhalten fühlen will. Und ein Buch unter dem Gabentisch macht sich immer gut.</p><p>Und weil wir nun so viel über Abschied und Freundschaft gehört haben und es nunmal meine letzte Rezension dieses Jahres ist, möchte ich an dieser Stelle noch ganz unkonventionell allerliebste Grüße an meine Josi nach Amerika senden. Auf bald meine Liebe!</p><p>In der nächsten Woche wird Irmgard Lumpini ihren aktuellen Lesestoff vorstellen und knapp vor dem Fest noch einige Empfehlungen für den Gabentisch aussprechen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/banana-yoshimoto-tsugumi-federkleid</link><guid isPermaLink="false">substack:post:45340189</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 Dec 2021 04:00:32 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/45340189/338c9119db4514591e99962fcb27b7ab.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>552</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/45340189/f78a9143a47b726876c71a8b23a8579e.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Falschgoldschen Weihnachtsbuchgeschenkempfehlungen 2021]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Ein Jahr geht zu Ende und wie es wohl Tradition werden wird, sitzen wir im Lockdown und haben endlich Zeit zu lesen. Man holt die ganz dicken Schmöker raus, die, für die es um 15:30 Uhr dunkel werden muss, damit man sie in realistischen Zeiträumen ausgelesen bekommt, die fetten Werke, "unter 500 Seiten gibt's hier gar nichts!", die einem von Literaturpodcasts rücksichtslos empfohlen werden, weil, man hat ja sonst nichts zu tun.</p><p>Um sie als ein solcher empfehlen zu können, muss man sie natürlich gelesen haben, wir sind hier schließlich nicht beim Feuilleton. Und dort habe ich dieses Jahr einen taktischen Fehler gemacht, und zeitgleich drei Bücher der Kategorie "Werk" begonnen und weil die "Werke" zu lesen denn doch ein bisschen in Arbeit ausartete, prokrastinierte ich mich zudem durch zwei neue Bände klassischer Thrillerreihen um augenblicklich einem reizenden Fantasy Epos verfallen zu sein. Doch der Reihe nach und, falls das nicht aufgegangen sein sollte, das ist die alljährliche Weihnachtssendung des Studio B, diesmal in drei separaten Episoden, von jedem der drei Stammrezensentinnen eine.</p><p>Im Frühjahr hat Hilary Mantel den dritten und finalen Teil ihrer Geschichte der bewegten Jahre des Thomas Cromwell am Hof Henry des VIII. veröffentlicht und da <a target="_blank" href="https://amzn.to/3pttQP6">Band I </a>und <a target="_blank" href="https://amzn.to/3ootkm4">II</a> schon 2010 respektive 2013 erschienen waren und das Verzeichnis der handelnden Personen ein dutzend Seiten lang ist, zudem die Sprache, der Witz und die Klugheit dieses Epos von mir oft genug gelobt wurden, machte ich etwas äußerst Rares: Ich las den ganzen Schinken noch einmal von vorn. Im Allgemeinen verabscheue ich dieses Verschwenden von Lebenszeit wie der Landkreis Görlitz die Vakzination, jedoch gewinnt die Cromwell-Trilogie beim zweiten Lesen noch einmal an Tiefe! Las ich die Bücher beim ersten Durchgang vor allem sprachfasziniert und manövrierte mich nur mit Hilfe der <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/X-Ray_(Amazon_Kindle)">X-Ray Funktion</a> von Amazons Kindle durch das Meer der Akteure, war ich beim zweiten mal Lesen so fest in den Grundlagen der englischen Adelskaste, dass ich "Wolf Hall" und "Bring Up the Bodies" noch einmal wie ein enorm großes Sittengemälde lesend betrachtete, bevor ich mich "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3rAEypY">The Mirror and the Light</a>" widmete.</p><p>Oh oh, nur war das auf einmal Neuland, wieder neue Akteure, wieder neue Intrigen, dazu immer noch feinste aber anspruchsvolle Sprache, nach einem Drittel war ich erschöpft und weil es also der letzte Teil der Trilogie ist, hab ich "The Mirror and the Light" nochmal zurück geschoben, wie die Oma die Blutwurstscheibe auf dem Magarinebrot im Winter '47. Auf diesen leckeren letzten Bissen will ich mich noch ein paar Wochen freuen! Ich griff also nach Alternativem, von dem ich sogleich berichten werde, nicht ohne vorher alle drei Bände der Thomas Cromwell Trilogie von Hillary Mantel für "quer durch alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten" zu empfehlen, auf Deutsch wie Englisch, das Ding hat nicht umsonst jeden Preis abgeräumt, den gibt.</p><p>Nun bin ich in Hilary Mantels Epos kurz nach Erscheinen mehr oder weniger hineingerutscht, schon wissend, dass da noch ein paar Teile kommen werden. Das sofortige Lesen solcher ersten Bände widerspricht eigentlich meinem Credo "Man liest Mehrteiler erst, wenn alle Bände erschienen sind", aber ich konnte mich dem Bann der Sprache einfach nicht entziehen. Bei "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3ltKSLZ">Peripherie</a>" von William Gibson hingegen war mir einfach nicht bewusst, dass es da drei Teile geben wird, schreibt Gibson doch im Allgemeinen alleinstehende Stories, das kann ja keiner ahnen. William Gibson, für nicht Genreaffine, schreibt im weitesten Sinne Science Fiction, hat den metaesten <a target="_blank" href="https://twitter.com/GreatDismal">Twitteraccount</a> von allen, jeder Retweet relevant und mit wundervollem Auge für das Erstaunliche unserer Zeit kuratiert und ist der Erfinder des “Cyberspace”, der große Bruder von "<a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metaversum">Metaverse</a>". Letzteres ist augenblicklich in aller Mainstreammunde, weil er von einem Psychopathen namens Zuckerberg ganz unironisch verwendet wird um uns in einen digitalen Käfig zu locken und zu versklaven, ohne zu wissen, dass das sein Ruin werden wird, ihr habt's hier zuerst gehört. “Peripherie” also ist Teil eins von dreien, erschienen im Jahr 2015 und im September 2020 bracht Gibson den zweiten Teil heraus mit dem Titel "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3rAbO0g">Agency</a>". William Gibsons Werke sprühen generell von prophetischer Kurzsicht, hier definiert als die Gabe eine Zukunft zu erfinden, so kurz hinter der Gegenwart, dass die Technologie zum Zeitpunkt des Lesens fast schon Realität ist, weshalb sich beim Lesen ein seltsames Vertigo einstellt, das man mögen muss. In Peripherie gibt Gibson zudem den Erklärminimalisten, vieles von dem was passiert und wie es passiert, ob an einem Bildschirm, in VR oder real life muss man sich erarbeiten bis erträumen, welches mich ob alltagsbedingt fehlender Muse dazu brachte, das Buch schon zweimal nach ein paar Dutzend Seiten aus der Hand hat zu legen. Aber mit jedem Neubeginn wird alles klarer, schon weil die technologischen Prophezeiungen den Realitäten wieder ein Stück näher gekommen sind und man ahnt, bald einen historischen denn einen utopischen Roman zu lesen, wenn man nur noch ein paar Monate wartet. Und ja, auch hier lese ich einen ersten Teil, wenn der dritte noch nicht einmal terminiert ist, aber bei meiner Datenverarbeitungsgeschwindigkeit bei Allem von William Gibson ist das kein Problem. Geschenkempfehlung für alle, die heute lesen wollen, wie wir in zwei Jahren denken, aber man muss ein bisschen ein Faible dafür haben, sich eine Story zu erarbeiten.</p><p>Das dritte "Werk" ist eines, von dem ich hier nichts erzählen darf, die non disclosure agreements sind also auch im unkommerziellen Literaurpodcast angekommen, wir drücken mal allen wissenden Beteiligten die Daumen, dass das Ding zur nächsten Weihnachtssendung öffentlich rezensiert werden darf, denn, es wird ein Fest. Aber, auch dieses Buch ist so fett und komplex, dass es mal für ein paar Wochen auf Seite zwei der Leseliste rutschen musste, damit man nicht ausschließlich im polaroidfilterfarbenen Amerika des kalten Krieges träumt.</p><p>Aber es ist ja Herbst, was heißt, dass man zur Ausspanne immer die Wahl hat zwischen dem neuen Jack Reacher und dem neuen Michael Connelly! Ersterer ist der Hauptheld einer <a target="_blank" href="https://amzn.to/3pwUp6i">Thrillerreihe</a> von <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lee_Child">Lee Child</a>, der aber seit zwei Bänden nur noch den übergroßen Autorentitel auf dem Cover zusteuert und die Schreiberei interessanterweise seinem Bruder Andrew übergeben hat. Nicht weil er krank oder tot wäre sondern weil, wir müssen es annehmen, er auch keinen Bock mehr auf das wandelnde Klischee "Jack Reacher" hat. Der Bruder macht es nicht schlechter als der Bruder, was nicht sonderlich schwer ist, bedient sich Lee Child doch seit Band eins einer extremen Einschränkung der literarischen Mittel, die zunächst effektvoll und erfrischend war, mittlerweile aber fast komisch anmutet. Keine Nebensätze, keine Perspektivwechsel, keine Rückblenden, Vorblenden oder ähnliches hochgeistiges Gedöns. I like. Inhaltlich waren dem Leser eines Jack Reacher Bandes schon immer 360 Seiten reinen, ungestörten Eskapismus sicher, fand die Handlung doch stets in einer amerikanischen Kleinstadt statt, in die die Realität nur in gerade so handlungsnotwendigen Schlaglichtern eindrang und auch in "<a target="_blank" href="https://amzn.to/2ZR3BJG">Better Off Dead</a>", dem aktuellen Band, gibt es kein Corona, keine Wirtschaftskrise und nur, wenn man ganz genau zwischen den Zeilen liest, einen ungewerteten Präsidenten Trump. Das ist in sich eine Leistung und liest sich so stressfrei, wie man es manchmal braucht.</p><p>Der literarische Einfluss des Bruders Andrew Lee ist insofern spürbar, als dass die fast komplette sprachliche Verödung des letzten von Lee Child allein geschriebenen Bandes "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3dhbHhZ">Past Tense</a>", dieses Jahr auf deutsch als “<a target="_blank" href="https://amzn.to/31sIxd8">Der Spezialist</a>” erschienen, in dem stilistisch die wörtliche Rede einer Kartoffelbäuerin aus Kanada nicht von der des Actionserienhelden Jack Reacher zu unterscheiden war, nicht übertroffen wurde und wenn man ganz liebevoll-optimistisch liest, ahnt man, dass da Potential und vielleicht sogar Lust ist, Jack Reacher auf neue Wege zu schicken, wir werden es erfahren, in der 6. Welle im Herbst 22. Bis dahin kann man das aktuelle Buch - so wie jedes von Lee Child - jedermann schenken, wer noch nie einen Jack Reacher gelesen hat, wird es lieben und wer schon alle gelesen hat, liest auch den. Literaturkapitalismus, Baby!</p><p><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Connelly">Michael Connelly </a>hingegen, der zweite unserer allherbstlichen Thrillerautoren, ohne die wir nicht können, hat noch Lust am Schreiben und weiß, wie man die literarische Monotonie vermeidet. Schon früh hat er den Büchern über den Kriminalkomissar mit dem wunderbaren und literarisch endlos ausschlachtbaren Namen "Hieronymus Bosch", tätig in Los Angeles, Bände mit dem Lincoln Lawyer Michael Haller als Protagonisten zur Seite gestellt, einem gewieften Strafverteidiger, ebenfalls in L.A., titelgebend aus einem Lincoln Towncar arbeitend. Parallele Bände mit folgerichtigen Stories, in denen sich die Wege beider Haupthelden kreuzten boten dem alljährlichen Leser einen Weg abseits der immergleichen Whodunits in einen literarischen Kosmos "Los Angeles" einzutauchen, in dem er bald jedes Viertel, jeden Highway kannte und zusammen das Leben von Haller und Bosch Jahr für Jahr "erlebte". Das passiert nun auch schon dreißig Jahre lang und statt auf die in unserer Hyperrealität nicht mehr statthafte Finte des nie alternden Kommissars, setzt Connelly auf neues Personal und weil der Autor ein Demokrat in California ist, ist dieses weiblich und unweiss, was nicht woke ist, sondern toll. Renée Ballard, eingeführt im Band "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3dfz5wl">The Late Show</a>" im Jahr 2017 arbeitet nur noch Nachtschicht, nachdem sie ein paar Großkopferten in der Los Angelinischen Polizei auf die Schuhe gepinkelt hat, weil sie die ihr widerfahrenen sexuellen Übergriffe nicht unter den Teppich kehrt. Und es ist den Perspektivenwechsel wert. Im aktuellen Band "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3En9Uni">The Dark Hours</a>" arbeitet sie mit Harry Bosch zusammen, der nun so alt ist, dass sie langsamer laufen muss vom Tacostand zum Auto, damit er hinterherkommt, aber er hat immer noch die Moral gepachtet und das Wissen, was zu tun ist, wenn Dir zwei Fälle gleichzeitig vor die Füße fallen und alle gegen Dich sind, auf dass ein hervorragender Thriller viel zu schnell enden wird. Auch schafft es Connelly die Handlung bis auf den Wochentag genau zu datieren, ohne dass man Angst haben muss, dass das Buch in zwei Jahren unlesbar sein wird. Unsere Hauptheldin zieht sich wie selbstverständlich die Maske hoch bevor sie die Knarre zieht, weil sie vom neuen Vakzin noch nichts bekommen hat, worüber alle ständig reden, aber gottlob ist der orange Orang Utan nicht mehr im Weißen Haus, auch wenn bewaffnete Rednecks das durch den Sturm des Parlaments gerade versucht haben zu verhindern. Man wird wohl auch in ein paar Jahren noch wissen, dass das alles im Januar 2021 gewesen sein muss. Michael Connellys Bücher sind allesamt brillant und verfallen nicht in ultramarktgerechtes literarisches Fibeltum a la "Jack Reacher am Zaun", "Bad Guy am Fenster", aber auch ohne dass man sich ein halbes Jahr Zeit nehmen müsste, deren Komplexität zu durchschauen. Verfilmt wurden einige Bände als Krimiserie auf Amazon Prime, toll photographiert, mit ph, und erstaunlich gut besetzt, mit der Ausnahme der zum <a target="_blank" href="https://harrybosch.fandom.com/wiki/Madeline_Bosch#:~:text=serious%20career%20choices.-,Portrayal,the%202014%20streaming%20series%20Bosch.">Schreien untalentiert</a> gespielten Tochter Boschs, Maggie, bei der ich einen running gag vermute, den sich das Casting erlaubt hat. Gerade Leuten, die Bosch darüber kennen, sind die neueren Bücher zu empfehlen.</p><p>Aber das war mir nicht Prokrastination genug. Podcastbedingt folge ich einigen der von uns vorgestellten Autoren auf Twitter, womit ich immer tiefer in eine Bubble obskurer Fantasiebuchempfehlungen gerate. Nun ist es gerade in diesem Genre besser in den Tiefen des literarischen Meeres zu fischen statt den immergleichen Zaubermatijes zu verschlingen, womit der Versuch eine Brücke zum Inhalt des aktuellen Schmökers zu bauen, erfolglos beendet wird. Die Trilogie, deren finaler Band soeben erschien, heißt "<a target="_blank" href="https://amzn.to/3EpUgYi">The Bone Ships</a>". Die englische Autorin <a target="_blank" href="https://twitter.com/dedbutdrmng">RJ Barker</a> erschafft darin eine Welt nur leicht neben der unseren. Es ist eine maritime, es shantied und schunkelt, rumt und "Aye Sir”t, dass es eine Freude ist, natürlich mit den Fantasy-notwendigen Unterschieden. Da wären zunächst, dass das nicht "Aye Sir" sondern "Ey Shipwife" heisst. Die Schiffe sind nämlich männlich und aus den Knochen riesiger ausgestorbener Fische hergestellt und der Käptn hat immer das generische Femininum, hier also Shipwife. Die Mannschaft ist weiblich, männlich, divers in allen Richtungen. Der Käptn hier ist auch biologisch weiblich, ihr 1. Offizier und Erzähler männlich, da knispert noch was, denke ich. Aber, die Regel auf dem Schiff heisst "fickt, aber bekommt keine Kinder" womit das gesellschaftliche Verhältnis von Homo zu Hetero mit einem Schlag auf dem Kopf steht und auch so wird subtil bis brachial ein genderaufgeklärtes Paralleluniversum mit dem im Genre eher unüblichen grau zwischen Gut und Böse geschaffen. Einzig die Schiffe sind weiß oder schwarz, je nachdem ob auf diesen Helden schippern oder Todgeweihte und auf welchem der beiden unsere Hauptheldinnen Lucky Mea und Joron Twiner, Shipwife und Deckkeep, zusammen mit zum Beispiel Bonemaster Coxward, Hatkeep Mevans oder Deckchild Fary zur See fahren, sollte offensichtlich sein. Noch im ersten Band von "The Bone Ships" lebend kann ich sagen, dass es eines der Bücher ist, auf die man sich vor dem Schlafen gehen freut, weil man noch ein paar Seiten lesen und mit ein bisschen Glück sich im Traum ein wenig gruseln kann. Eine Empfehlung sicher mehr für Nerds, dort aber definitiv nicht nur für den phänotypisch clerasilutrabedürftigen künftigen Taxifahrer mit abgeschlossenem Philosophiestudium, sondern definitiv auch und besonders für die Systemadministratorin im Homeoffice in Saigon, die ihre Job komplett automatisiert hat und drei so ne Bände in einer Woche verschlingt.</p><p>Womit genügend empfohlen sein sollte, ob für sich allein oder Freund und Feind, um bis zur fünften Welle im Frühjahr durch zu lesen und der öden Realität anregende Phantasie entgegen zu stellen. Und falls es nicht genug sein sollte, hat Anne Findeisen in der nächsten Episode von Lob und Verriss sicher noch mehr Bücher zu empfehlen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-falschgoldschen-weihnachtsbuchgeschenkempfeh</link><guid isPermaLink="false">substack:post:44889287</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Dec 2021 04:00:32 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/44889287/a118f8f7a68b4ed19ae9d402110d69e0.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>803</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/44889287/0b82679e72f808466276f2a978d4b16c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Weihnachtsempfehlungen 2021]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Wenn der Blick in den penibel geführten Sendungsplan Dir zeigt, dass die alljährliche Weihnachtsdiskussions- und Geschenkempfehlungssendung dieses Jahr am.. ähm.. Sonntag den 26.12.2021 erscheint, bemerkt selbst der pandemieverpeilteste Sendungskoordinator des Studio B - Kollektivs, dass an diesem Datum <em>irgendetwas</em> nicht stimmt. Nur was? Also spielt Herr Falschgold auf Nummer sicher und haut diesen Klassiker mit unserem Freund Mikis Wesensbitter raus, ein Klassiker voller blissfull-ignoranter Ahnungslosigkeit ob des kommenden Wahnsinns, aus einer Zeit der Atempause zwischen den big Ps: Pegida und Pandemie. Was waren wir glücklich.</p><p>Die Geschenktipps sind jedoch nach wie vor relevant und jetzt vielleicht sogar im Sonderangebot und immer noch <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/die-weihnachtsbuchempfehlungssendung-2019">in unserem Archiv verlinkt</a>.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/weihnachtsbuchempfehlungen2021</link><guid isPermaLink="false">substack:post:44556514</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 28 Nov 2021 04:00:44 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/44556514/b9b74ea413d7715b9357913c2ff4e52b.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>4107</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/44556514/ea47475a40e91fb8aa938c460ec48cff.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Benjamin Black: "Christine Falls"]]></title><description><![CDATA[<p>Eine Leseempfehlung vom Meister Stephen King himself auf Twitter: “Love Benjamin Black. Wish he'd write a supernatural novel. There's a sense of the weird about his detective novels, just under the surface.” Auftrag verstanden, Christine Falls verschlungen.</p><p>Christine Falls ist der 2006 erschienene 1. Roman einer mittlerweile 8 Bücher umfassenden Reihe von Benjamin Black, die im Dublin der 1950er Jahre spielt, und deren Protagonist Quirke im Hauptberuf als Pathologe arbeitet, nebenbei aber Rätsel und Kriminalfälle löst. </p><p>Benjamin Black ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Literaturkritikers John Banville, der unter anderem für das renommierte Literaturmagazin The New York Review of Books rezensiert und für seine Werke zahlreiche prestigeträchtige Auszeichnungen wie den Man Booker Prize gewann. Dabei verabscheut er sein literarisches Werk, ist aber mit der Quirke-Reihe weniger unzufrieden, weil er an diese geringere Maßstäbe anlegt. </p><p>Mit dem Pathologen mittleren Alters Quirke begeben wir uns ins Dublin der 1950er Jahre: ewig scheint es zu regnen, die Luftfeuchtigkeit hüllt alles in Dampf, Alkohol ist allgegenwärtig, ebenso eine immerwährende Düsterheit. Die Gespräche sind knapp, mehr wird verschwiegen als geäußert. Der Pathologe ist ein - wenn noch nicht zer-, so doch ein gestörter Mann. Trotz einiger Parallelen ist er kein typischer Detective vom Schlage Philip Marlowes. Waffen fehlen, die Gewalt ist eine andere als die sonst übliche, bei der ein Colt gezogen wird und der Gegner fällt. Gewalt wird hier nicht von abseits des Gesetzes stehenden Outlaws ausgeübt, sondern von den Dienerinnen der in dieser Zeit in Irland alles prägenden, übermächtigen katholischen Kirche, die die Luft in Benjamin Blacks 1. Roman Christine Falls immer knapper werden lässt.</p><p>Zu Beginn sieht Quirke den Totenschein einer Frau, Christine Falls, der Namensgeberin des Romans und zweifelt ihn an - zu jung und gesund ist diese für die gestellte Diagnose. </p><p>Malachy, kurz Mal, sein Stiefbruder, der als Frauenarzt im gleichen Krankenhaus arbeitet, bittet ihn um Stillschweigen und darum, die junge Tote nicht zu obduzieren. </p><p>Wenig überraschend forscht Quirke nach und entdeckt, dass neben dem gefälschten Totenschein von Christine Falls auch der dokumentierte Entdeckungsort der Toten nicht stimmt. Christine Falls ist bei der Geburt ihres unehelichen Kindes verblutet, von ihrem Baby fehlt jede Spur. Quirke findet heraus, dass sie einst im Hause seines Bruders angestellt war und verdächtigt ihn, der Vater zu sein, stößt aber bei seinen Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens. Als er die Frau findet, in deren Haus Christine Falls ihr Baby auf die Welt brachte, bringt er sie dazu, ihm einige Details zu erzählen. Wenig später wird sie ermordet.</p><p>Gleichzeitig werden wir in eine komplizierte Familiengeschichte eingeführt, in der unter der Oberfläche viele Konflikte schwelen, die erahnbar, aber lange nicht deutbar sind. Nach und nach wird enthüllt, dass Quirke einst von Mals Vater Garrett Griffin, im Buch nur “der Richter” genannt, adoptiert und aufgezogen wurde. Vor seiner Adoption lebte Quirke in einem Waisenhaus, der Carricklea Industrial School, wo er körperlichem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt war.</p><p>Die beiden Brüder waren während ihres Medizinstudiums in Boston, wo sie ein Schwesternpaar kennenlernten, Sarah und Delia, die sie dann heirateten. Delia starb während der Geburt von Phoebe. Quirke, unfähig, überließ seine Tochter Mal und Sarah, in die er verliebt ist. Niemand erzählte Phoebe, wer ihre wirklichen Eltern sind. All dies wird in kleinen Dosen erzählt, geraunt, angedeutet. Mehr wird über Benjamin Blacks Erzählungen des Innenlebens seiner Protagonisten sichtbar, als in einer draufblickenden Erzählung der Ereignisse. Wir sehen viele Introspektiven, ein trostloses Gefühl der Einsamkeit durchzieht das Buch.</p><p>Immer wieder tauchen religiöse Einrichtungen auf, ein Kloster, ein Haus, in dem junge schwangere, ledige Frauen arbeiten müssen. Niemand spricht mit Quirke, zunehmend wird ein grausiges Bild sichtbar: In dieser Zeit gab es in Irland ein dichtes Netz aus kirchlichen Einrichtungen, in das ungewollt Schwangere eingewiesen und zur Sklavenarbeit gezwungen wurden. Da vorehelicher Sex eine Sünde war, wurden die Kinder für “Ausgeburten des Satans” gehalten und ihnen alles verweigert. Ein Drittel der Kinder starb vor dem 1. Geburtstag an Masern, Lungenentzündung, Tuberkulose oder verhungerte einfach. Überlebende wurden ausgebeutet und brutal unterdrückt und missbraucht, immer mit der Überzeugung der Klerikalen, das Richtige zu tun. Ein Teil der Kinder wurde an kinderlose Paare, vor allem in die USA, verkauft.</p><p>Dies ist auch das Schicksal des Babys von Christine Falls, die von einem Kloster in Boston an ein junges Paar mit dem Auftrag gegeben wird, die Kleine im Sinne der katholischen Kirche aufzuziehen. Als der neue Vater Andy, ein von sich überzeugter, aber zutiefst unsicherer Mann, die sich oft in Gewalt gegen seine Frau und seine Kollegen zeigt, das Kind umbringt - er wollte nur, dass es aufhört zu schreien - wird dies als “Unfall” vertuscht. Die Kirche zeigt hier ihre Arroganz, ihr Agieren außerhalb der weltlichen Gerichtsbarkeit. Quirke muss erkennen, dass nicht nur sein Bruder, sondern auch sein Vater in den Handel mit den unehelichen Kindern tief verstrickt ist, ebenso der Vater seiner verstorbenen Frau. </p><p>Als er nach Boston kommt, findet er das Grab der kleinen Christine auf dem Grund des Klosters.</p><p>Eine Nonne, die mit ihm spricht, wird zwangsversetzt, ansonsten begegnet ihm Schweigen, aus dem die katholische Kirche ihre allumfassende Macht zieht und ihren Reichtum speist, stets sicher, für ihre Verbrechen nicht verfolgt zu werden. Das Verrückteste daran ist, dass die Nonnen und Prälaten überzeugt sind, im Recht zu sein, das Richtige zu tun. Die Auswirkungen sind fatal. Andy, der Christines Baby getötet hatte und weiß, dass er dafür nicht bestraft werden wird, sieht sein Verhalten gerechtfertigt und gerät immer tiefer in einen Strudel von Wahnvorstellungen, der in der Vergewaltigung von Quirkes Tochter Phoebe seinen schrecklichen Höhepunkt findet. Quirkes Familie ist auch ohne dieses Drama ein Scherbenhaufen: sein von ihm verehrter Stiefvater, der ihn einst aus dem Waisenhaus rettete, ist für die Schwangerschaft von Christine Falls verantwortlich, ebenso für das Verschicken des Babys in die USA. Sarah, seine Liebe, trennt sich von seinem Stiefbruder, als dessen Verstrickungen zutage treten. Phoebe, seine Tochter bricht mit ihm, nachdem er erst nach knapp 20 Jahren seine Vaterschaft eingesteht. Das Ende des 1. Romans zeigt Quirke, der zur Polizei geht, und einen Inspektor, der ihm wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit macht.</p><p>In den 1990er Jahren begann eine verstärkte Aufarbeitung in Irland, nachdem bereits Mitte der 70er ein Massengrab entdeckt worden war, dessen Tote zunächst den großen Hungersnöten zugeschrieben wurden. Nur durch den unermüdlichen Einsatz einiger Weniger kamen immer mehr Grausamkeiten ans Licht, Überlebende brachen ihr Schweigen. Neben den unzähligen Toten und der bis heute nicht bekannten Zahl verkaufter Kinder ist die Suizidrate unter den Menschen, die in ihrer Kindheit dem katholischen Klerus in die Hände gefallen waren, laut Statistik zehnmal höher als der Landesdurchschnitt. Unzählige uneheliche Kinder, ihre Mütter, manchmal aber auch einfach Frauen, die in einem gewissen Alter noch unverheiratet waren, wurden zu Sklavenarbeiten gezwungen, geschlagen, missbraucht. Die Dichte des Netzes, mit dem ganz Irland mit Einrichtungen dieser Art überzogen war, und das durch Kirche, Polizei und Justiz geschützt wurde, löste Schockwellen aus.</p><p>Benjamin Black hat in die Quirke-Reihe zahlreiche konkrete Erinnerungen an seine Kindheit einfließen lassen. So wohnt dieser in einer Wohnung, die Black von seiner Tante geerbt hatte. Die Atmosphäre aus Angst, Unterdrückung und Schweigen entspricht seinem Gedächtnis.</p><p>Benjamin Black aka John Banville hat sich darüber in einem Interview geäußert: “Das Aufwachsen im katholischen Irland war die pure Gehirnwäsche. Wir lernten viel Unsinn und Lügen, die uns als Glaube verkauft wurden, während die Kirche im Geld schwamm und die Leute unter ihrer Aufsicht mißbrauchte. Den Priestern und Nonnen wurde die sexuelle und amouröse Liebe verweigert, was ich für abstoßend halte, ein Verbrechen. Wir wussten, dass es Missbrauch gab und wir wussten, dass es schlimm war, aber wir wußten nicht wie schlimm, bis es die Enthüllungen gab. Und wir wussten nichts über die kriminellen Machenschaften, mit denen die Kirche ihre Verbrecher beschützte, sie von Pfarrei zu Pfarrei versetzte, um alles zu vertuschen.”</p><p>Die fortwährende Macht der katholischen Kirche war auch zu spüren, als Sinéad O’Connor, die nach einem Ladendiebstahl ein Internat der Sisters of our Lady of Charity besuchen musste, und über Missbrauch berichtete, ein Bild des Papstes in Saturday Night Live Show in den USA zerriss. In der nächsten Ausgabe der Show distanzierte sich z. B. Joe Pesci von der Künstlerin und verriet, dass er sie für diese Aktion gern geschlagen hätte, weltweit gab es wütende Proteste.</p><p>Benjamin Black schreibt Christine Falls mit all diesem Wissen, aber ohne dieses als Schablone darüber zu legen. Die Gewalt wird angedeutet und gezeigt, aber mit der Selbstgerechtigkeit der katholischen Kirche, die heute nicht mehr so denkbar ist. Ein Klima des Schweigens, der Angst. Die Liebe des Autoren zu seiner Heimatstadt Dublin ist trotzdem zu spüren.</p><p>Die ersten 3 Bücher der Quirke-Reihe wurden 2014 als Miniserie für BBC One verfilmt, die ich an dieser Stelle ebenfalls empfehlen möchte. Wer an seinen Englischkenntnissen zweifeln sollte, weil sie nichts versteht: dass ging den Briten und Iren genauso. Viele benötigten ob des Genuschels Untertitel.</p><p>Während dessen ging vor einigen Tagen der deutsche Katholikentag unter dem Motto “Seht, da ist der Mensch” in Leipzig zu Ende, fast so, als würde die katholische Kirche tatsächlich ihren Schäfchen Respekt entgegenbringen. Mit dem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche beschäftigte sich nur eine der im 640 Seiten starken Tagungskalender aufgelisteten Veranstaltungen, als Erfahrungsbericht einer Betroffenen deklariert, nicht als Kritik am System.</p><p>Es verabschiedet sich Irmgard Lumpini, den Link zum Buch findet Ihr auf unserer Website lobundverriss.substack.com. Nächste Woche diskutieren Anne Findeisen, Herr Falschgold und meine Wenigkeit die Bücher der letzten Wochen. Wer vorlesen möchte findet diese auf lobundverriss.substack.com</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/benjamin-black-christine-falls</link><guid isPermaLink="false">substack:post:44341497</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 21 Nov 2021 04:00:40 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/44341497/63c435bc455898901e8dfa283db21abd.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>610</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/44341497/7e780d5d7f5214e145ef671337088752.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Als Marianne Philips 1886 in Amsterdam geboren wird, scheint ihr Leben unter einem guten Stern und der Familie viele Möglichkeiten offen zu stehen, denn der Vater betreibt erfolgreich ein Kurzwarengeschäft und die Familie gehört dadurch dem wohlsituierten Mittelstand an. Das ändert sich jedoch durch den Tod des Vaters, noch bevor sie zwei Jahre alt wird und durch das Unvermögen des Stiefvaters, die Geschäfte gewinnbringend weiterzuführen, verarmt die Familie zusehends. Als Marianne dann im Alter von 14 Jahren auch noch ihre Mutter verliert, die im Wochenbett verstirbt, wird sie damit nicht nur zum Waisenkind, sondern muss sich auch um die jüngere Halbschwester sowie das Baby kümmern. Damit übernimmt sie bereits in jungen Jahren große Verantwortung indem sie beispielsweise den Haushalt versorgt und lernt zugleich, was es bedeutet, verzichten zu müssen. Ein Leben als Schriftstellerin scheint ihr keineswegs vorgezeichnet oder gar bestimmt zu sein. Erst im Alter von 40 Jahren, nachdem sie sich bereits seit fast 20 Jahren politisch engagiert, drei Kinder groß gezogen und einen Haushalt geführt hatte, entdeckte sie die Schriftstellerei für sich.</p><p>Ihr Roman <em>Die Beichte einer Nacht </em>wurde in den Niederlanden bereits 1930 und in Deutschland 2021 im Diogenes Verlag veröffentlicht und ist in der, zunächst etwas ungewohnten, Form des Monologs verfasst. Die Protagonistin Leentje auch Heleen oder Leen genannt, befindet sich in einer Nervenklinik, in der sie sich eines Nachts zur Nachtschwester setzt, mit der Bitte, ihr aus ihrem Leben erzählen zu dürfen. Es wird sehr schnell deutlich, was für ein großes Anliegen es ihr ist, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte anvertrauen zu können, wobei es weniger darum geht, wem sie diese erzählt, sondern vielmehr um die Möglichkeit sich zu offenbaren und erstmals alles Geschehene laut aussprechen zu können.</p><p>Dabei arbeitet sie sich chronologisch an ihrer Biographie ab, beginnend bei ihrer Zeit als ältestes von 10 Kindern. Der Kinderreichtum ihrer Eltern ist für sie eine Qual, denn durch diesen wird die Kutsche niemals leer, sondern bekommt mit jedem weiteren Kind einen neuen Anstrich, was für die Familie gleichbedeutend mit Armut ist und für Leentje noch mehr Verantwortung heißt. Ohnehin kann sie nicht verstehen, dass die Eltern überhaupt noch Kinder bekommen, da sie sich nie öffentlich küssen. Entscheidend ist jedoch das letzte Kind, dass die Mutter zur Welt bringt, als der Vater bereits seit fünf Jahren gelähmt an das Bett gebunden ist: Lientje. Da die Mutter zu dieser Zeit schon älter ist und kränkelt, kann sie das Baby nachts nicht bei sich haben und so wird die Wiege in Leentjes Zimmer, neben deren Bett gestellt. Zu dieser Zeit hat Leentje die Schule bereits verlassen und arbeitet bei einer Französin als Hilfskraft in einem Nähatelier, um die Familie auch finanziell zu unterstützen.</p><p>Bereits nach kurzer Lektüre wird deutlich wie Marianne Philips auf autobiographische Themen zurückgreift. Nicht nur die Versorgung von jüngeren Geschwistern kannte sie dabei aus eigener Erfahrung, auch half sie in der Schneiderwerkstatt ihres Stiefvaters aus. Ihre Protagonistin Leentje lebt in einem Spannungsfeld von Entbehrungen, in dem sie sich für alle Dinge, die ihr geschenkt werden, bedanken muss, ganz gleich ob sie ihr gefallen oder nicht. Sie ist sich aber gleichzeitig auch ihres guten Aussehens bewusst und strebt etwas Besseres für sich an. Diese Gegensätze werden an ihrem 15. Geburtstag besonders deutlich, als sie von den älteren Näherinnen ein Kleid geschenkt bekommt, dass sie nicht von einer positiven Zukunft träumen lässt, sondern ihr ihre Armut deutlich vor Augen führt:</p><p>„Das war ich und niemand anderes, das älteste Kind aus einer Familie, die von Almosen lebte – und zugleich war mir klar, dass ich mich jetzt freuen musste. Aber das konnte ich nicht, ich freute mich nicht, sondern hatte endgültig begriffen, das Arm-sein hässlich ist.“ (S.25)</p><p>Aber Leentje gelingt der berufliche Erfolg, der auch den von ihr gewünschten materiellen Luxus für sie mit sich bringt. Zudem prägen die ersten Männerbekanntschaften ihr Leben bis schließlich hin zu einer Ehe, die jedoch nur wenige Jahre hält und weniger von Liebe als zunächst viel mehr von Bewunderung geprägt ist. Während eben dieser Ehe, die für sie zunehmend zur Belastung wird, flüchtet sie für einige Tage und reist zu ihren Eltern. Ihre übrigen Geschwister, die ansonsten im Roman keine Rolle spielen, haben das Elternhaus bereits verlassen, sind verheiratet oder gehen anderweitig ihrer Wege. Nur die Kleinste, Lientje, lebt noch bei ihnen.</p><p>Diese wenigen Tage, die Leentje intensiv mit ihrer Mutter verbringt, beschreiben ergreifend und exemplarisch die Metamorphose vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Wie Leentje als junges Mädchen bzw. junge Frau nichts anderes wollte, als der elterlichen Enge, den Pflichten und der Armut zu entfliehen. Wie sie es geschafft hat, erfolgreich zu sein und schließlich doch, in einer für sie sehr unglücklichen Lage, in eben dieses Elternhaus zurück flieht. Wie sie sich die Nähe der Mutter zurück sehnt und fast meint, nie hätte gehen zu müssen. Und schließlich weiß sie doch, „dass sich an dem, was einmal geschehen ist, nichts ändern lässt.“ (S.76) Aber die tiefgreifende Erkenntnis, wie sehr die Mutter sie schon immer geliebt hat, die sie eben erst jetzt erfassen kann und die ich als beispielhaft für das Erwachsenwerden empfinde, hat mich sehr bewegt. Überhaupt, die feinsinnigen Beschreibungen des Einander-Wahrnehmens und die Reblik auf ein Leben, mit dem Wissen vieler Jahre später, wusste Marianne Philips genau auf den Punkt zu bringen.</p><p>Leentje verlässt ihr Elternhaus mit dem Versprechen, dass sie ihrer blinden Mutter gegeben hat, die jüngere Schwester Lientje zu sich nehmen und für sie zu sorgen, wenn es der Mutter einmal nicht mehr möglich ist. Im weiteren Verlauf des Romans nimmt sie ihre Schwester dann schließlich auch bei sich auf, sie lässt sich scheiden und lernt ihre große Liebe Hannes kennen. Der Beginn dieser Liebe, der zunächst traumhaft schön ist, bedeutet letztlich den Wandel des Lebens aller Beteiligten auf einen Abgrund zu, der gleichzeitig das wichtigste Element oder Ereignis der so genannten <em>Beichte </em>ausmacht.</p><p><em>Die Beichte einer Nacht </em>befasst sich sehr intensiv mit dem Innenleben und vor allem der Psyche seiner Protagonistin, ein Fakt, der für die Zeit der 1930er Jahre und in diesem Zeitraum entstandenen Romane keineswegs üblich war – schon gar nicht von weiblichen Autorinnen. Marianne Philips beschreibt eine Frau, die geprägt ist von dem Wunsch aus dem kinderreichen und von Armut geprägten Elternhaus auszubrechen und den sozialen Aufstieg aus eigener Kraft heraus zu schaffen. Sie wirkt dabei keineswegs bemitleidenswert sondern zielstrebig. Ihre Schönheit und ihren Sinn für Schönes nutzt sie dabei geschickt aus, um ihre Ziele zu erreichen. Sie schreckt auch nicht davor zurück, Situationen zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen, nicht ohne dabei auch selbst emotional in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Der Wunsch geliebt zu werden und das Wissen um die Vergänglichkeit von Schönheit sind es aber letztlich auch, die aus einer beinah familiären Idylle mit ihrer Schwester Lientje und ihrem Mann Hannes einen Sog aus Raserei und Wahn entstehen lassen und sowohl das Leben jedes einzelnen Beteiligten als auch ihr gemeinsames, sehenden Auges jäh beenden.</p><p>Marianne Philips Roman beeindruckt so sehr wegen seines Tiefgangs und weil er dem Lesenden die Psyche der Hauptfigur schonungslos und mit all seinen Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Fehlern preisgibt. Dass ihr diese fast nachfühlbaren und teilweise auch beklemmenden Beschreibungen so eindrucksvoll gelungen sind, mag auch daran liegen, „dass der Roman gewissermaßen Teil von Marianne Philips' Therapie war und von ihrem Wunsch zeugt, sich selbst kennenzulernen, auch wenn das eine Auseinandersetzung mit den dunkelsten Seiten ihrer Seele erforderte.“ (S. 148) Wie wir heute von ihrer Enkelin wissen. Damit ist <em>Die Beichte einer Nacht </em>ein Nachspüren und Erforschen des eigenen Lebens, der eigenen Identität, der eigenen Biografie, ohne dafür – wie es der Titel vielleicht vermuten lässt – Absolution zu erwarten. Ohne es zu wissen, würde man wohl kaum darauf kommen, dass der Roman bereits vor über 90 Jahren geschrieben wurde und gerade die sehr persönlichen Erfahrungen, die die Autorin hier verarbeitet hat, machen ihn nahezu zeitlos und absolut wert, ihn auch 2021 und darüber hinaus zu lesen.</p><p>In der nächsten Woche stellt Irmgard Lumpini Sinéads O'Connors neue Autobiographie "Rememberings" vor und geht der Frage nach, was eigentlich nach dem Welterfolg der ersten Alben und dem großen Skandal des zerrissenen Papstbildes wurde.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/marianne-philips-die-beichte-einer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:43997799</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 14 Nov 2021 04:00:40 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/43997799/73c81ce013791342ca49927d9bdc05e2.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>600</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/43997799/14da1fb894c42a4e90df4f89d1462bac.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Taffy Brodesser-Akner: Fleishman Is in Trouble]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Es gibt Buchcover, da kann man nicht widerstehen. So sah ich kürzlich in meiner Twitter-Timeline das Cover des ersten Buches von Taffy Brodesser-Akner, einer Journalistin unter anderem für die amerikanische Zeitschrift für den gebildeten Mann, dem Playboy für Männer mit normaler Penisgröße: "GQ". Das Cover zeigt die Silhouette Manhattans, auf dem Kopf überlagert von dem gewaltigen Titel "Fleishman is in Trouble". Ein Triggerfeuerwerk! Manhattan, schon mal cool, warum auf dem Kopf? Fleishman, namentlich vermutbar Jüdin und an des Rezensenten Pseudonym ist sicher erkennbar, dass ich ein bisschen in Juden verknallt bin, nicht dass man mir jetzt mit Semitismus kommt, ich bin auch in die Briten verknutscht, ja, in alle vier, Engländer, Schotten, Waliser, Iren ich lieb doch alle.. ok, Iren sind natürlich keine Briten, aber, in Teilen seit 1921 doch und aber bald vielleicht wieder nicht mehr, wie kann man sich nur im ersten Absatz so um Kopf und Kragen schreiben.. << REWIND</p><p>Fleishman is also in Trouble und es klingt so toll, man denkt an "Beat the Reaper" von Josh Bazell, an Actionstreifen wie "Asher" im Milieu der jüdischen Mafia, Autoverfolgung, Slapstick. Ok, es kommt ganz anders, aber wenn man aus Prinzip keine Klappentexte liest, muss man sich nicht wundern.</p><p>Eines stimmt: Fleishman is in trouble. Er ist Chefarzt an einer New Yorker Klinik, Spezialist für Leberdinge, frisch geschieden, zwei Kinder, es ist Freitag, er hat ein Tinderdate und seine Frau holt die Gören nicht ab. Not good. Er wartet ein paar Stunden und vertreibt sich die Zeit mit Sexting. Fleishmann, ein eher kleiner Zeitgenosse, ein Leben lang zur Fülle neigend und sich auf Anweisung seiner Mutter seit dem 16. Lebensjahr komplett vergnügungsfrei ernährend, um nicht aufzugehen wie ein Hefekloß (wir reden von Cesar's Salad ohne Dressing, erfährt), wie gesagt, frisch geschieden, dass es Frauen gibt, die an <em>ihm</em> sexuell interessiert sind, oder sagen wir, dass es Frauen gibt, die sexuell interessiert sind und er hat Tinder. Es weht ein heftiger Woody Allen Stadtneurotikerwind, aber Taffy Brodesser-Akner lässt da gottlob wenig Luft ran. New York wimmelt von Klischees und der jüdische Chefarzt, wohnhaft an der Upper West Side ist nun mal ein solches, was soll man tun.</p><p>Fleishmans Ex, Rachel, kommt nicht und wir werden sie über Wochen, bis weit ins letzte Drittel des Buches nicht sehen, aber viel von ihr hören. Denn Rachel Fleishman is a b***h. Toby Fleishman, ihr Ehemann, in trouble, ist ein liebender Familienvater, kümmert sich gerne und aufopfernd um die Kleinen, bringt ein anständiges Gehalt nach Hause, nimmt die langsamere Karrierespur um mehr Zeit für die Kids zu haben und es Rachel zu ermöglichen, den Blinker auf der Karriereautobahn zu setzen. Sie arbeitet in einer Künstleragentur, bald gründet sie eine eigene, hat ein paar wirklich Hochkaräter am Start und so bringt <em>sie</em> auf einmal die Knete heim - mehr als Toby, deutlich mehr, und Chefärzte in Manhattan verdienen nicht schlecht wie wir seit Dr. House wissen. (Jaja, House spielt im fiktiven Princeton–Plainsboro Teaching Hospital (PPTH) in New Jersey, ich habe auch Wikipedia). Rachel ist ständig am arbeiten, schon während der Ehe nicht für ihre Kinder da, immer auf der Suche nach Wegen in die nächsthöhere Societyklasse. Und Fleishman? Er ist zufrieden, er hat den Job den er liebt, die Kinder die er liebt, eine Frau, die er liebt und die, so ehrlich muss er sein, ein bisschen über seinem Niveau ist, nicht erst seit sie mehr verdient als er. Und jetzt? Ist sie weg. B***h. Wahrscheinlich mit diesem Sam Rothberg.</p><p>Erzählt wird uns das <em>im Buch</em> alles von Eliza­beth Sanders, geborene Epstein, einer ehemaligen Journalistin für ein Männermagazin, wir merken, das klassische autobiographische Alter-Ego von Taffy Brodesser-Akner. Sie, also die fiktive Elizabeth Epstein, und Toby kennen sich, sie waren in den Neunzigern gemeinsam auf dem für New Yorker adoleszente Juden traditionellen, mehrmonatigen Trip nach Israel, Rumspringa, Spurensuche, die Welt sehen oder einfach nur Kiffen, Saufen und wozu sowas nun mal führt. In Tobys und Elizabeths Fall direkt in die Friendzone, Elizabeth ist einen Kopf größer als Toby, was sie nicht gestört hätte, Toby aber irgendwie doch und - es hat nicht sollen sein. Sie treffen sich wieder zu Beginn des Buches und Elizabeth übernimmt nun die Rolle nicht nur des Erzählers der aktuellen und gewesenen Troubles, in die sich die Fleishmans so begeben und nicht wieder heraus gefunden haben, sondern auch ihrer eigenen. Sie schrieb Reportagen für ein Männermagazin, gute, erfolgreiche. Sie hatte ein Vorbild dort, einen Mentor vielleicht sogar, dem sie nacheiferte, aber sie ist doch nur das Feigenblatt, die Quotenfrau, die aus einer anderen Perspektive Schreibende und wie sie merkt, dass da mit der großen Reportagejournalistinnenkarriere nichts mehr wird, entschied sie sich zum offensichtlichen: Hausfrau, zwei Kinder, ein Haus in New Jersey - und später vielleicht mal ein Buch.</p><p>Welches wir hier lesen.</p><p>Ja, das ist verwirrend. Aber wir rezensieren hier Literatur und keine Kinderbücher, da darf das. Taffy Brodesser-Akner schreibt ihre eigene Geschichte als Frau in einer Männerwelt, in ein Buch über einen Ehemann, der (in der heteronormativen Weltsicht) die Ehefrau in der Ehe war und über Rachel Fleishman, die Ehefrau in der Rolle des karrieregeilen Ehemanns. Da kann einem schon mal schwindlig werden und so soll das. Wir empören uns zusammen mit Elizabeth und Toby über seine Frau, die Welt der Karriere, der Suburbs, des Geldmachens, der Unzufriedenheit, und werden immer sicherer in unseren Ansichten - bis wir, genauer: Elizabeth, eines Sonntagmorgens Rachel begegnet und die Story, jetzt schon 300 Seiten im Buch, aus ihrer Sicht hören. Und wieder stellt sich ein Vertigo ein und die Perspektive auf den Kopf. Verdammt, kann denn nichts eindeutig sein?</p><p>Warum soll man "Fleishman ist in trouble", mal abgesehen vom Titel, lesen? Ich habe keine Ahnung, es ist seltsam. Das Buch ist weder besonders spannend noch wahnsinnig originell. Die Bilder zum Buch sind in unser aller Netflix-Hirn eingebrannt, "Grey’s Anatomy" Krankenhaus, "Revenges" Hamptons, "Billions" New Jersey, ja, irgendwie passt sogar die familienidyllische "Cosby Show" auf eine seltsame Art und Weise.</p><p>Ich, im Alter der beginnenden Weisheit, und irgendwie genug "passendes" Zeug konsumiert habend, neige unterdessen zu Abseitigem, hier Familiendramen mit Vater Mutter Kind, der ich nie ein Vater sein, weder die Mutti im Bett noch das Kind im Haus haben wollte, was interessieren mich Scheidungsdramen? Doch der Literaturkopf sagt, na kuck mal einer an, Probleme kann man haben und interessant darüber schreiben.. Wenn man, ob der Unerträglichkeit, die meisten fremden Menschen im realen Leben nicht kennenlernen will, ist die sichere Distanz der Literatur die genau richtige um, hier im Fall von "Fleishman is in Trouble", über die seltsamen Wegkreuzungen von Menschen nachzudenken: Die drei Freunde Toby, Elizabeth und Seth waren zur gleichen Zeit in Israel wie ich und ich könnte schwören, ich hab mit ihnen in der Bar in Tel Aviv gesessen, die Posse war dort allenthalben, wir haben uns vielleicht unterhalten, "Yeah, when the wall came down" "Incredible, Awesome, Goodbye" und dann ging Toby zurück auf die University nach NYC und Herr Falschgold putzt noch ein bisschen die Küche im Kibbutz, meldet sich dann wieder arbeitslos, bis die Deutsche Bank die Kreditkartenabrechnung schickt, etwas, was unsere Manhattanites wie Elizabeth, Rachel, Sam und Seth unsere Haupthelden, eher keine Bauchschmerzen bereitet haben dürfte.</p><p>Bin ich neidisch auf deren Leben? Maximal! Weil ..ich dann Bücher über Ostdeutsche Scheidungen interessant fände und das war mir bisher noch nicht vergönnt.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Anne Findeisen den wiederentdeckten Roman der bereits 1951 verstorbenen, niederländischen Autorin Marianne Philips mit dem verheißungsvollen Titel “Die Beichte einer Nacht”. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/taffy-brodesser-akner-fleishman-is</link><guid isPermaLink="false">substack:post:43344056</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 07 Nov 2021 04:00:43 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/43344056/f40885a31f2bba44618749270ef9051b.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>376</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/43344056/79ab22565fa9c4d7ecbe22e1fb2bd237.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Rooney, Meyerhoff, Evaristo]]></title><description><![CDATA[<p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-rooney-meyerhoff-evaristo</link><guid isPermaLink="false">substack:post:42602567</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 31 Oct 2021 04:00:02 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/42602567/d9428a64535b2e0c9aee609e0ca96e55.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2111</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/42602567/ff4eb2fe21164a255fdb4d6ae88974fc.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Bernardine Evaristo: Girl, Woman, Other]]></title><description><![CDATA[<p>Was ist das Beste am Lesen? Das Eintauchen in andere Welten, seien sie utopisch, dystopisch, fantastisch, dokumentarisch, fiktiv, historisch, in anderen Sprachen, Sprechwelten, Denkweisen, schwer, unterhaltsam, romantisch, unser Bild der Welt bestätigend oder zerstörend, eine Öffnung für anderes durch ein Versinken oder Abgestoßensein.</p><p>Das heute hier vorgestellte Girl, Woman, Other der britischen Autorin Bernardine Evaristo beschreibt in 4 Kapiteln die Leben von 11 Frauen und einer nichtbinären Person, in jedem Kapitel werden 3 Protagonisten in den Mittelpunkt gestellt, die Kapitel tragen ihre Vornamen. Dabei stehen die meist schwarzen Frauen teilweise in familiären Beziehungen zueinander, einige verbinden gemeinsame Lebensabschnitte wie z.B. eine gemeinsame Schulzeit oder das Studium. Die meisten leben in London.</p><p>Es gibt verschiedene Zeitebenen. Eine der Protagonistinnen, die viele der Charaktere als Verbindung haben ist Amma, eine lesbische schwarze und etablierte Künstlerin, deren neuestes Theaterstück am Abend uraufgeführt werden wird. Im 5. Kapitel, nachdem Girl, Woman, Other die verschiedenen Leben, ihre Umstände und Ereignisse über nahezu 100 Jahre offenbart, finden wir uns auf der Afterparty der Uraufführung wieder.</p><p>In einem Epilog baut Bernardine Evaristo dann ein Finale in allerfeinster Soap Opera Manier.</p><p>In den einzelnen Kapiteln sehen wir die Innenansichten der Protagonistinnen, die auch ihre Haltung oder Erlebnisse mit anderen der Frauen schildern. Dadurch verschieben sich häufig Annahmen über sie, die durch in anderen Kapiteln getroffene Aussagen entstanden sind. Elterliche Prägung, Traumata, Freundschaften, Liebe, Sexualität, Gesellschaft und ihre Vorurteile, Rassismus und Aufstiegsmöglichkeiten sind einige der Themen, die immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt werden. Ein weiteres Thema, das häufig durch die Protagonistinnen diskutiert wird, ist Feminismus und ihre unterschiedlichen Ansichten über die letzten Jahrzehnte. Manchmal - zum Glück nicht oft - kommt man sich wie in einem Proseminar der Gender Studies vor, auf der anderen Seite schadet es rein gar nichts, darüber etwas zu lernen.</p><p>Als Motivation für Girl, Woman, Other gab Bernardine Evaristo, Tochter einer weißen Britin und eines nigerianischen Vaters an, dass sie frustriert war, dass schwarze britische Frauen in der Literatur nicht sichtbar sind und wollte etwas gegen ihre Abwesenheit unternehmen.</p><p>Die Leben ihrer Protagonistinnen reichen von Teenagern bis zu einer Frau in ihren 90ern, die jedoch nicht immer linear beschrieben werden. </p><p>Girl, Woman, Other ist ein Werk, dessen Welt vielen nicht bekannt ist, weil wir bisher nicht viele Gelegenheiten hatten, über sie zu lesen.</p><p>Es dauerte für mich ein wenig, bis ich mich mit dem Stil des Buches zurecht fand: es gibt kaum Punkte, der Rhythmus wird durch die Zeileneinteilungen vorgegeben, die den Fluss beschleunigen oder verlangsamen, ein Hybrid aus Prosa und Poesie.</p><p>Girl, Woman, Other unterstützt eine Verschiebung des Mainstreams, der uns, die wir in der sächsischen Provinz leben, zunächst durch Fernsehserien wie The L-Word, Sense8, Orange Is The New Black, Transparent oder Tales of the City begegnete. Durch politische Initiativen wie Black Lives Matter und metoo, die sich mit (Über)Leben und dem Weiterleben nach traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen und bestehende Verhältnisse radikal ändern wollen, um eine gerechtere Gesellschaft für alle, die vor der Überwindung des Rassismus die Anerkennung von weißen Privilegien als Voraussetzung sehen und die Überwindung von patriarchalen Strukturen für unabdingbar halten, wird die Kunst der lebenden Bilder in konkreten Bewegungen unterstützt. </p><p>Durch beides wird die Sichtbarkeit verbreitert, unterschiedliche Lebensformen sind vorstellbarer, unterschiedliche Lebensrealitäten bekannter und tiefer im öffentlichen Bewusstsein verankert, und so werden Leben, die einst als exotisch, abweichend oder gar abstoßend empfunden wurden zum Kanon des Möglichen hinzugefügt, der Mainstream verschiebt sich nicht nur, sondern wird verbreitert.</p><p>Dabei ist die Frage nach der Zugehörigkeit zum Mainstream eine, die nicht wenige der Protagonisten in Girl, Woman, Other beschäftigt. Ist sie als Ausverkauf an das Establishment ein Verrat oder kann sie ein Erfolg sein? Die Protagonistinnen finden unterschiedliche Antworten.</p><p>Bernardine Evaristo, die den Titel einer MBE verliehen bekam und in Großbritannien eine bekannte und renommierte Autorin ist, sprach in einem Interview kurz nach der Wahl von Trump zum Präsidenten der USA ihre Vermutung aus, dass in der Zukunft mehr Bücher geschrieben würden, die sich entweder satirisch mit ihm auseinandersetzen oder aber eine solidarische Gesellschaft zum Thema hätten.</p><p>Girl, Woman, Other ist der letzteren Kategorie zuzuordnen. Vor wenigen Tagen wurde dem Werk, welches nicht in deutscher Übersetzung* vorliegt (wie übrigens bisher keines der 9 Bücher von Bernardine Evaristo), der diesjährige Booker Prize zuerkannt, den seit 50 Jahren der von einer Jury ausgewählte beste englischsprachige Roman des Jahres erhält. Sie ist die 1. schwarze Frau, die damit ausgezeichnet wurde. Kritik gab es vor allem dafür, dass sie sich diesen Preis mit einer anderen teilen musste: Margaret Atwood, die für die Fortsetzung ihres Romans “The Handmaid’s Tale”, “The Testaments” prämiert wurde. Auf den Fotos der Ausgezeichneten sehen beide glücklich aus, wie eine Reminiszenz an den Schluss von Girl, Woman, Other: </p><p>“this is about beingtogether.”</p><p>* Mittlerweile liegt eine deutsche Übersetzung mit dem unschönen Titel “Mädchen, Frau etc.” vor. (WTF?! Other ist nicht etc.)</p><p>In der nächsten Ausgabe wird diskutiert, wie immer schön ruhig.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/bernardine-evaristo-girl-woman-other</link><guid isPermaLink="false">substack:post:42460144</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 24 Oct 2021 03:00:11 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/42460144/5f1cb37922da1f33e6ae969ec57728b0.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>372</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/42460144/8406be96aca48c815b921de143a1a530.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Joachim Meyerhoff: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Als ich im Sommer Joachim Meyerhoffs Buch <em>Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke </em>geschenkt bekam, war mir der Autor bis dato gänzlich unbekannt. Ein Blick ins Internet genügte, um herauszufinden, dass es sich bei Joachim Meyerhoff nicht nur um einen Schriftsteller, sondern auch Regisseur und in der Hauptsache Schauspieler handelt. Mit seinem 2015 im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichten Roman, befinden wir uns bereits im dritten Band seiner Reihe: <em>Alle Toten fliegen hoch</em>.</p><p>In diesem beschreibt er autobiographisch seine Zeit, in der er, für ihn selbst überraschenderweise, auf der Schauspielschule in München angenommen wurde und sein damit verbundenes Zusammenleben mit seinen Großeltern in deren Villa, in der Nähe des Nymphenburger Parks. Das sogenannte <em>rosa Zimmer</em> im großelterlichen Haus bezog er in Ermangelung einer eigenen Wohnung und es sollte ursprünglich nur übergangsweise als Wohnstätte dienen, wurde aber schließlich zu seinem zu Hause, während seiner gesamten Schauspielausbildung.</p><p>Bereits im ersten Kapitel des Buches, welches den Titel <em>Fünf Etappen </em>trägt, wird dem Leser sehr eindrucksvoll der Alltag von Großmutter Inge und Großvater Hermann, der von <em>Ritual, Disziplin und Skurrilität </em>geprägt ist, geschildert. Bei den fünf Etappen handelt es sich um Getränke, deren Einnahme den Tag strukturieren. Punkt neun Uhr morgens beginnen sie ihren Tag mit einem Glas Champagner, wodurch es ihnen, wie Meyerhoff uns wissen lässt, gleich viel besser geht. Punkt ein Uhr zum Mittagessen folgt der Weißwein, es schließt sich der Sechs-Uhr-Whiskey an, dem Rotwein und geistreiche Konversation zum Abendessen folgen. Abgerundet und das Ende des Abends einläutend, gibt es schließlich Cointreau. Dieser, den Großeltern scheinbar nichts-anhaben-könnender, täglich aufs Neue stattfindende Konsum und Rausch, setzt Joachim, oder <em>Lieberling</em>, wie ihn die Großmutter gerne nennt, zunächst noch zu.</p><p>„Am nächsten Morgen, Punkt halb acht klopfte meine Großmutter an meine Tür, um mich zu wecken. Sie sah wie immer blendend aus, duftete nach »Shalimar«. Auch mein Großvater sah zu mir herein, frisch wie nach drei Wochen Urlaub in den Bergen. Nie sah man ihnen an, dass sie so viel tranken. Doch ich war wie krank. Todkrank. Und dann ging alles wieder von vorne los. Oft hörte ich, während ich meinen Kopf kaum vom rosa bezogenen Kopfkissen hochbekam, wie unten die barfüßige Haushälterin schon wieder den Korken aus der Champagnerflasche knallte. Nie war ich so zerrüttet wie nach ein paar Tagen bei meinen Großeltern.“ (S.33/34)</p><p>Das Zusammenleben mit Großmutter Inge, einst selbst erfolgreiche Schauspielerin und durch einen schweren Unfall, nicht nur ihres ersten Ehemanns, sondern auch einen Teil ihre Beins beraubt und Großvater Hermann, seines Zeichens Philosoph und von besonderer Akribie geprägt, steht im völligen Gegensatz zu seiner Ausbildung an der Schauspielschule. Sich selbst fragend, wie er die Aufnahmeprüfung bestehen konnte und ob er überhaupt Schauspieler werden möchte, hangelt sich Meyerhoff durch seine Ausbildung, stets in dem Gefühl, die an ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllen zu können, überzeugt davon, nicht einmal das Probehalbjahr zu überstehen, auf der Bühne stehen und nicht gesehen werden wollend und glücklich, es bis zum Sechs-Uhr-Whiskey wieder in den Schutz des großelterlichen Hauses zurück geschafft zu haben.</p><p>„Nur bei meinen Großeltern schloss sich allabendlich die Lücke und ihre Vertrautheit und Zugewandtheit, ihr aus Hochprozentigem geknüpftes Netz fingen mich sicher auf.“ (S.136)</p><p>Neben diesen gegensätzlichen Welten, in denen sich der Protagonist bewegt, gibt es auch immer wieder Rückblicke, sei es in das Leben der Großeltern, der Mutter oder sein eigenes. Auch der Verlust ist ein entscheidendes Thema im Roman, angefangen beim Tod des mittleren Bruders, der eine entscheidende Lücke in Joachim Meyerhoffs Leben zurücklässt. Und doch ist die Trauer um ihn etwas, an dem er sich festhalten kann und die ganz und gar ihn selbst widerspiegelt. Das Lesen des Buches war für mich ein Wechselbad aus Heiter- und Traurigkeit. Hier und da hat mich Meyerhoffs Art des Erzählens an Heinz Strunk erinnert, der es ebenfalls versteht, etwas eigentlich zutiefst Trauriges so zu schildern, dass man nicht anders kann als zu lachen. Hierfür möchte ich das Buch noch einmal selbst bemühen und eine Szene aus der Trauerfeier des Großvaters zitieren:</p><p>„Danach saßen Verwandte, Freunde und die Familie im Haus der Großeltern zusammen, und meine Mutter fragte plötzlich in die eher ratlose Stille hinein: »Was waren eigentlich Hermanns letzte Worte?« Meine Großmutter überlegte. Aber meine Mutter hatte die Frage eher an sich selbst gerichtet, denn schon nach Kurzem sagte sie zu meiner Großmutter: »Er hat doch deine Hand gehalten und geflüstert: >Alles ist gut, Inge!<« Alle nickten zufrieden. Meine Großmutter dachte nach und rief plötzlich entrüstet:»So ein Humbug!, er hat doch als Letztes leise Prosit! geflüstert.« Ein erzkatholischer Philosoph dessen letztes Wort »Prosit!« ist. Ich sprang auf und rannte aus dem Zimmer, so sehr lachen musste ich.“ (S. 334)</p><p>Es verdeutlicht auch einmal mehr die spezielle Art der Großmutter, die einerseits so theatralisch und in ihrem Habitus überzeichnet erscheint andererseits liebevoll ist und stets als wunderschön beschrieben wird, wodurch ich zwangsläufig eine gewisse Bewunderung beim Lesen für sie empfand. Ihre ebenfalls große Leidenschaft für Dichter wie Paul Celan war schließlich nur noch das I-Tüpfelchen. Nichtsdestotrotz entsteht hier nicht der Eindruck, dass das Leben der Protagonisten verklärt wird. Immer wieder wird deutlich, dass das Leben der Großeltern einer strengen Routine folgt, in der alles seinen Platz hat, Möbelstücke immer an ein und derselben Stelle stehen müssen, Wanderungen bis ins kleinste Detail geplant sind und Abweichungen weder vorgesehen noch erwünscht sind. In diesen alltäglichen Handlungen entpuppt sich einerseits so viel Pedanterie und Sturheit, andererseits aber auch Zerbrechlich- und Hilflosigkeit, was in mir Faszination und Schwermut gleichermaßen auslöste. Und dann begegnen wir immer wieder diesen Lücken, die als Synonym für die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, für realen Verlust und dem Fehlen von Dingen stehen.</p><p>Meyerhoffs Buch ist für mich eine Liebeserklärung an seine Großeltern, die er mir als Leserin mit so viel Charme und Zärtlichkeit vor das geistige Auge führt, als wäre ich selbst dabei gewesen. Es ist aber auch ein Aufarbeitung seiner Trauer um den Verlust von Bruder und Vater und Ehrung der Beiden.</p><p>Ein fantastisches Buch, über das ich gern noch so viel mehr sagen würde, zukünftigen Erstlesern jedoch nicht zu viel vorweg nehmen möchte. Es ist eine Lust dieses Buch, welches traurig, tiefsinnig, lustig und äußerst bewegend zugleich ist, zu lesen. Es erhält daher meine ausgesprochene Empfehlung.</p><p>Schließen möchte ich mit einem Zitat aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“:</p><p>„Ach diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle! - Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein.“     </p><p>In der nächsten Woche gibt es einen Irmgard Lumpini Klassiker zu hören und zu lesen, nämlich Bernardine Evaristos “Girl, Woman, Other”.                                                                </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/joachim-meyerhoff-ach-diese-lucke</link><guid isPermaLink="false">substack:post:42350846</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 17 Oct 2021 03:00:50 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/42350846/3e664a11645a10805be0ee359b019fa7.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/42350846/22468086d7d8ac34607be5f4d92a1238.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Sally Rooney: Conversations with Friends]]></title><description><![CDATA[<p>In der Reihe "Herr Falschgold liest von Dingen, die ihn eigentlich einen Scheiß interessieren" ging es letztens um superreiche mittelalte New Yorker in Scheidung. Und wie es sich für eine beginnende Sucht gehört, braucht es Steigerung, hier und heute also das Thema: "Bisexuelle Anfangzwanzigjährige in Dublin", so sollte es kommen.</p><p>Sally Rooney, Jahrgang 1991, ist das aktuelle Wunderkind der englischsprachigen Literaturszene und ihr Debütroman aus dem Jahr 2017 heißt "Conversations with Friends". Schon dieser aschgraue Titel sagt uns selbstbewusst, dass man es nicht auf einen Platz in den Bestsellerlisten anlegt, aber wenn es denn so kommen sollte, ist er durch den Inhalt gerechtfertigt und nicht durch irgendwelche Marketing-Titeltricksereien.</p><p>Auch der Anreisser, der da lauten könnte: "Frances ist eine 21-jährige Dubliner Literaturstudentin und Poetin und wird uns auf ein paar hundert Seiten von ihrer ersten Liebe erzählen" taugt oberflächlich eher für die Bahnhofsbuchhandlung, aber Halt, Halt, Halt, Moment! Noch nicht abschalten!</p><p>Was ihre erste Liebe sein wird, werden wir erst am Ende erfahren, zunächst wird sie zusammen mit Bobbi, einer gleichaltrigen Kunststudentin, mit der sie gemeinsam ihrer Gedichte auf Spoken-Word-Abenden vorträgt nach einem solchen auf ein paar Gläser Wein zu Melissa eingeladen, einer Fotografin und Essayistin, deutlich älter, fast 40. Diese möchte einen Artikel schreiben über die Beiden. Ihr Mann, ein ganz unglaublich gut aussehender, mittelmäßig erfolgreiche TV-Schauspieler, kommt kurz in die Küche, in der die drei sitzen, füttert den kläffenden Cockerspaniel, nimmt sich ein Flasche Bier aus dem Kühlschrank, wechselt ein paar Worte und geht wieder ab.</p><p>Frances, Hauptheldin und Ich-Erzählerin gehen an diesem Abend, wie an jedem, ja wie in jedem Augenblick ihres jungen Lebens, so ein paar Sachen durch den Kopf.</p><p>Da ist natürlich Nick, der Hund fütternde Ehemann von Melissa, so unglaublich gut aussehend. Dann ist da Bobbi, ihre Poetry Slam Partnerin, mit der sie mal was hatte mit 17, damals in der katholischen Schule, die sie gemeinsam besucht haben, und von der Melissa, die erfolgreiche Fotografin, ganz verzückt scheint. Dazu die Wohnung, ziemlich posch, mit Wintergarten, perfekter Küche mit Mittelinsel und mehreren Sorten Wein im Kühlschrank. Frances kommt aus bescheidenen Verhältnissen und ist, oder wird von ihrer Freundin erklärt zur: Kommunistin. Bobbi ist eher, sagen wir, Anarchafeministin und nebenbei die, nach Meinung Frances, deutlich Schönere der beiden.</p><p>Die drei Frauen unterhalten sich, Melissa fotografiert ein wenig, das ist alles, was passiert.</p><p>Die Szene braucht nur ein halbes dutzend Seiten um in unserem Kopf ein Bild von unrealer Detailliertheit zu zeichen, vom Charakter der Anwesenden, dem Raum, in dem sie sich befinden, ihrer Aufstellung in diesem, räumlich und charakterlich. Es klingt nach nichts, es geht auch um wenig. Es ist als Rezensent kaum beschreibbar, was daran so atemberaubend gut ist, aber man möchte folgende Gesichter gerne gesehen haben:</p><p>Das zufriedene von Sally Rooney beim Strg-S drücken;</p><p>Das erstaunte des den Posteingang bearbeitenden Lektors im Verlag, der das Buch erstveröffentlichen wird;</p><p>Meines und jeden anderen nicht Chick-flick-lesenden mittelalten Mannes wie er leise "Wahnsinn" brummelt.</p><p>Die Henne/Ei-Frage des Literatur-, ja des Kunstbetriebes lautet: "Ist es gut, weil alle es gut finden oder weil es gut ist?" und so wie das Henne/Ei Problem ist es nur oberflächlich eine schwer zu beantwortende: Natürlich war das Ei zuerst da, denn wie es hartschalige Eier gab, lange bevor Hennen diese aus ihren Kloaken pressten, gab es hervorragende Literatur junger Autorinnen, lange bevor diese Ernst genommen wurden.</p><p>Dass mit Rooneys "Conversations with Friends" etwas literarisch wirklich Bedeutendes vor einem liegt, dazu braucht der halbwegs interessierte Leser wirklich nur das erste Kapitel. Warum das so ist, ist aber eine Erörterung wert:</p><p>Ohne den Deckel vom faulig blubbernden Topf des "Literatur" versus "einfach gute Bücher" komplett zu lüften, igitt-igitt, geht es bei Literatur für mich tendenziell um gute Sprache. Klar, Story ist wichtig, aber Kunst passiert, wenn Unaufregendes gut erzählt wird, nicht wenn Spannung dich den Kindle erst nachts um drei aus der Hand fallen lässt.</p><p>Was "gut erzählt" meint, geht nun komplett ins Subjektive. Für Anne Findeisen darf es ruhig leise schwurbeln, für mich ist es eher das reduzierte Stellen von Worten und plötzlich macht es "Wow, magic". Das was Kafka (oder in der englischsprachigen Literatur sagen wir Hemingway) so machen: einfache, konzise Sprache, Reduktion und Präzision.</p><p>Seltsamerweise, für mich und mein lobpreisendes Urteil des Romans, finden wir diese Reduktion bei Sally Rooney nur bedingt. Die Sprache ist einfach, aber konzis ist sie nicht. Auch Ideenreichtum kann man "Conversation with friends" nicht vorwerfen, ich spoilere nicht zu viel, wenn ich verrate, dass es vor allem darum geht, dass alle vier vorgestellten Personen miteinander mindestens ein bisschen rumschnackeln.</p><p>Was Rooney und ihre Ich-Erzählerin Francis jedoch haben und wo man innerhalb weniger Seiten weiß, dass das groß ist: Beobachtung, die Fähigkeit das zu Beobachtende zu beschreiben und, das Wichtigste dabei, auszuwählen, was man beschreibt.</p><p>Ob es Objekte, Begegnungen oder Gefühle sind: Francis, als Erzählerin und damit Sally Rooney als Autorin beobachtet und reflektiert, als wenn es kein Morgen gäbe. Sie kennt kein Detail, welches es nicht zu berichten gäbe um einen Raum, eine Handlung oder ein Gefühl zu beschreiben. Und da es natürlich viel zu viele Details sind, die es während einer Stunde Gespräch zwischen vier potentiellen Liebhabern in der ersten Szene eines Buches zu berichten gibt, ist es am Ende doch die Kunst der Reduktion, die Auswahl der minuskülen Gesten, Schattenwürfe oder Hintergedanken, die dem Leser zu berichten sind, um ihm ein Bild zu geben.</p><p>Und hier ist Sally Rooney einfach unglaublich in ihrer Treffsicherheit, zumal für eine 25jährige.</p><p>So denkt man und wenn man fertig ist mit "Conversations with Friends" hinterfragt man genau diesen Satz. "Für eine 25-jährige". Was soll das?</p><p>Ein Satz, der angebracht sein kann bei der Sicht auf ein Verhältnis, auch hier nochmal ohne großen Spoiler, zwischen den schönen 40jährigen und halb-so-alten Studentinnen.</p><p>Aber muss eine Anfangzwanzigjährige Autorin ungeschliffen und blind sein? Oder vergessen wir nur zu schnell, wie viel wir alle im Kopf hatten, zu einer Zeit, in der wir drei Biere brauchten um durch den Abend zu kommen?</p><p>Das Leben einer Zwanzigjährigen Studentin ist im Allgemeinen aufregender als für den doppelt so alten Schauspieler, da kann er noch so den Sommer in einem Haus in Frankreich verbringen. Es in Worte zu fassen braucht nicht mehr als ein Quäntchen Talent, Enthusiasmus für dieses und der Rest ist sich hinzusetzen und den Quark aufzuschreiben. Warum soll das eine Zwanzigjährige nicht so hinbekommen, dass ein gerne deutlich älteres und weiseres Publikum das toll findet? Im Gegenteil, so wie der vierzigjährige Schauspieler Nick im Buch schätzen wir, als Leser, Francis nicht wegen ihrer Weisheit, sondern wegen ihres Blickes auf die Welt und lieben sie für die schonungslose Beschreibung ihrer Gefühle und wie sie das macht, ohne uns mit teenagerhaftem Gesäusel zu nerven, aber auch ohne die selbstmitleidige Rückschau einer "gestandenen" Schriftstellerin auf ihre Jugendsünden. Es ist so authentisch, was Francis uns erzählt, das so alte unsentimentale Säcke wir Herr Falschgold sich plötzlich erinnern, wie das war, als man vor Liebeskummer kein Mensch mehr war sondern ein fehlerhaftes Produkt, wie ein Staubsaugerroboter, der in der Zimmerecke hängt bis eine liebreizende Putzfrau kommt, einen hochhebt und zurück in die Mitte des Lebens setzt, auf dass man weiter zynisch der Menschen Unsinn wegkommentiere. Und damit man an diesem Unsinn nicht verstopft, gibt es auf der Welt Sally Rooneys und deren Erstlingswerke, die man liest und die Welt wird für einen kurzen Moment klar und rein oder kurz: brillant!</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/sally-rooney-conversations-with-friends</link><guid isPermaLink="false">substack:post:42377535</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Mon, 11 Oct 2021 03:00:43 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/42377535/054a4934836c27824c9766c593e39ec2.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>456</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/42377535/34884184b9bbc85fa52818b8b4617e3c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - King, Price, Rosling]]></title><description><![CDATA[<p>Extrem harmonisch ging es zu, als Irmgard Lumpini, Anne Findeisen und Herr Falschgold die Werke der letzen Wochen noch einmal verbal Revue passieren ließen als da wären: <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/stephen-king-billy-summers">Stephen King mit “Billy Summers”</a>, <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/rosie-price-der-rote-faden">“Der rote Faden” von Rosie Price</a> und <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/hans-rosling-factfulness-ten-reasons">“Factfullness” von Hans Rosling</a>. Und weil das allen Beteiligten ein bisschen peinlich war, haben sie sich am Ende kurz wegen, jawoll!, Corona in die Haare bekommen. Aber nur kurz.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Herr Falschgold sein <a target="_blank" href="https://amzn.to/3a4xA28">zweites Buch</a> von Sally Rooney und wird damit zur offiziellen Expert*in für <a target="_blank" href="https://www.dw.com/de/das-ged%C3%B6ns/a-36738296">Sozialismus, Frauen und Gedöns</a>.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-king-price-rosling</link><guid isPermaLink="false">substack:post:42048509</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 03 Oct 2021 03:00:23 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/42048509/32a35df46ae6b1b9814e264d8672bfc3.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>3237</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/42048509/04345214726b4d7cebe9b76a56dda1e5.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Hans Rosling (mit Ola Rosling & Anna Rosling Rönnlund): "Factfulness: Ten Reasons We're Wrong About the World And Why Things are better than you think"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Vor einigen Wochen las ich eine Meldung, dass Bill Gates, seines Zeichens einer der reichsten Männer der Welt, der zusammen mit seiner Frau Melinda Gates Malaria und Kinderlähmung abschaffen möchte, im nächsten Jahr allen College-Absolventen in den USA ein Buch schenken wird, dass den Titel “Factfulness: Ten Reasons We're Wrong About the World And Why Things are better than you think” trägt. Hierzulande, wo Optimismus oft als die Abwesenheit von relevantem Wissen angesehen wird, trägt es den der Gesellschaft angepassten Titel “Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist”. Ganz so, als ob die deutschen Verleger gefürchtet hätten, dass ein Buchtitel trotz seines Welterfolgs unter den miesepetrigen und besorgten Bürgern keine Chance hätte, wenn er gleich auf dem Cover mit der Botschaft “Die Welt ist besser als du denkst” aufwarten würde.</p><p>Hans Rosling, der 1948 in Schweden geboren wurde und 2017 verstarb, war ein Mediziner, der auch Statistik studiert hatte und gemeinsam mit seinem Sohn Ola Rosling und dessen Frau Anna Rosling Rönnlund die Stiftung gapminder gründete und leitete, deren Ziel es war und ist, eine auf Fakten beruhende Sicht auf die Welt zu fördern und dabei ausschließlich frei zugängliche öffentliche Statistiken zu verwenden.</p><p>Große Berühmtheit erlangte er durch seine Auftritte bei den TED Talks, in denen er in schlecht geschnittenen Jackets mit einem überlangen Zeigestab Lacher erzielte und seine Zuhörer schockierte, indem er Multiple Choice Fragen stellte, die auf ein allgemeines Verständnis der Verfasstheit der Welt zielen und in absurder Höhe falsch beantwortet werden; unabhängig davon, ob er vor Studenten sprach oder vor den sogenannten World Leadern in Davos. Letztere müssten es eigentlich wissen und schneiden auch etwas besser ab. Trost spendete Hans Rosling mit der überraschend gut, weil die Unwissenden zum Lachen bringenden gewählten statistischen Vergleichsgruppe, den Schimpansen. Da sie die Fragen eher wenig verstehen, gelingt ihnen bei jeweils 3 Antwortmöglichkeiten die Auswahl der richtigen Antwort zu immerhin 33%. Damit schneiden sie jedes Mal besser als die befragten Menschen ab.</p><p>Hans Rosling spricht - zu Recht - von einer verheerenden Ignoranz seiner Zuhörer gegenüber der eigentlichen Weltlage. In seinem Weltbestseller “Factfulness” zitiert er viele Statistiken, zeigt Entwicklungen und Vorurteile, die sich hierzulande, wie im Rest der sich als “entwickelt” - in Abgrenzung zur sich “als entwickelnd” wahrgenommenen Welt, als äußerst hartnäckig erweisen. Er benennt Ursachen und - dies scheint mir neben seinem aufklärerischen Ansatz die Überzeugungskraft seiner Arbeit auszumachen - erhebt sich dabei nie über die noch nicht Aufgeklärten, schreibt und spricht mit einem zutiefst emphatischen und humanistischen Ansatz, der stets Verständnis für das Einzelschicksal zeigt, dessen Schwere verstörend sein kann, das aber nichts daran ändert, dass die Welt eine bessere ist, als wir im Allgemeinen glauben.</p><p>Eine augenöffnende Leseerfahrung, die tatsächlich das eigene Bild der Welt korrigiert und in Gesprächen und Streits mit Freunden, Familie, Stammtisch und Kollegen helfen wird. Ein Buch, dessen Empfehlung den Bildungsauftrag unseres kleinen Lokalsenders coloRadio für die ganze Dekade erfüllt: lest “Factfulness”! Obwohl ein Bestseller, ist der Titel der automatischen Rechtschreibkorrektur noch nicht bekannt, die ihn gern in Tactfulness ändern möchte.</p><p>Es ist ein Verdienst Hans Roslings und seiner Kollaborateure, tatsächlich taktvoll vorzugehen, wenn er nach und nach so ziemlich jede als sicher geglaubte Annahme widerlegt. Wie aber kommt es zur von ihm als “verheerend ignoranten” Weltsicht?</p><p>Wir wachsen in bestimmten Gegebenheiten auf, die unseren Blick auf die tatsächliche Verfasstheit der Welt mit voreingenommenen Sichtweisen vernebeln. Wir lernen von Lehrern, deren Ansichten sich nicht gemäß den Veränderungen und Umschwüngen anpassen und mit Lehrmaterialien, die aufgrund von fehlenden Praxen und Prioritäten viel zu selten aktualisiert werden. Kurz, wir lernen die Welt kennen, wie sie vor 50 Jahren war, nicht, wie sie tatsächlich ist, und beantworten Fragen wie z. B.: Wie ist das weltweite Einkommen verteilt? Wie schnell und wo wächst die Bevölkerung der Welt? Wie ist die Entwicklung der Kindersterblichkeit? Was sind die häufigsten Todesursachen? Wieviel Prozent der Weltbevölkerung sind geimpft? oder Wieviel Prozent der Mädchen weltweit genießen die gleiche Schulbildung wie Jungen? immer und immer wieder falsch.</p><p>Eine der bedeutendsten Fehlannahmen ist die Überzeugung, dass die Welt eine duale ist: auf der einen Seite die entwickelte, den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt anführende Welt, wie wir sie in Nordamerika und Europa und einigen weiteren Staaten vermuten, auf der anderen Seite die sich entwickelnde Welt, also den ganzen großen Rest. 1975, also vor mehr als 40 Jahren, war dies tatsächlich noch so. Die Einkommensverteilung zeigte 2 große Buckel: den größeren für den Teil der Weltbevölkerung, die mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen musste und den weit kleineren Teil, die bis zu 100 Dollar am Tag zur Verfügung hatte. Diese Welt gibt es nicht mehr: Hans Rosling zeigt, dass die Verteilung des Einkommens weltweit längst der Normalverteilung entspricht: nur noch ein geringer Anteil der Weltbevölkerung lebt in absoluter Armut und muss sein Leben dem Überleben widmen, ebenso ist der Anteil der Superreichen - und dies ist ein Fakt, der uns wiederum bekannt ist - sehr gering. Aber der Großteil der Weltbevölkerung gehört inzwischen zur Mittelschicht, die sich dadurch auszeichnet, dass genügend Essen und Elektrizität zur Verfügung stehen, alle Heranwachsenden eine Bildung erhalten, in überwiegender Zahl geimpft und nicht durch Masernepidemien bedroht sind.</p><p>Dies wird nur zögerlich durch Weltorganisationen adaptiert, auch wenn Hans Rosling einen Großteil seiner Zeit dafür verwandte.</p><p>Unsere zweigeteilte Weltsicht ignoriert dies, da es auch wesentlich einfacher und evolutionär begünstigt wird, die Welt in 2 Teile, in Arm und Reich, in den Westen und den Rest, in Freund und Feind zu teilen.</p><p>Die Entwicklung, für die ich hier nur ein Beispiel nennen möchte, ist eine andere: reiche Konsumenten, für deren Einordnung das Kriterium gewählt wird, dass sie sich eine Flugreise für ihre Ferien leisten können, kamen 1975 nur zu 30% außerhalb von Europa und Nordamerika, heute sind es bereits 50%. Legt man Voraussagen des Internationalen Währungsfonds zum Bruttoinlandsprodukt zu Grunde, werden 2035 73% der reichen Konsumenten außerhalb des von uns als der “reichen Welt” empfundenen Länder kommen.</p><p>Auf die Frage, wie ein Umgang mit diesen Fragen gestaltet werden soll, wird eine einfache Antwort gegeben: Zuerst messen, dann handeln.</p><p>In “Factfulness” werden die häufigsten Irrglauben benannt und Faustregeln erläutert, wie die Welt heute aussieht und wie man mit seinen Vorurteilen und - fast noch bedeutender - Ängsten, aber auch mit Meldungen umgehen kann:</p><p>1. Alles wird schlechter ist schlicht falsch, (fast) alles wird besser.</p><p>2. Die Welt ist in arm und reich geteilt. Falsch: es gibt einen Auswuchs in der Mitte, in dem sich die Einkommen der meisten Menschen befinden.</p><p>3. Zuerst müssen die Leute sozial “aufsteigen”, damit die größten Herausforderungen wie die Abschaffung der Kindersterblichkeit, Schulbildung, Elektrizität, Impfungen und ähnliches für alle gemeistert werden können. Wieder falsch, das ist schon passiert, denn nur noch ein geringer Teil lebt in der sogenannten absoluten Armut.</p><p>4. Sachen, die einem persönlich besonders gefährlich erscheinen, wie z. B. Haie, Terrorismus oder die Gefahr von Erkrankungen des eigenen Kindes, wenn man es impfen lässt, spielen in globalen Statistiken eine verschwindend geringe Rolle, auch wenn sie für das Individuum bei ihrem Auftreten gefährlich sein können.</p><p>Hans Rosling, dem sein Privileg in einem Sozialstaat aufzuwachsen, sehr wohl bewusst war und der während seines Lebens einen großen Aufschwung seines Heimatlandes Schweden erlebte, verteidigt diesen und staatliche Programme zur Bildung und Gesundheitsversorgung als Pfeiler einer Welt, die sich weiter zum Besseren wandeln wird, wenn die zunehmende Individualisierung und große Ignoranz der reichsten Einkommensschicht, die sich ausschließlich in Europa und Nordamerika findet, sich gegenüber den Fakten und den daraus gewonnenen Statistiken nicht verschließt. Es ist eines der Symptome unserer Zeit, dass sich einige wenige Superreiche diesen Aufgaben verschreiben, während die Neoliberalisierung immer noch zunimmt und diese Probleme und Herausforderungen, für die unsere Steuern vorrangig verwendet werden sollten, aus ihren Stiftungsgeldern bezahlt. Und trotzdem: Things are better than we think.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/hans-rosling-factfulness-ten-reasons</link><guid isPermaLink="false">substack:post:41801362</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 26 Sep 2021 03:00:03 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/41801362/d4ac5fd78d9aeb0d5f863dd4eea53499.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>535</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/41801362/da7329286250429ae92b605611c8c6a3.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Rosie Price: Der rote Faden]]></title><description><![CDATA[<p>„Je mehr Leichtigkeit und freudige Momente man hat, desto dunkler kann man gehen.“ Das ist ein Gedanke bzw. eine Idee, die Rosie Price beeinflusst haben soll, ihren Roman <em>Der rote Faden</em>, der 2020 im Rowohlt Verlag erschien und 2019 im Original unter <em>What Red Was</em> veröffentlicht wurde, zu schreiben. Es ist ihr Debütroman der in England, woher sie auch selbst stammt, begeistert aufgenommen wurde und auch in Deutschland sehr viele positive Kritiken erhielt. Rosie Price hat mehrere Jahre in einer der größten englischen Literaturagenturen gearbeitet, bevor sie sich vollständig dem Schreiben des Romans widmete. Das Thema des Romans, so erfährt man unausweichlich, wenn man sich im Vorhinein über das Buch informiert, soll eine Vergewaltigung sein. Ist es auch. Aber es ist eben auch noch wesentlich mehr als das.</p><p>Kate und Max lernen sich zu Beginn des Romans durch einen Zufall auf dem Campus kennen und werden schnell zu Freunden. Sie studieren beide Sprachen und haben eine Leidenschaft für Filme, was in Max' Fall auch dadurch bedingt ist, dass seine Mutter Zara eine bekannte Regisseurin ist. Kate wiederum möchte gern einmal selbst zum Film und bewundert Zara nicht nur für ihre Arbeit, sondern auch als Mensch. Durch die sich entwickelnde Freundschaft der beiden Protagonisten, die ein tragendes Element des Romans bildet, kommt es bald dazu, dass Kate Max' Familie kennenlernt. Nicht nur Max' Mutter, mit der sie sich schnell anfreundet, sondern auch seine Schwester Nicole, seinen Vater William und seinen Cousin Lewis.</p><p>Etwas weniger als das erste Viertel des Romans, welcher aus 49 Kapiteln besteht, hat eine eher langsame Erzählgeschwindigkeit. Price entwickelt auf diesen ersten 100 Seiten einen wichtigen Teil der Geschichte, die sich zunächst völlig unabhängig vom Plot der Vergewaltigung entwickelt und dennoch von großer Wichtigkeit ist. Die Leserinnen und Leser erfahren, dass Max' Großmutter Bernadette stirbt und sich die Geschwister William, Alasdair und Rupert nun um die bevorstehende Beerdigung und den Nachlass – das Haus der Großmutter – kümmern müssen, welches sie allerdings nur William und Alasdair vererbt hat. Der Handlungsstrang um Max' Familie, die geprägt ist von ihrer Vergangenheit, Erbstreitigkeiten, Ruperts Alkoholabhängigkeit und Unverständnis der verschiedenen Beteiligten untereinander, nimmt einen wichtigen Teil des Romans ein. Sie wirkt beinahe wie eine autonome Geschichte im Roman, verdeutlicht aber letztlich das Verhältnis, die Fragilität und die Zerwürfnisse der einzelnen Handelnden untereinander. Besonders beeindruckt hat mich dabei Price’ Darstellung der Beziehung zwischen Max und dessen Onkel Rupert, der nicht nur unter einem Alkoholproblem leidet, sondern aufgrund dessen schon mehrfach Unfälle hatte, bis hin zu einem Selbstmordversuch. Ganz subtil und langsam beschreibt sie das Sich-Annähern und wieder Voneinander-Entfernen, während ihr Verhalten teilweise kongruent ist, nur zu unterschiedlichen Zeiten und ihnen ein Zugang zueinander dadurch, zumindest zeitweise, nicht möglich ist.</p><p>Neben der tragenden Freundschaft zwischen Kate und Max sowie dessen Familiengeschichte, ist die Vergewaltigung von Kate, durch Max' Cousin Lewis auf einem Sommerfest, das dritte wichtige Element des Romans, das den Fortgang der Geschichte zu beschleunigen scheint. Kate leidet von diesem traumatischen Erlebnis an unter Panikattacken, Depressionen und dem Drang sich selbst zu verletzen. Sie trinkt Alkohol und nimmt starke Medikamente, um am „normalen“ Leben einigermaßen teilhaben zu können. Durch den Schmerz, den sie sich selbst zufügt, versucht sie den Schmerz der Erlebnisse zu überdecken. Rosie Price beschreibt dies in einer Schonungslosigkeit und gleichzeitig mitfühlenden Art, dass man als Leserin, im wahrsten Sinne des Wortes, Mitleid empfindet und die körperlichen Qualen der Protagonistin geradezu spüren kann. Kate ist außerdem außer Stande sich ihrem Umfeld, selbst ihrem besten Freund Max, mitzuteilen. Wochenlang schweigt sie über das Erlebte, unternimmt mehrfach den Anlauf sich zu offenbaren und verliert dann doch in letzter Sekunde den Mut, sich anzuvertrauen. Lange Zeit schafft sie es „nur“ andeutungsweise nach außen preiszugeben, dass sie etwas belastet. </p><p>„Kate wurde schnell klar, dass sich nicht sanft vermitteln ließe, dass sie vergewaltigt worden war. Es ließ sich nicht durch die Blume sagen, und weil es zwischen einer Vergewaltigung und keiner Vergewaltigung keine Grauzone gab, gab es auch keine Möglichkeit, vorsichtig vorzufühlen und ihren Zustand nur anzudeuten, um die Reaktion von jemandem abzuschätzen, dem man sich vielleicht anvertrauen könnte. Es gab nur vergewaltigt oder nicht vergewaltigt.“ (S. 118) </p><p>Und so hofft sie, dass das Geschehene von selbst immer kleiner wird und es sich irgendwann unausgesprochen in Luft auflösen wird.</p><p>An dieser Stelle offenbart sich eine Problematik, die wir in diesem Zusammenhang schon oft gehört haben und der wir deshalb nicht weniger Beachtung schenken sollten: die Angst der Betroffenen nicht ernst genommen zu werden. Die Unterstellung der Täter, die Frauen hätten es selbst gewollt. Und die Schuldzuweisungen der Opfer an sich selbst, sich nicht genug gewehrt oder nicht laut genug geschrien oder nein gesagt zu haben. Doch die Autorin stellt Kate eine Vertrauensperson, eine Verbündete, eine Leidensgenossin an ihre Seite: Zara, zu der Kate eine freundschaftliche Beziehung pflegt, scheint zu spüren – zu wissen – welches Geheimnis Kate umgibt. Sie ist schließlich auch die erste, der sie sich anvertraut und es stellt sich heraus, dass auch Zara als junge Frau vergewaltigt wurde. Was Kate jedoch verschweigt, ist die Tatsache darüber, wer ihr Vergewaltiger ist. Zwar schafft sie es nach und nach sich auch anderen Menschen zu offenbaren, doch viele Details behält sie für sich. Sie schützt sich damit nicht nur selbst, sondern auch ihre Freundschaft zu Max, seine Familie und leider letztlich auch den Täter.</p><p>Doch wie kann das Leben nach einem so tiefgreifenden und einschneidenden Eingriff weiter gehen? Price stellt hier zwei Beispiele gegenüber. Kate, die nach und nach über das Erlebte spricht und versucht weiter zu leben, sich wieder einen Alltag zu erschaffen, Arbeit zu finden – was sie nicht zuletzt auch Zara zu verdanken hat – und sogar wieder eine Beziehung führt. Und Zara, die ihre Vergewaltigung verschwieg, nicht als Opfer gesehen werden wollte und letztlich nie die Chance hat ihren Vergewaltiger zumindest zu konfrontieren, weil er tot ist. Die Autorin, Rosie Price, die selbst Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, nutzt den Roman zur Aufarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen, dem Nachspüren inwiefern dieses traumatische Ereignis sie selbst und ihre Sichtweise verändert hat, aber sie beleuchtet auch Möglichkeiten im Umgang mit dem Erlebten sowie deren mögliche Vor- und Nachteile. Dabei schließt sie auch das Umfeld des Opfers mit ein und zeigt, wie viele Menschen letztlich betroffen sind und dass das Problem kein ausschließlich privates ist, sondern ein gesellschaftliches.</p><p>Der titelgebende rote Faden ist dabei nicht nur das offensichtliche Thema, das sich durch den Roman zieht und ihn bestimmt, sondern vor allem die rote Ziernaht am Hemd ihres Vergewaltigers auf die sie starrt, während sie missbraucht wird und bereits versucht, ihr Inneres aus der Situation abzukoppeln. Dieses Rot empfindet sie im Nachgang folgendermaßen: </p><p>„Aber dieses Rot war keine Farbe, keine Warnung und keine Herausforderung, kein Stierkampftuch; nein, Rot war der Filter, durch den sie alles wahrnahm; es löschte die Zeit zwischen Gegenwart und jenem Moment aus, der nicht länger vergangen war, sodass sich ihr ganzes Wesen, von den erweiterten Pupillen über den stoßweisen Atem bis hin zur Kälte in ihrer Brust, neu ausrichtete, um die Welt von nun an durch diesen Filter zu betrachten.“ (S.135/136)</p><p>Warum man dieses Buch lesen sollte? Weil sich auch die Themen des Romans wie ein roter Faden durch unsere Gesellschaft ziehen. Es sind die Kämpfe und Rivalitäten in der Familie, Freundschaften und was sie uns bedeuten und geben können, aber eben auch der Umgang mit sexualisierter Gewalt, die uns leider ständig umgibt, auch wenn wir sie selbst gerade nicht wahrnehmen. Rosie Price schafft es, die Leichtigkeit und die dunklen Momente so in Einklang zu bringen, dass sie einen nicht erdrücken, aber mitfühlen und mitleiden lassen, ohne dabei dogmatisch zu sein, sondern feinfühlig und nicht ohne eine Brise Humor.</p><p>Ich freue mich, hoffentlich bald mehr von dieser jungen Autorin lesen zu dürfen.</p><p>In der nächsten Woche schauen wir in einem <em>Studio B Klassiker</em> auf eine Rezension aus dem Jahr 2018 zurück in der  Irmgard Lumpini Hans Roslings “Factfulness: Ten Reasons We're Wrong About the World And Why Things are better than you think”  besprach und fragen uns, ob wir auch nach anterhalb Jahren Pandemie wirklich noch optimistisch sein können.</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/rosie-price-der-rote-faden</link><guid isPermaLink="false">substack:post:41503679</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 19 Sep 2021 03:00:37 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/41503679/b5ea068e883ce22c84322ce2b364d647.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>569</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/41503679/7d74eda58f7bacaeb60d0e05e38ac4be.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Stephen King - Billy Summers]]></title><description><![CDATA[<p>Das Buch war fesselnd, intelligent und einfach grandios. Ich habe mir post lectio frustriert gegen das Cranium geschlagen und gefragt: wie präjudiziert kann man durch die Welt laufen. Seitdem benutze ich keine Fremdwörter mehr und bin frei von Vorurteilen.</p><p>Aber, ich muß nicht jeden Stephen King lesen, speziell mit den übernatürlichen Klassikern (und Neuwerken) kann ich noch immer wenig anfangen, aber Sachen wie die “Mr. Mercedes”-Reihe sind gelungener Zeitvertreib mit immer etwas mehr Tiefe, als man zu Beginn vermutet. Teil Zwei und Drei dieser Serie hatte ich mit etwas mehr Pflichtbewusstsein denn Enthusiasmus gelesen, um so mehr erfreute mich die flüchtig überlesene Schlagzeile in einer renommierten Tageszeitung, dass der neueste Stephen King mit dem unprätentiösen Titel "Billy Summers" sein "bestes Buch seit Jahren" sei.</p><p>Stephen King führt seinen titelgebenden Hauptheld Billy Summers als einen Émile Zola lesenden Auftragskiller ein. Seinen Auftraggebern gegenüber geriert er sich als eher schlicht, das hatte sich irgendwann mal so ergeben und als praktisch erwiesen. In einem Comic lesend wartet er also in einer Hotelhalle auf seinen Kontakt, äußerlich den Simpleton gebend, nicht übertrieben, aber überzeugend. Billy Summers, Anfang 40, ist ein Ex-Marine und Irakkriegsveteran, war dort ein Sniper und kam mit ein paar Orden und ohne einen halben großen Zeh zurück. Damit hatte er eine Menge Glück gehabt, was auch damit zu tun hat, dass er sein Handwerk versteht. Das erste Bild, das nicht nur vor meinem lesenden Auge entstehen wird, ist das von Thriller-Serienheld Jack Reacher. Nein, nicht der durch hochkomplexe Kameraarbeit auf Format gefilmte halbe Hahn Tom Cruise. Der richtige Jack Reacher, der für mich immer seinem Autorenvater Lee Child am ähnlichsten sein wird, groß, hager, mit einem schmalen, stählernen Lächeln. Wie Jack Reacher also hat auch Billy Summers keine großen Bauchschmerzen, seiner Arbeit nachzugehen und dabei Leichen zu hinterlassen, aber stets mit einem moralischen Code, der simpel sagt: "Ich töte nur böse Menschen." Wie einfach das ist, können wir uns vorstellen und wird natürlich ein roter Faden im Buch sein.</p><p>Wir werden lernen, dass Billy Summers sehr zeitig im Leben getötet hat. Er musste im Alter von elf Jahren mit ansehen, wie der Abschaum von einem Freund seiner drogensüchtigen Mutter eines Abends in ihr Haus kommt und seine kleine Schwester zu Tode tritt. Billy kann sich nur in letzter Not und mit Hilfe des Armeerevolvers des Arschlochs retten, der - zum Glück, Amerika! - im Haus einfach so rum liegt. Er schießt dem Dreckskerl in den Bauch und lässt ihn verbluten. Diese Szene wird ihn und uns begleiten. Es ist ein Buch der Rückblenden und: Es ist ein Kunstwerk.</p><p>Zunächst jedoch finden wir Billy Summers in einem kleinen Kaff in Kentucky. Er ist hier um einen letzten großen Auftrag angeboten zu bekommen. Der wird so lukrativ sein, dass er sich zur Ruhe setzen kann. Ihm ist nicht ganz wohl dabei, denn nicht nur er weiß, dass das schief gehen kann, dass das der Stoff ist, aus dem Filme und Bücher gemacht werden.</p><p>Billy Summers sitzt also in einer Hotellobby und liest Comic. Ein alter Bekannter aus der Unterwelt hat einen Auftrag: eine halbe Millionen jetzt, anderthalb Millionen nach getaner Arbeit. Wenn er zustimmt, wird er beauftragt, einen Auftragskiller zu killen. Billy stellt die obligatorische Frage und ja, das Target ist kein guter Mensch. Neben den dutzenden Auftragsmorden, bei denen Billy jetzt nicht in der besten Position ist pro oder contra, gut oder böse zu argumentieren, hat der Auftragsmörder letztens zwei Leute nach einem Pokerspiel abgeknallt, weil sie gegen ihn gewonnen haben, was ja wirklich unsportlich ist. Billy sagt ok, eine halbe Minute später hat er $500.000 auf einem Nummernkonto in der Karibik.</p><p>Billy ist beauftragt, es wird ein Plan geschmiedet. Ein schmieriger Immobilienbesitzer hat einen Büroturm genau gegenüber dem Gerichtsgebäude, wo dem Auftragskiller der Prozess gemacht werden wird, mit idealer Sicht auf den Eingang, durch den er TV-wirksam vom Sheriff mit dem übergroßem Cowboyhut im orangen Einteiler und mit Hand- und Fußfesseln vorgeführt werden wird. Einziges Problem: keiner weiß wann. Es wird noch mindestens ein paar Wochen, vielleicht Monate dauern, bis der Angeklagte aus Kalifornien ausgeliefert wird. Billy muss also warten, und damit er einen plausiblen Grund hat hier zu sein, wird die Legende gebaut, nach der Billy Summers ein Schriftsteller von der Ostküste sei, der mit seinem Buch nicht fertig wird und von seinem Agenten in den Schreiburlaub dahin geschickt wird, wo er nicht den ganzen Tag den Vorschuss verhuren und versaufen kann. Man mietet ihm ein beschauliches Wohnhaus in den suburbs, dazu das ideale Eckbüro mit Sicht auf das Gerichtsgebäude und gibt ihm ein MacBook, auf dem er "irgendwas schreiben" soll, um in die Rolle zu kommen.</p><p>Diese leicht sperrige Konstellation ist ganz, ganz eventuell das einzige, was man dem Buch vorwerfen kann, mir fallen ein halbes Dutzend Wege ein, das Ganze mit deutlich weniger Aufwand durchzuziehen; andererseits, was weiß ich schon, ich bin schließlich kein Auftragsmörder. Oder vielleicht doch?!</p><p>Egal, denn dieses Setting, womit wir uns übrigens von der konkreten Handlung verabschieden, keine Spoiler mehr ab hier, Rezensentenehrenwort, diese Konstruktion also, ist wohl und sehr bewusst gewählt denn es ist der Grund, warum wir hier einen Stephen King besprechen. Wie jeder weiß, ist das überflüssig. Die-hard-Fans von Stephen King lesen das Buch eh und Leute, für die Stephen King unter Niveau ist, Leute mit Vorurteilen also, lesen noch nicht mal diese Rezension. Unvorstellbar.</p><p>Dass Stephen-King-Bücher immer etwas tiefer sind als man denkt weiß ja jeder, "Billy Summers" jedoch ist viel mehr geworden: es ist ein praktisches Lehrbuch der Schriftstellerei in der Form eines Thriller. Es würde Pflichtmaterial für die Verwendung an belletristischen Hochschulen werden, wenn es diese denn gäbe. Stephen King packt alles, was er als Schriftsteller über den Prozess, das Denken und Arbeiten weiss und dann noch ein paar Sachen Extra in einen Krimi und schafft ein "Vermächtnis", wenn so ein Wort denn zu Stephen King passen würde und nicht zu endgültig klänge. Stephen King wird eine Buchlänge lang zum Autoren für Autoren.</p><p>Alles beginnt mit der Struktur: Während Billy Summers, der Killer, in seiner Tarnung als Schriftsteller auf den Anruf wartet, dass sein Opfer auf dem Weg ist, denkt er sich, kann er auch ein bisschen schreiben. Wie man liest weiss er, wie schwer kann schreiben sein? (Das ist im subtext natürlich auch ein Hinweis an jeden Leser und potentiellen Schriftsteller). Erlebt hat Billy Summers genug: von der Horrorkindheit über seine Zeit im Waisenhaus, seine Ausbildung bei den Marines, die Horrorzeit im Irak bis zum Karrierewechsel vom staatlichen zum privatwirtschaftlichen Auftragskiller. Also setzt er sich an den ihm zur Tarnung gestellten Notebook und schreibt über seine Kindheit. Da er (zutreffend) annimmt, dass alles, was er schreibt von seinen Auftraggebern mitgelesen wird und diesen ihn als Simpleton kennen, übt er sich im Stil eines solchen und schreibt aus der Perspektive und in der Sprache des elfjährigen Billys. Dabei zeigt Stephen King im Buch die Fehler und Fehlversuche, die man unweigerlich beim Schreiben macht, und beginnt Kapitel zum Beispiel in "verbesserter" Kindersprache von neuem, wie ein A/B Test. Wir lesen, typographisch durch serifenlose Abschnitte abgesetzt, die wahre Geschichte des Billy Summers. Wir lesen im einfachen Stil von seiner Kindheit und von seiner Zeit im Waisenhaus.</p><p>Als er sich in der Haupthandlung, dem Thriller "Billy Summers", zuverlässig von der Überwachung durch seine Auftraggeber befreien kann, kommt er zum zutreffenden Gedanken, dass er über die Erlebnisse als Soldat in Fallujah, Irak, in seiner eigenen Sprache berichten kann und sollte und wir lesen seitenlange fesselnde Einschübe aus dem alternativen "Billy Summers", die Geschichte von persönlichen Fuckups in einem abgefuckten Krieg. Dabei greift Stephen King auf ein Buch mit Namen "No True Glory" von Bing West zurück, welches er im Nachwort erwähnt und empfiehlt, womit King dem unsicheren Autoren demonstriert, dass man nicht alles selbst erlebt haben muss und wie man fremde Quellen in seinen eigenen Sound transponiert.</p><p>Da Stephen King Billy Summers, den Schriftsteller, die Geschichte seiner Entwicklung zum Billy Summers, den Auftragskiller schreiben lässt, vereinigen sich diese beiden Stories, je näher sich Präteritum und Präsens kommen. Dass es kompliziert werden kann, wenn sich Fiktion und Fiktion in der Fiktion nähern und dass dabei strukturell sauber gearbeitet werden muss, lässt King dann innerhalb der Story die Protagonisten besprechen, was in einer letzten Wendung des Romans geschieht. Es ist erstaunlich und brillant.</p><p>Weit vorher jedoch, in einer sehr überraschenden Wendung, wird - sehr dramatisch -  eine einundzwanzigjährige Studentin in die Story eingeführt. Überraschend nicht nur für die Handlung, sondern weil Stephen King sich damit völlig ohne narrativen Zwang in die Situation begibt, das Verhältnis des Mittvierzigers Billy Summers zur blutjungen Alice bis zum Ende des Buches zu untersuchen und zu beschreiben, etwas, was sich in unseren woken Zeiten fast nur noch ein Stephen King ohne Angst um die Karriere leisten kann. Er schreckt dabei vor keinem Topic zurück: ob Liebe, Hass, Vergewaltigung, Pädophilie, männliche Physiognomie; jeden potentiellen Absturz von der argumentativen Klippe meistert er mit tiefem Mitgefühl für den toxischen s**t, den die meisten Frauen in ihrem Leben oft nicht nur einmal erleben müssen, und klingt dabei nie wie eine #metoo timeline auf Twitter. Er spricht ein "kompliziertes" Thema nach dem anderen an, organisch innerhalb der Haupthandlung, und meistert es mit Bravour und voller Zärtlichkeit, mit fast surreal-traumwandlerischer Sicherheit. Man hält oft genug den Atem an, ob Stephen King die Kurve bekommt oder über die Cancelklippe springt - und wird jedesmal erlöst. Ich bin sicher, dass mir das gesamte Internet da zustimmt und denke nicht, dass ich das groß googlen muss.</p><p>Und wie ein Mittelfingerzeig dem "ernsthaften" Literaturbetrieb (und weil er es kann) schafft er es am Ende eines strukturell wie thematisch seriösen Werkes selbst aus dem zynischsten Literaturkritiker eine Träne auf's Papier zu wringen in einem sich twistenden und windenden Ende, welches dennoch keine Seite zu lang ist.</p><p>Stephen King erweist sich mal wieder als der Meister der überraschenden Wendung und hat einen Roman geschrieben, der in der Rezension konstruiert erscheinen mag, beim tatsächlichen Lesen jedoch fließt und pageturned wie man es vom Autor kennt und erwartet. Ich, der ich meine Bücher gerne geradlinig habe, Rückblenden eher skeptisch gegenüberstehe (und meinen <em>Hass</em> gegenüber der Vorblende hier oft genug geäußert habe), dem Bücher in Büchern höchst suspekt sind und der Bücher "Aus dem Leben eines Schriftstellers" für eitle Eigenbauchmiezelei halte, stehe baff erstaunt vor einem Werk, welches alle diese No-Gos enthält, dazu reihenweise Verweise und Anspielungen auf andere Werke der Literaturgeschichte und bestimmt ein halbes Dutzend derer auf das eigene Oeuvre und die ich alle nicht verstanden habe. Und dennoch ist "Billy Summers" einfach "nur" ein spannender Thriller, von einem Autor, der sich Gedanken macht über unsere Zeit, der reflektiert über die human condition und dabei keine Seite Langeweile aufkommen lässt. Denn Stephen King ist ein Meister seines Faches, wie ich schon immer empathisch gesagt habe. Weiß jede.</p><p>In der nächsten Woche im Studio B bespricht Anne Findeisen Rosie Price' Debütroman "Der rote Faden", der bereits 2020 veröffentlicht wurde, uns thematisch an Irmgard Lumpinis zuletzt besprochenen Roman "That Summer" von Jennifer Weiner erinnert und bereits kurz nach Veröffentlichung zur Post-"Me too" Literatur avanciert ist.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/stephen-king-billy-summers</link><guid isPermaLink="false">substack:post:41159672</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 12 Sep 2021 03:00:58 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/41159672/ed5a2e3d70b095f843d1631a4d5327be.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>651</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/41159672/6197ed127d560f1e105bd5242a7dfebb.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Wells, Lee, Weiner]]></title><description><![CDATA[<p>Die Werke der letzten drei Episoden in der Diskussion, also Martha Wells “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/martha-wells-die-killerbot-reihe?r=8uyok&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web&#38;utm_source=copy">Tagebuch eines Killerbots</a>”, Harper Lees “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/harper-lee-gehe-hin-stelle-einen?r=8uyok&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web&#38;utm_source=copy">Gehe hin, stelle einen Wächter</a>” und Jennifer Weiners “That Summer” haben Parallelen, auf die man erst mal kommen muss. Zum Glück haben wir Irmgard Lumpini, die scharfblickig erkennt, dass es trotz völlig unterschiedlicher Romanstile und Handlungszeiten um die großen Fragen geht: “In welcher Gesellschaft leben wir?,  “Akzeptieren wir das?” und schlussendlich “Wer bin ich?”. </p><p></p><p>In der nächsten Episode bespricht Herr Falschgold einen Autoren, bei dem man sich das eigentlich sparen kann: Stephen King. Wer ihn liebt, liest eh jedes Buch, alle anderen geben keinen s**t. Aber sein neuester Roman, “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3zE4emN">Billy Summers</a>”, von vielen als einer seiner besten seit langem bezeichnet, hat interessante Facetten und Techniken, die eine tiefere Betrachtung verdienen.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-wells-lee-weiner</link><guid isPermaLink="false">substack:post:40597497</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 05 Sep 2021 03:00:49 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/40597497/a1e8b8db97320f2f043e3666c3b5878d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2780</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/40597497/18f51f041ad9d3a4eff858de0e879992.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jennifer Weiner "That Summer"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>TRIGGERWARNUNG & SPOILER ALERT: Es werden Inhalte des Romans gespoilert, besprochene Themen sind Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt.</p><p>Die Werbekampagne zum heute vorgestellten Buch könnte irreführender nicht sein. Chapeau! Angepriesen als neuestes Werk der "unangefochtenen Königin des Strandbuches" Jennifer Weiner, die stattliche 15 No. 1 auf der Bestsellerliste der New York Times ihr Eigen nennen kann, und deren klassische Heldin in ihren eigenen Worten so charakterisiert wird: “ein glückliches Ende finden, während sie sich selbst treu bleibt.” </p><p>Bei einem Werbeauftritt in Amerikas - meint hier The United States of - berühmtester Guten-Morgen-Fernsehshow "Good Morning America!" unterhält sich Autorin Jennifer Weiner einige kurze Minuten mit den 3 Hosts der Sendung über ihr gerade veröffentlichtes Werk "That Summer", und wir erfahren:</p><p>1. Jennifer Weiners Mutter ist vor kurzem gestorben, und eine der wichtigsten Lektionen, die sie von ihr gelernt hat, ist Body Positivity, also das Wohlsein im eigenen Körper, dessen Möglichkeiten kennend und wertschätzend, unabhängig davon, ob das heute zum Glück immer mehr schwindende Traummaß des 90-60-90 erreicht wird.</p><p>2. Gefragt, warum ihre Heldinnen immer dem gleichen Muster zu folgen scheinen, antwortet sie mit einem Zitat von Toni Morrison, bei der sie auch mal einen Schreibkurs besucht hat: "Wenn es ein Buch gibt, dass du lesen musst, und es steht nicht in der Buchhandlung, musst du es selbst schreiben. (Ziemlich sicher gibt es eine bessere als diese sehr freie Übersetzung.)</p><p>3. "That Summer" wurde während der Pandemie geschrieben, als sich Jennifer Weiner zu Hause mit ihrer Familie ununterbrochen konfrontiert sah und sich zu einem Platz schreiben wollte, den sie liebt. Voilá: Cape Cod.</p><p>4. Zwei der Protagonistinnen sind 15 Jahre alt, so alt wie die Tochter der Autorin. Sie ansehend fragt sie sich: Hat sich die Welt geändert, seitdem ich in diesem Alter war? Habe ich mich geändert? Und wenn ja, ist es jetzt besser?</p><p>5. Wenn es nicht besser ist, was muss getan werden, was muss ich tun, damit sie besser wird?</p><p>Und weil die Show Good Morning America! heißt, lächeln alle in die Kamera, pandemiebedingt in 4 Kacheln und nicht im selben Raum. Jennifer Weiner hält noch kurz das Buch in die Kamera und winkt.</p><p>Ähnlich war die Ankündigung des Buches auf einer der von mir frequentierten Empfehlungslisten. Could have fooled me! Hat es auch.</p><p>Zurück zu 4. Ich nummeriere hier ja nicht umsonst: Hat sich die Welt geändert, und falls ja, ist es besser? Ja, vielleicht, hoffentlich, sonst könnte man den ganzen Bumms auch anzünden. </p><p>Zurück zur eingangs erwähnten Marketingkampagne und einem radikalen Bruch mit Studio Bs nirgendwo niedergeschriebenem, mündlich aber öfter formulierten Anspruch, hier in denglish, DIE STORY NICHT ZU SPOILERN: </p><p>Bei “That Summer” handelt es sich nicht um ein unbeschwertes Buch, das zur Sonnencremebeschmierten und zwischen den Seiten Sand ansammelnden Sommerlektüre empfohlen werden kann, weil der Plot den champagnerinduzierten Schwips verstärkt, auch wenn das in fast allen Empfehlungen und Besprechungen so erscheint. </p><p>Und ein weiterer Beweis der These, dass Kritiker*innen nicht immer das rezensierte Werk tatsächlich auch - wenigstens ansatzweise und überfliegend - gelesen haben.</p><p>"That Summer" ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Frauen, beide heißen Diana, die eine wird Daisy genannt. Sie verfolgen geradezu konträre Lebensentwürfe. Während Diana als erfolgreiche Vertreterin durch die Staaten reist und ein luxuriöses Leben als Single führt, finden wir Diana, die sich als Kochlehrerin ein berufliches Standbein aufgebaut hat, als Organisatorin, Putzfrau, seelischer Mülleimer und mit dezenter Unaufmerksamkeit durch ihren ein paar Jahre älteren Ehemann Hal und mit offenerer Abneigung durch ihre 15jährige Tochter Beatrice bedachte, ein wenig einsame Frau, deren äußere Lebensumstände Zufriedenheit bringen sollten, sie aber zunehmend irritieren. Die beiden begegnen sich, weil Dianas Mails aufgrund eines Tippfehlers in der E-Mail-Adresse bei Daisy landen. Bei einem ersten Treffen der unterschiedlich situierten Frauen sind sich beide sympathisch, eine Freundschaft bahnt sich an.</p><p>Der Plot von “That Summer” wird in 2 zeitlichen Linien entwickelt: rückblickend auf die Geschehnisse eines Sommers, eben “That Summer”, deren Protagonistin Diana ist, und in der Jetztzeit, mit reflektierenden Rückblicken auf Daisys Geschichte und immer weiteren Enthüllungen über Dianas Leben.</p><p>Im Sommer 1987 hat Diana als 16jährige einen Sommer auf Cape Cod verbracht, als Aushilfe in einem befreundeten Haushalt. Erste Liebe zu einem Collegeboy, zum Abschluss des Aufenthalte eine Party, nach der sich Diana zunächst an nicht viel erinnern kann. Als die Erinnerungen an diese Nacht zurückkehren, wird ihr Leben ein anderes sein und werden: Sie wurde vergewaltigt, ein 2. Student hat sie festgehalten, ein Dritter zugesehen, aber nicht eingegriffen. Diana verlässt in der Folge die Schule ohne Abschluss und wird nie Kinder haben.</p><p>Sprung in die Jetztzeit: Was Diana will, ist Rache. Der Beginn ihrer aufkeimenden Freundschaft mit Daisy ist zunächst vorgetäuscht. Durch einen Zufall hat sie ihren Vergewaltiger von damals wiedererkannt und möchte auch die Frau bestrafen, die in ihren Augen alles hat: eine Familie, eine Tochter. Zunehmend bekommt sie Skrupel, wird aber ihre Geschichte zu erkennen geben, mit weitreichenden Folgen.</p><p>Das Buch stellt komplexe Fragen zur Verantwortung sexueller Übergriffe: nach der des Vergewaltigers, nach der der Eingeweihten. Es ist ein Werk über die Auswirkungen eines lange Jahre verheimlichten Angriffs auf das Leben der Beteiligten, die Macht und Auswirkungen von Rache. Wie hart sollen solche Verbrechen bestraft, oder sollten sie vergeben werden? Jennifer Weiner erwähnt explizit die me too Bewegung, die viele Frauen ermutigte und inspirierte, über ihre traumatischen, manchmal aber - und das ist fast unheimlicher - gewöhnlichen und als alltäglich wahrgenommenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt zu sprechen und zu schreiben. Dabei finden sich in “That Summer” alle möglichen Formen, in denen diese gewaltvollen Erfahrungen in unserer Gesellschaft behandelt werden.</p><p>Mannigfaltig sind die Entschuldigungsformeln: “Jungs müssen sich ihre Hörner abstoßen.” So formuliert es der alte Vater des Vergewaltigers oder auch kürzer “So sind junge Männer eben.”</p><p>Dem Opfer wird eine Mitschuld gegeben: “Sie wusste doch, worauf sie sich einlässt, wenn sie auf die Abschlussparty des Sommers geht und dort auch noch Alkohol trinkt.”</p><p>“Vielleicht hätte sie nicht so flirten sollen.”</p><p>In den Diskussionen wird darauf hingewiesen, dass sich der damalige Täter von damals geändert hätte, und dass er vielleicht nicht so gehandelt hätte, wenn man ihm nicht die Möglichkeit gegeben hätte.</p><p>Ein Grund, der letztendlich sowohl Diana als auch Daisy in ihrem Umgang mit den Folgen der Vergewaltigung zur Offenheit zwingt, ist Daisys 15jährige Tochter. Der drohende Schrecken sich immer wiederholender Ereignisse führt beide dazu, über die Ereignisse dieses Sommers zu sprechen.</p><p>Nun ist natürlich die Frage, warum “That Summer” noch in diesem - mittlerweile doch abgekühlten - Sommer gelesen werden sollte: Jennifer Weiner hat einen Roman geschrieben, der sich mit überraschenden Wendungen einem schwierigen Teil unserer Gesellschaft nähert. “That Summer” ist leicht zu lesen, aber keine einfache Lektüre. Wie auch, wenn die Auswirkungen einer Vergewaltigung für die Betroffenen lang und traumatisch sind, die niemals vollkommen geheilt werden können und ein anderes Leben erzwingen? Jennifer Weiner nähert sich der komplexen Thematik nuanciert und präzise, aber nicht reißerisch oder polemisch.</p><p>Ihr Verdienst ist es, die Möglichkeiten zu zeigen, die eine sich verändernde Gesellschaft bietet und die Kraft weiblicher Freundschaften zu feiern. Das mögen manche als kitschig empfinden, ist aber einer der Gründe, warum der Bums hier noch nicht brennt.</p><p>Im Internet (wo sonst?) wurde “That Summer” kontrovers diskutiert. Es wurde auf einige Inkonsistenzen hingewiesen, im Wesentlichen hangelten sich gelegentliche Kritiken an den entschuldigenden Argumentationslinien der Vergewaltiger und ihrer Kompliz*innen entlang, eine politische Agenda der Verrisse war dabei oft unverkennbar.</p><p>“That Summer” und die Diskussion könnte - wieder einmal - ein Anstoß sein, über unsere Gesellschaft zu sprechen und zwar miteinander. Als die me too Bewegung bzw. die Berichte und Auswirkungen - Stichwort Cancel Culture unsere Breitengrade erreichte, wurden in meinem Bekanntenkreis in den diversen Bars und Kneipen der Stadt viele erhitzte Diskussionen geführt, deren Schwerpunkt immer Fragen waren, ob es wirklich gerechtfertigt sei, dass z. B. ein begabter Schauspieler seine Jobs infolge von Anschuldigungen verliert, obwohl noch kein Gericht seine Schuld festgestellt hat. Nie, wirklich nie, wurde mir oder den anwesenden Freundinnen und Frauen die Frage gestellt, was denn unsere Erfahrungen sind. Versuche, über die Kultur sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen und ihre Folgen und Auswirkungen zu sprechen hat es immer wieder gegeben. In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Berichte und Studien, immer schockierend, in welcher Vielzahl und Gewöhnlichkeit diese Übergriffe erfolgen.</p><p> Ich bin es satt. Ich habe keine, wirklich gar keine Lust, über die Folgen für die Vergewaltiger und Arschgrapscher zu sprechen. Es ist mir egal, ob sie Freundinnen und Freunde und Jobs und eine Karriere und den Respekt der Gesellschaft verlieren und ob sie vor den Enthüllungen in ihrer Profession die Kunst auf eine neue Stufe gehoben haben. Immer und immer wieder kommen Männer mit ihrem übergriffigen Verhalten durch. Der letzte US-Präsident ist dabei nur ein besonders krasses Beispiel, gewählt wurde er trotzdem, auch von der Mehrheit der weißen Frauen. Es sind nicht nur Länder wie Indien oder der südamerikanische Kontinent, in dem diese Übergriffe stattfinden. Es sind eure Freundinnen, eure Nachbarinnen, die Barkeeperinnen, die Kolleginnen. Sie alle haben diese Geschichten auf Lager, der einzige Ausweg ist, den Mund aufzumachen und die Gesellschaft und ihre Institutionen zu zwingen, die Täter zu hindern und zu bestrafen. Bevor ihr das nächste Mal über einen “gecancelten” oder mit Vorwürfen konfrontieren Schauspieler sprechen möchtet, fragt sie lieber, wie es ihnen bisher so ergangen ist (und seid nicht enttäuscht, wenn sie nicht darüber sprechen wollen)</p><p>Am Ende vom Tag können doch alle froh sein, dass die meisten keine Rache, sondern nur Respekt und Gleichberechtigung wollen.</p><p>Warum diesmal dieser Rant? Dazu hat mich die Lektüre von Jennifer Weiners “That Summer” getrieben. Ein Roman, der Auswirkungen hat.</p><p>Nächste Woche diskutieren Anne Findeisen, Irmgard Lumpini und Herr Falschgold die Bücher der letzten Wochen. Wer vorlesen möchte findet diese auf lobundverriss.substack.com</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/jennifer-weiner-that-summer</link><guid isPermaLink="false">substack:post:40602457</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 29 Aug 2021 03:00:53 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/40602457/d698bffd35200bd76ab4929ae6e20ff1.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>739</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/40602457/5997e1eba74c667081b0062d539ecfc2.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Harper Lee: "Gehe hin, stelle einen Wächter"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Im Jahr 1960 erscheint der Roman <em>To Kill a Mockingbird </em>oder: <em>Wer die Nachtigall stört</em>, wie er auf deutsch besser bekannt ist, der amerikanischen Autorin Harper Lee. Bereits drei Jahre zuvor verfasste die Autorin ein Manuskript mit dem Titel <em>Go Set a Watchman</em>, welches den Erstentwurf zu ihrem späteren Weltbestseller darstellt, jedoch nie veröffentlicht wurde. Möglicherweise ist es angesichts der damaligen Rassenunruhen zu nah am Tagesgeschehen und Harper Lee wird empfohlen, ihre Geschichte lieber in den 1930er Jahren anzusiedeln. Und so verschwindet <em>Gehe hin, stelle einen Wächter</em>, so der Titel des Entwurfs auf deutsch, für lange Zeit in einem Tresor und wird erst 2011 in einem Bankschließfach wiederentdeckt und 2015 schließlich veröffentlicht und damit der breiten Masse zugänglich gemacht. Obwohl die Geschichte zeitlich in den 1950er Jahren angesiedelt ist und auch die Protagonisten die selben wie in <em>Wer die Nachtigall stört </em>sind, ist es nicht als Fortsetzungsgeschichte zu verstehen. Daher werde ich es als unabhängigen Roman und nicht im Vergleich rezensieren.</p><p>Die 26-jährige Protagonistin Jean Louis Finch macht sich, wie jedes Jahr, in ihrem 2-wöchigen Urlaub auf den Weg von New York in ihre Heimatstadt Maycomb in Alabama. Dort wird sie von ihrem Jugendfreund Henry Clinton, kurz Hank genannt, vom Bahnhof abgeholt. Der vier Jahre ältere Hank, der selbst aus eher bescheidenen Verhältnissen stammt und Jura studiert hat, wurde von Jean Louis' Vater Atticus Finch, der selbst seit Jahrzehnten als Jurist tätig ist, unter seine Fittiche genommen. Er kennt somit nicht nur Jean Louis von Kindesbeinen an, sondern ist auch eine Art Ziehsohn für den Vater und damit ein Stück weit bereits Teil der Familie geworden. Zudem möchte er Jean Louis irgendwann heiraten, die ihm diesbezüglich jedoch ausweicht.</p><p>Zu Hause angekommen, erwarten Jean Louis ihr Vater Atticus sowie deren Schwester Alexandra, die ebenfalls mit im Haus lebt, seit die ehemalige, farbige Haushälterin Calpurnia zu alt und im Ruhestand ist und der Vater unter Gelenkrheumatismus leidet und Hilfe im Alltag und Haushalt benötigt. Da Jeans Mutter bereits verstarb, als sie noch ein kleines Kind war, hat sie keine Erinnerungen mehr an sie und fand in Calpurnia eine Art Mutterfigur, wohingegen sie zu ihrer Tante ein eher distanziertes Verhältnis hat. Auch ihr Bruder Jeremy ist bereits vor einigen Jahren verstorben, da er wie die Mutter an einer genetisch bedingten Herzerkrankung litt. Das familiäre Personal ist also eher spärlich und es bleibt noch Atticus' Bruder und damit Jean Louis Onkel Dr. John Hale Finch, kurz Jack, zu nennen, der nicht nur pensionierter Arzt ist und ein gutes Verhältnis zu seiner Nichte pflegt, sondern auch eine Vorliebe für viktorianische Literatur hat, „eine Leidenschaft, die ihm den Ruf einbrachte, der gebildetste allgemein anerkannte Exzentriker in Maycomb County zu sein.“ (S.104) Das erste Aufeinandertreffen mit ihrem Onkel Jack im Roman findet statt, als sich die Familie zum gemeinsamen Kirchenbesuch trifft. Während dieses Besuches fällt auch das Bibelwort, welches gleichzeitig den Titel des Romans bildet und im Buch des Propheten Jesaja in Kapitel 21, Vers 6 zu finden ist: „Denn der Herr sagte zu mir: Gehe hin, stelle einen Wächter, der da schaue und ansage.“ Jean Louis Onkel nimmt dieses Zitat zu einem späteren Zeitpunkt im Roman noch einmal auf, doch bis dahin ist es nötig, den Fortgang der Handlung näher zu beschreiben.</p><p>Harper Lee teilt ihr Werk in sieben Teile mit insgesamt 19 Kapiteln auf. Zu Beginn des Buches geht es vor allem um Jean Louis' Anreise, ihre Gedanken und Erinnerungen an früher, ihre bisher gemeinsam verbrachte Zeit mit Hank, aber auch verschiedene Kindheitserinnerungen an ihren Bruder. Einfühlsam und, für mich, bestechend nachvollziehbar, beschreibt die Autorin hier den inneren Konflikt ihrer Protagonistin, die abwägt, was eine mögliche Heirat mit Hank und eine Wiederkehr in die alte Heimat für sie bedeuten würde. Die Entfremdung die sie dabei empfindet, wird besonders deutlich an einer Kaffeevisite, die ihr zu Ehren von ihrer Tante initiiert wird. Die anwesenden Damen, größtenteils älter als sie, aber auch ehemalige Klassenkameradinnen sind ihr fremd und mit deren Themen kann sie nichts anfangen. Die Vorstellung sich in diese Gesellschaft einfügen zu müssen, wenn sie Hank heiraten würde, ist ihr zuwider.</p><p>Das Gefühl, sich nicht nur in eine andere Richtung entwickelt zu haben, sondern auch in einem anderen Wertesystem zu leben, erfährt jedoch seinen Höhepunkt, als sie zufällig ein Magazin ihres Vaters durchblättert, in dem die Farbigen als „schwarze Pest“ bezeichnet werden. Von ihrer Tante erfährt sie zudem, das sowohl ihr Vater als auch Hank Mitglieder im Bürgerrat seien, der zufällig gerade tagt. Sofort macht sie sich auf den Weg zur Versammlung und muss fassungslos dabei zusehen und – hören, wie Hetzreden gehalten werden und ihr Vater selbigen nicht widerspricht. „...aber da saßen sie, überall im Saal. Männer mit Gewicht und Charakter, verantwortliche Männer, gute Männer. Männer aller Art und allen Ansehens.“ (S.127) Eine Welt bricht für Jean Louis zusammen und das, aus gleich zwei Gründen. Zum Einen weil sie erkennen muss, dass der Rassismus in ihre einstige Heimat Einzug gehalten hat und Menschen, die sie einst respektiert und geschätzt hat, nicht die Größe besitzen, sich dem entgegenzustellen. Und zum Anderen, dass ihr Vater einer von ihnen ist. Atticus Finch, den sie selbst geradezu glorifiziert hat, der von allen Menschen geschätzt wird, als durch und durch integrer Mann beschrieben wird und selbst schon öfter Schwarze vor Gericht vertreten hat, entpuppt sich als Befürworter rassistischen Gedankenguts. Jean Louis, selbst unter einer Schwarzen herangewachsen, kann hierfür keinerlei Verständnis aufbringen.</p><p>In der Folge kommt es zu mehrfachen Streitgesprächen zwischen Jean Louis und Hank, ihrem Onkel Jack und ihrem Vater Atticus, die sie als Heuchler bezeichnet und sich in weiteren Beschimpfungen ergeht. Alle drei versuchen sie zu beschwichtigen und ihr mittels fadenscheiniger Begründungen klarzumachen, dass sie das Richtige tun. Sie argumentieren, dass man manchmal etwas tun müsste, was man nicht möchte, um ein Ziel zu erreichen. Oder aber auch, dass die schwarze Bevölkerung noch nicht reif für voll umfängliche Staatsbürgerrechte sei. Argumente wodurch sie selbst ihre Selbstgerechtigkeit und Doppelmoral freilegen. Die Erklärungsversuche ihres Onkels – sich über mehrere Seiten erstreckend – empfand ich dabei als sehr verklausuliert und schwer nachvollziehbar. Möglicherweise nutzt Harper Lee dies aber auch als Stilmittel um genau den Effekt der Verwirrung, wie sie ihre Protagonistin empfindet, beim Lesenden hervorzurufen. Letztlich ist es auch ihr Onkel, der seine Nichte durch einen gezielten Schlag ins Gesicht dazu bringen muss, ihr zuzuhören – eine mehr als fragwürdige Methode – der ihr sagt: „[...] der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ (S. 300) Was er damit sagen will ist, dass sie sich von ihrem Vater gelöst hat, ihn nicht mehr als unfehlbar betrachtet und ihr eigenes Gewissen gefunden hat.</p><p>Hierdurch wird deutlich, wie feinsinnig Harper Lee verschiedene Themen miteinander verquickt. Die Rassentrennung als politisches und gesellschaftliches Thema im Großen, verbunden mit dem Heranwachsen ihrer Protagonistin, deren Familienleben von eben jenen Themen beeinflusst, aber auch gespalten wird. Deren eigener moralischer Kompass in eine andere Richtung zeigt, als jener der Menschen, die einst ihr behütetes zu Hause gebildet haben und von denen sie sich nun betrogen fühlt. Es ist aber nicht nur der Schmerz dieser Erkenntnis einer jungen Frau, sondern auch eine Absage an deren Werte und eine Entwicklung hin zu einem Individuum. Das Ende, ohne an dieser Stelle zu viel zu sagen, könnte man als versöhnlich beschreiben. Ich fand es eher etwas unbefriedigend und zum Rest des Romans nicht konsequent genug.</p><p>Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, das vor allem von seiner traurigen Aktualität und seinen nachvollziehbaren und spürbaren Bildern lebt.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Irmgard Lumpini Jennifer Weiners Roman "That Summer", der dem Titel nach eine Sommerlektüre verspricht, aber dann doch dunkle Wendungen nimmt.  </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/harper-lee-gehe-hin-stelle-einen</link><guid isPermaLink="false">substack:post:40233927</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 22 Aug 2021 03:00:42 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/40233927/e0893ba6d10766a0eec80792d3109e2d.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>534</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/40233927/59a324c7724e7411b53e9eb17b525725.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Martha Wells: Die Killerbot-Reihe]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Zu Zeiten des seligen Gene Roddenberry ist die Zukunft noch rosig. Im Star Trek Universum herrscht, wenn nicht Kommunismus, so doch wenigstens ein demokratischer Sozialismus mit militaristischem Anstrich. Spätestens jedoch mit Neal Stephensons "Snow Crash" und William Gibsons "Neuromancer" Serie bekommt die Zukunft, was sie verdient: Kapitalismus im endlosen Endstadium. Staaten sind Firmen gewichen, Staatenbünde Monopolen. </p><p>Doktorarbeiten wurden darüber geschrieben, dass Science Fiction nur eine logische Fortsetzung der gesellschaftlichen Zustände ist, in denen sie geschrieben wird, es gibt also keinen Grund sich zu wundern, dass in Martha Wells "Murderbot Diaries", auf Deutsch "Tagebuch eines Killerbots", interstellarer Imperialismus herrscht, auf die brutalstmögliche Art verquickt mit und unterstützt von kapitalistischer Über-den-Tisch-Zieherei. Eine Ära, die an die aktuellen Zustände als die "guten alten Zeiten" zurückdenkt.</p><p>Wir befinden uns in recht weiter Zukunft und der Weltraum will erobert sein. Also machen sich Forscher und Firmen auf den Weg, in den Raum hinter dem "corporate rim", dem dicht besiedelten "bekannten" Ring von Galaxien und Planetensystemen. Dass das ein gefährlicher Job ist, versteht sich; nur weil Kapitalismus herrscht, ist die Alienflora und -fauna nicht ungefährlicher als im Universum von Captain James T. Kirk und Jean Luc Picard. Aber kein Problem, aus dem sich nicht Profit schlagen ließe, und so bieten intergalaktische Konglomerate von Sicherheitsfirmen Bonds, also Versicherungsverträge, an, die Du dir als hoffnungsvoller Entdecker neuer Welten zulegen kannst. Beziehungsweise musst, denn: "Ein schönes Raumschiff haben Sie da, es wäre doch eine Schande, wenn dem was passiert?", Sie wissen schon. Man bezahlt also eine Summe X, je nach Gefährlichkeit der Mission und Bonität des Entdeckers, dafür rüstet die Sicherheitsbude die Mission so aus, dass die Chancen gut sind, dass wenigstens ein paar Explorer heil zurück kommen. Falls nicht, wird eine erkleckliche Versicherungssumme an die Hinterbliebenen gezahlt. Beziehungsweise deren Arbeitgeber. Falls nichts Gegenteiliges im Kleingedruckten steht.</p><p>Die Sicherheitsfirmen haben also ein Interesse, dass möglichst wenige Mandanten von Erdwürmern, fleischfressenden Kakteen oder Weltraumpiraten konsumiert werden und rüsten entsprechend technologisch auf: schnelle Raumschiffe, sicher Habitatsystem und ordentlich Waffentechnologie. Die am weitesten entwickelte und versatilste ist der gemeine Security Bot, ein bisschen Menschenhirn mit sehr, sehr viel Technologie und nur noch wenig Fleisch und Blut drum rum, dazu überall Waffen eingebaut und das Äquivalent eines mittleren Amazon-Rechenzentrums in der Birne. Sieht aus wie Arnold, wird aber gesteuert von einem “gouverneur module”  unter der Kontrolle der Sicherheitsfirma, dem der security bot gehört. In der deutschen Ausgabe wird das "Chefmodul" genannt. Was läuft bei deutschen Übersetzern schief, fragt man sich.</p><p>Unser Hauptheld, der sich selbst "Murderbot" nennt, ist ein solcher Security-Roboter mit dem klitzekleinen Unterschied, dass er sein Chefmodul, Jesus... - nennen wir es "Wächtermodul" gehackt und ausgeschaltet hat. Das Modul dient offiziell dazu, dass der Bot keinen Mist macht, also z.B. die zu beschützenden Kunden umnietet, vor allem aber nimmt es dem Bot den, dank eingebautem Menschenhirn unvermeidlichen, aber in der kapitalistischen Verwertungslogik extrem unpraktischen, freien Willen. Denn wer braucht schon einen security bot, der hinterfragt, warum er neben dem Beschützen des Kunden jedes Wort, dass diese sprechen, jede Entdeckung, die sie machen aufzeichnet und zum Wohle des Securityunternehmens nach monetär Verwertbarem durchsucht. </p><p>Jetzt also ohne ein steuerndes Modul macht unser security bot in der freien Zeit, die er hat, was man als Mensch so macht, wenn man freie Zeit hat: er guckt Netflix. Und jeder, der schon einmal Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen in einem Museum oder Supermarkt beobachtet hat, weiß, freie Zeit hat man da zu nahe 100%. Also ist er bei Folge 304 von "Vom Aufstieg und Fall des heiligen Mondes" (wir breiten das Tuch des Schweigen über die deutsche Übersetzung) und mit der Serie Worldhoppers ist er auch schon durch.</p><p>Das alles schaut er in jeder freien Minute, während er im Hauptjob dafür sorgt, dass seine Mandanten, ein Forschungsteam der nicht-kommerziellen "preservation alliance" nicht von Erdwürmern gefressen werden. Das gelingt ihm bei der Expedition, mit der wir in die Serie einsteigen, nur geradeso, dennoch sind die Kunden endlos dankbar und laden ihn ein, statt im Kofferraum des Raumgleiters, vorn, bei den Passagieren, zurück zur Basis zu fliegen. Vielleicht haben sie nur Angst, auf alle Fälle ist das extrem ungewöhnlich und vor allem unpraktisch, denn Murderbot mit freiem Willen muss diesen ohne spielen. Wenn sein Arbeitgeber mitbekommt, dass er ohne Wächtermodul rum rennt, würde er umgehend abgeschaltet und recycelt.</p><p>Normalerweise hat Murderbot im Einsatz einen Helm mit undurchsichtigem Visier auf, aber ausgerechnet als er sich in der Umkleide des Raumgleiters seiner alienbesudelten Klamotten entledigt, wird er zur Chefin der Expedition gebeten, damit diese sich für die Lebensrettung bedanken kann. Was an sich schon unerhört ist, denn a) hat er nur seinen Job gemacht, und b) werden murderbots im allgemeinen behandelt wie Werkzeuge, was ihm durchaus recht ist, zumal seit er sein Wächtermodul ausgeschaltet hat und Murderbot einfach nur in Ruhe Netflix gucken will. (Netflix heißt im Buch natürlich neutral "Media", aber wir wissen was gemeint ist). Also steht Murderbot vor Dr. Mensah, der Expeditionsleiterin, und starrt an ihr vorbei an die Wand. Er schaut sich und seinen Gegenübern prinzipiell lieber über die Security-Kameras zu, in Menschenaugen schauen ist extrem irritierend. Und wieso sind hier alle dankbar? Für genau den Fall, dass in einer Sickergrube zähnefletschende Erdwürmer Hunger haben, ist er doch hier. Aber ein "Dankeschön" tut irgendwie gut. Als die Lebensgerettete ihn gar umarmen möchte, wird ihm die ganze Rührseligkeit jedoch zu viel.  "I had an emotion, and I hate having an emotion." wie murderbot solche Augenblicke beschreibt und stellt sich in eine Ecke des Raumes mit dem Gesicht zur Wand. </p><p>Hier verlassen wir die Story weitestgehend, sie ist interessant, genügend innovativ und fesselnd. Martha Wells spannt in den fünf entstanden Bänden, im deutschen aktuell in zwei Büchern zusammengefasst, einen Bogen auf, der die Serie noch eine Weile tragen wird. </p><p>Darunter jedoch, und das macht den Reiz der Serie aus, geht es, wie immer in guter utopischer Literatur, um die ganz großen Fragen. Science Fiction trägt das Abhandeln von wissenschaftlichen Themen ja schon in der Genrebezeichnung, üblicherweise spricht das vor allem Leserinnen an, die STEM-affin sind, wie man heute sagt, also science, technology, engineering and mathematics brauchen um einzuschlafen. Martha Wells lässt diese auch nicht im Regen stehen, es knallt und warped und hacked was das Zeug hält. Aber sie behandelt auch die despektierlich "weiche Wissenschaften", "soft science", genannten Fachgebiete und die sind, so ehrlich muss man sein, für Belletristik auch besser geeignet, hier: Psychologie, Philosophie und Soziologie.</p><p>Beginnen wir mit einem Besuch beim Therapeuten: wir merkten ja schon in der eingangs beschriebenen Szene, dass Murderbot nicht wirklich mit seiner neuen, freien Welt klar kommt. Das beginnt damit, dass er sich trotz ordentlich Rechenleistung und guten Wörterbüchern sprachlich nicht in ihr zurecht findet. Auf Effizienz programmiert, denkt und redet er wie ein Handbuch für einen HP Laserjet, nur dass er nicht beschreibt, wie man einen Papierstau entfernt sondern, wie man gegen drei feindliche Militärroboter mit dem Leben davon kommt. Wobei ihm seine Programmierung gar nicht hilft ist, wie man mit jemandem umgeht, der ihm nicht sagt, was er machen soll und ihn nicht wie ein Möbel behandelt. Das muss er erst lernen und wir merken bald, dass er seine moralische "Erziehung" von seinem Medienkonsum bekommt, mit den erwartbaren, aber durchaus nicht nur negativen, Konsequenzen.</p><p>Damit ist Murderbot natürlich und erwartbar zumindest im Autismus-<em>Spektrum</em> diagnostizierbar. Das ist ja heutzutage jeder und auch dem Rezensenten wurde das schon vorgeworfen, meist in Situationen, wenn man unangemeldeten Besuchern nicht sofort ein komplettes Kaffeetrinken mit selbstgebackenem Kuchen anbietet, weil man gerade auf dem Hometrainer sitzt, eine klare Fehldiagnose also. Murderbot aber zeigt offensichtlich alle Anzeichen und das ist von Martha Wells bezweckt. Das Genre selbst und die für scifi-fremde Leser manchmal <em>zu</em> technischen Beschreibungen in der Killerbot-Serie sprechen, so kann man vermuten, keine kleine Anzahl von Bewohnern des Asperger- und Austismusspektrum als Leser an und diese wiederum identifizieren sich natürlich gerne mit einem Protagonisten, der sich nicht als Kind, sondern als voll entwickeltes Individuum mit der Situation auseinandersetzen muss und kann. Das ist subtile Lebenshilfe und nicht nur für Betroffene sondern auch deren Gegenüber. Wirklich toll!</p><p>Philosophisch gibt es kaum eine größere Frage als "Was soll das alles?", eine Frage, die sich Murderbot mit aktivem, den freien Willen ausschaltendem Wächermodul nie stellen musste, welche aber ohne dieses auf einmal allgegenwärtig ist. Hier wendet sich Martha Wells an eine breitere Schicht von Lesern: wer hat sich nicht schon die "Worum geht's hier eigentlich?"-Frage gestellt, früh um zwei in der Bar. Die Antworten findet Murderbot in seinen Lieblingsserien, was nicht die dümmste Quelle sein muss, er sieht Serien über Hilfsbereitschaft und Mitgefühl, was ihn als ehemaligen Mitarbeiter eines Serviceunternehmens anspricht. Einzig, dass er jetzt selbst entscheiden muss, <em>wen</em> er killt - und warum - macht ihm heftig zu schaffen. Dort helfen historische Serien: die Fehler der Geschichte zu kennen, hilft diese zu vermeiden. Und wenn er gar nicht weiß wohin im Universum, gibt es immer noch Serien, in denen der Weltraum erforscht wird, mit den größten Abenteuern, die man sich vorstellen kann. Wir lernen jedoch bald, was am meisten in Murderbot bohrt: es ist die fragmentarische Erinnerung an ein Massaker, von ihm selbst verübt, von seinem "Arbeitgeber" unvollständig gelöscht. Er hat sich seinen Namen ja nicht umsonst gegeben. Mit dem neu gewonnenen Gewissen lässt ihm das keine Ruhe, jedoch wird er moralische Hilfe bekommen von seinen letzten "richtigen" Kunden, die mit den Erdwürmen, mit Dr. Mensah an der Spitze der "preservation alliance", gewissermaßen eine community von Hippies inmitten einer hyperkapitalistischen Gesellschaft. Es wird der Punkt kommen, der Sache auf den Grund zu gehen. Murderbot will wissen, warum er ein murderbot ist. </p><p>Keine Angst vor Spoilern, aber die Antwort wird eine sein, die man gerne von Massakristen aller Art hört, hier aber stimmt: die Gesellschaft ist schuld. Womit wir zur Soziologie kommen. Martha Wells beschreibt im setting der gesamten Serie eine logische Fortsetzung der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, ein Kapitalismus, der nur noch für sich selbst existiert, mit Vertragsverhandlungen, bei der jeder Preis sich danach richtet, wie viel man aus Dir rausholen kann ohne dich umzubringen, mit Vertragspraktiken klar erkennbar angelehnt an die Versicherungsverträge der amerikanischen Krankenversicherungsmafia, wo Du erst im Versicherungsfall erfährst, wofür Du alles nicht versichert bist. In einer solchen Gesellschaft kann es normal bis notwendig sein, ein paar dutzend Zivilisten abknallen zu lassen von einer Maschine, der man vorher das Gewissen entfernt hat. Warum genau, werden wir erfahren. Es wird eine Parabel sein auf die Welt, in der wir leben und was aus ihr werden kann, wenn wir nicht aufpassen.</p><p>Das alles passiert, keine Angst, sublim und unterhaltsam. Alle Bände bauen aufeinander auf wie Folgen einer Netflixserie. Wir ahnen noch einen großen Bang in der Zukunft: es gibt eine allgegenwärtige Alientechnologie, die wir erst im letzten Band näher kennenlernen und die spannende Fortsetzungen verspricht. Das Englisch des Originals ist lesbar, im Stil manchmal seltsam deutsch, was daher rührt, dass Murderbot in der Ich-Perspektive Dinge kompliziert umschreibt, die eigentlich ganz einfach sind. Liebe zum Beispiel, die sich zwischen genitallosen Robotern und, no s**t, noch viel genitalloseren Bordcomputern von Raumschiffen natürlich nicht mit "Schnickschnack, sie wissen schon" beschreiben lässt sondern ein wenig mehr Exploration erfordert. Ein bisschen deutsch halt. </p><p>Die deutsche Übersetzung hingegen ist leider lieblos, warum zum Beispiel, bitte, wird der im Englischen völlig normale Begriff "Clients" im Deutschen immer mit dem eher ungebräuchlichen "Klienten" übersetzt, wo es doch simple "Kunden" oder "Mandanten" sind und das die Beziehung eines mordenden Serviceangestellten zu diesen haargenau beschreibt? Ist das Faulheit oder am Ende auch nur dem Druck des Marktes, hier des Übersetzermarktes, geschuldet, der Übersetzer am Rand des Existenzminimums hält? Haben wir in Deutschland, um genau das zu Verhindern, nicht eine Buchpreisbindung? Aber auch weil der englische Text von Technologismen nur so wimmelt, sich jeder zweite Absatz mit Firewalls, Feeds und Killware beschäftigt und das im Deutschen dann immer klingt wie ein IBM Benutzerhandbuch aus dem Jahr 1986, bringt der Konsum des Buches in englischer Sprache deutlich mehr Vergnügen.</p><p>Eine Verfilmung des Materials liegt auf der Hand und der drunterlaufernde Handlungsstrang von Netflixserien biedert sich schon fast an, sie könnte aber auch schwierig werden. Die vielen technologischen Möglichkeiten, die Murderbot zur Verfügung hat um aussichtslose Actionszenen zu gewinnen, sind schon in Schriftform herausfordernd. Murderbot geht keinen Meter ohne zwanzig Drohnen um ihn herum, die ihm mit ihren Video- und Datenfeeds helfen, schneller als jeder Mensch, hochkomplexe Analysen zu erstellen und anhand derer zu handeln. Genau das wird im Buch auch beschrieben, es wimmelt nur so von Sätzen über die Veränderungen der Wahrscheinlichkeit von 85% auf 89% für Vorgehen A versus Vorgehen B und wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, fetzt das seltsam und man sieht die Welt schnell mit den Augen eines murderbot. Wenn sich Murderbot aber in einer der Episoden klont, um als reine Software, gewissermaßen als Computervirus, die Kontrolle über eine Raumstation zu bekommen, wird es selbst lesend verdammt kompliziert, verlässt einen zuweilen das Vorstellungsvermögen. Bei einer potentiellen filmischen Umsetzung denke ich dabei in der Darstellung an 90er Jahre Klassiker wie "Johnny Mnemonic" und "The Lawnmowerman" und diese Ästhetik ist nicht das einzige aus den Neunzigern, was wir alle nie mehr sehen wollen. Aber vielleicht hat ja jemand eine brillante Idee.</p><p>Bis dahin bleibt die Empfehlung eines Lesevergnügens und immenser intellektueller Stimulierung in Form der englischsprachigen "Murderbot Series" von Martha Wells und, wenn es sein muss, mit sprachlich leicht eingeschränktem Vergnügen, in der deutschen Übersetzung als "Tagebuch eines Killerbots" und "Der Netzwerk Effekt".</p><p>In der nächsten Woche bespricht Anne Findeisen von Harper Lee „Gehe hin, stelle einen Wächter“, den die Autorin bereits vor ihrem Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ schrieb und der lange als verschollen galt.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/martha-wells-die-killerbot-reihe</link><guid isPermaLink="false">substack:post:40005881</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 15 Aug 2021 09:45:42 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/40005881/0d64ba2fcad9aee45d188c64b10715af.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>911</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/40005881/7e320c4da5cc57704e0a05d8fe42043d.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Die Diskussion - Wesjohann, Rijneveld, Blau]]></title><description><![CDATA[<p>Wie jetzt jede 4. Episode von Lob und Verriss diskutieren wir die besprochenen Bücher nachdem alle die Zeit gehabt haben, in die Werke der jeweils anderen Rezensenten reinzulesen.  Diesmal geht es also um Achim Wesjohanns “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/achim-wesjohann-freiheit-statt-liberalismus">Freiheit statt Liberalismus</a>”, Marieke Lucas Rijnevelds "<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/marieke-lucas-rijneveld-was-man-sat">Was man sät</a>" und um Jessica Anya Blaus Roman “<a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/jessica-anya-blau-mary-jane-a-novel">Mary Jane</a>”</p><p>In der nächsten Episode fühlt sich Herr Falschgold einem mordendem Roboter sehr verbunden. Er bespricht “<a target="_blank" href="https://amzn.to/3fGPn2O">Tagebuch eines Killerbots</a>” von Martha Wells.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/die-diskussion-wesjohann-rijneveld</link><guid isPermaLink="false">substack:post:39675184</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Sun, 08 Aug 2021 03:00:18 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/39675184/9e2d1c785984e48831c6fb3bea35ec16.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>2674</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/39675184/15e6732cfba7d0d754733c9781715ba4.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Jessica Anya Blau: Mary Jane. A Novel]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Das Sein bestimmt das Bewusstsein. So hat es Karl Marx nicht geschrieben, sondern etwas ausführlicher: Zitat "„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“</p><p>"Mary Jane. A Novel" wurde im Mai dieses Jahres veröffentlicht, auf dem Einband prangen lobende Worte von Nick Hornby, aber das reichte nicht aus, um das Werk für eine Übersetzung ins Deutsche zu qualifizieren. Wieder einmal schnappt die Falle des immer noch strikt zwischen ernst und unterhaltsam unterscheidendem Kulturbewusstseins zu und disqualifiziert dieses Buch von einer weiteren Verbreitung in unserer Sprache. Unterhaltsame leichte Belletristik haben wir schon genug, so das Kalkül der hiesigen Verlagshäuser. Keine der bisherigen Veröffentlichungen von Jessica Anya Blau, dies ist ihr 5. Buch, hat diese Sprachgrenze bisher überwinden können.</p><p>In der englischsprachigen Welt ist es hingegen auf allen möglichen Bestseller- und Empfehlungslisten für die Lesezeit des Sommers gelandet, und damit auch auf meinem Tisch.</p><p>Mary Jane Dillard, ist nicht nur die Protagonistin des nach ihr benannten Buches, sondern auch ihre Erzählerin, die Marxens Diktum vom Anfang als Coming of Age Story in der Mitte der 1970er Jahre zeichnet.</p><p>In einem weißen konservativen Viertel Baltimores wohnt sie mit ihren gut situierten Eltern. Sie singt im Kirchenchor, hilft ihrer Mutter im Haushalt und beim Kochen, besonders gerne macht sie Desserts. Ihren  schweigsamen Vater sieht immer nur beim Abendessen, der - ein wenig holzschnittartig - zu diesen Anlässen immer zeitungslesend selten mit seiner Frau, noch weniger aber mit Mary Jane spricht. Im Wohnzimmer hängt ein Bild des Präsidenten Ford, im Gebet dankt der Vater seiner "wundervollen Frau und dem gehorsamen Kind". Mary Jane ist 14, ein perfektes Alter, um ihr Bewusstsein und damit ihr Leben zu ändern. Nichts liegt ihr ferner als Rebellion, ihre Werte sind die ihr vermittelten. Ihre Mutter besorgt ihr einen Sommerjob als Nanny für die Tochter eines Arztes namens Dr. Cone, der auf einem Missverständnis beruht: Der Arzttitel lässt sie einen ähnlichen Haushalt wie den ihren vermuten.</p><p>Während Mary Jane dem Telefonat ihrer Mutter lauscht, beschließt sie, das verdiente Geld komplett zu sparen, um am Ende des Sommers einen Plattenspieler für ihr Zimmer kaufen zu können, vielleicht sogar - Zitat: "mit zusätzlichen Lautsprechern." - Zitatende. Musik jeder Art, von christlichen Hymnen über Kinderlieder zu Rock spielt eine große Nebenrolle: in ihrer vordergründigen Art als Unterhaltung, Inspiration, aber auch als die Gefühle weckender und verstärkender Soundtrack, als Anrührung, als Erweckung.</p><p>Mary Jane ist ein zufriedener Teenager. Die ihr zugeteilten Aufgaben geben ihrem Leben eine Struktur, die sie schätzt. Aber natürlich hat sie auch Träume: ihr bis jetzt größter ist es, eine Show am New Yorker Broadway zu sehen. Sie und ihre Mutter sind nicht nur devote Kirchgänger, sondern auch Mitglieder im Show Tunes of the Month Club und bekommen jeden Monat eine neue Schallplatte. Sie hat alle Songs auswendig gelernt, und auch ihre Mutter liebt diese Platten, leider aber nicht New York, dass in ihren Worten voll von Dieben, Drogenabhängigen und Degenerierten ist.</p><p>Nun also sucht Mary Jane die Familie Cone auf um sich vorzustellen. Die falschen Annahmen ihrer Mutter über die Familie Cone sind nach dem Öffnen der Haustür sofort sichtbar: das Haus versinkt im Chaos, die Mutter trägt nicht nur keine Büstenhalter, sondern kann auch nicht kochen, Dr. Cone behandelt als Psychiater vorrangig Suchtkranke, und die 5jährige zu betreuende Tochter Izzy rennt nackt durchs Haus und schenkt Mary Jane sofort ihr Vertrauen. Deren Reaktion ist nicht so sehr Schock oder Überraschung, sondern spontane Zuneigung und Vorfreude. </p><p>Vorfreude voller Glanz, die sie auf ihrer Haut spürt, darauf, etwas zu tun, was sie nie zuvor gemacht hat, darauf, ihre Tage in einer Welt zu vollbringen, die sich von ihrer bisherigen so unterscheidet. Und so beschließt sie, geplagt vom schlechten Gewissen, ihrer Mutter zu verschweigen, wie sie die Cones vorgefunden hat und nur stumm deren Annahmen über die respektable Familie zu bestätigen.</p><p>Die Sprache von "Mary Jane: A Novel" ist leicht, nicht seicht, und verliert diese Leichtigkeit nicht, egal, mit welchen Erlebnissen Mary Jane im Verlauf des Sommers konfrontiert wird.</p><p>Jessica Anya Blau findet einen überraschenden Weg, der das Buch gegen den bekannten und in vielen Filmen erzählten Fortgang von der Ausgangslage "behütete Tochter trifft auf die Gegenkultur und geht in ihr auf/verliert sich in ihr oder wendet sich schockiert ab" abschirmt: sie gibt Mary Jane Persönlichkeit, die ihrerseits auf ihr neues Umfeld wirkt: die fünfjährige Izzy nimmt sie als Respektsperson wahr und stürzt sich voller Begeisterung in alle Projekte, die Mary Jane beginnt und anstößt, um den Haushalt der Cones zu organisieren und auszumisten. Mary Jane wird aber auch von den Erwachsenen im Umfeld ihres Sommerjobs respektiert und nicht als anzuleitender Teenager, sondern als Person mit eigenen und zu unterstützenden Ideen wahr- und in die Gemeinschaft gleichberechtigt aufgenommen. Der Grund für Mary Janes Verpflichtung als Izzys Nanny ist die neue Arbeit von Dr. Cone, der über den Sommer den inkognito angereisten Rockstar Jimmy von seiner Sexsucht via Gesprächstherapie heilen soll. Begleitet wird er von seiner bezaubernden Ehefrau Sheba, die weitaus bekannter als Jimmy ist, weil sie als singende Schauspielerin der TV Nation berühmt wurde.</p><p>Mary Janes Ideen sind teilweise pragmatisch, wenn sie das Haus ausmistet; wunderbar naiv, wenn sie über einen längeren Zeitraum versucht herauszufinden, ob sie auch sexsüchtig ist, weil sie oft daran denkt, ohne je geküsst worden zu sein; einfallsreich, wenn sie unter dem Vorwand, auch kochen zu müssen das jeweilige Wochenmenü ihrer Mutter nachkocht. Die Erlaubnis hierfür und dafür auch die Abende bei den Cones verbringen zu können bekommt Mary Jane, weil ihre Mutter wieder einmal Annahmen trifft, die falsch sind, denen ihre Tochter aber nicht widerspricht, sondern sie schweigend hinnimmt: nämlich, dass eine Frau, hier Frau Cone, sehr krank sein muss, wenn sie nicht in der Lage ist zu kochen. Eine Vorstellung, die für Mary Janes Mutter nur möglich ist, wenn diese Frau Krebs hat. </p><p>Eine großes Thema des Buches ist, worüber und durch wen über etwas gesprochen wird. In Mary Janes zu Hause herrscht Schweigen, die für eine Konversation zulässigen Objekte und Vorkommnisse sind stark reglementiert und zementieren damit ein Leben, dass keine Adaptionen zulässt und die Zeit mit ihren gesellschaftlichen Änderungen versucht fernzuhalten, in einen starren immergleichen Wochenablauf eingezwängt. </p><p>Im Hause der Cones ist dies anders, gesprochen wird über alles, es wird versucht allen Gehör zu geben, Persönlichkeit und künstlerischer Ausdruck - vorrangig durch Musik - werden anerkannt und respektiert. Am Ende des Sommers hat Mary Jane die Welt kennengelernt, Vertrauen in sich selbst und Selbstvertrauen in die Schönheit ihres Gesangs gewonnen.</p><p>Vielleicht hätte es der Zusammenfassung der Entwicklung von Mary Jane am Ende nicht bedurft, die etwas holzhammerartig darauf hinweist, dass Mary Jane nun die Angst erkennen kann, die ihr meist sprachloser Vater verbreitet, sein Rassismus, sein Antisemitismus, seine Verweigerung, über all dies zu sprechen und seine Familie als Diskussionspartner anzuerkennen. Izzy, die wirklich reizende 5jährige, nervt manchmal ein bisschen, und die Fähigkeit der Cones und ihrer Gäste, über alles zu sprechen, Verletzungen zuzufügen und auch heilen zu können, scheint manchmal dezent unrealistisch. Das Vergnügen an Mary Janes Geschichte über ihren Sommer auf dem Weg zum Erwachsenwerden, in dem ihr der moralische Kompass, den sie in ihrem Elternhaus bekommen hat zugute kommt und die Erlebnisse mit den Cones ihre Welt öffnen; der Zauber der Magie erster Erfahrungen aller möglichen Dinge, die beschwingte Unterstützung all dessen durch Musik ist groß.</p><p>Nächste Woche diskutieren <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/marieke-lucas-rijneveld-was-man-sat?r=mx4wm&#38;utm_campaign=post&#38;utm_medium=web&#38;utm_source=copy">Anne Findeisen</a>, Irmgard Lumpini und <a target="_blank" href="https://lobundverriss.substack.com/p/achim-wesjohann-freiheit-statt-liberalismus">Herr Falschgold</a> die Bücher der letzten Wochen. </p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/jessica-anya-blau-mary-jane-a-novel</link><guid isPermaLink="false">substack:post:39447615</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Sun, 01 Aug 2021 03:00:33 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/39447615/56bc57be55bdc838dce47dfe7a3eed18.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>555</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/39447615/2fdf1767ec82d162a8008798a1358a0f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Marieke Lucas Rijneveld "Was man sät"]]></title><description><![CDATA[<p></p><p>Im Jahr 2018 in der Originalausgabe in Amsterdam erschienen, ist Marieke Lucas Rijnevelds Debütroman „Was man sät“ seit 2019 auch beim deutschen Suhrkamp Verlag erhältlich. 2020 gewann es zudem den International Booker Prize, wodurch sie mit nur 29 Jahren die erste und jüngste niederländische Preisträgerin wurde.</p><p>Die Geschichte setzt ein, als die Protagonistin, die nie namentlich genannt, sondern von allen nur mit dem Spitznamen <em>Jacke </em>angesprochen wird, 10 Jahre alt ist. Sie lebt mit ihrer Familie, bestehend aus den zwei älteren Brüdern Matthies und Obbe und der jüngeren Schwester Hanna sowie ihren Eltern, auf einem Bauernhof, der von der Rinderhaltung lebt. Nachdem auf ersten wenigen Seiten das Leben auf dem Land und in der streng orthodox-kalvinistisch lebenden Familie beschrieben wird, führt die Autorin schnell zu dem Ereignis hin, das prägend für die Familie und damit den weiteren Verlauf des Romans sein wird. Es ist kurz vor Weihnachten und da Jacke befürchtet, ihr Vater könnte ihr geliebtes Kaninchen als Weihnachtsbraten verwenden, betet sie kurzerhand zu Gott, er möge stattdessen doch lieber ihren Bruder Matthies nehmen. „Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen“, besagt ein altes Sprichwort. Und so wird auch Jackes Wunsch auf tragische Weise Realität.  </p><p>Kurz vor Weihnachten verlässt Matthies das Haus um Schlittschuh laufen zu gehen und bricht an einer noch zu dünnen Stelle im Eis ein. Sein Verschwinden wird viel zu spät bemerkt und so kehrt er nicht mehr lebend nach Hause zurück. Der Verlust des Bruders und Sohnes schwebt von nun an über allem und jedes Familienmitglied versucht bewusst oder unbewusst seinen Umgang damit zu finden. Während der Vater sich von der Familie zurückzieht und vielleicht zumindest in der Arbeit noch einen Sinn sehen kann, hört die Mutter allmählich auf zu essen. Nach dem Tod ihres Sohnes kann sie auch im übertragenen Sinn nichts mehr aufnehmen; nichts geht mehr in sie hinein und so magert sie schließlich ab. Aber sie kann auch nichts mehr abgeben, was zur Folge hat, dass weder sie noch der Vater sich mit ihren noch lebenden Kindern auseinandersetzen. Sie sind nicht mehr in der Lage ihren Kindern Liebe zu schenken, nicht einmal in Form von kleinen Berührungen nach denen sich, vor allem Jacke, so sehr sehnt. Der große Verlust beherrscht das tägliche Familienleben und führt auch zur Entfremdung innerhalb der Familie.</p><p>Das beklemmende und bedrückende Gefühl, das sich bei mir während der Lektüre einstellte, wurde auch noch dadurch verstärkt, dass die Protagonistin selbst durch die Geschichte führt. Das heißt, alle Schilderungen, Gefühle und Worte sind so gewählt, wie es auch ein Mädchen dieses Alters tun würde. Ihre Unwissenheit und Unsicherheit Dingen gegenüber die sie noch nicht kennt, schlagen sich somit auch sprachlich nieder und machen es umso leichter und manchmal fast schmerzhaft, sich in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen.  </p><p> “Hanna umarmt mich schnell, sie hält mich fest, wie sie ihre Puppen festhält, unter den Achseln. Vater und Mutter knuddeln nie, bestimmt weil dann etwas von den eigenen Geheimnissen am anderen kleben bleibt, pappig wie Vaseline. Darum umarme ich auch nie von mir aus: Ich weiß nicht, welches Geheimnis ich hergeben möchte.” (S. 200)</p><p>Die beiden Schwestern sind auch die Einzigen, die in der Lage zu sein scheinen, sich noch gegenseitig Zuneigung und Nähe schenken zu können. Gemeinsam denken sie sich Pläne aus, um auf die andere Seite des Sees zu gelangen. Ein Fluchtpunkt den sie auserkoren haben, ein Ort an dem alles besser sein wird, als es zu Hause ist und an dem sie am liebsten sofort sein möchten. Es sind Träumereien, die ihnen helfen den Alltag zu überstehen und sie die Hoffnung nicht aufgeben lassen, dass es eine gute Zukunft für sie geben kann.</p><p>Ihr Bruder Obbe hingegen hat andere Methoden bzw. Ticks entwickelt, um den Verlust des Bruders  zu ertragen. Sich selbst zu verletzen, indem er mit dem Kopf gegen das Bettgestell schlägt oder auch das Töten von Tieren, sind sowohl physisch als auch psychisch schmerzhafte Strategien. Ohnehin spielen Gewalt, aber auch Sexualität und Exkremente eine fortlaufend große Rolle im Roman. Die Protagonistin, deren Namen der Lesende nie erfährt, trägt ihren Spitznamen „Jacke“, weil sie selbige nie auszieht. Ihre rote Jacke ist ihr Schutzschild gegen die Außenwelt, noch mehr aber bietet sie ihr einen Zusammenhalt nach innen. Sie sammelt kleine Dinge, wie die Schnurrhaare ihres Hasens, in ihren Taschen. Symbole des Sich-an-etwas-festhalten-müssens, um sich nicht auch noch selbst zu verlieren. Nicht einmal ihren Kot ist sie mehr bereit abzugeben: „Ich konnte meine Kacke festhalten, nichts, was ich nicht loswerden wollte, brauchte ich ab jetzt zu verlieren.“ (S. 42) Ihre Namenlosigkeit, die einerseits Unauffälligkeit symbolisiert, steht andererseits im starken Kontrast zu dem Wunsch, einmal für jemanden etwas ganz Besonderes zu sein.</p><p>Der Tod ist allgegenwärtiges Thema im Roman und kommt nicht ausschließlich durch den Verlust des Bruders und Sohnes zum Ausdruck, sondern manifestiert sich beispielsweise auch in der Nahrungsverweigerung der Mutter oder dem Essen von bereits angeschimmeltem Brot. Er zerstört die Ordnung und das Familiengefüge. Aber auch die Religion ist, wie es der Titel des Buches bereits anklingen lässt, ein maßgebliches Motiv. Selbst in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen, webt Marieke Lucas Rijneveld immer wieder Zitate aus der Bibel ein. „Wer wind sät, wird Sturm ernten“ heißt es in der Bibel bei Hosea 8 Vers 7. Es verweist auch auf das Schuldgefühl, dass die einzelnen Familienmitglieder an Matthies Tod mit sich tragen. Zentral ist dabei Jackes anfänglicher Wunsch, Gott möge doch lieber ihren Bruder als ihr Kaninchen zu sich nehmen. Aber auch als im Dorf die Maul- und Klauenseuche ausbricht und auf dem Hof alle Rinder geschlachtet werden müssen, empfinden dies die Eltern als Plage und Strafe Gottes zugleich und sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, womit sie diese verdient haben.</p><p>Marieke Lucas Rijneveld gliedert ihren Roman in drei Teile und nutzt damit, bewusst oder unbewusst, die klassische Dramentheorie nach Aristoteles. Sie verarbeitet in ihrem Roman einen eigenen persönlichen Verlust, nämlich den Tod ihres Bruders als sie drei Jahre alt war. Schonungslos ist dabei ein Begriff, der einem beim Lesen unweigerlich in den Sinn kommt. Erstens mit ihren Figuren, die dem bäuerlichen Hof und der zunächst vermeintlichen Idylle auf dem Land nicht entkommen können. Eltern die den Verlust ihres Kindes nicht verkraften können, und dabei außer Stande sind, sich weder gegenseitig zu stützen und gemeinsam zu trauern noch für ihre noch lebenden Kinder ein zu Hause der Geborgenheit, des Aufgehobenseins und der Stabilität zu ermöglichen. Jeder trauert für sich allein und die Gedanken an das verstorbene Kind, lassen alles andere in der Hintergrund treten. Aber auch Jacke, Hanna und Obbe sind gefangen. Nicht nur in einer Welt aus Trauer und dem Wunsch nach Normalität, sondern auch im natürlichen Prozess des Heranwachsens, der zunehmend von Gewalt, Sexualität und dem Gefühl der Ausweglosigkeit geprägt ist. Aus dieser, sich immer mehr verdichtenden und beklemmenden Situation, lässt sie, zweitens, auch den Lesenden nicht heraus. Fast schmerzhaft wird der Prozess des Lesens mit Fortgang der Geschichte und auch die Vorahnung, dass es kein Happy End geben wird, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Drittens kennt aber auch die Autorin für sich selbst keine Gnade und unternimmt keinen Versuch etwas zu verharmlosen, zu beschönigen oder Hoffnungen zu wecken, wo es keine gibt.</p><p>Einmal in den Bann des Romans hineingezogen, kann man sich ihm schwerlich wieder entziehen. Wenn es gelingt sich darauf einzulassen, wird man Teil einer Welt die viel Unerbittliches, aber auch viel Fragiles und Beschützenswertes bereit hält. Ein gewaltiger Roman, der viele sprachliche Metaphern in sich birgt, die genau ins Schwarze treffen. Keine <em>schöne Geschichte </em>im herkömmlichen Sinne, aber eine ganz klassische Empfehlung.</p><p>In der nächsten Woche bespricht Irmgard Lumpini "Mary Jane: A  Novel" von Jessica Anya Blau, eine sommerliche Coming-of-Age Story im  1970er Jahre Baltimore, die Marxens Diktum "Das Sein bestimmt das Bewußtsein"  unterstreicht.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/marieke-lucas-rijneveld-was-man-sat</link><guid isPermaLink="false">substack:post:38980357</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Sun, 25 Jul 2021 03:00:09 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/38980357/053b273c655db2a3c272b3945488ef32.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>534</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/38980357/1204714ab7d1e56f9d30708f5a6ca89f.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Achim Wesjohann: Freiheit statt Liberalismus]]></title><description><![CDATA[<p>Das Studio B mit dem bedrohlichen Untertitel "Lobpreisung und Verriss" als Podcast & Radiosendung für Literaturkritik gibt es seit erstaunlichen <a target="_blank" href="https://lobundverriss.de/studiob-archiv/werke">vierzehn Jahren</a> und in zumindest den letzten fünfen hat sich mit dem Team Lumpini/Findeisen/Falschgold eine gewissen Arbeitsteilung herauskristallisiert. Brutal stereotypisierend gesagt, erklärt Irmgard Lumpini an ausgewählten Werken gerne die kleinen und noch lieber die großen politischen Themen, legt die literturstudierte Anne Findeisen in ihren besprochenen Büchern Wert auf ausgewählte Sprache und Herr Falschgold berichtet sporadisch aber unerschütterlich der Hörerschaft von Fantasy und Utopie.</p><p>Und so bietet es sich doch an zum Start einer neuen Ära für das Studio B mit wöchentlichen Podcastepisoden, transkribierten Rezensionstexten und Nutzung der up- und coming Plattform substack ein Werk zu besprechen, dessen Autor in feinster Sprache und studierter Rhetorik von einer politischen Phantasie träumt: einer spektrums- und damit parteienübergreifenden Republikanischen Bewegung in Deutschland. Was ein Freak!</p><p>Der Freak heißt Achim Wesjohann, ist ein Niedersachse, der in Dresden lebt, sein Geld als Geschäftsführer der Grünen im sächsischen Landtag verdient und mittelalterliche Geschichte und Politik studiert hat. </p><p>Als wir im März letzten Jahres auf einmal alle sehr viel Zeit hatten, nahm er sich diese um in sechs Artikeln Grundlegendes zu Besprechen. Das ganze passierte in <a target="_blank" href="https://wesjohann.de/">Blogform</a>, den Namen des Blogs, "Wesjohanns Worte", erwähnen wir hier einmalig und breiten den Mantel betretenen Schweigens über ihn. Zusammengefasst ergäben die sechs Artikel mit Titeln wie "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/05/10/freiheit-statt-liberalismus-i/#more-179">Freiheit statt Liberalismus</a>", "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/08/15/republikanismus/#more-190">Republikanismus</a>" oder, oje, "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/11/03/tugend/#more-199">Tugend</a>", ein kleines Bändchen, welches, soviel Lob vorab, die Veröffentlichung in Buchform verdient.</p><p>Warum?</p><p>Achim Wesjohann beginnt mit einem kurzen, scharf umrissenen Bild von dem, was wir heute "Liberalismus" nennen. Je nach Herkunft und politischer Bewußtwerdung hat jeder seine eigene postive oder negative Haltung zum Wort und füllt es mit seiner eigenen Bedeutung, meist: "Irgendwas mit Freiheit". Klingt total super, ist aber so falsch wie wenig hilfreich, wenn wir alle ein Problem haben, mit dem Liberalismus. </p><p>"Haben wir alle ein Problem mit dem Liberalismus?", fragt der Leser.</p><p>"Haben wir.", antwortet Wesjohann.</p><p>Zur Beweisführung braucht es ein paar Definitionen, die grundlegendsten ist, das, scheinbar wertneutral, des Liberalismus These ist, dass der größte Nutzen in einer Gesellschaft erreichbar sei, wenn jeder einzelne seine Interessen nur konsequent verfolge. Mein Konjunktiv gibt meine aktuelle Einstellung zu Sache wieder, Wesjohann macht das dankenswerter Weise deutlich professioneller, ohne dass Langeweile aufkommen muss. Zitat: "Der Grundgedanke des Liberalismus ist in seiner Einfachheit so bestechend wie defizitär."</p><p>oder "Pluralismus ist unabdingbar, aber die Gleichberechtigung gefühlter Wahrheiten.. ..mit tatsächlich wissenschaftlich fundierten Stellungnahmen erweist sich als eine Entwicklung, die mit Wahrheitsfindung nichts mehr zu tun hat." hört man Wesjohann ein bisschen in sich reinkichern beim Schreiben. Wir erhalten einen fundierten Streifzug durch die Spielarten des Liberalismus in der jüngeren Vergangenheit und jeder zweite Satz ist zitierbar, weil hier jemand schreibt, der scharf formulieren kann ohne auf Effekte setzen zu müssen.</p><p>Achim Wesjohann gibt uns damit aber auch Einblicke in <em>sein </em>politisches Seelenleben, was sympathisch ist und der Sache dient, wir lesen hier schließlich keine Dissertation, sondern ein politisches Statement, ja ein Pamphlet, und es hilft ja prinzipiell eines Autors Haltung zur Sache zu kennen, um eine Meinung zu Thema und Text zu entwickeln.</p><p>Der Grundkonflikt den Wesjohann mit dem Liberalismus hat, ist, dass sich dieser in den letzten 40 Jahren als "Individualismus over alles" definiert hat, ein in sich geschlossenes Weltbild, wie auch Wesjohann anerkennen muss, welches als Credo hat, alles, was die Interessen des Individuums beschränke, sei einzuschränken. </p><p>Klingt ohne drüber nachzudenken nicht wirklich schlimm, wer mag schon eingeschränkt leben. Darüber nachzudenken lädt uns der Autor jedoch ein und es ist ja auch wirklich nicht schwer:</p><p>Wenn wir auf der einen Seite des Freiheitsspektrums aktuell Silicon Valley Milliardäre haben, die mit Plattformen zur freiesten aller Meinungsäußerungen ihr Geld verdienen und auf der anderen Seite diejenigen, die auf diesen Plattformen, total frei, z.B. einen Präsidenten ins Weiße Haus manipulieren, der um ein Haar die ganze schöne Freiheit einkassiert und dass lupenreine Demokraten auf der östlichen Seite des Globus das dazu benutzen, in ihren total demokratischen Staaten die Plattformen zur freiesten Meinungsäußerung zu verbieten, man sieht ja was bei rauskommt, dann muss man nicht groß nachdenken um zu wissen: die Freiheit ist leicht in Gefahr.</p><p>Nur, wer meldet sich, sie zu beschützen? Die mit den Plattformen? Die mit dem Geld für die Lobbyarbeit? Die gegen den Mindestlohn, die den Leuten damit drei Jobs abverlangen, bis sie abends vor Erschöpfung nicht mehr denken können? Die gegen öffentlich-rechtliche Medien sind? Also die, die die Massen aus Versehen, absichtlich oder irgendwas dazwischen, zur Manipulationsmasse machen, kurz: Die Liberalen?</p><p>"Danke, setzen." sagt Wesjohann und präsentiert uns eine Idee.</p><p>Aber, bevor er das tut und weil kein Autor nur von sachlich hergeleiteten Argumenten leben kann, hier: "Liberalismus: gute Idee, leider unpraktisch", lässt Wesjohann in “<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/06/18/freiheit-statt-liberalismus-ii/#more-184">Freiheit statt Liberalismus II</a>” kurz die Boxhandschuhe weg und das Blut spritzen. Mir ist's Recht und es artet nicht so aus, dass es die fundierten Ansagen des ersten Teils unterminierte. Im Gegenteil zeigt sich schnell, wie Recht man als Autor (und Spaß als Leser) auch mit härteren Aussagen haben kann. Zitat "Die altgriechische Bezeichnung idiotes für Menschen, die sich nur um ihre privaten Angelegenheiten interessieren und sich vom politischem Leben fernhalten, soll nicht wertend gewesen sein, aber die Formel „privat statt Staat“ kann man heute mit Recht idiotisch finden. Von dieser Art Freiheit werden die Reichen immer mehr haben, weil sie sich den Verzicht auf öffentliche Institutionen leisten können. Für alle anderen bedeutet dieser Verzicht das Fehlen von Teilhabemöglichkeiten, also von Möglichkeiten der Selbstentfaltung. Das ist der (vielleicht nur scheinbar) paradoxe freiheitsbeschränkende Effekt des Liberalismus." Wirkungstreffer, die Runde geht an Wesjohann.</p><p>Jetzt aber, im ganz einfach "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/08/15/republikanismus/#more-190">Republikanismus</a>" überschriebenen dritten Teil, tut der Autor nun Butter bei die Fische, wie man wohl in Niedersachen sagt, was weiß ich schon als Zoni.  Als ein solcher zucke ich zunächst ob des Wortstammes zusammen, waren doch die "Republikaner" in meiner Jugend, kurz nach der Wende in die beigetretenen Gebiete eingezogen, sich mit der, mich schon in der seligen DDR peinigenden zonalen Neonaziszene zu verbünden, um nicht nur Ausländer nicht nur rauszuschmeißen. Wesjohann geht darauf mit keinem Wort ein, dass ist hier ein Text über Republikanismus, nicht über "die Republikaner", also hör' auf zu zucken.</p><p>Ok, wir verstehen, es geht um die Republik, die res publica, das Gemeinwesen, demokratisch organisiert. Und obwohl wir ob des Liberalenbashing der ersten beiden Kapitel befürchteten, es gehe um die Republik als Alternative zum Liberalismus, macht uns Wesjohann klar, dass er den Republikanismus, das Gemeinwohl also, als den eigentlichen *Verteitiger* des Liberalismus sieht. Freiheit als Abwesenheit der Unterdrückung durch "Mächtige" funktioniert nur, wenn Du selbst ermächtigt bist und ermächtigt bist Du in einer Republik. Darauf kann man auch selbst kommen.</p><p>"Ermächtigung" klingt super, wenn man sie als "Machtteilhabe", also, zumindest einen "Teil Macht haben" umstellt wird es immer reizvoller, wer will nicht wenigstens einen kleinen Teil Macht im Leben. Wenn man sich aber herkömmliche Machthaber anschaut, sind das alles 80h-Arbeitswochentiere und selbst wenn man nur ein klitzekleines Bisschen was zu sagen haben will, muss man eventuell ein paar Abende statt im Biergarten in den Zentralen der republikanischen Macht verbringen. Bürgerrechte sind auch Bürgerpflichten, Frau Bierliebhaberin. Und wenn man schon keine Lust hat im Zentrum der Macht einer Ortsbeiratssitzungen zu sitzen, muss man sich überlegen, ob es nicht gerade derzeit wichtig ist an den Außengrenzen des eigenen Machtbereiches aktiv zu werden. Wie oft zum Beispiel ist der gemeine Biertrinker bei Anti-Pegida-Kundgebungen? Und da fangen wir noch gar nicht an, davon zu reden, was passiert, wenn das Gemeinwesen nicht von innen sondern von Außen bedroht ist. Wehrpflicht, Baby!</p><p>Hier purzeln wir vom woken Traum in die Realpolitik. Wesjohann, als Grüner in Sachsen in dieser traumlosen Welt zu Hause, nimmt das entsprechend nicht zum Anlass zu jammern und verzagen, er geht in den Angriff und argumentiert, Achtung, wir kommen zur Grundidee: wenn hier schon so mancher Linke seine Traumwolke verwehen sehen wird, um die Freiheit zu verteidigen, kann man das doch dem Konservativen oder gar dem Liberalen zum Vorbild halten, Opfer in seinen ideologischen Himmelreichen zu bringen und, sich, von mir aus die Nase zuhaltend, mit dem "politischen Gegner" parteiübergreifend republikanisch zu organisieren, gewissermaßen eine Metapartei zu gründen, im Interesse und zum Schutz der Freiheit aller Bürger und damit der Republik. </p><p>Was ein Freak, der Wesjohann.</p><p>Und ein mutiger zudem. Kaum hat er den lesenden Progressiven mit "Wehrpflicht" geschockt legt er mit "Patriotismus" nach und schafft es dabei mir argumentativ sowohl die Angst vor ihm ein wenig zu nehmen (vor dem Heimatstolz nicht dem Wesjohann) als auch so manchem interessierten Nationalkonservativen einen kleinen Angstschiss zu bereiten, mit dem sehr schön beiläufigen Fallenlassen eines "Ideal einer Weltrepublik". Ich konnte keine Ironie erkennen und habe mich köstlich amüsiert. </p><p>Und wenn wir alle miteinander schon mal kalt geduscht sind, macht unser Autor gleich weiter mit dem zwangsläufigen Thema "Staatsbürgerschaft". Dort wird es ebenso zwangsläufig sehr schnell eng zwischen zwei  Argumenten: Diese sind auf der einen Seite Zitat, "Wer wählt sollte Bürger*in des Staats.. ..sein" (und mit "sollte" ist eindeutig "muss" gemeint) und, wieder Zitat und sehr mutig, dass "der Zugang zur Staatsbürgerschaft ohne weiteres möglich sein muss". Auf der anderen Seite steht die nicht nur metaphorischen Mauer, die man doch bauen muss um Feinde der Freiheit von einer Republik fern zu halten. Das weiß Wesjohann natürlich und ist groß genug zuzugeben, dass man mit dem Loblied auf die Republik nicht alle deren Unvollkommenheiten lösen kann.</p><p>Ob clickbait oder Freude an der Provokation, Teil 5 des Textes müsste wieder mit einer Triggerwarnung versehen werden, denn "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/11/03/tugend/#more-199">Tugend</a>" wird im Allgemeinen in CDU-Parteiprogrammen verortet, nicht in vorwärts gewandten Blogbeiträgen. Ok, wir klicken und atmen erleichtert auf, es war clickbait, Wesjohann erspart uns metaphorische Ausflüge in katholische Mädchenheime und vertieft statt dessen noch einmal den Umstand, dass Freiheit nicht (allein) Besitz sein kann sondern (zwingend) Teilhabemöglichkeit benötigt. Und er geht einen Schritt weiter und zeigt auf, dass es mit der alleinigen Möglichkeit leider nicht getan ist, sorry, no Biergarten today, Ortsbeiratssitzung it is, denn nur wenn Du Dich einbringst, kannst Du verhindern, dass der Biergarten einem Parkplatz weicht. Oder auf lateinisch "et quae, si aequa non est, ne libertas quidem est", aha, der Cicero wird zitiert. Frei übersetzt: "Demokratie, baby!". Glaube ich, Wesjohann hat das schließlich studiert.</p><p>Brachte Kapitel 3 argumentativ die Butter bei die Fische kommen zum Schluss die Stampfkartoffeln. Wie wird aus einer republikanischen Idee eine republikanische Tat, eine Bewegung gar? Seit 2010 heißt das "<a target="_blank" href="https://wesjohann.de/2020/12/20/agenda/#more-204">Agenda</a>", so auch dieses Kapitel. Wir versuchen unser Unwohlsein zu verbergen und lesen von einem Demokraten der sichtlich erschöpft ist von der Dummheit des Freiheitstheaters zwischen "Freie Fahrt für freie Bürger" und dem Kampf ums "Zigeunerschnitzel". Wir lesen von einem lebenslang engagierten Autoren, einem der, erstaunlich genug, noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hat, er wünsche sich eine Versammlung, ein Forum, in dem sich Menschen um einen republikanischen Minimalkonsens herum treffen und endlich wieder etwas substantiell besprechen und dabei noch nicht einmal Antworten finden müssen, sondern zunächst Fragen stellen sollen. Er wirft gleich mal zwei in die Runde, den Patriotismus und die Dienstpflicht an der Gesellschaft. Zugegeben, damit bekommt man ein stattliches Spektrum Menschen mit einer stattlichen Fülle an Argumenten, und so das Ziel, zusammen. Oder auch nicht. </p><p>Wesjohanns Wortbeitrag (ich bitte um sofortige Umbenennung des Blogs) kommt aus der Mitte der Gesellschaft ohne opportunistisch zu sein und ist radikal ohne an den Rändern zu fischen. Er beantwortet bewusst fast keine der von ihm gestellten Fragen, dazu ist er lange genug in der Politik. </p><p>Das hier ist eine Rezension, also sollte die Frage beantwortet werden: "Guter Text?", nicht "Richtiger Text?" Eine Antwort erhält Wesjohann vielleicht mal in einem Essay im Studio P, wie Politik oder Polemik, hier im Studio B, wie Buch, erhält er von mir die Bestätigung, dass es einem alten Kyniker wie dem Herrn Falschgold ein bisschen warum ums Herz geworden ist. Ich war nie Nichtwähler, dazu haben wir uns 89 zu lange auf den Straßen rumgetrieben und, zugegeben, war ich auch nie FDP-Wähler, weil, äcks. Aber eine heftige Portion Verdrossenheit mit der deutschen politischen Umgebung ist schon lange da, ich habe nicht umsonst kein Abo einer deutschen Zeitung, dafür zwei aus dem westlichen Ausland.</p><p>Aber das kann sich ändern, wenn Achim Wesjohanns Vision auch nur einen Hauch näher an die Realität rückt. Ich sehe mich nicht im Ortsbeirat, geschweige denn in höchsten Ämtern, aber mal ganz im Ernst: am Ende werde ich Republikaner. </p><p>Bitte reißen Sie diesen Nebensatz jetzt aus dem Zusammenhang.</p><p>Nächste Woche geht es Anne Findeisen um eine Autorin, nämlich Marieke Lucas Rijneveld, die viele sicher von der kürzlichen Debatte um die Übersetzung des Gedichtes von Amanda Gorman zur Amtseinführung Joe Bidens kennen. Besprochen wird ihren Roman “Was man sät”.  </p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/achim-wesjohann-freiheit-statt-liberalismus</link><guid isPermaLink="false">substack:post:38789255</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 18 Jul 2021 03:00:56 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/38789255/7d5b633432fb0b15d70dfec5cc33f44e.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>900</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/38789255/a04f0486d28c2fc3728a15c784c25287.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Wir sind neu hier]]></title><description><![CDATA[<p>Als im Sommer 2007 Herr Falschgold und Frau Irmgard Lumpini ihre Literatursendung “Studio B - Lobpreisung und Verriss”, die monatlich beim Dresdner Radiosender coloRadio lief, parallel im Internet als sogenannten Podcast veröffentlichten, war der Youtuber Rezo (der mit den Haaren und der zerstörten CDU) 15 Jahre alt. Steve Jobs war noch ein Psychopath mit Geschmack, die Bundeskanzlerin hieß, äh, Angela Merkel. Ok, der Punkt ist, wir machen das schon sehr, sehr lange. </p><p>Mein Zeichenlehrer Zetsch, damals, kurz nach dem Krieg, ein weiser Alkoholiker, wiederum, gab mir, damals, kurz nach dem Krieg, auf den Weg: “Falschi, wenn Dir jemand sagt, dass er etwas schon sehr lange macht, was sagst Du ihm dann? Richtig: Man kann etwas auch sehr lange falsch machen.”</p><p>Aber was ist schon richtig, was ist falsch. Nun, in Sachen Podcast, damals 2007, kurz nach dem Krieg, hat Dir ja niemand gesagt, was Du machen sollst mit deinem Podcast, also kam der am Tag der Radiosendung raus, alle ein bis zwei Monate, an einem Donnerstag. Wer sich für Literatur interessierte und cool war ging in das Internet und hörte die Show mit seinem winamp player unter Windows 95  und knabberte dazu einen Raider. Danach ging es in die Schule, barfuß, auch im Winter. Wir hatten ja gar nichts.</p><p>Heutzutage, wo selbst die Bundeskanzlerin einen Podcast hat und auch der alte Zetsch im Altersheim den auf seinem Handy abonnieren kann, haben sich die Hörgewohnheiten soweit etabliert, dass man sagen muss: einen Podcast alle ein bis zwei Monate veröffentlichen ist Quatsch. Podcast-Episoden will die aufgeklärte Literaturfreundin einmal die Woche hören, und zwar immer am gleichen Tag und weil sie manchmal einfach nicht multimedial unterwegs ist, will sie die Wahl haben, unseren sonoren Stimmen zu lauschen oder das Transkript zu lesen. Es macht ja heutzutage jeder was er will..</p><p>Und so sei es: Künftig kommt Studio B jeweils am Sonntagmorgen in Euren Podcastplayer. Natürlich wird das keine Stundensendung, wir machen ja noch was anderes als immer nur Lesen, Lesen, Lesen und an die Leser denken. In Rotation wird es jeweils eine Rezension von Anne Findeisen, Irmgard Lumpini oder mir, dem Herrn Falschgold geben und in der vierten Woche dann die berüchtigte Diskussion über die rezensierten Bücher der Vorwochen. Das gibt den Abonnentinnen die Möglichkeit, die Bücher bis zum Erscheinen der Diskussionsepisode zu lesen und beim Hören wütend lautstark zu protestieren. In der U-Bahn, unterm Kopfhörer, damit alle was davon haben.</p><p>Gleichzeitig erscheint das Transkript der Rezension auf unserer neuen Plattform substack unter der Adresse lobundverriss.substack.com. Dort kann man sich in einen absolut und garantiert spamfreien Newsletter eintragen und erhält am Sonntagmorgen Transkript <em>und</em> Podcast-Episode zum sofortigen Verzehr in seine E-Mail-Inbox. </p><p>Weder Sorge noch Arbeit müssen sich bestehende Abonnenten des Podcast machen. Die braucht das alles nicht zu interessieren, für sie ändert sich nichts, alle neuen Episoden werden im aktuellen Podcastfeed auftauchen. Auch die alte Website mit allen Episoden seit 2007 bleibt unter der alten Adresse erhalten.</p><p>Zusammengefasst: Studio B - Lobpreisung und Verriss erscheint künftig jede Woche am Sonntagmorgen. Hören kann man das alles wie bisher im Podcastplayer der Wahl, künftig jedoch auch lesen auf lobundverriss.substack.com oder per E-Mail, wenn man sich ebendort für den Newsletter anmeldet. </p><p>Wir sind begeistert.</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/wir-sind-neu-hier</link><guid isPermaLink="false">substack:post:38757264</guid><dc:creator><![CDATA[Lob und Verriss]]></dc:creator><pubDate>Thu, 15 Jul 2021 10:09:48 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/38757264/f5f26cf3c142596056bc197554c0f19e.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Lob und Verriss</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>280</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/38757264/a25bbc3b530468d7fef3e23b8b178221.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Susie Steiner: Die Manon-Bradley-Trilogie und Janet Evanovich und Lee Goldberg: die Fox-und-O'Hare Serie]]></title><description><![CDATA[<p>"Autorin Susan Steiner, die vor der Veröffentlichung ihrer Werke viele Jahre als Journalistin für den Guardian gearbeitet hat, gesteht ihren gebrochenen Heldinnen mehr als die oft in Krimis zu findende plakative Eindimensionalität zu, in der eine pittoreske Marotte oder Vorliebe komplexe Charaktere zurechtstutzt und als Wiedererkennungsmerkmal eingesetzt wird."</p><p>"Die Funken der Attraktion sprühen, im Stile von Ocean's Eleven werden weitere holzschnittartige Protagonistinnnen, die jeweils Meister ihres Fachs sind, für immer absurdere Scams herangezogen, um diverse Superschurken zu stellen und ihnen das Handwerk zu legen."</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/susie-steiner-die-manon-bradley-trilogie</link><guid isPermaLink="false">substack:post:33117548</guid><dc:creator><![CDATA[Irmgard Lumpini]]></dc:creator><pubDate>Mon, 01 Mar 2021 15:58:48 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/33117548/b66a4255d16c6e8b852c451a4a733d4b.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Irmgard Lumpini</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>369</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/33117548/df0166421dbe03b6655ba42b1ceca82c.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Tove Ditlevsen: Kindheit]]></title><description><![CDATA[<p>Sie fragen, ob ihre Verse gut sind. [...] Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde der Nacht: <em>muss </em>ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen<em> ˃Ich muss˂ </em>dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muss ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange. (<em>Briefe an einen jungen Dichter</em>, S. 6/7)  </p><p>Dieses Zitat, das einem Briefwechsel zwischen dem Offizier Franz Xaver Kappus und Rainer Maria Rilke entstammt, und in <em>Briefe an einen jungen Dichter </em>erschienen ist, kam mir unweigerlich in den Sinn, als ich Tove Ditlevsens Roman <em>Kindheit </em>las. </p><p>Tove Ditlevsen wurde 1917 in Kopenhagen geboren und ihr Roman  <em>Kindheit</em>, der den ersten Band ihrer Kopenhagen-Trilogie bildet, bereits 1967 in Dänemark veröffentlicht. In deutscher Übersetzung ist er erstmalig erst seit Anfang dieses Jahres, zusammen mit den beiden anderen Bänden <em>Jugend </em>und <em>Abhängigkeit,</em> im Aufbau Verlag erhältlich.</p><p>In ihrem autofiktionalen Roman beschreibt sie ihre Kindheit im Arbeitermilieu, dem sie entstammt. Ihr Vater ist Heizer und steht damit gesellschaftlich unter den Handwerkern, was zur Folge hat, dass er auch wesentlich schlechter verdient als diese und die Familie unter finanziellen Nöten zu leiden hat. Dennoch ist er kein Säufer, so wie die meisten Männer in diesem Umfeld beschrieben werden, beispielsweise ihr Onkel, der von allen nur der „Schluckspecht“ genannt wird. Toves Vater behandelt sie gut, schenkt ihr sogar Bücher, dennoch nimmt er ihr jede Illusion, dass sie einmal selbst Dichterin werden kann, doch das ist ihr sehnlichster Wunsch: </p><p>„Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen“ (S.107)  </p><p>Tove fällt ohnehin in den so genannten “Zuständigkeitsbereich“ ihrer Mutter, doch das Verhältnis der beiden wirkt eher kühl. Fast bekommt man als Leserin den Eindruck, dass die Mutter der Tochter feindselig gegenübersteht oder zumindest gleichgültig. Die Protagonistin selbst, findet eigene, klare Worte, die das Verhältnis zu ihrer Mutter folgendermaßen beschreiben:   </p><p>„Also mag sie mich vielleicht doch? Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss ich immer suchen. Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden.“   </p><p>Toves Weg ist vorgezeichnet: nach der Schule, die mit der Konfirmation endet, muss sie sich eine Anstellung suchen – der  Besuch des Gymnasiums wird ihr verwehrt – und einen Mann finden der sie heiratet (am besten einen Handwerker) und der ein gutes Einkommen hat, so dass sie nicht mehr arbeiten gehen muss. Doch  ihr Interesse an Männern richtet sich eher auf diejenigen, die sich ebenfalls mit Literatur befassen oder ihr bei der Verwirklichung ihres Traumes nützlich sein könnten. </p><p>In dieses Milieu eingebettet entsteht vor meinem geistigen Auge das Bild eines Mädchens – denn der Roman <em>Kindheit </em>endet mit ihrem 14. Lebensjahr – dessen Alltag geprägt ist von Andersartigkeit und dem damit einhergehenden Gefühl von Einsamkeit. Weil eben Schreiben, das Bilden von Wörtern und Aneinandereihen von Sätzen das Einzige ist, was sie wirklich glücklich macht und sie auch vor der Wirklichkeit schützt. Dieses Schreiben dient gleichsam der Abnabelung von den Eltern, doch hat sie bei ihnen keinen Raum, der nur ihr allein gehört. Eine Thematik, die auch Virginia Woolf in ihrem bereits 1929 veröffentlichten Essay <em>Ein Zimmer für sich allein </em>thematisiert und deren Wichtigkeit hervorhebt. In Ermangelung dieses Rückzugsortes trägt Tove ihr Poesiealbum, in das sie all ihre Gedichte schreibt, stets bei sich und ist dies einmal nicht der Fall, versteckt sie es in einer Wäschschublade ganz unten.</p><p>Ihr Wunsch, Dichterin zu werden, treibt sie an, birgt aber gleichzeitg auch viele Ängste, wie die, sich nicht selbst versorgen zu können. Während ihre Kindheit vorher nicht ausschließlich als etwas Positives gezeichnet wird, tritt mit dem bervorstehenden Ende selbiger und der großen Angst vor Veränderungen eine Verklärung ein: „[...] die Konfirmation ist der Grabstein auf einer Kindheit, die mir jetzt hell, geborgen und glücklich vorkommt.“ (S. 96)  Ihre Zukunft nimmt sie geradezu als „monströse[n], übermächtige[n] Koloss“ war, „der bald auf [sie] herabstürzen und [sie] zertrümmern wird.“ (S.91)</p><p>In <em>Kindheit </em>begleiten wir ein heranwachsendes Mädchen, dass geleitet wird von seinem Drang, seinem <em>ich muss</em>, Dichterin zu werden. Die schnörkellosen, sorgfältigen und feinsinnigen Beschreibungen lassen das Geschilderte ganz nah erscheinen und am Innenleben der Protagonistin, welches sich wenig von dem der Autorin unterscheiden mag, teilhaben. Sie reißt einen mit und man empfindet die selbe Dringlichkeit weiter zu lesen, wie sie Tove Ditlevsen verspürt haben mag, zu schreiben. Es stellt sich außerdem der Eindruck und die Faszination ein, dass sie ihrer Zeit voraus </p><p>gewesen sein muss. </p><p>Auf gerade einmal etwas mehr als hundert Seiten schafft es Tove Ditlevsen eine Vehemenz und Intensität des von ihr gewollten Lebens zu beschreiben, dass es schließlich – so wie ihr unvermeidlicher Werdegang auch – unausweichlich ist, die beiden anderen Bände ebenfalls zu lesen und sie als das zu sehen, was sie sind: nämlich großartig.</p><p>Es ist ein Geschenk, dass ihre Bücher nun, nach über 50 Jahren, endlich in wunderbarer Übersetzung von Ursel Allenstein, auf deutsch erschienen sind und es bleibt nur zu hoffen, dass es Tove Ditlevsen zumindest posthum zu einem größeren Ansehen in Deutschland verhilft. Die Kopenhagen-Trilogie – eine absolute Empfehlung!</p><p>Enden möchte ich mit den Worten der Autorin selbst:</p><p>„Mein einziger Trost in dieser unsicheren, wankenden Welt bestand darin, Gedichte wie diese zu schreiben: Einst war ich jung und schön und glühend,</p><p>		so voller Freude und Schalk.</p><p>		Wie eine zarte Rose, erblühend.</p><p>		Jetzt bin ich vergessen und alt.</p><p>Damals war ich zwölf.“</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/tove-ditlevsen-kindheit</link><guid isPermaLink="false">substack:post:33117428</guid><dc:creator><![CDATA[Anne Findeisen]]></dc:creator><pubDate>Mon, 01 Mar 2021 15:54:28 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/33117428/98ac54f4e566bbe18dbdd3d3f73ef7bd.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Anne Findeisen</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>415</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/33117428/5e925c2f4e38131c0c0380208b1ff939.jpg"/></item><item><title><![CDATA[Robert Thorogood: “The Marlow Murder Club”]]></title><description><![CDATA[<p><em>Miss Bechdel oder Der whodunit in Zeiten des Feminismus</em></p><p></p><p></p><p>Ein Tag voller Stress, der Winter hat uns im Griff. Wir drehen die Heizung auf die 5, setzen uns in den tiefen, weichen Fernsehsessel, den Feierabendwhisky in der Hand. Die Show beginnt, immer, mit einem “fade from black”. Also kein harter Schnitt, nein, ein sanftes Einblenden. Eine Oboe spielt ein altes Lied. Wir erkennen es wieder. Die Landschaft sattgrün, die Kamera wackelt ein wenig, wir schauen mit ihr in ein fremdes Land.</p><p>Engeland.</p><p>Gleich wird ein Mord geschehen, es ist uns herzlich egal. Wir schauen gebannt auf die saftigen Wiesen, den Himmel, blau mit den reizendsten weißen Wolken, im Hintergrund kündigt sich Regen an. Ein schmaler Fluß, schilfbeufert, ein kleines Wäldchen, ein Weg. Die Kamera sucht ein Haus, Fachwerk, mit geduckten Türen. Durch kleine Fenster schauen wir in ein Paradies. Es ist mitten in der Woche, keine lärmenden Ausflügler nerven Personal und Stammgäste des Pubs der immer “Zum Schwan”, “Zur Mühle” oder “Zum Fischer” heißt und die mittelklasse-mittelalte Frau des Wirtes zapft ein Bier für den Inspektor und eine Cola für seinen Serganten. Der Sergant duckt sich durch die kleine Tür zu einer Bank mit Blick auf den Fluß und stellt die Gläser ab. Dort sitzt der Inspektor und trinkt nun, vormittags um elf (!), an einem Mittwoch (!) sein erstes Ale, kalt, perfekt gezapft, mit Blick auf eine grüne Idylle, die dir die Hornaut verätzt so f*****g grün ist sie. Die Enten quaken, der Inspektor schluckt und ahhht. In der Ferne ein Schuss, die Enten fliegen erschrocken aus dem Schilf.</p><p>Auch wir nehmen einen tiefen Schluck vom Wochentagswhisky während die Oboe ihre alte Melodie spielt, die Idylle fadet nach schwarz, es bleibt ein Schriftzug “Midsomer Murder”. Inspector Barnaby wird gleich ordentlich zu tun haben.</p><p>Murder Mysteries und whodunits, wie die Eingangs aquarellte Inspector Barnaby Reihe sind immer im ländlichen Raum angesiedelt, maximal eine Kleinstadt wie Oxford kommt in Frage, wie z.B. bei “Inspector Lewis” und dessen Prequel “Endeavor”. Der Grund ist, daß der Eskapismus für den Leser, wenn er die Bücher bevorzugt oder/und den Seriengucker nur so funktioniert. Wie will man in Stories, angesiedelt in Städten wie Manchester, Sheffield, von London nicht zu reden, mit ihren Immobilienspekulanten und Drogenbanden, mit ihren sozialen Konflikten, mit Politik, Demonstrationen, Brexit und Coronaleugnern dem Alltag entfliehend seinen Whisky geniesen? Nein, ein whodunit braucht nur zwei Zutaten: Ein Setting in leuchtendstem Grün und die sieben Todsünden. Der Rest darf eine Buch oder TV-Folgenlänge f**k-offen.</p><p>Und so beginnt, völlig ohne Überraschungen die neueste whodunit Serie, und vorab, eine der besten seit langem, geschrieben von Robert Thorogood,  “The Marlow Murder Club”: Wir sind am River Thames. Erst in London wird die Themse zum schlammigen Moloch, hier in Marlow, irgendwo bei Oxford, ist sie ein beschauliches, sauberes, flaches Flüsschen auf dem Spreewald-like alt und jung in flachen Booten und mit langen Stangen gemächlich auf und ab gondeln.</p><p>Es ist abend. Judith ist 77, sie sitzt in einem recht stattlichen Haus am Flussufer und ist mit ihrem Leben zufrieden. Sie lebt seit 50 Jahren allein, was in ihrem Buch ein Plus ist. Sie hat einen Job, der sie geistig fit hält, sie setzt Kreuzworträtsel. Nicht die ein-, ok, zweidimensionalen deutschen “Urwaldvogel mit drei Buchstaben” Rätsel, nein und natürlich setzt sie die in der englischsprachigen Welt vorherrschende Variante, bei der der Clue immer aus zwei Teilen besteht, ein Wortspiel und eine clevere, mehrdeutige Beschreibung. So gut so Cliché. Es ist ein Sommerabend und für den gemeinen Briten sehr heiß. Wahrscheinlich um die 23 Grad. Sie beschließt sich abzukühlen und, mit 77 fit wie ein Turnschuh, schwimmt sie ein paar hundert Meter die Themse hoch zum Haus Ihres Nachbarn auf der anderen Seite des Flusses, Stefan Dunwoody. Schwimmend, jedoch verdeckt vom Schilf am Ufer des Flusses, hört sie ihn noch ein “Oh no!” rufen, dann ein Schuss. Fade to black, “The Marlow Murder Club” wird eine Menge zu tun bekommen.</p><p>Was zum Teufel ist ein Murder Club, fragt man sich bange? Es scheint, beruhigt man sich schnell, um die Aufklärung des Mordes zu gehen, denn Judith mochte ihren Nachbarn Stefan und die Polizei, in Person von Inspektor Tanika Malik scheint bemüht, aber bloody clueless. Also macht sich Rätselsetzerin Judith, 77 Jahre, ledig, unabhängig, taff, auf, dem Mord ihres Nachbarn selbst auf den Grund zu gehen. Im Zuge ihrer “Ermittlungen” trifft sie Suzie, eine Dogwalkerin, um die fünfzig, sportlich, stämmig und ein bisschen Asperger und Becks, eigentlich Rebecca, Mitte dreißig, freundlich-spießig, die perfekte Ehefrau des, es kann nicht anders sein, Pfarrers der Gemeinde von Marlow. Wir haben einen proper Marlow Murder Club und da es in der Geschichte des whodunit nie ein Folge mit nur einem Mord gab, gibt es deren.. X, no spoilers please! Aber: hier, in Marlow? Einer englische Kleinstadt aus dem Katalog? Ein paar tausend Einwohner, zwei Schulen, eine Kirche, eine main street mit kleinen Shops und Union-Jack-Wimpeln über der Straße, geteilt von der noch jungen Themse, einem Setting in grün und englisch-rot? Welche Sünder morden hier und warum?</p><p>“Aber halt, Moment mal! Die Frauenquote!”, ruft der quotengeschulte Maskulinist empört, “Welchem subversiven Feminismus sollen wir denn bitteschön hier auf den Leim gehen?!” empört sich der wütend lesende Bürger. “Was soll das für ein Eskapismus sein, bei dem einem der Fortschritt so von hinten reingedrückt wird?”</p><p>Und recht hat er, zumindest mit dem letzten Satz, der Wutbürger Klaus. Vor nun auch schon wieder einem Jahrzehnt fiel dem <a target="_blank" href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2011/mar/15/ethnic-minorities-midsomer-murders-brian-true-may">Guardian </a>auf , daß in unserer beliebten Familien-Mord-und-Totschlag Serie “Inspector Barnaby” zwar eine Menge Schweinskram vorkommt, kein guter Mord ohne Schweinskram, aber daß alle daran Mitwirkenden verdächtig weiß sind. Nicht kreideweiß sondern nicht-Person-of-color-weiß. Das offensichtliche Argument der Verantwortlichen war, daß das ländliche England nunmal so aussieht, was statistisch wie optisch ziemlich stimmt. Aber, da es klar war, daß, wenn da schon mal der liberale Guardian anfragt, es nur noch rassistische Wand hinter dir gibt, schlug einer der Autoren leicht aufgeregt über die Strenge mit der Bemerkung, das die Show “die letzte Bastion der englishness sei” und setzte einen drauf mit der Behauptung: “..unglaubwürdig-absurde Morde, klar, aber glaubwürdige Nicht-Weiße in Midsomer? Die Zuschauer würden es nie akzeptieren und ich erst recht nicht!”. Gut gebrüllt. Was kam war klar und, siehe an, Midsomer Murder, bei uns als “Inspector Barnaby” laufend, wurde mit schwarzen Gerichtsmedizinerinnen und vereinzelten pakistanischstämmigen Cricketspielern weder schlechter noch besser und nach einer gewissen Periode des Trockenschwimmens konnte man irgendwann sogar die People of Color nicht mehr automatisch als Bösewichte ausschließen. Progress!</p><p>“Aber, aber, all live matters!” ruft der Liberale mit “Gegen jede Form des Extremismus!” in der Twitter-Bio und fordert eine geschlechterparitätische Verteilung der Morde in Marlow samt Quotenregelung für Amateurdetektive. “F**k off, snowflake!”, ruft Robert Thorogood dem Holger zu und schreibt uns ein whodunit mit einer Gang von weiblichen badasses in praktischen Regencapes, Leggins und Gummistiefeln. Das funktioniert (und “Marlow Murderclub” sollte deshalb an Schreibschulen zur Pflichtlektüre werden) weil es der Feminismus nicht mehr nötig hat. Das die weibliche professionelle Detektivin es natürlich drauf hat wissen wir, noch mit ordentlich Rechtfertigungsdruck seit “<a target="_blank" href="https://www.imdb.com/title/tt2294189/">The Fall</a>”, einer grandiosen Krimiserie mit<a target="_blank" href="https://www.imdb.com/name/nm0000096/"> Gillian Anderson</a>, Akte-X, sie wissen schon, in der Hauptrolle. Und die Amateurdetektivin als Hauptheld hat natürlich dieser Rezension den halben Titel geliehen und muss nicht weiter ausgeführt werden.</p><p>Das Frauen in Haupt- und wichtigen Nebenrollen weder Quote noch sozialer Fortschrittsschmus sein müssen, zeigt uns Thorogood in dem er den Frauen und uns glaubwürdige Backstories und Charakterzüge gibt, eine Eigenschaft, die aus für mich unerklärlichen Gründen in Büchern oft in dem schmalen Tal zwischen den Gipfeln On-the-nose-Feminismus und Cliché-Hausfrauentum viel zu selten vorkommen, währenddessen sie doch im realen Leben der endlos breite Ganges zwischen dem Himalaya des Hyper-Woken-Cancel-Culture-PC-tums und dem indischen Ozean des faschistisch retrograden Maskulinismus sind. (Ja, das Bild ist in sich schlüssig, wirklich, ich hab lange dran gearbeitet. Und ja, das war es mir wert).</p><p>So wenig wie eine Leserin Mordgelüste spüren muss um sich an einem wohlgeplanten Mord in einem whodunit zu ergötzen (und dessen Aufklärung! Jesus..) muss ein Leser (schon biologisch) nie in Gefahr gelaufen sein, wie Becks in einer “Berufsehe” als Pfarrersfrau zu landen, in der er jede Anerkennung als Person vermisst und sich nur noch als perfekte Hausfrau verwirklicht - und er muss sich dennoch nicht langweilen. Der Trick ist das Balancieren auf dem Drahtseil zwischen den Clichés und wie das geht demonstriert Robert Thorogood in “The Marlow Murder Club” beeindruckend. Klassisch werden die red herings handvoll in die Story gestreut wie das Fischfutter zum Anfüttern der Forellen in die Themse. Im Gegensatz zum deutschen “Tatort” wo selbst ich beim alle Jahre mal “hängen bleiben nach der Tagesschau” nach 20 minuten weiß wer es gewesen sein wird, lebt der englische whodunit davon, daß man möglichst bis zur “Aufstellung” keinen Schimmer hat wer es war, also bis zu der finalen Szene, in der entweder der Inspektor, der Täter oder ein potentielles Opfer in einer dramatischen Szene ca. zehn Minuten Zeit, respektive 20 Seiten Platz, findet, den gesamten Plot dem jeweiligen Gegenüber und damit nebenbei dem Zuschauer oder Leser zu erzählen. So viele Clues zu verstreuen daß es semi-glaubwürdig gelingt, den Täter bis zu dieser Schlußszene zu verbergen ist Robert Thorogood zumindest mir gegenüber voll gelungen und ich habe bei Inspector Barnaby eine machbare Täterratequote (ok, von vielleicht 10%).</p><p>Und das ist die verdammte Hauptsache, Facebookblogger mit “Gegen den Genderwahn” im Profilbild. Ich will für 300 Seiten raus aus dem Winter und rein in den englischen Sommer und wenn Du ehrlich bist, willst Du das auch und wenn man dabei noch miterlebt, wie sich drei nicht mehr ganz junge Frauen ineinander verknutschen und zu guten Freundinnen werden, sich dabei ganz nebenbei gegenseitig helfen, besser zu fühlen und mit ihrem Leben und ihrer Vergangenheit besser klar zu kommen und mir erfolgreich unterjubeln, daß es der Gärtner war, himmel, was ist so f*****g schlimm daran, Sebastian?!</p><p>“The Marlow Murder Club” von Robert Thorogood ist als Beginn einer neuen Buchreihe angekündigt, was ganz wunderbar ist und wenn sich ITV, Channel 4 und BBC zur Zeit nicht um die TV- Serienrechte streiten, verstehe ich den Kapitalismus wirklich nicht mehr.</p><p>Nächste Woche besprichtAnne Findeisen Tove Ditlevsen’s “Kindheit”</p> <br/><br/>This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://lobundverriss.substack.com?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_1">lobundverriss.substack.com</a>]]></description><link>https://lobundverriss.substack.com/p/robert-thorogood-the-marlow-murder</link><guid isPermaLink="false">substack:post:33080561</guid><dc:creator><![CDATA[Herr Falschgold]]></dc:creator><pubDate>Sun, 28 Feb 2021 18:02:56 GMT</pubDate><enclosure url="https://api.substack.com/feed/podcast/33080561/6e2a6a950abd059ac551aacd339efa61.mp3" length="33333333" type="audio/mpeg"/><itunes:author>Herr Falschgold</itunes:author><itunes:explicit>No</itunes:explicit><itunes:duration>685</itunes:duration><itunes:image href="https://substackcdn.com/feed/podcast/300673/post/33080561/93fd7f31b67838e91b99ddec465af21a.jpg"/></item></channel></rss>